Mara Kapitel
Kapitel 4
Mara wachte kurz vor dem Wecker auf. Von draußen drang das gedämpfte Rollen eines Autos herein, irgendwo schlug eine Tür, dann Schritte auf dem Gehweg. Die Geräusche eines beginnenden Morgens, noch vereinzelt, aber nah genug, um sie daran zu erinnern, dass sie mitten in St. Helier wohnte.
In ein paar Stunden würde sie wieder auf Bellaventra sein.
Gestern war sie durch ein schmiedeeisernes Tor gefahren, hatte in einem Körperscanner gestanden und auf einen Mann gewartet, den sie nur von Fotos kannte. Heute frühstückte sie mit ihm.
Sie griff nach dem Handy. Halb sieben. In London wäre sie jetzt im Studio gewesen, vierte Übung, Beine brennend, der Tag noch vor ihr. Hier gab es kein Studio, keine Geräte, kein Gewicht, das sie von sich wegdrücken konnte. Aber es gab ihre Schuhe neben der Tür und eine Straße, die irgendwo ans Meer führte.
Sie zog die Laufsachen an, die sie gestern extra oben auf den Koffer gelegt hatte, trank ein Glas Wasser und verließ die Wohnung.
Draußen war es kühler, als es aussah. Die Morgenluft traf ihre nackten Arme, und sie beschleunigte die ersten Schritte auf dem Gehsteig, um warm zu werden. St. Helier war noch halb im Schlaf. Ein Lieferwagen. Eine Frau mit Hund. An der Ecke wurde gerade ein Café geöffnet, und der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee zog auf die Straße.
Mara lief weiter, erst noch etwas steif von der Nacht. Die Kühle auf der Haut tat gut. Nach den letzten Tagen voller Flughäfen, fremder Zimmer und neuer Gesichter war es angenehm, etwas zu tun, das keine Erklärung brauchte. Einfach laufen.
Erst die Straße hinunter, dann der Wegweiser hinter der Kirche, den sie gestern beim Einkaufen bemerkt hatte, und dann – die Steigung nahm ihr den Atem ein wenig, und sie spürte, wie ihre Beine arbeiteten. Genau das hatte sie gesucht. Die ersten Minuten waren immer die unbequemsten: das Ziehen in den Waden, der Atem, der noch keinen Rhythmus gefunden hatte, die kühle Luft, die in der Lunge brannte. Dann fand ihr Körper hinein. Die Schritte wurden gleichmäßiger. Ihr Atem fand das Tempo. Wärme breitete sich in ihren Oberschenkeln aus, dieses vertraute Arbeiten, an dem sie sich seit Jahren orientierte. Ihre kräftigeren Beine – in London immer noch dieses kleine, halb überwundene Thema – waren hier einfach nur stark. Sie spürte sie bei jedem Schritt, und es gefiel ihr.
Das Meer tauchte überraschend auf. Ende Mai waren die Morgen schon früh hell, und das Wasser stand hoch. Es reichte weit an die Küste heran, glatt und grau im frühen Licht, nur stellenweise von kleinen Wellen aufgebrochen. Mara verlangsamte unwillkürlich ihre Schritte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Draußen auf der kleinen Insel L’Islet thronte Elizabeth Castle über St Aubin’s Bay. Sie hielt das langsamere Tempo einen Moment, den Blick aufs Wasser gerichtet, und merkte, wie sie lächelte. Der Wind fuhr ihr durchs Haar, kühlte die feuchte Haut an ihrem Nacken. Dann lief sie weiter, jetzt mit dem Meer neben sich.
Ihr Körper wurde heiß. Eine erste Feuchtigkeit sammelte sich an ihrem Rücken, am Haaransatz. Das Oberteil klebte an einer Stelle an der Haut. Sie strich es mit zwei Fingern von ihrem Bauch weg, ohne langsamer zu werden, und lachte kurz in sich hinein, weil es sich genau richtig anfühlte. Gefordert. Wach. Und während sie lief, musste sie nirgendwo sein, niemandem zuhören, nichts herausfinden. Der Morgen gehörte ihr.
Und irgendwo zwischen der Küstenstraße und der Abzweigung, die zurück in Richtung Stadt führte, war er plötzlich da.
Nicht Bellaventra. Nicht das Tor, nicht der Brunnen, nichts von dem Gestern, das sie in Bilder zerlegt hatte. Nur seine Stimme. Diese ruhige, etwas tiefere Stimme, mit der er Gut gesagt hatte, als sie ihm erklärt hatte, dass sie auch Dinge finden würde, die ihm nicht gefielen. Und sein Blick. Direkt, aufmerksam, ganz bei ihr, als hätte es in diesem Augenblick nichts gegeben, das ihn sonst interessierte.
Sie lief weiter. Er war einfach da gewesen, so selbstverständlich wie der Wind, und ebenso wieder verschwunden, als eine Steigung ihr den Atem raubte. Irgendwo am Rand registrierte sie es trotzdem: Ausgerechnet er war in diesen Minuten, die niemandem gehörten, in ihren Kopf gekommen. Nicht das Haus, nicht die Sicherheitsschleuse, nicht die Frauen hinter der Fensterscheibe. Er.
Sie sagte sich nicht, was das bedeutete. Sie war warm, ihr Puls war hoch, und die Straße fiel jetzt abwärts. Das genügte.
Zurück in der Wohnung war ihr noch heiß vom Laufen. Sie zog die Tür hinter sich zu, streifte die Schuhe ab und ging direkt ins Bad. Das Handtuch lag dort, wo sie es gestern hingelegt hatte, ihre Sachen hingen im Schrank, der Laptop lag neben dem Notizbuch auf dem Mosaiktisch. Langsam hinterließ sie ihre Spuren in der kleinen Wohnung.
Acht Wochen hatte sie gebucht. Gestern war ihr das wie eine abstrakte Zahl vorgekommen. Heute war es schon ein wenig mehr als eine Unterkunft. Ein Ort, von dem aus sie morgens einfach loslaufen konnte.
Sie zog die verschwitzten Sachen aus und stellte das Wasser so warm, wie sie es vertrug.
Die Dusche war klein, aber der Strahl war stark. Das Wasser traf ihren Nacken, lief über Schultern und Rücken, und sie stellte sich mit dem Gesicht in den Strahl und gab ihrem Körper einen Moment, das Nachbeben des Laufens abklingen zu lassen. Sie spürte ihre Oberschenkel beim Einseifen deutlicher als sonst, die Waden, diese angenehme Schwere. Nichts davon war Show. Niemand sah sie. Sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und war einfach eine Frau unter einer Dusche auf einer Insel, auf der sie erst vorgestern angekommen war.
Danach stand sie mit dem Handtuch vor dem kleinen Spiegel, rieb ihr Haar halb trocken und cremte sich ein. Gesicht, Arme, Beine – dieselben Handgriffe wie zu Hause, beinahe automatisch. Sie föhnte die Haare, ließ sie offen über die Schultern fallen und betrachtete sich kurz. Die Haut noch warm von der Dusche, die Wangen leicht gerötet vom Laufen. Ihr Blick im Spiegel war wach. Sie gefiel sich so. Mara lächelte ihrem Spiegelbild kurz zu. Ja, dachte sie. So konnte der Tag anfangen.
Beim Anziehen nahm sie sich mehr Zeit. Sie legte zwei Blusen aufs Bett, den dunklen Rock daneben. Nahm die erste, zog sie an, betrachtete sich im Spiegel und zog sie wieder aus. Eigentlich hatte nichts gegen sie gesprochen.
Bei der zweiten blieb ihr Blick länger hängen. Sie ließ den Hals etwas offener, und ihre Schultern wirkten darin anders. Weiblicher, dachte sie, und musste über sich selbst lächeln.
Sie zog den Rock an, strich den Stoff über ihre Hüften glatt und drehte sich ein wenig zur Seite. Sah noch einmal hin.
Warum eigentlich?
Weil sie sich wohlfühlen wollte. Natürlich. Mara betrachtete sich noch einen Moment. Die Bluse saß gut. Der Rock auch.
Und Hugo würde sie darin sehen.
Der Gedanke kam so beiläufig, dass sie beinahe darüber lachen musste.
Sie knöpfte die Manschetten, stellte sich auf die High Heels und sah noch einmal in den Spiegel. Sie sah gut aus. Das wusste sie, ohne falsche Bescheidenheit und ohne sich etwas vorzumachen.
Mara schüttelte lächelnd den Kopf über sich selbst, nahm Tasche, Handy und das dünne Notizbuch und verließ die Wohnung.
Den Weg kannte sie inzwischen. An der engen Stelle hinter der Mauer musste sie wieder bremsen, aber diesmal erschreckte sie die Nähe der Mauer nicht mehr. Sie nahm die Kurve langsam und fuhr weiter. Jersey wurde vertrauter, Stück für Stück, und das gefiel ihr mehr, als sie erwartet hatte.
