Hugo Kapitel
**Kapitel 10**
In Nizza stiegen sie um. Der Flug von Nizza nach London dauerte gut zwei Stunden.
Hugo saß am Fenster. Auf dem Sitz neben ihm lag eine Zeitung, die die Stewardess ihm beim Start hingelegt hatte. Er hatte sie seitdem nicht angerührt.
Draußen lag unter dem Flügel das Meer, dann Küste, dann die Alpen, grau und fern. Das Triebwerk summte in einem gleichmäßigen Ton, und die Kabine roch nach Kaffee und nach dem Parfüm der Frau zwei Reihen vor ihm. Alles war ruhig. Alles war normal.
Hugo spürte mit der Zunge eine Stelle an der Innenseite seiner Wange.
Mit der Zunge fuhr er zum hundertsten Mal über die Stelle. Sie brannte noch leicht. Ein Biss, den er sich beim Essen zugezogen hatte, selbst verschuldet, nichts weiter. Im Restaurant am Yachthafen hatte er noch laut „Scheiße“ gesagt und die Sache kurz darauf wieder vergessen. Jetzt konnte er an nichts anderes mehr denken.
Weil der Biss im Mund war.
Und weil sein Mund an diesem Wochenende überall gewesen war.
Zunächst versuchte er, den Gedanken abzuwehren. Kondom, sagte er sich. Beim Geschlechtsverkehr hatte er ein Kondom benutzt. Er hatte darauf geachtet, wie immer, seit Samenschleuder ihm in Frankfurt beigebracht hatte, dass man ein benutztes Kondom nie einer anderen Person überließ.
Für einen Moment beruhigte ihn das. Sein Atem wurde ruhiger. Die Stewardess kam mit dem Getränkewagen vorbei, Hugo bestellte ein Wasser, und für die Dauer des Bestellens war die Welt in Ordnung.
Dann kam die Erinnerung an alles, was vor dem Kondom gewesen war.
Er hatte beide Frauen geküsst. Lange. Er hatte beide mit der Zunge befriedigt. Bei der Brünetten war er mit seiner Zunge an ihrem Anus gewesen. Sie hatte es ihm entgegengestreckt wie eine Aufforderung, und er hatte nicht gezögert.
In dieser Nacht hatte er nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, ob dabei etwas passieren konnte.
Nicht ein einziges Mal.
Jetzt wusste er erschreckend wenig.
Er wusste nicht, was tatsächlich gefährlich war und was nicht. Ob es reichte, was er getan hatte. Ob die kleine Wunde in seiner Wange irgendeine Bedeutung hatte oder überhaupt keine. Gerade weil er es nicht wusste, baute sich in seinem Kopf eine Kette zusammen, Glied für Glied, jede Verbindung möglich, keine davon ausgeschlossen.
Mund. Zunge. Wunde. Blut. Die Frauen. Das Wochenende. Der Biss.
Was hast du da gemacht?
Der Gedanke ließ ihn nicht los. Er verfluchte nicht nur die Entscheidung, die beiden Frauen angesprochen zu haben, sondern den Trieb selbst, dieses ständige, ununterbrochene Verlangen, das manchmal so stark wurde, dass alles andere dahinter verschwand. Zahlen, Analysen, Vorsicht, alles. Mit der Angst im Bauch kam es ihm beinahe vor, als habe sein Körper an diesem Wochenende entschieden und sein Kopf nur zugesehen.
Was, wenn dich genau das das Leben kostete?
Er starrte auf die Wolken unter dem Flügel. Draußen war es hell und friedlich, und in seinem Bauch saß etwas Kaltes, das sich langsam ausbreitete.
In dieser Nacht schlief Hugo nicht.
Sobald er die Augen schloss, kamen dieselben Bilder zurück: die beiden Frauen, sein Mund, seine Zunge, der Biss in seiner Wange. Er versuchte, sich einzureden, dass wahrscheinlich nichts passiert war. Dass Tausende Männer so etwas taten. Dass das Risiko gering war.
Woher willst du das wissen?
Sein eigener Kopf antwortete ihm sofort, jedes Mal. Es gab keine Zahl, die seine Frage beantwortete. Keine Bilanz, keinen Kurs, keine Wahrscheinlichkeit, an der er sich festhalten konnte. In seinem Berufsleben konnte er Risiken berechnen. Und wenn das nicht möglich war, wusste er wenigstens, warum. Hier wusste er gar nichts.
Gegen Morgen war die Angst stärker als während des Fluges. Seine Hände zitterten leicht, wenn er sie auf die Bettdecke legte. Sein Magen war verkrampft. Er stand auf, lief durch die Wohnung, setzte sich an den Küchentisch, stand wieder auf. In Belvedere Court war es still. Nur gelegentlich knackte die Heizung. Irgendwo in der Wand rauschte Wasser durch ein Rohr.
Er versuchte zu lesen, einen Geschäftsbericht, den er noch aus Cannes mitgenommen hatte. Nach wenigen Zeilen merkte er, dass er nichts davon aufgenommen hatte. Er las dieselben Sätze noch einmal. Und noch einmal. Sie blieben nicht hängen.
Als es hell wurde, suchte er im Telefonbuch nach einer Arztpraxis und rief an. Er bekam einen Termin für den Vormittag.
Nachdem er aufgelegt hatte, blieb Hugo noch einen Moment sitzen. Er presste beide Hände gegen seine Schläfen, fuhr sich anschließend mit den Fingern durch die Haare und hielt sie dort einen Moment fest. Die Gedanken drehten sich weiter im Kreis. So konnte er nicht ins Büro fahren. Er brauchte eine Antwort. Irgendetwas Greifbares, das ihm sagte, ob seine Angst berechtigt war oder nicht.
Schließlich rief er Claire an, sagte, er sei krank und komme nicht. Ihre Stimme am anderen Ende klang besorgt, und er versicherte ihr, es sei nichts Ernstes. Schon während er es sagte, hörte er selbst, wie absurd die Worte klangen. In seinem Kopf war es längst etwas Ernstes. Etwas, das sein ganzes Leben beenden konnte.
Dann legte er auf, zog sich an und fuhr zu dem Arzt.
Während der Fahrt zitterten seine Hände. Er presste sie auf seine Knie und versuchte, ruhig zu atmen. Es half nicht. Immer wieder schoss ihm derselbe Gedanke durch den Kopf: Was, wenn es zu spät war? Was, wenn er sich an diesem Wochenende etwas eingefangen hatte, das ihm niemand mehr nehmen konnte?
Er sah aus dem Fenster. Menschen gingen zur Arbeit, Autos standen an Ampeln, jemand führte einen Hund über die Straße. Alles war vollkommen normal. Nur für ihn fühlte es sich an, als wäre sein bisheriges Leben vielleicht schon vorbei, ohne dass er es wusste.
Er war einundzwanzig. Er wollte nicht sterben.
Der Gedanke traf ihn so hart, dass er die Hände noch fester auf seine Knie presste.
Ich will nicht sterben.
Als er schließlich vor dem Arzt saß, war er völlig aufgelöst. Der Arzt war ein Mann Anfang fünfzig mit ruhigen Bewegungen und einer Stimme, die nichts beschönigte. Er hörte sich an, was passiert war, stellte einige Fragen und nahm ihm Blut ab.
„Wann weiß ich sicher, ob ich mich angesteckt habe?“, fragte Hugo.
Der Arzt sah ihn ernst an.
„Bis wir eine Infektion mit ausreichender Sicherheit ausschließen können? Sechs Monate.“
Hugo glaubte, sich verhört zu haben.
„Sechs Monate?“
„Ja.“
„Und vorher kann man nicht feststellen, ob ich mich angesteckt habe?“
„Nicht mit der Sicherheit.“
Sechs Monate.
Ein halbes Jahr.
Hugo saß da und versuchte zu begreifen, was der Mann gerade gesagt hatte. Ein halbes Jahr, in dem er morgens aufwachen und nicht wissen würde, ob in seinem Körper etwas war, das sein ganzes Leben verändern konnte.
„Und wenn sich herausstellt, dass ich mich angesteckt habe?“
Der Arzt sah ihn ruhig an.
„Dann haben Sie AIDS.“
Hugo sagte nichts.
AIDS.
Er kannte das Wort. Er kannte die Bilder im Fernsehen, die Berichte über AIDS, Krankheit und Tod. Bis zu diesem Augenblick hatte all das immer andere Menschen betroffen. Menschen in Zeitungen. Menschen im Fernsehen.
Jetzt saß er in einer Arztpraxis und musste damit rechnen, selbst einer von ihnen zu sein.
Sein Mund wurde trocken. Er schluckte, doch das Gefühl blieb.
„Aber AIDS kann man nicht heilen.“
Der Arzt sah ihn einen Moment schweigend an.
„Nein.“
Hugo schluckte.
„Das heißt, wenn ich mich angesteckt habe, kann ich daran sterben?“
„Ja.“
Hugo spürte, wie ihm kalt wurde.
„Haben Sie eine Freundin?“, fragte der Arzt.
„Nein.“
„Gut. Dann reden wir jetzt über Ihr Sexualleben, junger Mann.“
Der Nachdruck saß.
„Haben Sie wechselnde Sexualpartnerinnen?“
Hugo spürte, wie ihm das unangenehm wurde. Er wollte nicht sagen, dass er sich mit Prostituierten traf. „Ich treffe mich mit Frauen.“
„Mit mehreren?“
„Ja.“
„Dann hören Sie mir jetzt genau zu. Sie sind einundzwanzig. Solange wir nicht wissen, ob Sie sich angesteckt haben, sind Sie eine mögliche Gefahr für jede Frau, mit der Sie schlafen.“
Hugo schwieg.
„Wenn Sie Sex haben, sagen Sie es vorher.“
„Was?“
„Dass Sie möglicherweise AIDS haben.“
„Auch mit Kondom?“
„Ein Kondom ist das absolute Minimum.“
„Und wenn ich es nicht sagen will?“
„Dann schlafen Sie nicht mit ihr.“
„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“
„Doch.“
Wut stieg in Hugo auf. „Ich weiß doch gar nicht, ob ich überhaupt etwas habe.“
„Genau. Sie wissen es nicht.“
Der Arzt sprach jetzt noch schärfer. „Deshalb gehen Sie nicht davon aus, dass alles in Ordnung ist. Sie gehen davon aus, dass Sie andere anstecken könnten.“
Hugo sagte nichts. Dann fragte er: „Und wenn es eine Prostituierte ist?“
„Das macht keinen Unterschied.“
„Was soll das heißen?“
„Dass Sie von mir keine Erlaubnis bekommen, jemanden zu gefährden.“
Hugo spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
„Ich sage Ihnen das so deutlich, damit Sie beim nächsten Mal vorher nachdenken und nicht hinterher. Sie haben sich durch Ihre Unvorsichtigkeit möglicherweise angesteckt und könnten AIDS bekommen. Sorgen Sie dafür, dass Sie niemand anderen anstecken. Haben Sie verstanden?“
„Ja.“
„Gut.“
Damit war das Gespräch beendet.
Hugo ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Auf dem Flur blieb er stehen. Plötzlich bekam er nicht mehr richtig Luft. Sein Brustkorb fühlte sich an, als würde jemand darauf sitzen. Sein Herz raste, seine Hände zitterten.
Für einen Moment glaubte er, nicht weitergehen zu können.
Dann zwang er sich zur Tür und hinaus auf die Straße.
Was, wenn er sich tatsächlich angesteckt hatte?
Mit einundzwanzig.
Das konnte doch nicht sein.
Noch vor wenigen Tagen hatte sein Leben aus Zahlen, Geld, Arbeit und Frauen bestanden. Jetzt wusste er nicht einmal mehr, ob er gesund war.
Sechs Monate.
Wut stieg in ihm auf. Auf Cannes, auf die beiden Frauen, auf den Arzt und schließlich auf sich selbst. Andere Männer machten so etwas ständig. Edward und seine Händler erzählten von Frauen, als wäre es das Normalste der Welt.
Aber das half ihm nichts. Er war hingegangen. Er hatte die Frauen angesprochen. Er hatte es gewollt.
Und das Schlimmste war: Er wollte es noch immer.
Die Angst hatte sein Verlangen nicht ausgeschaltet. Gerade das beunruhigte ihn. Was sollte er tun, wenn er morgen wieder eine Frau wollte? Ihr sagen, dass er möglicherweise AIDS hatte?
Der Satz des Arztes ging ihm nicht aus dem Kopf.
Dass Sie von mir keine Erlaubnis bekommen, jemanden zu gefährden.
Hugo blieb stehen. Sechs Monate konnte er nicht einfach überspringen. Er konnte keinen Test erzwingen, der ihm heute schon die Antwort gab. Er konnte nichts tun, was aus dieser Ungewissheit Gewissheit machte.
Und trotzdem sollte er von jetzt an jedes Mal, wenn er eine Frau wollte, daran denken, dass er sie möglicherweise anstecken konnte.
Ein halbes Jahr.
Hugo spürte Tränen in den Augen und wurde wütend darüber.
„Scheiße.“
Eine Frau auf dem Gehweg drehte sich kurz nach ihm um.
Er ging weiter. Die Wut half wenigstens für ein paar Schritte. Doch darunter blieb die eine Frage, die ihn nicht losließ.
Hugo arbeitete, las Geschäftsberichte, lieferte seine Analysen ab. Nach außen funktionierte er. Aber im Hintergrund liefen die Gedanken weiter: sechs Monate, der Biss in der Wange, die beiden Frauen aus Cannes.
Abends griff er wieder zum Fernet-Branca. Das bittere Zeug brannte ihm durch den Magen, und genau deshalb trank er es. Dieses Brennen kannte er. Es überlagerte für eine Weile alles andere, und nach dem ersten Glas wurde er ruhiger.
In diesen Tagen blieb es selten bei einem.
Vor allem die sechs Monate gingen ihm nicht aus dem Kopf. Ein halbes Jahr, hatte der Arzt gesagt. Ein halbes Jahr, in dem Hugo nicht wissen würde, ob er AIDS hatte.
Und trotzdem wollte er Sex.
Genau das verstand er selbst kaum. Er konnte tagsüber überzeugt sein, keine Frau mehr anzurühren, nachts wach liegen und sich die schlimmsten Dinge ausmalen – und am nächsten Abend genügte manchmal der Blick einer attraktiven Frau, damit sein Körper etwas völlig anderes wollte als sein Kopf.
Gerade dieser Widerspruch machte Hugo wütend auf sich selbst. Sein Körper schien sich für all das, was in seinem Kopf vorging, überhaupt nicht zu interessieren.
Also hatte er nach etwas gesucht, bei dem er keine Frau berühren musste.
Einige Wochen nach dem Gespräch mit dem Arzt saß er schließlich in einem Taxi, die Adresse auf einem Zettel in seiner Hand.
Je näher sie kamen, desto nervöser wurde er. Immer wieder sah er auf den Zettel, obwohl er die Adresse längst auswendig kannte.
Mehrmals wollte er dem Fahrer sagen, er solle umdrehen.
Er tat es nicht.
Als das Taxi noch ein Stück von der Adresse entfernt war, beugte Hugo sich nach vorn.
„Hier reicht.“
Der Fahrer sah kurz in den Rückspiegel.
„Hier?“
„Ja.“
Hugo bezahlte und stieg aus.
Er wartete, bis das Taxi weitergefahren war. Erst dann setzte er sich in Bewegung.
Sein Herz schlug bereits schneller.
