Entstehungsgeschichte von Bellaventra
Als Hugo 1999 nach Monaco zieht, ist er 24 Jahre alt.
Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits ein sehr erfolgreicher junger Trader, aber noch keine Person, die dort besonders auffällt. Monaco ist voller vermögender Menschen. Junge Männer mit teuren Autos und Yachten gehören ebenso zum Bild wie ältere wohlhabende Männer in Begleitung attraktiver jüngerer Frauen. Hugo ist deshalb zunächst lediglich ein weiterer junger Mann mit viel Geld.
Mit seinem Umzug nach Monaco beginnt zugleich ein neuer Abschnitt seiner beruflichen Laufbahn.
Hugo verlässt die Deutsche Bank und handelt von nun an ausschließlich mit seinem eigenen Kapital. Dafür richtet er in Monaco ein eigenes Büro ein. Claire Hartmann, die ihn bereits aus seiner Zeit bei der Deutschen Bank kennt und ihm versprochen hatte, bei einer Selbstständigkeit mitzugehen, folgt ihm und übernimmt weiterhin die unmittelbare organisatorische Arbeit an seiner Seite.
Auch drei Fachleute aus seinem bisherigen beruflichen Umfeld gehen 1999 mit ihm nach Monaco: Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi. Sie bilden den ersten Kern des später wesentlich größeren Strategen- und Analystenteams. Whitmore kommt aus dem Umfeld der Deutschen Bank, Mehta von Merrill Lynch und Farhadi von der UBS.
Hugo will dabei bewusst keine Mitarbeiter, die ihm lediglich bestätigen, was er ohnehin glaubt. Die drei sollen seine Ideen prüfen, widersprechen und eigene Analysen einbringen. Die endgültige Entscheidung über einen Trade bleibt bei Hugo.
Schon in dieser frühen Phase gilt außerdem ein Prinzip, das später für das gesamte Investmentteam bestehen bleibt:
Wer einen Trade mitträgt, soll selbst finanziell daran beteiligt sein.
Die beteiligten Strategen und Analysten müssen zusammen 3 Prozent des eingesetzten Kapitals aus eigenen Mitteln stellen. Hugo finanziert die übrigen 97 Prozent. Kann jemand seinen Anteil nicht vollständig selbst aufbringen, kann Hugo ihm das notwendige Kapital leihen. Gleichzeitig erhalten die Mitarbeiter ein sehr gutes Gehalt und werden zusätzlich an erfolgreichen Geschäften beteiligt.
Hugos Gedanke dahinter ist einfach: Wer eine Analyse verteidigt und dafür plädiert, sehr große Summen zu investieren, soll selbst etwas zu gewinnen, aber auch etwas zu verlieren haben.
Michael Schubert gehört zu diesem ersten Monaco-Team zunächst noch nicht. Hugo bietet seinem alten Schulfreund bereits 1999 an mitzukommen, doch Schubert lehnt zunächst ab. Erst 2000 folgt er nach Monaco. Von da an erhält er weitreichende Vollmachten und entwickelt sich zunehmend zu Hugos rechter Hand.
Privat genießt Hugo in dieser Zeit das Leben eines sehr jungen Mannes, der plötzlich über außergewöhnlich viel Geld verfügt.
Er hat erlebt, wie Banker und Händler das Leben nach dem Prinzip führen, als gäbe es kein Morgen, und übernimmt einen Teil dieses Lebensgefühls. Er fährt schnelle und auffällige Autos, liebt Rolls-Royce und lässt Fahrzeuge bereits damals zweifarbig gestalten, beispielsweise schwarz im oberen und rot im unteren Bereich. Über den Heliport von Monaco gelangt er schnell nach Cannes und Saint-Tropez, besucht Restaurants und Strandclubs und verbringt Zeit auf Motoryachten, häufig in einer Größenordnung wie einer Fairline 47, gelegentlich auch auf größeren Schiffen.
Meist ist Hugo dabei von mehreren attraktiven jungen Frauen begleitet. Es gefällt ihm, wenn die Frauen untereinander offen auftreten, sich beispielsweise im Restaurant küssen oder bei einer Autofahrt spielerisch provozieren und dabei auch einmal ihr Oberteil hochziehen.
Champagner gehört ebenfalls zu diesem Lebensstil. Hugo trinkt ihn zwar, doch häufig macht es ihm mehr Spaß, die Frauen bei seinen Partys damit zu bespritzen, als ihn selbst zu trinken. Für ihn wird Champagner fast ebenso sehr zur Requisite dieser Jahre wie die Autos, Yachten und Partys.
Trotzdem fällt Hugo anfangs kaum stärker auf als andere vermögende Menschen in Monaco.
Das verändert sich erst mit seinem wachsenden Erfolg. Seine Geschäfte werden größer, sein Vermögen wächst und sein Auftreten wird bekannter. Man erkennt ihn zunehmend und beginnt über seinen Lebensstil und seine Partys zu sprechen. Bei einigen älteren und konservativeren Bewohnern führt sein demonstratives Auftreten schließlich zu ersten Beschwerden.
Noch bleibt das allerdings hauptsächlich gesellschaftliches Gerede.
Der eigentliche Bruch kommt nach den Anschlägen vom 11. September 2001.
Hugo hatte bereits vorher große Positionen auf fallende Kurse bei Kreuzfahrtgesellschaften aufgebaut, insbesondere bei Unternehmen wie Carnival und Royal Caribbean. Dabei hatte er nicht auf einen Terroranschlag spekuliert. Er erwartete eine wirtschaftliche Abschwächung und ging davon aus, dass teure Urlaubsreisen und Kreuzfahrten bei einer Rezession zu den Ausgaben gehören würden, die Verbraucher besonders schnell reduzieren oder verschieben.
Hugo ging dafür ein enormes Risiko ein.
Das entspricht seiner damaligen Anlagestrategie.
Er ist bereit, bei einer starken Überzeugung sehr große Teile seines verfügbaren Kapitals einzusetzen. Wenn seine Einschätzung stimmt, kann er außergewöhnlich viel verdienen. Wenn sie falsch ist, kann er ebenso außergewöhnlich viel verlieren.
Auch diese Position gegen die Kreuzfahrtgesellschaften hätte unter anderen Umständen katastrophal für ihn enden können.
Dann erfolgen die Anschläge.
Die gesamte Reise- und Tourismusbranche gerät unter massiven Druck. Auch die Kurse der großen Kreuzfahrtgesellschaften brechen ein, und Hugo erzielt mit seinen bereits bestehenden Shortpositionen enorme Gewinne.
Plötzlich interessiert sich nicht mehr nur die Finanzwelt für ihn.
Amerikanische Ermittler und insbesondere die Börsenaufsicht SEC beginnen, seine Geschäfte genauer zu untersuchen.
Dabei gibt es einen Umstand, der zusätzlichen Verdacht erzeugt:
Hugo stammt aus Hamburg.
Auch Mohamed Atta, einer der Haupttäter der Anschläge vom 11. September, hatte mehrere Jahre in Hamburg gelebt und studiert.
Damit entsteht für die Ermittler eine unangenehme Kombination: Ein junger deutscher Trader aus Hamburg hat unmittelbar vor den Anschlägen außergewöhnlich große Positionen auf fallende Kurse von Kreuzfahrtgesellschaften aufgebaut und anschließend enorme Gewinne erzielt.
Es wird untersucht, ob Hugo möglicherweise vorher Informationen besessen haben könnte.
Die Ermittlungen ergeben jedoch nichts Belastendes.
Es gibt keine Verbindung zwischen Hugo und Mohamed Atta oder anderen Beteiligten der Anschläge. Es lässt sich kein Informationsvorsprung feststellen. Hugo hatte eine extrem riskante wirtschaftliche Wette abgeschlossen und mit dem Zeitpunkt außergewöhnliches Glück gehabt.
Die Sache verändert ihn trotzdem.
Zum einen beginnt Hugo danach, seine Anlagestrategie vorsichtiger zu gestalten. Er bleibt aggressiv und bereit, große Positionen einzugehen, aber er will nicht mehr bei jeder Überzeugung einen so großen Teil seines Vermögens einem einzigen Szenario aussetzen.
Zum anderen wird er erstmals international sichtbar.
Aus dem jungen reichen Mann, der in Monaco zunächst kaum stärker aufgefallen war als viele andere, wird plötzlich der Spekulant, dessen Gewinne in Verbindung mit den Anschlägen vom 11. September untersucht werden.
Auch die Behörden in Monaco werden dadurch wesentlich aufmerksamer.
Niemand wirft Hugo aus dem Land. Dafür besteht kein rechtlicher Grund. Dr. Alexander Steinhöfel bekommt jedoch deutlich signalisiert, dass man derartige internationale Ermittlungen und die damit verbundene Medienberichterstattung in Monaco nicht gerne sieht.
Steinhöfel erkennt, dass inzwischen mehrere Dinge zusammenkommen: die SEC-Ermittlungen, die Presseberichte, Hugos immer größere Bekanntheit und die Beschwerden über seinen auffälligen Lebensstil.
In derselben Zeit empfiehlt Steinhöfel Hugo außerdem, seinen persönlichen Schutz auszubauen.
Über ihn kommt Laurent Demas zu Hugo.
Demas war zuvor beim Militär und besitzt eine ausgeprägte militärische und sicherheitstechnische Denkweise. Er betrachtet seine Umgebung ständig unter dem Gesichtspunkt möglicher Gefahren und beginnt, für Hugo einen professionellen Personenschutz aufzubauen.
Zunächst sind es mehrere Bodyguards, die Hugo unmittelbar begleiten. Sehr schnell wird daraus jedoch ein System, das rund um die Uhr funktionieren muss.
Demas organisiert die Bodyguards deshalb bereits damals in drei Schichten. Hugo soll zu jeder Tages- und Nachtzeit geschützt sein, unabhängig davon, ob er ausgeht, schläft, arbeitet oder unterwegs ist. Zusätzlich zu den unmittelbar sichtbaren Männern können weitere Sicherheitskräfte im Hintergrund eingesetzt werden.