Kurz bevor sie Bellaventra erreichte, bog eine schwarze V-Klasse aus der Einfahrt auf die Straße. Mara nahm den Fuß vom Gas und ließ den Wagen passieren. Der Fahrer hob kurz die Hand an den Schirm seiner Mütze und formte mit den Lippen ein Danke.
Das Tor stand noch offen. Mara rollte bis davor und hielt an. Einen Moment war sie unsicher, ob sie einfach hineinfahren sollte. Im Rückspiegel sah sie die G-Klassen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und die Männer daneben, dieselben, die gestern schon dort gewesen waren. Einer von ihnen hob die Hand und gab ihr ein kurzes Zeichen weiterzufahren.
Also war das offene Tor für sie bestimmt.
Mara fuhr hindurch, die Zufahrt entlang und am Kreisel geradeaus. Zwischen dem Brunnen und dem Haus kamen ihr zwei Männer vom Wachschutz entgegen. Weiter hinten sah sie ein zweites Paar zwischen den Bäumen. Offenbar waren mehrere Teams gleichzeitig auf dem Gelände unterwegs und patrouillierten über das gesamte Anwesen.
Sie fuhr weiter zum Haus, stellte den Wagen dort ab, wo er gestern gestanden hatte, nahm ihre Sachen und stieg aus.
Mara sah sich um. Niemand wartete auf sie. Keine Lucy, niemand aus dem Team, überhaupt niemand, der aussah, als wäre er ihretwegen hier. Einen Moment blieb sie neben dem Wagen stehen und überlegte, ob sie warten sollte.
Dann kam sie sich lächerlich vor. Sie war schließlich eingeladen.
Sie ging auf den Eingang zu.
Derselbe Butler, der sie gestern empfangen hatte, öffnete ihr die Tür.
„Guten Morgen, Ms Winter.“
Kaum war sie durch die Tür, war er wieder da. Gestern hatte sie noch versucht, die einzelnen Noten auseinanderzuhalten. Heute erkannte sie den Duft einfach.
Bellaventra.
Sie lächelte unwillkürlich. Merkwürdig, wie schnell ein Geruch zu einem Ort gehören konnte. Sie wusste jetzt schon, dass sie irgendwann nur diesen Duft wahrnehmen müsste, und sie wäre wieder hier.
Der Butler führte sie zur Personenkontrolle. Diesmal wusste Mara, was zu tun war. Sie legte die Tasche auf das Band, trat in den Scanner, stellte die Beine leicht auseinander und hob die Arme. Gestern hatte sie über die Prozedur noch lächeln müssen. Heute machte sie einfach mit.
Schon beim zweiten Mal fühlte es sich beinahe selbstverständlich an.
Der Sicherheitsmann nahm ihr Notizbuch vom Tisch und reichte es ihr.
„Hier, Ms Winter.“
„Danke.“
Mara nahm das Notizbuch entgegen und sah ihn einen Moment länger an. Offenbar kannte hier inzwischen jeder ihren Namen. Sie dagegen hätte nicht einmal sagen können, wie der Mann vor ihr hieß. Ein seltsames Ungleichgewicht. Nicht wirklich unangenehm, aber genug, dass sie es bemerkte.
Der Butler wartete bereits auf sie.
„Wenn Sie mir bitte folgen würden. Herr Voss erwartet Sie im privaten Esszimmer.“
Er öffnete die Tür am anderen Ende des Sicherheitsraums und ließ Mara vor sich hindurchtreten.
Also doch. Der Sicherheitsbereich lag direkt neben dem Arbeitszimmer von Milena Bokova.
Wer war diese Frau eigentlich?
Mara hatte sich gestern vorgenommen, den Namen nachzuschlagen, und es tatsächlich vergessen. Das musste sie nachholen.
Der Butler wandte sich nach links, in Richtung Rotunde, und Mara folgte ihm mit ein paar Schritten Abstand. Ihre Absätze klackten über den hellen Stein, jeder Schritt klar und hart unter dem hohen Raum. Sie mochte das Geräusch. Es ließ sie aufrechter gehen, bewusster, und für einen Moment gefiel ihr die Art, wie weiblich sie sich darin fühlte.
Sie durchquerten die Rotunde und gingen diesmal auf der anderen Seite weiter, in den Teil des Hauses, der ihr gestern nur als etwas gedämpfter und dunkler aufgefallen war.
Kaum hatten sie die Rotunde verlassen, fiel ihr Blick durch eine offene Tür. Eine große Bar. Die lange Theke, mehrere Sitzbereiche, davor eine freie Fläche – eine Tanzfläche, dachte Mara – und hinten an der Wand eine richtige Bühne. Drumset, Klavier, Mikrofonstative.
Eine Bühne, dachte sie. Eine Bühne in einem Privathaus.
Gegenüber lag ein weiterer Raum.
„Der Teesalon“, sagte der Butler. „Um vier Uhr wird hier der Tee serviert.“
Natürlich gab es hier um vier Tee. Ob sie wohl auch Gurkensandwiches servierten? Mara hob kurz die Hand vor den Mund, verbarg ein amüsiertes Lächeln und ging weiter.
Weiter den Flur entlang saß ein Mann hinter einem Schreibtisch und arbeitete.
„Unser Concierge“, erklärte der Butler. „Wenn Sie während Ihres Aufenthalts etwas benötigen, können Sie sich jederzeit an ihn wenden.“
Mara nickte und musste lächeln. Butler, jetzt ein Concierge. Menschen, die dafür sorgten, dass es einem an nichts fehlte. Das hier funktionierte wie ein sehr exklusives Hotel – nur für einen Mann, seine Familie und seine Gäste.
Wenige Meter später öffnete sich der Flur zu beiden Seiten. Mara warf einen Blick nach links. Durch eine offene Tür sah sie ein großes Esszimmer: ein langer Tisch, bestimmt zwanzig Plätze, deutlich formeller als alles, was sie bisher gesehen hatte.
Nach rechts zog sich der Korridor weiter.
Erst jetzt begriff sie, wo sie war. Das hier musste der zweigeschossige Anbau sein. Über ihr lagen also die Gästezimmer, von denen Claire gestern gesprochen hatte, und sie hatte diesen Gebäudeteil gestern fälschlicherweise für einen Bürotrakt gehalten.
Der Butler öffnete eine Tür.
„Bitte.“
Mara trat in das private Esszimmer. Deutlich kleiner als der formelle Raum nebenan: ein dunkler ovaler Holztisch für acht, helle Polsterstühle, große Fenster zum Garten. Links von ihr waren breite Schiebetüren vollständig in den Wänden verschwunden und öffneten den Raum zum eigenen Buffetraum. Dort war das Frühstück auf einer langen Theke angerichtet, mehrere Mitarbeiter standen bereit. Frischer Kaffee und warmes Brot dufteten herüber.
An dem Tisch saß Hugo.
Und neben ihm eine Frau.
Er legte die Stoffserviette neben seinen Teller und stand auf, als Mara eintrat. Für einen halben Herzschlag sah sie nur ihn – genauso gepflegt wie gestern, Hemd, offener Kragen, diese ruhige Sicherheit – bevor ihr Blick zur Frau ging.
Sie mochte Mitte zwanzig sein. Schön, sehr schlank, mit heller Haut und schwarzem Haar, das nachlässig zu einem lockeren Knoten gebunden war. Kein Make-up, und offenbar brauchte sie auch keines. Der hochwertige graue Jogginganzug fiel locker um ihren schmalen Körper. Sie saß da, wie man in seinem eigenen Zuhause sitzt, ein Knie bis fast ans Kinn gezogen, die Tasse mit beiden Händen umfasst.
„Guten Morgen, Ms Winter.“
„Guten Morgen, Herr Voss“, erwiderte Mara. Dann wandte sie sich der Frau zu und lächelte. „Hi, ich bin Mara.“
„Stefany“, sagte sie mit einem Lächeln.
Hugo sah zwischen den beiden hin und her. „Dann bin ich Hugo.“
Ein kleines, keckes Lächeln zog über Maras Mund. „Das hatte ich schon vermutet.“
Der Butler zog ihr den Stuhl zurück. Hugo wartete, bis sie Platz genommen hatte, bevor auch er sich setzte.
Um seine Lippen zeigte sich dieses minimale Zucken, das bei ihm so viel war wie ein Lachen. Mara und Hugo. Gestern noch Ms Winter und Herr Voss, und jetzt saß sie in seinem Haus beim Frühstück und war Mara. Die Distanz zwischen ihnen war um genau einen Vornamen geschrumpft. Und sie merkte, dass ihr das gefiel.
„Woher kommst du?“, fragte Mara lächelnd.
„Sankt Petersburg. Russland“, sagte Stefany akzentfrei.
Der Butler trat neben sie und nahm ihre leere Teetasse. Stefany unterbrach das Gespräch nicht einmal.
