Hugo Kapitel 

Seit Hugo in London lebte, war seine Mutter immer wieder zu Besuch gekommen. Für ihn waren diese Besuche längst selbstverständlich geworden. Doch manchmal sah sie ihn dabei an, als würde sie ihren Sohn in London noch einmal ganz neu kennenlernen.

Bei einem ihrer Besuche gingen sie am Abend gemeinsam essen. Hugo hatte einen Tisch reservieren lassen. Kaum hatten sie das Restaurant betreten, kam ihnen einer der Kellner entgegen.

„Good evening, Mr Voss.“

Hugo erwiderte die Begrüßung, wechselte ein paar Worte mit ihm und folgte ihm zum Tisch. Dort zog er seiner Mutter den Stuhl zurück, wartete, bis sie saß, und nahm ihr gegenüber Platz.

Sie sagte zunächst nichts.

Hugo bemerkte trotzdem, wie sie ihn ansah.

„Was ist?“

„Nichts.“

„Du guckst aber.“

„Darf ich meinen Sohn nicht angucken?“

„Doch. Aber du guckst so.“

Sie lächelte nur.

Der Kellner kam an den Tisch. Hugo bestellte Wasser und fragte seine Mutter, ob sie Wein trinken wolle. Anschließend sprach er kurz mit dem Kellner über die Karte, fragte nach zwei Gerichten und hörte sich dessen Empfehlungen an. Für Hugo war daran nichts Besonderes. Er tat es, ohne darüber nachzudenken.

Seine Mutter beobachtete ihn die ganze Zeit.

Als der Kellner gegangen war, sah sie ihn noch immer an.

„Jetzt sag schon.“

„Du hast dich verändert.“

Hugo lehnte sich zurück.

„Das klingt nicht besonders gut.“

„So war es nicht gemeint.“

„Wie dann?“

Sie suchte einen Moment nach den richtigen Worten.

„Du wirkst so selbstverständlich hier.“

Hugo zog leicht die Augenbrauen hoch.

„Wie meinst du das?“

„Wie du hier reinkommst. Der Kellner kennt dich mit Namen. Du redest mit ihm über die Karte, bestellst, fragst nach dem Essen. Du machst das alles, ohne überhaupt darüber nachzudenken.“

Hugo sah sich kurz im Restaurant um.

„Ich wohne ja auch hier.“

„Das meine ich nicht.“

Sie lächelte.

„Ich weiß noch, wie du als Junge warst. Und jetzt sitze ich hier und sehe dir zu und denke manchmal: Wann ist das eigentlich passiert?“

Hugo sah sie an.

„Was?“

„Dass du erwachsen geworden bist.“

Für einen Moment wusste Hugo nicht, was er darauf sagen sollte.

Seine Mutter sah ihn noch immer mit diesem eigentümlichen Lächeln an. Nicht traurig. Eher ein wenig stolz und gleichzeitig so, als müsste sie sich selbst erst daran gewöhnen, dass der Junge, den sie großgezogen hatte, inzwischen sein eigenes Leben führte.

„So alt bin ich nun auch wieder nicht“, sagte Hugo schließlich.

Sie lachte.

„Nein. Aber manchmal geht es trotzdem schneller, als einer Mutter lieb ist.“

„Ich sitze hier und sehe dir zu, und du bewegst dich, als hättest du nie etwas anderes gemacht.“

Hugo musste lächeln.

„Essen gehen?“

„Du weißt genau, was ich meine.“

Er wusste es tatsächlich.

„Du redest mit den Leuten anders. Du trittst anders auf. Du wirkst überhaupt anders.“

„Claire hat mir Unterricht verordnet.“

Seine Mutter hob die Augenbrauen.

„Unterricht?“

„Englisch sowieso. Und einen Mann, der mir beigebracht hat, wie man sich hier benimmt.“

Sie lachte.

„Du hast Benimmunterricht bekommen?“

„So ungefähr.“

„Das hätte ich gern gesehen.“

„Ich nicht.“

Sie lachte noch immer.

„Am Anfang fand ich die Hälfte davon vollkommen bescheuert“, sagte Hugo. „Wie lange man jemanden ansieht. Wann man ein Gespräch beendet. Wie man jemanden begrüßt. Was man wann sagt und was man besser nicht sagt.“

„Und jetzt?“

Hugo hob leicht die Schultern.

„Jetzt denke ich nicht mehr darüber nach.“

Genau das schien sie zu beschäftigen.

Sie sah sich kurz im Restaurant um. Männer in dunklen Anzügen, gedämpfte Gespräche, Kellner, die sich beinahe lautlos zwischen den Tischen bewegten. Dann sah sie wieder ihren Sohn an.

„Das meine ich.“

„Was?“

„Du denkst nicht mehr darüber nach.“

Hugo schwieg.

„Früher hätte ich dir angesehen, wenn du dich irgendwo nicht wohlfühlst“, sagte sie. „Heute sitzt du hier, als hättest du dein ganzes Leben in solchen Restaurants verbracht.“

Hugo lächelte.

„Dann hat sich der Unterricht wenigstens gelohnt.“

Seine Mutter lächelte ebenfalls, aber in ihrem Blick lag etwas, das Hugo sofort ernster werden ließ.

„Ich bin stolz auf dich.“

Hugo sah sie an.

Der Satz traf ihn unerwartet. Für einen Moment wusste er nicht, was er darauf sagen sollte.

Lob von Edward bedeutete ihm etwas. Anerkennung in der Bank ebenfalls. Wenn Männer, zu denen er noch vor wenigen Jahren aufgesehen hätte, seine Arbeit ernst nahmen, genoss Hugo das. Vielleicht sogar mehr, als er gewöhnlich zugab.

Aber das hier fühlte sich anders an.

Seine Mutter hatte ihn aufwachsen sehen. Sie kannte ihn aus einer Zeit, in der London, die Bank, teure Anzüge und Männer wie Edward noch überhaupt keine Rolle in seinem Leben gespielt hatten. Vor ihr musste er nichts beweisen. Sie wusste, woher er kam.

Und plötzlich sah Hugo sich für einen Moment beinahe mit ihren Augen.

Die Wohnung in London. Die Bank. Die Reisen. Das Geld, das er inzwischen verdiente. Die Menschen, mit denen er arbeitete. Und selbst diese kleinen Dinge, über die er längst nicht mehr nachdachte: wie selbstverständlich er einen Kellner ansprach, bestellte und sich in einem Restaurant bewegte, in dem er sich einige Jahre zuvor wahrscheinlich noch gefragt hätte, ob er überhaupt hineingehörte.

Er hatte selbst kaum bemerkt, wie sehr sich sein Leben verändert hatte.

Dass ausgerechnet seine Mutter es ihm vor Augen führte, machte etwas mit ihm. Er spürte eine Wärme in sich, die ihm beinahe unangenehm war. Nicht weil er ihre Worte nicht hören wollte.

Im Gegenteil.

Vielleicht gerade deshalb.

Er wollte nicht, dass sie merkte, wie viel ihm dieser eine Satz bedeutete. Also tat er das, was er meistens tat, wenn ihm etwas zu nahekam.

„Wegen meiner Tischmanieren?“

„Nein.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Weil ich sehe, was aus dir geworden ist. Und weil du bei allem trotzdem mein Hugo geblieben bist.“

Hugo senkte für einen Moment den Blick auf den Tisch. Diesmal brauchte er etwas länger, bevor er wieder zu ihr aufsah.

„Das war jetzt ziemlich kitschig.“

„Ich bin deine Mutter. Ich darf das.“

Er grinste.

„Einmal.“

„Dann merke ich mir, dass ich meine Gelegenheit verbraucht habe.“

Der Kellner kam mit dem Wasser zurück. Hugo sah zu ihm auf und bedankte sich.

Als er sich wieder seiner Mutter zuwandte, beobachtete sie ihn nicht mehr heimlich.

Sie lächelte einfach.

Einige Wochen später legte Claire ihm eine Einladung auf den Schreibtisch.

„Du sollst mit.“

Hugo nahm das Blatt und überflog es.

„Seit wann nimmt man Analysten zu so etwas mit?“

„Seit Edward deine letzte Analyse für die beste hält, die ihm seit Jahren untergekommen ist.“

Hugo sah zu ihr auf.

„Das hat er gesagt?“

„Nicht zu dir. Sonst würdest du vermutlich noch unerträglicher.“

Hugo grinste und sah wieder auf die Einladung.

Offenbar hatte seine Analyse ihm nicht nur Edwards Anerkennung eingebracht. Diesmal sollte er mit auf eine Reise, die mit den üblichen Geschäftsterminen der Bank wenig zu tun hatte.

Als Hugo an diesem Freitagmorgen in Heathrow ankam, merkte er schon am Check-in, dass selbst die anderen die kommenden Tage nicht wie eine normale Geschäftsreise behandelten.