Damit entsteht schon in Monaco der Grundgedanke des späteren Sicherheitssystems: Personenschutz ist für Demas keine Begleitung für einzelne Termine, sondern eine 24-Stunden-Aufgabe.
Für Hugo ist diese Denkweise zunächst neu.
Bis dahin hat er sich trotz seines Vermögens nicht permanent als potenzielles Ziel betrachtet.
Demas beginnt ihm nun zu zeigen, dass sich aus alltäglichen Situationen theoretisch Sicherheitsrisiken ergeben können. Hugo übernimmt diese Sichtweise zunehmend.
Demas schützt Hugo damit tatsächlich.
Gleichzeitig entsteht eine unbeabsichtigte Nebenwirkung:
Demas überträgt seine permanente Gefahrenwahrnehmung zunehmend auf Hugo.
Hugo beginnt Risiken wahrzunehmen, über die er früher überhaupt nicht nachgedacht hätte.
Noch ist er nicht der spätere Hugo, der sein Anwesen praktisch nicht mehr verlässt. Er führt sein bisheriges Leben zunächst weiter. Aber seine Wahrnehmung der Außenwelt verändert sich.
Damit beginnt eine Entwicklung, die später für Hugo erhebliche Folgen haben wird.
Seine ohnehin vorhandene sensorische Erkrankung und die von Demas immer stärker vermittelte Gefahrenwahrnehmung beginnen sich gegenseitig zu verstärken.
Demas will Hugo schützen. Gerade weil er jedoch hervorragend darin ist, mögliche Gefahren zu erkennen, bringt er Hugo gleichzeitig bei, ebenfalls ständig nach Gefahren zu suchen.
Der wachsende Personenschutz hat außerdem eine paradoxe Wirkung.
Hugo wird nun häufig unmittelbar von drei oder vier Bodyguards begleitet, während weitere Sicherheitskräfte teilweise weniger auffällig im Hintergrund arbeiten.
Damit fällt er in Monaco stärker auf als vorher.
Aus einem jungen reichen Mann, der dort anfangs kaum aus der Masse anderer Wohlhabender herausstach, wird zunehmend ein bekannter Spekulant, dessen Geschäfte von amerikanischen Behörden untersucht wurden und der nun mit mehreren Sicherheitsleuten auftritt.
Hugo selbst möchte Monaco zunächst nicht verlassen.
Die Initiative kommt von Steinhöfel. Er versucht Hugo davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, sich frühzeitig nach einem anderen dauerhaften Lebensmittelpunkt umzusehen.
Zu diesem Zeitpunkt geht es noch nicht um ein konkretes Haus oder Grundstück, sondern zunächst nur um die Frage:
Welcher Ort auf der Welt passt überhaupt zu Hugo?
Ein wichtiger Punkt ist das Klima. Hugo möchte nicht in einer Region leben, in der das Wetter einen großen Teil des Jahres unangenehm ist.
Ebenso wichtig sind steuerliche Überlegungen. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits Milliardär und will sich nicht freiwillig in ein Land begeben, das ihn steuerlich erheblich schlechter stellt als Monaco.
Dann kommt ein Punkt hinzu, der für Hugo fast ebenso wichtig ist wie die Steuerfrage:
Prestige.
Für ihn gilt sinngemäß:
Es lohnt sich nicht überall auf der Welt, Milliardär zu sein.
Es gibt Orte, an denen außergewöhnlicher Reichtum tatsächlich etwas bedeutet: weil das Umfeld dazu passt, weil internationale Geschäftsleute dort verkehren, weil Banken, Politik, Gesellschaft und Infrastruktur auf große Vermögen eingestellt sind und weil der Wohnsitz selbst einen gewissen Status vermittelt.
Hugo will nicht irgendwo im Hinterland eines beliebigen Landes sitzen, nur weil dort die Steuern niedrig sind. Für ihn wäre es absurd, Milliarden zu besitzen und gleichzeitig an einem Ort zu leben, an dem er mit diesem Vermögen praktisch nichts anfangen kann.
Der neue Staat soll deshalb international anerkannt sein und Prestige besitzen.
Ein weiterer Punkt ist für Hugo sehr persönlich.
Die amerikanischen Ermittlungen nach dem 11. September haben ihn stark belastet. Auch wenn sie ohne Ergebnis bleiben, entwickelt Hugo dadurch ein deutliches Misstrauen gegenüber amerikanischen Behörden.
Wenn er schon einen neuen Lebensmittelpunkt sucht, hätte er deshalb am liebsten ein Land, in dem die Vereinigten Staaten ihn nicht ohne Weiteres ausliefern lassen könnten.
Er will möglichst weit weg von dem Gefühl, dass die SEC oder andere amerikanische Behörden jederzeit wieder auf ihn zugreifen können.
Gleichzeitig darf das Land aber kein politisch unsicherer Zufluchtsort sein.
Hugo braucht ein stabiles Rechtssystem und ein verlässliches Finanzsystem.
Er will sein Vermögen, seine Unternehmen und seine Geschäfte in einem Umfeld organisieren, in dem Eigentum geschützt ist, Banken funktionieren und politische Entscheidungen nicht völlig unberechenbar sind.
Erst eher beiläufig kommt während dieser Überlegungen noch ein weiterer Punkt dazu:
Hugos Privatleben muss an diesem Ort ebenfalls funktionieren.
Zu dieser Zeit sind die Einreisebedingungen für Frauen aus Osteuropa je nach Herkunft sehr unterschiedlich. Für Tschechinnen sind manche Möglichkeiten bereits einfacher, bei anderen Ländern komplizierter.
Deshalb wird zusätzlich darauf geachtet, ob Hugo dort weiterhin relativ problemlos Escorts aus Osteuropa treffen beziehungsweise einreisen lassen kann.
Damit kristallisieren sich die entscheidenden Kriterien heraus:
Klima, Steuern, internationales Prestige, ein stabiles Rechts- und Finanzsystem, möglichst wenig Zugriffsmöglichkeiten amerikanischer Behörden und die Möglichkeit, Hugos bisheriges Privatleben weiterzuführen.
Aus genau dieser Kombination beginnt später die Suche nach einem Land, bei dem möglichst viele dieser Punkte gleichzeitig zusammenpassen.
Steinhöfel beginnt, Hugo mehrere mögliche Länder und Standorte zu präsentieren. Dabei zeigt sich schnell, dass Hugo und Steinhöfel unterschiedliche Favoriten haben.
Hugos eigener Favorit ist zunächst eindeutig:
Russland – genauer gesagt Sotschi.
Für Hugo hat Sotschi mehrere Vorteile gleichzeitig. Das Klima ist für russische Verhältnisse ungewöhnlich mild und subtropisch geprägt. Die Stadt liegt ungefähr auf demselben Breitengrad wie Monaco und erinnert klimatisch eher an einen südlichen Ferienort als an das Russland, das Hugo zunächst vor Augen hat.
Noch wichtiger ist für ihn aber etwas anderes:
Russland besitzt kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten.
Genau das gefällt Hugo nach den amerikanischen Ermittlungen außerordentlich.
Er empfindet die SEC und die anderen amerikanischen Behörden inzwischen als Belastung und möchte möglichst in einem Staat leben, in dem ein amerikanisches Auslieferungsersuchen nicht automatisch großes Gewicht besitzt.
Hugo formuliert das gegenüber Steinhöfel überspitzt ungefähr so:
„Wenn die Amerikaner nach Moskau ein Auslieferungsersuchen schicken, können sie genauso gut Toilettenpapier hinschicken.“
Für Hugo bedeutet Russland deshalb vor allem eines: Er glaubt, dort endlich Ruhe vor einem direkten Zugriff amerikanischer Behörden zu haben.
Dazu kommt ein zweiter großer Vorteil:
Russinnen und Ukrainerinnen entsprechen genau dem slawischen Frauentyp, den Hugo bevorzugt.
Wenn Hugo in Sotschi lebt, stellt sich für ihn die Frage komplizierter Einreisen aus Tschechien überhaupt nicht. Er befindet sich bereits in genau jener Region, in der er den Frauentyp findet, den er bevorzugt.
Auch steuerlich erscheint Russland zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen interessant. Die unter Putin eingeführte 13-prozentige Einkommensteuer gilt bereits seit 2001.
Aus Hugos Sicht wirkt Sotschi deshalb zunächst fast ideal:
mildes Klima, steuerlich interessant, kein amerikanisches Auslieferungsabkommen und ein gesellschaftliches Umfeld, in dem sein bevorzugter Frauentyp unmittelbar vorhanden ist.
Steinhöfel widerspricht ihm jedoch deutlich.
Für Steinhöfel ist Russland gerade für einen Milliardär ein riskanter Standort.
Sein Problem ist nicht, dass er Anfang 2002 bereits wissen könnte, wie sich Putin und Russland in den kommenden Jahrzehnten entwickeln werden.
Das weiß zu diesem Zeitpunkt niemand.
Sein Einwand ist grundsätzlicher:
Hugo will Rechtssicherheit.
Und Steinhöfel ist nicht überzeugt, dass Russland einem ausländischen Milliardär langfristig genau diese Sicherheit bieten kann.
Das Verhältnis zwischen dem russischen Staat, den Oligarchen und großen privaten Vermögen befindet sich gerade in einer Neuordnung. Für Steinhöfel ist deshalb nicht entscheidend, ob Hugo heute willkommen wäre.
Entscheidend ist die Frage:
Was passiert, wenn sich die politischen Interessen irgendwann ändern?
Ein Mann mit Hugos Vermögen könnte heute hervorragende Bedingungen bekommen und einige Jahre später feststellen, dass dieselben Regeln nicht mehr gelten.
Steinhöfel bringt seine Sorge sinngemäß auf einen einfachen Punkt:
„Du willst einen Staat, der dich vor anderen schützt. Du brauchst aber gleichzeitig einen Staat, vor dem du dein eigenes Vermögen nicht schützen musst.“
Deshalb hält er Sotschi trotz aller Vorteile für zu unsicher.
Hugo bleibt von Russland zunächst trotzdem begeistert.
Eine zweite Region, die geprüft wird, ist der Persische Golf.