Eigentlich war es lächerlich. Der Fahrer würde ihn vermutlich in fünf Minuten vergessen haben. Trotzdem wollte Hugo nicht, dass irgendein fremder Mann wusste, vor welchem Haus er ausgestiegen war.
Die letzten Straßen ging er zu Fuß.
Mit jedem Schritt nahm die Anspannung zu. Sein Herz schlug härter, sein Atem ging schneller. Seine Hände waren kalt, während ihm unter dem Mantel viel zu warm wurde. Er spürte eine beinahe fiebrige Unruhe im ganzen Körper.
Und da war noch etwas.
Vorfreude.
Allein der Gedanke daran, was ihn in diesem Haus erwarten könnte, schickte eine Welle durch seinen Körper. Sein Verlangen war plötzlich so deutlich da, dass es ihn selbst erschreckte.
Genau davor hatte er Angst.
Seit Cannes hatte er versucht, dieses Verlangen mit Vernunft unter Kontrolle zu bekommen. AIDS. Sechs Monate. Der Arzt. All das war noch da.
Und gleichzeitig trieb ihn sein Körper genau auf dieses Haus zu.
Angst und sexuelle Erwartung lagen so dicht beieinander, dass Hugo selbst nicht mehr wusste, was sein Herz eigentlich so rasen ließ.
Einmal blieb er stehen.
Geh zurück.
Er hätte es tun können.
Niemand wusste, dass er hier war. Niemand erwartete ihn. Er konnte umdrehen, ein Taxi nehmen und nach Hause fahren.
Für einige Sekunden stand er tatsächlich da.
Dann gewann die Neugier.
Er ging weiter.
Als er die Hausnummer erkannte, zog sich sein Magen zusammen.
Das war es.
Sein Puls beschleunigte sich noch einmal. Plötzlich nahm er alles gleichzeitig wahr: die Haustür, die Fenster, die Klingel, seine feuchten Handflächen, seinen trockenen Mund.
Das Haus selbst war vollkommen unspektakulär. Kein Schild, keine auffällige Beleuchtung, nichts, was verriet, was sich darin befand.
Hugo überprüfte die Hausnummer.
Dann noch einmal.
Sie stimmte.
Er trat vor die Klingel.
Sein Herz hämmerte inzwischen so stark, dass er es bis in den Hals spürte. Er hob die Hand und hielt wieder inne.
Was mache ich hier eigentlich?
Angst sagte ihm, er solle gehen.
Alles andere wollte wissen, was hinter dieser Tür war.
Hugo schluckte.
Dann drückte er.
Das Summen ließ ihn zusammenzucken.
Jetzt wurde es wirklich.
Er öffnete die Haustür und trat hinein.
Vor ihm lag ein langer Korridor. Gedämpftes Licht, dunkler Teppich, mehrere geschlossene Türen. Es roch sauber, ein wenig nach Parfüm und Reinigungsmittel.
Hugo ging langsam weiter.
Sein ganzer Körper stand unter Spannung. Jeder Schritt brachte ihn näher an etwas, das er nicht kannte und das ihn gleichzeitig anzog und verunsicherte. Er wusste nicht, was gleich passieren würde. Nicht, wer ihm begegnen würde. Nicht einmal, wie er sich verhalten sollte.
Dann hörte er eine Tür.
Sein Herz machte einen Satz.
Am Ende des Korridors öffnete sie sich.
Eine junge Frau trat heraus.
Sie war nackt.
Hugo blieb wie angewurzelt stehen.
Die Frau sah ihn an, als wäre an der Situation überhaupt nichts ungewöhnlich.
„Du bist wegen Mistress … hier?“
Hugo nickte.
„Ja.“
„Komm mit.“
Sie drehte sich um und ging den Korridor entlang. Hugo folgte ihr.
Vor einer Tür blieb sie stehen und öffnete sie.
Dahinter lag ein kleiner Besprechungsraum.
Auch der war anders, als Hugo erwartet hatte. Kein Keller, keine Ketten an den Wänden, keine düstere Kulisse. Der Raum war klein und fast gemütlich. An einer Wand stand ein größerer, auffälliger Stuhl mit hoher Rückenlehne, beinahe wie ein moderner Thron. Davor standen zwei kleinere, niedrigere Sessel. Zwischen ihnen befand sich ein kleiner Tisch. Das Licht war warm und gedämpft.
„Setz dich.“
Hugo nahm auf einem der niedrigeren Sessel Platz.
Die nackte Frau blieb vor ihm stehen.
„Möchtest du etwas trinken?“
„Wasser.“
„Still oder mit Kohlensäure?“
Hugo sah sie einen Moment an.
Ausgerechnet diese vollkommen alltägliche Frage brachte ihn beinahe zum Lachen. Er saß mit rasendem Herzen in einem fremden Haus, vor ihm stand eine völlig nackte Frau, und sie fragte ihn, ob er Kohlensäure wollte.
„Still.“
Sie verschwand.
Hugo atmete tief durch.
Sein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Er merkte erst jetzt, wie angespannt er dasaß. Seine Schultern waren hart, seine Hände lagen fest auf seinen Oberschenkeln. Gleichzeitig war da diese andere Spannung, die ihn überhaupt hierhergebracht hatte. Die Erwartung. Die Neugier. Das Verlangen.
Er sah sich um.
Der große Stuhl beherrschte den Raum. Er verstand sofort, wer dort sitzen sollte und wer auf den niedrigeren Sesseln Platz nahm.
Die Tür öffnete sich wieder.
Die junge Frau kam mit seinem Wasser zurück. Sie ging vor ihm herunter und stellte das Glas auf den niedrigen Tisch.
Für einen Moment war ihr nackter Körper unmittelbar vor ihm.
Hugo reagierte darauf, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte.
Und genau das erschreckte ihn.
Sofort hörte er wieder die Stimme des Arztes in seinem Kopf.
Sie sind eine mögliche Gefahr für jede Frau, mit der Sie schlafen.
Er spannte sich an.
Da war wieder beides gleichzeitig. Das Verlangen, das sich von der nackten Frau nicht einfach abschalten ließ. Und die Angst, die ihm im nächsten Augenblick sagte, was dieses Verlangen bedeuten könnte.
„Danke“, sagte er leise.
Die Frau richtete sich auf.
„Sie kommt gleich.“
Dann ging sie.
Hugo blieb allein zurück.
Sein Herz raste noch immer.
Jetzt wusste er selbst nicht mehr, ob vor Angst oder vor Erwartung.
Hugo nahm das Glas und trank mehrere Schlucke.
Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür erneut.
Diesmal kam die Domina herein.
Schwarzer Lack von oben bis unten. Hohe Stiefel. Ihre Erscheinung war so offensichtlich inszeniert, dass Hugo unwillkürlich gerader saß. Sein Herz, das sich gerade etwas beruhigt hatte, beschleunigte sich wieder.
Sie setzte sich auf den großen Stuhl.
Damit verstand er endgültig die Anordnung des Raumes.
Sie oben.
Er unten.
„Du bist zum ersten Mal hier?“
„Ja.“
„Nervös?“
Hugo atmete kurz durch.
„Ziemlich.“
Sie lächelte leicht.
„Und was möchtest du?“
Hugo verzog den Mund.
„Wenn ich das wüsste, wäre es einfacher.“
„Du weißt überhaupt nicht, was du möchtest?“
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal genau, was man hier alles machen kann.“
Sie begann, ihm verschiedene Möglichkeiten zu erklären.
Anfangs saß Hugo noch angespannt vor ihr. Er stellte Fragen, fragte bei Dingen nach, die er nicht verstand, und merkte irgendwann, dass sein Herz nicht mehr ganz so schnell schlug. Solange sie miteinander redeten, verlor die Situation etwas von ihrem Unbekannten.
Nach einigen Minuten kam es ihm beinahe wie ein Beratungsgespräch vor.
Schließlich sagte sie:
„Vielleicht wäre für dich zum Ausprobieren eine Switch-Session sinnvoll.“
„Was heißt das?“
„Du probierst beide Seiten aus. Erst bist du der Passive, danach übernimmst du die dominante Rolle.“
Hugo nickte.
„Eigentlich gar nicht schlecht.“
Die Vorstellung machte ihn wieder nervös. Gleichzeitig reizte sie ihn.
„Für den zweiten Teil brauche ich allerdings eine zweite Frau.“
„Okay.“
„Dann wird es natürlich teurer.“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Das ist egal.“
Sie stand auf.
„Gut. Dann duschst du zuerst.“
Sofort war die Nervosität wieder da.
Bis eben hatten sie nur geredet.
Jetzt begann es wirklich.
Sie führte ihn aus dem Besprechungsraum durch den Korridor zu einem Badezimmer. Der Raum war sauber, aber funktionaler als der Rest. Helle Fliesen bedeckten Boden und Wände. Dusche, Waschbecken, Spiegel. Daneben lagen frische Handtücher und ein Bademantel bereit. In einer Ecke stand ein Wäschekorb.
„Du ziehst dich aus und duschst. Danach nimmst du den Bademantel dort.“
Bei dem Wort ausziehen lief eine unangenehme Spannung durch Hugos Körper. Seine Haut straffte sich, und sein Herz schlug sofort wieder schneller.
„Und wenn ich fertig bin?“
„Dann klingelst du. Ich hole dich ab.“
Sie ließ ihn allein.
Hugo stand einen Moment mitten im Badezimmer und hörte, wie sich ihre Schritte im Korridor entfernten. Die Anspannung ließ nicht nach. Im Gegenteil. Jetzt, wo er allein war, spürte er sein Herz noch deutlicher schlagen.
Er sah auf den Bademantel.
Jetzt konnte er nicht mehr so tun, als wäre er nur neugierig gewesen.
Er zog die Schuhe aus.
Die Fliesen waren kalt unter seinen nackten Füßen.
Er zog sich aus, legte seine Kleidung zusammen und ging unter die Dusche. Das warme Wasser tat gut. Für einige Minuten konnte er einfach darunterstehen und nichts tun.
Als er fertig war, nahm er eines der frischen Handtücher.
Während er sich abtrocknete, fiel sein Blick auf den Wäschekorb.
Darin lagen benutzte Handtücher.
Hugo hielt inne.
Sofort war die Ruhe vorbei.
Wer hatte die benutzt?
Was war daran?
Schweiß?
Speichel?
Sperma?
Andere Körperflüssigkeiten?
Ein unangenehmer Schauer lief über seine noch feuchte Haut. Unwillkürlich hielt er das frische Handtuch dichter an sich und trat einen halben Schritt vom Wäschekorb zurück.
Ausgerechnet deshalb war er hier. Weil er Angst vor einer Infektion hatte.
Und plötzlich stand er nackt und barfuß in einem Badezimmer, das jeden Tag von Männern benutzt wurde, von denen er nichts wusste.
Sein Atem wurde flacher. Auf einmal wollte er nichts mehr berühren.
Er wartete.
Fünf Minuten.
Zehn Minuten.
Vielleicht waren es inzwischen sogar fünfzehn. Hugo wusste es nicht. Ohne Uhr und ohne irgendetwas, das ihn ablenkte, verlor er jedes Gefühl dafür.
Es kam ihm jedenfalls endlos vor.
Obwohl der Raum geheizt war, begann er zu frieren. Er zog den Bademantel enger um sich und rieb mit den Händen über seine Unterarme.
Sein Blick wanderte immer wieder durch den Raum.
Über die Gegenstände an den Wänden. Die gepolsterte Bank. Den Spiegel. Die dunkleren Ecken.
Was zum Teufel machte man damit?
Dann kam ihm ein anderer Gedanke.
Was, wenn er beobachtet wurde?
Hugo sah zum Spiegel.
War das wirklich nur ein Spiegel?
Plötzlich stellte er sich vor, dass irgendwo hinter einer Wand jemand durch ein kleines Guckloch sah und beobachtete, wie er hier allein im Bademantel saß.
Er wusste, dass der Gedanke wahrscheinlich Unsinn war.
Trotzdem fühlte er sich mit einem Mal noch unwohler.
Er wechselte die Sitzposition, zog den Bademantel wieder enger und sah zur Tür.
Wie lange dauert das denn noch?
Die zehn oder fünfzehn Minuten fühlten sich inzwischen wie eine halbe Stunde an.
Er sah zur Tür.
Noch immer nichts.
Seine Nervosität begann langsam Ärger zu weichen. Er hatte keine Ahnung, wie lange eine solche Vorbereitung normalerweise dauerte. Aber seine Zeit lief doch vermutlich bereits.
Klasse.
Er sah wieder zur Tür.
Jetzt werde ich auch noch um die Zeit beschissen.
Endlich hörte er etwas.
Die Tür öffnete sich.
Die Domina kam herein.
Hinter ihr erschien eine zweite Frau.
Nackt.
An einer Leine.
Hugo richtete sich auf seinem Sitz automatisch auf. Sein Herz schlug wieder schneller. Für zwei, vielleicht drei Sekunden reagierte sein Körper auf den Anblick der nackten Frau.
Dann war es vorbei.
Die Domina führte sie in den Raum und sah zu Hugo.
„Steh auf und komm her.“
Hugo erhob sich. Der Bademantel fühlte sich plötzlich viel zu dünn an. Er zog ihn unwillkürlich vorne etwas enger zusammen und ging zu den beiden.
Die Domina wandte sich der Frau zu.
„Runter.“
Die Frau kniete sich hin.
„Was sagst du?“
„Ja, Mistress.“
Hugo stand daneben und beobachtete sie.
Die Domina gab eine weitere Anweisung.
„Ja, Mistress.“
Sie korrigierte die Haltung der Frau. Dann gab sie ihr einen leichten Schlag auf die Pobacke.
„Ja, Mistress.“
Hugo versuchte, das ernst zu nehmen.
Wirklich.
Er beobachtete die Frau auf dem Boden. Dann die Domina. Dann wieder die Frau.
Irgendetwas störte ihn. Es überzeugte ihn einfach nicht.
Plötzlich musste er an Lena denken. An Julia. An das, was er inzwischen über Frauen und ihren Körper gelernt hatte. Wie viel Disziplin nötig war, um eine bestimmte Figur zu bekommen und zu halten. Wie viel Verzicht hinter etwas stecken konnte, das für einen Außenstehenden mühelos aussah.
Das war wirklich.
Hier dagegen sollte ihm Leiden gezeigt werden.
Unterwerfung.
Macht.
Härte.
Aber je länger Hugo danebenstand und zusah, desto deutlicher sah er etwas anderes.
Zwei Frauen bei der Arbeit.
Die eine wurde dafür bezahlt, Befehle zu geben.
Die andere wurde dafür bezahlt, sie zu befolgen.
Der Schlag eben hatte kaum etwas bedeutet. Die Antworten kamen an den richtigen Stellen. Die Positionen wechselten auf Kommando.
Es war eine Vorstellung.
Hugo musste wieder grinsen.
Diesmal sah die Domina ihn sofort an.
Er hob entschuldigend die Hände.
„Tut mir leid.“
Sie musterte ihn einen Moment.
„Sollen wir es noch einmal versuchen?“
Hugo sah zu der Frau auf dem Boden und dann wieder zur Domina.
Er wartete einen Moment, als müsste er die Antwort selbst erst prüfen.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein. Ich glaube, das bringt nichts.“
„Sicher?“
„Ja.“
Die Domina nickte.
„Okay. Dann ziehen wir hier einen Schlussstrich. Geh und zieh dich an. Danach kommst du noch einmal zu mir in den Besprechungsraum.“
„Gut.“
Hugo zog den Bademantel enger und ging zurück Richtung Badezimmer.