Sonst sah er dort Männer mit Aktentaschen, Laptops und Unterlagen. Man sprach über Termine, Unternehmen, Kurse und darüber, was am Montag erledigt werden musste.

Heute standen dieselben Männer in hellen Sommeranzügen und mit offenen Hemdkragen am Schalter. Einer hatte bereits eine Sonnenbrille auf dem Kopf, obwohl sie sich noch im Terminal befanden.

„Hugo!“

Er drehte sich um.


Ein Investmentbanker aus dem Londoner Haus kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.

„Du bist tatsächlich dabei!“

Sie umarmten sich kurz.

„Sieht so aus.“

„Wurde auch Zeit.“

Hugo grinste. „Was heißt das?“

„Dass ihr Analysten irgendwann lernen müsst, wo das Geld ausgegeben wird, das wir mit euren Analysen verdienen.“

Hinter ihnen wurde gelacht.

Hugo war tatsächlich zum ersten Mal dabei. Solche Wochenenden waren normalerweise nichts für Analysten. Hier kamen Investmentbanker, Händler, Führungskräfte und vor allem wichtige Kunden zusammen. Niemand flog an die Côte d’Azur, um über Unternehmensbewertungen zu sprechen. Es ging darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, Kontakte zu pflegen und Geschäfte auf eine Art vorzubereiten, die in keinem Besprechungsraum stattfand.

Und offenbar darum, ordentlich zu feiern.

Schon vor dem Abflug begrüßten sich Männer, die sich offenbar seit Monaten nicht gesehen hatten.

„Hey! Schön dich zu sehen!“

„Du verdammter Bastard!“

Eine Umarmung, ein Schlag auf die Schulter.

„Wie läuft New York?“

„Besser als bei euch.“

„Träum weiter.“

Wieder Gelächter.

Hugo beobachtete das mit Vergnügen. Im Büro herrschte Konkurrenz. Hier war sie nicht verschwunden, aber sie hatte ihre Krawatte abgelegt.

Der Flug nach Nizza war entsprechend laut. Man wechselte die Plätze, stand im Gang und unterhielt sich über die Sitzreihen hinweg. Ein Kunde erzählte eine Geschichte, bei der drei Reihen gleichzeitig lachten. Bereits vor der Landung wurde darüber diskutiert, wer nachmittags direkt an den Strand gehen und wer vorher schlafen würde.

Als sie in Nizza aus dem Terminal kamen, wartete draußen eine ganze Reihe schwarzer Mercedes-Limousinen.

Fahrer hielten Schilder hoch, während das Gepäck verladen wurde.

Hugo sah die Wagen an.

„Das gefällt mir.“

„Warte bis heute Abend.“

Die Fahrt nach Cannes führte an der Küste entlang. Das Mittelmeer blitzte immer wieder zwischen Häusern und Hügeln hervor. Vor ihnen fuhr ein Mercedes mit Kollegen, hinter ihnen folgten weitere Wagen.

Jemand öffnete eine Flasche Champagner.

Hugo nahm ein Glas.

Das Ganze hatte etwas von einem Betriebsausflug für Männer, die einen Betriebsausflug normalerweise für unter ihrer Würde gehalten hätten.

Nur dass dieser hier an die Côte d’Azur führte.

Als die Wagen schließlich an der Croisette vor dem Carlton hielten, setzte sich die ausgelassene Stimmung beinahe nahtlos fort. Vor dem Hotel standen bereits Banker aus Frankfurt, London und anderen Standorten mit Kunden zusammen. Gepäck wurde ausgeladen, neue Gruppen bildeten sich, irgendwo wurde schon wieder gelacht.

Hugo stieg aus und sah zum Hotel hinauf.

Noch bevor er hineingehen konnte, entdeckte er Michael zwischen den Männern vor dem Eingang.

„Michael!“

Michael drehte sich um.

„Hey!“

Sie gingen aufeinander zu und begrüßten sich.

„Schön dich zu sehen.“

„Wann bist du angekommen?“

„Gestern.“

Hugo sah sich um.

„Wo ist Edward?“

„An der Bar.“

„Natürlich ist Edward an der Bar.“

Hugo lachte.

Während sie hineingingen, kümmerten sich Hotelangestellte bereits um die Koffer. In der Lobby stand ein Mitarbeiter der Bank mit einer Liste und verteilte die Zimmerkarten. Hugo musste weder einchecken noch sich um sein Gepäck kümmern.

Die Bank hatte alles organisiert.

Er nahm seine Zimmerkarte entgegen und fuhr nach oben.

Wenig später stand Hugo am Fenster und sah über die Croisette auf das Meer hinaus.

Er musste grinsen.

An solche Veranstaltungen, zu denen Analysten normalerweise gar nicht eingeladen wurden, könnte er sich durchaus gewöhnen.

Am nächsten Morgen hatte sich die Gesellschaft an den Strand verlagert.

Anzüge, Krawatten und Aktentaschen waren verschwunden.

Männer, die Hugo sonst nur hinter Schreibtischen oder in Konferenzräumen kannte, lagen in Badehosen auf Liegen, standen mit einem Drink in der Hand am Wasser oder saßen unter Sonnenschirmen und redeten über Geschäfte.

Die Umgebung hatte sich verändert. Die Themen kaum.

Es ging darum, wer welchen Deal gemacht hatte, wer befördert worden war und welche Abteilung gerade das meiste Geld verdiente. Selbst am Strand dauerte es nicht lange, bis das Gespräch wieder bei den Boni landete.

Neben Hugo verglichen zwei Banker ihre Zahlen.

„Wie viel hast du bekommen?“, fragte der eine.

„950.000 €. Und du?“

„775.000 €.“

Der mit dem niedrigeren Bonus schüttelte den Kopf und sah seinen Kollegen an.

„Du bist doch nicht besser als ich, du Arsch.“

Der andere grinste.

„Offenbar sieht die Bank das anders.“

„Fick dich.“

Beide lachten.

Ein paar Liegen weiter erzählte einer von einem Haus, das er gerade gekauft hatte.

„Wo?“

„Son Vida. Geiler Blick über Palma.“

„Was hast du bezahlt?“

„1.750.000 €.“

Hugo musste grinsen. Nicht einmal eine Minute hatte es gedauert, bis sie wieder beim Geld waren.

Kurz darauf ging es um das neue Auto eines anderen.

Geld wurde hier nicht verschwiegen. Man sprach darüber, verglich, stichelte und versuchte ganz nebenbei herauszufinden, wer gerade vor wem lag.

Im Büro trugen sie Anzüge dabei.

Hier Badehosen.

Hugo lag auf seiner Liege und hörte eine Weile einfach zu.

Selbst hier hörte der Wettbewerb nicht auf. Er hatte nur seine Form verändert.

Im Büro ging es um Positionen und Geschäfte. Hier ging es um Häuser, Autos, Frauen und Boni.

Alles wurde verglichen.

Überall waren gebräunte Körper, Sonnenbrillen, Alkohol, Geld und das Selbstbewusstsein von Männern, die daran gewöhnt waren, dass sehr große Zahlen zu ihrem Alltag gehörten.

Testosteron mit Champagner.

Und Hugo stellte fest, dass ihm die Atmosphäre gefiel.

Ein Banker aus Frankfurt setzte sich mit seinem Glas auf die freie Liege neben ihm.

Hugo hob den Kopf. Der Mann war vielleicht Mitte dreißig, oberkörperfrei, mit einem außergewöhnlich massigen Körperbau. Sein Brustkorb war breit und tief, die Brustmuskeln kräftig ausgeprägt. Dazu kamen breite Schultern, ein massiver Nacken und Oberarme, die selbst entspannt beeindruckend wirkten. Gegen die schmale Hüfte erschien sein Oberkörper beinahe überdimensioniert. Man sah ihm an, dass dieser Körper nicht nebenbei entstanden war.

„Du bist Voss, oder?“

„Ja.“

„Die letzte Analyse war von dir?“

„Ja.“

„Verdammt gute Arbeit.“

„Danke.“

„Hat uns richtig Geld gebracht.“

Hugo grinste. „Dafür war sie gedacht.“

Der Banker nahm einen Schluck.

„Wobei die anderen auch nicht schlecht waren. Scheiße, Mann. 1,1 Milliarden Euro. Mehr als ein Viertel von dem, was Edwards ganze Abteilung in den letzten zwölf Monaten verdient hat. Mit den Analysen eines Zweiundzwanzigjährigen.“

Der Mann lachte.

„Deinen Namen werde ich mir merken. Verdammt guter Job.“

Er trank sein Glas aus, stand auf und ging Richtung Wasser.

Hugo sah ihm nach.

Am Abend war vom lockeren Strandtag nichts mehr übrig.

