Entstehungsgeschichte von Bellaventra

Als Hugo 1999 nach Monaco zieht, ist er 24 Jahre alt.

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits ein sehr erfolgreicher junger Trader, aber noch keine Person, die dort besonders auffällt. Monaco ist voller vermögender Menschen. Junge Männer mit teuren Autos und Yachten gehören ebenso zum Bild wie ältere wohlhabende Männer in Begleitung attraktiver jüngerer Frauen. Hugo ist deshalb zunächst lediglich ein weiterer junger Mann mit viel Geld.

Mit seinem Umzug nach Monaco beginnt zugleich ein neuer Abschnitt seiner beruflichen Laufbahn.

Hugo verlässt die DHK Bank, die Deutsche Handels- und Kreditbank, und handelt von nun an ausschließlich mit seinem eigenen Kapital. Dafür richtet er in Monaco ein eigenes Büro ein. Claire Hartmann, die ihn bereits aus seiner Zeit bei der DHK Bank kennt und ihm versprochen hatte, bei einer Selbstständigkeit mitzugehen, folgt ihm und übernimmt weiterhin die unmittelbare organisatorische Arbeit an seiner Seite.

Auch drei Fachleute aus seinem bisherigen beruflichen Umfeld gehen 1999 mit ihm nach Monaco: Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi. Sie bilden den ersten Kern des später wesentlich größeren Strategen- und Analystenteams. Whitmore kommt aus dem Umfeld der DHK Bank, Mehta von Merrill Lynch und Farhadi von der UBS.

Hugo will dabei bewusst keine Mitarbeiter, die ihm lediglich bestätigen, was er ohnehin glaubt. Die drei sollen seine Ideen prüfen, widersprechen und eigene Analysen einbringen. Die endgültige Entscheidung über einen Trade bleibt bei Hugo.

Schon in dieser frühen Phase gilt außerdem ein Prinzip, das später für das gesamte Investmentteam bestehen bleibt:

Wer einen Trade mitträgt, soll selbst finanziell daran beteiligt sein.

Die beteiligten Strategen und Analysten müssen zusammen 3 Prozent des eingesetzten Kapitals aus eigenen Mitteln stellen. Hugo finanziert die übrigen 97 Prozent. Kann jemand seinen Anteil nicht vollständig selbst aufbringen, kann Hugo ihm das notwendige Kapital leihen. Gleichzeitig erhalten die Mitarbeiter ein sehr gutes Gehalt und werden zusätzlich an erfolgreichen Geschäften beteiligt.

Hugos Gedanke dahinter ist einfach: Wer eine Analyse verteidigt und dafür plädiert, sehr große Summen zu investieren, soll selbst etwas zu gewinnen, aber auch etwas zu verlieren haben.

Michael Schubert gehört zu diesem ersten Monaco-Team zunächst noch nicht. Hugo bietet seinem alten Schulfreund bereits 1999 an mitzukommen, doch Schubert lehnt zunächst ab. Erst 2000 folgt er nach Monaco. Von da an erhält er weitreichende Vollmachten und entwickelt sich zunehmend zu Hugos rechter Hand.

Privat genießt Hugo in dieser Zeit das Leben eines sehr jungen Mannes, der plötzlich über außergewöhnlich viel Geld verfügt.

Er hat erlebt, wie Banker und Händler das Leben nach dem Prinzip führen, als gäbe es kein Morgen, und übernimmt einen Teil dieses Lebensgefühls. Er fährt schnelle und auffällige Autos, liebt Rolls-Royce und lässt Fahrzeuge bereits damals zweifarbig gestalten, beispielsweise schwarz im oberen und rot im unteren Bereich. Über den Heliport von Monaco gelangt er schnell nach Cannes und Saint-Tropez, besucht Restaurants und Strandclubs und verbringt Zeit auf Motoryachten, häufig in einer Größenordnung wie einer Fairline 47, gelegentlich auch auf größeren Schiffen.

Meist ist Hugo dabei von mehreren attraktiven jungen Frauen begleitet. Es gefällt ihm, wenn die Frauen untereinander offen auftreten, sich beispielsweise im Restaurant küssen oder bei einer Autofahrt spielerisch provozieren und dabei auch einmal ihr Oberteil hochziehen.

Champagner gehört ebenfalls zu diesem Lebensstil. Hugo trinkt ihn zwar, doch häufig macht es ihm mehr Spaß, die Frauen bei seinen Partys damit zu bespritzen, als ihn selbst zu trinken. Für ihn wird Champagner fast ebenso sehr zur Requisite dieser Jahre wie die Autos, Yachten und Partys.

Trotzdem fällt Hugo anfangs kaum stärker auf als andere vermögende Menschen in Monaco.

Das verändert sich erst mit seinem wachsenden Erfolg. Seine Geschäfte werden größer, sein Vermögen wächst und sein Auftreten wird bekannter. Man erkennt ihn zunehmend und beginnt über seinen Lebensstil und seine Partys zu sprechen. Bei einigen älteren und konservativeren Bewohnern führt sein demonstratives Auftreten schließlich zu ersten Beschwerden.

Noch bleibt das allerdings hauptsächlich gesellschaftliches Gerede.

Der eigentliche Bruch kommt nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Hugo hatte bereits vorher große Positionen auf fallende Kurse bei Kreuzfahrtgesellschaften aufgebaut, insbesondere bei Unternehmen wie Carnival und Royal Caribbean. Dabei hatte er nicht auf einen Terroranschlag spekuliert. Er erwartete eine wirtschaftliche Abschwächung und ging davon aus, dass teure Urlaubsreisen und Kreuzfahrten bei einer Rezession zu den Ausgaben gehören würden, die Verbraucher besonders schnell reduzieren oder verschieben.

Hugo ging dafür ein enormes Risiko ein.

Das entspricht seiner damaligen Anlagestrategie.

Er ist bereit, bei einer starken Überzeugung sehr große Teile seines verfügbaren Kapitals einzusetzen. Wenn seine Einschätzung stimmt, kann er außergewöhnlich viel verdienen. Wenn sie falsch ist, kann er ebenso außergewöhnlich viel verlieren.

Auch diese Position gegen die Kreuzfahrtgesellschaften hätte unter anderen Umständen katastrophal für ihn enden können.

Dann erfolgen die Anschläge.

Die gesamte Reise- und Tourismusbranche gerät unter massiven Druck. Auch die Kurse der großen Kreuzfahrtgesellschaften brechen ein, und Hugo erzielt mit seinen bereits bestehenden Shortpositionen enorme Gewinne.

Plötzlich interessiert sich nicht mehr nur die Finanzwelt für ihn.

Amerikanische Ermittler und insbesondere die Börsenaufsicht SEC beginnen, seine Geschäfte genauer zu untersuchen.

Dabei gibt es einen Umstand, der zusätzlichen Verdacht erzeugt:

Hugo stammt aus Hamburg.

Auch Mohamed Atta, einer der Haupttäter der Anschläge vom 11. September, hatte mehrere Jahre in Hamburg gelebt und studiert.

Damit entsteht für die Ermittler eine unangenehme Kombination: Ein junger deutscher Trader aus Hamburg hat unmittelbar vor den Anschlägen außergewöhnlich große Positionen auf fallende Kurse von Kreuzfahrtgesellschaften aufgebaut und anschließend enorme Gewinne erzielt.

Es wird untersucht, ob Hugo möglicherweise vorher Informationen besessen haben könnte.

Die Ermittlungen ergeben jedoch nichts Belastendes.

Es gibt keine Verbindung zwischen Hugo und Mohamed Atta oder anderen Beteiligten der Anschläge. Es lässt sich kein Informationsvorsprung feststellen. Hugo hatte eine extrem riskante wirtschaftliche Wette abgeschlossen und mit dem Zeitpunkt außergewöhnliches Glück gehabt.

Die Sache verändert ihn trotzdem.

Zum einen beginnt Hugo danach, seine Anlagestrategie vorsichtiger zu gestalten. Er bleibt aggressiv und bereit, große Positionen einzugehen, aber er will nicht mehr bei jeder Überzeugung einen so großen Teil seines Vermögens einem einzigen Szenario aussetzen.

Zum anderen wird er erstmals international sichtbar.

Aus dem jungen reichen Mann, der in Monaco zunächst kaum stärker aufgefallen war als viele andere, wird plötzlich der Spekulant, dessen Gewinne in Verbindung mit den Anschlägen vom 11. September untersucht werden.

Auch die Behörden in Monaco werden dadurch wesentlich aufmerksamer.