Wieder dieser Korridor.
Wieder war er barfuß.
Diesmal sah er bewusst nach unten.
Und sofort begann sein Kopf wieder.
Wer war hier vor ihm entlanggelaufen? Was war auf diesen Boden gekommen? Schweiß? Speichel? Sperma? Irgendeine andere Körperflüssigkeit?
Vielleicht war alles gründlich gereinigt worden.
Vielleicht.
Dieses verdammte Wort schon wieder.
Eine unangenehme Gänsehaut zog über seine Beine. Er zog unwillkürlich die Zehen zusammen und ging schneller.
Er wusste, dass sein Kopf inzwischen jedes Risiko vergrößerte.
Aber er konnte es nicht abschalten.
Verdammte Scheiße. Genau davor wollte ich doch weg.
Im Badezimmer schloss er sofort die Tür.
Für einen Moment blieb er mit dem Rücken davor stehen. Sein Herz schlug wieder schneller, diesmal nicht vor sexueller Erwartung.
Er wollte sauber sein.
Er wollte seine Kleidung anhaben.
Er wollte hier raus.
Hugo zog den Bademantel aus und stellte sich noch einmal unter die Dusche.
Das warme Wasser lief über seinen Körper. Trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl. Er wusch sich gründlicher, als es eigentlich nötig gewesen wäre.
Dann trocknete er sich ab.
Sein Blick fiel wieder auf den Wäschekorb.
Noch mehr benutzte Handtücher.
Er sah sofort weg.
Hugo zog sich hastig an. Unterwäsche. Socken. Hose. Hemd. Schuhe.
Erst als seine Füße wieder in den Schuhen steckten und er vollständig angezogen war, ließ die Anspannung etwas nach.
Dann ging er zurück in den Besprechungsraum.
Die Domina saß wieder auf dem großen Stuhl.
Hugo setzte sich ihr gegenüber.
Sie sah ihn kurz an.
„Also?“
Hugo schüttelte den Kopf.
„Nichts für mich.“
„Nein“, sagte sie. „Das habe ich gemerkt.“
Hugo grinste.
„War wohl ziemlich offensichtlich.“
„Spätestens als du angefangen hast zu lachen.“
„Tut mir leid.“
Sie winkte ab.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Manche wissen beim ersten Mal sofort, dass es ihnen gefällt. Andere merken genauso schnell, dass es nichts für sie ist.“
Hugo nickte.
„Dann gehöre ich wohl zur zweiten Gruppe.“
„Sieht so aus.“
„Zumindest weiß ich es jetzt.“
„Genau.“
Hugo stand auf.
Diesmal war er froh, seine eigenen Sachen wieder anzuhaben.
Er verabschiedete sich und verließ das Studio.
Draußen blieb er stehen und atmete die kühle Luft ein.
Zumindest wusste er jetzt, dass diese ganze Welt nichts für ihn war. Dominanz, Unterwerfung, die Rollen, die Inszenierung – sobald er gesehen hatte, wie es funktionierte, war jede Spannung verschwunden.
Nur war er deshalb nicht hergekommen.
Er hatte eine Lösung gesucht.
Und die hatte er nicht gefunden.
Die Angst vor AIDS war noch da.
Sein Verlangen nach Frauen ebenfalls.
Hugo steckte die Hände in die Manteltaschen und ging los.
Genau das war das Problem.
Er konnte sich vor Körperflüssigkeiten ekeln, vor einem Wäschekorb zurückschrecken und auf Fliesen plötzlich Sperma sehen, das vermutlich überhaupt nicht dort war.
Und trotzdem würde er morgen wieder einer schönen Frau hinterhersehen.
Daran hatte dieser Abend nichts geändert.
In den Wochen danach fiel Hugo wieder in seinen alten Rhythmus.
Seit Cannes hatte er sich mehr als einmal vorgenommen, nicht mehr in diese Bars zu gehen. Der Vorsatz hielt nie lange.
Schon auf dem Weg dorthin wusste er, weshalb er ging. Er konnte sich einreden, er wolle einen Whisky trinken, nicht allein in seiner Wohnung sitzen oder einfach unter Menschen sein.
Aber das war Blödsinn.
Er wusste, welche Frauen dort saßen. Und er wusste, dass einige von ihnen nicht zufällig allein an der Bar warteten.
Die Angst begleitete ihn trotzdem. Manchmal lag er nachts wach und fragte sich, ob in seinem Körper längst etwas begonnen hatte, von dem er noch nichts sehen konnte.
Und dann saß er am nächsten Abend wieder in einer Hotelbar und sah Frauen an.
Dieser Widerspruch machte ihn beinahe wahnsinnig.
An diesem Abend bemerkte er sie fast sofort.
Sie saß einige Plätze weiter am Tresen, allein, vor sich ein Glas Weißwein. Mitte zwanzig vielleicht. Langes, dunkelblondes Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Sie war schlank, hatte eine schmale Taille und ein schönes Gesicht, in dem etwas Kühles lag. Nicht traurig, nicht abweisend. Eher dieser schwer zu bestimmende Ausdruck einer Frau, die sich ihrer Wirkung bewusst war und keinen besonderen Grund sah, irgendjemandem entgegenzukommen.
Genau das reizte Hugo.
Sie entsprach seinem Beuteschema ausreichend, dass sein Blick immer wieder zu ihr zurückkehrte: lange Haare, schlanke Figur, ein hübsches Gesicht und diese gewisse Distanz, die ihn neugierig machte.
Er sah weg.
Geh nach Hause.
Der Gedanke war vollkommen klar.
Er blieb sitzen.
Einige Minuten später sah sie zu ihm herüber. Hugo erwiderte ihren Blick. Sie hielt ihn einen Moment länger als nötig und wandte sich dann wieder ihrem Glas zu.
Hugo wusste inzwischen, was das bedeutete.
Er nahm sein Glas und ging zu ihr.
Das Gespräch begann belanglos. Ein Getränk, ein paar Sätze über London, eine Bemerkung von ihr über seinen deutschen Akzent. Sie lächelte dabei kaum, und gerade das gefiel ihm. Erst nach einer Weile wurde ihr Gesicht weicher.
Irgendwann war beiden klar, weshalb sie dort saßen.
Dann stand sie auf und nahm ihren Mantel.
In diesem Augenblick änderte sich etwas in Hugo.
Bis eben hatte er mit einer schönen Frau an einer Bar gesessen. Jetzt wusste er, was als Nächstes kommen würde.
Sein Herz schlug schneller.
Die Lust war noch da.
Aber mit ihr kam die Angst zurück.
Hugo hätte noch immer gehen können.
Allein.
Stattdessen legte er ihr beim Verlassen der Bar kurz die Hand an die Hüfte und ließ sie vor sich durch die Tür gehen. Sie drehte den Kopf ein wenig zu ihm und lächelte.
Draußen warteten die typischen schwarzen Londoner Taxis.
Hugo öffnete ihr die hintere Tür.
Als sie einstieg, legte er seine Hand wieder an ihre Hüfte, diesmal etwas tiefer. Seine Finger glitten für einen kurzen Moment über ihren Po. Sie hielt inne, sah über die Schulter zu ihm zurück und lächelte.
Keine Empörung. Keine Überraschung.
Nur dieses kleine Lächeln.
Und sofort war der Trieb wieder stärker.
Hugo stieg nach ihr ein.
Während der Fahrt saßen sie dicht nebeneinander. Ihr Oberschenkel berührte seinen. Er legte eine Hand auf ihr Knie, und als sie nicht zurückwich, strich er langsam ein Stück darüber. Sie sah ihn an.
Für einige Sekunden war alles leicht.
Dann kam Cannes.
Wie ein verdammter Schalter.
Hugo zog seine Hand nicht weg, aber plötzlich dachte er wieder daran, weshalb er eigentlich keine Frau mehr mitnehmen wollte.
Was machst du hier?
Er sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter Londons.
Er hätte dem Fahrer sagen können, er solle anhalten. Er hätte ihr das Geld geben und sie nach Hause fahren lassen können.
Tat er aber nicht.
Wenig später standen sie vor dem Belvedere Court.
Hugo bezahlte das Taxi, stieg zuerst aus und hielt ihr die Tür auf. Als sie an ihm vorbeiging, legte er ihr erneut die Hand an die Hüfte. Sie rückte dabei beinahe selbstverständlich etwas näher an ihn.
Das gefiel ihm.
Natürlich gefiel es ihm.
Genau das war das Problem.
Oben öffnete Hugo die Wohnungstür und ließ sie zuerst eintreten.
Sie blieb im Eingangsbereich stehen und sah sich um. Von dort öffnete sich der große Wohnraum mit seiner gerundeten Fensterfront. Die beiden langen Sofas standen sich gegenüber, dazwischen der niedrige Tisch. An der linken Wand befand sich der Kamin.
„Schön“, sagte sie.
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
Sie ging einige Schritte in den Wohnraum hinein und sah sich weiter um.
Hugo betrachtete sie.
Jetzt war sie tatsächlich hier.
In seiner Wohnung.
Plötzlich schlug sein Herz wieder schneller.
In der Bar und im Taxi hatte er noch so tun können, als ginge es nur um Flirten, Berührungen, dieses vertraute Spiel. Hier funktionierte das nicht mehr.
Er wusste, weshalb sie mitgekommen war.
Und sie wusste es auch.
Hugo ging zum Kamin und machte Feuer. Während die ersten Flammen das Holz erfassten, hörte er sie hinter sich durch den Raum gehen.
Er richtete sich wieder auf.
Für einen Moment blieb er vor dem Kamin stehen.
Die Lust war noch da.
Die Angst auch.
Und diesmal musste er sich entscheiden, welche von beiden gewann.
„Komm.“
Er führte sie durch den schmaleren Flur in den hinteren Teil der Wohnung. Dort lagen Küche, Toilette und Bad.
Vor dem Badezimmer blieb Hugo stehen und öffnete ihr die Tür.
„Ich möchte, dass du vorher duschst.“
Sie sah ihn kurz an.
„Okay.“
Keine Diskussion.
Sie ging hinein und schloss die Tür.
Hugo blieb noch einen Moment im Flur stehen.
Selbst jetzt.
Es war eigentlich vollkommen absurd.
Er hatte Todesangst, möglicherweise selbst infiziert zu sein, und trotzdem war sein alter Ekel keinen Millimeter kleiner geworden. Die Vorstellung, dass sie an diesem Abend vielleicht bereits bei einem anderen Mann gewesen war, störte ihn. Fremder Schweiß. Fremde Gerüche. Die Vorstellung, dass irgendetwas von einem anderen Mann auf ihrer Haut zurückgeblieben sein könnte.
Cannes hatte daran nichts geändert.
Die Todesangst war einfach noch dazugekommen.
Hugo ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf eines der Sofas. Das Feuer hatte inzwischen richtig gefangen.
Aus dem hinteren Teil der Wohnung hörte er das Wasser rauschen.
Er sah in die Flammen.
Vielleicht habe ich AIDS.
Der Gedanke war einfach da.
Nicht: Vielleicht habe ich mich angesteckt.
Sein Kopf machte diesen Umweg längst nicht mehr. Er sprang direkt bis zum Ende.
Cannes.
AIDS.
Abgemagerte Körper.
Eingefallene Gesichter.
Menschen, denen man die Krankheit ansah.
Hugo hob die Hand und strich sich über die Wange. Dann über den Kiefer.
Noch fühlte sich alles an wie immer.
Noch sah er gut aus.
Er hasste dieses noch.
Dieses verdammte noch.
Noch war er einundzwanzig. Noch sah eine Frau ihn an und sah einen jungen, gut aussehenden Mann. Noch konnte er in einer Hotelbar sitzen und erleben, dass eine attraktive Frau seinen Blick erwiderte.
Aber wie lange noch?
Das Wasser verstummte.
Wenig später kam sie zurück.
Ihre langen Haare waren noch feucht und fielen jetzt schwerer über ihre Schultern. Sie ging durch den Wohnraum auf ihn zu. Im Licht des Kamins wirkte ihr Gesicht weniger kühl als zuvor in der Bar.
Hugo sah sie an.
Und für einige Sekunden dachte er an überhaupt nichts.
Sie setzte sich zu ihm.
Hugo nahm einen ihrer Füße auf seinen Schoß und begann ihn langsam zu massieren. Dann den anderen. Seine Hände wanderten über ihre Beine, ihre Arme, ihre Schultern und ihren Hals.
Er ließ sich Zeit.
Viel Zeit.
Er beobachtete sie dabei genau. Wie sich ihre Haltung veränderte. Wie ihre Atmung tiefer wurde. Wie sie irgendwann die Augen schloss und sich seinen Berührungen überließ.
Wenn seine Hände über ihren Oberkörper glitten, beobachtete er die kleinen körperlichen Reaktionen, das schnellere Heben ihrer Brust und wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten.
Es gefiel ihm.
Sehr sogar.
Und genau in einem solchen Augenblick war plötzlich wieder die Angst da.
Cannes.
Nur dieses eine Wort.
Sofort dachte er wieder daran, dass nicht nur sie eine mögliche Gefahr für ihn sein konnte. Vielleicht war inzwischen auch er eine Gefahr für sie.
Dann sah er ihr Gesicht.
Ihre geschlossenen Augen.
Ihre feuchten Haare.
Und dachte:
Noch kann ich das.
Vielleicht nahm er sich gerade deshalb inzwischen so viel Zeit.
Er wollte nicht, dass diese Stunden schnell vorbeigingen.
Er wollte die Nähe einer Frau auskosten, ihre Wärme spüren, ihre Haut unter seinen Händen und ihren Atem hören. Er wollte erleben, wie sie auf ihn reagierte.
Und immer wieder kehrten seine Hände zu ihrem Bauch zurück.
Das war nicht erst seit Cannes so. Schon früher hatte Hugo entdeckt, wie ungewöhnlich stark ihn ein schöner Frauenbauch anzog. Jetzt bekam diese Vorliebe für ihn jedoch eine zusätzliche Bedeutung.
Der Bauch fühlte sich sicher an.
Keine Schleimhaut. Nichts von dem, was in seinem Kopf inzwischen sofort mit AIDS, Herpes, Chlamydien oder irgendeiner anderen Infektion verbunden war. Hier konnte er einfach berühren.
Er legte seine Hand flach auf ihren Bauch und ließ sie langsam über die warme Haut gleiten. Dabei beobachtete er, wie sich die Bauchdecke mit jedem Atemzug hob und wieder senkte.
Dann küsste er sie dort.
Einmal.
Noch einmal.
Er strich wieder darüber.
Sie reagierte auf seine Berührungen, und Hugo beobachtete aufmerksam, wie sich ihr Atem veränderte und ihr Körper sich ihm entgegenbewegte.
Der Bauch wurde für ihn immer stärker zu etwas Reinem. Zu einem Teil einer Frau, den er bewundern konnte, ohne dass die Angst jede Berührung zerstörte. Er konnte ihn ansehen, streicheln, küssen und dabei für einige Minuten vergessen, was möglicherweise in seinem eigenen Körper vorging.
Doch vollkommen gelang ihm das nie.
Vielleicht bin ich infiziert.
Dann wieder ihre warme Haut unter seiner Hand.
Noch sehe ich gut aus.
Ihr Atem.
Vielleicht sieht man es mir irgendwann an.
Dann ihr Körper, der auf seine Berührungen reagierte.