Dabei werden vor allem Dubai und Bahrain mit seiner Hauptstadt Manama betrachtet.
Steuerlich sind beide Standorte für Hugo interessant. Beide bieten internationale Banken, hochwertige Hotels und ein Umfeld, in dem ein sehr vermögender Mann seinen Reichtum auch tatsächlich nutzen kann.
Bei Dubai hat Hugo allerdings mehrere grundsätzliche Einwände.
Der erste ist das Klima.
Der Winter gefällt ihm durchaus. Aber Hugo denkt nicht nur daran, dort einige Wochen im Jahr zu verbringen. Er müsste dort dauerhaft leben.
Und vor dem Sommer hat er regelrecht Respekt.
Monatelange extreme Hitze, bei der ein erheblicher Teil des Lebens nur noch zwischen klimatisierten Gebäuden, Autos und Hotels stattfindet, entspricht überhaupt nicht seiner Vorstellung eines angenehmen Lebensmittelpunkts.
Der zweite Einwand ist typisch für Hugos Mentalität.
Alle reden plötzlich von Dubai.
Immer mehr vermögende Menschen, Investoren und internationale Geschäftsleute entdecken den Ort. Dubai beginnt gerade deshalb interessant zu werden, weil immer mehr Menschen erklären, dass es der kommende Standort für Reiche und internationale Unternehmen sei.
Bei Hugo löst genau das Misstrauen aus.
Er ist von seiner Persönlichkeit und auch von seiner Tätigkeit an der Börse daran gewöhnt, Mehrheitsmeinungen infrage zu stellen.
Seine Reaktion ist deshalb sinngemäß:
„Wenn alle nach Dubai wollen, muss ich nicht auch nach Dubai.“
Für Hugo ist etwas nicht automatisch richtig, nur weil gerade alle anderen davon überzeugt sind.
Im Gegenteil: Wenn plötzlich jeder dieselbe großartige Gelegenheit sieht, beginnt er erst recht nach dem Haken zu suchen.
Dazu kommt bei Dubai noch ein weiterer Punkt, der für Hugo praktisch wichtig ist:
Die Einreise osteuropäischer Frauen ist zu dieser Zeit nicht visafrei.
Tschechische Staatsbürger benötigen Anfang der 2000er Jahre noch ein vorher organisiertes Besuchs- oder Touristenvisum. Eine Reise ist zwar möglich, aber sie muss vorbereitet werden.
Genau das gefällt Hugo nicht.
Er möchte keinen Lebensmittelpunkt, bei dem jede spontane Einladung oder jede neue Bekanntschaft aus Osteuropa erst über Visa, Hotels, Sponsoren oder andere organisatorische Wege abgewickelt werden muss.
Für ihn ist das unnötige Bürokratie.
Und weil Frauen aus Osteuropa, insbesondere Slawinnen, für sein Privatleben eine wichtige Rolle spielen, ist dieser Punkt für ihn tatsächlich ein Minus.
Damit verliert Dubai für Hugo weiter an Attraktivität.
Manama gefällt ihm zunächst besser.
Bahrains Hauptstadt wirkt auf ihn weniger überlaufen und weniger vom internationalen Hype bestimmt.
Gleichzeitig besitzt Bahrain einen etablierten Finanzsektor, internationale Hotels, Restaurants und eine für die Golfregion ungewöhnlich ausgeprägte Ausgeh- und Unterhaltungsszene. Gerade wohlhabende Besucher aus den konservativeren Nachbarstaaten kommen nach Bahrain, um dort wesentlich freier auszugehen.
Für Hugo besitzt Manama deshalb etwas, das Dubai für ihn zunehmend verliert:
Es ist interessant, ohne bereits der Ort zu sein, zu dem alle unbedingt wollen.
Doch beim Thema Frauen entsteht auch dort dasselbe grundsätzliche Problem.
Eine Reise für Tschechinnen und andere osteuropäische Frauen ist zwar möglich, aber sie ist Anfang der 2000er Jahre nicht so unkompliziert, dass Hugo sie als selbstverständlich betrachten könnte. Auch hier müssen Visa und Einreise formal organisiert werden.
Und genau das stört ihn.
Wenn Hugo einen neuen Lebensmittelpunkt auswählt, möchte er nicht ständig darüber nachdenken müssen, ob eine Frau, die er kennenlernen oder einladen möchte, überhaupt kurzfristig einreisen kann.
Fehlende unkomplizierte Einreisemöglichkeiten werden deshalb zu einem klaren Negativpunkt für den Persischen Golf.
Das ist für Hugo kein theoretisches Detail.
Es betrifft unmittelbar die Frage, ob sein Privatleben dort genauso spontan funktionieren kann wie bisher.
Hinzu kommt am Ende auch bei Manama das gleiche grundlegende Problem wie bei Dubai:
Der Sommer ist Hugo schlicht zu heiß.
Damit gefällt ihm Bahrain innerhalb der Golfregion zwar deutlich besser als Dubai.
Aber Klima und Einreisebürokratie sprechen für ihn gegen einen dauerhaften Lebensmittelpunkt dort.
Russland bleibt deshalb zunächst Hugos klarer persönlicher Favorit.
Nach Russland und dem Persischen Golf kommen weitere, teilweise deutlich exotischere Möglichkeiten auf den Tisch.
Eine davon ist Kambodscha.
Der Hauptgrund ist für Hugo die große Distanz zum amerikanischen Zugriff.
Steinhöfel sieht dort jedoch schnell zwei Probleme.
Zum einen ist Prostitution rechtlich keine saubere Grundlage, sondern verboten beziehungsweise allenfalls faktisch geduldet. Genau diese Grauzone gefällt ihm nicht. Er möchte keinen Standort, bei dem ein wesentlicher Teil von Hugos Privatleben davon abhängt, dass Behörden eine bestehende Rechtslage heute großzügig und morgen möglicherweise anders auslegen.
Auch steuerlich ist Kambodscha zwar nicht völlig uninteressant. Das Land besitzt kein klassisches persönliches Einkommensteuersystem westlicher Prägung; Einkommen aus Beschäftigung wird über eine progressive Lohnsteuer erfasst.
Für Hugo reicht das aber nicht aus.
Und schließlich kommt ein ganz praktischer Punkt hinzu:
Hugo würde sich dort langweilen.
Er sucht zu diesem Zeitpunkt keinen abgelegenen Rückzugsort, an dem er einfach verschwindet. Er ist noch ein junger Milliardär, der ausgehen, Frauen treffen, Geld ausgeben und sein Vermögen genießen will.
Damit scheidet Kambodscha relativ schnell aus.
Dann wird Venezuela betrachtet.
Auf Hugo wirkt das zunächst wesentlich interessanter.
Das Klima passt. Es gibt Küste, Großstadtleben, Hotels und genügend Möglichkeiten, mit sehr viel Geld auch tatsächlich etwas anzufangen.
Doch Steinhöfel hat bei Venezuela von Anfang an ein schlechtes Gefühl.
Das hängt vor allem mit Hugo Chávez zusammen.
Chávez ist seit 1999 Präsident und hat das politische System bereits erheblich verändert. Steinhöfel kann Anfang 2002 selbstverständlich noch nicht wissen, wohin sich Venezuela in den kommenden Jahren entwickeln wird.
Aber genau diese Unsicherheit stört ihn.
Er traut Chávez nicht.
Für Steinhöfel stellt sich wieder dieselbe Frage wie bei Russland: Was nützen Hugo gute Bedingungen heute, wenn niemand zuverlässig sagen kann, wie der Staat in fünf oder zehn Jahren mit einem ausländischen Milliardär umgehen wird?
Auch steuerlich erweist sich Venezuela bei genauerem Hinsehen nicht als uneingeschränkt ideal.
Und bei einem weiteren Punkt muss Steinhöfel Hugo bremsen:
Venezuela besitzt einen historischen Auslieferungsvertrag mit den Vereinigten Staaten.
Der entsprechende Vertrag stammt bereits aus dem Jahr 1922. Venezuela ist damit nicht die rechtlich vollkommen abgeschottete Lösung, die Hugo nach seinen Erfahrungen mit den amerikanischen Behörden eigentlich bevorzugen würde.
Damit verliert Venezuela einen erheblichen Teil seines Reizes.
Als nächste Möglichkeit kommt Panama.
Für einen internationalen Investor ist das zunächst naheliegend.
Panama besitzt einen bekannten Finanzplatz, internationale Banken, eine besondere steuerliche Struktur und eine lange Tradition als Standort für internationales Kapital.
Eigentlich müsste Hugo das interessant finden.
Aber ausgerechnet bei Panama sitzt das amerikanische Problem tief.
Hugo und Steinhöfel haben beide noch Manuel Noriega vor Augen.
1989 marschierten amerikanische Streitkräfte in Panama ein. Noriega wurde festgenommen und anschließend in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er vor Gericht gestellt wurde.
Für Hugo ist das beinahe das Gegenbild zu dem, was er sucht.
Dabei spielt für ihn gar keine entscheidende Rolle, ob seine eigene Situation juristisch mit Noriega vergleichbar wäre.
Er sieht nur das historische Bild:
Wenn die Vereinigten Staaten jemanden in Panama unbedingt haben wollen, haben sie bereits gezeigt, wie weit sie dort gehen können.
Hinzu kommt, dass auch zwischen Panama und den Vereinigten Staaten bereits seit langer Zeit ein Auslieferungsvertrag besteht.
Damit fällt Panama für Hugo ebenfalls zurück.
Und schließlich taucht Uruguay auf der Liste auf.
Zunächst ist es keineswegs Hugos Favorit.
Aber Steinhöfel findet das Land zunehmend interessant.
Uruguay ist klein.
Und gerade das betrachtet er nicht unbedingt als Nachteil.
Das Land hat Anfang der 2000er Jahre nur etwas mehr als drei Millionen Einwohner. Gleichzeitig besitzt es demokratische Institutionen, ein vergleichsweise verlässliches Rechtssystem und einen etablierten Finanzsektor.
Für Steinhöfel entsteht daraus ein interessanter Gedanke.