Niemand wirft Hugo aus dem Land. Dafür besteht kein rechtlicher Grund. Steinhöfel bekommt jedoch deutlich signalisiert, dass man derartige internationale Ermittlungen und die damit verbundene Medienberichterstattung in Monaco nicht gerne sieht.

Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine Ausweisung und auch nicht um eine förmliche Aufforderung, Monaco zu verlassen. Monaco geht wesentlich diskreter vor.

Hugo wird vielmehr sehr höflich nahegelegt, über seinen Lebensstil, die zunehmende Aufmerksamkeit und langfristig auch über seinen Lebensmittelpunkt nachzudenken.

Das Problem ist nicht eine einzelne Sache.

Ein junger Milliardär mit schnellen Autos wäre in Monaco nichts Besonderes.

Yachten wären nichts Besonderes.

Frauen wären nichts Besonderes.

Partys wären nichts Besonderes.

Aber bei Hugo kommt inzwischen alles zusammen.

Seine außergewöhnlichen Gewinne.

Die Untersuchungen amerikanischer Behörden.

Die Presseberichte.

Seine zunehmende Bekanntheit.

Sein auffälliger Lebensstil.

Und schließlich der immer größer werdende Sicherheitsapparat.

Monaco lebt von Diskretion. Hugo zieht inzwischen Aufmerksamkeit an.

Genau das wird Steinhöfel sinngemäß vermittelt.

Hugo muss nicht gehen.

Aber man würde es begrüßen, wenn er diskreter lebte und darüber nachdächte, ob Monaco auf Dauer noch zu dem Leben passt, das er inzwischen führt.

Hugo beginnt deshalb, sich nach einem neuen Lebensmittelpunkt umzusehen.

Seine Wahl fällt schließlich auf Jersey.

Im Jahr 2002 erwirbt Hugo in der Parish St John ein außergewöhnlich großes privates Anwesen. Auf einem rund acht Hektar großen Grundstück steht bereits ein repräsentatives Herrenhaus mit einer Wohn- und Nutzfläche von etwa 6.100 Quadratmetern. Für das Anwesen zahlt Hugo 91 Millionen Euro.

Das bestehende Haus ist ein traditionelles, aus hellem Naturstein errichtetes britisches Herrenhaus mit georgianisch-neoklassizistischen und neo-jakobinischen Anklängen. Hugo lässt den bestehenden Baukörper nicht abreißen, sondern für 61 Millionen Euro umfassend umbauen und macht ihn zum Ausgangspunkt einer erheblichen Erweiterung.

Für weitere 113 Millionen Euro wird das Herrenhaus um rund 5.644 Quadratmeter erweitert. Davon entfallen allein 2.975 Quadratmeter auf den Spa- und Wellnessbereich. Nach Abschluss der Arbeiten verfügt das Hauptgebäude über eine Wohn- und Nutzfläche von rund 11.740 Quadratmetern.

Der vorhandene Bau wird insbesondere durch einen großen Westflügel und einen neuen U-förmigen Gebäudekomplex auf der östlichen Seite erweitert. Im Westflügel entstehen fünf zusätzliche Suiten, während der neue östliche Gebäudeteil acht weitere Schlafzimmer erhält. Die Neubauten übernehmen Architektur und Geschosshöhen des bestehenden Herrenhauses. Natursteinfassaden, hohe Sprossenfenster, steile Schieferdächer, Gauben und Kamine sorgen dafür, dass Alt- und Neubau später wie eine zusammenhängende Anlage wirken.

Im Zuge des Umbaus gibt Hugo sein bisheriges Hauptschlafzimmer im Haupthaus auf und verlegt es in den bereits bestehenden alten Ostflügel. An diesen wird der neue U-förmige Gebäudeteil angebaut, wodurch ein neuer Innenhof entsteht. Hugos neues Hauptschlafzimmer ist unmittelbar auf diesen Innenhof ausgerichtet.

Vor einem Teil des Westflügels wird das Gelände halbkreisförmig abgesenkt. Dadurch erhält das darunterliegende Kellergeschoss große Fenster und direkten Tageslichteinfall. Vom Garten führen Treppen hinunter auf diese abgesenkte Ebene.

Auf der östlichen Seite wird der Innenhof teilweise abgesenkt. Er liegt eine Etage unter dem normalen Geländeniveau und belichtet die angrenzenden Räume des Kellergeschosses. Oberirdisch bleibt die Architektur auch hier vollständig an das bestehende Herrenhaus angelehnt.

Zusätzlich erwirbt Hugo für 25 Millionen Euro ein unmittelbar angrenzendes, rund drei Hektar großes Anwesen. Das dort vorhandene Wohngebäude lässt er als separates Angestelltenhaus für eine kleine Zahl ständig auf Bellaventra benötigter Mitarbeiter herrichten. Die zum Anwesen gehörenden ehemaligen Stallungen und das Kutschenhaus werden zu einem abgeschirmten Garagen- und Servicebereich mit Stellplätzen, Fahrzeugpflege, Werkstatt- und Lagerflächen umgebaut. Damit umfasst Bellaventra insgesamt rund elf Hektar. Weitere 50 Millionen Euro fließen in die aufwendige Gestaltung der Garten- und Parkanlage.

Für den Erwerb des Anwesens, den Umbau des Bestands, die Erweiterung, das Angestelltenhaus mit Garagen- und Servicebereich sowie die Garten- und Parkanlage investiert Hugo insgesamt 340 Millionen Euro in Bellaventra.

Hugo empfindet das Nahelegen aus Monaco zunächst trotzdem als Einmischung.

Aus seiner Sicht hat er nichts Verbotenes getan.

Er hat niemanden betrogen.

Er hat niemandem Geld gestohlen.

Die Amerikaner haben keine Verbindung zwischen ihm und den Anschlägen gefunden.

Und trotzdem hat er plötzlich das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er erfolgreich ist und sein Geld so ausgibt, wie es ihm gefällt.

Steinhöfel sieht die Situation nüchterner.

Er erklärt Hugo, dass es gar nicht entscheidend sei, ob Monaco recht oder unrecht habe. Entscheidend sei, dass Hugo inzwischen eine Größenordnung erreicht habe, bei der er nicht mehr einfach nur ein reicher Privatmann sei.

Alles, was er tue, werde sichtbarer.

Jeder ungewöhnlich erfolgreiche Trade werde Fragen auslösen.

Jede Untersuchung werde Presse erzeugen.

Und jeder zusätzliche Sicherheitsmann werde wiederum dazu führen, dass Menschen sich fragen, warum Hugo so viele Sicherheitsleute brauche.

In derselben Zeit empfiehlt Steinhöfel Hugo deshalb, seinen persönlichen Schutz auszubauen.

Über ihn kommt Laurent Demas zu Hugo.

Demas war zuvor beim Militär und besitzt eine ausgeprägte militärische und sicherheitstechnische Denkweise. Er betrachtet seine Umgebung ständig unter dem Gesichtspunkt möglicher Gefahren und beginnt, für Hugo einen professionellen Personenschutz aufzubauen.

Zunächst sind es mehrere Bodyguards, die Hugo unmittelbar begleiten. Sehr schnell wird daraus jedoch ein System, das rund um die Uhr funktionieren muss.

Demas organisiert die Bodyguards deshalb bereits damals in drei Schichten. Hugo soll zu jeder Tages- und Nachtzeit geschützt sein, unabhängig davon, ob er ausgeht, schläft, arbeitet oder unterwegs ist. Zusätzlich zu den unmittelbar sichtbaren Männern können weitere Sicherheitskräfte im Hintergrund eingesetzt werden.

Damit entsteht schon in Monaco der Grundgedanke des späteren Sicherheitssystems:

Personenschutz ist für Demas keine Begleitung für einzelne Termine, sondern eine 24-Stunden-Aufgabe.

Für Hugo ist diese Denkweise zunächst neu.

Bis dahin hat er sich trotz seines Vermögens nicht permanent als potenzielles Ziel betrachtet.

Demas beginnt ihm nun zu zeigen, dass sich aus alltäglichen Situationen theoretisch Sicherheitsrisiken ergeben können. Hugo übernimmt diese Sichtweise zunehmend.

Demas schützt Hugo damit tatsächlich.

Gleichzeitig entsteht eine unbeabsichtigte Nebenwirkung:

Demas überträgt seine permanente Gefahrenwahrnehmung zunehmend auf Hugo.