Genau dieser Wechsel machte ihn beinahe verrückt: Angst, Ekel, Trieb und Nähe. Und dazwischen immer wieder dieser eine Gedanke:
Noch.
Noch lag eine schöne Frau bei ihm und sah keinen Kranken. Noch begehrte er sie, und noch konnte er erleben, dass sie seine Nähe genoss.
Deshalb wollte Hugo, dass auch sie etwas davon hatte. Er nahm sich Zeit mit ihr, achtete auf ihre Reaktionen und wollte spüren, dass sie sich fallen ließ. Solange er sich ganz auf sie konzentrierte, musste er weniger darüber nachdenken, was morgen sein könnte.
Mit der Zeit gelang ihm das immer besser. Die Distanz zwischen ihnen verschwand, und irgendwann musste er nicht mehr darüber nachdenken, was als Nächstes geschah.
Als sie schließlich miteinander schliefen, benutzte Hugo ein Kondom.
Für eine Weile beherrschten ihn seine Gedanken nicht mehr.
Danach schickte er sie nicht sofort fort. Sie blieb bei ihm, während das Feuer im Kamin langsam kleiner wurde. Die anfängliche Spannung zwischen ihnen war einer stillen Vertrautheit gewichen.
Hugo lag neben ihr und sah sie an.
Für einige Minuten war es ruhig in seinem Kopf.
Fast friedlich.
Bis er sich wieder fragte, warum er überhaupt in diese verdammte Hotelbar gegangen war.
Warum konnte er nicht einfach aufhören?
Am nächsten Morgen würde er sich erneut schwören, keine Frau mehr mitzunehmen. Manchmal hielt dieser Vorsatz einige Tage.
Dann saß er wieder in einer Hotelbar.
Gelegentlich hoffte er sogar, dort eine Frau wiederzusehen, die er bereits kannte. Nicht nur, weil sie ihm gefallen hatte. Eine bekannte Escort machte ihm inzwischen weniger Angst als eine völlig Fremde. Er kannte ihren Körper, ihre Art, ihren Geruch nach dem Duschen. Er wusste, was ihn erwartete.
Es war seine eigene absurde Rechnung gegen die Angst.
Und jedes Mal glaubte er vorher, diesmal werde die Vernunft gewinnen.
Bis er wieder eine Frau sah, die seinem Beuteschema entsprach.
Dann begann alles von vorn.
So vergingen die Monate. Bis schließlich der Tag gekommen war, vor dem Hugo sich die ganze Zeit gefürchtet und den er gleichzeitig herbeigesehnt hatte. Sechs Monate waren vorbei.
Heute würde er Gewissheit bekommen.
Sein Blick fiel auf die Uhr.
Das Lächeln verschwand.
Er musste los.
Für einen Moment blieb Hugo einfach sitzen.
Sechs Monate.
Er hatte sich diesen Tag so oft vorgestellt, dass er manchmal geglaubt hatte, er würde erleichtert sein, wenn er endlich da war.
Jetzt war er da.
Und Hugo wollte nicht hin.
Er nahm sein Jackett vom Stuhl und verließ das Büro. Im Aufzug sah er auf seine Hände. Sie lagen ruhig an seinen Seiten. Zu ruhig, wie er fand, als gehörten sie nicht ganz zu ihm.
Im Wagen nannte er dem Fahrer die Adresse und lehnte sich zurück.
London zog hinter der Scheibe vorbei.
Je näher sie der Praxis kamen, desto stärker spürte Hugo seinen Herzschlag. Er versuchte, sich auf die Straßen zu konzentrieren, auf Ampeln, Häuser, Menschen auf den Gehwegen. Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu demselben Punkt zurück.
Heute würde er erfahren, ob die letzten sechs Monate nur Angst gewesen waren.
Oder ob sie der Anfang von etwas anderem waren.
An einer Kreuzung mussten sie halten.
Auf dem Gehweg wartete eine Familie. Ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Das kleinere saß auf den Schultern des Vaters und hielt sich mit beiden Händen an dessen Kopf fest. Die Mutter sagte etwas zu dem anderen Kind und lachte.
Hugo sah sie an.
Sie warteten einfach darauf, über die Straße zu gehen.
Mehr nicht.
Der Vater griff nach der Hand seiner Frau. Die Ampel sprang um. Die Familie setzte sich in Bewegung, das kleinere Kind hüpfte auf den Schultern des Vaters, und Hugo sah ihnen nach, bis der Wagen wieder anfuhr.
Was, wenn?
Der Gedanke war sofort da.
Was, wenn der Arzt gleich etwas anderes sagt?
Hugo senkte den Blick auf seine Hände.
Im Aufzug waren sie noch vollkommen ruhig gewesen.
Jetzt zitterten seine Finger.
Der Wagen fuhr weiter.
Seine Handflächen waren feucht. Er strich sie seitlich an den Oberschenkeln trocken.
Nach wenigen Sekunden waren sie wieder feucht. Unter seinem Hemd spürte er den Schweiß, während seine Finger gleichzeitig kalt waren. Er schluckte, doch sein Mund fühlte sich trocken an.
Scheiße.
Sechs Monate hatte er weitergearbeitet. Er war morgens aufgestanden, zur Bank gefahren, hatte Analysen geschrieben, Kunden getroffen, Geld investiert, mit Claire gestritten und mit Edward über Unternehmen gesprochen. Er hatte gegessen, geschlafen, telefoniert.
Und immer war irgendwo diese verdammte Zahl gewesen.
Sechs Monate.
Mal tagelang weit hinten, verdrängt von Terminen und Zahlen. Dann plötzlich wieder da, mitten in der Nacht, wenn es sonst still war.
Heute gab es kein Hinten mehr.
Heute gab es nur noch das Ergebnis.
Der Wagen bog in die nächste Straße.
Hugo kannte die Strecke.
Noch ein paar Minuten.
Sein Herz schlug inzwischen so heftig, dass er jeden Schlag bis hinauf in den Hals spürte. Sein Atem wurde flacher. Selbst der Kragen seines Hemdes störte ihn plötzlich, und er zog mit einem Finger daran.
Seine Beine waren angespannt. Er versuchte, die Muskeln zu lockern, doch wenige Sekunden später waren sie wieder hart.
Was, wenn sein Leben ab heute nur noch aus vorher und nachher bestand?
Vor dem Ergebnis.
Nach dem Ergebnis.
Er wollte den Gedanken nicht zu Ende denken.
Der Wagen hielt.
„Wir sind da, Sir.“
Hugo sah aus dem Fenster.
Die Praxis. Ein schmales Haus in einer ruhigen Straße, mit einem Schild neben der Tür, das er inzwischen kannte, ohne je darauf geachtet zu haben.
Für einen Moment bewegte er sich nicht.
Er hätte dem Fahrer sagen können, er solle weiterfahren. Nur noch einmal um den Block. Zehn Minuten. Fünf. Irgendetwas.
Aber das Ergebnis würde dadurch nicht anders.
Hugo bezahlte, stieg aus und blieb auf dem Gehweg stehen.
Sein Mund war trocken. Die Luft roch nach Regen, der nicht gefallen war.
Er sah zum Eingang.
Geh rein.
Er ging hinein.
„Herr Voss.“
Die Frau am Empfang sah kurz auf. „Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz.“
Noch einen Moment.
Hugo setzte sich.
Auf dem Tisch lagen Zeitschriften. Er nahm keine. An der Wand hing eine Uhr. Das Ticken war nicht besonders laut, und trotzdem hörte er plötzlich jeden einzelnen Schlag.
Er sah auf die Uhr.
Dann zur Tür.
Wieder auf die Uhr.
Die Minuten schienen sich kaum zu bewegen.
Irgendwo hinter der Tür hörte er Stimmen. Zu leise, um etwas zu verstehen. Dann Schritte.
Hugo richtete sich unwillkürlich etwas auf.
Die Tür öffnete sich.
Nicht der Arzt.
Eine Frau kam heraus, wechselte ein paar Worte mit der Sprechstundenhilfe und verließ die Praxis.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Wieder Stille.
Hugo lehnte sich zurück und versuchte ruhig zu atmen.
Wie lange dauert das denn?
Er sah erneut auf die Uhr.
Seit er sich hingesetzt hatte, waren gerade einmal drei Minuten vergangen.
Warum dauerte das so lange?
Vielleicht wusste der Arzt längst Bescheid.
Natürlich wusste er Bescheid. Das Ergebnis lag wahrscheinlich bereits in seiner Akte. Vielleicht überlegte er gerade, wie er es Hugo sagen sollte. Vielleicht gab es für so etwas bestimmte Sätze, die man lernte.
Herr Voss, ich fürchte …
Hugo wurde heiß. Die Wärme schoss ihm den Hals hinauf bis ins Gesicht, während sich unter seinem Hemd Schweiß auf der Haut bildete.
Hör auf.
Er versuchte tief einzuatmen, bekam die Luft aber nicht richtig hinunter. Seine Brust fühlte sich eng an. Er schluckte. Sein Mund war trocken, seine Zunge klebte unangenehm am Gaumen.
Verdammt.
Er saß da und fürchtete sich davor, dass eine Tür aufging.
Eine Tür ging auf.
Hugo hob den Kopf.
„Herr Voss.“
Sein Herz schlug so hart gegen seine Brust, dass es beinahe wehtat. Für einen Augenblick schien sein Körper gleichzeitig heiß und eiskalt zu werden.
Er stand auf.
Zu schnell.
Ein kurzer Schwindel erfasste ihn, und er musste einen Moment stehen bleiben, bevor er dem Arzt folgte. Seine Knie fühlten sich weich an. Der Kragen lag plötzlich wieder viel zu eng an seinem Hals, und mit jedem Schritt spürte er seinen Puls bis in die Schläfen.
Der Weg zum Sprechzimmer war nur wenige Meter lang.
Hugo kamen sie endlos vor.
Als er eintrat, setzte der Arzt sich hinter seinen Schreibtisch.
Vor ihm lag die Akte.
Hugos Blick blieb daran hängen.
Darin stand es.
Seit sechs Monaten hatte er auf diesen Moment gewartet.
Jetzt lagen zwischen ihm und der Antwort nur noch ein paar Blätter Papier.
Hugo sah sie sofort. Ein brauner Umschlag. Nichts weiter. Und trotzdem war es, als sähe er durch die Klappe hindurch.
„Setzen Sie sich.“
Er setzte sich.
Der Arzt öffnete die Akte.
Warum sagt er nichts?
Hugo sah auf sein Gesicht.
Nichts.
Er konnte darin nichts erkennen. Keine Regung, die verriet, was auf dem Blatt stand.
Der Arzt blickte darauf.
Dann zu Hugo.
„Nun. Das Ergebnis ist da.“
Hugos Mund war trocken. Er brachte kein Wort heraus.
Der Arzt sah ihn an.
„Negativ.“
Hugo rührte sich nicht.
Das Wort war angekommen. Aber für einen Moment verstand er nicht, was es für ihn bedeutete.
„Was?“
„Der Test ist negativ, Herr Voss.“
Hugo starrte ihn an.
„Sicher?“
„Ja.“
„Also habe ich kein AIDS.“
„Nein.“
Hugo sah ihn weiter an.
„Ganz sicher?“
„Ja, Herr Voss.“
Und plötzlich gab sein Körper nach.
Hugo sackte im Stuhl zurück. Die Luft, die er die ganze Zeit nur flach in die Brust bekommen hatte, strömte mit einem langen Atemzug aus ihm heraus. Seine Schultern sanken. Er schloss die Augen.
Seine Beine zitterten.
Sechs Monate.
Sechs verdammte Monate.
Er öffnete die Augen wieder und sah den Arzt an.
„Negativ.“
Diesmal sagte Hugo das Wort selbst.
Als müsste er hören, wie es aus seinem eigenen Mund klang.
Hugo fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Scheiße.“
Der Arzt sagte nichts.
Hugo ließ die Hände sinken.
Dann lachte er kurz auf. Kein richtiges Lachen. Es kam einfach aus ihm heraus, unkontrolliert und viel zu laut für dieses ruhige Sprechzimmer.
„Entschuldigung.“
„Schon gut.“
Hugo schüttelte den Kopf und sah für einen Moment zur Decke.
Sechs Monate hatte er sich vorgestellt, wie dieser Mann ihm sagte, dass sein Leben vorbei war.
Und jetzt saß er hier.
Negativ.
Er musste wieder lachen.
Diesmal konnte er nichts dagegen tun.
Er sah zur Decke.
Die beiden Frauen.
Der Flug aus Cannes.
Die kleine Verletzung im Mund, die er erst Tage später bemerkt hatte.
Die Nächte, in denen er wach gelegen und geglaubt hatte, sein Leben könnte vorbei sein.
Und jetzt war es vorbei.
Einfach vorbei.
Hugo spürte, wie ihm die Augen feucht wurden, und blinzelte.
Der Arzt schloss die Akte.
„Herr Voss.“
Hugo sah ihn an.
„Jetzt hören Sie mir noch einmal genau zu.“
Hugo richtete sich etwas auf.
Der Arzt legte eine Hand auf die geschlossene Akte.
„Sie hatten Glück. Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht noch einmal sechs Monate hier sitzen und auf so ein Ergebnis warten.“
Hugo schwieg.
„Sie wissen jetzt, was diese Ungewissheit mit einem macht.“
„Ja.“
„Gut. Dann lernen Sie daraus.“
Hugo nickte.
„AIDS ist nichts, womit Sie spielen. Das wissen Sie jetzt.“
„Ja.“
„Also bauen Sie keinen Mist mehr. Reißen Sie sich zusammen. Wenn Sie mit Frauen schlafen, schützen Sie sich. Jedes Mal.“
Hugo nickte.
„Ja.“
„Nicht meistens. Nicht wenn es gerade passt. Jedes Mal.“
„Verstanden.“
Der Arzt hielt seinen Blick noch einen Moment.
„Gut.“
Hugo stand auf.
Draußen auf der Straße blieb er stehen.
Draußen auf der Straße blieb Hugo stehen.
Dieselben Autos. Derselbe Lärm. Menschen gingen an ihm vorbei, als wäre nichts geschehen.
Natürlich war auch nichts geschehen.
Nur für ihn hatte sich gerade alles verändert.
Vor einer halben Stunde hatte er diese Praxis betreten und geglaubt, sein Leben könnte sich innerhalb weniger Minuten in ein Davor und ein Danach teilen.
Jetzt stand er wieder draußen.
Negativ.
Hugo merkte, dass er lächelte.
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging los.
Zum ersten Mal seit sechs Monaten gab es kein Was, wenn.
In der Zeit danach rückten andere Dinge wieder stärker in Hugos Leben. Dazu gehörten auch Svenja und Christina.
Wenn die beiden für einige Tage bei ihm in London waren, veränderte sich die Wohnung.
Normalerweise war die Wohnung für Hugo vor allem der Ort, an den er abends zurückkehrte. Tagsüber kümmerte sich Danuta, seine Haushälterin, darum, dass alles sauber war, die Einkäufe erledigt wurden und seine Wäsche gewaschen war. Seine Hemden hingen gebügelt im Schrank, nichts lag herum, alles hatte seinen Platz.
Wenn Svenja da war, funktionierte das nur noch bedingt.
Spätestens am zweiten Tag stand sie selbst in der Küche.
„Was machst du?“, fragte Hugo, als er nach Hause kam und sie am Herd vorfand.
„Wonach sieht es denn aus?“
Er ging zum Herd und hob einen Deckel an.