In Russland wäre Hugo irgendwann ein weiterer Milliardär zwischen anderen sehr mächtigen wirtschaftlichen und politischen Akteuren.
In einem kleinen Land wie Uruguay könnte ein Mann mit Hugos Vermögen dagegen wesentlich leichter Wurzeln schlagen.
Steinhöfel meint damit nicht, dass Hugo sich staatlichen Einfluss kaufen soll.
Sein Gedanke ist langfristiger.
Hugo könnte dort investieren.
Unternehmen aufbauen.
Geschäftliche Beziehungen entwickeln.
Arbeitsplätze schaffen.
Bankgeschäfte machen.
Und sich über Jahre eine tatsächliche wirtschaftliche und persönliche Verbindung zu dem Land aufbauen.
Aus einem reichen Ausländer könnte so jemand werden, der tatsächlich zu Uruguay gehört und dessen Anwesenheit für das Land selbst wirtschaftlich Bedeutung besitzt.
Für Steinhöfel ist das möglicherweise wertvoller als irgendein theoretisches Versprechen, Hugo werde niemals ausgeliefert.
Denn auch Uruguay ist kein Staat, in dem amerikanische Behörden grundsätzlich keinerlei rechtliche Möglichkeiten besitzen. Zwischen Uruguay und den Vereinigten Staaten existiert ebenfalls ein historisches Auslieferungsabkommen.
Steinhöfels Gedanke ist deshalb subtiler:
Hugo braucht kein Land, das jedes Schreiben aus Washington grundsätzlich ignoriert.
Er braucht einen Staat mit einem funktionierenden Rechtssystem, in dem ein amerikanisches Ersuchen ein ordentliches rechtliches Verfahren durchlaufen muss und nicht allein deshalb erfolgreich ist, weil die Vereinigten Staaten Druck ausüben.
Und je stärker Hugo langfristig in Uruguay verwurzelt wäre, desto weniger wäre er dort lediglich irgendein ausländischer Spekulant, über dessen Zukunft andere Staaten entscheiden.
Dann taucht noch ein weiterer Punkt auf, der Hugo persönlich sofort interessiert:
Tschechinnen können bereits visumfrei nach Uruguay einreisen.
Die entsprechende Visafreiheit für tschechische Staatsbürger gilt bereits seit November 1999.
Das unterscheidet Uruguay deutlich von einigen der zuvor geprüften Standorte.
Eine Frau aus Tschechien müsste nicht erst ein kompliziertes Touristenvisum beantragen oder von einem Hotel, einer Fluggesellschaft oder einem anderen Sponsor eingeladen werden.
Für Hugo bedeutet das:
Wenn er langfristig Frauen aus Tschechien kennenlernen oder zu sich einladen möchte, besteht bereits eine sehr unkomplizierte Reisemöglichkeit.
Dieser Punkt war am Anfang der Standortsuche noch eher nebensächlich.
Jetzt wird er plötzlich zu einem echten Vorteil.
Denn Uruguay verbindet damit etwas, das mehrere andere Kandidaten nicht gleichzeitig bieten:
Hugo kann weit weg von Europa leben, ohne dass Tschechinnen deshalb nur mit erheblicher Visabürokratie zu ihm reisen können.
Das passt unmittelbar zu seinem bevorzugten slawischen Frauentyp und zu seinem Wunsch, sein Privatleben auch nach einem Wegzug aus Europa möglichst unkompliziert fortführen zu können.
Hinzu kommt ein für Hugo ausgesprochen wichtiger steuerlicher Vorteil.
Uruguay arbeitet zu dieser Zeit im Kern nach dem Territorialprinzip. Entscheidend ist also, wo ein Einkommen beziehungsweise ein Kapitalgewinn wirtschaftlich entsteht.
Für Hugo ist das besonders interessant, weil sein Vermögen nicht hauptsächlich durch ein lokales uruguayisches Geschäft entsteht, sondern durch den Handel mit ausländischen Wertpapieren an internationalen Börsen.
Gewinne aus solchen ausländischen Kapitalanlagen beziehungsweise Kapitalgewinne aus ausländischen Quellen werden nach dem damaligen System grundsätzlich nicht in Uruguay besteuert.
Für Hugo ist das wesentlich attraktiver als irgendeine zeitlich begrenzte Steuervergünstigung.
Er könnte in Uruguay seinen Lebensmittelpunkt haben und gleichzeitig weiterhin weltweit handeln, ohne dass seine ausländischen Börsengewinne allein durch seinen Wohnsitz plötzlich der uruguayischen Einkommensteuer unterliegen.
Gerade für einen Mann, dessen Vermögen fast vollständig durch internationale Kapitalmärkte entsteht, ist das ein außergewöhnlich starkes Argument für Uruguay.
Dann kommt noch ein weiterer Punkt hinzu, der Steinhöfel besonders gefällt:
Uruguay bietet für Hugos geplantes Privatleben einen deutlich klareren rechtlichen Rahmen als mehrere der zuvor geprüften Länder.
Prostitution ist dort bereits nicht grundsätzlich verboten und wird 2002 mit dem Gesetz Nr. 17.515 ausdrücklich gesetzlich geregelt.
Für Steinhöfel ist genau das ein Vorteil.
Er möchte keinen Standort, bei dem Hugo auf bloße Duldung, lokale Gewohnheiten oder wechselnde Entscheidungen einzelner Behörden angewiesen ist. Wenn ein Bereich seines Privatlebens rechtlich relevant wird, soll möglichst klar sein, was erlaubt ist und unter welchen Regeln es stattfindet.
Auch Pornoproduktion ist in Uruguay grundsätzlich legal möglich.
Damit unterscheidet sich Uruguay deutlich von einem Land wie Kambodscha, wo Steinhöfel gerade die rechtliche Grauzone als Risiko betrachtet.
Für Hugo bedeutet das: Sein späteres Modell mit Escorts, Agentur und gegebenenfalls eigener Pornoproduktion müsste nicht in einem Umfeld aufgebaut werden, in dem bereits die grundlegende Tätigkeit rechtlich unsicher ist.
Dieser Punkt ist zunächst nicht der Hauptgrund für Uruguay.
Aber zusammen mit der visafreien Einreise für Tschechinnen wird er für Hugo zunehmend interessant.
Uruguay wird damit immer stärker.
Nicht weil das Land bei jedem einzelnen Kriterium die Nummer eins ist.
Russland gefällt Hugo bei den Frauen zunächst besser.
Andere Standorte können in einzelnen Punkten spektakulärer wirken.
Und auch Uruguay kann Hugo keinen absoluten Schutz vor amerikanischen Behörden garantieren.
Aber es verbindet ungewöhnlich viele der Dinge, die Hugo und Steinhöfel suchen:
angenehmes Klima, ein funktionierendes Rechts- und Finanzsystem, politische Stabilität, räumliche Distanz zu Europa und den Vereinigten Staaten, die Möglichkeit für Hugo, in einem kleinen Land langfristig Wurzeln zu schlagen, die visafreie Einreise für Tschechinnen, einen für sein internationales Börsengeschäft sehr günstigen steuerlichen Rahmen sowie klare rechtliche Möglichkeiten für sein geplantes Privatleben.
Trotzdem will Steinhöfel die Entscheidung nicht aufgrund von Akten, Steuerunterlagen und politischen Berichten treffen.
Deshalb kommt jetzt Michael Schubert ins Spiel.
Er soll sich die aussichtsreichsten Standorte persönlich ansehen.
Nicht als Tourist mit einem Reiseführer.
Sondern mit einer einfachen Aufgabe:
Hinfahren, ansehen und Hugo anschließend sagen, ob er dort tatsächlich leben könnte.
Michael Schubert reist die zuvor ausgewählten Länder und Standorte nacheinander ab, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie sie tatsächlich wirken. Für ihn zählt nicht nur, was auf dem Papier funktioniert. Er will sehen, wie sich ein Ort anfühlt, wie Menschen dort leben, wie das Klima wirkt und ob Hugo dort überhaupt dauerhaft glücklich werden könnte.
Russland und Sotschi überzeugen ihn überhaupt nicht.
Sotschi hat zwar das mildere Klima, das Hugo an Russland reizt, doch Schubert empfindet das Umfeld noch immer als zu roh und zu wenig entwickelt. Für ihn wirkt vieles eher wie eine Art wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wildwest-Zustand.
Er sieht dort nicht die langfristige Stabilität und Verlässlichkeit, die Hugo für einen dauerhaften Lebensmittelpunkt braucht.
Schubert kommt deshalb aus Russland zurück und unterstützt Steinhöfels Skepsis deutlich stärker als vorher.
Kambodscha fällt bei ihm praktisch sofort durch.
Das Klima empfindet er als tropisch, schwer und extrem schwül.
Noch wichtiger ist für ihn aber die Atmosphäre.
Er findet das Land für Hugo schlicht völlig ungeeignet.
Es gibt für ihn zu wenig von dem internationalen Leben, dem gesellschaftlichen Umfeld und den Möglichkeiten, die Hugo von Monaco gewohnt ist.
Schubert glaubt, dass Hugo sich dort sehr schnell langweilen würde.
Manama ist deutlich interessanter.
Bahrain wirkt internationaler, moderner und gesellschaftlich lebendiger.
Schubert sieht dort hochwertige Hotels, Restaurants, Banken und eine echte Ausgeh- und Partyszene.
Er versteht sofort, warum Steinhöfel den Standort überhaupt auf die Liste gesetzt hat.
Aber gerade bei Hugos Privatleben sieht er ein grundsätzliches Problem.
Dass europäische Frauen in Bahrain nicht grundsätzlich verschleiert auftreten müssen und sich in internationalen Hotels und entsprechenden gesellschaftlichen Kreisen relativ frei bewegen können, reicht für Hugo nicht aus.
Schubert kann sich schlicht nicht vorstellen, dass Hugo dort offen mit mehreren Frauen zusammenlebt und seinen Lebensstil so führt, wie er ihn aus Monaco kennt.
Für ihn wäre das langfristig ein ständiger Konflikt mit dem gesellschaftlichen Umfeld.