Hugo beginnt Risiken wahrzunehmen, über die er früher überhaupt nicht nachgedacht hätte.

Noch ist er nicht der spätere Hugo, der sein Anwesen praktisch nicht mehr verlässt. Er führt sein bisheriges Leben zunächst weiter. Aber seine Wahrnehmung der Außenwelt verändert sich.

Damit beginnt eine Entwicklung, die später für Hugo erhebliche Folgen haben wird.

Seine ohnehin vorhandene sensorische Erkrankung und die von Demas immer stärker vermittelte Gefahrenwahrnehmung beginnen sich gegenseitig zu verstärken.

Demas will Hugo schützen. Gerade weil er jedoch hervorragend darin ist, mögliche Gefahren zu erkennen, bringt er Hugo gleichzeitig bei, ebenfalls ständig nach Gefahren zu suchen.

Der wachsende Personenschutz hat außerdem eine paradoxe Wirkung.

Hugo wird nun häufig unmittelbar von drei oder vier Bodyguards begleitet, während weitere Sicherheitskräfte teilweise weniger auffällig im Hintergrund arbeiten.

Damit fällt er in Monaco stärker auf als vorher.

Aus einem jungen reichen Mann, der dort anfangs kaum aus der Masse anderer Wohlhabender herausstach, wird zunehmend ein bekannter Spekulant, dessen Geschäfte von amerikanischen Behörden untersucht wurden und der nun mit mehreren Sicherheitsleuten auftritt.

Hugo selbst möchte Monaco zunächst trotzdem nicht verlassen.

Die Initiative kommt von Steinhöfel.

Er versucht Hugo davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, sich frühzeitig nach einem anderen dauerhaften Lebensmittelpunkt umzusehen.

Zu diesem Zeitpunkt geht es noch nicht um ein konkretes Haus oder Grundstück, sondern zunächst nur um die Frage:

Welcher Ort auf der Welt passt überhaupt zu Hugo?

Ein wichtiger Punkt ist das Klima. Hugo möchte nicht in einer Region leben, in der das Wetter einen großen Teil des Jahres unangenehm ist.

Ebenso wichtig sind steuerliche Überlegungen. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits Milliardär und will sich nicht freiwillig in ein Land begeben, das ihn steuerlich erheblich schlechter stellt als Monaco.

Dann kommt ein Punkt hinzu, der für Hugo fast ebenso wichtig ist wie die Steuerfrage:

Prestige.

Für ihn gilt sinngemäß:

Es lohnt sich nicht überall auf der Welt, Milliardär zu sein.

Es gibt Orte, an denen außergewöhnlicher Reichtum tatsächlich etwas bedeutet: weil das Umfeld dazu passt, weil internationale Geschäftsleute dort verkehren, weil Banken, Politik, Gesellschaft und Infrastruktur auf große Vermögen eingestellt sind und weil der Wohnsitz selbst einen gewissen Status vermittelt.

Hugo will nicht irgendwo im Hinterland eines beliebigen Landes sitzen, nur weil dort die Steuern niedrig sind. Für ihn wäre es absurd, Milliarden zu besitzen und gleichzeitig an einem Ort zu leben, an dem er mit diesem Vermögen praktisch nichts anfangen kann.

Der neue Staat soll deshalb international anerkannt sein und Prestige besitzen.

Ein weiterer Punkt ist für Hugo sehr persönlich.

Die amerikanischen Ermittlungen nach dem 11. September haben ihn stark belastet.

Auch wenn sie ohne Ergebnis bleiben, entwickelt Hugo dadurch ein deutliches Misstrauen gegenüber amerikanischen Behörden.

Wenn er schon einen neuen Lebensmittelpunkt sucht, hätte er deshalb am liebsten einen Ort, an dem er nicht ständig das Gefühl hat, dass amerikanische Behörden jederzeit wieder in sein Leben eingreifen können.

Gleichzeitig darf das Land aber kein politisch unsicherer Zufluchtsort sein.

Hugo braucht ein stabiles Rechtssystem und ein verlässliches Finanzsystem.

Er will sein Vermögen, seine Unternehmen und seine Geschäfte in einem Umfeld organisieren, in dem Eigentum geschützt ist, Banken funktionieren und politische Entscheidungen nicht völlig unberechenbar sind.

Erst eher beiläufig kommt während dieser Überlegungen noch ein weiterer Punkt dazu.

Für Hugo selbst ist er allerdings keineswegs unwichtig:

Sein Privatleben muss an diesem Ort ebenfalls funktionieren.

Hugo bevorzugt zu dieser Zeit insbesondere Russinnen und Ukrainerinnen sowie generell Frauen aus Osteuropa.

Er möchte deshalb keinen Lebensmittelpunkt, bei dem jede Reise kompliziert vorbereitet werden muss, bei dem Visa nur schwer zu bekommen sind oder bei dem eine Frau, die länger bei ihm bleiben beziehungsweise für ihn arbeiten soll, praktisch keine vernünftige Möglichkeit dazu hat.

Damit kristallisieren sich die entscheidenden Kriterien heraus:

Klima.

Steuern.

Internationales Prestige.

Ein stabiles Rechts- und Finanzsystem.

Möglichst wenig politische Unberechenbarkeit.

Eine gewisse Distanz zu den amerikanischen Ermittlungen.

Und die Möglichkeit, Hugos bisheriges Privatleben mit Russinnen, Ukrainerinnen und anderen osteuropäischen Frauen ohne dauernde organisatorische Schwierigkeiten weiterzuführen.

Aus genau dieser Kombination beginnt die Suche nach einem Land, bei dem möglichst viele dieser Punkte gleichzeitig zusammenpassen.

Steinhöfel beginnt, Hugo mehrere mögliche Länder und Standorte zu präsentieren.

Dabei zeigt sich schnell, dass Hugo und Steinhöfel unterschiedliche Favoriten haben.

Hugos eigener Favorit ist zunächst eindeutig:

Russland – genauer gesagt Sotschi.

Für Hugo hat Sotschi mehrere Vorteile gleichzeitig. Das Klima ist für russische Verhältnisse ungewöhnlich mild und subtropisch geprägt. Die Stadt liegt ungefähr auf demselben Breitengrad wie Monaco und erinnert klimatisch eher an einen südlichen Ferienort als an das Russland, das Hugo zunächst vor Augen hat.

Noch wichtiger ist für ihn aber etwas anderes:

Russland besitzt kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten.

Genau das gefällt Hugo nach den amerikanischen Ermittlungen außerordentlich.

Er empfindet die SEC und die anderen amerikanischen Behörden inzwischen als Belastung und möchte möglichst in einem Staat leben, in dem ein amerikanisches Auslieferungsersuchen nicht automatisch großes Gewicht besitzt.

Hugo formuliert das gegenüber Steinhöfel überspitzt ungefähr so:

„Wenn die Amerikaner nach Moskau ein Auslieferungsersuchen schicken, können sie genauso gut Toilettenpapier hinschicken.“

Für Hugo bedeutet Russland deshalb vor allem eines:

Er glaubt, dort endlich Ruhe vor einem direkten Zugriff amerikanischer Behörden zu haben.

Dazu kommt ein zweiter großer Vorteil.

Russinnen und Ukrainerinnen entsprechen genau dem slawischen Frauentyp, den Hugo bevorzugt.

Wenn Hugo in Sotschi lebt, stellt sich die Frage komplizierter Einreisen überhaupt nicht mehr in derselben Form. Er befindet sich bereits in genau jener Region, aus der viele der Frauen kommen, die seinem bevorzugten Typ entsprechen.

Auch steuerlich erscheint Russland zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen interessant. Die unter Putin eingeführte 13-prozentige Einkommensteuer gilt bereits seit 2001.

Aus Hugos Sicht wirkt Sotschi deshalb zunächst fast ideal:

mildes Klima, steuerlich interessant, kein amerikanisches Auslieferungsabkommen und ein gesellschaftliches Umfeld, in dem sein bevorzugter Frauentyp unmittelbar vorhanden ist.

Steinhöfel widerspricht ihm jedoch deutlich.

Für Steinhöfel ist Russland gerade für einen Milliardär ein riskanter Standort.

Sein Problem ist nicht, dass er Anfang 2002 bereits wissen könnte, wie sich Putin und Russland in den kommenden Jahrzehnten entwickeln werden.

Das weiß zu diesem Zeitpunkt niemand.

Sein Einwand ist grundsätzlicher.

Hugo will Rechtssicherheit.

