Hugo Kapitel 

Die Wochen danach vergingen in der Übergabe. Hugo sortierte seine Analysen, schrieb Überleitungen für die Fälle, die noch liefen, und saß ein letztes Mal mit den Händlern zusammen, die seine Empfehlungen umgesetzt hatten.

Mit jedem Vorgang, den er abgab, wurde ihm bewusster, dass er tatsächlich ging. Anfangs hatte sich seine Kündigung noch wie eine Entscheidung angefühlt, über die man jederzeit wieder sprechen konnte. Jetzt wurde sie endgültig. Namen verschwanden von seinem Schreibtisch, Zuständigkeiten wechselten, andere übernahmen Dinge, für die wenige Wochen zuvor noch er verantwortlich gewesen war.

Das fühlte sich eigenartig an.

Er hatte lange auf diesen Moment hingearbeitet. Er hatte genug Geld verdient, um nicht mehr für eine Bank arbeiten zu müssen. Er hatte eine eigene Firma gegründet, Pläne für Monaco gemacht und sich vorgenommen, erst einmal die Welt zu sehen. Eigentlich hätte er jeden Morgen mit einem Grinsen ins Büro kommen müssen.

Stattdessen ertappte er sich manchmal dabei, wie er auf die Händler sah und dachte, dass dies bald nicht mehr seine Welt sein würde. Keine Besprechungen mehr am Morgen. Keine Kurse, die er während des Tages ständig verfolgte. Niemand, der auf seine Einschätzung wartete. Kein Vorgesetzter. Keine Bank, deren Name auf seiner Visitenkarte stand.

Genau das hatte er gewollt.

Und trotzdem machte es ihm ein wenig Angst.

Niemand machte ein Abschiedsfest. In dieser Welt war man so schnell ersetzbar wie überall, und alle wussten es. Einige Kollegen gaben ihm die Hand, andere wünschten ihm Glück. Dann gingen sie zurück an ihre Arbeit. Die Kurse liefen weiter. Telefone klingelten. Auf den Bildschirmen änderten sich Zahlen. Die Bank brauchte Hugo nicht, um am nächsten Morgen wieder zu öffnen.

Am letzten Tag trug er seine persönlichen Sachen in einer Tasche aus dem Gebäude. Draußen blieb er für einen Moment stehen und sah zurück.

Das war es also.

Kein Chef mehr. Kein Gehalt. Kein Arbeitsplatz, an den er am Montagmorgen zurückkehren musste.

Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, ob er vollkommen verrückt geworden war.

Dann musste er lächeln.

Als er an diesem Nachmittag durch London fuhr, merkte er, dass ihn die Freiheit nicht so freute, wie er erwartet hatte. Es war keine Euphorie. Kein Gefühl, plötzlich gewonnen zu haben. Es war etwas viel Ruhigeres.

Zum ersten Mal seit Jahren wartete nichts auf ihn.

Er musste nirgendwohin.

Er musste niemandem etwas beweisen.

Und er wusste noch nicht einmal genau, wo er in einigen Wochen sein würde.

Hugo lehnte sich zurück und sah London an sich vorbeiziehen. Langsam löste sich etwas in ihm, von dem er vorher gar nicht bemerkt hatte, wie fest es gesessen hatte.

Die Freiheit machte ihn ruhig.

Das war alles.

Ein tiefer, gleichmäßiger Atemzug, der Monate andauern sollte.

Bevor Hugo London endgültig verließ, musste noch die Wohnung aufgelöst werden. Vieles wollte er ohnehin nicht behalten. Die wenigen persönlichen Dinge, an denen er hing, packte er zusammen. Kleidung, Unterlagen und einige Sachen, die sich über die Jahre angesammelt hatten, sollten nach Hamburg gebracht werden.

Den Rest überließ er Claire.

„Du weißt schon, dass ich langsam das Gefühl bekomme, dein Leben aufzuräumen?“, sagte sie, als sie zwischen den Kisten in seiner Wohnung stand.

Hugo grinste.

„Dafür kannst du das besser als ich.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch. Nur keine besonders gute.“

Claire schüttelte den Kopf.

Hugo hatte keine Lust, für Monate eine Wohnung in London zu bezahlen, in der niemand lebte. Ebenso wenig sah er einen Grund, irgendwo einen Lagerraum zu mieten. In Hamburg war im Haus seiner Eltern genügend Platz. Was er behalten wollte, konnte dort stehen, bis er wusste, wo er nach seiner Reise tatsächlich leben würde.

Wenige Tage später reiste er nach Hamburg. Zum ersten Mal seit Jahren kam er nicht für ein Wochenende oder einen kurzen Besuch nach Hause. Seine Koffer und Kisten kamen mit ihm, und für die nächste Zeit zog er wieder bei seinen Eltern ein.

Es fühlte sich beinahe widersprüchlich an. Er hatte gerade seinen Beruf aufgegeben, verfügte über mehr Geld, als er sich wenige Jahre zuvor hätte vorstellen können, und zog erst einmal wieder in sein altes Elternhaus.

Als er dort zwischen seinen Kisten stand, kam ihm sein altes Zimmer plötzlich kleiner vor als früher. Verändert hatte sich kaum etwas. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Vielleicht, weil er selbst nicht mehr derselbe war, der von hier einmal aufgebrochen war.

Nur aus praktischen Gründen war er nicht zurückgekommen. Hugo wusste, dass seine Mutter sich freute, ihn noch einmal für ein paar Tage zu Hause zu haben, bevor er für Monate durch die Welt reiste. Und ihm gefiel der Gedanke ebenfalls.

Es waren nur drei Nächte.

Gerade deshalb nahm er sie anders wahr als früher. Das gemeinsame Frühstück, die vertrauten Stimmen im Haus, seine Mutter, die wissen wollte, wann er am Abend zurückkam, obwohl er längst erwachsen war. Dinge, die ihm früher selbstverständlich erschienen waren, hatten plötzlich etwas Beruhigendes.

Gleichzeitig spürte er eine wachsende Unruhe.

Jedes Mal, wenn er an die kommenden Monate dachte, zog es ihn fort. Da war kein Büro mehr, in das er zurückmusste. Kein Edward, der am nächsten Morgen etwas von ihm erwartete. Kein Kalender, der bereits Wochen im Voraus über seine Zeit verfügte.

Nur er selbst.

Der Gedanke machte ihn euphorisch und verunsicherte ihn zugleich. Seit Jahren hatte sein Leben aus Terminen, Erwartungen und Entscheidungen bestanden. Nun war da plötzlich nichts mehr, woran er sich halten musste.

Er konnte gehen, wohin er wollte.

Hugo wusste, dass seine Mutter ihn vermissen würde. Vielleicht würde er sie ebenfalls mehr vermissen, als er jetzt glaubte. Aber unter diesem Gedanken lag etwas, das stärker war.

Vorfreude.

Er wollte wissen, wie es sich anfühlte, morgens aufzuwachen und niemandem Rechenschaft darüber schuldig zu sein, was er mit diesem Tag anfing.

Hamburg war deshalb kein neuer Anfang.

Es war der Ort, von dem aus er aufbrach.

Seinen letzten Abend verbrachte er mit Michael.

Sie gingen gemeinsam essen und liefen danach ohne besonderes Ziel an der Binnenalster entlang. Es war einer dieser Hamburger Abende, an denen die Luft bereits kühl genug war, um den Herbst zu spüren. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem dunklen Wasser, Autos zogen hinter ihnen vorbei, und eine Weile redeten sie über alles Mögliche, nur nicht darüber, dass Hugo am nächsten Morgen abreisen würde.

Irgendwann bekamen sie Lust auf ein Bier und begannen, nach einer Bar zu suchen.

„Eigentlich bescheuert“, sagte Michael, während sie weitergingen.

„Was?“

„Dass du morgen einfach weg bist.“

Hugo sah ihn an. „Ich bin ja nicht weg.“

„Du weißt nicht einmal, wann du wiederkommst.“

„Genau das ist doch der Sinn.“

Michael schüttelte grinsend den Kopf. „Andere Leute kündigen ihren Job und bekommen Panik.“

„Vielleicht bekomme ich die noch.“

„Du siehst nicht so aus.“

Hugo musste lachen. Nein, Panik hatte er in diesem Moment tatsächlich nicht. Während er neben Michael durch Hamburg lief, spürte er vielmehr dieses Kribbeln wieder, das ihn seit Tagen begleitete. Morgen würde er aufbrechen. Nicht für zwei Wochen Urlaub. Nicht mit einem festgelegten Rückflug. Niemand wusste, wie lange er unterwegs sein würde. Nicht einmal er selbst.

Schließlich fanden sie eine Bar, setzten sich hinein und bestellten zwei Bier.

Michael hob seines an.

„Auf deine Weltreise.“

In diesem Moment klang es zum ersten Mal wirklich so, als würde sie beginnen.

Am nächsten Morgen, Anfang Oktober 1998, brach Hugo auf.

Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Zum ersten Mal seit Jahren gab es keinen Rückflug, der bereits gebucht war, keinen Termin, um den herum er seine Tage planen musste.

Die ersten Wochen reiste Hugo durch Deutschland. Er fuhr von Stadt zu Stadt, blieb dort, wo es ihm gefiel, und zog weiter, wenn ihm danach war. Zum ersten Mal musste er niemandem erklären, wohin er fuhr oder wann er zurückkam.

Anfangs fühlte sich diese Freiheit beinahe unwirklich an.

Im November zog es ihn schließlich in die Berge. In den höheren Lagen lag bereits Schnee, und Hugo nahm sich für einige Tage ein Zimmer in einem luxuriösen Hotel mit Blick auf die verschneiten Hänge.

Tagsüber nahm er Skistunden. Abends saß er in seinem Zimmer, trank Wein und genoss zunächst die Ruhe. Doch schon nach wenigen Tagen merkte er, dass Freiheit und Einsamkeit erstaunlich dicht nebeneinanderliegen konnten.

Er hatte sich so lange danach gesehnt, dass niemand etwas von ihm wollte. Jetzt war tatsächlich niemand da.

Und ihm fehlte eine Frau.

Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine vermitteln.

Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel. Als sie aus der Kälte hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.

Hugo nahm ihr den Mantel ab.

Sie folgte ihm in den kleinen Wohnbereich. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich. Sie wirkte erstaunlich entspannt, beinahe so, als wäre sie nicht zum ersten Mal hier.

Sie redeten zunächst. Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo, einen holländischen Akzent unter ihrem Französisch hervorzuhören.

Er fragte nicht weiter.

Vielleicht war Sophie nicht einmal ihr richtiger Name. Aber auch das war ihm gleich. Für diesen Abend musste er nicht wissen, wer sie morgen sein würde.

Nach dem zweiten Glas rückte sie näher. Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.

Hugo sah sie einen Moment an, dann beugte er sich zu ihr und küsste sie.



Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich. Es war genau das, was er gewollt hatte. Eigentlich.

Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.

„Komm“, sagte sie irgendwann leise.

Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.

„Willst du vorher duschen?“

Sie sah ihn an. „Jetzt?“

„Ja.“

„Warum?“

„Einfach so.“

Sie musterte ihn. „Bin ich schmutzig?“

„Nein.“

„Warum soll ich dann duschen?“

„Es ist nur eine Marotte von mir.“

Sie lächelte wieder, aber etwas war aus dem Lächeln verschwunden. „Eine komische Marotte.“

„Mag sein.“

Schließlich stand sie auf und ging ins Bad. Wenig später hörte Hugo das Wasser rauschen.

Und ärgerte sich.

Nicht über sie. Über sich.

Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt. Sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt – und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen.

Wer war vor ihm bei ihr gewesen?

Vielleicht niemand. Vielleicht vor drei Tagen jemand. Vielleicht vor drei Stunden. Er wusste es nicht. Und genau das war das Problem.

Sein Verstand sagte ihm, dass er sich hineinsteigerte. Aber der Ekel ließ sich nicht wegdenken. Seit Cannes war da etwas in seinem Kopf, das sich nicht einfach wieder abschalten ließ.

Später kam Sophie in einem Bademantel aus dem Bad. Ihre Haare waren feucht, und sie roch nach dem Duschgel des Hotels.

„Besser?“

Hugo lächelte etwas verlegen. „Besser.“

Und es war tatsächlich besser. Nicht weil Sophie vorher schmutzig gewesen war. Die Dusche zog für seinen Kopf eine Grenze. Was vor ihm gewesen war, war abgewaschen. Jetzt war sie für ihn sauber, und mit allem, was zu ihrem eigenen Körper gehörte, konnte er umgehen.

Sie setzte sich rittlings auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an.

„Du bist wirklich komisch.“

„Das haben schon andere festgestellt.“

„Aber süß komisch.“

Sie küsste ihn. Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von ihren Schultern.

Aber Hugo hatte keine Eile.

Er hatte inzwischen gelernt, dass es nicht darum ging, möglichst schnell zu bekommen, was er selbst wollte. Im Gegenteil. Für ihn kam zuerst die Frau.

Er küsste ihren Hals und ihre Schultern, ließ seine Hände langsam über ihren Körper wandern und achtete auf ihre Reaktionen. Darauf, wann sie sich ihm entgegenbewegte, wann sich ihre Atmung veränderte, welche Berührungen sie länger genießen wollte.

Später nahm er ihre Füße auf seinen Schoß und begann, sie zu massieren.

Sophie sah ihn überrascht an.

„Was machst du?“

„Dich verwöhnen.“

Sie lächelte und lehnte sich zurück.

Hugo massierte erst ihre Füße, dann ihre Waden. Seine Hände glitten langsam höher über ihre Beine und ihre Oberschenkel, während Sophie die Augen schloss und sich entspannte.

Genau das gefiel ihm.

Nicht nur ihre Schönheit. Nicht nur, dass sie ihn begehrte. Sondern zu spüren, dass eine Frau unter seinen Händen losließ und ihm zeigte, was ihr gefiel.

Er ließ sich Zeit mit ihr, streichelte und liebkoste sie, bis Sophie irgendwann selbst nach ihm griff und ihn zu sich zog.

Erst dann ließ Hugo zu, dass es auch um ihn ging.

Später lagen sie zusammen im Bett. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar. Es war schön. Fast gemütlich.

Aber am nächsten Morgen ging sie. Sie zog sich an, nahm ihr Geld, küsste ihn auf die Wange, und dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Am Abend war das Hotelzimmer wieder still.

Hugo stand am Fenster und sah hinaus auf die verschneiten Berge. Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte. Und sie wusste beinahe nichts über ihn.

Vielleicht war genau das Freiheit.

Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.

Einige Wochen später war er in Thailand.

Hier war alles anders. Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein. Die Luft war warm und schwer, die Farben kräftiger, und selbst das Licht schien anders zu sein.

Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer. Zwei Frauen kamen mit. Eine nannte sich May, die andere Lin. Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.

Sie fuhren morgens hinaus. Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser, bis es eine Farbe hatte, die Hugo aus dem Mittelmeer nicht kannte. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.

May saß neben ihm auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille. Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.

„Too fast.“

Hugo sah zum Fahrer. „Faster.“

„No!“

Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas. May schlug Hugo gegen die Schulter.

„You are crazy.“

„You wanted a boat.“

„Not to die.“

Lin saß ihnen gegenüber und lachte.

Hugo ebenfalls.

Es war ein völlig belangloser Moment, und vielleicht gefiel er ihm gerade deshalb so sehr. Niemand sprach über Aktienkurse oder Kunden. Niemand wollte wissen, was er als Nächstes vorhatte. Er saß mit zwei Frauen auf einem Boot irgendwo vor der thailändischen Küste und hatte für diesen Tag keinen einzigen vernünftigen Grund, irgendetwas zu tun.

An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen. Sie sprangen ins Wasser. May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.

Sie schrie auf. „No! Hugo!“

Er warf sie zurück ins Meer. Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.

„Asshole!“

„You know that word.“

„I know many words.“

Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken. Hugo fing sie wieder ab. Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest. Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.

Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.

Hugo küsste sie. Sie schmeckte nach Salz.

Als sie sich lösten, strich er ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken.

May lächelte. „Better than throwing me.“

„We can do both.“

„First this.“

Sie küsste ihn wieder.

Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo, und er strich mit der Hand über ihren Rücken, über die warme, salzige Haut.

Hugo schloss für einen Moment die Augen.

Sonne. Meer. Zwei schöne Frauen neben ihm. Kein Büro. Kein Edward. Kein London.

Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.

Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durch das flache Wasser zu tragen.

„Put me down.“

„Why?“

„Because I'm heavy.“

„You're not.“

„Liar.“

„I'm an analyst. We don't lie.“

Sie lachte. „Bankers always lie.“

„I'm not a banker anymore.“

„What are you?“

Hugo dachte kurz nach.

Die Frage war einfacher, als sie klang. Noch vor wenigen Monaten hätte er darauf sofort eine Antwort gehabt. Jetzt wusste er selbst nicht genau, was er eigentlich war.

Dann grinste er.

„Rich tourist.“

May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.

Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel. Sie tranken, redeten, lachten und blieben bis tief in die Nacht zusammen.

Als Hugo am nächsten Morgen zwischen den beiden Frauen aufwachte, musste er lächeln.

Für diesen Moment fühlte sich sein neues Leben tatsächlich genauso an, wie er es sich vorgestellt hatte.

Doch am Mittag war alles vorbei.

Lin verabschiedete sich zuerst. May blieb noch einen Moment an der Tür stehen und gab Hugo einen Kuss.

„Maybe see you again.“

„Maybe.“

Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde.

Die Tür schloss sich.

Hugo blieb allein zurück.

Wieder.

Diesmal störte es ihn mehr als beim ersten Mal.

Zwei Tage später hätte er eine andere Frau haben können. Genau darin lag das Problem. Er hätte jeden Abend eine andere kennenlernen können. Aber er wollte nicht jedes Mal wieder bei null anfangen. Das Lachen von May fehlte ihm mehr, als er erwartet hatte.

Gleichzeitig bemerkte Hugo noch etwas.

Außerhalb Europas fühlte er sich unsicherer, als er erwartet hatte. In London oder Cannes glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht. Was war erlaubt? Was wurde nur geduldet? Welche Regeln galten in den Hotels, in den Bars, auf der Straße?

Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen. Es geschah überhaupt nichts. Die Beamten sprachen kurz mit dem Besitzer und verschwanden wieder.

Hugo hatte trotzdem einen unangenehmen Druck im Magen gespürt.

Die Frau bemerkte es.

„You scared?“

„No.“

Sie grinste. „Yes.“

„Why should I be scared?“

„Police.“

„I saw them.“

„No problem.“

Das sagte sie vollkommen gelassen.

Hugo war trotzdem froh, als die beiden verschwunden waren. Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand. Noch mehr hasste er die Vorstellung, in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.

So hatte er sich Freiheit nicht vorgestellt.

Und trotzdem liebte er seine Reise.

Die Hotels, die Flughäfen, die Strände, das Meer. Morgens aufzuwachen und entscheiden zu können, was er mit diesem Tag anfangen wollte. Neue Menschen, neue Städte, Frauen, die er wenige Stunden zuvor noch nicht gekannt hatte.

Manchmal war es großartig.

Manchmal war es einsam.

Und langsam begriff Hugo, dass beides gleichzeitig wahr sein konnte.


Ende März flog Hugo zurück nach Hamburg. Der Anlass war einer, für den er nicht lange überlegen musste. Im März 1949 hatte sein Vater sein Unternehmen gegründet. Fünfzig Jahre später wurde das Jubiläum gefeiert.

Als Hugo nach den Monaten unterwegs wieder das Haus seiner Eltern betrat, fühlte sich vieles merkwürdig vertraut an. Die gleichen Geräusche, die gleichen Räume, selbst der Geruch war ihm sofort vertraut. Für einen Moment kam es ihm vor, als wäre er nur ein paar Tage fort gewesen.

Seine Mutter freute sich, ihn wieder bei sich zu haben, ebenso Svenja. Elisabeth machte sich in der Küche daran zu schaffen, als müsse sie die verpassten Monate nachkochen, und wollte alles wissen.

Hugo erzählte von Thailand, vom Meer, von den Menschen, die er kennengelernt hatte, und von den Ländern, die noch vor ihm lagen. Während er sprach, merkte er selbst, wie viel in diesen Monaten passiert war. Zu Hause hatte sich kaum etwas verändert. Bei ihm dagegen schon.

Und trotzdem tat es gut, wieder hier zu sein.

Am Abend der Jubiläumsfeier wechselte die Stimmung. Sein Vater hatte Geschäftspartner, alte Weggefährten und Freunde eingeladen. Hugo kannte viele der Gesichter noch aus seiner Kindheit, andere nur aus den Erzählungen seines Vaters.

Unter den Gästen war auch Werner.

Hugo hatte gerade ein Glas genommen, als Werner auf ihn zukam.

„Da bist du ja endlich.“

Hugo grinste. „Für fünfzig Jahre komme sogar ich aus Thailand zurück.“

„Dein Vater hätte dir etwas anderes auch ziemlich übel genommen.“

„Das Risiko wollte ich nicht eingehen.“

Werner lachte und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Neben ihm stand ein Mann, den Hugo sofort erkannte.