„Noch einen, bitte“, sagte sie beiläufig und sah weiter Mara an.
„Und du bleibst acht Wochen?“
„Erst einmal nur zwei. Aber ich komme wieder.“
Stefany nickte. Der Butler stellte die frisch gefüllte Tasse vor ihr ab.
„Danke“, sagte Stefany zu ihm und wandte sich wieder Mara zu. „Dann sehen wir uns wohl öfter.“
Sie schob ihren Stuhl ein Stück zurück. Noch bevor sie richtig aufstehen konnte, trat der Butler hinter sie, fasste an die Rückenlehne und zog den Stuhl weiter zurück.
Stefany erhob sich, schenkte Mara noch ein Lächeln und ging hinüber zum Buffet.
Mara sah Stefany nach, bis sie im Buffetraum verschwand, und wandte sich wieder Hugo zu. Sein Blick lag auf ihr, ruhig und aufmerksam, und für einen Moment fragte sie sich, wie lange er sie schon angesehen hatte.
„Möchtest du Kaffee, Tee oder Wasser?“
„Wasser, bitte“, sagte Mara nach einem kurzen Moment.
Hugo gab dem Butler ein kaum sichtbares Zeichen. Der Mann trat heran.
„Wasser, bitte.“
Hugo lächelte nur leicht.
Es war nichts. Ein Blick, ein Glas Wasser, ein paar Worte. Trotzdem war ihr auf einmal wieder sehr bewusst, dass sie heute Morgen zweimal die Bluse gewechselt hatte.
In diesem Moment ging die Tür auf und eine junge Frau kam herein.
Sie war etwas größer als Stefany und ebenfalls schlank, wirkte aber zierlicher, mit schmalen Schultern und langen, sehr schlanken Beinen. Ihr langes dunkelblondes Haar hatte sie zu einem festen Zopf gebunden. Sie trug schwarze Leggings und ein kurzes Sporttop, das einen Streifen ihres flachen Bauchs freiließ. Die Leggings zeichneten ihre sanft gerundeten Hüften nach, das Top ihre mittelgroße, weich gerundete Brust. Der lange Hals und die deutlich sichtbaren Schlüsselbeine verstärkten den zierlichen Eindruck.
Mara ließ den Blick unwillkürlich einmal über sie gleiten. Sie verglich. Natürlich verglich sie. Figur, Hüften, Bauch, dann das Gesicht. Schmal und leicht länglich, hohe Wangenknochen, ein feines Kinn, helle Haut. Ihre Augen waren so hell, dass Mara im ersten Moment nicht wusste, ob sie blau oder grau waren.
Jung. Sehr jung. Achtzehn, vielleicht neunzehn. Und verdammt hübsch.
Hugo stand auf, als sie an den Tisch kam. Katya ging direkt zu ihm, legte ihm kurz eine Hand an den Arm und küsste ihn auf den Mund. Nur einen Moment. Hugo erwiderte den Kuss ebenso selbstverständlich.
Mara spürte ein kurzes Ziehen in der Brust. Nicht stark, kaum mehr als eine Irritation.
Katya löste sich von ihm und ging zu ihrem Platz. Der Butler trat heran und zog ihr ebenfalls den Stuhl zurück.
„Guten Morgen“, sagte sie und setzte sich. Dann sah sie zu Mara.
„Katya.“
„Mara.“
Katya lächelte. „Ich weiß.“
„Woher kommst du?“, fragte Mara.
„Kiew.“
Katya lächelte kurz und griff nach dem Glas Saft, das der Butler gerade vor ihr abgestellt hatte. Sie nahm einen Schluck und wandte sich dann ganz selbstverständlich an ihn.
„Ich hätte gern pochierte Eier, Räucherlachs und Avocado. Die Eier heute bitte etwas weicher. Und beim Lachs weniger Dill.“
„Natürlich.“
Der Butler ging, ohne dass Katya auch nur einen Blick zu Hugo geworfen hatte.
Mara registrierte es. Keine Frage, keine Bitte an ihn, nicht einmal ein kurzer Blick, ob es in Ordnung war. Katya hatte einfach bestellt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Und Hugo reagierte überhaupt nicht.
Offenbar war es genau das. Selbstverständlich.
Mara beobachtete das alles und registrierte nebenbei sich selbst. Bluse, Rock, High Heels, Make-up. Neben Stefany im Jogginganzug und Katya im Sporttop fühlte sie sich besonders zurechtgemacht. Nur Hugo sah ebenfalls aus, als würde gleich sein Arbeitstag beginnen.
Sie war fast overdressed. Aber eben nur fast. Schließlich war sie nicht zum Frühstück hier, sondern zum Arbeiten, und sie schämte sich nicht dafür. Trotzdem blieb der Kontrast: Stefany und Katya mussten sich für Hugo Voss nicht zurechtmachen.
Weil sie hier nicht zu Besuch waren.
Weil es ihr Zuhause war.
„Frühstückt ihr immer zusammen?“, fragte Mara neugierig.
„Gott, nein“, sagte Stefany.
„Ein paar von uns bekommst du vor zehn sowieso nicht zu sehen“, sagte Katya und nahm einen Schluck von ihrem Saft.
„Vor elf“, sagte Stefany.
„Ich wollte höflich sein.“
„Du bist nie höflich.“
Katya grinste. „Ich bin heute Morgen höflich.“
Mara musste lächeln. Die beiden neckten sich, ohne Hugo auch nur anzusehen. Er saß zwischen ihnen, als wäre dieses Gespräch so alltäglich, dass es keiner Erklärung bedurfte.
„Und was macht ihr heute?“, fragte Mara.
Katya sah an sich hinab. „Sport.“
„Ich habe erst mal eine Massage“, sagte Stefany.
„Hier?“
Stefany sah sie an, als wäre die Frage beinahe ungewöhnlicher als die Antwort. „Ja.“
Mara nahm einen Schluck Wasser. Sport, Massage, danach vielleicht Spa. Und dann? Was machten diese Frauen eigentlich den ganzen Tag?
Und ausgerechnet an diesem Frühstückstisch wurde Mara unsicher. Ging man selbst zum Buffet oder ließ man sich etwas bringen? Stand man auf oder gab man ein Zeichen? Sie beobachtete die anderen, die sich hier mit einer Selbstverständlichkeit bewegten, die ihr fehlte. Niemand behandelte sie schlecht oder wies sie zurecht. Trotzdem kam sie sich unbeholfen vor.
Großartig, dachte sie selbstironisch. An einem Frühstückstisch scheitern.
Stefany bemerkte es. Nicht mit Mitleid, nicht mit Fürsorge – sie warf Mara einfach über den Rand ihrer Tasse hinweg einen Blick zu und sagte beinahe beiläufig:
„Mach einfach, was du willst. Du kannst selbst rübergehen. Oder du sagst es ihnen und lässt es dir bringen.“
„Danke.“
„Alles gut. Man muss das erst mal wissen.“
Man muss das erst mal wissen. Als gäbe es hier etwas zu wissen. Mara lächelte und strich sich etwas verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr. Dabei kam ihr ein Gedanke, bei dem sie sich im selben Moment ertappte: Nutten. Wenn man es brutal herunterbrach, war es genau das, was sie bisher in ihnen gesehen hatte. Sehr teure, ausgesprochen privilegierte Nutten. Frauen, die dafür bezahlt wurden, mit dem Mann zu schlafen, der gerade neben ihr am Tisch saß – und trotzdem waren sie es, die ganz selbstverständlich wussten, wie man mit dem Personal sprach, wie man sich etwas bringen ließ und diesen Service annahm, ohne auch nur darüber nachzudenken. Für Mara war all das ungewohnt.
Sie glättete den Gedanken nicht. Sie schämte sich nicht dafür. Es war ihr Gedanke, und er stimmte mit dem überein, was sie bis gestern gewusst hatte.
Nur passte etwas daran nicht zusammen.
Nicht mit der Art, wie sie hier behandelt wurden. Nicht mit der Art, wie Hugo sie behandelte. Er stand für sie auf. Das Personal bediente sie, als wären sie die Hausherrinnen. Sie gaben Anweisungen in seinem Haus und schauten dabei nicht einmal zu ihm. Sie mussten ihm morgens nicht einmal Gesellschaft leisten.
Warum gab er ihnen in seinem eigenen Haus diese Stellung?
Sie fand keine Antwort, und niemand am Tisch bot eine an.
Mara stand auf und ging selbst zum Buffet.
Der angrenzende Raum war hell, mit einer großen dunklen Insel in der Mitte: warmes Brot, frische Brötchen und Gebäck, Obst, Käse, Aufschnitt, Säfte, dampfende Platten dahinter, eine Kochstation, an der mehrere Köche in dunkler Bellaventra-Kleidung arbeiteten. Einer von ihnen sah auf, als sie näherkam, und trat an die Theke.