Und Steinhöfel ist nicht überzeugt, dass Russland einem ausländischen Milliardär langfristig genau diese Sicherheit bieten kann.

Das Verhältnis zwischen dem russischen Staat, den Oligarchen und großen privaten Vermögen befindet sich gerade in einer Neuordnung. Für Steinhöfel ist deshalb nicht entscheidend, ob Hugo heute willkommen wäre.

Entscheidend ist die Frage:

Was passiert, wenn sich die politischen Interessen irgendwann ändern?

Ein Mann mit Hugos Vermögen könnte heute hervorragende Bedingungen bekommen und einige Jahre später feststellen, dass dieselben Regeln nicht mehr gelten.

Steinhöfel bringt seine Sorge sinngemäß auf einen einfachen Punkt:

„Du willst einen Staat, der dich vor anderen schützt. Du brauchst aber gleichzeitig einen Staat, vor dem du dein eigenes Vermögen nicht schützen musst.“

Deshalb hält er Sotschi trotz aller Vorteile für zu unsicher.

Hugo bleibt von Russland zunächst trotzdem begeistert.

Eine zweite Region, die geprüft wird, ist der Persische Golf.

Dabei werden vor allem Dubai und Bahrain mit seiner Hauptstadt Manama betrachtet.

Steuerlich sind beide Standorte für Hugo interessant. Beide bieten internationale Banken, hochwertige Hotels und ein Umfeld, in dem ein sehr vermögender Mann seinen Reichtum auch tatsächlich nutzen kann.

Bei Dubai hat Hugo allerdings mehrere grundsätzliche Einwände.

Der erste ist das Klima.

Der Winter gefällt ihm durchaus. Aber Hugo denkt nicht nur daran, dort einige Wochen im Jahr zu verbringen. Er müsste dort dauerhaft leben.

Und vor dem Sommer hat er regelrecht Respekt.

Monatelange extreme Hitze, bei der ein erheblicher Teil des Lebens nur noch zwischen klimatisierten Gebäuden, Autos und Hotels stattfindet, entspricht überhaupt nicht seiner Vorstellung eines angenehmen Lebensmittelpunkts.

Der zweite Einwand ist typisch für Hugos Mentalität.

Alle reden plötzlich von Dubai.

Immer mehr vermögende Menschen, Investoren und internationale Geschäftsleute entdecken den Ort. Dubai beginnt gerade deshalb interessant zu werden, weil immer mehr Menschen erklären, dass es der kommende Standort für Reiche und internationale Unternehmen sei.

Bei Hugo löst genau das Misstrauen aus.

Er ist von seiner Persönlichkeit und auch von seiner Tätigkeit an der Börse daran gewöhnt, Mehrheitsmeinungen infrage zu stellen.

Seine Reaktion ist deshalb sinngemäß:

„Wenn alle nach Dubai wollen, muss ich nicht auch nach Dubai.“

Für Hugo ist etwas nicht automatisch richtig, nur weil gerade alle anderen davon überzeugt sind.

Im Gegenteil: Wenn plötzlich jeder dieselbe großartige Gelegenheit sieht, beginnt er erst recht nach dem Haken zu suchen.

Dazu kommt bei Dubai noch ein weiterer Punkt, der für Hugo praktisch wichtig ist.

Die Einreise osteuropäischer Frauen ist zu dieser Zeit nicht so unkompliziert, wie Hugo es gerne hätte.

Eine Reise ist möglich, aber sie muss vorbereitet und organisiert werden.

Genau das gefällt Hugo nicht.

Er möchte keinen Lebensmittelpunkt, bei dem jede spontane Einladung oder jede neue Bekanntschaft aus Osteuropa erst über Visa, Hotels, Sponsoren oder andere organisatorische Wege abgewickelt werden muss.

Für ihn ist das unnötige Bürokratie.

Und weil Russinnen, Ukrainerinnen und andere Frauen aus Osteuropa für sein Privatleben eine wichtige Rolle spielen, ist dieser Punkt für ihn tatsächlich ein erhebliches Minus.

Damit verliert Dubai für Hugo weiter an Attraktivität.

Manama gefällt ihm zunächst besser.

Bahrains Hauptstadt wirkt auf ihn weniger überlaufen und weniger vom internationalen Hype bestimmt.

Gleichzeitig besitzt Bahrain einen etablierten Finanzsektor, internationale Hotels, Restaurants und eine für die Golfregion ungewöhnlich ausgeprägte Ausgeh- und Unterhaltungsszene. Gerade wohlhabende Besucher aus den konservativeren Nachbarstaaten kommen nach Bahrain, um dort wesentlich freier auszugehen.

Für Hugo besitzt Manama deshalb etwas, das Dubai für ihn zunehmend verliert:

Es ist interessant, ohne bereits der Ort zu sein, zu dem alle unbedingt wollen.

Doch beim Thema Frauen entsteht auch dort dasselbe grundsätzliche Problem.

Eine Reise für Russinnen, Ukrainerinnen und andere osteuropäische Frauen ist zwar möglich, aber sie ist Anfang der 2000er Jahre nicht so unkompliziert, dass Hugo sie als selbstverständlich betrachten könnte. Auch hier müssen Einreise und Aufenthalt formal organisiert werden.

Und genau das stört ihn.

Wenn Hugo einen neuen Lebensmittelpunkt auswählt, möchte er nicht ständig darüber nachdenken müssen, ob eine Frau, die er kennenlernen oder einladen möchte, überhaupt kurzfristig einreisen kann.

Noch weniger gefällt ihm die Vorstellung, bei einer Frau, die länger bei ihm leben oder tatsächlich für ihn arbeiten soll, jedes Mal eine komplizierte Sonderkonstruktion zu benötigen.

Fehlende unkomplizierte Einreisemöglichkeiten werden deshalb zu einem klaren Negativpunkt für den Persischen Golf.

Das ist für Hugo kein theoretisches Detail.

Es betrifft unmittelbar die Frage, ob sein Privatleben dort genauso funktionieren kann wie bisher.

Hinzu kommt am Ende auch bei Manama das gleiche grundlegende Problem wie bei Dubai:

Der Sommer ist Hugo schlicht zu heiß.

Damit gefällt ihm Bahrain innerhalb der Golfregion zwar deutlich besser als Dubai.

Aber Klima und Einreisebürokratie sprechen für ihn gegen einen dauerhaften Lebensmittelpunkt dort.

Russland bleibt deshalb zunächst Hugos klarer persönlicher Favorit.

Nach Russland und dem Persischen Golf kommen weitere, teilweise deutlich exotischere Möglichkeiten auf den Tisch.

Eine davon ist Kambodscha.

Der Hauptgrund ist für Hugo die große Distanz zum amerikanischen Zugriff.

Steinhöfel sieht dort jedoch schnell mehrere Probleme.

Zum einen gefällt ihm die rechtliche Unsicherheit in Bereichen nicht, die für Hugos Privatleben eine Rolle spielen. Er möchte keinen Standort, bei dem Hugo davon abhängig ist, dass Behörden bestehende Regeln heute großzügig und morgen möglicherweise völlig anders auslegen.

Auch steuerlich ist Kambodscha zwar nicht völlig uninteressant.

Für Hugo reicht das aber nicht aus.

Und schließlich kommt ein ganz praktischer Punkt hinzu:

Hugo würde sich dort langweilen.

Er sucht zu diesem Zeitpunkt keinen abgelegenen Rückzugsort, an dem er einfach verschwindet. Er ist noch ein junger Milliardär, der ausgehen, Frauen treffen, Geld ausgeben und sein Vermögen genießen will.

Damit scheidet Kambodscha relativ schnell aus.

Dann wird Venezuela betrachtet.

Auf Hugo wirkt das zunächst wesentlich interessanter.

Das Klima passt. Es gibt Küste, Großstadtleben, Hotels und genügend Möglichkeiten, mit sehr viel Geld auch tatsächlich etwas anzufangen.

Doch Steinhöfel hat bei Venezuela von Anfang an ein schlechtes Gefühl.

Das hängt vor allem mit Hugo Chávez zusammen.

Chávez ist seit 1999 Präsident und hat das politische System bereits erheblich verändert. Steinhöfel kann Anfang 2002 selbstverständlich noch nicht wissen, wohin sich Venezuela in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Aber genau diese Unsicherheit stört ihn.

Er traut Chávez nicht.

Für Steinhöfel stellt sich wieder dieselbe Frage wie bei Russland:

Was nützen Hugo gute Bedingungen heute, wenn niemand zuverlässig sagen kann, wie der Staat in fünf oder zehn Jahren mit einem ausländischen Milliardär umgehen wird?