Smoking war nicht verlangt, aber die Männer erschienen wieder in teuren Anzügen. Hugo ging mit einigen Kollegen durch das Hotel in Richtung des großen Festsaals.

Schon auf dem Korridor hörten sie Musik und Stimmen.

Vor dem Eingang war ein Empfang aufgebaut.

Zwei Frauen saßen hinter einem langen Tisch. Vor ihnen lagen Namenslisten und mehrere Reihen schmaler Lederarmbänder. Sie wirkten nicht wie gewöhnliche Eintrittsbänder, sondern hochwertig und eigens für diesen Abend angefertigt: weiches Leder, sauber gearbeitete Kanten und kleine Messingschnallen als Verschluss. Einige waren rot, andere blau.

Die Männer gingen einzeln nach vorn.

„Name?“

Ein Banker nannte ihn.

Die Frau suchte auf ihrer Liste, fand den Eintrag und legte ihm ein rotes Lederarmband um das Handgelenk.

Der nächste bekam eines in Blau.

Hugo sah hin, dachte sich aber nichts dabei.

Dann war er an der Reihe.

„Name?“

Er nannte ihn.

Die Frau fuhr mit dem Finger über die Liste.

„Ja.“

Sie nahm eines der blauen Lederarmbänder und befestigte es an seinem Handgelenk.

Hugo hob den Arm und betrachtete es.

„Was ist das?“

„Für den Abend.“

Nicht mehr.

Hinter ihm drängte bereits der Nächste nach vorn.

Hugo ging weiter.

„Warum habe ich ein blaues Band?“, fragte er einen Kollegen.

Der sah nur kurz hin.

„Später.“

„Was heißt später?“

Der Mann grinste.

„Du bist wirklich das erste Mal dabei.“

Bevor Hugo nachfragen konnte, öffneten sich die Türen zum Saal.

Er blieb beinahe stehen.

Der Raum war riesig. Hohe Decken, Kronleuchter, Säulen, festlich gedeckte Tische, eine große Bühne und eine Bar, die aussah, als hätte jemand beschlossen, dass an diesem Abend niemand auch nur eine Minute auf ein Getränk warten sollte.

Hunderte Menschen waren bereits darin.

Doch Hugos Blick blieb nicht lange an der Größe des Saales hängen.

Er sah die Frauen.

Zwischen all den Männern in dunklen, teuren Anzügen bewegten sich auffallend viele junge Frauen in außergewöhnlich freizügigen Cocktailkleidern.

Hugo sah genauer hin.

Einige trugen schwarze Kleider mit Halter-Neck, deren Vorderseiten weit geöffnet waren und große Teile des Bauches frei ließen. Andere hatten nur eine Schulter bedeckt, vollständig freie Rücken oder seitliche Öffnungen bis weit über die Taille.

Schwarz, Champagner, Dunkelblau, Bronze, Weiß.

Eine Frau trug ein bronzefarbenes Kleid, das im Licht der Kronleuchter glänzte und vorne fast vollständig offen war. Bei einer anderen bestand das Oberteil aus schwarzer Spitze mit hohem Hals, während ihr Bauch vollkommen frei blieb. Eine weitere hatte ein weißes Kleid an, dessen Stoff vom Hals über die Brust fiel, sich an der Taille kreuzte und darunter in einen kurzen Rock überging.

Keines der Kleider wirkte billig. Im Gegenteil. Sie sahen teuer, bewusst gewählt und auf eine Weise elegant aus, die Hugo mit so viel nackter Haut bisher kaum zusammengebracht hätte.

Hugo sah zu seinem Kollegen.

„Wer sind die ganzen Frauen?“

Der grinste.

„Später.“

Hugo schüttelte den Kopf.

Schon wieder dieses später.

Dann ging er weiter in den Saal.

Kellner bewegten sich mit Tabletts durch die Menge.

Überall Champagner.

Überall Stimmen.

Überall Männer, die sich begrüßten.

„Hey!“

„Du auch hier!“

Umarmungen.

Schläge auf Schultern.

Lautes Lachen.

Hugo nahm die Atmosphäre in sich auf.

Das hier war vollkommen anders als alles, was er von Bankveranstaltungen kannte.

Keine steife Abendveranstaltung, bei der Männer in dunklen Anzügen an runden Tischen saßen und sich stundenlang gegenseitig erzählten, wie erfolgreich sie waren. Keine gelangweilten Ehefrauen daneben. Keine Atmosphäre, bei der man schon beim Betreten wusste, wann man endlich wieder gehen konnte.

Hier standen Hunderte Banker und Kunden in teuren Anzügen. Champagner floss, Musik lag über dem Saal, überall wurde geredet und gelacht. Niemand schien auch nur den Versuch zu unternehmen, daraus eine seriöse Geschäftsveranstaltung zu machen.

Wie geil ist das denn?

Hugo musste grinsen.

Es war das Ganze. Banker und Kunden, Geld, Champagner, Musik, Erfolg und diese vollkommen ungezwungene Atmosphäre.

Tagsüber hatten dieselben Männer am Strand gelegen, über Boni gesprochen, Häuser und Autos verglichen und über Geschäfte geredet. Jetzt standen sie mit Champagnergläsern in diesem riesigen Saal und feierten gemeinsam.

Und der Abend hatte noch nicht einmal richtig angefangen.

Vor ein paar Jahren hätte Hugo sich nicht einmal vorstellen können, bei so etwas dabei zu sein.

Jetzt stand er mittendrin.

Ein älterer Banker sah ihn und kam direkt auf ihn zu.

„Der Analyst!“

Er legte Hugo einen Arm um die Schulter.

„Jetzt lassen sie sogar euch rein.“

„Offenbar sinken die Standards.“

„Nein. Offenbar verdienst du uns inzwischen genug Geld.“

Er drückte Hugo ein Champagnerglas in die Hand.

„Trink. Du hast es mitbezahlt.“

Hugo nahm das Glas.

Auch daran musste er sich erst gewöhnen. Er kannte längst nicht jeden hier, aber immer mehr von ihnen kannten ihn.

Vor nicht allzu langer Zeit war er für diese Männer irgendein junger Analyst gewesen.

Jetzt war er der Analyst.

Das gefiel ihm mehr, als er zugeben wollte.

Hugo wollte gerade fragen, was der Banker mit mitbezahlt meinte, als das Licht herunterging.

Die Gespräche verstummten.

Dann kamen die ersten markanten Takte.

Mission: Impossible.

Hugo blickte zur Bühne.

Die Musik dröhnte durch den Saal.

Sofort begann eine Gruppe vor der Bühne zu jubeln.

Edward erschien.

Er ging langsam auf die Bühne, während die Musik immer lauter wurde.

Pfiffe.

Applaus.

Rufe.

Hugo konnte es kaum glauben.

Natürlich.

Edward ging nicht einfach auf eine Bühne und hielt eine Rede. Er ließ sich zu Mission: Impossible ankündigen.

Typisch Edward.

Hugo kannte ihn seit Jahren, aber so hatte er ihn noch nie erlebt.

Um ihn herum pfiffen Männer, andere riefen Edwards Namen. Banker und Kunden standen nebeneinander und klatschten.

Im Büro verlangte Edward Zahlen, Ergebnisse und Geschäfte. Hier ließ er sich von Hunderten Männern feiern.

Und Hugo fand es großartig.

Kein falsches Understatement. Kein so tun, als wäre das alles eigentlich gar nicht wichtig.

Diese Männer wollten Geld verdienen.

Sie wollten gewinnen.

Und wenn sie gewannen, feierten sie es.

Edward erreichte die Mitte der Bühne und hob beide Arme.

Der Jubel nahm noch einmal zu.

Er wartete.

Dann nahm er das Mikrofon.

„Was für ein verdammtes Jahr!“

Der Saal explodierte.

Hugo klatschte mit den anderen.

Edward sprach über Geschäfte, über Marktanteile, über Kunden und über Gewinne.

Keine langen Zahlenkolonnen.

Keine PowerPoint-Präsentation.

Das hier war keine Vorstandssitzung.

„Wir waren letztes Jahr gut!“

Applaus.

„Dieses Jahr waren wir besser!“

Noch mehr Applaus.

Hugo sah sich um.

Genau darum ging es diesen Männern.

Geschäfte.

Geld.

Boni.

Gewinnen.

Und verdammt, er verstand sie.

„Und nächstes Jahr?“

Aus dem Saal kamen Rufe.

Edward hielt das Mikrofon in Richtung Publikum.

„NOCH BESSER!“

Die Antwort kam wie aus einem Mund.

Eigentlich sagte Edward nur einen Satz:

Wir erobern gerade die Welt.

Ja.

Genau so fühlte es sich an.

Vor ein paar Jahren hätte keiner dieser Männer gewusst, wer Hugo Voss war.

Heute rief einer von ihnen ihm Der Analyst! entgegen.