„Herr Steinhöfel.“

„Hugo.“ Steinhöfel gab ihm die Hand. „Von Ihnen hört man inzwischen die merkwürdigsten Dinge.“

„Was denn?“

„Dass Sie Ihre Karriere hingeschmissen haben und durch die Welt reisen.“

„Dann stimmt ausnahmsweise einmal alles, was man sich erzählt.“

Steinhöfel musterte ihn amüsiert. „Und? War es eine gute Entscheidung?“

„Bis jetzt eine sehr gute.“

„Wo kommen Sie gerade her?“

„Thailand.“

„Und dafür fliegen Sie nach Hamburg?“

Hugo deutete mit seinem Glas in Richtung seines Vaters. „Fünfzig Jahre. Dafür komme ich zurück.“

„Das würde ich Ihrem Vater gegenüber auch für vernünftig halten.“

Werner lachte. „Siehst du. Noch einer.“

Sie sprachen eine Weile über Hugos Reise. Steinhöfel wollte wissen, was er gesehen hatte und wie lange er noch unterwegs sein wollte.

„Ein paar Monate auf jeden Fall“, sagte Hugo. „Ich bin noch lange nicht fertig.“

„Und irgendwann?“

Hugo sah ihn an. „Was irgendwann?“

„Sie werden kaum den Rest Ihres Lebens durch Hotels ziehen.“

„Nein.“

„Also?“

Hugo nahm einen Schluck und sah für einen Moment durch den Raum. In den vergangenen Monaten hatte er diese Frage erstaunlich erfolgreich vor sich hergeschoben. Nicht weil er keine Antwort darauf hatte. Eigentlich kannte er sie längst.

„Dann mache ich mich selbstständig.“

Steinhöfel hob leicht die Augenbrauen. „Damit habe ich gerechnet.“

„Wieso?“

„Sie waren nie der Typ, der bis sechzig für eine Bank arbeitet.“

Hugo lächelte. „Ich will eine eigene Investmentgesellschaft aufbauen.“

„Wo?“

„Genau das weiß ich noch nicht.“

Steinhöfel nahm einen Schluck. „Dann wissen Sie weniger, als ich dachte.“

„Deshalb wollte ich Sie sowieso noch anrufen. Ich brauche jemanden, der mir sagt, wie ich das vernünftig aufbaue. Nicht nur gesellschaftsrechtlich. Auch steuerlich. Ich will nicht erst eine Struktur gründen und zwei Jahre später feststellen, dass sie am falschen Ort sitzt.“

Steinhöfels Gesicht wurde ernster. Aus dem Gespräch auf einer Jubiläumsfeier war mit einem Mal etwas Geschäftliches geworden.

„Dann kommen Sie in den nächsten Tagen bei mir vorbei.“

 „Gern.“

„Dann reden wir in Ruhe darüber. Ich habe vielleicht eine Idee für Sie.“

Hugo wurde sofort neugierig. „Was für eine?“

Steinhöfel schüttelte den Kopf.

„Nicht heute. Heute hat Ihr Vater Jubiläum.“

Einige Tage später saß Hugo ihm gegenüber.

Steinhöfel ließ sich zunächst noch einmal erklären, was Hugo eigentlich vorhatte. Hugo sprach über sein Depot, über den Neuen Markt, über die Unternehmen, die er früher finden wollte, als es alle anderen taten. Steinhöfel hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und stellte nur gelegentlich eine Frage.

„Also“, sagte er schließlich. „Sie wollen zunächst Ihr eigenes Geld investieren.“

„Ja.“

„Und später?“

„Beteiligungen. Venture Capital. Vielleicht irgendwann größere direkte Beteiligungen. Aber zunächst geht es um mein eigenes Geld.“

„Kundengelder?“

„Auf keinen Fall.“

Steinhöfel lehnte sich zurück. „Gut. Dann machen Sie nicht den Fehler, eine Investmentgesellschaft zu gründen.“

Hugo sah ihn irritiert an. „Ich komme zu Ihnen, weil ich eine Investmentgesellschaft gründen will, und Ihr erster Rat ist, keine zu gründen?“

„Genau.“

„Das müssen Sie mir erklären.“

„Sie denken von der falschen Seite. Sie brauchen keine Gesellschaft, die Ihr Geld besitzt. Ihr Vermögen bleibt bei Ihnen. Was Sie brauchen, sind Menschen, die Ihnen helfen, es vernünftig zu investieren.“

Steinhöfel machte eine kurze Pause und sah ihn an.

„Und übrigens: Herzlichen Glückwunsch zu EM.TV – sollten die Gerüchte stimmen.“

Hugo hob nur leicht die Schultern und ließ ein knappes Lächeln erkennen.

„Sie meinen, ich brauche Analysten.“

„Genau. Und für die gründen Sie eine Research-Firma.“

„Und die Investmentgesellschaft?“

„Brauchen Sie zunächst nicht. Ihr Vermögen bleibt privat. Die Research-Firma würde ich in Monaco ansiedeln.“

Hugo sah ihn überrascht an. „Warum ausgerechnet dort?“

„Weil es für das, was Sie vorhaben, einige Vorteile hat. Wenn Sie dort ansässig sind, zahlen Sie auf Ihre privaten Kapitalgewinne keine Einkommensteuer. Und die sechsmonatige Haltefrist, die Sie aus Deutschland kennen, spielt ebenfalls keine Rolle.“

Hugo wurde aufmerksam. „Ich kann also verkaufen, wann ich will, und der Gewinn bleibt steuerfrei?“

„Genau.“

Das gefiel ihm. Gerade am Neuen Markt konnten sechs Monate verdammt lang sein.

„Und die Firma?“

„Die beschäftigt Ihre Analysten und verkauft die Analysen ausschließlich an Sie. Solange wir das sauber innerhalb Monacos halten und keine Kunden im Ausland bedienen, kann auch die Gesellschaft dort steuerfrei arbeiten.“

Hugo nickte langsam. „Mein Vermögen bleibt also bei mir, und die Firma liefert mir nur das Research.“

„Genau. Gleichzeitig gründen Sie dort ein Unternehmen, nehmen Büroräume und schaffen Arbeitsplätze. Das erleichtert auch Ihre eigene Ansiedlung.“

Hugo stand auf und ging zum Fenster.

Noch vor wenigen Monaten hatte er Edward erklärt, dass ihm das Land viel zu bergig war. Nur Fontvieille hatte ihm wirklich gefallen.

Jetzt dachte er zum ersten Mal darüber nach, dort tatsächlich zu leben.

„Das gefällt mir.“

„Das dachte ich mir.“

Hugo drehte sich zu ihm um. „Wann könnte ich anfangen?“

„Mit der Vorbereitung? Sofort.“

„Ich will aber meine Reise nicht abbrechen.“

„Das sollen Sie auch nicht.“

„Ich brauche eine Wohnung, Büros und eine Firma.“

„Dafür brauchen Sie jemanden, dem Sie vertrauen. Jemanden, der organisieren kann und Ihre Vorstellungen kennt. Den schicken Sie voraus. Sie selbst setzen Ihre Reise fort.“

Hugo dachte sofort an Claire.

Noch am selben Tag rief Hugo Claire an.

„Erinnerst du dich noch an dein Angebot, mitzukommen, wenn ich mich selbstständig mache?“

Es blieb einen Moment still.

„Du meinst es ernst.“

„Ja. Monaco. Ich gründe dort eine Research-Firma und will, dass du sie mit mir aufbaust.“

„Wann?“

„Wann kannst du?“

Claire überlegte kurz. „Ich könnte Ende April raus sein.“

„Perfekt. Dann gehst du voraus. Ich brauche Büroräume, eine Wohnung und jemanden, der alles vorbereitet. Wenn ich nach Monaco komme, will ich anfangen können.“

„Wer kommt noch mit?“

„Wenn sie zusagen: Mehta und Farhadi.“

„Hast du mit ihnen schon gesprochen?“

„Noch nicht.“

„Dann solltest du das vielleicht tun, bevor ich Büros für Leute suche, die von ihrem Glück noch nichts wissen.“

Hugo lachte. „Das wäre vermutlich vernünftig.“

„Und du?“

„Ich setze meine Reise fort. Du bereitest Monaco vor, Steinhöfel kümmert sich um die Gründung, und ich spreche mit den beiden.“


Von Hamburg aus setzte Hugo seine Weltreise fort. Sein nächstes eigentliches Ziel war Südamerika.

Der Flug führte ihn über Miami. Eigentlich sollte es nur ein Zwischenstopp werden, doch Hugo entschied spontan, ein paar Tage zu bleiben. Die Stadt reizte ihn. Sonne, Meer, große Hotels, Yachten – und wieder etwas vollkommen anderes als London, Monaco oder die bisherigen Stationen seiner Reise.

Schon als er das Flughafengebäude verließ, schlug ihm die warme, feuchte Luft entgegen. Nach dem grauen Hamburger März wirkte das Licht beinahe grell. Die Sonne spiegelte sich auf den Autos, Palmen bewegten sich im warmen Wind, und in der Luft lag dieser fremde Geruch aus Meer, Hitze und Abgasen.

Hugo blieb einen Moment stehen und atmete tief ein.

Genau deshalb reiste er.

Innerhalb weniger Stunden konnte alles anders sein: das Licht, die Luft, die Menschen, selbst das Gefühl auf der Haut.

Er reservierte sich ein Zimmer im Turnberry Isle in Aventura, ohne sich zunächst viel dabei zu denken.

Am Flughafen wartete eine Limousine des Hotels. Während der Fahrt saß Hugo am Fenster und sah hinaus. Breite Straßen, Palmen, flache Gebäude, große Autos. Alles wirkte weiter und heller als in Europa.

An der Vorfahrt des Hotels wurde ihm die Tür geöffnet, das Gepäck übernommen, danach Check-in und Begleitung aufs Zimmer.

Hugo verglich es unwillkürlich mit dem Carlton. Klassisch, elegant, sehr amerikanisch, alles auf Service ausgerichtet. Der Unterschied lag im Tempo. Nichts schien hier lange besprochen werden zu müssen.

Es geschah einfach.

Das Zimmer lag mit Blick zum Innenhof. Am ersten Abend aß Hugo auf der Terrasse des Hotels und ließ es sich richtig gut gehen. Die Luft war noch immer warm, obwohl die Sonne längst untergegangen war. Von irgendwoher roch es nach Blumen und Chlor vom Pool, Gläser klirrten, leise Gespräche lagen über der Terrasse.

Hugo bestellte, worauf er Lust hatte, und genoss es, sich um nichts kümmern zu müssen. Genau das fiel ihm in Amerika immer wieder auf: Wer bereit war, dafür zu bezahlen, konnte sich hier vollkommen umsorgen lassen.

Am nächsten Morgen fuhr er nach South Beach.

Als er ausstieg, traf ihn wieder diese feuchte Wärme. Die Sonne stand grell über den pastellfarbenen Art-déco-Häusern, Palmen bewegten sich im Wind, und vom Meer her lag Salz in der Luft. Überall waren Menschen – gebräunte Haut, kurze Kleidung, durchtrainierte Körper.

Hugo lief den Ocean Drive entlang, kam am Versace-Haus vorbei und setzte sich später in der Nähe des Colony Hotels zum Essen. Eigentlich hatte er nur ein paar Stunden bleiben wollen. Am Ende verbrachte er fast den ganzen Tag dort.