Auch steuerlich erweist sich Venezuela bei genauerem Hinsehen nicht als uneingeschränkt ideal.

Und bei einem weiteren Punkt muss Steinhöfel Hugo bremsen.

Venezuela besitzt einen historischen Auslieferungsvertrag mit den Vereinigten Staaten.

Damit ist Venezuela nicht die rechtlich vollkommen abgeschottete Lösung, die Hugo nach seinen Erfahrungen mit den amerikanischen Behörden eigentlich bevorzugen würde.

Venezuela verliert dadurch einen erheblichen Teil seines Reizes.

Als nächste Möglichkeit kommt Panama.

Für einen internationalen Investor ist das zunächst naheliegend.

Panama besitzt einen bekannten Finanzplatz, internationale Banken, eine besondere steuerliche Struktur und eine lange Tradition als Standort für internationales Kapital.

Eigentlich müsste Hugo das interessant finden.

Aber ausgerechnet bei Panama sitzt das amerikanische Problem tief.

Hugo und Steinhöfel haben beide noch Manuel Noriega vor Augen.

1989 marschierten amerikanische Streitkräfte in Panama ein. Noriega wurde festgenommen und anschließend in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er vor Gericht gestellt wurde.

Für Hugo ist das beinahe das Gegenbild zu dem, was er sucht.

Dabei spielt für ihn gar keine entscheidende Rolle, ob seine eigene Situation juristisch mit Noriega vergleichbar wäre.

Er sieht nur das historische Bild:

Wenn die Vereinigten Staaten jemanden in Panama unbedingt haben wollen, haben sie bereits gezeigt, wie weit sie dort gehen können.

Hinzu kommt, dass auch zwischen Panama und den Vereinigten Staaten bereits seit langer Zeit ein Auslieferungsvertrag besteht.

Damit fällt Panama für Hugo ebenfalls zurück.

Michael Schubert reist die zuvor ausgewählten Länder und Standorte nacheinander ab, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie sie tatsächlich wirken.

Für ihn zählt nicht nur, was auf dem Papier funktioniert.

Er will sehen, wie sich ein Ort anfühlt, wie Menschen dort leben, wie das Klima wirkt und ob Hugo dort überhaupt dauerhaft glücklich werden könnte.

Russland und Sotschi überzeugen ihn überhaupt nicht.

Sotschi hat zwar das mildere Klima, das Hugo an Russland reizt, doch Schubert empfindet das Umfeld noch immer als zu roh und zu wenig entwickelt. Für ihn wirkt vieles eher wie eine Art wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wildwest-Zustand.

Er sieht dort nicht die langfristige Stabilität und Verlässlichkeit, die Hugo für einen dauerhaften Lebensmittelpunkt braucht.

Schubert kommt deshalb aus Russland zurück und unterstützt Steinhöfels Skepsis deutlich stärker als vorher.

Kambodscha fällt bei ihm praktisch sofort durch.

Das Klima empfindet er als tropisch, schwer und extrem schwül.

Noch wichtiger ist für ihn aber die Atmosphäre.

Er findet das Land für Hugo schlicht völlig ungeeignet.

Es gibt für ihn zu wenig von dem internationalen Leben, dem gesellschaftlichen Umfeld und den Möglichkeiten, die Hugo von Monaco gewohnt ist.

Schubert glaubt, dass Hugo sich dort sehr schnell langweilen würde.

Manama ist deutlich interessanter.

Bahrain wirkt internationaler, moderner und gesellschaftlich lebendiger.

Schubert sieht dort hochwertige Hotels, Restaurants, Banken und eine echte Ausgeh- und Partyszene.

Er versteht sofort, warum Steinhöfel den Standort überhaupt auf die Liste gesetzt hat.

Aber gerade bei Hugos Privatleben sieht er ein grundsätzliches Problem.

Dass europäische Frauen in Bahrain in internationalen Hotels und entsprechenden gesellschaftlichen Kreisen relativ frei auftreten können, reicht für Hugo nicht aus.

Schubert kann sich schlicht nicht vorstellen, dass Hugo dort seinen Lebensstil so führt, wie er ihn aus Monaco kennt.

Für ihn wäre das langfristig ein ständiger Konflikt mit dem gesellschaftlichen Umfeld.

Deshalb lautet sein Urteil:

Als Ort zum Besuchen und Feiern interessant.

Als dauerhafter Lebensmittelpunkt für Hugo ungeeignet.

Auch das Klima bleibt ein erheblicher Minuspunkt.

Panama überzeugt Schubert ebenfalls nicht.

Er empfindet das Klima als zu heiß und vor allem zu schwül.

Der Finanzplatz ist interessant, die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind vorhanden, aber Schubert kann sich Hugo dort nicht dauerhaft vorstellen.

Bei Venezuela fällt sein Urteil noch deutlicher aus.

Das Land wirkt auf ihn während seiner Reise bereits schlechter, als es auf dem Papier ausgesehen hatte.

Die politischen Veränderungen unter Chávez gefallen ihm überhaupt nicht.

Er bekommt zunehmend das Gefühl, dass Steinhöfel mit seiner Skepsis richtigliegt.

Für Schubert ist die politische Richtung zu schwer vorhersehbar und das Land gleichzeitig klimatisch ebenfalls zu heiß und zu schwül.

Nach seinem Besuch unterstützt er deshalb Steinhöfels Meinung:

Venezuela sollte Hugo nicht als dauerhaften Lebensmittelpunkt wählen.

Während die Standortsuche läuft, entstehen allerdings erneut Probleme in den Vereinigten Staaten.

Hugo hat früh gegen Enron gewettet.

Für sich betrachtet wäre das nichts Außergewöhnliches.

Aber Hugo steht nach seinen ungewöhnlich profitablen Positionen rund um den 11. September bereits im Blick amerikanischer Ermittler.

Und nun passiert wieder etwas Ähnliches:

Noch bevor eines der größten amerikanischen Unternehmen zusammenbricht, steht Hugo bereits auf der richtigen Seite des Trades.

Die Amerikaner interessieren sich erneut dafür, warum dieser junge deutsche Händler offensichtlich immer wieder früh erkennt, dass bei großen amerikanischen Unternehmen etwas nicht stimmt.

Wieder muss sein Umfeld Unterlagen liefern.

Wieder werden Handelsentscheidungen geprüft.

Wieder stellt sich die Frage, ob Hugo lediglich außergewöhnlich gut analysiert oder ob irgendwo Informationen zu ihm gelangen, die er nicht besitzen dürfte.

Auch diesmal findet sich nichts, was ihm einen illegalen Informationsvorsprung nachweisen würde.

Hugo hatte gegen Enron gewettet, weil er dem Unternehmen und seinen Zahlen nicht vertraut hatte.

Aber für ihn bedeutet das erneut:

Die Amerikaner sind wieder da.

Und trotzdem bleibt er zunächst in Monaco.

Zum einen läuft sein Geschäft dort hervorragend.

Zum anderen beschäftigt ihn die Börse stärker als die Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Solange immer neue Chancen entstehen, findet Hugo genügend Gründe, die Entscheidung über einen Umzug noch etwas weiter hinauszuschieben.

Dann kommt WorldCom.

Auch dort gehört Hugo zu denen, die früh auf fallende Kurse setzen.

Im Juni 2002 wird öffentlich, dass WorldCom seine Zahlen massiv manipuliert hat. Das Unternehmen muss Milliardenbeträge korrigieren, und am 21. Juli 2002 folgt die Insolvenz.

Und wieder hat Hugo verdient.

Damit wiederholt sich für ihn innerhalb kürzester Zeit dasselbe Muster:

  1. September.

Enron.

WorldCom.

Dreimal entstehen außergewöhnlich profitable Positionen in Situationen, bei denen amerikanische Behörden anschließend wissen wollen, warum Hugo so früh richtiglag.

Für Hugo ist WorldCom deshalb beinahe der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Es geht ihm inzwischen gar nicht mehr ausschließlich darum, ob die einzelnen Ermittlungen berechtigt sind oder ob sie irgendwann eingestellt werden.

Er hat schlicht keine Lust mehr darauf, bei jedem außergewöhnlich erfolgreichen amerikanischen Trade erneut erklären zu müssen, woher seine Informationen stammen.

Damit verändert sich seine Haltung zum Wegzug.