„Was darf ich für Sie zubereiten?“
Mara ließ den Blick über die Insel wandern. Es lag praktisch alles darauf, was sie sich zum Frühstück hätte vorstellen können.
Der Koch folgte ihrem Blick. „Brot und Gebäck sind übrigens frisch aus unserer Backstube. Gerade erst gekommen.“
Mara sah auf die noch warmen Brote. „Ihr backt das alles selbst?“
„Jeden Morgen.“
Natürlich.
„Und was gibt es sonst?“, fragte sie.
Der Koch lächelte. Nicht arrogant. Nicht kokett. Vollkommen ernst.
„Das ist eigentlich die falsche Frage, Ms Winter. Die richtige Frage ist: Was möchten Sie? Solange wir es im Haus haben, bekommen Sie es sofort.“ Eine kleine Pause. „Wenn nicht, brauche ich möglicherweise ein paar Stunden.“
Mara sah ihn an und wartete auf den Scherz. Er meinte es tatsächlich ernst. Wenn etwas fehlte, würde man es beschaffen. Ihr Blick wanderte noch einmal über die reich gedeckte Insel.
„Dann hätte ich gern belgische Waffeln.“ Mara lächelte. „Frisch gebacken?“
„Natürlich, Ms Winter. Mit Puderzucker oder Sahne?“
„Nein, danke. Nur die Waffeln.“
Sie ließ den Blick noch einmal über das Obst wandern. Beeren, Melone, Trauben. Drachenfrucht sah sie keine. Mal sehen, ob er die auch hatte.
„Und haben Sie Drachenfrucht?“
Der Koch wandte sich an einen der Hausangestellten. „Gehen Sie bitte in die Küche und fragen Sie nach, ob wir Drachenfrucht da haben.“
Dann sah er wieder Mara an. „Wie hätten Sie die gern?“
„Aufgeschnitten, bitte.“
„Darf ich Ihnen sonst noch etwas zubereiten, Ms Winter?“
„Nein, danke. Das ist alles.“
„Sehr gern. Nehmen Sie doch bitte wieder Platz. Wir servieren Ihnen Ihr Frühstück, sobald es fertig ist.“
Mara bedankte sich und ging zurück ins Esszimmer. Sie musste lächeln. Daran könnte sie sich gewöhnen. Einfach sagen, worauf sie Lust hatte, und wenig später wurde es ihr an den Tisch gebracht. Es gefiel ihr, so umsorgt zu werden.
Katya stand gerade neben Hugo, beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen kurzen Kuss.
„Bis später.“
„Bis später“, sagte er.
Stefany winkte ihm von der Tür aus zu. „Wir sehen uns.“
Dann wandten sich die beiden Mara zu.
„Lass es dir schmecken“, sagte Stefany.
„Danke.“ Mara lächelte und ging zu ihrem Platz, während die beiden den Raum verließen.
Hugo sah ihr entgegen. Unwillkürlich richtete sie sich ein wenig auf. Dass die beiden jetzt gingen, kam ihr ausgesprochen recht.
Jetzt war sie mit ihm allein.
„Ich bin übrigens mit einer deiner Maschinen hierhergekommen“, sagte sie. „Michael Schubert hat sie mir kurzfristig angedreht.“
Hugo nahm einen Bissen von seinem Rührei und sah kurz zu ihr auf. „Das hat er mir erzählt.“
„Dann weißt du sicherlich auch, dass ich ziemlich beeindruckt war. Ich nehme an, genau das war sein Plan.“ Mara lächelte. „Die Maschine hat ein Schlafzimmer und eine Dusche. Und auf dem Vorfeld standen zwei weitere Flugzeuge mit deinem Logo. Du hast drei, stimmt’s?“
Hugo lächelte leicht. „Du bist wirklich gründlich.“
Mara erwiderte sein Lächeln. „Und alle spielen beim Start Musik?“
„Ja, das stimmt.“
„Erst ABBA und dann die Titelmusik von Magnum. Ist das so etwas wie ein Ritual?“
„Es soll ablenken.“
„Wovon?“
„Vom Start.“
Mara sah ihn fragend an.
„Meine Mutter“, sagte Hugo. „Sie hatte beim Starten immer Angst.“
Für einen Moment wusste Mara nicht, was sie damit anfangen sollte. Drei Privatjets, Musik in Konzertlautstärke – sie hatte es für Angeberei gehalten. Ein bisschen Größenwahn vielleicht. Etwas, das zu einem Mann passte, der einen Frauenbauch als Firmenlogo hatte. Und jetzt erfuhr sie, dass das Ganze mit seiner Mutter angefangen hatte.
„Früher, als wir noch keine eigenen Maschinen hatten, musste ich ständig Privatjets chartern. Auch für meine Mutter, wenn sie zu mir kommen sollte. Bei ihr war mir wichtig, dass die Reise so angenehm wie möglich war. Sie ist nie gern geflogen.“ Er hielt kurz inne. „Beim Start hat sie sich jedes Mal völlig verkrampft. Sie saß da, hielt sich an den Armlehnen fest und wippte die ganze Zeit mit den Füßen. Irgendwann habe ich beim Start die Musik laut aufdrehen lassen.“
„Und das hat geholfen?“
„Ja. Sie hat sich dann nicht mehr über den Start beschwert, sondern über die Musik. Sie hat mich jedes Mal gebeten, sie nicht so laut zu machen.“ Hugo lächelte leicht. „Und wenn ich nicht dabei war, hat sie die Flugbegleiter gebeten, sie leiser zu stellen.“
„Und die haben es gemacht.“
„Natürlich. Und dann hatte sie wieder Angst.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Bei Chartermaschinen waren es außerdem ständig andere Crews. Ich konnte jedes Mal erklären, warum die Musik beim Start laut bleiben sollte, und beim nächsten Flug fing alles wieder von vorne an.“
Hugo sah Mara an. Ein warmes Lächeln lag auf seinem Gesicht, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass er gar nicht mehr bei den Flugzeugen war, sondern bei seiner Mutter.
„Und vor jedem Flug gab es dieselbe Diskussion. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr darauf.“
Mara ahnte, worauf es hinauslief. „Also hast du eine Maschine gekauft.“
„Auch deshalb. Eigene Maschine, feste Crew, feste Abläufe. Ich konnte dafür sorgen, dass die Reise für sie so angenehm wie möglich war.“
„Und die Musik blieb laut.“
„Die Musik blieb laut.“
Mara lächelte. „Nicht einmal, wenn deine Mutter darum gebeten hat?“
„Vor allem dann nicht.“
Sie musste lachen. „Und dabei ist es geblieben?“
„Ja. Irgendwann gehörte es einfach dazu. Auch nachdem sie nicht mehr mitgeflogen ist.“
Mara dachte an Chiquitita und die Titelmusik von Magnum, die beim Start durch die Kabine gedröhnt hatte. Sie musste lächeln. Ausgerechnet diese Musik hatte sie für Angeberei gehalten.
Der Butler trat an ihre Seite und stellte die frisch gebackenen Waffeln und die Drachenfrucht vor ihr ab. Der warme Duft ließ Mara erst jetzt merken, wie hungrig sie war. Sie bedankte sich, nahm den Löffel und wollte gerade das erste Stück Fruchtfleisch herauslösen. Doch es gab sofort nach.
Sie hielt kurz inne und sah genauer hin. Es war bereits vollständig von der Schale gelöst und nur wieder hineingelegt worden.
Mara musste lächeln. Natürlich. Sogar daran hatte jemand gedacht. Sie brauchte tatsächlich nur noch den Löffel hineinzuschieben.
Hugo sah auf. „Stimmt etwas nicht?“
„Nein.“ Sie lächelte und nahm den ersten Bissen. Dann sah sie ihn an. „Ich frage mich nur gerade: Wann ist aus Hugo Voss eigentlich Hugo Voss geworden?“
Er lächelte. „Das ist verdammt lange her.“
Hugo lehnte sich zurück. Draußen sprang irgendwo im Grünen ein Rasenmäher an, sein Geräusch wurde wieder leiser. Er sah aus dem Fenster, und Mara hatte den Eindruck, dass er nicht den Garten sah.
„Das Merkwürdige ist“, sagte er schließlich, „dass ich mich vorher überhaupt nicht dafür interessiert habe. Das Zeug lag überall herum. Börsenzeitungen, Kurslisten, der dicke Hoppenstedt. Für mich gehörte das zu meinem Vater und zu meinem Bruder Werner. Es lag auf dem Esszimmertisch, auf der Anrichte, auf der Armlehne – ich bin jahrelang daran vorbeigegangen.“
„Und dann?“
„Dann war ich fünfzehn und kam an einem regnerischen Nachmittag aus der Schule. Der Hoppenstedt lag auf einer Kommode, aufgeschlagen. Ich weiß nicht, warum ich stehen geblieben bin.“ Ein kleines Zucken ging um seinen Mund. „Seitenweise Firmen. Name, Sitz, Zahlen. Ich habe die Hälfte davon nicht verstanden. Ich bin einfach mit dem Finger die Zeilen entlanggefahren. Irgendwann habe ich den Band genommen und angefangen, darin herumzublättern. Ich muss ziemlich vertieft gewesen sein, denn ich habe meinen Vater nicht kommen hören.“
Er lächelte.