Es gefiel ihm.

Nicht nur der Strand oder das Wetter. Es war diese Offenheit. Körper wurden hier nicht versteckt. Menschen zeigten sich, flirteten, sahen einander an. Alles wirkte lauter, selbstbewusster und ein wenig hemmungsloser als das Europa, das Hugo kannte.

Am Abend fuhr er zurück ins Hotel, duschte, zog sich um und kehrte nach South Beach zurück.

Mango’s war brechend voll.

Musik dröhnte durch den Raum, Menschen standen dicht an dicht, und auf dem Tresen tanzten junge Frauen in knappen Outfits. Draußen zog unmittelbar der Ocean Drive vorbei. Drinnen mischten sich Musik, Stimmen, Parfüm, Alkohol und die Wärme der vielen Körper.

Hugo fand einen Platz und sah sich fasziniert um.

Selbst das Verkaufen der Shots gehörte zur Show. Die Frauen nahmen die kleinen Gläser aus einem Holzgestell und machten aus jeder Bestellung eine kleine Inszenierung. Besonders ihre nackten Bäuche zogen Hugos Blick immer wieder an.

Aber es waren nicht nur die Frauen.

Es war die Selbstverständlichkeit des Ganzen.

In Europa kannte er elegante Bars, Hotels und Clubs. Dort hatte vieles hinter Türen stattgefunden. Hier schien das Nachtleben direkt auf die Straße hinauszufließen. Niemand wirkte verlegen, niemand schien sich erklären zu müssen.

Hugo lehnte sich zurück und ließ alles auf sich wirken.

Die Musik. Die Hitze. Die Menschenmenge. Die Frauen. Und wenige Meter entfernt die Lichter des Ocean Drive.

Miami gefiel ihm immer besser.

Auf der Rückfahrt kam Hugo mit dem Fahrer ins Gespräch. Irgendwann sagte er ziemlich direkt, dass er für den nächsten Tag eine weibliche Begleitung suchte. Der Fahrer kannte jemanden und stellte den Kontakt her.

Am nächsten Nachmittag kam die Frau ins Hotel. Eine attraktive Latina, auch wenn sie körperlich nicht ganz Hugos Beuteschema entsprach. Trotzdem gefiel sie ihm.

Sie fuhren gemeinsam nach Bal Harbour, tranken Kaffee, sahen sich Geschäfte an und schlenderten durch die Läden. Einmal deutete sie an, dass ihr etwas gefiel. Hugo verstand den Hinweis durchaus, ging aber nicht darauf ein. Er bezahlte für ihre Begleitung; daraus entstand für ihn keine Verpflichtung, zusätzlich Geschenke zu kaufen.

Bei Svenja war das etwas anderes gewesen. Seiner Schwester hatte er die Louis-Vuitton-Tasche geschenkt, weil er ihr eine Freude machen wollte. Hier war die Sache für ihn klar geregelt.

Am Abend fuhren sie wieder nach South Beach. Hugo wollte noch einmal ins Mango’s. Vorher aßen sie in einem Restaurant in der Nähe, und Hugo bestellte ein Thunfischsteak, das ihm noch lange im Gedächtnis blieb.

Später verbrachten sie die Nacht im Turnberry miteinander.

Als die Frau bereits schlief, stand Hugo noch eine Weile am Fenster und blickte hinaus in den beleuchteten Hotelbereich.

Verdammt, dachte er. Eigentlich gefällt mir das hier.

Die Wärme. Das Meer. Die Frauen. Restaurants, Service, dieses unkomplizierte Gefühl, dass sich beinahe alles organisieren ließ.

Er hatte Miami nur als Zwischenstopp geplant.

Jetzt konnte er sich plötzlich vorstellen, länger hier zu sein.

Am nächsten Morgen war der Gedanke noch immer da.

Beim Frühstück begann Hugo sich zu fragen, was eine Wohnung hier eigentlich kostete.

Nicht als neuer Wohnsitz. Dafür hatte er längst andere Pläne. Aber inzwischen hatte er genug Geld, um über Dinge nachzudenken, die wenige Jahre zuvor vollkommen außerhalb seiner Welt gelegen hatten.

Warum nicht eine Ferienwohnung in Miami?

Ein paar Wochen im Jahr Sonne, Meer und South Beach. Eine eigene Wohnung, in die er jederzeit kommen konnte.

Kaufen wollte er noch nichts. Aber ansehen konnte er es sich.

Also rief er den Limousinenfahrer an, der ihm bereits die Frau vermittelt hatte.

„Ich brauche noch etwas.“

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich würde mir gern ein paar Wohnungen ansehen. Als Ferienwohnung. Möglichst am Meer.“

„Zum Kaufen?“

Hugo grinste. „Vielleicht. Erst einmal ansehen.“

„Ich kenne einen sehr guten Makler.“

„Wann?“

„Wann haben Sie Zeit?“

„Heute.“

„Ich kümmere mich darum.“

Keine zwei Stunden später saß Hugo mit dem Makler in der Limousine.

Das war wieder dieses Amerika. Morgens erwähnte man etwas, und mittags wurde es erledigt.

„Was suchen Sie genau?“, fragte der Makler.

„Zwei Schlafzimmer reichen. Wasser wäre mir wichtig. Eigentlich direkt am Meer.“

„Dann zeige ich Ihnen zuerst etwas, das nicht direkt am Meer liegt.“

Hugo sah ihn an. „Das fängt ja gut an.“

Der Makler lachte. „Williams Island.“

Wenig später passierten sie die bewachte Zufahrt. Zwischen Palmen und gepflegten Grünflächen ragten die Wohntürme auf, dahinter Wasser und Yachten.

Am Sales Center wechselten sie in einen Golfwagen. Der Makler zeigte ihm den Club, Restaurants, Tennisplätze, Yacht Club und Marina.

„Das ist ja fast wie ein Hotel“, sagte Hugo.

„Nur dass Sie hier wohnen.“

Die erste Wohnung war riesig. Breite Fensterflächen, großzügige Räume, nichts wirkte auf den letzten Quadratmeter berechnet.

Im Schlafzimmer öffnete der Makler eine Tür. Hugo ging hinein und blieb stehen.

„Was ist das?“

„Der Kleiderschrank.“

Hugo sah ihn an. „Das ist ein Zimmer.“

Der Makler lachte. „Walk-in Closet.“

Schränke und Ablagen liefen an beiden Seiten entlang, dazwischen war so viel Platz, dass man tatsächlich darin herumlaufen konnte.

„Vollkommen verrückt.“

Das Badezimmer überraschte ihn genauso. Marmor, eine große Whirlpoolwanne, eine separate Toilette und eine Dusche, die eher wie eine kleine Kabine wirkte.

„Die Dusche hat Dampf“, sagte der Makler.

„Eine Dampfdusche?“

„Natürlich.“

Schon wieder dieses Wort.

Hugo musste grinsen. In Deutschland hätte man aus einem Badezimmer dieser Größe beinahe noch ein zusätzliches Zimmer gemacht.

Dann fiel ihm der Teppich auf.

Nicht wegen seines Aussehens, sondern wegen des Gefühls unter seinen Füßen. Bei jedem Schritt gab der Boden weich nach.

„Was ist denn da drunter?“

„Padding.“

Unter dem Teppich lag eine dicke, weiche Polsterung.

Hugo lief noch ein paar Schritte.

„Das fühlt sich ja an, als würde man auf Wolken laufen.“

„Sie mögen es?“

„Ich weiß noch nicht, ob ich es vollkommen bescheuert oder großartig finde.“

Der Makler lachte. „Geben Sie Amerika ein paar Tage.“

Danach zeigte er ihm eine Wohnung in der Résidence du Cap. Schon das Gebäude wirkte neuer und großzügiger.

Als sich oben die Aufzugtüren öffneten, trat Hugo direkt ins Vestibül der Wohnung.

Er blieb stehen und sah zurück zum Aufzug.

„Der fährt direkt in die Wohnung?“

„Private elevator.“

Hugo grinste.

Bis vor wenigen Minuten hatte er nicht gewusst, dass er einen privaten Aufzug wollte.

Jetzt wollte er einen.

Die Wohnung gefiel ihm noch besser. Große Räume, breite Fensterflächen und ein weiter Blick über den Intracoastal Waterway bis hinüber zur Küste.

Hugo trat ans Fenster.

„Wenn ich mir in Miami eine Ferienwohnung kaufe, würde ich eigentlich lieber direkt am Atlantik wohnen.“

„Warum?“

Hugo sah ihn überrascht an. „Weil ich in Miami bin.“

„Wann werden Sie die Wohnung hauptsächlich benutzen?“

„Was hat das damit zu tun?“

„Tagsüber werden Sie unterwegs sein. Strand, Restaurants, Boot, South Beach. Nach Hause kommen Sie abends.“

„Wahrscheinlich.“

Der Makler deutete Richtung Atlantik.

„Dann stellen Sie sich den dreißigsten Stock direkt am Meer vor. Tagsüber fantastisch.“

„Eben.“

„Und nachts ein schwarzes Loch.“

Hugo lachte. „Das ist Ihre Williams-Island-Verkaufsnummer.“

„Nein. Das ist der Atlantik.“

Er deutete auf den Intracoastal und die Gebäude entlang der Küste.

„Hier haben Sie nachts Wasser, beleuchtete Marinas, Boote und die Lichter der Stadt.“

Hugo betrachtete den Blick noch einmal.

Scheiße. Der Mann hat recht.

„Okay. Das Argument ist gut.“

Der Makler grinste. „Wenn das wirklich das ist, was Sie suchen, muss ich Ihnen noch etwas zeigen.“

„Was?“

„Fisher Island.“

Hugo kannte den Namen, konnte damit aber wenig anfangen.

„Noch so eine Anlage?“

„Nein. Fisher Island ist eine Insel.“

Wenig später rollte die Limousine auf die Fähre.

Hugos erster Eindruck war allerdings enttäuschend. Auf der anderen Seite des Wassers standen große grüne Tanks.

„Das soll besser sein als Williams Island?“

Der Makler lachte. „Warten Sie, bis wir drüben sind.“

„Für das Geld hätte ich die Tanks gerne woanders.“

Doch schon kurz nach der Ankunft änderte sich Hugos Eindruck.

Palmen, sattgrüne Rasenflächen, Blumen, makellos gepflegte Wege. Golfwagen bewegten sich zwischen niedrigen, mediterran wirkenden Gebäuden, dazwischen Fahrzeuge des Sicherheitsdienstes. Kein Durchgangsverkehr, kein Lärm.

Als sie an einer der Marinas vorbeikamen, wurde aus seinem Interesse Begeisterung. Weiße Yachten lagen an den Stegen, dahinter glitzerte das Wasser. Alles wirkte ruhig, abgeschirmt und luxuriös.

„Okay“, sagte Hugo.