Sie kannten seine Arbeit.

Sie wussten, was seine Analysen eingebracht hatten.

Verdammt, das fühlte sich gut an.

Dann hob Edward sein Glas.

„Auf unsere Kunden!“

Jubel.

„Auf unsere Leute!“

Noch lauter.

„Und auf den verdammten Bonus!“

Jetzt brüllte der ganze Saal.

Hugo stimmte mit ein.

Die Musik setzte wieder ein.

Die Party begann.

Eine Stunde später war der Saal kaum wiederzuerkennen. Die Musik war lauter, die Bar voller, die Gespräche gröber.

Hugo stand mit einem älteren Investmentbanker zusammen, den er schon vom Strand kannte. Während der Mann redete, wanderte Hugos Blick durch den Saal und blieb an einer der jungen Frauen hängen. Als sie ihr Glas anhob, sah er das schmale blaue Lederarmband an ihrem Handgelenk.

Das gleiche wie seines.

Jetzt sah er genauer hin. Auch die anderen Frauen trugen diese Bänder. Manche blau, manche rot – genau wie die Männer.

Also doch.

Die Dinger hatten irgendeine Bedeutung.

Hugo hielt dem Banker seinen Arm hin.

„Jetzt erklärst du mir das.“

Der Mann sah auf das blaue Band.

„Was willst du wissen?“

„Warum die Frauen dieselben Bänder tragen wie wir.“

„Ach das.“ Der Banker deutete mit seinem Glas in den Saal. „Die Frauen sind Escorts. Blau gehört zu Blau, Rot zu Rot. Zwei Kategorien. Dein Band zeigt dir, welche für dich vorgesehen ist.“

Hugo sah ihn an.

„Das sind alles Escorts?“

„Alle mit Band.“

Hugo ließ den Blick durch den Saal gehen.

Scheiße. Das waren Dutzende.

„Und was ist der Unterschied zwischen Rot und Blau?“

Der Banker deutete auf eine Frau mit rotem Band.

„Honda.“

Dann deutete er auf eine mit blauem Armband.

„Mercedes.“

Hugo brauchte einen Moment.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch.“

„Und wenn mir der Honda besser gefällt?“

„Warum willst du Honda fahren, wenn dein Chef dir Mercedes bezahlt?“

Hugo schüttelte den Kopf. Das wurde ja immer besser.

„Und wer bezahlt den ganzen Spaß?“

„Wir.“

„Was heißt wir?“

„Der Bonustopf. Party, Frauen, Zimmer – der ganze Abend.“

Jetzt verstand Hugo auch den Spruch von vorhin: Trink. Du hast es mitbezahlt.

Er ließ den Blick noch einmal durch den Saal wandern.

„Ihr nehmt also einen Teil unserer Boni und bezahlt davon das alles?“

„Ja.“

„Das ist Kundenpflege“, sagte der Mann und nahm einen Schluck.

Hugo ließ seinen Blick über die Banker, die wichtigen Kunden, den Champagner und die Dutzenden Escorts schweifen.

Kundenpflege. So konnte man es offenbar auch nennen.

Später fiel ihm eine Frau auf, die er bereits zuvor bemerkt hatte.

Blaues Band.

Sie war wunderschön, aber das allein war es nicht. Sie war nicht besonders groß, vielleicht einen Meter siebzig, und hatte langes, sehr dunkles Haar, das beinahe schwarz wirkte. Ihre braunen Augen standen in einem ovalen Gesicht mit klaren Wangenknochen, gerader Nase und vollen Lippen.

Ihre Figur war schlank, aber deutlich weiblicher als die vieler anderer Frauen im Saal. Ihre Brust war klein, die Taille schmal, darunter wurden ihre Hüften merklich breiter. Auch ihre Oberschenkel waren etwas kräftiger, ohne dass sie dadurch weniger schlank wirkte. Im Gegenteil. Ihr Körper hatte etwas Weiches, Rundes, ohne üppig zu sein.

Hugo ließ den Blick einen Augenblick länger auf ihr ruhen. Sie entsprach ziemlich genau dem, was ihm gefiel. Nicht diese fast zerbrechliche Schlankheit, die er bei manchen Frauen hier sah. Bei Una stimmten für ihn die Proportionen.

Als sie miteinander ins Gespräch kamen, stellte sie sich ihm als Una vor.

Hugo mochte den Namen. Kurz, ungewöhnlich – und irgendwie passte er zu ihr.

Schon nach wenigen Minuten bemerkte er etwas anderes an ihr. Una war aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein. Sie stand nicht einfach neben ihm und wartete darauf, dass er etwas tat. Wenn er sprach, sah sie ihn an, und wenn jemand dazwischenkam, verlor sie nicht sofort das Interesse. Einmal strich sie ihm beiläufig über den Arm, später legte sie kurz eine Hand auf seine Schulter.

Es waren nur kleine Gesten, aber Hugo bemerkte sie.

Sie tranken zusammen, tanzten und lachten. Irgendwann stellte Hugo fest, dass er seit einer halben Stunde überhaupt nicht mehr darauf achtete, was die anderen machten.

Das gefiel ihm. Sehr sogar.

Später gingen sie gemeinsam nach oben und verbrachten die Nacht miteinander. Der Sex gefiel Hugo, doch beinahe ebenso sehr überraschte ihn, dass Una danach nicht auf Distanz ging.

Sie blieb neben ihm liegen, schmiegte sich an ihn und ließ ihre Finger langsam über seinen Arm bis auf seine Schulter gleiten.

Hugo beobachtete sie. Una griff nach Hugos Zigarrenetui, nahm eine Zigarre heraus und führte sie an die Lippen. Sie befeuchtete das Ende leicht, nahm sie wieder aus dem Mund und schnitt sie sorgfältig an. Dann setzte sie die Zigarre erneut zwischen die Lippen, hielt die Flamme daran und drehte sie langsam, während sie gleichmäßig daran zog. Als die Glut sauber brannte, nahm sie die Zigarre aus dem Mund, blies noch einmal leicht gegen die glühende Spitze und reichte sie Hugo. Er nahm sie entgegen, während sein Blick über ihren Körper glitt. Ohne das Kleid wirkten ihre Proportionen noch weiblicher. Die schmale Taille ging in die weich gerundeten Hüften über, ihr Bauch war vollkommen flach, aber nicht hart oder sichtbar trainiert. Genau so gefiel es Hugo damals – schlank und glatt, ohne ausgeprägte Muskeln. 

Una bemerkte seinen Blick.

„Was?“, fragte sie.

 „Nichts.“

„Du guckst.“

„Darf ich nicht?“

Sie lächelte.

Es war diese Aufmerksamkeit, die ihm gefiel. Er wusste, dass Una arbeitete und dass er für diesen Abend bezahlt hatte. Trotzdem hatte er bei ihr nicht das Gefühl, dass mit dem Sex auch ihr Interesse an ihm beendet war.

„Du bist verdammt gut“, sagte er.

Una lachte. „Beim Sex?“

„Auch.“

„Was dann?“

Hugo deutete auf ihre Hand.

„Das.“

„Ich streichle dich.“

„Eben.“

„Das beeindruckt dich?“

„Mehr, als es wahrscheinlich sollte.“

Una grinste und ließ ihre Finger weiter über seine Brust wandern. Hugo schloss kurz die Augen und genoss die Berührung.

Nach einem Moment fragte er:

„Wo habt ihr eigentlich so viele Frauen her?“

„Wir?“

„Unten. Das müssen fünfzig gewesen sein.“

„Mehr.“

Hugo öffnete die Augen.

„Mehr? Wo zum Teufel bekommt eine Bank für einen Abend so viele Frauen her?“

Una lachte. „Die Bank holt die nicht selbst.“

„Das habe ich mir gedacht. Ich sehe den Vorstand noch nicht mit einem Telefonbuch dasitzen.“

„Agenturen.“

„Eine Agentur kann so etwas organisieren?“

„Die richtige schon.“

Jetzt wurde Hugo neugierig.

„Und deine?“

„Hanna.“

„Hanna wer?“

„Dvořáková.“

„Wo sitzt die?“

„Prag.“

„Und die organisiert so etwas?“

„Ja. Nicht alle Frauen heute Abend kommen von ihr, aber sie kann große Gruppen zusammenstellen und arbeitet dafür auch mit anderen Agenturen.“

Hugo richtete sich etwas auf.

„Woher weiß sie überhaupt, welche Frauen zu einem Kunden passen?“

„Sie kennt ihre Mädchen. Sie hat Fotos, Daten und Präsentationsvideos.“

Hugo runzelte die Stirn.