Deshalb lautet sein Urteil:
Als Ort zum Besuchen und Feiern interessant. Als dauerhafter Lebensmittelpunkt für Hugo ungeeignet.
Auch das Klima bleibt ein erheblicher Minuspunkt.
Panama überzeugt Schubert ebenfalls nicht.
Er empfindet das Klima als zu heiß und vor allem zu schwül.
Der Finanzplatz ist interessant, die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind vorhanden, aber Schubert kann sich Hugo dort nicht dauerhaft vorstellen.
Bei Venezuela fällt sein Urteil noch deutlicher aus.
Das Land wirkt auf ihn während seiner Reise bereits schlechter, als es auf dem Papier ausgesehen hatte.
Die politischen Veränderungen unter Chávez gefallen ihm überhaupt nicht.
Er bekommt zunehmend das Gefühl, dass Steinhöfel mit seiner Skepsis richtigliegt.
Für Schubert ist die politische Richtung zu schwer vorhersehbar und das Land gleichzeitig klimatisch ebenfalls zu heiß und zu schwül.
Nach seinem Besuch unterstützt er deshalb Steinhöfels Meinung:
Venezuela sollte Hugo nicht als dauerhaften Lebensmittelpunkt wählen.
Und dann kommt Schubert nach Uruguay.
Dort verändert sich sein Eindruck deutlich.
Montevideo wirkt auf ihn sofort wesentlich vertrauter.
Die Stadt ist sichtbar westlich geprägt. Architektur, Straßenbild, gesellschaftliches Leben und die starke europäische Einwanderungsgeschichte sorgen dafür, dass Schubert nicht das Gefühl hat, in eine vollkommen fremde Welt gekommen zu sein.
Gleichzeitig besitzt Uruguay aber einen deutlich südamerikanischen Charakter.
Gerade diese Mischung gefällt ihm.
Die Bevölkerung ist stark von europäischen Einwanderern geprägt, gleichzeitig ist der lateinamerikanische Einfluss überall vorhanden.
Schubert selbst findet den lateinamerikanischen Frauentyp attraktiv und bemerkt natürlich auch diesen Teil des Landes. Für ihn ist das kein Auswahlkriterium für Hugo, beeinflusst aber durchaus seinen persönlichen Eindruck von Montevideo.
Vor allem wirkt Uruguay auf ihn angenehm normal.
Nicht provinziell.
Nicht exotisch um jeden Preis.
Nicht völlig auf Superreiche zugeschnitten.
Aber auch nicht so, dass ein sehr vermögender Mensch dort nichts mit seinem Geld anfangen könnte.
Montevideo bietet gute Restaurants, Hotels, Banken, Küste und ein gesellschaftliches Umfeld, das Schubert wesentlich angenehmer empfindet als bei mehreren der anderen Kandidaten.
Auch klimatisch gefällt ihm Uruguay mit Abstand besser.
Es ist nicht tropisch schwül wie Kambodscha, Panama oder Teile Venezuelas und nicht extrem heiß wie der Persische Golf.
Die Jahreszeiten sind erkennbar, aber insgesamt mild genug, dass Schubert sich gut vorstellen kann, dort dauerhaft zu leben.
Für ihn passt auch die Mentalität besser zu Hugo.
Uruguay wirkt ruhig, aber nicht tot.
International genug, ohne ständig beweisen zu wollen, wie international es ist.
Wohlhabend genug, um einen Milliardär nicht wie ein völliges Fremdwesen zu behandeln, aber klein genug, dass Hugo dort tatsächlich eine eigene Stellung entwickeln könnte.
Nach den Reisen besitzt Uruguay für Schubert deshalb einen entscheidenden Vorteil gegenüber den anderen Kandidaten:
Er kann sich Hugo dort tatsächlich vorstellen.
Nicht nur aus steuerlichen oder rechtlichen Gründen.
Sondern im Alltag.
Der einzige ernsthafte Nachteil ist die Entfernung.
Uruguay liegt von Europa aus sehr weit weg. Reisen dauern erheblich länger als nach Russland, in den Nahen Osten oder selbst in andere Teile der Welt.
Für Schubert ist das der einzige Punkt, bei dem Uruguay klar schlechter abschneidet.
Alles andere ergibt für ihn ein überraschend stimmiges Gesamtbild.
Als er von seinen Reisen zurückkehrt, unterstützt er deshalb Steinhöfels ursprüngliche Einschätzung.
Wenn Hugo Europa wirklich verlassen soll, ist Uruguay aus Schuberts Sicht die überzeugendste Lösung.
Hugo vertraut Michael Schubert.
Wenn Schubert nach seinen Reisen zu dem Ergebnis kommt, dass Uruguay insgesamt am besten zu Hugo passt, akzeptiert Hugo diese Einschätzung. Er kennt Schubert lange genug, um zu wissen, dass dieser ihm nicht einfach sagt, was er hören möchte. Wenn Schubert nach all den Reisen Uruguay für die überzeugendste Lösung hält, nimmt Hugo das ernst.
Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass Hugo sofort seine Sachen packt und Monaco verlässt.
Eigentlich will er immer noch nicht weg.
Deshalb bleibt Uruguay zunächst eine Entscheidung für die Zukunft. Man beginnt, dort Möglichkeiten zu prüfen und erste Strukturen vorzubereiten, während Hugo sein bisheriges Leben in Monaco weiterführt.
Dann kommt Ende 2001 Enron.
Hugo hatte auch bei Enron früh Zweifel an der Bewertung und an der wirtschaftlichen Substanz des Unternehmens entwickelt und auf fallende Kurse gesetzt.
Als Enron schließlich zusammenbricht und am 2. Dezember 2001 Insolvenz anmeldet, verdient Hugo erneut sehr viel Geld.
Für sich betrachtet wäre das nichts Außergewöhnliches.
Aber Hugo steht nach seinen ungewöhnlich profitablen Positionen rund um den 11. September bereits im Blick amerikanischer Ermittler.
Und nun passiert wieder etwas Ähnliches:
Noch bevor eines der größten amerikanischen Unternehmen zusammenbricht, steht Hugo bereits auf der richtigen Seite des Trades.
Die Amerikaner interessieren sich erneut dafür, warum dieser junge deutsche Händler offensichtlich immer wieder früh erkennt, dass bei großen amerikanischen Unternehmen etwas nicht stimmt.
Wieder muss sein Umfeld Unterlagen liefern.
Wieder werden Handelsentscheidungen geprüft.
Wieder stellt sich die Frage, ob Hugo lediglich außergewöhnlich gut analysiert oder ob irgendwo Informationen zu ihm gelangen, die er nicht besitzen dürfte.
Auch diesmal findet sich nichts, was ihm einen illegalen Informationsvorsprung nachweisen würde.
Hugo hatte gegen Enron gewettet, weil er dem Unternehmen und seinen Zahlen nicht vertraut hatte.
Aber für ihn bedeutet das erneut:
Die Amerikaner sind wieder da.
Und trotzdem bleibt er zunächst in Monaco.
Zum einen läuft sein Geschäft dort hervorragend.
Zum anderen beschäftigt ihn die Börse stärker als die Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Solange immer neue Chancen entstehen, findet Hugo genügend Gründe, die Entscheidung über Uruguay noch etwas weiter hinauszuschieben.
Dann kommt WorldCom.
Auch dort gehört Hugo zu denen, die früh auf fallende Kurse setzen.
Im Juni 2002 wird öffentlich, dass WorldCom seine Zahlen massiv manipuliert hat. Das Unternehmen muss Milliardenbeträge korrigieren, und am 21. Juli 2002 folgt die Insolvenz.
Und wieder hat Hugo verdient.
Damit wiederholt sich für ihn innerhalb kürzester Zeit dasselbe Muster:
- September.
Enron.
WorldCom.
Dreimal entstehen außergewöhnlich profitable Positionen in Situationen, bei denen amerikanische Behörden anschließend wissen wollen, warum Hugo so früh richtiglag.
Für Hugo ist WorldCom deshalb beinahe der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Es geht ihm inzwischen gar nicht mehr ausschließlich darum, ob die einzelnen Ermittlungen berechtigt sind oder ob sie irgendwann eingestellt werden.
Er hat schlicht keine Lust mehr darauf, bei jedem außergewöhnlich erfolgreichen amerikanischen Trade erneut erklären zu müssen, woher seine Informationen stammen.
Damit verändert sich seine Haltung zu Uruguay.
Was vorher ein Plan für irgendwann gewesen ist, bekommt plötzlich Dringlichkeit.
Und gleichzeitig passiert in Uruguay etwas, das den Zeitpunkt für Hugo wirtschaftlich außergewöhnlich interessant macht:
die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise von 2002.
Unternehmen geraten unter Druck.
Vermögenswerte werden günstiger.
Land wird attraktiver zu erwerben.
Es entstehen Möglichkeiten, Beteiligungen und reale Vermögenswerte zu Preisen zu kaufen, die vor der Krise kaum denkbar gewesen wären.
Hugo betrachtet Uruguay deshalb plötzlich nicht mehr nur als den Ort, an den Steinhöfel und Schubert ihn irgendwann gerne bringen würden.
Er sieht eine Investmentchance.
Das verändert seine Haltung grundlegend.
Wenn er schon einen neuen Lebensmittelpunkt aufbauen soll, kann er gleichzeitig wirtschaftlich in das Land einsteigen.
Er kann Unternehmen kaufen oder sich beteiligen.
Er kann Land erwerben.
Er kann Kapital in eine Volkswirtschaft investieren, deren Vermögenswerte gerade unter enormem Druck stehen.
Damit treffen zwei Entwicklungen genau zum richtigen Zeitpunkt aufeinander:
Die erneute Aufmerksamkeit amerikanischer Behörden gibt Hugo einen Grund, Monaco tatsächlich zu verlassen.
Und:
Die uruguayische Wirtschaftskrise gibt ihm einen Grund, ausgerechnet jetzt nach Uruguay zu gehen.
Aus einer widerwilligen Zukunftsplanung wird damit ein konkretes Projekt.