„Du kochst.“
„Sehr gut. London hat deinem Verstand also noch nicht vollständig geschadet.“
Dann stieg ihm der Geruch aus dem Topf in die Nase.
„Kassler?“
„Ja.“
„Mit Kartoffeln?“
Svenja sah ihn an. „Nein, Hugo. Mit Sushi.“
Er lachte.
„Scheiße, darauf freue ich mich gerade wirklich.“
Svenja sah ihn einen Moment länger an.
„Du freust dich wirklich.“
„Natürlich.“
„Auf Kassler.“
„Ja.“
Sie musste lachen. „Du wohnst in London und plötzlich freust du dich über Essen wie bei Mama.“
„Mach dich nicht lustig.“
„Ich mache mich gar nicht lustig.“ Sie lächelte. „Ich finde es schön.“
In London konnte Hugo praktisch alles bekommen. Er konnte jeden Abend in einem anderen Restaurant essen, und wenn er irgendetwas zu Hause haben wollte, musste er es Danuta nur sagen. Trotzdem hatte er diese einfachen deutschen Sachen kaum noch gegessen. Kassler mit Kartoffeln, Eintöpfe, Frikadellen – Essen, das früher so selbstverständlich gewesen war, dass er nie darüber nachgedacht hatte.
Jetzt genügte der Geruch, und plötzlich war da etwas Vertrautes. Nichts Besonderes, nichts Teures, nichts, wofür man in London einen Tisch reservieren musste. Einfach etwas, das er seit seiner Kindheit kannte.
„Wann ist es fertig?“
Svenja sah auf die Uhr.
„Zwanzig Minuten.“
„So lange?“
Sie grinste.
„Wenn ich gewusst hätte, dass man dich mit Kassler so glücklich machen kann, hätte ich schon früher gekocht.“
Hugo setzte sich an den Küchentisch.
„Das hättest du tatsächlich.“
Svenja schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder dem Herd zu.
Hugo sah ihr einen Moment zu.
Er hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet der Geruch von Kassler und Kartoffeln ihm einmal das Gefühl geben würde, etwas aus Deutschland vermisst zu haben.
Nicht irgendein besonderes Essen. Sondern etwas, das schmeckte wie früher.
„Das kannst du ruhig öfter machen.“
Svenja sah ihn an. „Ach, plötzlich.“
„Ich habe nicht gesagt, dass du gut kochst.“
Sie hielt ihm den Kochlöffel entgegen. „Dann kannst du ja wieder gehen.“
„Nein, nein. So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“
Svenja verdrehte die Augen.
Es blieb allerdings nicht beim Kochen. Wenn Svenja ein paar Tage bei ihm war, begann sie ganz selbstverständlich, sich in Dinge einzumischen, um die sich sonst Danuta kümmerte.
Einmal kam Hugo ins Schlafzimmer und fand sie mit einem seiner Hemden in der Hand.
„Was machst du denn da?“
„Was wohl?“
„Svenja, dafür habe ich eine Haushälterin.“
„Und?“
„Die wird dafür bezahlt.“
„Dann hat sie morgen weniger zu tun.“
Hugo wollte widersprechen. Er öffnete den Mund, sah ihre Miene und ließ es schließlich.
Mit Svenja zu diskutieren, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war meistens anstrengender, als sie einfach machen zu lassen.
Es war eigentlich verrückt. Er verdiente inzwischen genug Geld, um sich über solche Dinge überhaupt keine Gedanken mehr machen zu müssen, und seine Schwester stand trotzdem da und bügelte ihm ein Hemd, weil es für sie vollkommen selbstverständlich war.
Vielleicht gefiel es ihm gerade deshalb.
Mit Christina kam noch etwas ganz anderes in seine Wohnung.
Ein kleines Kind verwandelte sie innerhalb weniger Stunden in etwas, das Hugo kaum wiedererkannte.
Spielzeug lag auf dem Teppich und zwischen den Sofas. Im Flur standen winzige Schuhe. Auf einem Beistelltisch tauchte ein Kinderbecher auf. Irgendwo lag eine Jacke, wo keine Jacke hingehörte. Die Haushälterin konnte morgens alles perfekt aufräumen, und am Nachmittag sah es aus, als wäre sie nie dagewesen.
Eines Abends trat Hugo mitten im Wohnzimmer auf ein Spielzeug.
Der Schmerz schoss ihm in die Fußsohle.
„Scheiße!“
Er hob das Ding auf und sah es an.
Warum zum Teufel liegt das mitten im Weg?
Für einen Moment ärgerte er sich richtig. Es war seine Wohnung. Er arbeitete den ganzen Tag, kam abends nach Hause und wollte verdammt noch mal nicht erst einen Hindernislauf durch Kinderspielzeug machen.
Svenja kam aus der Küche.
„Was ist?“
Hugo hielt das Spielzeug hoch.
„Warum liegt das hier?“
„Weil Christina damit gespielt hat.“
„Mitten im Weg?“
„Sie ist ein kleines Kind, Hugo.“
Er wollte gerade etwas erwidern, als Christina um die Ecke kam und zu ihm hochsah.
Der Ärger war nicht sofort weg.
Aber er wurde unwichtig.
Na schön.
Er legte das Spielzeug an die Seite.
Dann liegt hier eben ein paar Tage Spielzeug herum.
Er musste es nicht mögen.
Und merkwürdigerweise stellte er irgendwann fest, dass ihn das Chaos tatsächlich immer weniger störte. Manchmal saß er auf dem Sofa, sah irgendein Spielzeug auf seinem Teppich und dachte noch immer, dass es dort vollkommen bescheuert aussah.
Aber wenn es dort lag, waren Svenja und Christina da.
Und wenn die beiden wieder abgereist waren, war die Wohnung plötzlich erstaunlich ordentlich.
Bei einem ihrer Besuche fuhr Hugo mit ihnen zu Harrods.
Hugo trug Christina einen Teil der Zeit auf dem Arm. Irgendwann wollte sie herunter, wenige Minuten später wieder hoch. Dann zeigte sie auf etwas, das sie unbedingt haben wollte, und dreißig Sekunden später hatte sie es bereits vergessen.
„Du bist ganz schön anstrengend“, sagte Hugo zu ihr.
Christina lachte.
„Ja, lach du nur.“
Svenja grinste. „Du wolltest sie doch tragen.“
„Das war vor einer halben Stunde.“
Trotzdem behielt er sie auf dem Arm.
Bei Louis Vuitton bemerkte Hugo, dass Svenja vor einer Tasche stehen blieb.
Nur für einen Moment.
Sie nahm sie nicht einmal in die Hand. Sie sah sie sich an, entdeckte den Preis und ging weiter.
Hugo blieb stehen.
Er kannte diesen Blick.
„Die gefällt dir.“
„Welche?“
„Die Tasche.“
„Ja, die ist schön.“
„Dann probier sie doch mal.“
„Hugo, nein.“
„Was heißt nein? Probier sie an.“
„Hast du gesehen, was die kostet?“
„Ja.“
„Dann weißt du doch, warum.“
Hugo ging zurück, nahm die Tasche und hielt sie ihr hin.
„Du sollst sie nicht kaufen. Du sollst sie ausprobieren.“
Svenja sah ihn misstrauisch an.
„Bei dir bedeutet das wahrscheinlich dasselbe.“
„Quatsch. Jetzt mach schon.“
Schließlich nahm sie die Tasche und hängte sie sich über die Schulter.
Hugo trat einen Schritt zurück und betrachtete sie.
„Lauf doch mal ein kleines Stück.“
„Was?“
„Lauf mal.“
„Du hast doch einen Knall.“
„Jetzt lauf.“
Svenja schüttelte lachend den Kopf, ging aber tatsächlich ein paar Schritte.
Hugo sah ihr hinterher.
Nicht nur auf die Tasche. Auf Svenja. Wie sie an ihrer Schulter hing, wie sie sich damit bewegte und ob sie zu ihr passte.
Sie passte.
„Boah, steht die dir gut.“
„Hör auf.“
„Nein, wirklich. Stell dich mal vor den Spiegel.“
„Hugo.“
„Jetzt guck doch mal.“
Sie stellte sich vor den Spiegel.
Und plötzlich machte Hugo die Sache fast mehr Spaß als ihr.
Svenja drehte sich ein wenig zur Seite. Dann zur anderen. Sie strich mit der Hand über die Tasche und betrachtete sich noch einmal.
Hugo musste lächeln.
Er sah genau, dass sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Die gefällt ihr richtig.
Und in diesem Moment wusste er, dass er sie ihr kaufen würde.
Nicht, weil ihm tausend Pfund egal waren. Das waren sie nicht.
Aber er konnte es sich leisten.
Und plötzlich empfand er einen beinahe kindlichen Stolz darüber.
Ich kann meiner Schwester so etwas einfach schenken.
Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Tasche für sie beide vollkommen absurd gewesen. Jetzt stand Svenja vor ihm, und er sah genau, wie gut ihr die Tasche gefiel. Trotzdem wollte sie sie nicht kaufen, weil sie ihr viel zu teuer war.
„Die ist schon schön“, sagte Svenja.
„Sag ich doch.“
Sie nahm sie wieder von der Schulter.
„Aber vollkommen bescheuert teuer.“
„Warum?“
„Weil das eine Handtasche ist.“
„Und?“
„Dafür gebe ich doch keine tausend Pfund aus.“
„Musst du ja auch nicht.“
Svenja sah ihn sofort an.
„Nein.“
„Was nein?“
„Du kaufst mir die nicht.“
Hugo grinste.
„Doch.“
„Hugo.“
„Die steht dir gut.“
„Darum geht es nicht.“
Für Hugo ging es genau darum.
Er sah noch einmal die Tasche an, dann seine Schwester.
Warum eigentlich nicht?
Er nahm ihr die Tasche aus der Hand und gab sie der Verkäuferin.
„Wir nehmen die.“
„Hugo!“
Christina erschrak über Svenjas plötzlich lautere Stimme.
Hugo sah auf die Kleine.
„Siehst du? Jetzt hast du Christina erschreckt.“
Svenja musste lachen.
„Du bist unmöglich.“
„Kann sein.“
Sie sah zur Tasche, dann wieder zu ihm.
„Das ist vollkommen verrückt.“
Hugo grinste.
„Aber sie gefällt dir.“
Svenja versuchte noch einen Moment, ernst zu bleiben.
„Ja.“
Mehr brauchte er nicht.
Jetzt freute er sich darauf, ihr Gesicht zu sehen, wenn die Verkäuferin ihr gleich die Tasche überreichte.
Das machte ihm mehr Freude als alles, was er sich an diesem Tag selbst hätte kaufen können.
Nach dem Einkauf gingen sie bei Harrods noch Kaffee trinken. Svenja stellte die neue Tasche neben sich, Hugo bestellte Kaffee, und dazu nahmen sie Himbeertörtchen.
Christina interessierte sich augenblicklich mehr für die Törtchen als für alles, was sie zuvor im Kaufhaus gesehen hatte.
Noch bevor Hugo reagieren konnte, steckte sie einen Finger mitten in die Himbeercreme seines Törtchens.
Hugo sah auf den Finger.
Dann auf sein Törtchen.
Na wunderbar.
Svenja brauchte nichts weiter zu fragen. Sie kannte ihren Bruder.
„Du isst das jetzt nicht mehr, oder?“
Hugo verzog das Gesicht.
„Die ist gerade noch überall herumgelaufen und hat alles angefasst.“
„Meine Güte.“
Svenja schob ihm ihr eigenes Törtchen hin und nahm seines.
„Hier. Tausch.“
Von ihrem fehlte bereits ein Stück.
Hugo zog den Teller zu sich und aß weiter. Dass Svenja bereits davon gegessen hatte, kam ihm nicht einmal in den Sinn.
Svenja beobachtete ihn.
„Interessant. Bei mir ist es also egal.“
„Du krabbelst auch nicht auf dem Fußboden herum und fasst anschließend mein Essen an.“
„Noch nicht.“
Hugo musste lachen.
Später saßen sie im schwarzen Taxi zurück zur Wohnung. Christina war müde geworden und schließlich an Hugo eingeschlafen. Er hielt sie mit einem Arm fest und achtete darauf, dass ihr Kopf bei den Bewegungen des Wagens nicht immer wieder zur Seite fiel.
Svenja saß neben ihm. Die neue Tasche lag auf ihrem Schoß.
Ab und zu strich sie beinahe unbewusst mit der Hand darüber.
Hugo bemerkte es jedes Mal.
Und jedes Mal freute es ihn ein bisschen.
„Du hättest das wirklich nicht machen müssen“, sagte sie irgendwann.
„Ich weiß.“
„Warum machst du es dann?“
Hugo sah sie an.
„Weil ich dir gerne was schenke.“
Svenja lächelte und strich noch einmal über die Tasche.
Hugo sah zu Christina hinunter. Sie schlief vollkommen selbstverständlich an ihn gelehnt, während er sie festhielt.
Mehr brauchte es eigentlich nicht.
Als Svenja einige Tage später mit Christina wieder abreiste, brachte Danuta die Wohnung zurück in ihren alten Zustand.
Das Spielzeug verschwand. Die kleinen Schuhe standen nicht mehr im Flur. Auf den Tischen lagen keine Kindersachen mehr. Seine Wohnung war wieder sauber, ordentlich und ruhig.
Hugo setzte sich am ersten Abend allein auf eines der Sofas und sah sich um.
Endlich wieder Ordnung.
Genau das hatte er die letzten Tage immer wieder gewollt.
Kein Spielzeug, auf das er treten konnte. Kein Kinderbecher auf irgendeinem Tisch. Keine kleinen Schuhe mitten im Flur.
Alles war wieder an seinem Platz.
Dann fiel sein Blick auf die Stelle auf dem Teppich, an der noch am Morgen Christinas Spielzeug gelegen hatte.
Er sah einen Moment länger hin.
Die Wohnung war wieder genauso, wie er sie haben wollte.
Und ausgerechnet jetzt fehlte ihm das verdammte Spielzeug.
Der Alltag in der Bank hatte ihn schnell wieder, und im Mai 1997 stand bereits die siebte gemeinsame Reise an. Diesmal sollte Edward einem Kunden in Monaco eine Short-Idee vorstellen, die im Wesentlichen auf Hugos Analyse beruhte. Monaco allerdings kannte Hugo noch nicht.
Bis dahin kannte er Monaco nur aus Bildern und den beiläufigen Bemerkungen reicher Kunden. Er erwartete eine überteuerte Kulisse für Menschen, die gesehen werden wollten.
Am frühen Nachmittag erreichten sie das Hôtel Hermitage. Edward hatte für sie zwei normale Zimmer reservieren lassen, keine Suiten, keine besondere Behandlung. Sie brachten ihre Sachen hinauf und trafen sich wenig später wieder auf der Terrasse.
Hugo trat an die Brüstung und blieb stehen. Direkt unter ihm lag der Port Hercule, dicht gefüllt mit Yachten, deren Masten sich im Wind neigten. Auf der anderen Seite des Hafens erhob sich der Felsen von Monaco mit dem Fürstenpalast.
Der Blick gefiel ihm. Es war nicht nur die Schönheit. Es war die Ordnung und Sauberkeit. Selbst der Hafen wirkte wie ein Schaufenster, in dem die Boote ausgestellt waren.
Hugo spürte Stolz in sich aufsteigen. Vor ein paar Jahren hätte er sich nicht vorstellen können, einmal hier zu stehen, in einem der berühmtesten Hotels Monacos, weil ein Kunde seine Analyse hören wollte. Er sah über den Hafen und musste lächeln. Schau, wo du inzwischen angekommen bist.