„Was?“

„Jetzt verstehe ich, warum Sie mich hergebracht haben.“

Williams Island hatte ihn beeindruckt.

Fisher Island begeisterte ihn.

Der Makler zeigte ihm den Golfplatz, die Tennisplätze, Restaurants und schließlich den Strand. Heller Sand, Palmen, warmes Wasser – und Miami lag direkt gegenüber, ohne dass es sich anfühlte, als wäre man mitten in einer Großstadt.

Hugo sah zu den Liegen.

„Und wenn ich etwas trinken will?“

Der Makler deutete auf eine kleine Fahne.

„Die stellen Sie hoch. Dann kommt jemand.“

„Eine Fahne?“

„Natürlich.“

Hugo lachte.

Wieder dieses Amerika.

Luxus bedeutete hier nicht nur, sich etwas leisten zu können. Luxus bedeutete, dass jemand dafür sorgte, dass man sich um möglichst wenig selbst kümmern musste.

Sie gingen zurück Richtung Marina.

„Sie wollten zwei Schlafzimmer.“

„Mehr brauche ich für eine Ferienwohnung nicht.“

Der Makler zeigte ihm eine Wohnung in einem der niedrigen Häuser unmittelbar am Yachthafen.

Die Lage begeisterte Hugo sofort. Wasser vor den Fenstern, Yachten wenige Meter entfernt.

Die Wohnung selbst weniger. Sie war groß genug, aber man sah ihr das Alter an. Besonders die sichtbaren Geräte der Klimaanlage störten ihn.

„Das bleibt aber nicht so?“

„Wenn Sie sie so kaufen, schon.“

Hugo verzog das Gesicht. „Das sieht furchtbar aus.“

„Dann bauen wir es um.“

„Wir?“

„Sie sagen uns, was Sie wollen. Wir besorgen Ihnen die Leute.“

„Was kostet sie?“

„945.000 Dollar.“

Hugo nickte.

Er konnte sie kaufen.

Allein dieser Gedanke fühlte sich noch immer ungewöhnlich gut an.

Der Makler trat ans Fenster.

„Bevor Sie darüber nachdenken, kommen Sie heute Abend noch einmal her.“

„Warum?“

„Sie erinnern sich an das schwarze Loch am Atlantik?“

Hugo grinste. „Natürlich.“

„Dann sehen Sie sich diese Marina bei Dunkelheit an.“

Hugo nickte.

Das wollte er tatsächlich sehen.

Sie nahmen die Fähre zurück. Später fuhr Hugo noch einmal nach South Beach.

Als er zur Limousine zurückkam, hatte sein Fahrer noch eine Idee.

„Sie interessieren sich doch jetzt für Immobilien.“

„Offenbar.“

„Dann sollten Sie Star Island sehen.“

„Was ist da?“

„Villen. Gloria Estefan wohnt dort.“

„Kann man da einfach reinfahren?“

„Nein.“

„Und wie willst du mir das dann zeigen?“

Der Fahrer grinste. „Ich kenne jemanden am Gate.“

Hugo lachte. „Natürlich.“

Sie fuhren einmal über die Insel. Große Grundstücke, gewaltige Villen, Palmen und private Zufahrten. Noch einmal eine andere Form von Reichtum.

Danach wollte Hugo zurück nach Fisher Island.

Als die Limousine erneut auf die Fähre rollte, war es bereits dunkel.

Schon bei der Ankunft wirkte die Insel vollkommen anders. Zwischen den Palmen leuchteten die Wege, die niedrigen Gebäude lagen in warmem Licht, und in der Marina spiegelten sich die Lichter der Yachten auf dem schwarzen Wasser.

Hugo ging noch einmal zur Wohnung und trat direkt ans Fenster.

Jetzt verstand er endgültig, was der Makler gemeint hatte.

Der Atlantik wäre um diese Uhrzeit tatsächlich nur eine dunkle Fläche gewesen.

Hier lebte der Blick.

Die Yachten waren beleuchtet, einzelne Fenster glühten in ihren Aufbauten, und die Lichter der Marina zogen lange Spiegelungen über das Wasser.

„Sie hatten recht“, sagte Hugo.

Der Makler lächelte. „Das höre ich gern.“

Hugo blieb noch einen Moment stehen.

Diesen Gedanken würde er behalten: Eine Lage musste nicht nur bei Sonnenschein funktionieren, sondern auch zu der Zeit, zu der man tatsächlich dort war.

Nachdem der Makler gegangen war, setzte Hugo sich noch an eine Bar. Dort kam er mit zwei Frauen ins Gespräch, Mutter und Tochter, beide Russinnen.

„Wohnen Sie hier?“, fragte die Mutter irgendwann.

„Nein. Ich überlege, mir eine Ferienwohnung zu kaufen.“

„Auf Fisher Island?“

„Vielleicht.“

Sie lächelte. „Wenn Sie vielleicht sagen, kaufen Sie nicht.“

Hugo lachte. „Und Sie?“

„Meine Tochter und ich leben einen großen Teil des Jahres hier.“

„Ihr Mann auch?“

„Nein. Er ist viel in Russland.“

„Warum bleiben Sie dann hier?“

Ihr Gesicht wurde ernster.

„Weil Russland nicht sicher ist.“

Ihr Mann müsse wegen seiner Geschäfte regelmäßig dort sein, erklärte sie. Seine Frau und seine Tochter wollte er diesen Risiken jedoch nicht aussetzen.

„Deshalb Fisher Island. Eine Insel. Bewacht. Kontrollierte Zufahrt. Niemand kommt einfach hierher.“

Hugo sah sich um.

Am Nachmittag waren die Sicherheitsfahrzeuge für ihn einfach Teil einer luxuriösen Anlage gewesen.

Für diese Familie waren sie ein Grund, hier zu wohnen.

„Und Ihr Mann?“

„Er kommt so oft er kann.“

„Gefällt ihm Russland besser?“

Die Frau lächelte. „Nein. Dort verdient er sein Geld.“

Der Satz blieb Hugo im Kopf.

Später brachte ihn die Limousine zurück zum Turnberry Isle.

Im Bett dachte er noch einmal an Fisher Island.

Er konnte sich die Wohnung leisten. Vor wenigen Jahren wäre allein der Gedanke an eine eigene Ferienwohnung in Miami vollkommen absurd gewesen.

Und Fisher Island gefiel ihm verdammt gut.

Trotzdem wusste er, dass er sie nicht kaufen würde.

Er war mitten auf seiner Weltreise und dabei, seine eigene Firma aufzubauen. Dafür wollte er sein Geld einsetzen.

Die Ferienwohnung konnte warten.

Am nächsten Morgen begann Hugo zu telefonieren.

Bei Arjun entwickelte sich daraus das längste Gespräch.

„250.000 fest“, sagte Hugo. „Am Anfang ohne Bonus.“

„Und dafür soll ich London verlassen und nach Monaco gehen.“

„Ja.“

„Zu einer Firma, die noch nicht existiert.“

„Auch ja.“

Arjun lachte. „Du bist wirklich überzeugend.“

„Was soll ich dir erzählen? Du weißt, was ich vorhabe, und du weißt, was ich kann.“

„Und wenn es schiefgeht?“

„Dann geht es schief.“

„Sehr beruhigend.“

„Soll ich dir eine Garantie geben, die nichts wert ist?“

Arjun schwieg kurz.

„Claire kommt übrigens auch mit“, sagte Hugo. „Sie geht voraus und organisiert alles. Büro, Einrichtung, meine Wohnung. Wenn du zusagst, kümmert sie sich auch darum, dass du etwas Passendes findest.“

„Du hast das also tatsächlich schon geplant.“

„Natürlich. Ich will im September anfangen und nicht drei Monate lang Schreibtische kaufen.“

Arjun lachte.

„Überleg es dir.“

Leila und Whitmore machte Hugo dasselbe Angebot. Keiner sagte sofort zu.

Einige Tage später kamen die Antworten.

Arjun sagte zu.

Leila ebenfalls.

Whitmore lehnte ab. Er traute Hugo durchaus zu, dass die Firma funktionieren würde. Aber seine sichere Karriere für etwas aufzugeben, das noch nicht einmal existierte, ging ihm zu weit.

Zwei von drei.

Damit konnte Hugo leben.

Bei Michael war es etwas anderes.

„Komm mit nach Monaco.“

Michael lachte. „Und was soll ich da machen?“

„Mir helfen.“

„Wobei?“

„Bei allem.“

„Das ist keine Stellenbeschreibung.“

„Dann nennen wir dich Mädchen für alles.“

„Sehr verlockend.“

Hugo grinste. „Zehntausend im Monat.“

Am anderen Ende wurde es still.

„Zehntausend?“

„Ja.“

„Euro?“

„Nein, Michael. Gummibärchen.“

Michael lachte. „Du hast doch einen Schaden.“

„Also?“

„Ich weiß nicht.“

Damit hatte Hugo nicht gerechnet.

„Was gibt es da zu überlegen?“

„Eine ganze Menge. Ich habe hier einen Job.“

„Ich biete dir mehr.“

„Darum geht es nicht nur.“

„Worum dann?“

„Darum, dass ich dafür mein ganzes Leben hier aufgebe.“

„Und wenn es dir nicht gefällt, gehst du wieder.“

„Und wenn deine Firma nicht funktioniert?“

„Dann funktioniert sie nicht.“

„Genau.“

Hugo schwieg.

Für ihn war das inzwischen kein Grund mehr, etwas nicht zu versuchen. Für Michael schon.

„Überleg es dir.“

Michael tat es.

Und sagte Nein.

Das ärgerte Hugo mehr als Whitmores Absage. Für einen Moment fragte er sich sogar, ob Michael ihm seinen Erfolg vielleicht nicht richtig gönnte.

Fast sofort kam er sich bescheuert vor.

Das war Michael. Sie kannten sich seit der Schulzeit. Natürlich gönnte er ihm den Erfolg. Er war einfach nicht bereit, sein eigenes Leben dafür aufzugeben.

Hugo akzeptierte es.

Gefallen musste es ihm nicht.

Claire war inzwischen in Monaco.

Einige Tage später rief sie ihn an.

„Ich glaube, ich habe deine Wohnung gefunden.“

„Gut.“

„Willst du nicht wissen, wie sie aussieht?“

„Doch.“

„Knapp zweiundsiebzig Quadratmeter. Offene Küche, Essbereich, Wohnzimmer, Holzboden, große Fenster und eine überdachte Terrasse.“

„Gefällt sie dir?“

„Ja.“

„Würdest du sie nehmen?“

Claire schwieg kurz. „Wenn ich du wäre? Ja.“

„Dann nimm sie.“

„Das war’s?“

„Wenn du sagst, sie ist gut, reicht mir das.“

Claire lachte. „Du machst es dir ziemlich einfach.“

„Dafür habe ich dich.“

Sehr charmant.“

Hugo grinste. „Nimm sie.“

Kurz darauf setzte er seine Reise fort und flog weiter nach Brasilien.