„Präsentationsvideos?“

„Kurze Videos von jeder Frau.“

„Was ist darauf?“

„Wie sie aussieht, ihr Körper und was sie anbietet.“

„Was heißt das?“

„Zum Beispiel Oralverkehr, Vaginalverkehr, Analverkehr oder Masturbation. Je nachdem, was die Frau anbietet.“

Hugo sah Una überrascht an.

„Und das steht da einfach?“

„Nein. Sie zeigen es.“

Für einen Moment sagte Hugo nichts.

Damit hatte er nicht gerechnet. Die Vorstellung, dass Hanna solche Videos professionell produzieren ließ und ein Kunde sich die Frauen auf diese Weise ansehen und auswählen konnte, traf ihn völlig unvorbereitet. Seine Neugier bekam plötzlich eine ganz andere Richtung. Er spürte, wie ihn allein der Gedanke daran erregte.

„Die zeigen tatsächlich vor der Kamera, was sie anbieten?“

„Ja.“

Hugo atmete aus und grinste.

„Una, das sind Pornos.“

Sie lachte. „Nein. Präsentationsvideos.“

„Eine nackte Frau zeigt vor der Kamera ihre sexuellen Leistungen. Was soll das sonst sein?“

„Für Hanna ist der Zweck ein anderer. Der Kunde soll sehen, wen er bucht und was die Frau anbietet.“

„Also ein Porno, mit dem man anschließend einkauft.“

Una gab ihm einen leichten Stoß.

„Du bist unmöglich.“

Hugo lachte. „Aber das System ist genial.“

„Welches System?“

Jetzt war der Analyst in ihm endgültig wach.

„Der Kunde sagt, was er braucht. Hanna weiß, welche Frauen infrage kommen, zeigt ihm vorher die Auswahl und stellt danach die passende Gruppe zusammen.“

Una sah ihn amüsiert an.

„Du analysierst gerade Hannas Agentur.“

„Natürlich.“

„Du kannst nicht anders, oder?“

„Nein.“

Ihre Hand wanderte wieder über seine Brust.

Hugo sah hinunter. Sofort war seine Aufmerksamkeit wieder bei ihr.

„Gibst du mir ihre Nummer?“

Una zog die Augenbrauen hoch.

„Ich liege noch in deinem Bett und du willst die Nummer einer anderen Frau?“

Hugo musste lachen.

„Ich will Hannas Nummer.“

„Warum?“

„Weil ich das wiederhaben will.“

„Was genau?“

Hugo sah sie einen Moment an.

„Nicht in irgendeiner Hotelbar sitzen und hoffen, dass zufällig die richtige Frau auftaucht. Ich will anrufen, sagen können, was ich möchte, und jemand kümmert sich darum.“

Una musterte ihn.

„Sehr romantisch.“

„Und ich will dich wiedersehen.“

Ihr Gesicht veränderte sich. Das spöttische Lächeln wurde weicher.

„Das hättest du auch gleich sagen können.“

„Dann hätte ich nichts über die Videos erfahren.“

Una lachte.

„Du denkst wirklich immer nur an das Eine.“

„Nein. Manchmal denke ich auch an Geschäftsmodelle.“

Jetzt lachte sie richtig.

Schließlich gab sie ihm den Kontakt. Hugo schrieb den Namen und die Nummer auf.

Hanna Dvořáková. Prag.

Er betrachtete den Zettel noch einen Moment. Was als beiläufige Frage begonnen hatte, fühlte sich plötzlich wie etwas an, das er irgendwann tatsächlich brauchen würde.

Dann legte er den Zettel beiseite, wandte sich wieder Una zu und zog sie näher an sich.

Die Monate danach nahmen ihre festen Abläufe an.

Die regelmäßigen Reisen nach Frankfurt gehörten inzwischen zu Hugos Arbeitsalltag. Alle paar Wochen musste er zur Bank, zu Besprechungen oder zu Terminen mit Kunden. Manchmal begleitete Claire ihn. Dann nahmen sie morgens gemeinsam den ersten Flug von London nach Frankfurt und kehrten am Abend zurück.

Hugo mochte diese Tage mit ihr. Während der Flüge konnten sie arbeiten, reden oder einfach nebeneinandersitzen. Claire kannte seine Abläufe inzwischen so gut, dass vieles funktionierte, ohne dass er noch etwas erklären musste.

Wenn Hugo die Reise mit einem Besuch bei seiner Familie verband, kam Claire dagegen nicht mit. Nach seinen Terminen in Frankfurt reiste er allein weiter nach Hamburg, blieb dort gewöhnlich ein oder zwei Nächte und flog anschließend direkt nach London zurück.

So wurde Frankfurt für ihn zu einer regelmäßigen Zwischenstation – manchmal nur für einen Arbeitstag mit Claire, manchmal auf dem Weg zu seiner Familie nach Hamburg.


Mit der Zeit bekam nicht nur Hugos Arbeit in London feste Abläufe. Auch außerhalb der Bank hatte sich etwas entwickelt, das ihm anfangs kaum aufgefallen war: Er hatte inzwischen Leute, mit denen er seine Abende verbrachte.

Im The Corinthian mussten sie sich längst nicht mehr verabreden.

Wenn Hugo abends hineinging, standen die Chancen nicht schlecht, dass irgendwann Farhadi, Mehta oder Whitmore auftauchten. Manchmal waren sie zu viert, manchmal nur zu zweit oder zu dritt. Aus dem zufälligen Kennenlernen war eine Gewohnheit geworden.

Hugo mochte den Laden gerade deshalb. Der lange U-förmige Holztresen, die dunklen Barhocker, der schwarz-weiß karierte Boden und die kleinen Tische hatten nichts von den steifen Restaurants, in denen er mit Kunden saß. Dazu kam die Musik. Wenn eine Band spielte, wurde aus dem Pub für ein paar Stunden ein Ort, an dem selbst Banker aufhörten, ausschließlich Banker zu sein.

An diesem Abend hatten sie einen Tisch in einer Ecke bekommen.

Mehta und Farhadi stritten bereits seit zehn Minuten über irgendein Technologieunternehmen.

„Du kaufst eine Geschichte“, sagte Farhadi.

„Ich kaufe Wachstum.“

„Nein. Du kaufst die Hoffnung auf Wachstum.“

„Das ist dasselbe, bevor es Wachstum gibt.“

„Das ist mit Abstand der dümmste Satz, den du diese Woche gesagt hast.“

Whitmore grinste.

„Und es ist erst Donnerstag.“

Hugo lachte.

Mehta zeigte auf ihn.

„Du brauchst gar nicht zu lachen. Du machst inzwischen genau denselben Scheiß.“

„Welchen Scheiß?“

„Neuer Markt. Du kaufst doch selbst alles, von dem du glaubst, dass es in den nächsten Jahren durch die Decke geht.“

„Ich habe einige davon im Depot.“

„EM-TV?“

Hugo nahm einen Schluck.

„Ist meine größte Position.“

„Wie viele Aktien hast du davon?“

„Ungefähr 4,737 Millionen Stück.“

Mehta starrte ihn an.

„Und das ist nur eine deiner Positionen?“

„Ja. Ich habe noch einige andere Aktien im Depot. EM-TV ist nur mit Abstand die größte.“

 „Und wann bist du rein?“

Hugo verzog leicht das Gesicht.

„Leider nicht ganz am Anfang. Ich habe mich später eingekauft. Seit meinem Einstieg ist die Aktie aber schon ungefähr zwanzig Prozent gestiegen.“

Farhadi stellte ihr Glas ab.

„Warum gehst du da inzwischen so aggressiv rein?“

Hugo nahm einen Schluck.

„Weil mich fasziniert, was gerade in Deutschland passiert.“

„Der Neue Markt?“

„Vor allem die Leute. Die Deutschen entdecken gerade die Börse. Menschen, die sich vor ein paar Jahren niemals eine Aktie gekauft hätten, reden plötzlich über Kurse. Telekom, Neuer Markt, Technologie. Jeder will dabei sein.“

Mehta nickte.

„Und du glaubst, die ziehen die Kurse mit hoch?“

„Genau. Immer mehr Leute, immer mehr Geld. Und wenn die ersten damit richtig verdienen, kommen die Nächsten.“

„Bis es irgendwann kracht“, sagte Farhadi.

Hugo zuckte mit den Schultern.

„Kann sein. Aber bis dahin will ich nicht danebenstehen und zugucken.“

Mehta grinste.

„Software. Internet. Telekommunikation.“

„Medien“, ergänzte Hugo. „Und Dinge, für die wir heute wahrscheinlich noch nicht einmal einen vernünftigen Namen haben.“

Whitmore sah ihn an.

„Du willst also reich werden.“

„Das wäre zumindest kein störender Nebeneffekt.“

„Nein“, sagte Mehta. „Das meine ich nicht. Wofür?“

Hugo sah ihn an.

„Was wofür?“

„Das Geld.“

Hugo schwieg einen Moment.

Whitmore grinste.