Edward stellte sich neben ihn.
„Nicht schlecht, oder?"
Hugo nickte. „Nein. Wirklich nicht."
Sie tranken etwas, dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Eigentlich wollte Edward ihm Monaco zeigen, gleichzeitig nutzten sie den Spaziergang, um den Pitch für den Abend noch einmal durchzugehen. Vom Hôtel Hermitage gingen sie hinüber zum Hôtel de Paris und dann weiter Richtung Meer. Sie kamen am Fairmont vorbei, direkt an der berühmten Haarnadelkurve der Formel-1-Strecke.
Hugo blieb einen Moment stehen und sah auf die Kurve hinunter.
„Hier müsste man wohnen“, sagte er.
Edward sah ihn an.
„Warum ausgerechnet hier?“
„Stell dir das doch mal vor. Du wohnst da oben, gehst auf deinen Balkon und siehst das Rennen direkt vor deiner Haustür.“ Hugo grinste. „Wie geil wäre das denn?“
Dann gingen sie weiter. Während sie liefen, ging Edward mit Hugo die Zahlen durch. Er stellte Fragen, unterbrach ihn mitten im Satz, ließ ihn einzelne Argumente neu formulieren, zwang ihn, die gleiche Überlegung aus einem anderen Winkel zu erklären. Hugo antwortete, korrigierte sich selbst, begann von vorn. Das ständige Nachfragen irritierte ihn nicht mehr. Er wusste inzwischen, dass Edward nicht Zweifel an ihm hatte, sondern Zweifel an der Formulierung, und Formulierungen waren es, an denen am Abend alles hing.
Irgendwann grinste Edward.
„Bist du eigentlich schon mal durch ein ganzes Land gelaufen?"
Hugo sah ihn an. „Nein."
„Dann wird es heute Zeit."
Von der Küste aus führte Edward ihn quer durch Monaco nach oben. Die Strecke ging dabei keineswegs einfach nur bergauf. Immer wieder stiegen sie ein Stück hinauf, liefen wieder etwas hinunter, bogen ab, nahmen Treppen, Rampen und Straßen, die sich in Kurven durch die verschiedenen Ebenen der Stadt zogen.
Hugo dagegen merkte zunehmend, wie sehr ihn dieses ständige Auf und Ab nervte. Er war es gewohnt, dass Städte sich horizontal ausbreiteten, nicht vertikal. Hamburg lag breit, Frankfurt dicht, aber beide liefen sich letztlich auf einer Ebene ab. Hier nicht. Jedes Mal, wenn er glaubte, sie hätten den höchsten Punkt erreicht, ging es wieder hinunter, und dann noch einmal hinauf. Es war wie ein Labyrinth, in dem jemand die Wände ständig verschob. Er spürte, wie ihm der Schweiß in den Nacken lief, während Edward nebenherging, als wäre das hier ein Spazierweg durch einen Park. Hugos Unmut wuchs mit jeder Treppe. Er sagte nichts, aber sein Schweigen wurde dichter.
Erst als sie schließlich weit oben auf der anderen Seite angekommen waren, blieb Edward stehen und sah ihn grinsend an.
„Siehst du."
Hugo blickte ihn fragend an.
„Wir sind gerade einfach einmal quer durch ein ganzes Land gelaufen. Von Ost nach West.“
Hugo musste lachen, trotz seiner Erschöpfung. Der Gedanke war absurd genug, um wahr zu sein.
Edward klopfte ihm auf die Schulter. „Kann auch nicht jeder von sich behaupten."
Hugo hatte den Rundgang durchaus interessant gefunden. Richtig begeistert war er von Monaco trotzdem nicht.
„Ist das hier eigentlich irgendwo auch mal gerade?", fragte er irgendwann.
Edward lachte. „Warte ab. Ich zeige dir nachher Fontvieille."
Und tatsächlich änderte sich sein Eindruck dort beinahe sofort.
Fontvieille lag viel flacher als das alte Monaco. Rund um den Hafen gab es Restaurants, Geschäfte und das Einkaufszentrum. Plötzlich musste Hugo nicht mehr ständig irgendwo hinauf oder hinunter. Alles wirkte überschaubarer, praktischer, fast wie eine eigene kleine Stadt innerhalb Monacos.
Das gefiel ihm. Er atmete auf, als hätte er stundenlang einen Koffer getragen und ihn endlich absetzen dürfen. Hier konnte man sich orientieren. Hier konnte man planen. Und während er das dachte, merkte er, dass es ihm hier nicht nur gefiel. Es tat etwas mit ihm, das ihm selbst unheimlich war: Es gab ihm das Gefühl, dass ein Leben denkbar war, in dem er nicht mehr auf etwas wartete.
Zum ersten Mal an diesem Tag betrachtete Hugo Monaco nicht nur als Bühne für fremden Reichtum. Fontvieille löste in ihm eine leise Vorstellung davon aus, wie ein Leben aussehen konnte, das nicht zwischen Bank, Club und einer möblierten Londoner Wohnung stattfand. Er schob den Gedanken sofort beiseite. Noch gehörte er hierher wie ein Besucher, der seinen Rückflug bereits gebucht hatte.
Am Abend nahmen Edward und Hugo ein Taxi. Sie fuhren erneut durch die Tunnel hinunter nach Fontvieille und weiter bis zum Port de Cap d’Ail. Dort stiegen sie aus.
Von hier gingen sie zu Fuß weiter Richtung Restaurant.
Der Abend war warm. Neben ihnen lagen die Boote und Yachten dicht nebeneinander im Hafen. Hugo sah sich immer wieder um. Am Abend wirkte der Hafen beinahe still. Die Lichter spiegelten sich auf dem Wasser, die Boote lagen dicht nebeneinander an ihren Liegeplätzen, und nur gelegentlich waren Schritte auf den Stegen oder das leise Schlagen einer Leine gegen einen Mast zu hören.
Wenig später kamen sie am Héliport vorbei. Hugo betrachtete die markierten Landeplätze und die Hubschrauber.
Edward deutete hinüber.
„Von dort fliegen wir morgen nach Nizza.“
Hugo sah ihn an.
„Wir fliegen wirklich mit dem Hubschrauber zurück?“
„Natürlich.“
Hugo grinste. Die Vorstellung gefiel ihm. Heute war er zum ersten Mal nach Monaco gekommen, und morgen würde er mit dem Hubschrauber wieder hinausfliegen. Wieder so eine Sache, die für Edward vollkommen selbstverständlich klang und für Hugo noch etwas Besonderes war.
Sie gingen weiter und erreichten kurz darauf den Port de Fontvieille. Restaurants, Wohnungen und Hafen lagen hier dicht beieinander, alles wirkte kompakt und bequem zu Fuß erreichbar.
Hugo sah sich um.
„Das hier gefällt mir“, sagte er.
Edward sah ihn von der Seite an. „Fontvieille?“
„Ja. Das andere ist mir zu viel Berg.“
Edward lachte.
Je näher sie dem Restaurant kamen, desto lebhafter wurde es. Vor den Restaurants und Hotels standen Ferrari und Porsche in Farben, die man in London wesentlich seltener sah: leuchtendes Rot, kräftiges Blau, Gelb, Grün. Ihr Restaurant lag direkt am Port de Fontvieille, mit Blick auf die Boote und Yachten im Hafen.
Hugo sah einem roten Ferrari hinterher. Autos interessierten ihn nicht besonders, aber selbst ihm fiel auf, wie selbstverständlich solche Wagen hier zum Straßenbild gehörten. Anderswo hätte sich jeder nach dem Ferrari umgedreht. Hier war er kaum mehr als ein weiteres Auto.
„Hier versucht aber auch wirklich keiner, unauffällig zu sein."
Edward grinste. „Warum sollte man nach Monaco fahren, um unauffällig zu sein?"
Vor dem Restaurant am Hafen wartete bereits der Mann, mit dem Edward zum Essen verabredet war. Ein Kunde der Bank, den Edward offensichtlich schon lange kannte.
Als die drei das Restaurant betraten, erkannte der Chefkellner Edward und den Kunden sofort. Sein Gesicht hellte sich auf.
„Bonsoir, Monsieur."
Er begrüßte Edward herzlich, dann den Kunden ebenso überschwänglich. Man schüttelte sich die Hände, lachte, wechselte sofort ein paar vertraute Bemerkungen.
Hugo stand daneben.
Zunächst lächelte er noch höflich. Dann wusste er nicht mehr so recht, wohin mit sich. Die drei unterhielten sich, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Hugo kannte weder die Leute, über die sie sprachen, noch die Geschichten dahinter. Niemand wollte ihn bewusst ausschließen, trotzdem stand er plötzlich ein Stück hinter Edward und dem Kunden. Er war der Junge, der mitgebracht worden war, nicht der Mann, der eingeladen worden war. Er spürte, wie seine Hände in den Hosentaschen verkrampften, während er versuchte, lässig zu wirken. Sein Lachen blieb an seinem Gaumen kleben. Er hasste es, nicht zu wissen, wo er hingehörte. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten.
Erst nach einigen Augenblicken wandte Edward sich zu ihm.
„Ach ja. Hugo Voss."
Der Chefkellner streckte Hugo sofort die Hand entgegen.
„Willkommen, Monsieur Voss."
Damit war der unangenehme Moment vorbei. Aber das Wärmegefühl in seinem Gesicht blieb noch eine Weile.
Der Chefkellner führte sie hinaus auf die Terrasse, unmittelbar an der Straße. Edward und der Kunde gingen nebeneinander voraus, Hugo folgte ihnen.
Der Kunde wandte sich im Gehen zu Hugo um. „Und? Wie gefällt Ihnen Monaco?"
„Fontvieille gefällt mir", sagte Hugo. „Aber der Rest ehrlich gesagt nicht besonders. Dieses ständige Bergauf und Bergab, überall Treppen und Steigungen."
Der Kunde blieb einen Augenblick langsamer und sah Hugo mit einem dünnen Lächeln an.
„Das sollten Sie hier besser nicht so laut sagen."
Hugo blickte ihn fragend an.
„Damit verraten Sie nämlich sofort, dass Sie zum ersten Mal hier sind und keine Ahnung haben, wie man sich in Monaco bewegt.“
Edward sah kurz zu ihm herüber, sagte aber nichts.
„In Monaco läuft niemand, der sich auskennt, ständig irgendwelche Treppen hoch und runter“, fuhr der Kunde fort. „Dafür gibt es überall Aufzüge, Rolltreppen und Durchgänge zwischen den verschiedenen Ebenen. Sie gehen in ein Gebäude hinein, fahren ein paar Stockwerke und kommen auf einer völlig anderen Straße wieder heraus.“
Er musterte Hugo noch einmal.
„Wer sich hier über das ständige Auf und Ab beschwert, ist entweder Tourist oder kennt sich schlicht nicht aus. Sie sind heute wahrscheinlich durch halb Monaco gelaufen und haben gedacht, die Stadt sei schlecht geplant.“
Der Kunde lächelte spöttisch.
„Dabei wussten Sie einfach nur nicht, wo die Aufzüge sind.“
Hugo schluckte und sagte nichts. Er spürte, wie ihm warm wurde, und dann wieder kalt. Scham war es nicht, die ihn erwischte. Es war die Erkenntnis, dass der Mann recht hatte. Er war durch die Stadt gelaufen und hatte sich über etwas geärgert, das er schlicht nicht verstanden hatte. Er hasste es, etwas nicht zu wissen. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten. Sein Herz schlug schneller, als es die Situation rechtfertigte, und er hasste auch das.
Gleichzeitig merkte er sich jedes Wort. Die Aufzüge. Die Durchgänge. Die Ebenen. Er würde es nicht wieder vergessen.
Vor ihnen lag der dunkle Hafen, die Lichter der Yachten spiegelten sich in langen goldenen und weißen Streifen auf dem Wasser. Gegenüber erhob sich der beleuchtete Felsen von Monaco vor dem tiefblauen Nachthimmel.
Hugo blieb für einen Augenblick stehen. Von irgendwo hinter ihnen heulte wieder ein Motor auf. Ein Ferrari schoss über die Straße.
Edward setzte sich, ohne hinzusehen.
„Irgendwann“, sagte er, „hörst du das nicht mehr.“
Kaum saßen sie, begann um sie herum eine eingespielte Choreografie. Ein Kellner stellte Wasser und Gläser auf den Tisch, ein zweiter legte Servietten zurecht, ein dritter brachte Brot.
Edward brach sich ein Stück Brot ab.
„Deswegen komme ich her.“
Der Kunde lachte. „Wegen des Brotes?“
„Unter anderem.“
In diesem Moment betraten zwei junge Frauen die Terrasse.
Beide waren Tschechinnen, Mitte zwanzig, sehr schlank und auffallend zurechtgemacht. Die eine wirkte beinahe abgemagert, allerdings nicht ungepflegt, sondern als wäre diese extreme Schlankheit gewollt. Sie trug ein extrem kurzes Kleid. Die andere war flachbrüstig und trug ein silbernes, mit Pailletten besetztes Minikleid.
Sie blieben kurz stehen und ließen ihre Blicke über die besetzten Tische wandern.
Hugo sah sie sofort. Nicht weil sie die Schönsten waren, sondern weil sie anders wirkten als die anderen Gäste. Ihre Blicke wanderten von Tisch zu Tisch, aufmerksam, berechnend, routiniert. Hugo bemerkte, wie sich sein Puls veränderte, noch bevor er verstand, warum.
Es war nicht nur ihr Aussehen. Es war dieses Selbstverständnis, mit dem sie dort standen und den Raum musterten. Er kannte so etwas von Männern in Handelssälen. Bei Frauen hatte er es noch nie erlebt. Und es verwirrte ihn, dass es ihn gleichzeitig anzog und verunsicherte.
Auch Edward hatte die beiden längst bemerkt.
Auch Edward hatte die beiden längst bemerkt. Der Kunde ebenfalls.
„Prostituierte“, sagte Edward leise.
Hugo sah ihn an. „Woher willst du das wissen?“
Edward griff nach seinem Weinglas.
„Die kommen hier fast immer zu zweit.“
Der Kunde musterte die beiden Frauen noch einmal.
„Edward, die sind so jung, die könnten deine Töchter sein.“
Edward nahm einen Schluck.
„Sind sie aber nicht.“
Er stellte sein Glas ab, stand auf und ging zu ihnen.
Hugo sah ihm nach. Ein Teil von ihm wollte, dass Edward stehen blieb. Ein anderer beobachtete aufmerksam, wie Edward die beiden Frauen ansprach, was er sagte und wie sie darauf reagierten. Er wollte wissen, wie so etwas funktionierte, wie man zwei fremde Frauen einfach ansprach und wenige Augenblicke später mit ihnen an einem Tisch saß.
Edward sprach vielleicht eine halbe Minute mit den beiden. Eine der Frauen lachte, die andere sah zu ihrem Tisch herüber. Dann kamen alle drei zurück.
Der Chefkellner hatte längst verstanden. Noch bevor sie den Tisch erreichten, ließ er einen weiteren Tisch heranschieben und zwei zusätzliche Stühle bringen. Gläser, Besteck und Servietten wurden ergänzt. Niemand fragte etwas, niemand wirkte überrascht. Nach kaum einer Minute sah es aus, als sei der Tisch von Anfang an für fünf Personen gedeckt gewesen.
Die beiden Frauen setzten sich.