„Er blieb neben mir stehen und fragte, was ich da mache. Dann nahm er mir den Band aus der Hand. ‚Das ist kein Bilderbuch‘, hat er gesagt. Ich habe ihn gefragt, was da drinsteht. Er sagte: alles, was man über Aktiengesellschaften wissen muss. Umsatz, Gewinn, Dividende, Grundkapital.“
Hugo hielt kurz inne.
„Ich habe gefragt: ‚Alles?‘“ Er sah Mara an. „Und mein Vater sagte: ‚Alles, was sie zugeben.‘“
Der Satz blieb einen Moment zwischen ihnen stehen.
Mara hielt den Löffel über ihrer Drachenfrucht und sah ihn an. Nicht die Zahlen. Dieser eine Satz. Dass hinter dem, was dort schwarz auf weiß stand, noch etwas anderes liegen konnte.
„Das hat mich mehr beschäftigt als alles andere“, sagte Hugo. „Ich habe angefangen, die Dinge zu lesen, die im Haus herumlagen. Beim Essen habe ich anders zugehört, wenn mein Vater und Werner über Unternehmen geredet haben. Ich habe Begriffe nachgefragt. Ich wusste unglaublich viel nicht – das war vielleicht das Einzige, was mir damals schon gelungen ist: zu merken, dass ich nichts wusste.“
„Werner ist dein Bruder?“
„Ja. Zwanzig Jahre älter als ich. Und im Gegensatz zu mir hat er sogar einen richtigen Beruf gelernt.“ Hugo lächelte. „Er ist Wirtschaftsjurist. Werner war der Erste, der meine Fragen wirklich ernst genommen hat. Ich habe ihn irgendwann gefragt, wer eigentlich einen Börsenkurs bestimmt. Er sagte: ‚Alle. Und niemand.‘“
Mara musste lachen. „Das ist keine Antwort.“
„Doch. Es war die beste, die man mir geben konnte. Ich habe monatelang darüber nachgedacht.“ Er sah sie an. „Am Anfang waren das für mich nur einzelne Begriffe. Kurs, Dividende, Grundkapital. Ich musste bei jedem überlegen, was er überhaupt bedeutet. Irgendwann musste ich das nicht mehr. Ich habe die Zahlen angesehen und verstanden, was sie mir sagten.“
„Wie eine Sprache.“
„Genau. Irgendwann übersetzt man nicht mehr. Man versteht sie einfach.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Und wenn du die Zahlen lange genug kennst, springen dir die Unstimmigkeiten ins Auge. Wie ein schiefes Bild zwischen lauter geraden.“
„Wonach hast du damals geschaut?“
„Ich habe jeden Tag die Kurslisten mit dem Hoppenstedt verglichen. Auch die Wertpapierkennnummern. Jede Aktie hatte ihre eigene, damit nichts verwechselt wurde. Diese Eindeutigkeit hat mir gefallen.“
Mara lächelte. „Und dann hing ein Bild schief.“
Er nickte. „Ja.“
„Es waren zwei Ziffern vertauscht. Ich habe es dreimal überprüft, weil ich nicht glauben konnte, dass eine Redaktion so etwas übersieht. Dann habe ich meinen Vater geholt. Er sagte: ‚Auch Zeitungen machen Fehler. Wenn du dir so sicher bist, ruf bei der Redaktion an.‘“
Mara hob die Brauen. „Mit fünfzehn?“
„Mit fünfzehn.“ Hugo sah auf seine Hände, als läge dort noch etwas von diesem Nachmittag. „Ich habe die Telefonnummer der Redaktion herausgesucht und bin zum Telefon in der Diele gegangen. Es hat dreimal geklingelt, dann meldete sich eine Frau. Ich sagte: ‚Guten Tag. Ich glaube, in Ihrer Kursliste ist eine Wertpapierkennnummer falsch.‘“
Er lächelte. „Sie ging weg, um nachzusehen. Während ich wartete, merkte ich plötzlich, dass meine Hände feucht waren.“
Mara sah ihn an und versuchte, ihn sich mit fünfzehn vorzustellen: zu groß, mit Brille, den Hörer fest ans Ohr gepresst. Es gelang ihr nicht ganz, und irgendwie war sie froh darüber.
„Dann kam sie zurück und sagte: ‚Sie haben recht. Wir korrigieren das.‘ Sie fragte mich, wie ich den Fehler gefunden hatte. Ich sagte: ‚Ich habe die Liste mit dem Hoppenstedt verglichen.‘ Da hat sie gelacht.“
„Und zu Hause?“
Sein Gesicht wurde weicher. Nur ein wenig. So wie damals, als er von Christina gesprochen hatte.
„Meine Mutter fragte, ob ich recht hatte. Ich sagte: ‚Ja. Es war nur ein Zahlendreher.‘ Und sie sagte: ‚Trotzdem hast du ihn gesehen.‘“ Er lächelte. „Sie war stolz auf mich. So ein ganz einfacher, mütterlicher Stolz.“
Er schwieg einen Moment.
„Mein Vater sagte: ‚Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.‘ Und Werner meinte nur: ‚Gutes Auge. Aber es ist nur ein Tippfehler, Hugo.‘“
Mara sah ihn an. Merkwürdig, was nach vierzig Jahren von diesem Nachmittag geblieben war. Nicht der Fehler, sondern der Stolz seiner Mutter.
„Und dann?“, fragte sie.
Hugo lächelte. „Dann wurde es schlimm.“
„Schlimm?“, wiederholte Mara.
„Ich habe alles gelesen. Geschäftsberichte, Zeitungen, Kurslisten. Und irgendwann wollte ich wissen, ob ich auch mit echtem Geld richtiglag.“
„Mit fünfzehn?“
„Fast sechzehn“, korrigierte Hugo. „Ich hatte dreihundertsiebenundvierzig Mark.“
Mara lächelte. „Das weißt du noch genau?“
„Natürlich. Ich hatte sie am Abend vorher noch einmal gezählt.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Mein Vater war einverstanden, aber unter Bedingungen: keine Schulden, kein Kredit, kein Geld nachschießen. Ich durfte nur verlieren, was tatsächlich da war.“
„Vernünftige Bedingungen.“
„Er war ein vernünftiger Mann.“ Für einen Moment veränderte sich sein Gesicht. „Meine Mutter wollte nur wissen, was ich mache, wenn ich alles verliere. Ich sagte: ‚Dann ist es weg.‘ Sie fragte, ob ich dann aufhöre. Ich wusste es nicht.“ Er lächelte leicht. „Das hat ihr gefallen. Dass ich nicht so tat, als wüsste ich es.“
Wieder seine Mutter.
„Am Ende waren 4.900 Mark auf dem Depot. Dreihundertsiebenundvierzig davon gehörten mir.“
Mara hob die Brauen. „Und der Rest?“
„Familie.“
„Und damit hast du begonnen?“
„Damit habe ich begonnen. Und die erste Aktie fiel.“ Er hob eine Braue. „Du erwartest, dass ich jetzt sage, sie sei gestiegen?“
„Ich erwarte gar nichts.“
„Sie fiel. Nicht dramatisch. Aber zwei Tage hintereinander. Auf dem Papier war ein Fehler nur eine falsche Zahl. Mit echtem Geld konnte ich ihn plötzlich spüren.“ Er deutete auf seine Brust. „Ich habe meine Analyse noch einmal geprüft. Die Zahlen waren dieselben. Das Unternehmen hatte über Nacht keine Fabrik verloren. Und der Kurs fiel trotzdem.“
„Da hätte ich wahrscheinlich verkauft.“
„Ich habe gehalten. Mein Vater sagte: ‚Eine Rechnung kann mathematisch richtig sein. Trotzdem muss der Markt nicht deiner Meinung sein.‘“
„Du hast also ihm widersprochen und gleich noch dem Markt.“
Hugo lächelte. „Ich habe zumindest angefangen, meine eigene Rechnung anzuzweifeln. Nicht mehr zuerst gesucht, was für meine Idee spricht, sondern was dagegen spricht. Warum ich falsch liegen könnte.“
Mara lächelte. Das klang bereits sehr nach dem Mann, der vor ihr saß.
„Und dann lief es?“
„Dann lief es. Nicht immer, aber immer öfter. Nach einem Jahr wollte ich wissen, was tatsächlich daraus geworden war. Also habe ich alles zusammengerechnet.“
„Und?“
„Knapp zweihundert Prozent.“
Mara pfiff leise durch die Zähne.
„In dieser Nacht habe ich schlecht geschlafen“, sagte Hugo.