Dort blieb er länger.

Über einen Concierge buchte er eine Frau, die sich Mariana nannte. Sie hatte langes dunkles Haar, gebräunte Haut und dieses leichte, selbstverständliche Lachen, das Hugo sofort gefiel.

Eigentlich entsprach sie damit nicht seinem bevorzugten Typ. Hugo mochte sehr helle Haut. Wenn er wählen konnte, entschied er sich fast immer dafür.

Bei Mariana störte es ihn überraschend wenig.

Dass er mit ihr schlafen wollte, stand außer Frage. Dafür hatte er sie schließlich gebucht.

Was ihn überraschte, war etwas anderes.

Er mochte sie.

Er mochte die Art, wie sie mit ihm sprach. Sie versuchte nicht, ihn zu beeindrucken, fragte nicht ständig nach seinem Geld und behandelte ihn auch nicht wie jemanden, dem man jeden Wunsch von den Augen ablesen musste. Sie neckte ihn, widersprach ihm und lachte über ihn, wenn sie etwas lächerlich fand.

Hugo mochte das.

Und je länger er mit ihr zusammen war, desto weniger verstand er selbst, warum ihre gebräunte Haut ihn anfangs überhaupt gestört hatte.

Er begehrte sie.

Am ersten Nachmittag gingen sie an den Strand. Mariana lief barfuß am Wasser entlang und trug ihre Sandalen in einer Hand. Hugo ging neben ihr.

Sein Blick wanderte immer wieder zu ihr. Zu ihren langen Beinen, der Bewegung ihrer Hüften, ihrem Körper. Sie war nicht der Typ Frau, den er sich normalerweise ausgesucht hätte. Trotzdem konnte er kaum aufhören, sie anzusehen.

Jedes Mal, wenn sie sich zu ihm umdrehte, musste er sich beinahe zwingen, ihr wieder ins Gesicht zu sehen.

Natürlich bemerkte sie es.

„You always look“, sagte sie irgendwann.

„Where?“

Sie zeigte auf ihre Augen. „Not here.“

Hugo grinste. „I look there too.“

„Sometimes.“

Sie drehte sich vor ihm um und ging einige Schritte rückwärts.

„Now?“

Jetzt sah er sie direkt an. Dieses Lächeln, die dunklen Augen, der Wind in ihren Haaren.

Und sofort waren sie wieder da, diese Schmetterlinge im Bauch, die er in den letzten Monaten immer dann gespürt hatte, wenn ihn eine Frau nicht nur körperlich reizte, sondern ihm auch gefiel.

„Now I have no choice.“

Mariana lachte, drehte sich wieder um und lief weiter.

Hugo legte einen Arm um ihre Taille. Sie ließ es zu.

Allein ihre warme Haut unter seiner Hand genügte, um seine Erregung noch stärker werden zu lassen. Er genoss ihre Nähe, ihren Geruch, die Selbstverständlichkeit, mit der sie neben ihm ging.

Seine Hand wanderte etwas tiefer.

Mariana sah seitlich zu ihm.

„Hugo.“

„What?“

„People.“

„They have seen an ass before.“

Sie schlug seine Hand weg, lachte aber dabei.

Hugo grinste. Gerade das gefiel ihm an ihr. Sie setzte ihm eine Grenze, ohne dass die Leichtigkeit zwischen ihnen verschwand.

Wenige Schritte später nahm Mariana selbst seinen Arm und legte ihn wieder um ihre Hüfte.

Hugo sah sie an.

Das Kribbeln in seinem Bauch wurde stärker.

Dass er sie begehrte, hatte er schon gewusst, als sie vor ihm gestanden hatte. Damit hatte er gerechnet.

Mit den Schmetterlingen nicht.

Am nächsten Tag zeigte Mariana ihm Rio.

Sie fuhren hinauf zum Corcovado. Als sie schließlich vor der riesigen Christusstatue standen, blieb Hugo einen Moment stehen und legte den Kopf in den Nacken.

„Okay“, sagte er. „That is impressive.“

Mariana lachte. „You sound surprised.“

„I am.“

Sie trat neben ihn und sah hinaus über die Stadt.

Hugo folgte ihrem Blick. Unter ihnen lagen Rio, die Berge, das Meer und die Strände. Für einen Moment vergaß er sogar Mariana neben sich.

Dann spürte er ihre Hand an seiner.

Er sah zu ihr.

Sie sagte nichts, verschränkte einfach ihre Finger mit seinen und blickte wieder über die Stadt.

Sofort waren die Schmetterlinge wieder da.

Es war eine lächerlich kleine Berührung, und trotzdem gefiel sie ihm beinahe mehr als alles, was zwischen ihnen bereits passiert war. Vielleicht gerade deshalb.

Für Sex hatte er sie gebucht.

Dass sie hier oben einfach seine Hand nahm, gehörte für ihn zu etwas anderem.

Hugo drückte ihre Finger leicht.

Mariana sah zu ihm und lächelte.

Später fuhren sie nach Ipanema.

Mariana zog ihre Sandalen aus, sobald sie den Strand erreichten, und lief barfuß durch den Sand. Hugo tat es ihr nach. Sie gingen am Wasser entlang, blieben zwischendurch stehen und setzten sich schließlich in den Sand.

Mariana zog die Knie an und sah aufs Meer.

Hugo betrachtete sie.

Die Sonne lag auf ihrer Haut, der Wind bewegte ihr langes dunkles Haar, und wieder merkte er, wie gern er sie ansah.

Das amüsierte ihn inzwischen beinahe. Ausgerechnet eine Frau, die einem seiner deutlichsten Vorlieben nicht entsprach, gefiel ihm von Stunde zu Stunde besser.

Nicht nur ihr Körper.

Sie.

Das war ein Unterschied, den er inzwischen deutlich spürte.

Mariana bemerkte seinen Blick.

„Again.“

„What?“

„You are looking.“

Hugo grinste. „You complain a lot for a woman who likes being looked at.“

Sie drehte sich zu ihm. „Maybe I like when you look.“

Das Kribbeln in seinem Bauch wurde stärker.

„That makes things easier.“

„For you.“

„For both of us.“

Mariana lachte und schob ihn mit der Schulter zur Seite.

Hugo fing sich ab, griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. Sie landete halb an seiner Brust und sah ihn einen Moment lang an.

Dann küsste sie ihn.

Hugo legte einen Arm um ihre Taille und erwiderte den Kuss. Er spürte sofort wieder diese Mischung aus Erregung und etwas anderem, das ihm inzwischen fast noch besser gefiel: die Vertrautheit, die sich zwischen ihnen entwickelte.

Am Abend aßen sie gemeinsam.

Mariana erzählte ihm von Rio, Hugo von seiner Reise. Sie lachte über einige seiner Geschichten und glaubte ihm andere zunächst nicht. Mehrmals ertappte er sich dabei, dass er gar nicht mehr darüber nachdachte, ob sie seinem üblichen Typ entsprach.

Er hörte ihr einfach gern zu.

Als sie später neben ihm herging und sich wie selbstverständlich bei ihm einhakte, dachte Hugo wieder daran.

Genau das hatte ihm gefehlt.

Nicht nur eine schöne Frau, mit der er schlafen konnte.

Eine, mit der er auch den Tag verbringen wollte.

Drei Tage verbrachten sie miteinander. In dieser Zeit bemerkte Hugo einmal, wie Mariana sich über die Schulter rieb.

„Was ist?“

„Nichts. Nur verspannt.“

Hugo ließ ihr für den Nachmittag eine Massage im Hotel buchen. Als er es ihr sagte, sah sie ihn überrascht an.

„Das musst du nicht machen.“

„Warum nicht?“

„Dafür bezahlst du mich doch nicht.“

Hugo verstand die Frage nicht. Natürlich bezahlte er Mariana für ihre Zeit. Aber warum sollte das bedeuten, dass er ihr deshalb nichts Gutes tun durfte? Solange sie bei ihm war, gehörte sie für diese Zeit zu seinem Leben. Er mochte sie, verbrachte gern Zeit mit ihr und wollte, dass es ihr gut ging. Dass er sie bezahlte, änderte daran nichts.

Am vierten Tag musste sie weg.

„Family“, sagte sie.

Ob das stimmte, wusste Hugo nicht.

„Tomorrow?“

Sie schüttelte den Kopf. „Maybe next week.“

Hugo würde nächste Woche nicht mehr hier sein.

Das störte ihn mehr, als er erwartet hatte.

Nicht genug, um deshalb seine Reise zu ändern. Aber genug, dass er noch eine Weile an Mariana dachte, nachdem sie gegangen war.

Er hatte sie für Sex gebucht. Dass er mit ihr drei Tage lang auch gern geredet, gegessen, gelacht und Rio angesehen hatte, war nicht geplant gewesen.

Und genau das fehlte ihm jetzt.

Dabei musste er an eine andere Frau denken.

Una.

Die Frau aus Cannes.

Auch bei ihr hatte er etwas Ähnliches erlebt. Sie hatte bemerkt, wenn sein Glas leer wurde. Sie hatte sich beim Gespräch zu ihm gedreht, als gäbe es in dem Raum niemanden, der wichtiger war. Eine beiläufige Hand auf seinem Arm. Ein Fuß an seinem Bein. Eine Zigarre, die sie in den Mund genommen, angefeuchtet und schließlich angezündet hatte, wobei sie sinnlich daran gezogen und noch einmal dagegengeblasen hatte, bevor sie sie ihm reichte.

Sie hatte ihm schließlich ihre Nummer gegeben.

Hanna Dvořáková.

Prag.

Er hatte den Kontakt noch.

Einige Tage später rief Hugo an.

„Dvořáková.“

„Hanna Dvořáková?“

„Ja.“

„Mein Name ist Hugo Voss. Ich habe Ihre Nummer von Una.“

„Una?“

„Cannes. Die Bankveranstaltung.“

„Ah. Ja.“

„Ich denke immer noch an sie.“

Hanna lachte leise. „Das hört sie bestimmt gern.“

„Ich meine nicht nur den Sex. Der ganze Abend mit ihr war anders. Sie war unglaublich aufmerksam. Sie wusste irgendwie immer, was ich wollte, ohne dass ich etwas sagen musste.“

„Dann hat sie ihre Sache gut gemacht.“

„Das klingt, als hätte das einen Grund.“

„Natürlich hat es den.“

„Welchen?“

„Ich will, dass meine Kunden wiederkommen.“

Hugo musste lachen.

„So einfach?“

„So einfach. Eine schöne Frau können Sie überall finden. Wenn ein Mann sich Monate später noch an sie erinnert, ruft er wieder bei mir an. So wie Sie gerade.“

Hugo grinste.