„Und wie heißt ihr eigentlich?“, fragte Edward.
„Petra“, sagte die erste.
„Petra“, wiederholte Edward und lächelte. „Ach, ich liebe diesen Namen.“
Die andere musste lachen.
„Und du?“
„Lenka.“
„Lenka“, wiederholte Edward. „Auch nicht schlecht.“
Er stellte ihnen Hugo und den Kunden vor, wobei es wirkte, als würde er zwei Bekannte miteinander bekannt machen und nicht zwei Frauen, die er gerade erst im Restaurant angesprochen hatte.
Hugo beobachtete Petra. Sie setzte sich, und ihr ohnehin extrem kurzes Kleid rutschte noch etwas höher. Hugos Blick fiel auf ihren Slip, blieb einen Moment hängen, dann wanderte er weiter. Er bemerkte, dass Lenka eleganter saß, die Beine überschlug, und dass ihr Kleid dabei verrutschte. Er sah hin. Kein Slip. Vollständig rasiert.
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er spürte Wärme in seinem Gesicht und zwischen den Beinen, und er wusste nicht, wohin mit den Händen. Er blickte wieder auf die beiden Frauen, dann zu Edward und dem Kunden. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Hugo zählte noch einmal.
Edward, der Kunde und er. Drei Männer.
Zwei Frauen.
Eines war für ihn jedenfalls klar: Mit den beiden Typen hier würde er ganz bestimmt nicht die Schwerter kreuzen.
Er runzelte die Stirn.
„Moment mal. Das passt doch überhaupt nicht.“
Edward sah ihn an.
„Was?“
„Das Verhältnis. Zwei Frauen, drei Männer. Da ist doch eine zu wenig.“
Edward sah erst Hugo, dann die beiden Frauen an.
„Was willst du eigentlich? Hier sind doch gerade sechs Löcher reingekommen. Das sind zwei für jeden von uns.“
Für einen Sekundenbruchteil hörte Hugo das Lachen der anderen nur wie durch Watte. Sein Verstand brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Edward gesagt hatte, und noch einen Moment, um zu begreifen, dass es kein Witz war. Ihm wurde heiß. Nicht vor Erregung allein, sondern vor Verlegenheit, weil er der Einzige am Tisch gewesen war, der gerechnet hatte. Weil er der Einzige gewesen war, der nicht automatisch gewusst hatte, worauf er sich eingelassen hatte.
Der Kunde lachte kurz, beugte sich zu Hugo herüber und strich ihm gönnerhaft zweimal über den Kopf.
„Edward, nun lass doch den Knaben.“
Die Hand auf seinem Haar. Hugo spürte, wie sich sein Kiefermuskel anspannte. Er lächelte gezwungen.
„Schon gut.“
Mehr sagte er nicht. Aber unter dem Tisch presste er die Fingernägel in seine Handflächen, bis die kleinen Halbmonde sich weiß abzeichneten.
Er sah zu den beiden jungen Frauen. Beide saßen da, als wäre an der ganzen Situation nichts Besonderes. Eine von ihnen nahm einen Schluck Wasser, die andere strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte über irgendeine Bemerkung Edwards.
Hugo wusste nicht, was er davon halten sollte. Er war nicht schockiert. Er war neugierig. Offenbar gab es hier Regeln, die alle am Tisch kannten, nur er nicht. Also beobachtete er. Wie die Frauen mit Edward redeten. Wie selbstverständlich der Kunde mit der Situation umging. Was gesagt wurde und was offenbar keiner Erklärung bedurfte.
In Frankfurt hätte er sich wahrscheinlich abgewandt. Hier wollte er verstehen, wie das funktionierte. Und während er beobachtete, wich seine Verlegenheit langsam einer anderen Spannung, die er noch nicht einordnen konnte.
Er machte gute Miene, lachte an den richtigen Stellen und beobachtete weiter.
Das Essen zog sich hin. Fleisch wurde gebracht, Wein nachgeschenkt, Teller abgeräumt. Edward und der Kunde redeten über Geschäfte, Märkte, Leute, die Hugo nicht kannte. Immer wieder fielen Namen und Summen, und irgendwann hörte Hugo nur noch halb zu. Seine Gedanken kreisten um die Frauen neben ihm, um ihre Selbstverständlichkeit, um die Frage, was sie dachten, wenn sie ihn ansahen. Ob sie ihm ansahen, dass er hier nicht hingehörte.
Nach einer Weile stand er auf.
„Ich bin kurz auf der Toilette.“
Hugo ging durch das Restaurant nach hinten.
Die kühlere Luft im Gang tat ihm gut.
Wenige Sekunden später hörte er Schritte hinter sich. Eine der beiden Frauen kam denselben Gang entlang.
Hugo blieb stehen.
Sie sah ihn an. „Alles okay?“
„Ja.“
Er zögerte einen Moment.
„Ich komme später übrigens nicht mit.“
Sie sah ihn kurz an und zuckte mit den Schultern.
„Dann eben nicht. Für uns macht das keinen Unterschied.“
Hugo runzelte die Stirn.
„Nicht?“
„Nein. Ob ihr zwei oder drei seid, ist mir egal. Am Ende seid ihr doch sowieso gleichzeitig in einer von uns, und irgendwann wechselt ihr.“
Sie sagte es vollkommen ruhig, als würde sie über etwas Alltägliches sprechen.
„So läuft das eben. Jeder von uns macht, was er machen muss.“
Dann ging sie an ihm vorbei und verschwand hinter der Tür zur Toilette.
Hugo blieb im Gang stehen.
Für einen Moment bewegte Hugo sich nicht. Ihre Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Nicht einmal wegen dem, was sie gesagt hatte. Es war die Art gewesen, wie sie es gesagt hatte. Ruhig, gleichgültig, als wäre es das Normalste der Welt.
Er sah ihr nach.
Dann ging er weiter.
Am nächsten Morgen waren die Frau und das Gespräch im Gang wieder weit weg. Jetzt ging es um den eigentlichen Grund, weshalb Hugo mit Edward nach Monaco gekommen war.
Edward und Hugo nahmen ein Taxi hinauf auf den Felsen. Am Ozeanographischen Museum mussten sie aussteigen. Weiter kam der Wagen nicht. Das Stadthaus des Kunden lag in einer der schmalen Straßen von Monaco-Ville, in der Nähe des Fürstenpalastes, und das letzte Stück mussten sie zu Fuß gehen.
Hugo folgte Edward durch die engen Gassen. Nach dem offenen, modernen Fontvieille vom Vortag wirkte dieser Teil Monacos völlig anders. Die Häuser standen dicht beieinander, die Straßen waren schmal, und hinter den Fassaden ließ sich kaum erkennen, wer dort wohnte.
Vor einem der Häuser blieb Edward stehen.
Von außen hätte Hugo nicht vermutet, dass hier ein Mann wohnte, der wenige Minuten später darüber entscheiden würde, mehrere Millionen auf seine Analyse zu setzen.
Der Kunde empfing sie persönlich und führte sie in ein Arbeitszimmer.
Schon bevor Hugo sich setzte, spürte er die Anspannung. Seine Hände waren feucht. Er wischte die rechte unauffällig an seiner Hose ab, bevor er seine Unterlagen vor sich auf den Tisch legte.
Edward begann das Gespräch. Nach wenigen Minuten übergab er an Hugo.
Hugo erklärte die Analyse, die Zahlen und die Überlegungen dahinter. Anfangs hörte er seine eigene Stimme beinahe zu genau. Er achtete auf jedes Wort, auf jede Pause und darauf, nicht zu schnell zu sprechen. Sein Herz schlug deutlich schneller als sonst.
Dann stellte der Kunde die erste Frage.
Sie traf genau die Stelle, von der Hugo gehofft hatte, dass er sie nicht ansprechen würde.
Für einen Augenblick wurde sein Mund trocken. Hugo schluckte. In seinem Kopf liefen die Zahlen noch einmal durch. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Der Mann vor ihm würde aufgrund dessen, was er sagte, Millionen einsetzen.
Hugo antwortete.
Während er sprach, wurde er ruhiger. Die Zahlen waren sein Gebiet. Er kannte sie. Er wusste, warum er zu seinem Ergebnis gekommen war.
Der Kunde ließ sich nichts anmerken.
Dann kam die zweite Frage.
Noch unangenehmer.
Hugo spürte seinen Herzschlag bis in den Hals. Für einen Moment hatte er Angst, sich zu verhaspeln. Er setzte an, hielt kurz inne und begann noch einmal. Ruhiger diesmal. Satz für Satz erklärte er seine Überlegung.
Als er fertig war, sagte der Kunde zunächst nichts.
Hugo wartete. Seine Hände waren noch immer feucht.
Dann lehnte sich der Mann zurück und sah zu Edward.
„Die Position will ich“, sagte er. „Wenn der Junge recht hat, verdienen wir Geld. Wenn nicht, war es meine Entscheidung.“
Erst jetzt merkte Hugo, wie flach er die ganze Zeit geatmet hatte.
Edward nickte.
„Es ist Ihre Entscheidung.“
Der Kunde lächelte dünn.
„Der Knabe von gestern Abend. Heute weiß er fachlich genau, was er tut.“
Hugo spürte, wie sich etwas in ihm straffte. Gestern Abend hatte derselbe Mann ihm vor allen anderen über den Kopf gestrichen, ihn einen Knaben genannt und sich über ihn lustig gemacht. Hugo hatte genau verstanden, was das sollte. Der Mann hatte ihm seinen Platz zeigen wollen.
Und jetzt wollte er Millionen auf Hugos Analyse setzen.
Hugo versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch die Anspannung in seiner Brust löste sich, und eine warme Genugtuung breitete sich in ihm aus.
Gestern hatte der Mann ihn vorgeführt.
Heute hatte Hugo ihm gezeigt, was er konnte.
Und verdammt, das tat gut.
Danach fuhren sie zum Héliport.
Der Hubschrauber wartete bereits auf dem Beton. Hugo blieb einen Augenblick davor stehen und betrachtete die Maschine. Noch immer konnte er kaum glauben, dass sie tatsächlich mit dem Hubschrauber nach Nizza fliegen würden.
Als sie näher kamen, sah Hugo durch die Scheiben auf den freien Platz neben dem Piloten.
Er wandte sich zu Edward.
„Darf ich vorne sitzen?“
Edward sah ihn an und musste grinsen.
„Willst du?“
Hugo nickte sofort. „Ja.“
Für einen Moment wirkte er nicht wie der junge Analyst, auf dessen Einschätzung gerade ein Mann Millionen gesetzt hatte. Er sah aus wie ein Junge.
„Dann setz dich vorne hin.“
Hugo ließ sich das nicht zweimal sagen. Er stieg ein und setzte sich neben den Piloten.
Edward nahm hinter ihm Platz.
Hugo betrachtete die Instrumente vor sich, die Schalter, Anzeigen und Hebel. Er wusste nicht, wohin er zuerst sehen sollte.
Der Pilot deutete auf den Kopfhörer neben ihm.
„Den müssen Sie aufsetzen.“
Hugo sah erst den Kopfhörer und dann den Piloten an.
„Ach so.“
Edward lachte hinter ihm.
„Erster Hubschrauberflug?“
Hugo setzte den Kopfhörer auf.
„Sieht man das?“
„Ein bisschen.“
Kurz darauf hörte Hugo die Stimme des Piloten direkt über den Kopfhörer. Gleichzeitig wurden die Rotoren schneller. Das Geräusch schwoll an, bis es durch den Gehörschutz nur noch als tiefes Dröhnen zu hören war.
Dann löste sich die Maschine vom Boden.
Hugo sah nach unten.
Fontvieille sank unter ihnen weg. Der Hafen, die Häuser und die Straßen, auf denen sie gestern noch gelaufen waren, wurden innerhalb weniger Augenblicke klein. Dahinter lag Monaco zwischen Meer und Bergen, zusammengedrängt auf diesen schmalen Streifen Küste.
Der Hubschrauber drehte nach Westen.
Unter ihnen zog Cap-d’Ail vorbei. Hugo sah die Häuser an den Hängen, Terrassen und Swimmingpools, die wie blaue Rechtecke zwischen den Gebäuden lagen. Manche Anwesen schienen regelrecht in den Hang gebaut zu sein, mit ihren Terrassen und Pools zum Meer hinaus.
Hugo saß dicht an der Scheibe und sah hinunter.
Vom Boden aus hatte er am Vortag vor allem Straßen, Mauern und Häuser gesehen. Von hier oben verstand er zum ersten Mal, wie diese Küste tatsächlich aussah.
Dann öffnete sich vor ihnen die Bucht von Villefranche.
Das Wasser lag tiefblau zwischen den Landzungen. Dahinter schob sich Cap Ferrat weit ins Meer hinaus. Die Halbinsel war grün, und zwischen den Bäumen tauchten immer wieder große Villen und Anwesen auf, manche mit weitläufigen Gärten, andere unmittelbar über dem Wasser.
Edward tippte Hugo von hinten an und deutete nach unten.
Hugo drehte sich zu ihm.
Edwards Stimme kam über den Kopfhörer.
„Cap Ferrat.“
Hugo blickte wieder hinaus.
Auf der Spitze der Halbinsel lag das Grand-Hôtel du Cap-Ferrat. Rundherum verteilten sich Anwesen zwischen Pinien und Gärten, abgeschirmt von der Straße und vom Meer aus doch plötzlich sichtbar.
Hugo sagte nichts.
Von hier oben sah Reichtum anders aus. Nicht wie vor einem Hotel in Monte-Carlo, wo ein Ferrari neben dem nächsten stand. Hier waren es Grundstücke, Gärten, Pools und Häuser, die ganze Stücke der Küste für sich beanspruchten.
Der Hubschrauber flog weiter nach Westen.
Nizza erschien vor ihnen, zunächst die Stadt, dann die lange Küstenlinie. Weiter westlich schob sich der Flughafen flach ins Meer hinaus.
Der Pilot hielt die Maschine über dem Wasser.
Hugo blickte nach vorne. Das war etwas völlig anderes, als sich einem Flughafen im Auto zu nähern. Vor ihnen lag nur Meer und dahinter die breite Fläche des Flughafens.
Der Hubschrauber begann zu sinken.
Hugo spürte es im Magen.
Sie kamen vom Meer heran. Unter ihnen war weiterhin nur Wasser. Die Landebahnen wurden größer, die Markierungen deutlicher, bis Hugo einzelne Fahrzeuge auf dem Flughafengelände erkennen konnte.
Dann fielen ihm die Privatjets auf.
Sie standen abseits der großen Verkehrsmaschinen: überwiegend weiß, aber längst nicht alle gleich. Einige trugen blaue oder braune Streifen, andere auffällige Sonderlackierungen. Hugo drehte den Kopf, soweit der Gurt es zuließ, und versuchte, die Maschinen im Vorbeiflug zu betrachten.
Der Hubschrauber wurde langsamer.
Noch immer lag das Meer unter ihnen. Erst unmittelbar vor dem Flughafen schob sich Land unter die Maschine.
Hugo sah nach unten.
Beton.
Der Hubschrauber sank weiter, schwebte für einen Moment nur wenige Meter über dem Boden und setzte schließlich auf.
Hugo blieb noch einen Augenblick sitzen und sah durch die Scheibe hinaus.
Dann nahm er den Kopfhörer ab.
Er grinste.
Das gefiel ihm.