Zum ersten Mal ist nicht mehr Steinhöfel derjenige, der Hugo davon überzeugen muss, überhaupt über einen anderen Lebensmittelpunkt nachzudenken.

Hugo selbst will jetzt eine Lösung.

Nur hat die bisherige Suche auch gezeigt, dass keiner der großen Kandidaten wirklich passt.

Russland bietet ihm niedrige Steuern, Distanz zu amerikanischen Behörden und genau den Frauentyp, den Hugo bevorzugt, ist Steinhöfel und inzwischen auch Schubert aber politisch und rechtlich zu unberechenbar.

Dubai und Bahrain bieten steuerliche Vorteile und internationales Leben, aber das Klima und die ständige Einreisebürokratie für Frauen aus Osteuropa stören Hugo erheblich.

Kambodscha ist ihm zu abgelegen und zu rechtlich unsicher.

Venezuela ist politisch zu schwer vorhersehbar.

Panama ist wirtschaftlich interessant, aber für Hugo zu eng mit den Vereinigten Staaten verbunden.

Genau an diesem Punkt verändert Steinhöfel die Fragestellung.

Bis dahin hatten Hugo und teilweise auch Michael versucht, einen einzigen Staat zu finden, der alles gleichzeitig leisten sollte:

Hugos privaten Lebensmittelpunkt.

Sein gesellschaftliches Leben.

Sein Investmentgeschäft.

Die Unternehmensführung.

Seinen Vermögensschutz.

Niedrige Steuern.

Rechtssicherheit.

Und möglichst wenig politische Risiken.

Steinhöfel hält diese Suche inzwischen für falsch.

Warum, fragt er Hugo, müsse all das überhaupt im selben Land stattfinden?

Hugo braucht nicht den einen perfekten Ort.

Er braucht eine Struktur.

Damit bringt Steinhöfel erstmals eine Kombination ins Gespräch:

Jersey für Hugo selbst.

Die Isle of Man für die Investmentgesellschaft.

Hugo reagiert auf Jersey zunächst keineswegs begeistert.

Die Insel besitzt nicht den exotischen Reiz von Russland.

Sie hat nicht das Wetter des Mittelmeers.

Sie ist nicht Dubai.

Sie ist nicht Monaco.

Steinhöfel erklärt ihm jedoch, dass genau darin ein Teil des Vorteils liegt.

Jersey ist politisch stabil.

Das Rechtssystem ist berechenbar.

Die Insel ist seit langer Zeit an große internationale Vermögen gewöhnt.

Banken, Anwälte und Vermögensstrukturen gehören dort zum normalen wirtschaftlichen Umfeld.

Hugo wäre dort reich, ohne allein deshalb eine Sensation zu sein.

Gleichzeitig ist Jersey nah genug an Großbritannien und Kontinentaleuropa, dass Hugo nicht am Ende der Welt lebt.

Dann stellt Hugo die Frage, die für ihn entscheidend ist:

„Und die Frauen?“

Steinhöfel weiß sofort, worauf Hugo hinauswill.

Hugo will wissen, ob Russinnen und Ukrainerinnen problemlos nach Jersey kommen können.

Vor allem geht es ihm nicht nur um Frauen, die ihn für einige Tage besuchen.

Wenn er sich dort dauerhaft niederlässt, will er die Möglichkeit haben, Frauen, mit denen er länger zusammenleben möchte oder die tatsächlich für ihn arbeiten sollen, auch entsprechend nach Jersey zu holen.

Steinhöfel erklärt ihm, dass genau das bei Jersey organisierbar ist.

Russinnen und Ukrainerinnen können dorthin reisen.

Und wenn Hugo Frauen auf Jersey tatsächlich beschäftigen möchte, können Einreise, Aufenthalt und die notwendigen Arbeitsformalitäten ordentlich über Verträge und die entsprechenden Genehmigungen geregelt werden.

Steinhöfel sagt ihm sinngemäß:

„Wenn Sie Russinnen oder Ukrainerinnen nach Jersey holen wollen, bekommen wir das organisiert. Und wenn Sie die Frauen dort beschäftigen wollen, regeln wir auch das. Sie brauchen saubere Verträge und die entsprechenden Anträge. Aber daran wird Jersey nicht scheitern.“

Für Hugo ist diese Antwort wesentlich wichtiger, als Steinhöfel zunächst erwartet hatte.

Genau dieses Problem hatte ihn bei Dubai und Bahrain gestört.

Er will nicht an einem Ort leben, an dem jede Frau aus Osteuropa erst zu einem kleinen Einwanderungsprojekt wird.

Er will wissen:

Kann sie kommen?

Kann sie bleiben?

Und wenn sie tatsächlich für ihn arbeitet:

Kann das sauber geregelt werden?

Bei Jersey lautet Steinhöfels Antwort grundsätzlich:

Ja.

Damit wird Jersey für Hugo plötzlich ernsthaft interessant.

Denn damit erfüllt die Insel mehrere Bedingungen gleichzeitig.

Rechtssicherheit.

Ein verlässliches Finanzumfeld.

Steuerliche Attraktivität.

Nähe zu Europa.

Diskretion.

Ein Klima, mit dem Hugo leben kann.

Und die Möglichkeit, Russinnen und Ukrainerinnen sowohl für Besuche als auch bei einer tatsächlichen Beschäftigung ohne die von ihm gefürchteten dauernden organisatorischen Schwierigkeiten nach Jersey zu holen.

Für Steinhöfel ist allerdings ebenso wichtig, dass Hugo dort nicht gleichzeitig seine gesamte Investmentgesellschaft führt.

Genau deshalb kommt die Isle of Man ins Spiel.

Steinhöfel schlägt vor, die Investmentgesellschaft dort anzusiedeln.

Die Isle of Man besitzt ein eigenes Steuer- und Rechtssystem und ist für eine international tätige Investmentgesellschaft steuerlich wesentlich interessanter als viele der zuvor geprüften Standorte.

Für Hugo ist aber entscheidend, dass diese Konstruktion tatsächlich funktioniert und nicht lediglich auf dem Papier besteht.

Steinhöfel macht ihm deshalb klar:

Wenn die Investmentgesellschaft auf der Isle of Man sitzt, dann muss sie dort auch wirklich geführt werden.

Es reicht nicht, ein Schild an eine Tür zu hängen und sämtliche Entscheidungen von Hugos Schreibtisch auf Jersey aus zu treffen.

Die Gesellschaft benötigt auf der Isle of Man eigene Büros.

Sie benötigt Personal – und Hugo schafft dafür von Anfang an die notwendige Infrastruktur. Da ihm nicht erlaubt wird, auf dem privaten Grundstück von Bellaventra genügend Parkplätze für die große Zahl seiner Angestellten zu errichten, entwickelt er auf Jersey ein eigenes Wohn- und Transportsystem für das Personal. An mehreren Standorten der Insel lässt er insgesamt rund 500 Angestelltenwohnungen errichten, für deren Bau er 302 Millionen Euro aufwendet. Die dort wohnenden Mitarbeiter werden vor Beginn ihrer jeweiligen Schicht mit Shuttlebussen an den verschiedenen Wohnstandorten abgeholt, nach Bellaventra gebracht und nach dem Ende ihrer Schicht wieder zurückgefahren. Dadurch benötigt Bellaventra erheblich weniger Parkplätze für private Fahrzeuge. Die Bereitstellung des zusätzlichen Wohnraums, die damit verbundenen Investitionen und die neu geschaffenen Arbeitsplätze sind zugleich wesentliche Gründe dafür, dass die Behörden Hugos außergewöhnlich umfangreiche Bauvorhaben auf Jersey unterstützen. Auf der Isle of Man entsteht eine eigenen Bürokomplex mit zunächst etwa 16.000 Quadratmetern errichten, in dem die operative Unternehmensführung, die Strategen, Analysten und die wachsende Verwaltung untergebracht werden. Mit dem weiteren Wachstum der Gesellschaft reicht selbst diese Größenordnung später nicht mehr aus: Zwischen 2008 und 2010 lässt Hugo den Bürokomplex auf der Isle of Man nochmals erheblich erweitern.

Und die laufende Geschäftsführung muss tatsächlich dort stattfinden.

Hugo kann Eigentümer beziehungsweise Mehrheitsgesellschafter bleiben.

Er kann bei den großen strategischen Entscheidungen weiterhin das letzte Wort haben.

Aber die tägliche Führung der Gesellschaft muss auf der Isle of Man liegen.

Genau deshalb wird auch Hugos engster Kreis aufgeteilt.