„Und wie machen Sie das?“

„Ich arbeite mit den Frauen. Wir gehen zusammen essen, wir gehen aus, wir üben.“

„Was üben Sie beim Essen?“

„Alles. Welches Messer, welche Gabel, wie man sich in einem guten Restaurant bewegt, wie man mit dem Personal spricht. Aber vor allem Aufmerksamkeit.“

„Was heißt das?“

„Dass ein Mann nicht darum bitten muss, dass ihm Wasser nachgeschenkt wird. Dass sie merkt, wenn sein Glas leer ist. Dass sie ihm zuhört und nicht ständig von sich selbst erzählt. Dass sie Blickkontakt hält. Dass sie während eines Gesprächs mit dem Fuß an seinem Bein entlangstreichen kann, ohne dass der ganze Tisch es bemerkt.“

Hugo musste an Una denken.

Genau das hatte sie getan.

„Die Zigarre?“

Hanna lachte. „Auch solche Dinge.“

Jetzt verstand Hugo.

Una war nicht zufällig so gewesen.

„Also bilden Sie die Frauen richtig aus.“

„Ich zeige ihnen, wie sie einem Mann einen Abend geben, an den er sich erinnert. Persönlichkeit kann ich ihnen nicht beibringen. Aber alles andere kann man üben.“

„Wie bei der Bank.“

„Gerade bei solchen Veranstaltungen. Die Männer sollten sich um nichts kümmern müssen. Die Frauen waren darauf vorbereitet.“

Hugo schwieg kurz. Plötzlich ergab der ganze Abend noch mehr Sinn.

„Und wenn ich einen Kunden erst einmal kenne“, sagte Hanna, „kenne ich auch seine Vorlieben. Dann kann ich die Frauen viel genauer auf ihn vorbereiten.“

„Wie meinen Sie das?“

„Wenn Sie das nächste Mal eine andere Frau buchen, sage ich ihr vorher, was ich über Sie weiß. Welcher Typ Frau Ihnen gefällt, wie Sie einen Abend verbringen möchten, was Ihnen wichtig ist und worauf sie achten sollte.“

Hugo grinste. „Dann muss ich nicht jedes Mal wieder von vorne anfangen.“

„Genau. Die Frau ist eine andere, aber sie weiß bereits, was Ihnen gefällt. Dadurch kann sie sich von Anfang an viel besser auf Sie einstellen.“

„Und deshalb kommen die Kunden wieder.“

„Deshalb kommen sie gerne wieder“, sagte Hanna. „Sie bekommen nicht einfach irgendeine Frau. Sie bekommen eine Frau, die zu ihnen passt und vorbereitet ist.“

Hugo musste lachen. „Sie sind ziemlich überzeugt von Ihrem System.“

„Sie rufen mich Monate später an. So schlecht scheint es also nicht zu funktionieren.“

Da hatte sie einen Punkt.

„Also gut. Was wollen Sie über mich wissen?“

„Fangen wir mit den Frauen an. Welcher Typ?“

„Sehr schlank. Sehr helle Haut. Eher kleinere Brüste. Lange Haare.“

„Was heißt für Sie sehr schlank?“

Hugo überlegte kurz.

„Vor allem der Bauch. Sehr flach. Schmale Taille. Am besten trainiert, aber nicht so, dass man überall Muskeln sieht.“

„Also schlank und straff, aber nicht muskulös.“

„Genau.“

„Sonst etwas beim Körper?“

„Schmale Hüften. Lange Beine.“

„Größe?“

„Nicht zu groß. Vielleicht eins fünfundsechzig bis eins siebzig.“

„Oh, das macht es mir einfach.“

„Wieso?“

„Schwieriger wäre es, wenn Sie Frauen über eins siebzig suchen würden.“

„Warum?“

„Weil Ihre übrigen Vorstellungen dann langsam in Richtung Model gehen. Sehr schlank, lange Beine, schmale Taille, dazu eine gewisse Ausstrahlung. Solche Frauen finde ich natürlich auch. Aber je größer sie sein sollen, desto kleiner wird die Auswahl.“

„Und unter eins siebzig?“

„Deutlich größer. Gerade hier gibt es unglaublich viele junge Frauen, die genauso schön sein können wie ein Model und auch die richtigen Proportionen haben. Ihnen fehlen nur fünf oder zehn Zentimeter.“

„Für den Laufsteg?“

„Genau. Viele träumen davon, Model zu werden. Sie sind schön, sie sind schlank, sie haben die Figur dafür – und dann sagt ihnen eine Agentur, dass sie zu klein sind.“

„Und dann landen sie bei Ihnen?“

„Einige. Nach dem Ende des Kommunismus hat sich hier sehr viel verändert. Plötzlich sehen die Mädchen, was im Westen möglich ist. Mode, Reisen, Geld, ein anderes Leben. Gleichzeitig gibt es davon hier sehr viele schöne junge Frauen und längst nicht für jede die Möglichkeiten, von denen sie träumt.“

„Also machen sie das wegen des Geldes.“

„Manche wegen des Geldes. Manche, weil sie reisen wollen. Manche, weil sie ein besseres Leben wollen. Und manche, weil das Leben ihnen nicht besonders viele andere Möglichkeiten lässt.“

Hugo schwieg einen Moment.

„Das klingt ziemlich hart.“

„Das Leben ist manchmal hart, Herr Voss. Wir alle tun Dinge, die wir eigentlich nicht tun wollen, weil wir durch eine bestimmte Zeit kommen müssen.“

Sie schwieg kurz.

„Ich bin sicher, Sie kennen das auch.“

Hugo antwortete nicht sofort.

„Sie hören sich noch sehr jung an. Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“

„Vierundzwanzig.“

„Dann gehe ich davon aus, dass Sie auch keine Frauen möchten, die wesentlich älter sind als Sie. Nicht über fünfundzwanzig?“

„Doch. Dreißig ist auch okay.“

„Gut. Welche Sprachen sprechen Sie?“

„Deutsch, Englisch und etwas Französisch.“

„Also sollte sie auf jeden Fall Englisch sprechen.“

Hugo hörte, wie sie sich eine längere Notiz machte.

„Und wie soll sie auftreten?“

„Sie muss mit mir gut essen gehen können, sich auf Veranstaltungen sicher bewegen und darf nicht langweilig sein.“

„Eher zurückhaltend oder extrovertiert?“

„Nicht zu zurückhaltend. Sie darf schon zeigen, dass sie da ist.“

„Kleidung?“

„Elegant. Aber sie darf auch sexy aussehen.“

„Und was mögen Sie beim Sex?“, fragte Hanna.

Hugo zögerte. „Ja, also … Oralverkehr. Vaginalverkehr.“ Er machte eine kurze Pause. „Und auch Analverkehr.“

Hanna reagierte völlig selbstverständlich. „Gut. Sonst noch etwas? Besondere Vorlieben? Irgendeinen Fetisch?“

Jetzt dauerte Hugos Schweigen deutlich länger.

„Herr Voss?“

„Ja.“

„Dann sagen Sie es mir.“

Hugo fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Schon die erste Antwort war ihm unangenehm gewesen. Aber das hier war etwas anderes. Er kannte Hanna nicht einmal. Ihrer Stimme nach war sie deutlich älter als er, und nun saß er da und sollte einer fremden Frau am Telefon eine seiner intimsten Vorlieben erklären.

„Also … nach dem Analverkehr mag ich noch etwas Bestimmtes.“

„Was genau?“

Hugo setzte an, brach wieder ab und musste über sich selbst lachen.

„Das ist mir gerade wirklich unangenehm.“

„Warum?“, erwiderte Hanna.

Dieses eine Wort machte es für Hugo beinahe noch schlimmer. Sie fragte es mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als könne sie tatsächlich nicht verstehen, was ihm daran unangenehm war. Für Hanna schien dieses Gespräch vollkommen alltäglich zu sein. Für Hugo ganz und gar nicht.

„Also … ich mag es, wenn die Frau danach sofort oral weitermacht.“

„Verstanden“, sagte Hanna.

Hugo wartete. Irgendwie rechnete er noch mit einer Reaktion, einer Bemerkung, vielleicht sogar mit einem Vorwurf.

Nichts davon kam.

Hanna fasste lediglich zusammen: „Sie mögen es also, wenn die Frau Sie nach dem Analverkehr sofort oral sauber macht.“

Hugo spürte, wie ihm das Gespräch noch unangenehmer wurde, als sie es so direkt aussprach.

„Ja.“

„Gut.“

Er musste unwillkürlich lachen. „Das war’s?“

„Herr Voss, Sie erzählen mir, was Sie mögen. Genau danach habe ich Sie gefragt.“

Für Hanna war es offenbar nicht einmal bemerkenswert. Für Hugo war genau das beinahe irritierender als die Frage selbst.

„Wo sind Sie?“

„Südamerika.“

„Dann kann ich Ihnen im Moment nicht helfen. Meine Frauen arbeiten hauptsächlich in Frankreich, Monaco, Italien, Spanien, die Schweiz und Österreich.“

„Schade.“

„Wenn Sie wieder in Europa sind, rufen Sie mich an. Dann stelle ich Ihnen anhand dessen, was Sie mir gerade erzählt haben, eine Vorauswahl zusammen und schicke Ihnen die Präsentationsvideos.“

„Mehrere?“

„Natürlich. Sie sollen schließlich auswählen können.“

„Auch für mehrere Tage?“

„Wenn Sie das möchten, suche ich entsprechend aus.“

Genau das wollte Hugo.

„Gut. Dann melde ich mich, wenn ich wieder in Europa bin.“

„Tun Sie das.“

Hugo legte auf.

Die Weltreise war damit nicht gescheitert. Im Gegenteil. Sie hatte ihm ziemlich genau gezeigt, was ihm gefiel.

Sonne. Meer. Reisen. Schöne Frauen. Keine Verpflichtungen. Die Freiheit, einen Ort zu verlassen, sobald er ihn langweilte.

Aber sie hatte ihm ebenso deutlich gezeigt, was ihm nicht gefiel.

Zufälligkeit. Unsicherheit. Immer neue Frauen, über die er nichts wusste. Dieses unangenehme Gefühl, nicht zu wissen, wer vor ihm bei ihnen gewesen war. Und vor allem Begegnungen, die beendet waren, kaum dass sie angefangen hatten, vertraut zu werden.

Hugo hatte geglaubt, Freiheit bedeute, überall auf der Welt irgendeine Frau bekommen zu können.

Inzwischen wollte er etwas Anspruchsvolleres.

Er wollte auswählen können. Er wollte wissen, wer kam. Und wenn ihm eine Frau gefiel, wollte er sie nicht zwangsläufig am nächsten Morgen zum letzten Mal in seinem Leben sehen.

Trotzdem setzte er seine Reise zunächst fort.

Auch in Venezuela änderte sich daran erst einmal wenig.

Er buchte weiterhin Frauen, wenn er Sex wollte, und bezahlte sie. Mehr Bedeutung hatte es für ihn nicht. Dass ihm dieses ständige Wechseln nicht mehr besonders gefiel, wusste er längst. Darüber hatte er mit Hanna gesprochen, und Mariana hatte ihm gezeigt, dass ihm eine Frau, die mehrere Tage bei ihm blieb, inzwischen wesentlich lieber war.