„Bei zweihundert Prozent?“
„Gerade deshalb. Ich wusste, dass das nicht normal war.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Am nächsten Morgen habe ich meinem Vater die Rechnung gezeigt.“
„Was hat er gesagt?“
„‚Es läuft sehr gut. Vielleicht zu gut.‘ Er meinte, nach einem Gewinn glaube man schnell, alles verstanden zu haben.“ Hugo lächelte. „Was ich genau geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich so etwas wie: ‚Vielleicht habe ich es verstanden.‘“
Mara lächelte. „Natürlich.“
„Und dann fragte er: ‚Wie viel davon ist Können und wie viel Glück?‘“ Hugo hielt kurz inne. „Ich wollte natürlich wissen, wie ich das herausfinden sollte.“
„Und seine Antwort?“
„‚Zeit.‘“
Mara sah ihn an. „Nur Zeit?“
„Nur Zeit.“ Hugo drehte die leere Tasse einmal um die eigene Achse. „Einige Monate später habe ich meinen Vater mit einem Kunden telefonieren hören. Er klang angespannt, und das kannte ich von ihm nicht. Danach habe ich ihn gefragt, was passiert, wenn dieser Kunde geht. Er sagte: ‚Dann finden wir einen anderen.‘ Ich wollte wissen, was passiert, wenn er keinen findet. Mein Vater sagte: ‚Man findet immer einen.‘“
Hugo lächelte. „Das war für ihn eine Antwort. Für mich nicht. ‚Immer‘ konnte man nicht berechnen. Ich war sechzehn und fand die Vorstellung furchtbar, dass wenige Menschen darüber entscheiden konnten, wie gut ein Unternehmen läuft. Mein Vater sah mich an und sagte: ‚Du willst also ein Geschäft ohne Kunden.‘“
Mara musste lächeln. „Und?“
„Am nächsten Morgen habe ich meiner Mutter davon erzählt. Viel zu ausführlich.“ Er lächelte. „Sie hörte zu und sagte: ‚Du willst von niemandem abhängig sein.‘“
„Und das war es?“
„Das war es.“ Er sah Mara an. „Ich wollte Entscheidungen treffen können, die nicht davon abhängen, ob mich jemand mag. Nicht als Macht über andere. Als Freiheit für mich.“
Mara nickte langsam. Von niemandem abhängig sein. Sie dachte an Bellaventra, an diese beinahe eigenständige kleine Welt. Vielleicht steckte in ihr noch etwas von diesem frühen Wunsch. Und verdammt, dieser Wunsch nach Freiheit gefiel ihr. Aber ließ jemand, der so unabhängig sein wollte, überhaupt einen anderen Menschen wirklich an sich heran?
Mara nahm erneut einen Schluck Wasser und schob das Glas anschließend ein Stück zur Seite.
„Dass du gerade etwas denkst, sehe ich dir an“, sagte Hugo. „Was es ist, kann ich allerdings nicht lesen.“
„Gut“, sagte Mara. „Dann ist es ja gerecht.“
Hugo lächelte.
„Es gab damals noch etwas, das ich lernen musste“, sagte er.
Mara sah auf. „Was?“
„Dass Menschen nicht so funktionieren wie Zahlen.“ Er hielt kurz inne. „Es gab ein Mädchen. Nina. Ich habe sie öfter an einem Kiosk gesehen und irgendwann angefangen, nur ihretwegen dorthin zu gehen.“
Mara lächelte. „Mit sechzehn?“
„Ich weiß es nicht mehr. Fünfzehn, sechzehn.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Eines Tages kam sie, und ich sagte: ‚Ich habe schlecht geschlafen.‘“
Mara wartete. „Das war dein Einstieg?“
„Zu Hause funktionierte so ein Satz.“ Hugo lächelte. „Nina zuckte nur mit den Schultern und sagte: ‚Dann geh doch nach Hause.‘ Schließlich habe ich noch etwas versucht und ihr von dem Zahlendreher erzählt. Beeindruckt hat sie das auch nicht.“
Er sah Mara an. „Nicht so wie dich gerade.“
Für einen Moment blieb sein Blick auf ihr liegen.
Mara spürte, wie sich etwas zwischen ihnen verschob. Nur ein wenig. Aber genug, dass sie es bemerkte.
„Bild dir bloß nichts darauf ein“, sagte sie und musste lächeln.
Hugos Lächeln wurde eine Spur breiter.
„Dann kam ihre Freundin. An ihren Namen erinnere ich mich nicht mehr, aber was Nina zu ihr gesagt hat, weiß ich noch ziemlich genau. ‚Der erzählt vielleicht einen Scheiß. Als ob mich das interessieren würde. Als wäre ich seine Mutter.‘ Und ihre Freundin meinte: ‚Vielleicht will er, dass du dich um ihn kümmerst.‘ Dann haben beide gelacht und sich noch eine Weile über mich amüsiert. Und schließlich sagte Nina: ‚Und wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre – den würde ich nicht anfassen.‘“
Mara lachte. „Autsch.“
„Ja, lach du nur.“ Hugo lachte kurz mit.
Dass er ihr ausgerechnet diese wenig schmeichelhafte Geschichte erzählte, gefiel ihr. Er schien nicht darauf bedacht, vor ihr besonders gut dazustehen.
„Abends habe ich mir die Decke über den Kopf gezogen und George Michael gehört.“
Mara sah ihn an und musste schon wieder lächeln. Hugo Voss, sechzehn, unter einer Bettdecke und wegen eines Mädchens unglücklich. Das Bild war beinahe zu gut.
„Nina hat sich das vermutlich nicht träumen lassen.“
„Nina“, sagte Hugo, „hat schlecht gehandelt.“
Mara lachte. „Vorsicht. Ich darf das sagen. Du nicht.“
„Fair.“
„Und am nächsten Tag?“
„Am nächsten Tag kam Michael.“
„Michael Schubert?“
„Wir sind seit unserer Kindheit befreundet. Er kam am nächsten Tag vorbei, und wir haben damals so ein primitives Weltraumspiel am Computer gespielt.“ Hugo lächelte. „Mein Schiff ist dreimal explodiert, weil ich mit den Gedanken woanders war. Irgendwann fragte er, was mit mir los sei, und ich habe ihm von Nina und dem anderen Mädchen erzählt.“
„Und Michael wusste Rat?“
Hugo lachte. „Ach was, überhaupt nicht. Wir saßen vor diesem Computer und haben bestimmt eine Stunde über Mädchen geredet. Zwei pubertierende Jungs, die beide nicht den geringsten Schimmer hatten, wovon sie eigentlich sprachen.“
Mara musste lachen.
„Es freut mich, dass dich meine tragische Jugend so amüsiert.“
Sie stellte sich die beiden vor dem Computer vor, zwei Jungen mit Joysticks in der Hand, die Raumschiffe durch irgendeine Pixelwelt steuerten und nebenbei versuchten, Mädchen zu verstehen.
Verdammt, er wurde ihr immer sympathischer.
„Du lachst“, sagte Hugo.
„Ich versuche nur, mir dich ohne Plan vorzustellen.“
„Ich hatte nie einen Plan. Ich hatte nur Fragen.“
„Und heute?“
Die Frage war heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Hugo sah sie an. „Heute frühstücke ich mit einer Frau, die mir gestern noch Fragen aus ihrem Notizbuch stellen wollte.“
Mara hielt seinen Blick.
Einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.
Und dieses Mal war sie sich ziemlich sicher, dass er es ebenfalls bemerkte.
„Was will ich eigentlich werden?“ Hugo beugte sich etwas vor. „Das habe ich mir irgendwann auf ein Blatt geschrieben. Dann habe ich ‚werden‘ durchgestrichen und geschrieben: Was will ich machen?“
Mara lächelte.
„Kurz danach habe ich Wall Street gesehen.“
„Den Film?“
„Und was für einer.“ Hugo lächelte. „Danach wusste ich zumindest, wohin ich wollte. Frankfurt. London. Wertpapiergeschäft.“ Er nahm seine Tasse. „Also habe ich angefangen, Briefe an Banken zu schreiben.“
„Mit sechzehn?“
„Ja.“
Mara grinste. „Natürlich. Du bist schließlich Hugo Voss.“
„Sehr witzig.“
Mara lachte. „Absagen?“
„Nur Absagen. Also habe ich irgendwann aufgehört, an Banken zu schreiben.“
Mara hob die Brauen. „Aufgegeben?“
„Nein. Ich habe aufgehört, an Banken zu schreiben, und angefangen, an Menschen zu schreiben.“
Sie sah ihn einen Moment an.
„Leiter von Wertpapierabteilungen, Vorstände, Leute, deren Namen ich in Zeitungen fand. Meine Schwester Svenja hat die Briefe zur Post gebracht. Sie fragte mich irgendwann, was ich mache, wenn keiner antwortet.“
„Und?“
„Ich habe gesagt: Dann schreibe ich mehr.“
Mara lächelte noch immer. Bis ihr klar wurde, worauf seine Geschichte hinauslief.