Mit Hugo sollen langfristig auch die Menschen gehen, die bereits eng mit seinem täglichen Leben und seinem Investmentgeschäft verbunden sind.
Michael Schubert soll dort mit ihm arbeiten.
Claire Hartmann als seine persönliche Assistentin soll ebenfalls mitgehen.
Dazu kommen Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi, die bereits mit Hugo sein eigenes Kapital verwalten und handeln.
Die Vorstellung bleibt zunächst bewusst überschaubar.
Hugo denkt noch nicht an eine riesige abgeschlossene Welt.
Er stellt sich eine kleine, persönliche Gruppe vor.
Und damit entsteht erstmals die konkrete Frage:
Was soll Hugo in Uruguay eigentlich bauen?
Die erste Vorstellung ist erstaunlich konventionell.
Es soll ein sehr großes, normales luxuriöses Wohnhaus werden.
Als Größenordnung stehen ungefähr 10.000 bis 20.000 Quadratmeter im Raum, wahrscheinlich etwa 15.000 Quadratmeter.
Hugo gefällt dabei durchaus der Gedanke, ein Statement zu setzen.
Wenn er schon nach Südamerika zieht und dort neu beginnt, könnte er vielleicht das größte private Wohnhaus Südamerikas besitzen.
Das passt zu dem Hugo dieser Zeit.
Er will sich noch nicht verstecken.
Er will zeigen, dass er erfolgreich ist.
Das Gebäude soll deshalb außergewöhnlich groß und luxuriös werden, im Grundprinzip aber weiterhin wie ein normales Wohnhaus funktionieren:
Außenfassaden mit Fenstern.
Terrassen.
Gärten.
Ein großer Pool.
Großzügige Wohn- und Empfangsräume.
Hugo selbst legt dabei gar nicht besonders viel Wert auf riesige Sportanlagen.
Er ist schlank und dünn, aber nicht besonders sportlich. Ein Pool gehört für ihn selbstverständlich dazu, doch ein gigantischer Fitness- oder Sportbereich spielt in seiner ursprünglichen Vorstellung kaum eine Rolle.
Auch bei den Schlafzimmern ist der erste Entwurf noch relativ überschaubar.
Hugo bekommt eine große private Suite.
Dazu sollen ungefähr sechs Schlafzimmer für Frauen kommen, die bei ihm wohnen oder ihn länger besuchen.
Weitere ungefähr zehn Schlafzimmer sind für Familie, Freunde und andere persönliche Gäste vorgesehen.
Das ist Hugo wichtig.
Seine Mutter soll ihn regelmäßig besuchen können.
Auch Freunde und andere Menschen aus seinem persönlichen Umfeld möchte er weiterhin einladen.
Während der Planung entsteht allerdings bereits eine praktische Überlegung.
Je mehr Gästezimmer in das Haupthaus integriert werden, desto größer wird das Gebäude und desto länger werden die Wege.
Deshalb taucht schon früh die Idee auf, möglicherweise zusätzlich ein kleines Gästehotel beziehungsweise Gästehaus zu bauen.
Dort könnten Freunde, Familie und andere Besucher untergebracht werden.
Das Haupthaus könnte dadurch privater und etwas kompakter bleiben.
Auch Michael Schubert, Claire und die drei Mitglieder des Investmentteams sollen in unmittelbarer Nähe leben können.
Hugo stellt sich zu diesem Zeitpunkt also noch keine Anlage mit hunderten oder tausenden Beschäftigten vor.
Es geht zunächst um eine kleine Gemeinschaft aus Hugo, seinem engsten beruflichen Umfeld, einigen Frauen sowie regelmäßig anreisender Familie und Freunden.
Als Standort denkt Hugo zunächst an die Gegend um Montevideo.
Am liebsten möglichst nah am Wasser, entweder direkt in beziehungsweise am Rand der Stadt oder an einem Küstenabschnitt in erreichbarer Entfernung.
Er möchte zu diesem Zeitpunkt keineswegs irgendwo tief im uruguayischen Landesinneren verschwinden.
Ein Architekt bekommt deshalb zunächst einen vergleichsweise klaren Auftrag:
Ein außergewöhnlich großes, repräsentatives und luxuriöses Wohnhaus für einen jungen Milliardär in Uruguay – möglicherweise das größte private Haus Südamerikas, aber im Grundprinzip immer noch ein normales Haus.
Von einem riesigen Riad, vollständig abgeschirmten Innenhöfen, einer fensterlosen privaten Außenstruktur oder der späteren Dimension Bellaventras ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede.
All das entsteht erst, weil dieser zunächst relativ einfache Entwurf anschließend auf ein Problem nach dem anderen stößt.
Nachdem Uruguay als künftiger Standort immer konkreter wird, fährt Hugo persönlich nach Prag zu Hanna.
Er kommt dabei nicht mit einem Problem zu ihr.
Im Gegenteil.
Hugo glaubt, gerade eine gute Nachricht zu haben.
Er erzählt Hanna ziemlich begeistert, dass Uruguay als neuer Lebensmittelpunkt immer wahrscheinlicher wird. Besonders freut ihn, dass Tschechinnen visafrei nach Uruguay einreisen können.
Für ihn klingt die Sache deshalb angenehm unkompliziert:
Dann kannst du mir die Frauen eben nach Uruguay schicken.
Hugo denkt in diesem Moment noch genauso wie bisher.
In London beziehungsweise später in Monaco funktioniert es schließlich auch. Hanna organisiert Frauen, sie kommen für eine gewisse Zeit zu Hugo, anschließend reisen sie wieder ab und andere kommen nach.
Hugo stellt sich deshalb vor, dass in Uruguay ebenfalls regelmäßig ungefähr vier Frauen bei ihm sein werden.
Er geht naiv davon aus, dass Hanna dafür einfach die Flüge anders organisieren muss.
Erst Hanna macht ihm klar, dass genau das nicht funktionieren wird.
Innerhalb Europas lassen sich solche Reisen relativ kurzfristig organisieren. Uruguay liegt dagegen auf der anderen Seite des Atlantiks. Vier Frauen ständig dorthin zu schicken, sie nach einiger Zeit wieder zurückfliegen zu lassen und anschließend die nächsten vier zu organisieren, wäre auf Dauer viel zu aufwendig.
Hugo hatte darüber bis zu diesem Gespräch praktisch nicht nachgedacht.
Für ihn war bisher lediglich klar gewesen:
Ich ziehe um – also zieht die Organisation der Frauen eben mit.
Hanna erklärt ihm nun, dass ein dauerhafter Umzug nach Uruguay zwangsläufig auch bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Frauen dort längerfristig oder dauerhaft leben müsste.
Und Hanna hält ausgerechnet eine kleine feste Gruppe von vier, fünf oder sechs Frauen für keine gute Lösung.
Dabei geht es nicht darum, dass die Frauen den ganzen Tag darauf warten, wann Hugo Zeit für sie hat. Natürlich entwickeln sie ihren eigenen Alltag. Trotzdem entsteht bei einer kleinen Gruppe schnell eine starke Dynamik rund um Hugo.
Die Frauen wollen von ihm gesehen und wertgeschätzt werden. Einzelne können sich stärker in ihn verlieben, andere können sich zurückgesetzt fühlen oder sich aus der Gruppe zurückziehen.
Bei vier oder fünf Frauen genügt deshalb schon eine einzige schwierige Konstellation, um einen erheblichen Teil der gesamten Gruppe zu erfassen.
Wenn sich beispielsweise zwei Frauen stark in Hugo verlieben, eine dritte sich deshalb zurückzieht und eine vierte sich ausgeschlossen fühlt, wird aus einigen persönlichen Beziehungen sehr schnell ein Problem der gesamten kleinen Gemeinschaft.
Hanna erklärt Hugo, dass sich diese Dynamik mit zunehmender Gruppengröße verändert.
Eine größere Gruppe wird sozial träger und dadurch stabiler.
Bei 20 oder 30 Frauen können einzelne Freundschaften, Verliebtheiten, Eifersucht oder Streit entstehen, ohne dass dadurch sofort das gesamte Gefüge kippt.
Andere Freundschaften und Gruppen bestehen daneben weiter und gleichen solche Schwankungen aus.
Auch sprachlich und kulturell sieht Hanna darin einen Vorteil.
Bei einer größeren Gemeinschaft können beispielsweise mehrere Tschechinnen zusammenleben, die Sprache und Humor miteinander teilen, während gleichzeitig Russinnen oder andere osteuropäische Frauen ihre eigenen kulturellen Gemeinsamkeiten haben.
Die Gruppe ist groß genug, dass solche unterschiedlichen Bereiche nebeneinander bestehen und sich trotzdem miteinander vermischen können.
Bei nur vier oder fünf Frauen wäre das wesentlich schwieriger.
Hanna verweist deshalb auf größere Modelle, wie sie aus den Medien über Adnan Khashoggi und Prinz Jefri Bolkiah von Brunei bekannt sind.
Hugo kennt beide Männer nicht persönlich.
Es geht Hanna auch nicht darum, dass er deren Lebensweise einfach kopieren soll.
Sie will ihm zeigen, dass solche Modelle nur deshalb funktionieren können, weil sie räumlich und organisatorisch viel größer gedacht werden als eine gewöhnliche Villa mit einigen zusätzlichen Schlafzimmern.
Bei Khashoggi verweist Hanna auf dessen spanisches Anwesen La Baraka bei Marbella, das später Teil der heutigen La Zagaleta wurde.
Das war eben nicht einfach nur ein großes Wohnhaus.
Das Gelände war als weitläufiges privates Anwesen gedacht, mit großen Gesellschaftsbereichen, Gästeunterbringung und Bereichen für Freizeit und Veranstaltungen.
Noch deutlicher wird Hannas Argument bei Prinz Jefri Bolkiah und dessen Assurur Palace in Brunei.
Dort geht es nicht mehr um eine Villa, der man einfach zusätzliche Schlafzimmer anhängt.
Zu solchen Anlagen gehören eigene Unterhaltungs- und Freizeitbereiche, Sportmöglichkeiten, Fitnessbereiche, Pools, große Gesellschaftsräume, eigene Wohnbereiche und genug Platz, damit unterschiedliche Gruppen innerhalb des Gesamtkomplexes ein eigenes Leben führen können.