Hinzu kam, dass viele der Frauen, die ihm in Venezuela angeboten wurden, schon körperlich nicht seinem Geschmack entsprachen. Sie waren ihm häufig zu kurvig, zu stark auf Hüften und Gesäß gebaut. Bei einigen kam ein deutlich operierter Look hinzu. Auch große Brüste gefielen ihm nicht. Insgesamt war ihm dieser Typ Frau häufig einfach zu viel.

Wenn er Sex wollte, fand er trotzdem eine Frau. Aber er verlor zunehmend das Interesse daran, sich immer wieder eine andere auszusuchen.

Ein paar Tage später saß Hugo allein am Strand.

Er hatte nichts vor.

Zum ersten Mal seit langer Zeit störte ihn das nicht.

Er sah aufs Meer und dachte darüber nach, wie lange er eigentlich noch weiterreisen wollte. Er konnte morgen in ein Flugzeug steigen und ins nächste Land fliegen. Danach ins nächste. Geld spielte keine Rolle, Zeit ebenfalls nicht. Er konnte diese Reise noch Monate fortsetzen.

Aber wozu?

Der Gedanke überraschte ihn.

Vor einigen Monaten hätte er sofort gewusst, wohin er als Nächstes wollte.

Inzwischen dachte er immer häufiger an Europa.

An Monaco.

Und an Claire.

Während er durch die Welt reiste, bereitete sie dort sein neues Leben vor. Sie hatte eine Wohnung für ihn gefunden, kümmerte sich um die Büroräume und organisierte gemeinsam mit Steinhöfel und dessen Leuten die Gründung der Gesellschaft.

Eigentlich geschah gerade das, worauf Hugo so lange gewartet hatte. Seine eigene Firma entstand. Und er saß in Venezuela am Strand.

Hugo musste darüber lächeln.

Vielleicht war es einfach Zeit.

Er hatte die Bank nicht verlassen, um anschließend für immer durch die Welt zu reisen. Er hatte sie verlassen, weil er nicht länger für andere arbeiten wollte. Er wollte sein eigenes Geld verdienen, seine eigenen Entscheidungen treffen und etwas aufbauen, das ihm gehörte.

Seine Gedanken wanderten zu seinem Depot.

EM.TV.

Ausgerechnet EM.TV.

1,8 Millionen Euro hatte er investiert. Eine vollkommen verrückte Summe war daraus geworden. Wenn er jetzt alles verkaufte, würde er ungefähr 329 Millionen Euro realisieren. Dazu kamen rund 32 Millionen Euro, die er mit seinen anderen Geschäften am Neuen Markt bereits verdient hatte.

361 Millionen Euro.

Hugo sah wieder aufs Meer. Mit vierundzwanzig Jahren.

Er konnte EM.TV natürlich behalten. Vielleicht stieg die Aktie weiter. Vielleicht wurden aus 329 Millionen vierhundert Millionen. Vielleicht fünfhundert. Vielleicht noch mehr. Bis zu diesem Moment hatte Hugo fast immer so gedacht. Wenn etwas gut lief, ließ man es laufen.

The trend is your friend, dachte er.

Diesen Satz hatte er oft genug gehört, und bisher hatte er damit verdammt gut gelegen.

Doch jetzt stellte er sich zum ersten Mal eine andere Frage.

Wofür?

Was konnte er mit fünfhundert Millionen tun, das er mit 361 Millionen nicht tun konnte?

Er konnte einen Schlussstrich unter den Neuen Markt ziehen.

Ganz.

Hugo war Analyst. Er sah, was dort passierte, und seiner Einschätzung nach lag inzwischen genau dort das größte Risiko. Die Kurse konnten noch weiter steigen. Vielleicht würden sie das sogar. Aber er musste nicht dabei sein, wenn sich die Richtung irgendwann änderte.

Er konnte das Geld nehmen und anders investieren. Breiter. In große Unternehmen aus dem DAX. In amerikanische Werte aus dem Dow Jones und der Nasdaq. Märkte, bei denen er nicht mehr darauf angewiesen war, dass die Euphorie um den Neuen Markt immer weiterging.

Und er konnte endlich seine andere Idee umsetzen.

Venture Capital.

Sich an jungen Unternehmen beteiligen, von deren Ideen er überzeugt war. Nicht mit seinem gesamten Vermögen, sondern mit einem Teil davon.

Von zehn Beteiligungen würden vielleicht fünf scheitern. Vielleicht sogar acht.

Aber mit 361 Millionen Euro musste er nicht befürchten plötzlich seine Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können.

Er konnte sich Fehlschläge leisten. Und er wusste, dass es sie geben würde.

Er konnte Büros bezahlen, Mitarbeiter einstellen, Anwälte und Berater finanzieren und seine Firma über Jahre tragen, wenn es notwendig war. Er musste nicht darauf hoffen, dass die erste oder zweite Beteiligung sofort funktionierte.

Er hatte genug Kapital, um zu warten, bis sich das Wagnis auszahlte.

Und genau darin lag für ihn plötzlich der Unterschied.

Er musste nicht mehr versuchen, aus möglichst wenig Geld möglichst schnell möglichst viel zu machen.

Er musste dafür sorgen, dass aus dem, was er jetzt hatte, etwas Dauerhaftes wurde.

Nicht gierig werden.

Als er später in sein Hotel zurückkehrte, nahm er das Telefon und rief seinen Banker an.

„Ich will raus aus dem Markt.“

Kurze Stille.

„Was heißt raus?“

„Alles verkaufen.“

„EM.TV?“

„Alles. Das gesamte Depot.“

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

„Hugo, das ist dein Ernst?“

„Ja.“

„Wann?“

„Ab sofort. In Tranchen. Keine Hektik, keine unnötigen Kursverluste. Aber ich will raus.“

„Das kann ein paar Tage dauern.“

„Dann dauert es ein paar Tage. Ruf mich an, wenn es erledigt ist.“

„Mach ich.“

Hugo legte auf.

Einige Tage später kam Hugo zurück ins Hotel. Sein Hemd klebte ihm von der feuchten Hitze am Rücken. Es war fast Oktober, doch hier war davon nichts zu spüren.

Er war nervös.

Eigentlich war er es schon die ganzen letzten Tage gewesen. Immer wieder hatte er sich gefragt, wie weit sie waren. Welche Kurse sie bekamen. Wie viel am Ende tatsächlich übrig bleiben würde.

Aber er hatte nicht angerufen.

Er hatte gesagt, John solle sich melden, wenn es erledigt war.

Als Hugo an der Rezeption vorbeiging, hielt ihn die Frau hinter dem Tresen auf.

„Mr. Voss? Wir haben eine Nachricht für Sie.“

Sie reichte ihm einen kleinen Zettel.

Hugo nahm ihn und las.

Alles erledigt. John. Ruf an, du Spinner.

Hugo musste lächeln.

Er atmete tief durch, faltete den Zettel zusammen und ging auf sein Zimmer.

Dort trat er auf den Balkon.

Vor ihm lag das türkisfarbene Wasser der Karibik. Hugo blieb einen Moment stehen und sah hinaus.

Alles erledigt.

Er ging zurück zum Telefon, nahm den Hörer mit auf den Balkon und wählte Johns Nummer.

Am anderen Ende wurde abgenommen.

„John Mercer, DHK Bank.“

„John. Hugo.“

„Ich habe auf deinen Anruf gewartet.“

„Dann lass hören.“

„EM.TV: 329 Millionen Euro.“

Hugo schwieg.

„Die übrigen Positionen haben zusammen noch einmal 32 Millionen gebracht.“

Kurze Pause.

„Damit sind wir bei 361 Millionen Euro.“

Hugo sah hinaus auf das türkisfarbene Wasser.

„Und die Kreditlinie?“

„Vollständig ausgeglichen. Dein Depot ist leer, die Kreditlinie steht bei null. Alles glatt.“

Hugo atmete tief aus.

361 Millionen Euro.

Keine Aktien mehr. Keine offenen Positionen. Keine Schulden bei der Bank.

„Noch etwas“, sagte John. „Mein Chef hat mir ziemlich deutlich gesagt, dass ich dir ausrichten soll, dass er sehr darauf hofft, dass du auch in Zukunft mit uns Geschäfte machst.“

Hugo musste lächeln.

„Danke. Ich schulde dir was.“

Er legte auf.

Einen Moment stand er einfach nur da.

Dann riss er beide Hände hoch, ballte die Fäuste und zog einen Arm mit einer schnellen Bewegung zurück.

„Ja!“

Die Erleichterung brach mit einem Mal aus ihm heraus.

Er hatte es geschafft.

Hugo griff sofort wieder nach dem Telefon und wählte Claires Nummer.

Sie ging nach dem zweiten Klingeln ran.

„Hugo?“

„Ich hab’s geschafft!“

„Was?“

„Ich bin raus. Komplett.“

Kurze Stille.

„Und?“

„361 Millionen.“

„Du bist vierundzwanzig.“

Hugo lachte. „Ich weiß.“

Das ist vollkommen verrückt.“

„Ich komme nach Monaco.“

„Was ist mit deiner Reise?“

„Vorbei.“

„Einfach so?“

„Ja. Ich will anfangen.“

„Mit der Firma?“

„Mit allem.“

Claire schwieg einen Moment.

„Wann kommst du?“

„Übermorgen.“

„Endlich.“

„Freust du dich?“

„Frag mich noch mal, wenn du da bist.“

Hugo grinste.

„Bis übermorgen, Claire.“

„Bis übermorgen, Hugo.“

Nachdem sie aufgelegt hatten, rief Hugo Arjun Mehta und Leila Farhadi an. Beiden sagte er nur, dass sie loslegen konnten. Alles andere war längst besprochen.

Danach rief er Whitmore an.

„Seit unserem letzten Gespräch hat sich etwas geändert.“

„Was?“

„Ich habe mein gesamtes Depot verkauft. 361 Millionen Euro.“

Stille.

„Dreihunderteinundsechzig Millionen?“

„Ja.“

„Das verändert die Sache.“

„Deshalb rufe ich an.“

Whitmore schwieg einen Moment.

„Beim letzten Mal hast du mir eine Firma angeboten, die noch nicht einmal existiert.“

„Ich weiß.“

„Jetzt weiß ich zumindest, dass dir nicht nach sechs Monaten das Geld ausgeht.“

Hugo musste lachen. „Das kann ich dir ziemlich sicher versprechen.“

Wieder kurze Stille.

„Gut. Ich bin dabei.“

Hugo grinste. „Wann kannst du kommen?“

„Nicht sofort. Ich muss erst kündigen.“

„Wie lange?“

„Ein paar Monate.“

„Damit kann ich leben.“

Damit war auch Whitmore dabei.

Hugo buchte seinen Rückflug.