„Einer hat gelesen“, sagte sie.
„Die DHK Bank in Frankfurt.“ Hugo nickte. „Der Brief kam eines Nachmittags. Meine Mutter hatte ihn neben meinen Teller gelegt und gesagt: ‚Der sieht wichtig aus.‘ Darin stand, dass meine Ergebnisse ungewöhnlich seien. Und dann kam der Satz, den ich dreimal gelesen habe: Ich sollte ihnen vor jedem Kauf schreiben, welches Unternehmen ich ausgewählt hatte und warum. Nicht hinterher. Vorher.“
„Sie wollten wissen, ob du es wirklich kannst.“
„Genau. Mein Vater las den Brief und sagte: ‚Die prüfen dich.‘ Worauf ich nur erwiderte: ‚Sollen sie doch.‘“
„So erzählst du es heute.“ Mara grinste. „Ich wette, ganz so gelassen warst du nicht.“
„Du glaubst mir nicht?“
„Nicht alles.“
Hugo hielt ihren Blick. „Dann muss ich wohl überzeugender werden.“
Ihr Lächeln blieb. Verdammt. Jetzt ging es gerade nicht mehr nur um den Brief.
„Als ich ihn fragte, ob ich nach Frankfurt fahren dürfe, falls sie mich einladen, sagte er Nein.“
„Nein?“
„Er sagte, ich sei sechzehn. Ich habe ziemlich trotzig erwidert, dass ich das selbst wüsste. Darauf meinte er, das ändere mein Alter erstaunlicherweise auch nicht.“ Hugo schüttelte leicht den Kopf. „Ich war wütend. Mein Vater und ich haben uns damals oft darüber gestritten. Er hielt das Ganze für zu riskant.“
„Und deine Mutter?“
„Sie sagte mir später, dass er Angst hatte.“
„Wovor?“
„Dass ich mich verrenne. Dass ich mit sechzehn Entscheidungen treffe, die er selbst als Erwachsener niemals getroffen hätte.“
Mara sah ihn einen Moment an. „War er stolz auf dich?“
Hugo schwieg länger, als sie erwartet hatte.
„Das weiß ich nicht.“ Er strich mit dem Daumen über den Tassenrand. „Ich glaube, er wusste es selbst nicht. Und das hat mich damals mehr beschäftigt, als ich zugegeben hätte.“ Eine kurze Pause. „Später wurde es noch einmal besser zwischen uns. Aber das gehört nicht mehr hierher.“
Mara nickte. Den Satz merkte sie sich.
„Und irgendwann bist du doch nach Frankfurt gefahren.“
„Etwa ein Jahr später. Ich war siebzehn, fast achtzehn.“ Hugo verlagerte leicht das Gewicht. „Und vor dem Termin habe ich nicht meine Gewinne durchgesehen, sondern meine Fehler. Die Gewinne kannten sie. Ich wollte erklären können, warum ich falschgelegen hatte, nicht warum ich recht hatte.“
„Und du warst nervös.“
„Und wie.“ Hugo lächelte. „Ich habe vielleicht drei Stunden geschlafen. Meine Mutter und meine Schwester sind mitgefahren. Im Zug hat Svenja irgendwann meinen Ordner zugeklappt und gesagt: ‚Schluss. In den nächsten zwei Stunden wirst du nichts herausfinden, was du in zwei Jahren nicht herausgefunden hast.‘“
„Hat es geholfen?“
„Nein. Ich habe den Ordner wieder aufgemacht.“
Mara lachte.
„Das Gespräch in der Bank dauerte fast zwei Stunden. Drei Männer. Sie haben mich nach meinen Analysen gefragt, nach meinen Fehlern, nach Unternehmen. Irgendwann wurde ich auch ruhiger, und wir haben einfach diskutiert.“
„Und danach?“
„Wir haben uns verabschiedet, und ich bin rausgegangen. Ein paar Schritte den Flur entlang. Dann bin ich tatsächlich noch einmal umgedreht, zurück zur Tür und habe gefragt: ‚War das schlecht?‘“
Mara sah ihn an. Für einen Moment sah sie wieder den Siebzehnjährigen vor sich, der nach zwei Stunden mit drei erfahrenen Bankern wissen wollte, ob er es vermasselt hatte.
„Und was haben sie gesagt?“
„Dass sie es besprechen und sich bei mir melden würden.“ Hugo lächelte. „Damit musste ich dann leben.“
„Wie lange?“
„Ein paar Tage. Dann kam die Einladung. Diesmal ging es um einen Arbeitsvertrag.“ Er hielt kurz inne. „Und bei diesem Gespräch ist mir etwas aufgefallen: Ich musste sie nicht mehr darum bitten, mir eine Chance zu geben. Sie wollten mich.“
„Das musste sich gut angefühlt haben.“
„Sehr gut.“ Hugo lächelte. „Also haben wir verhandelt. Vertrag, Geld, Depotgebühren und später auch die Kreditlinie. Und irgendwann saß ich da und dachte: Vor zwei Jahren musste meine Mutter noch unterschreiben, damit ich überhaupt ein Depot bekomme. Und jetzt verhandle ich mit einer Bank über mein Geld.“
Mara dachte an den Jungen, der gesagt hatte: Ich will niemanden um etwas bitten müssen. Und daran, wie es sich für ihn angefühlt haben musste, als das zum ersten Mal wahr wurde.
„Und dann? Frankfurt?“
„Frankfurt.“ Hugo nickte. „Und plötzlich bedeutete der ganze Erfolg, dass ich Hamburg verlassen musste. Die Bank besorgte mir eine kleine Wohnung. Ein Zimmer, eine schmale Küche, ein Balkon, von dem man lieber nicht nach unten sah.“ Er lächelte. „Meine Mutter und Svenja kamen mit und halfen mir beim Einrichten. Bettwäsche, Tassen, Handtücher. Ich habe bei allem gesagt, dass ich es nicht brauche. Meine Mutter hat es trotzdem gekauft.“
Er hielt kurz inne. Als er weitersprach, war seine Stimme ruhiger.
„Am Abend waren wir noch essen. Danach standen wir vor dem Auto. Svenja stieg schon ein, und meine Mutter und ich standen da und wussten beide nicht so recht, was wir sagen sollten.“
„Und?“
„Dann hat sie mich umarmt. Fester als sonst.“ Er schwieg einen Moment. „Als sie mich losließ, hatte sie Tränen in den Augen. Und sie bestand darauf, dass ich sie jeden Tag anrufe. Auch nachts, wenn etwas ist.“ Hugo lachte. „Und wenn nichts ist, musst du dich auch melden, hat Svenja noch aus dem Auto gerufen.“
„Und was hast du gesagt?“
„Ich habe ungefähr fünfmal Ja gesagt.“
Mara lächelte.
„Ich bin dem Auto hinterhergestanden. Die Rücklichter wurden kleiner, an der Kreuzung haben sie geblinkt, dann waren sie weg.“ Hugo schwieg kurz. „Und ich weiß noch, dass ich plötzlich gehofft habe, sie würden wieder um die Ecke kommen.“
Mara sagte nichts.
„Ich stand noch eine Weile da. Dann bin ich zurück in die Wohnung. Und dort war es still. Nicht wie zu Hause. Zu Hause war nie wirklich still.“
„Die erste Nacht.“
Er nickte. „Ich habe versucht, Zahlen zu lesen, aber dreimal dieselbe Zeile gelesen, ohne zu wissen, was darin stand. Zahlen haben mir immer geholfen. An diesem Abend allerdings nicht.“ Hugo schmunzelte. „Also habe ich irgendwann meinen Discman genommen, Reggae gehört und darauf gewartet, dass ich müde werde.“
Mara kannte solche Nächte. Das fremde Bett, die ungewohnte Stille, die eigenen Gedanken plötzlich viel zu laut. Sie hatte einige davon erlebt, wenn sie für eine Recherche allein in einer neuen Stadt gewesen war.
Nur war sie dabei erwachsen gewesen.
Er war siebzehn.
„Wie war der erste Tag bei der Bank?“
Hugo lachte kurz auf. „Der Wecker hat um halb sieben geklingelt, aber ich war längst wach. Im Schrank hing ein Hemd, das meine Mutter noch gebügelt hatte. Und von Svenja hatte ich eine Krawatte bekommen – ‚für den ersten Tag und für alle Tage, an denen du dich wie ein Erwachsener fühlen willst‘.“
Mara lächelte.