Michael Schubert, Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi ziehen auf die Isle of Man.

Michael übernimmt dort zunehmend die geschäftsführende und organisatorische Verantwortung.

Whitmore, Mehta und Farhadi bilden weiterhin den fachlichen Kern des Investmentteams.

Sie analysieren Märkte.

Sie entwickeln Ideen.

Sie prüfen Hugos Annahmen.

Und sie widersprechen ihm weiterhin, wenn sie seine Einschätzung für falsch halten.

Die operative Investmentgesellschaft befindet sich damit tatsächlich auf der Isle of Man.

Die Menschen, die sie führen, leben dort.

Die Büros befinden sich dort.

Das Personal arbeitet dort.

Und die täglichen Unternehmensentscheidungen werden dort getroffen.

Hugo selbst zieht dagegen nach Jersey.

Mit ihm gehen Claire Hartmann und Laurent Demas.

Claire bleibt die Person, die seinen persönlichen Alltag, Termine, Reisen und einen erheblichen Teil der unmittelbaren Organisation um Hugo herum koordiniert.

Demas muss ebenfalls bei Hugo auf Jersey leben, weil seine Aufgabe nicht die Führung der Investmentgesellschaft ist, sondern Hugos persönlicher Schutz und der Aufbau seiner Sicherheitsstruktur.

Damit entsteht eine klare Trennung:

Jersey ist Hugos privater Lebensmittelpunkt.

Die Isle of Man ist der Mittelpunkt seines Investmentgeschäfts.

Für Hugo ist diese Konstruktion zunächst ungewohnt.

Er hatte immer versucht, alles selbst zu überblicken.

Jetzt akzeptiert er erstmals bewusst, dass nicht jeder Teil seines Lebens am selben Ort stattfinden muss.

Und genau diese Trennung gefällt ihm zunehmend.

Klare Zuständigkeiten.

Klare Orte.

Keine unnötige Vermischung.

Steinhöfel beschäftigt sich anschließend mit einer weiteren Frage:

Wie finanziert Hugo künftig eigentlich sein privates Leben?

Ein erheblicher Teil von Hugos Vermögen soll in der Investmentgesellschaft beziehungsweise in Wertpapieren und Beteiligungen weiterarbeiten.

Hugo möchte sich deshalb nicht ständig Hunderte Millionen Euro ausschütten lassen, nur weil er privat ein Haus, Kunst, Fahrzeuge oder andere Dinge kaufen will.

Steinhöfel entwickelt dafür keine völlig neue Idee.

Hugo kennt das Prinzip bereits aus seiner Zeit bei der DHK Bank.

Schon damals hatte die Bank ihm Kredite gegen vorhandene Wertpapiere beziehungsweise sein Depot gewährt.

Jetzt wird dasselbe Prinzip lediglich in einer völlig anderen Größenordnung fortgesetzt.

Hugo kann Wertpapiere und Beteiligungen bei einer Bank als Sicherheit hinterlegen.

Die Bank gewährt ihm darauf einen Kredit.

Das bedeutet:

Hugo muss die Vermögenswerte nicht verkaufen.

Er muss sich nicht ständig große Gewinne aus seiner Investmentgesellschaft ausschütten lassen.

Das Kapital kann weiter investiert bleiben.

Und Hugo besitzt trotzdem die notwendige private Liquidität.

Wichtig ist dabei die klare Trennung:

Nicht die eigene Investmentgesellschaft leiht Hugo ständig privat Geld.

Stattdessen erhält er Kredite von unabhängigen Banken, abgesichert durch seine Wertpapiere und Beteiligungen.

Für Hugo ist das logisch.

Solange die erwartete Rendite seiner Vermögenswerte langfristig höher liegt als die Finanzierungskosten des Kredits, sieht er keinen Grund, Vermögen zu verkaufen, nur um private Ausgaben bar zu bezahlen.

Auch die DHK Bank kann in dieser Struktur weiterhin eine Rolle spielen.

Sie kennt Hugo seit vielen Jahren.

Sie kennt seine Handelsgeschichte.

Sie kennt seine Vermögenswerte.

Sie kennt seine Risikobereitschaft.

Und sie hat bereits früher mit ihm Kreditgeschäfte gemacht.

Später können weitere Banken hinzukommen.

Das Prinzip bleibt gleich.

Hugo lässt sein Geld arbeiten und leiht sich gegen seine Vermögenswerte die private Liquidität, die er benötigt.

2002 – Bellaventra

Nachdem die grundsätzliche Entscheidung für Jersey gefallen ist, beginnt Hugo 2002 nach einem geeigneten Grundstück zu suchen.

Er will keinen Wohnblock.

Kein Hotel.

Keinen riesigen Firmenkomplex.

Und auch keine künstliche Stadt für sein Personal.

Er möchte ein eigenes, außergewöhnlich großes und hochwertiges Herrenhaus.

Schließlich erwirbt Hugo auf Jersey rund 11 Hektar Land. Einmal 8 Hektar und 3 Hektar. 

Auf diesem Grundstück lässt er Bellaventra errichten.

Das Haus soll nicht wie eine moderne Glasvilla wirken.

Ebenso wenig soll es eine Kopie eines französischen Schlosses werden.

Hugo entscheidet sich für ein burgartig wirkendes Herrenhaus im Jersey-Granitstil.

Der für Jersey typische Granit bestimmt einen wesentlichen Teil der äußeren Erscheinung.

Das Haus soll schwer, dauerhaft und fast zeitlos wirken.

Nicht wie ein Gebäude, das lediglich deshalb extravagant gestaltet wurde, weil sein Eigentümer sehr reich ist.

Hugo gefällt die Vorstellung, dass Bellaventra auch Jahrzehnte später noch so wirken könnte, als gehöre es selbstverständlich an diesen Ort.

Das Haupthaus umfasst ungefähr 4.500 Quadratmeter Wohnfläche.

Hinzu kommt ein außergewöhnlich großer Spa- und Wellnessbereich von rund 4.000 Quadratmetern.

Bellaventra ist damit gewaltig.

Aber es bleibt ein privates Herrenhaus.

Die Größe entsteht nicht mehr daraus, dass dort zwanzig oder dreißig Frauen dauerhaft in einer eigenen komplizierten Wohnstruktur untergebracht werden müssen.

Diese alte Konstruktion wird nicht benötigt.

Auch die Investmentgesellschaft braucht auf Bellaventra keine eigene Unternehmenszentrale.

Sie sitzt schließlich auf der Isle of Man.

Bellaventra ist Hugos Zuhause.

Für den Erwerb des rund 20 Hektar großen Grundstücks und die Errichtung des gesamten Anwesens stellt Hugo insgesamt 225 Millionen Euro bereit.

In diesem Betrag liegen der Grundstückserwerb, der Bau, die technische Ausstattung, der hochwertige Innenausbau, die Außenanlagen und die für das Anwesen notwendige Sicherheitsinfrastruktur.

Demas beginnt bereits während der Planung, das Grundstück aus seiner eigenen Perspektive zu betrachten.

Für ihn ist nicht nur das Haus wichtig.

Entscheidend ist der Abstand zwischen Hugo und der Außenwelt.

Ein zwanzig Hektar großes Grundstück gibt ihm Möglichkeiten, die er in Monaco kaum hatte.

Sicherheit kann nun in mehreren Ebenen aufgebaut werden.

Die Grundstücksgrenze bildet die erste.

Kontrollierte Zufahrten eine weitere.

Der Bereich unmittelbar um das Haus eine weitere.

Und schließlich das Gebäude selbst.

Demas will dabei nicht, dass Bellaventra von außen wie ein Hochsicherheitsgefängnis aussieht.

Der Schutz soll möglichst in das Grundstück, die Wege, die Landschaft und die Organisation des Hauses integriert werden.

Hugo gefällt dieser Gedanke.

Er will geschützt sein.

Aber er will nicht jeden Morgen aus dem Fenster sehen und daran erinnert werden, dass er geschützt werden muss.

Die Umzüge

Für Hugos engsten Kreis bedeutet die neue Struktur einen erheblichen Einschnitt.

Michael Schubert, Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi sollen nicht einfach für einige Monate auf der Isle of Man arbeiten.

Sie sollen dort tatsächlich leben.

Nur dadurch ist die von Steinhöfel entwickelte Trennung glaubwürdig und dauerhaft.

Sie müssen ihre bisherigen Wohnungen oder Häuser aufgeben.

Sie müssen Immobilien auf der Isle of Man erwerben oder bauen.