Hanna erklärt Hugo deshalb:
Wenn ungefähr 30 Frauen dauerhaft dort leben sollen, reicht es nicht, einfach 30 Schlafzimmer an ein bestehendes Haus anzubauen.
Es braucht eigene Wohnbereiche für die Frauen.
Es braucht mehrere Aufenthaltsbereiche.
Es braucht Sport- und Fitnessmöglichkeiten.
Pools.
Spa- und Wellnessbereiche.
Räume zum Feiern und für Unterhaltung.
Gärten und Außenbereiche.
Gemeinschaftsräume und gleichzeitig Rückzugsmöglichkeiten.
Auch kleinere eigene Wohnbereiche oder Häuser innerhalb des Gesamtkomplexes können sinnvoll sein, damit sich unterschiedliche Gruppen bilden können und nicht das gesamte Leben ständig in denselben Räumen stattfindet.
Genau das soll Hugo aus den Beispielen Khashoggi und Jefri verstehen:
Wer eine solche Gemeinschaft dauerhaft an einem Ort leben lassen will, baut nicht einfach eine größere Villa. Er baut eine komplette private Lebenswelt.
Hanna will nicht, dass Hugo deren Paläste kopiert.
Sie benutzt sie als Größenvergleich.
Wenn Hugo tatsächlich ungefähr 30 Frauen dauerhaft in Uruguay haben möchte, müssen die Frauen dort auch dann ein vollständiges Leben führen können, wenn Hugo gerade arbeitet, keine Zeit hat oder einzelne Frauen mehrere Tage überhaupt nicht sieht.
Hugo bleibt darin natürlich trotzdem wichtig. Auch bei 30 Frauen wird es Frauen geben, die besonders gerne seine Aufmerksamkeit bekommen, von ihm gesehen werden oder möglichst viel Zeit mit ihm verbringen wollen.
Diese Dynamik verschwindet nicht.
Aber sie bestimmt nicht automatisch das gesamte Zusammenleben.
Hanna spricht schließlich von einer Größenordnung von ungefähr 30 Frauen.
Damit versteht Hugo plötzlich, dass sein bisheriger Entwurf nicht mehr ausreicht.
Er war davon ausgegangen, zwar ein außergewöhnlich großes Haus zu bauen, vielleicht sogar das größte private Wohnhaus Südamerikas, aber letztlich noch immer eine riesige Villa.
Für sein Privathaus hatte er zunächst mit vielleicht 200 bis 300 Millionen Euro gerechnet.
Sein eigentliches Geld möchte Hugo nämlich investieren.
In Uruguay hat er inzwischen bereits begonnen, wirtschaftliche Möglichkeiten zu nutzen, sich Unternehmen und Land anzusehen und eine Bank zu übernehmen beziehungsweise zu retten. Daneben denkt er über weitere Beteiligungen und einen eigenen Firmenkomplex nach.
Das Privathaus soll zwar spektakulär werden, aber eigentlich nicht zum größten Kapitalprojekt werden.
Hanna macht ihm nun klar, dass diese Rechnung nicht mehr aufgeht.
Wenn dort rund 30 Frauen dauerhaft leben sollen, braucht Hugo erheblich mehr Platz und eine ganz andere Infrastruktur als ursprünglich vorgesehen.
Hanna weist ihn dabei durchaus darauf hin, dass die Finanzierung nicht das Problem ist.
Sein öffentlich bekanntes Vermögen liegt 2003 bereits bei ungefähr 17,5 Milliarden Euro.
Niemand wird ernsthaft bezweifeln können, dass Hugo ein solches Projekt aus eigenen Mitteln finanzieren kann.
Hugo gefällt das Argument trotzdem nur begrenzt.
Er kann es sich leisten – aber eigentlich möchte er das Geld lieber investieren.
Nun beginnt er zu verstehen, dass ihn sein privater Lebensmittelpunkt wahrscheinlich sehr viel mehr kosten wird als die ursprünglich angenommenen wenigen hundert Millionen.
Von der späteren endgültigen Form Bellaventras hat Hugo zu diesem Zeitpunkt trotzdem noch keine Vorstellung.
Er denkt lediglich:
Dann muss das Haus eben deutlich größer werden.
Nach dem Gespräch in Prag fährt Hugo wieder zurück nach Monaco.
Nach Uruguay selbst reist er zu diesem Zeitpunkt nicht.
Die Strecke ist ihm bereits zu weit und die Reise zu belastend.
Deshalb übernimmt Michael Schubert dort die praktische Umsetzung.
Schubert koordiniert die Standortfragen, führt Gespräche, organisiert Besichtigungen, stimmt sich mit Architekten ab und kümmert sich später auch um Grundstücke und Bauplanung.
Hugo gibt die Richtung vor und trifft die grundsätzlichen Entscheidungen.
Schubert setzt sie in Uruguay um.
Über Schubert erhält der Architekt nun einen neuen Auftrag.
Er soll die bisherige Planung auf eine wesentlich größere dauerhafte Bewohnerzahl ausrichten und gleichzeitig berücksichtigen, dass dort einer der reichsten Männer der Welt leben wird.
Damit taucht beinahe sofort das nächste Problem auf:
die Presse.
Ein Milliardär mit offiziell 17,5 Milliarden Euro Vermögen, der in Uruguay ein gigantisches Privathaus baut, wird Aufmerksamkeit erzeugen. Und wenn regelmäßig zahlreiche junge Frauen dort leben oder anreisen, wird das Interesse der Medien noch größer werden.
Deshalb entsteht zunächst die Idee, das Anwesen möglichst weit außerhalb Montevideos zu errichten.
Schubert lässt abgelegenere Gegenden prüfen, beispielsweise Lavalleja oder Florida, die Umgebung von Minas, aber auch weiter entfernte Küstenrichtungen bis hin zu Gebieten Richtung Punta del Este und Rocha.
Der Gedanke ist einfach:
Je weiter Hugo von Montevideo und den großen Verkehrswegen entfernt lebt, desto schwieriger wird es für Presse und neugierige Beobachter, ständig vor seiner Haustür zu stehen.
Doch bei genauerem Nachdenken entsteht dadurch ein völlig neues Problem.
Eine Frau kommt aus Europa nach Uruguay, wird am Flughafen abgeholt und fährt anschließend immer weiter aus Montevideo hinaus.
Die Stadt verschwindet.
Die Fahrt wird länger.
Die Umgebung immer dünner besiedelt.
Und irgendwann fragt sie sich möglicherweise:
„Wo bringen die mich eigentlich hin?“
Gerade bei Frauen, die Hugo noch nicht persönlich kennen, könnte eine lange Fahrt zu einem vollkommen abgelegenen Anwesen genau den falschen Eindruck erzeugen.
Hugo will keinen Ort schaffen, bei dessen erster Anfahrt eine Frau Angst bekommt.
Damit wird die Idee eines extrem abgelegenen Standorts relativ schnell wieder verworfen.
Bellaventra soll näher an Montevideo bleiben.
Nachdem die Idee eines weit abgelegenen Anwesens verworfen ist, konzentriert sich die Planung wieder stärker auf die Nähe zu Montevideo.
Damit entsteht allerdings sofort ein neues Problem.
Hugo ist zu diesem Zeitpunkt bereits einer der reichsten Männer der Welt. Sein öffentlich bekanntes Vermögen liegt bei rund 17,5 Milliarden Euro, und es ist absehbar, dass er sich weiter nach oben bewegen könnte.
Wenn ein Mann dieser Größenordnung in Uruguay ein riesiges Privathaus baut, wird das zwangsläufig Aufmerksamkeit erzeugen.
Nicht nur von der Presse.
Auch Demas weist darauf hin, dass ein solches Vermögen Menschen anziehen kann, die ganz andere Interessen haben.
Südamerika ist nicht grundsätzlich unsicher, aber für einen Mann mit Hugos Vermögen kann man nicht einfach so bauen, als würde dort irgendein normaler wohlhabender Unternehmer einziehen.
Der erste Gedanke lautet deshalb:
Das private Anwesen muss von einer großen Mauer geschützt werden.
Doch sehr schnell entstehen damit gleich mehrere Probleme.
Zum einen lässt sich eine beliebig hohe und massive Mauer im Umfeld Montevideos nicht einfach überall so errichten, wie man es sicherheitstechnisch vielleicht gerne hätte.
Zum anderen kehrt genau das psychologische Problem zurück, das schon bei einem weit abgelegenen Standort aufgefallen war.
Eine Frau kommt erstmals aus Europa nach Uruguay.
Sie wird abgeholt, fährt zu Hugo und sieht am Ende der Strecke eine riesige geschlossene Mauer.
Selbst wenn sich dahinter ein luxuriöses Anwesen befindet, vermittelt diese Anfahrt zunächst genau den falschen Eindruck.
Es wirkt nicht einladend.
Es wirkt wie eine vollkommen abgeschlossene Anlage, bei der man sich automatisch fragt:
„Was befindet sich eigentlich hinter dieser Mauer, und warum ist hier alles so abgeschottet?“
Genau diese Wirkung soll vermieden werden.
Gleichzeitig beginnt sich die Größe des Hauses immer weiter zu verändern.
Aus der ursprünglich gedachten Villa wird durch Hannas Konzept für ungefähr 30 Frauen ein immer umfangreicherer Wohn- und Freizeitkomplex.
Der Architekt beginnt deshalb, die klassische Villa grundsätzlich infrage zu stellen.
Und aus den Sicherheitsüberlegungen entsteht erstmals die Idee, Bellaventra nach dem Prinzip eines Riads zu bauen.
Das Gebäude soll sich nicht mehr hauptsächlich zur äußeren Landschaft öffnen.
Die eigentliche Wohnwelt soll nach innen verlegt werden.
Große Innenhöfe.
Gärten.
Pools.
Arkaden.
Terrassen.
Wohn- und Gesellschaftsräume, die sich zu diesen Innenbereichen öffnen.