„Ich habe sie dreimal gebunden. Beim dritten Mal sah sie wenigstens halbwegs nach Krawatte aus.“ Hugo schmunzelte. „Ich hatte einen einzigen Anzug. Dunkelgrau. Ich stand vor dem Spiegel und sah trotzdem aus wie das, was ich war: ein Siebzehnjähriger, der versuchte, älter auszusehen.“
Mara sah ihn an. „Ich sehe dich gerade richtig vor mir.“
Hugo lächelte. „Und dann die Bank. Brenner hat mich herumgeführt. Abteilungen, Kantine, Vorstandsetage. Irgendwann blieb er vor einer Glastür stehen und sagte: ‚Das ist der Handelssaal. Hier werden Sie zwar nicht arbeiten. Aber das dürfte Sie interessieren. Hier spielt die Musik.‘“
Hugo hielt kurz inne, und Mara hatte den Eindruck, dass er diesen Moment auch nach fast vierzig Jahren noch genau vor sich sah.
„Ich hatte so etwas wie Seriosität erwartet. Eine große Bank eben. Als Brenner die Tür aufmachte, schlug mir eine Geräuschkulisse aus Schimpfwörtern und Beleidigungen entgegen. Es wurde wie wild durcheinandergebrüllt.“
Er lachte leise.
„Dann nahm einer, der eben noch herumgebrüllt hatte, einen Anruf an. Und wie von Zauberhand wurde er plötzlich ganz seriös: ‚Guten Morgen.‘“
Hugo lächelte und ließ seine Hände fast spielerisch durch die Luft tanzen, als würde er die absurde Choreografie noch einmal vor ihr aufführen.
„‚Was kann ich für Sie tun?‘“
„Ich stand da, mein Herz raste, und ich war, um ehrlich zu sein, eingeschüchtert und gleichzeitig fasziniert.“
Mara lachte. Sie sah ihn förmlich vor sich: siebzehn, im dunkelgrauen Anzug, den Blick ständig dorthin gerissen, wo gerade wieder jemand losbrüllte. Und dieses Gefühl konnte sie inzwischen ziemlich gut nachvollziehen: in eine fremde Welt zu geraten und plötzlich alles darüber wissen zu wollen.
Vielleicht besser, als sie sich eingestehen wollte.
„Und?“, fragte sie grinsend. „Immer noch dein Traumjob?“
„Nun ja, meine eigentliche Arbeit war anders“, fuhr Hugo fort. „Analyse. Geschäftsberichte, Bilanzen, Kennzahlen. Unternehmen bewerten und aufschreiben, was die Bank kaufen oder verkaufen sollte und warum. Kurz, präzise, faktenbasiert.“
Mara hob eine Braue. „Das war keine Antwort.“
Hugo lächelte. „Ja. Damals schon.“
„Und? Erfolgreich?“
„In den ersten Wochen habe ich nichts gefunden, was für die Bank groß genug gewesen wäre. Die Skepsis wuchs. Aber ich wollte keine mittelmäßige Idee zum großen Treffer erklären, nur um etwas vorweisen zu können.“
„Und privat?“
„Habe ich weiter investiert. Abends an meinem kleinen Tisch. Unternehmen, die für die Bank zu klein waren, konnten für mich durchaus interessant sein.“ Hugo schmunzelte. „Und ich habe damals eine weitere Eigenschaft an mir entdeckt: Faulheit.“
Mara hob die Brauen. „Faulheit?“
„Ich hatte keine Lust, für mich allein zu kochen. Also gab es ziemlich oft Tütensuppe. Neunzig Pfennig, heißes Wasser, fertig.“
Mara lachte. „Sehr gesund.“
„Das war nicht der Punkt.“ Hugo grinste. „Die Faulheit hatte einen angenehmen Nebeneffekt. Ich gab kaum Geld fürs Essen aus. Und wenn du dann anfängst auszurechnen, was aus dem gesparten Geld bei einem vernünftigen Zinssatz in dreißig oder vierzig Jahren werden kann …“
Mara sah ihn an. „Bitte sag mir nicht, dass du deine Tütensuppe hochgerechnet hast.“
Hugo zwinkerte ihr zu und bestätigte es mit einem kaum merklichen Nicken.
„Meine Mutter und Svenja fanden das weniger komisch. Sobald sie mitbekamen, wie ich mich ernährte, wurde ich bei jedem Besuch mit Essen versorgt. Meine Mutter kochte vor, Svenja brachte irgendetwas mit. Offenbar trauten sie mir nicht zu, allein zu überleben.“
„Völlig unverständlich“, sagte Mara.
„Fand ich auch.“ Hugo lächelte. „Svenja war besonders schlimm. Sie kam manchmal am Wochenende unangekündigt aus Hamburg. Im siebten Monat schwanger, mehrere Stunden Zug – und behauptete, sie sei zufällig in der Gegend.“
Mara lächelte. „Ihr steht euch ziemlich nah.“
„Schon immer. Sie hat dann für mich eingekauft, die Wohnung aufgeräumt und irgendwann meinen Kleiderschrank entdeckt.“ Hugo grinste. „Da hatte sie gleich den nächsten Grund, mich zu bemuttern.“
Mara ließ den Blick kurz über sein Hemd wandern. „Dein Kleiderschrank?“
„Ich konnte mich durchaus alleine anziehen. Ich hatte nur ein etwas eigenwilliges Verständnis davon, welche Farben zusammenpassen.“
Mara grinste. „Wie eigenwillig?“
„Svenja nannte es katastrophal.“ Hugo schmunzelte. „Also hat sie ein System erfunden. Sie schrieb Zahlen auf meine Kleiderbügel.“
Mara starrte ihn an. „Zahlen?“
„Ganz einfach. Stand auf dem Hemdbügel eine Fünf und eine Sieben und auf dem Hosenbügel eine Drei und eine Fünf, wusste ich: funktioniert. Die Fünf stimmt überein.“
Mara begann zu lachen. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch. Es war hervorragend. Gürtel und Schuhe wurden nach demselben Prinzip einsortiert.“
„Du hast dich nach Zahlen angezogen?“
„Ich musste nicht verstehen, warum etwas zusammenpasste. Ich musste nur eine gemeinsame Zahl finden.“
Mara lachte noch immer und ließ den Blick über ihn wandern. Das perfekt sitzende Hemd, die Manschetten, der Gürtel. Alles passte.
Sie deutete mit dem Finger auf ihn. „Und heute?“
Hugo lächelte. „Never change a running system.“
Mara sah ihn an. „Du machst das immer noch?“
„Warum sollte ich jeden Morgen Zeit mit solchen Nebensächlichkeiten verschwenden? Wer schaut mich schon an?“ Ein schelmisches Grinsen huschte über sein Gesicht, während sein Blick kurz über sie glitt. „Bei Frauen ist das etwas anderes. Da lohnt es sich, genauer hinzusehen.“
Mara hielt seinen Blick einen Moment.
Verdammt konsequent. Und ein kleines bisschen überheblich.
Seltsamerweise gefiel ihr sogar das.
Zumindest, solange man nicht selbst Teil eines seiner Systeme wurde.
Der Gedanke kam unerwartet. Mara beschloss, ihn nicht weiterzuverfolgen.
„Dann solltest du deiner Schwester dankbar sein.“
Hugo lächelte. „Jeden Morgen.“
Die Tür öffnete sich, und Claire erschien im Rahmen.
„Guten Morgen, Ms Winter.“
„Guten Morgen.“
Claire wandte sich Hugo zu. „Hugo, dein Termin ist da.“
„Danke. Ich komme gleich.“
Sie nickte und verschwand wieder.
Hugo sah Mara an. „So ist es besser.“
„Was?“
„Wenn wir einfach reden. Ohne dass du dein Notizbuch herausholst und mir eine Frage nach der anderen stellst.“
Mara lächelte. „Du weißt doch gar nicht, ob ich das vorhatte.“
Hugo sagte nichts. Er sah sie nur an.
Mara hielt seinem Blick einen Moment stand, dann senkte sie lächelnd die Augen. Verdammt. Er hatte sie erwischt. Genau das hatte sie vorgehabt. Und dass er sie so mühelos durchschaute, machte sie nervöser, als es sollte.
Als sie wieder aufsah, lächelte er noch immer.
Ich würde das gerne später fortsetzen. Beim Tee?“
„Gerne.“
Hugo lächelte. „Dann erzähle ich dir den Teil, den ich normalerweise auslasse.“
Mara hob eine Braue. „Das klingt vielversprechend.“
„Warte ab.“
Hugo stand auf. „Schau dich in der Zwischenzeit ruhig um. Wenn dich etwas interessiert, geh einfach hin.“
„Das werde ich.“
Hugo lächelte, nickte ihr kurz zu und ging zur Tür.
Mara sah ihm nach, bis sie hinter ihm ins Schloss fiel.
Ihr Notizbuch lag noch immer geschlossen neben dem Teller. Mara strich mit dem Finger über den Einband und musste lächeln. Na schön. Keine Fragenliste.
Sie stand auf.
Gestern war ihr hier jede Tür von jemand anderem geöffnet worden. Heute würde sie selbst entscheiden, vor welcher sie stehen blieb.