„Arjun wird philosophisch. Bestell schnell noch etwas, bevor er nach dem Sinn des Lebens fragt.“

„Fick dich.“

Mehta sah wieder zu Hugo.

„Im Ernst. Du arbeitest wie ein Irrer. Dann gehst du nach Hause und beschäftigst dich mit deinem eigenen Depot. Irgendwann musst du doch eine Vorstellung davon haben, wozu.“

Hugo drehte sein Glas zwischen den Fingern.

„Ich will irgendwann nicht mehr für eine Bank arbeiten.“

Farhadi hob die Augenbrauen.

„Das ist neu.“

„Nein. Ich habe es nur noch nicht gesagt.“

„Und was willst du dann machen?“, fragte Whitmore.

„Mit meinem eigenen Geld arbeiten.“

Mehta lehnte sich vor.

„Weiter Aktien kaufen?“

„Auch. Aber je länger ich das hier mache, desto mehr denke ich, dass wir eigentlich zu spät kommen.“

„Zu spät?“

Hugo nickte.

„Wenn ein Unternehmen so groß und interessant geworden ist, dass wir es analysieren, haben andere das meiste Geld damit längst verdient.“

Farhadi widersprach sofort.

„Nein.“

„Doch. Nicht für einen Trade. Aber für das Unternehmen.“

Jetzt hörte auch sie genauer hin.


„Wenn die Aktie vor uns liegt, existiert die Firma längst“, sagte Hugo. „Die Gründer hatten die Idee, das Produkt ist entwickelt, vielleicht gibt es schon Kunden. Dann kommen die Banken, der Börsengang – und wir analysieren das Ergebnis.“

Mehta lächelte.

„Du willst vorher rein.“

„Genau.“

„Venture Capital.“

Hugo nickte. „Irgendwann.“

„Mit fremdem Geld?“, fragte Whitmore.

„Nein. Mit meinem.“

Whitmore lachte. „Das wird teuer.“

„Deshalb mache ich es ja noch nicht. Mir fehlt das Grundkapital. Mit ein paar Millionen komme ich da nicht weit. Wenn ich systematisch in junge Firmen einsteigen will, brauche ich deutlich mehr.“

Farhadi sah ihn an.

„Deshalb der Neue Markt.“

„Unter anderem. Ich glaube, dass da gerade etwas Außergewöhnliches entsteht. Und ich will nicht mein Leben lang tagsüber für die DHK Unternehmen analysieren und nachts versuchen, mein eigenes Geld zu vermehren.“

Mehta grinste.

„Du willst unabhängig sein.“

Hugo sah ihn an.

„Genau das.“

„Und wie findest du später diese jungen Firmen?“, fragte Mehta. „Woher weißt du, welcher zwanzigjährige Spinner gerade etwas baut, das irgendwann Milliarden wert ist?“

Hugo nahm eine Serviette und legte sie auf den Tisch.

„Indem ich nicht darauf warte, dass er zu mir kommt.“

Er setzte mit dem Stift einen Punkt.

„Silicon Valley.“

Einen zweiten.

„Boston.“

Einen dritten.

„New York.“

Mehta nahm ihm den Stift ab und setzte noch einen Punkt.

„Irgendwann Asien.“

Hugo grinste. „Genau.“

Farhadi betrachtete die Serviette.

„Überall Büros?“

„Kleine. Ein paar Leute. Keine Bankfilialen.“

„Was dann?“

„Augen und Ohren. Leute, die an den Universitäten und bei den Entwicklern sitzen und erfahren, wenn irgendwo etwas Interessantes entsteht.“

„Scouts“, sagte Mehta.

„Genau. Ich will von einer guten Idee erfahren, bevor hundert andere davon erfahren.“

„Und wer entscheidet, ob investiert wird?“, fragte Farhadi.

„Ich.“

Sie lächelte. „Natürlich.“

„Es ist mein Geld. Ich höre mir jeden an, aber am Ende entscheide ich.“

Whitmore hob sein Glas.

„Keine Anleger, keine Partner und niemand, der dir Vorschriften macht.“

Hugo stieß mit ihm an.

„Jetzt hast du es verstanden.“

Mehta lachte.

„Hugo Voss baut also sein Imperium.“

„Noch fehlen mir dafür ein paar Millionen.“

„Und wenn du sie hast?“, fragte Whitmore. „Yacht?“

Hugo verzog das Gesicht.

„Nie.“

„Warum nicht?“

„Totes Kapital. Kaufen, Mannschaft, Hafen, Wartung – und währenddessen wird das Ding älter.“

Whitmore sah ihn entsetzt an.

„Du hast keine Seele.“

„Ich habe einen Taschenrechner.“

Farhadi lachte.

„Und wenn du eine Yacht willst?“

„Dann charter ich eine.“

„Du wirst der langweiligste reiche Mann Europas“, sagte Whitmore.

Hugo grinste.

„Kann sein. Dafür habe ich mehr Geld als du.“

Farhadi sah ihn an.

„Und was willst du mit dem ganzen Geld machen, wenn du nichts kaufen willst?“

Hugo wollte antworten.

Dann hielt er inne.

Denn die ehrliche Antwort hatte mit Büros, Beteiligungen und dem Neuen Markt nur teilweise zu tun.

Hugo wollte durchaus Dinge.

Nur andere.

Er wollte Frauen.

Aber nicht nur Sex.

Er wollte das, was Una ihm gegeben hatte. Was er zuvor schon bei Lena in Frankfurt gespürt hatte. Für ein paar Stunden oder einige Tage fühlte es sich beinahe an, als wäre die Frau seine Geliebte. Sie war aufmerksam, suchte seine Nähe, berührte ihn, lachte mit ihm und gab ihm das Gefühl, dass sie in diesem Moment wirklich bei ihm sein wollte.

Und trotzdem blieb es unkompliziert.

Keine Beziehung. Keine Erwartungen danach. Keine Diskussion darüber, wann er wiederkam oder wie viel Zeit er für sie hatte.

Vielleicht war genau das der Reiz.

Die Nähe einer Geliebten, ohne den Stress einer Beziehung. Und natürlich den Sex, den er mochte. Nähe gefiel ihm. Gefühle waren etwas anderes. Sobald sie stärker wurden, entstand etwas, das sich weder planen noch kontrollieren ließ. Genau das behagte ihm nicht.

Doch seit Cannes war etwas hinzugekommen: Angst.

Nicht vor den Frauen selbst, sondern vor dem, was vor ihm gewesen sein konnte. Ein fremder Mann, Körperflüssigkeiten, ein benutztes Bett – und dahinter immer wieder die Angst vor Krankheiten.

Er wollte genießen, ohne dass sich dabei ständig derselbe Gedanke in seinen Kopf drängte:

Wer war vor mir hier?

Er wollte genießen. Mit Sauberkeit, Kontrolle und dem Gefühl von Sicherheit.

Wie genau ein solches Leben aussehen sollte, wusste er selbst noch nicht.

„Hugo?“

Farhadi sah ihn an.

„Was?“

„Du warst gerade weg.“

„Ich habe nachgedacht.“

Mehta sah ihn an. „Also noch einmal. Wie willst du leben?“

Hugo drehte sein Glas zwischen den Fingern.

„Jetzt will ich das Leben genießen. Aber irgendwann will ich anders leben.“

„Wie?“

„Ruhiger. Sicher. Nicht abgeschieden von der Welt, aber auch nicht ständig von ihr getrieben. Menschen, die man kennt. Dinge, die Bestand haben.“ Er hielt kurz inne. „Vielleicht ein bisschen so, wie das Leben früher gewesen sein muss. Überschaubarer. Beständiger. Ohne deshalb auf die heutige Welt verzichten zu müssen.“

Farhadi lächelte.

„Klingt ziemlich altmodisch.“

„Vielleicht.“

„Und Frauen?“, fragte Whitmore.

„Unbedingt.“

Mehta hob sein Glas.

„Jetzt klingt es wenigstens nach einem Leben.“

Farhadi hob ebenfalls ihr Glas.

Hugo nahm die Serviette wieder und betrachtete die Punkte darauf.

Silicon Valley. Boston. New York. Irgendwann Asien.

Noch waren es nur Kugelschreiberflecken. Aber die Idee dahinter wurde klarer.



Im Spätsommer 1998 saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander im Flugzeug nach Frankfurt. Hugos Depot war inzwischen auf mehr als siebzig Millionen Euro angewachsen. Den größten Anteil daran hatte seine EM-TV-Position, weitere rund vier Millionen Euro Gewinn kamen durch andere Aktien des Neuen Marktes hinzu.

„Du hattest recht mit dem Aktienfieber“, sagte Claire.

Hugo nickte.

„Herdentrieb.“

„Und du glaubst, das geht noch weiter?“

„Eine Weile.“

Claire sah ihn an.