Dadurch kann Hugo innerhalb des Hauses eine offene und großzügige Umgebung besitzen, ohne dass seine privaten Räume von außen unmittelbar einsehbar sind.
Auch die Frauen können sich in Garten- und Poolbereichen aufhalten, ohne dafür den geschützten Gebäudekomplex verlassen zu müssen.
Mit der weiteren Planung wächst Bellaventra schließlich auf rund 125.500 Quadratmeter Gebäudefläche.
Dazu kommen ungefähr 45.000 Quadratmeter Innenhöfe.
Der gesamte eingefasste Bereich erreicht damit etwa 170.500 Quadratmeter.
Allein der spätere Spa-, Wellness- und Fitnessbereich umfasst rund 20.000 Quadratmeter.
Damit ist endgültig klar:
Bellaventra wird kein großes Haus mehr.
Es wird ein gewaltiger eigener Lebensraum.
Doch genau dadurch entsteht erneut das Problem der Außenfassade.
Ein Riad dieser Größenordnung bedeutet zwangsläufig sehr lange geschlossene Außenbereiche.
Und wieder stellt sich dieselbe Frage:
Wie verhindert man, dass eine Frau bei der ersten Anfahrt auf eine riesige Wand blickt und sich fragt, wo sie hier eigentlich hingebracht wird?
Hinzu kommt Demas' Einwand.
Eine mehrere hundert Meter lange, offensichtlich gesicherte Außenmauer wäre nicht nur abschreckend.
Sie wäre auch auffällig.
Sie würde praktisch jedem zeigen:
Hinter dieser Wand befindet sich etwas außerordentlich Wertvolles.
Für Demas wäre das beinahe eine Einladung an Kriminelle, sich überhaupt erst für das Gelände zu interessieren.
An diesem Punkt bringt der Architekt die Idee ein, die später für Bellaventra entscheidend wird:
Die äußere Wand muss nicht wie eine Mauer aussehen.
Man könnte die Außenseite des Gebäudes mit Wohnungen für Angestellte bebauen.
Diese Wohnungen schauen nach außen.
Sie erhalten normale Fenster, Fassaden und Eingänge.
Die privaten Bereiche Hugos liegen dahinter und bleiben vollständig nach innen orientiert.
Auch Zufahrten und Sicherheitstore können zwischen beziehungsweise hinter diesen Fassaden integriert werden, sodass sie von außen nicht sofort wie die Zufahrt zu einem riesigen abgeschirmten Privatanwesen wirken.
Die Fassaden können sich immer wieder wiederholen.
Von außen entsteht dadurch nicht der Eindruck eines Palastes hinter einer gigantischen Mauer.
Es sieht vielmehr nach einer großen, zusammenhängenden Wohnbebauung aus.
Damit löst die Idee mehrere Probleme gleichzeitig.
Die Mitarbeiter wohnen unmittelbar am Arbeitsplatz.
Die Außenfassade des Riads wird kaschiert.
Zufahrten können unauffälliger integriert werden.
Und die eigentliche private Welt Bellaventras bleibt von außen weitgehend unsichtbar.
Doch inzwischen zeichnet sich ab, dass Bellaventra allein fast 2.500 Beschäftigte benötigen wird.
Damit reichen einige Wohnungen direkt an der Außenwand längst nicht mehr aus.
Die Frage wird deshalb größer:
Wenn ohnehin Wohnraum für so viele Beschäftigte gebraucht wird, warum baut man dann nicht gleich einen ganzen Stadtteil?
Aus diesem Gedanken entwickelt sich das Gebiet rund um Bellaventra.
Es entstehen nicht nur die unmittelbar am Gebäude liegenden Mitarbeiterwohnungen.
Insgesamt werden schließlich 2.504 Wohneinheiten für Beschäftigte geplant, davon nur ungefähr 200 direkt am Baukörper Bellaventras.
Die übrigen Wohnungen verteilen sich auf den umliegenden Stadtteil.
Das hat einen entscheidenden praktischen Vorteil.
Die Mitarbeiter haben kurze Arbeitswege.
Viele müssen nicht täglich aus Montevideo anreisen.
Schichtwechsel lassen sich einfacher organisieren.
Und Bellaventra steht nicht mehr als einzelner gigantischer Baukörper in einer ansonsten leeren Umgebung.
Das Gebäude beginnt innerhalb der umgebenden Bebauung optisch unterzugehen.
Genau daraus entsteht die nächste Überlegung:
Wenn ein ganzer Stadtteil und Bellaventra gleichzeitig geplant werden, kann man auch die technische Infrastruktur gemeinsam entwickeln.
Bellaventra benötigt ohnehin enorme Anlagen für:
Stromversorgung.
Notstrom und Redundanz.
Klimatisierung.
Wasserversorgung.
Abwasser und Kläranlagen.
Entwässerung.
Versorgung und Logistik.
Diese Systeme müssten für ein Gebäude der Größe Bellaventras sowieso ungewöhnlich groß ausgelegt werden.
Wenn direkt daneben ein kompletter Stadtteil entsteht, kann man sie von Anfang an größer dimensionieren und gemeinsam nutzen.
Das ist wirtschaftlich sinnvoller und erhöht gleichzeitig die Sicherheit.
Gerade bei Wasser, Energie und Abwasser möchte Demas keine einzelnen leicht angreifbaren Versorgungspunkte.
Wenn dort nicht nur Hugo, sondern gleichzeitig Hunderte beziehungsweise Tausende Beschäftigte und ihre Familien versorgt werden, entstehen größere, redundant aufgebaute Systeme.
Dadurch wird es wesentlich schwieriger, Bellaventra beispielsweise über die Versorgung gezielt zu sabotieren oder zu vergiften.
Das Sicherheitskonzept und die Stadtplanung beginnen damit ineinanderzugreifen.
Dann kommt noch der Complejo Voss hinzu.
Hugo plant ohnehin einen eigenen Unternehmenskomplex für seine wachsenden Aktivitäten in Uruguay.
Es erscheint deshalb zunehmend unsinnig, diesen völlig getrennt an einem anderen Ort zu errichten.
Der erste Teil des Complejo Voss wird deshalb ebenfalls in die Gesamtplanung des Gebiets integriert.
Zunächst entsteht nur ein Teil des späteren Komplexes.
Aber Schubert und die Architekten lassen von Anfang an Erweiterungsflächen frei.
Der Firmenkomplex kann später wachsen, ohne dass dafür ein völlig neuer Standort gesucht werden muss.
Das Gleiche gilt für die Wohnbebauung.
Man plant nicht nur das, was Hugo im ersten Jahr benötigt.
Man schafft Flächen, auf denen später weitere Wohnungen, Büros und Versorgungseinrichtungen ergänzt werden können.
Das hat noch einen weiteren sicherheitstechnischen Vorteil.
Wenn Hugo mitten in einem selbst geplanten größeren Gebiet lebt, kann verhindert werden, dass später unmittelbar neben Bellaventra fremde Hochhäuser entstehen.
Niemand soll irgendwann in einem zehn- oder zwanzigstöckigen Gebäude sitzen und von dort in die Innenhöfe Bellaventras schauen können.
Der umliegende Stadtteil schafft deshalb nicht nur Wohnraum.
Er schafft gleichzeitig Abstand und Kontrolle über die zukünftige Bebauung rund um Hugo.
Damit entsteht Stück für Stück die endgültige Struktur:
Im Zentrum liegt Bellaventra.
An Teilen seiner äußeren Fassade liegen Mitarbeiterwohnungen, die den geschlossenen Charakter des Riads von außen verdecken.
Darum herum entsteht ein größerer Wohnbereich für Beschäftigte.
In der Nähe liegt der zunächst kleinere und später erweiterbare Complejo Voss.
Dazwischen und darunter liegt eine gemeinsam geplante technische Infrastruktur.
Und um das Ganze herum bleiben Flächen, die eine spätere Erweiterung erlauben und gleichzeitig verhindern, dass fremde Bebauung zu dicht an Bellaventra heranrückt.
Für dieses gesamte Gelände werden bereits 2002 rund 423 Millionen Euro ausgegeben.
Auch die Baukosten beginnen nun vollkommen andere Dimensionen anzunehmen.
Für Bellaventra selbst wird zunächst mit ungefähr 1,7 Milliarden Euro kalkuliert.
Dazu kommen in der ersten großen Entwicklungsstufe ungefähr 630 Millionen Euro für den Complejo Voss und rund 1,3 Milliarden Euro für Mitarbeiterwohnungen und Infrastruktur.
Damit liegt das erste Gesamtprogramm bereits bei knapp 3,7 Milliarden Euro.
Und selbst das bleibt nicht der endgültige Betrag.
Bis zu Hugos Einzug 2006 steigen die gesamten Aufwendungen für die Entwicklung auf ungefähr 6 Milliarden Euro.
Damit ist der Weg von der ursprünglichen Idee endgültig abgeschlossen.
Hugo wollte ursprünglich ein großes Privathaus für einige hundert Millionen Euro bauen.
Dann erklärte Hanna ihm, dass sein Leben mit den Frauen in Uruguay anders organisiert werden muss.
Aus vier regelmäßig wechselnden Frauen wurden ungefähr 30 dauerhaft dort lebende Frauen.
Aus mehr Frauen entstanden mehr Räume und mehr Freizeitangebote.
Aus mehr Fläche entstand ein größeres Sicherheitsproblem.
Aus dem Sicherheitsproblem entstand das Riad.
Aus der problematischen Außenwirkung des Riads entstanden die Mitarbeiterwohnungen.
Aus den Mitarbeiterwohnungen entwickelte sich ein ganzer Stadtteil.
Aus dem Stadtteil entstand die gemeinsame technische Infrastruktur.
Und weil Hugo gleichzeitig seine Unternehmen nach Uruguay verlagert und dort weiter investiert, wird auch der Complejo Voss Teil dieses Gebiets.
So entsteht Bellaventra nicht als einzelner spektakulärer Entwurf.
Es entsteht Schritt für Schritt, weil jede Lösung ein neues Problem sichtbar macht – und die Lösung dieses Problems das Projekt wieder ein Stück größer werden lässt.
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