Sie müssen ihren privaten Lebensmittelpunkt verlagern.

Und ihre Familien beziehungsweise ihr persönliches Umfeld müssen sich ebenfalls auf die neue Situation einstellen.

Hugo stellt ihnen deshalb insgesamt 45 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Mittel sollen ihnen ermöglichen, auf der Isle of Man Grundstücke oder bestehende Immobilien zu erwerben, eigene Häuser zu bauen, ihre Umzüge zu finanzieren und dort einen neuen Lebensmittelpunkt aufzubauen.

Formal handelt es sich um Kredite.

Die Verträge werden entsprechend ausgestaltet.

Hugo fordert diese Kredite später jedoch niemals zurück.

Für ihn gehört dieses Geld zu den Kosten der Entscheidung, die er selbst getroffen hat.

Wenn er von Menschen verlangt, ihr gesamtes Leben zu verändern, damit seine Gesellschaft auf der Isle of Man tatsächlich geführt werden kann, will er nicht gleichzeitig von ihnen erwarten, dass sie diesen Umzug aus eigener Tasche finanzieren.

Bei Claire Hartmann und Laurent Demas gilt dasselbe.

Sie ziehen mit Hugo nach Jersey.

Auch sie müssen dort Immobilien erwerben oder bauen und ihr Leben neu organisieren.

Hugo stellt Claire Hartmann und Laurent Demas dafür zusammen weitere 10 Millionen Euro zur Verfügung.

Auch dieses Geld soll Grundstücke oder Immobilien, Baukosten, Umzug und den Aufbau eines neuen Lebens auf Jersey ermöglichen.

Formal handelt es sich ebenfalls um Kredite.

Und auch diese fordert Hugo später nicht zurück.

Damit entsteht die dauerhafte Aufteilung:

Jersey

Hugo Voss.

Claire Hartmann.

Laurent Demas.

Isle of Man

Michael Schubert.

Alexander Whitmore.

Dr. Arjun Mehta.

Dr. Leila Farhadi.

Die Trennung ist gewollt.

Hugo lebt auf Jersey.

Demas schützt ihn dort.

Claire organisiert seinen unmittelbaren persönlichen Alltag.

Die Investmentgesellschaft wird dagegen von der Isle of Man aus geführt.

Michael, Whitmore, Mehta und Farhadi befinden sich dort.

Damit sind privater Wohnsitz und operative Unternehmensführung tatsächlich voneinander getrennt.

Die Kunstsammlung

Parallel zum Aufbau Bellaventras beginnt Hugo, erhebliche Summen in Kunst zu investieren.

Bis dahin hat Kunst für ihn zwar bereits eine Rolle gespielt, aber noch nicht in dem Umfang, der später für Bellaventra typisch wird.

Das neue Haus verändert das.

Hugo besitzt nun erstmals einen Ort, an dem eine große Sammlung tatsächlich dauerhaft präsentiert werden kann.

Gleichzeitig betrachtet er Kunst nicht ausschließlich als Dekoration.

Sie wird für ihn auch ein eigener Vermögensbereich.

Im Jahr 2002 investiert Hugo rund 100 Millionen Euro in Kunst.

Ein Teil der Werke ist für Bellaventra bestimmt.

Andere Werke werden professionell eingelagert.

Hugo kauft nicht nur danach, ob ein bestimmtes Bild an eine bestimmte Wand passt. Er beginnt vielmehr, eine Sammlung aufzubauen.

Im Jahr 2003 investiert er weitere 100 Millionen Euro in Kunst.

Innerhalb dieser beiden Jahre fließen damit insgesamt rund 200 Millionen Euro in den Aufbau seiner Kunstsammlung.

2003 – der endgültige Wechsel

2003 wird aus der Planung endgültig eine neue Lebensstruktur.

Hugo verlegt seinen privaten Lebensmittelpunkt nach Jersey.

Bellaventra wird sein Zuhause.

Claire Hartmann und Laurent Demas leben ebenfalls auf Jersey.

Die Investmentgesellschaft sitzt dagegen auf der Isle of Man.

Michael Schubert, Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi leben dort und führen gemeinsam mit dem wachsenden Mitarbeiterstab das operative Geschäft.

Michael übernimmt zunehmend die geschäftsführende und organisatorische Verantwortung.

Whitmore, Mehta und Farhadi bleiben die fachlichen Gegenpole zu Hugo.

Sie analysieren.

Sie prüfen.

Sie widersprechen.

Sie entwickeln eigene Ideen.

Und sie sollen Hugo weiterhin sagen, wenn sie glauben, dass er falschliegt.

Hugo bleibt Eigentümer beziehungsweise Mehrheitsgesellschafter der Gesellschaft.

Bei den wirklich großen wirtschaftlichen Entscheidungen behält er das letzte Wort.

Aber die tägliche Geschäftsführung findet nicht in Bellaventra statt.

Sie findet auf der Isle of Man statt.

Das ist steuerlich gewollt.

Es ist gesellschaftsrechtlich gewollt.

Und inzwischen gefällt es Hugo auch persönlich.

Wenn er auf Jersey ist, befindet er sich zu Hause.

Natürlich liest er dort weiterhin Analysen.

Natürlich spricht er mit Michael und dem Team.

Natürlich denkt er täglich über Märkte nach.

Aber Bellaventra ist nicht einfach eine besonders luxuriöse Firmenzentrale.

Es ist sein privater Lebensmittelpunkt.

Damit endet eine Suche, die ursprünglich mit der Frage begonnen hatte, wohin Hugo nach Monaco überhaupt gehen könnte.

Russland hatte ihn wegen Sotschi, der niedrigen Steuern, der fehlenden amerikanischen Auslieferungsvereinbarung und der Russinnen und Ukrainerinnen gereizt.

Steinhöfel hielt den Staat für langfristig zu unberechenbar.

Dubai und Bahrain waren steuerlich interessant und boten internationales Leben.

Hugo störten die extreme Hitze und die organisatorischen Schwierigkeiten bei der Einreise osteuropäischer Frauen.

Kambodscha war zu abgelegen und zu wenig berechenbar.

Venezuela besaß zwar Küste, Städte und einen Lebensstil, den Hugo grundsätzlich interessant fand, aber Chávez und die politische Entwicklung beunruhigten Steinhöfel und Michael.

Panama war als Finanzplatz attraktiv, doch Hugos Misstrauen gegenüber der amerikanischen Präsenz war dort besonders ausgeprägt.

Keiner dieser Orte löste alle Probleme.

Jersey tut das ebenfalls nicht allein.

Genau darin liegt am Ende Steinhöfels entscheidende Idee.

Er versucht nicht länger, einen einzigen Staat zu finden, der alles können muss.

Er trennt die Funktionen.

Jersey gibt Hugo einen stabilen privaten Lebensmittelpunkt, ein verlässliches Rechts- und Finanzumfeld und vor allem die Möglichkeit, sein tatsächliches Privatleben weiterzuführen. Russinnen und Ukrainerinnen können nach Jersey kommen; wenn Hugo sie dort tatsächlich beschäftigen will, können Aufenthalt und Arbeit entsprechend organisiert werden.

Dieser Punkt ist für Hugo entscheidend.

Denn ein steuerlich perfekter Wohnort wäre für ihn nutzlos, wenn sein tatsächliches Leben dort ständig an Einreise- und Aufenthaltsproblemen scheitert.

Die Isle of Man übernimmt dagegen die Funktion, die Hugo privat nicht auf Jersey braucht: Sie wird der tatsächliche Sitz seiner Investmentgesellschaft.

Michael Schubert, Alexander Whitmore, Dr. Arjun Mehta und Dr. Leila Farhadi führen das Unternehmen von dort.

Die Büros befinden sich dort.

Das Personal arbeitet dort.

Die operative Geschäftsführung findet dort statt.

Und Hugo selbst muss trotzdem nicht auf der Isle of Man leben.

Seinen privaten Geldbedarf deckt er zunehmend über Bankkredite, die durch seine Wertpapiere und Beteiligungen abgesichert sind.

Er muss dadurch nicht ständig große Vermögenswerte verkaufen oder sich hohe Gewinne aus der Investmentgesellschaft ausschütten lassen.

Das Kapital bleibt investiert.

Hugo bleibt Eigentümer.

Die Bank stellt Liquidität bereit.

Und auf zwanzig Hektar Land auf Jersey entsteht das burgartig wirkende Herrenhaus aus Jersey-Granit, das zum Mittelpunkt seines privaten Lebens wird.

Bellaventra.