„Woher willst du wissen, wann es vorbei ist?“

„Wenn Aktien endgültig zum Volkssport werden.“

„Was heißt das?“

„Wenn plötzlich jeder mitmacht. Nicht weil die Leute Unternehmen analysieren oder überhaupt wissen, was sie kaufen, sondern weil der Nachbar damit Geld verdient hat und sie auch welches verdienen wollen. Wenn beim Friseur, im Taxi und beim Familienessen über die nächste Aktie gesprochen wird und Leute einsteigen, die sich ihr ganzes Leben nie für die Börse interessiert haben.“

Claire musste lächeln.

„Und dann?“

„Dann wird es gefährlich. Solange noch immer neue Leute in den Markt kommen und neues Geld mitbringen, kann das weiterlaufen. Aber irgendwann sind fast alle drin.“

„Und dann gehst du raus?“

Hugo nickte.

„Dann will ich draußen sein.“

Claire wandte sich wieder ihren Unterlagen zu.

Hugo dagegen blieb bei dem Gedanken hängen. Siebzig Millionen. Noch vor wenigen Jahren wäre ihm diese Zahl vollkommen absurd vorgekommen. Inzwischen dachte er weniger darüber nach, was er damit kaufen konnte, als darüber, was daraus einmal werden sollte.

Sein Blick fiel auf den Block vor ihm.

Fast beiläufig nahm er den Stift.

Eine Idee, die seit einiger Zeit in seinem Kopf herumging, bekam langsam Konturen.

Er zog eine Linie auf das Papier.

Dann eine zweite.

Claire bemerkte es zunächst nicht.

Hugo zeichnete weiter. Wenige Striche, bewusst einfach, fast reduziert auf das absolute Minimum.

Fünf Linien.

Mehr brauchte er nicht.

Claire blickte irgendwann von ihren Unterlagen auf das Blatt.

„Ein Frauenbauch.“

Hugo sah zu ihr.

„Sofort erkannt?“

„Natürlich.“

Er betrachtete die Zeichnung zufrieden.

„Gut.“

„Warum ist das gut?“

„Weil du nicht fragen musstest, was es ist.“

Claire legte ihre Unterlagen beiseite.

„Warum zeichnest du überhaupt einen Frauenbauch?“

„Das wird mein Logo.“

Sie sah ihn an.

„Dein Logo?“

„Für meine Firma.“

„Welche Firma?“

„Die, die es noch nicht gibt.“

Claire musste lächeln.

„Wann hast du beschlossen, eine Firma zu gründen?“

„Beschlossen ist zu viel. Es ist eine Idee.“

Sie zog den Block etwas zu sich.

„Und warum ein Frauenbauch?“

Hugo deutete mit dem Stift darauf.

„Weil dort etwas entsteht, lange bevor man sieht, was daraus wird.“

Claire blickte wieder auf die Zeichnung.

„Ein Kind.“

„Oder ein Unternehmen.“

Jetzt verstand sie.

„Venture Capital.“

„Genau. Früh rein. Wenn da noch eine Idee, ein paar Leute und vielleicht ein kleines Büro sind. Nicht erst, wenn alle wissen, dass es funktioniert.“

„Und der Bauch steht für Wachstum.“

Hugo nickte.

„Ursprung, Wachstum, Perfektion.“

Claire betrachtete die fünf Linien.

„Und natürlich musste es bei dir ausgerechnet ein Frauenbauch sein.“

Hugo lächelte.

„Was symbolisiert Wachstum besser?“

„Bei dir finde ich darauf lieber keine Antwort.“

Er lachte und nahm den Stift wieder in die Hand.

„Aber das Entscheidende ist etwas anderes. Ein paar Striche müssen reichen, und du weißt sofort, was du vor dir hast.“

Mit wenigen Strichen begann er daneben den Eiffelturm anzudeuten.

„Paris“, sagte Claire, noch bevor er fertig war.

Hugo hielt inne und lächelte.

Daneben setzte er zu den charakteristischen Bögen eines zweiten Bauwerks an.

„Sydney Opera House.“

Wieder war er noch nicht fertig.

„Genau“, sagte Hugo. „Mehr braucht es nicht.“

Sie blickte auf den Frauenbauch.

„Du willst also, dass irgendwann fünf Linien reichen.“

„Nicht nur das.“ Hugo tippte mit dem Stift auf die Zeichnung. „Wenn irgendwo ein Gründer Kapital für seine Idee sucht, soll er dieses Zeichen sehen und sofort wissen: Da kann ich hingehen.“

Claire sah ihn an.

„So wie ich beim Eiffelturm sofort an Paris denke.“

„Genau. Nur soll er bei den fünf Linien nicht an einen Frauenbauch denken.“

„Sondern an Geld.“

„An Kapital für seine Idee.“

Claire betrachtete das Zeichen noch einmal.

„Das ist ziemlich ambitioniert.“

„Sonst brauche ich gar nicht erst anzufangen.“

„Und wann fängst du an?“

„Noch nicht.“

„Warum?“

Hugo sah auf die fünf Linien.

„Siebzig Millionen sind eine Menge Geld. Aber wenn ich das wirklich so aufziehen will, will ich nicht bei jeder guten Firma überlegen müssen, ob ich mir die Beteiligung leisten kann.“

„Deshalb willst du am Neuen Markt noch mehr Kapital aufbauen.“
„Solange es läuft.“

„Und raus, bevor alle anderen merken, dass es vorbei ist.“

Hugo lächelte.

„Das wäre der Plan.“

Claire betrachtete die Zeichnung noch einmal.

„Und wann wird aus der Idee eine Firma?“

Hugo lehnte sich zurück.

„Keine Ahnung.“

„Das klingt ungewöhnlich unvorbereitet für dich.“

„Die Idee steht. Wann ich sie umsetze, nicht.“

Claire sah ihn einen Moment lang an.

„Du wirst deinen Vertrag nicht verlängern.“

Hugo blickte auf.

„Heute wird gar nichts unterschrieben.“

„Du weißt, was ich meine.“

Er lehnte sich zurück.

„Ich weiß es noch nicht.“

Das war nicht ganz wahr.

Ein Teil von ihm wusste es längst.

Aber ein anderer Teil sah noch immer London.

Edward.

Claire.

Seine Stellung.

Sein Gehalt.

Seinen Bonus.

Die Karriere, die vor ihm lag.

Er hatte sich alles erarbeitet, was er einmal gewollt hatte. Und ausgerechnet jetzt, als die Bank ihn immer ernster nahm, dachte er darüber nach, alles hinzuwerfen.

„Sie werden dir viel anbieten“, sagte Claire.

„Das nehme ich an.“

„Edward will dich sowieso behalten.“

„Ich weiß.“

„Frankfurt auch.“

Hugo sah aus dem Fenster.

„Ich weiß.“

„Und?“

Er antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Vielleicht will ich einfach nicht mehr.“

Claire schwieg.

„Nicht die Arbeit“, sagte Hugo. „Die interessiert mich noch immer. Aber dieses ganze …“

Er suchte nach dem richtigen Wort.

„Leben?“

„Vielleicht.“

London, Büro, Flugzeug, Frankfurt, London.

Nächste Analyse.

Nächster Bonus.

Nächstes Jahr.

Noch mehr Verantwortung.

Noch mehr Geld.

Noch ein Schritt nach oben.

Und dann?

Der Satz aus dem Herrenclub in St James’s kam ihm wieder in den Sinn.

Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.

Er hatte damals darüber gelacht.

Inzwischen tat er das nicht mehr.

Lieber ein kleiner König als ein großer Knecht.

Vielleicht war seine eigene Firma noch Jahre entfernt.

Aber Hugo wusste inzwischen, dass er nicht sein ganzes Leben lang der Mann sein wollte, der die Idee fand, damit anschließend jemand anderes das große Geschäft machte.

Und noch etwas beschäftigte ihn.

Warum sollte er unmittelbar von einem Vertrag in den nächsten gehen?

Er wollte die Welt sehen.

Nicht auf Geschäftsreisen.

Nicht Flughafen, Hotel, Konferenzraum, Flughafen.

Richtig.

Amerika.

Südamerika.

Asien.

Australien.

Städte, Strände, Hotels, Nachtclubs.

Und Frauen.

 

 

 

 

 

 

 

 


Dieser Teil gehörte für Hugo genauso dazu.

Amerikanerinnen. Latinas. Asiatinnen.

Er wollte wissen, wie sie waren. Wie sie flirteten. Wie sie küssten. Wie sie Sex hatten. Was anders war und was überall gleich.

Irgendein Banker hatte einmal lachend zu ihm gesagt:

„Once you go yellow, you don't go back."

Ein bescheuerter, vulgärer Spruch.

Hugo hatte damals gelacht.

Aber er hatte ihn nicht vergessen.

Vielleicht gerade deshalb, weil darin diese ganze Männerwelt der Bank steckte: Für alles gab es einen Vergleich, eine Kategorie, eine Geschichte darüber, was man unbedingt einmal ausprobiert haben musste.

Und Hugo musste sich eingestehen, dass ihn die Vorstellung reizte.

Nicht der Spruch.

Die Vielfalt.

Er wollte sich durch diese Vielfalt der Frauenwelt treiben lassen, ohne Beziehung, ohne Verpflichtung, ohne am Sonntagabend darüber nachdenken zu müssen, was am Montag im Büro auf ihn wartete.

Ein Jahr vielleicht.

Einfach reisen.

Sex haben.

Leben.

Und nebenbei seine eigenen Investments beobachten.

Vielleicht würde aus seinem Geld dabei mehr werden.

Vielleicht auch nicht.

Aber zum ersten Mal seit Jahren wollte Hugo keinen exakt berechneten nächsten Schritt.

Er wollte Freiheit.

Er nahm den Block, riss das Blatt mit dem Frauenbauch heraus und faltete es sorgfältig zusammen.

Claire sah ihm dabei zu.

Hugo steckte es in seine Tasche.

Einige Stunden später saß Hugo Edward und zwei leitenden Männern aus Frankfurt gegenüber.

Nach wenigen Minuten wusste er, dass Claire recht gehabt hatte.

Die Bank wollte ihn nicht verlieren.

Man sprach zunächst über seine Entwicklung. Über seine Analysen amerikanischer Softwareunternehmen, über Internetwerte, Medien und Telekommunikation. Über Empfehlungen, die sich als richtig erwiesen hatten.

Dann kamen die Zahlen.

Neues Gehalt.

Deutlich höherer Bonus.

Perspektivisch eigene Mitarbeiter.

Hugo hörte aufmerksam zu.

Das Angebot war gut.

Verdammt gut.

Einer der Männer aus Frankfurt legte schließlich die Hände auf den Tisch.

„Herr Voss, ich glaube, Ihnen ist nicht bewusst, welchen Stellenwert Ihre Arbeit inzwischen bei uns hat.“

Hugo sah ihn an.

„Meine Analysen sollen Geld verdienen. Das tun sie.“

Edward lächelte.

„Sag ihm, wie ihr ihn nennt.“

Der Mann sah Hugo an.

„Rainmaker.“

Hugo hob die Augenbrauen.

„Ich bin Analyst.“

„Ein Analyst, mit dessen Einschätzungen wir und unsere Kunden Millionen verdienen.“

Hugo musste lächeln.

„Rainmaker ist trotzdem ein ziemlich großes Wort.“

„Dann sorgen Sie dafür, dass es weiterhin passt.“

Hugo empfand Stolz. Er wäre ein Idiot gewesen, wenn nicht.

Vor ihm saßen Männer einer internationalen Bank und erklärten ihm, dass sie ihn für so wertvoll hielten, dass sie bereit waren, tief in die Tasche zu greifen, um ihn zu behalten.

Ein Teil von ihm genoss jede Sekunde davon.

Und gleichzeitig machte genau dieses Gespräch seine Entscheidung leichter.

Sie boten ihm mehr Geld dafür, weiterhin seine besten Gedanken an sie zu verkaufen.

Hugo dachte an das gefaltete Blatt in seiner Tasche.

Er dachte an den Neuen Markt, sein eigenes Depot und die Unternehmen, die er finden wollte, bevor alle anderen sie fanden.

Und an die Welt, die draußen lag.

„Das Angebot ist hervorragend“, sagte er schließlich.

Der Frankfurter Manager nickte.

„Dann haben wir eine Grundlage.“

„Nein.“

Der Mann hielt inne.

„Ich werde nicht verlängern.“

„Ist es das Geld?“

„Nein.“

„Was dann?“

Hugo lehnte sich zurück.

„Ich will erst einmal raus.“

„Sie haben ein Angebot von einem Wettbewerber?“

„Nein.“

„Was wollen Sie machen?“

Hugo musste lächeln.

„Reisen.“

Der Mann sah ihn ungläubig an.

„Und danach?“

„Weiß ich noch nicht.“

„Sie geben Ihre Karriere dafür auf?“

„Ich gebe sie nicht auf. Vielleicht mache ich danach etwas anderes.“

„Was?“

„Wenn ich das wüsste, müsste ich nicht reisen.“

Edward grinste.

Hugo wusste inzwischen, dass er gehen konnte. Er lief vor nichts davon und musste niemandem mehr beweisen, dass er gut genug war.

Das hatten sie ihm gerade selbst gesagt.

Rainmaker.

Er hätte Ja sagen können.

Er wollte nicht.

Auf dem Rückflug saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander.

Diesmal lag der Block in Hugos Tasche.

Claire wartete eine Weile.

Dann fragte sie:

„Wie viel?“

„Ein halbes Prozent mehr beim Bonus.“

Claire pfiff leise durch die Zähne.

„Und?“

„Nein.“

„Einfach Nein?“

„Einfach Nein.“



Sie sah ihn an.

„Wie fühlt sich das an?“

Hugo dachte darüber nach.

„Gut.“

„Keine Angst?“

„Doch.“

Claire hob die Augenbrauen.

„Das gibst du zu?“

„Ich bin nicht vollkommen bescheuert.“

Er sah aus dem Fenster.

„Natürlich frage ich mich, ob ich gerade einen Fehler mache.“

Was, wenn der Neue Markt einbrach? Wenn seine Investments nicht weiterliefen wie bisher? Wenn seine Firma am Ende nichts weiter blieb als eine Zeichnung auf einem Blatt?

Und was, wenn er nach einem Jahr zurückkam und feststellen musste, dass er eine Karriere aufgegeben hatte, die sich nicht einfach wieder anschalten ließ?

Bis heute hatte es immer einen nächsten Schritt gegeben. Eine Bank, eine Position, einen Vertrag, ein Ziel. Jetzt hatte er ausgerechnet zu dem Zeitpunkt Nein gesagt, an dem alles für ihn lief.

Der Gedanke machte ihm mehr Angst, als er Claire zeigen wollte.

Vielleicht war das hier keine mutige Entscheidung.

Vielleicht war es einfach eine verdammt große Dummheit.

Aber neben der Angst war etwas anderes.

Neugier.

„Ich will ein Jahr haben, in dem ich morgens nicht für irgendeine Bank aufstehe.“

„Und was machst du?“

„Reisen. Amerika. Südamerika. Asien. Vielleicht Australien.“

Claire sah ihn an.

„Und Frauen.“

Hugo grinste.

„Sehr sogar.“

„Das dachte ich mir.“

Hugo lachte.

„Ich will mich einfach ausleben, Claire. Ich bin jung. Ich habe Geld. Keine Verpflichtungen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

 „Und danach?“

Hugo griff in seine Tasche, zog das gefaltete Blatt heraus und legte es zwischen sie.

Claire sah auf den Frauenbauch.

„Das?“

„Vielleicht.“

„Venture Capital?“

„Irgendwann.“

„Aber nicht sofort.“

„Nein. Erst will ich mein Vermögen weiter aufbauen.“

Claire strich mit dem Finger über die fünf Linien.

„Und wenn aus dem Bauch eine Firma wird?“

„Was dann?“

Sie faltete das Blatt zusammen und schob es ihm hin.

„Dann rufst du mich an.“

„Warum?“

„Weil ich dann zu dir komme.“

Hugo sah sie überrascht an.

„Du würdest die Bank verlassen?“

„Nicht für eine Zeichnung. Aber wenn daraus eine richtige Firma wird und du jemanden brauchst, der verhindert, dass du sie innerhalb von drei Wochen ins Chaos stürzt – ja.“

Hugo lachte.

„Sehr schmeichelhaft.“

„Realistisch.“

„Und wenn die Firma nicht in London ist?“

„Dann ist sie eben nicht in London.“

Claire nahm ihre Unterlagen wieder zur Hand.

„Also reist du jetzt erst einmal durch die Welt und probierst deine Amerikanerinnen, Latinas und Asiatinnen aus.“

Hugo grinste.

„Das klingt bei dir irgendwie unanständig.“

„Bei dir ist es unanständig.“

„Auch wieder wahr.“

„Und wenn du mit der Artenvielfalt fertig bist, rufst du mich an.“

Hugo lachte so laut, dass sich der Mann vor ihnen kurz umdrehte.

Claire arbeitete weiter.

Hugo sah aus dem Fenster.

Er hatte eine Karriere verlassen, die hervorragend lief.

Keine neue Stelle. Keine fertige Firma. Keinen Geschäftsplan.

Nur sein Vermögen, fünf Linien auf einem Stück Papier und ein Jahr, von dem er nicht wusste, wohin es ihn führen würde.

Und genau das gefiel ihm.