Nur eine Woche später traf Hugo den Kunden bereits wieder. Edward war ebenfalls dabei. Diesmal nicht zwischen Yachten, Ferraris und dem Licht des Mittelmeers, sondern in London, im St. James's Club.
Der Club wirkte beinahe wie das Gegenteil von Monaco. Hier wurde Reichtum nicht ausgestellt. Dunkles Holz zog sich über die Wände, dazwischen standen schwere Ledersessel und niedrige Tische. Gedämpftes Licht fiel auf Messing, Glas und dunkle Stoffe. Hinter der Bar reichten Flaschenregale vor großen Spiegeln bis weit nach oben. Das Licht brach sich im Glas und ließ die Flaschen wie eine beleuchtete Wand erscheinen.
Die Sitzgruppen lagen weit genug auseinander, dass Gespräche privat blieben, obwohl der Raum gut besucht war. Zigarrenrauch hing unter der Decke. Gelegentlich klirrte ein Glas. Stimmen blieben gedämpft.
Hugo ließ den Blick durch den Raum wandern. In Monaco hatte Reichtum draußen stattgefunden: Yachten im Hafen, Ferraris vor den Hotels, Villen an den Hängen. Hier musste niemand zeigen, was er besaß. Man schien einfach davon auszugehen, dass jeder, der hier saß, genug davon hatte.
Hugo lehnte sich etwas tiefer in den Ledersessel.
Das gefiel ihm.
Und trotzdem hatte Hugo inzwischen verstanden, dass in solchen Räumen wahrscheinlich mehr Geld bewegt wurde als in manchem gläsernen Bankhochhaus.
Der Kunde saß tief in seinem Ledersessel, ein Glas in der Hand. In Monaco hatte Hugo ihn zunächst nicht gemocht. Zu selbstsicher. Zu spöttisch. Ein Mann, der offensichtlich Freude daran hatte, andere merken zu lassen, dass sie etwas nicht wussten.
Doch seit jenem Morgen hatte sich etwas verändert.
Der Kunde behandelte ihn anders.
Nicht mehr wie den Knaben, dem er vor allen anderen über den Kopf gestrichen hatte. Nicht wie jemanden, dem man seinen Platz zeigen musste.
Er hörte Hugo jetzt zu.
Seitdem behandelte der Mann ihn anders.
Nicht als Edwards jungen Analysten. Noch nicht ganz als seinesgleichen. Aber als jemanden, den es sich lohnte, ernst zu nehmen.
Hugo ließ den Blick durch den Raum wandern und erkannte zwei Männer wieder, die er wenige Tage zuvor in dem Restaurant in Monaco gesehen hatte. Es überraschte ihn, ihnen ausgerechnet hier erneut zu begegnen.
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Sie fragen sowieso.“
Edward grinste.
Hugo ignorierte ihn.
„Warum sehe ich eigentlich ständig dieselben Leute?“
Der Kunde hob eine Augenbraue.
„Wo?“
„Überall.“
„Das ist präzise.“
„Cannes. Monaco. London. Und Edward erzählt von denselben Leuten in der Schweiz, in Österreich, auf Sardinien. Investmentbanker, Unternehmer, irgendwelche Fondsleute. Man könnte meinen, Europa bestünde nur aus fünfhundert Menschen.“
Der Kunde lachte.
„Jetzt kommen Sie langsam dahinter.“
„Hinter was?“
Der Mann stellte sein Glas ab.
„Dass Menschen nicht unbedingt dort leben, wo sie ein Haus haben.“
Hugo sah ihn fragend an.
„Natürlich wohnen sie irgendwo“, fuhr der Kunde fort. „Sie haben ein Haus in London, Paris, Hamburg, München oder Zürich. Aber das ist nicht dasselbe wie leben.“
„Wo leben sie dann?“
„Dort, wo ihre Welt stattfindet.“
Hugo wartete.
Der Kunde beugte sich etwas vor.
„Es gibt nur sehr wenige Orte auf der Welt, an denen es sich wirklich lohnt, Milliardär zu sein.“
Hugo lachte.
„Das klingt absurd.“
„Nein. Es klingt nur absurd, solange man kein Milliardär ist.“
Edward grinste in sein Glas.
„Erklär es ihm.“
„Nehmen wir irgendein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.“
Hugo musste lachen.
„Warum Mecklenburg-Vorpommern?“
„Weil mir gerade Mecklenburg-Vorpommern eingefallen ist. Nehmen Sie irgendein Dorf dort. Sie haben eine Milliarde. Wunderbar. Jetzt kaufen Sie sich einen Ferrari.“
Er hob die Hand.
„Und dann?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Fahren.“
„Wohin? Dreimal um den Dorfplatz?“
Edward lachte.
„Sie fahren morgens zum Bäcker, mittags noch einmal am Bäcker vorbei und abends ein drittes Mal, damit auch wirklich jeder gesehen hat, dass Sie einen Ferrari besitzen.“
Hugo grinste.
„Der Bäcker wäre beeindruckt.“
„Vielleicht. Und am dritten Tag hält er Sie für einen Idioten.“
Der Kunde nahm sein Glas wieder.
„Sie kaufen eine hundert Meter lange Jacht. Hervorragend. Nur gibt es dort keinen Hafen dafür. Sie haben einen Weinkeller voller großer Weine, aber kein Restaurant im Umkreis von fünfzig Kilometern hat einen Sommelier, der weiß, was Sie da trinken. Sie wollen abends essen gehen und haben die Auswahl zwischen dem Landgasthof und dem Italiener im nächsten Ort.“
Der Kunde lächelte.
„Geld erweitert Möglichkeiten. Aber dafür müssen die Möglichkeiten überhaupt vorhanden sein.“
Hugo schwieg.
„Oder nehmen Sie England. Irgendein hübsches Dorf irgendwo weit draußen. Sie können dort ein Anwesen mit vierzig Schlafzimmern besitzen. Sehr schön. Sie können Pferde haben, einen See, einen Hubschrauberlandeplatz. Aber wenn Sie Menschen treffen wollen, die dieselben Möglichkeiten haben wie Sie, müssen Sie irgendwann wieder weg.“
Hugo verstand langsam.
„Also ziehen die Reichen alle an dieselben Orte.“
„Sie ziehen nicht unbedingt dorthin. Sie leben dort.“
Der Mann nahm einen Schluck.
„Das ist der Unterschied.“
Er zählte an den Fingern ab.
„Côte d’Azur. Monaco und Cannes gehören praktisch zu derselben gesellschaftlichen Landschaft. Marbella. Auf Sardinien die Costa Smeralda. Im Winter Courchevel. Kitzbühel. London sowieso. Ascot zu bestimmten Zeiten. Es gibt noch einige andere.“
„Und deshalb begegnet man sich immer wieder.“
„Natürlich.“
Der Kunde tippte mit seinem Glas gegen Hugos.
Hugo ließ den Satz einen Moment wirken.
Jetzt verstand er, warum ihm dieselben Gesichter immer wieder begegneten. Er hatte es für Zufall gehalten.
War es aber nicht.
Ihr Viertel war nur über Europa verteilt.
Im Mai Cannes.
Im Sommer Sardinien.
Deshalb kannte der Kunde in Monaco den Kellner. Deshalb kannte Edward dort die Restaurants. Deshalb begegneten sich dieselben Investmentbanker, Unternehmer, Vermögenden und Frauen immer wieder.
Hugo spürte dieses besondere Gefühl, das er immer bekam, wenn etwas Kompliziertes plötzlich einfach wurde.
„Also ist das hier eigentlich Altona für Reiche.“
Der Kunde brach in Gelächter aus.
Edward schüttelte den Kopf.
„Das ist vermutlich die deutscheste Beschreibung des internationalen Jetsets, die ich jemals gehört habe.“
„Aber sie stimmt.“
„Leider“, sagte der Kunde. „Sie stimmt sogar ziemlich gut.“
Er deutete mit dem Glas auf Hugo.
„Und genau deshalb verstehen Außenstehende diese Welt nicht. Sie sehen immer nur einzelne Bilder. Einen alten Mann mit einer jungen Frau in Monaco. Eine Jacht in Sardinien. Einen Banker in Courchevel. Einen Unternehmer in Cannes. Und sie glauben, das seien voneinander unabhängige Dinge.“
„Sind sie aber nicht.“
„Nein. Es ist dieselbe Gesellschaft, die ihren Aufenthaltsort wechselt.“
Hugo sah durch den Raum. Plötzlich betrachtete er auch die Männer im Club anders.
Der Kunde beobachtete ihn.
„Sehen Sie. Der Junge hat es begriffen. Edward, du hast diesmal tatsächlich einen mit Grips ausgegraben.“
„Mit Grips und Mangel an Manieren“, sagte Edward. „Er ist in einem spießigen Haushalt aufgewachsen. Dort hält man Beschränktheit für Anstand und Neid für Moral. Das muss erst aus ihm raus.“
Hugo sah Edward kalt an.
„Ich bin nicht spießig. Ich bin vorsichtig. Das ist etwas anderes.“
„Vorsichtig“, sagte der Kunde lachend. „Das ist das Lieblingswort des deutschen Bürgertums. Man wohnt in seinem Reihenhaus, fährt einen vernünftigen Wagen und erklärt jedem, der mehr besitzt, sein Leben sei oberflächlich.“
„Vielleicht ist es das manchmal.“
„Natürlich. Reiche Menschen können genauso langweilig und dumm sein wie arme. Geld heilt keine Dummheit.“
Edward hob sein Glas.
„Darauf trinke ich.“
Der Kunde fuhr fort.
„Aber darum geht es nicht. Es geht um die Vorstellung, Verzicht sei automatisch eine moralische Leistung. Man kann sich eine Jacht nicht leisten, also erklärt man Jachten für vulgär. Man kommt nicht nach Monaco, also erklärt man Monaco für dekadent. Man bekommt die junge schöne Frau nicht, also muss mit ihr etwas nicht stimmen.“
Hugo dachte an Hamburg. An seinen Vater. An die Küche seiner Eltern. An Sparbücher und daran, was Geld dort bedeutet hatte: Sicherheit. Nicht Freiheit, nicht Möglichkeiten. Sicherheit.
„Also erklärt man das Unerreichbare für unanständig.“
„Exakt.“
Der Kunde hob sein Glas.
Hugo schwieg. Ein Teil von ihm wollte widersprechen. Nicht einmal unbedingt dem Kunden. Eher dem Gedanken, dass die Welt, aus der er kam, tatsächlich so klein gewesen sein könnte.
Ein anderer Teil wusste längst, dass er selbst nicht mehr dorthin zurückwollte.
Edward sah ihn an.
„Da ist er wieder.“
„Wer?“
„Der Blick.“
„Welcher Blick?“
„Der Blick, den du noch immer mit dir herumschleppst. Du siehst eine Jacht, eine Villa oder eine junge Frau neben einem alten Mann und denkst sofort, da stimmt was nicht.“
„Bei den Frauen bestimmt nicht.“
Edward grinste.
„In Cannes klang das noch anders.“
Hugo sah ihn an.
„Ich habe gelernt.“
Der Kunde lachte.
„Sehr vernünftig. Die Frauen haben dieses System übrigens wesentlich schneller verstanden als Sie.“
„Welches System?“
„Die Nachbarschaft.“
Hugo runzelte die Stirn.
Edward lehnte sich zurück.
Hugo runzelte die Stirn.
„Was soll das heißen?“
Edward nahm einen Schluck und stellte sein Glas wieder ab.
„Die gehen dorthin, wo das Geld ist. Glaubst du, eine gute Prostituierte aus Tschechien, Polen oder Russland bleibt irgendwo in ihrer Heimat sitzen und wartet darauf, dass zufällig ein reicher Mann vorbeikommt?“
Hugo sagte nichts. Darüber hatte er tatsächlich noch nie nachgedacht.
„Die Cleveren gehen dahin, wo ihre Kunden sind“, fuhr Edward fort. „Cannes. Monaco. Marbella. Sardinien. Im Winter tauchen sie in den Skiorten auf.“
Der Kunde nickte. „Das Geld reist. Also reisen die Menschen, die daran verdienen wollen, hinterher.“
„Im Grunde sind es Wanderhuren“, sagte Edward trocken.
Hugo musste lachen.
„Das klingt ziemlich mittelalterlich.“
„Ist aber nichts anderes. Nur dass sie heute ins Flugzeug steigen.“
Hugo dachte an Petra und Lenka in Monaco. Selbst deren Auftauchen war vielleicht weniger zufällig gewesen, als er angenommen hatte.
Edward sah ihn an und grinste.
„Wobei ich nach Monaco den Eindruck habe, dass wir beide noch etwas gemeinsam haben.“
„Was?“
„Den Geschmack bei Frauen.“
Hugo verstand, worauf er hinauswollte.
„Die beiden Tschechinnen.“
„Genau.“ Edward hob sein Glas. „Ich mag den slawischen Typ.“
Hugo grinste. „Ich offenbar auch.“
Edward nahm einen Schluck.
„Die Russen haben im Kalten Krieg sowieso einen schweren strategischen Fehler gemacht.“
Hugo sah ihn an.
„Welchen?“
„Sie hätten uns nicht mit Raketen drohen sollen. Sie hätten uns ihre Weiber schicken sollen. Dann wären wir heute wahrscheinlich alle Kommunisten.“
Für einen Moment war es still.
Dann lachte Edward so laut, dass zwei Männer an einem benachbarten Tisch zu ihnen herübersahen.
Der Kunde hob sein Glas.
„Auf die verpassten Möglichkeiten sowjetischer Außenpolitik.“
Sie stießen an. Hugo lachte mit.
Der Kunde stellte sein Glas ab.
„Und jetzt kommen wir zu Ihnen.“
Hugo sah ihn an.
„Was ist mit mir?“
„Sie sind gut.“
Edward verdrehte die Augen.
„Jetzt mach ihn nicht noch eingebildeter.“
Der Kunde ignorierte ihn.
„Sie sehen Dinge früher als andere. Sie analysieren ein Unternehmen, die Bank macht daraus ein Geschäft, Edward verkauft es und jemand wie ich entscheidet, ob er ein paar Millionen hineinsteckt.“
„So einfach ist das nicht.“
„Natürlich nicht.“ Der Kunde lächelte. „Das sagen Verkäufer immer.“
Hugo runzelte die Stirn.
„Ich bin Analyst.“
„Sie sind ein Bankproduktverkäufer in einem guten Anzug.“
Edward grinste.
„Jetzt hast du ihn.“
„Ich verkaufe keine Waschmaschinen.“
„Doch. Ihre Waschmaschinen sind nur erheblich teurer.“
Hugo sah ihn kalt an.
Der Kunde schien das eher zu amüsieren.
„Genau dieser Blick.“
„Welcher Blick?“
„Der, bei dem Sie mir gerade beweisen wollen, dass Sie mehr können.“
Er nahm einen Schluck.
„Das müssen Sie mir nicht beweisen. Das weiß ich bereits.“
Hugo schwieg.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Der Kunde beugte sich etwas vor.
„Ihr Problem ist nicht, dass Sie für eine Bank arbeiten. Ihr Problem ist, dass Sie irgendwann zu gut dafür sein werden, andere mit Ihren Ideen reich zu machen.“
Edward hob sein Glas.
„Mein Analyst gefällt mir da, wo er ist.“
„Noch.“
Edward sah ihn an.
Der Kunde lächelte.
„Der bleibt dir nicht.“
Hugo spürte etwas in der Brust. Stolz, vielleicht. Gleichzeitig ärgerte ihn die Selbstverständlichkeit, mit der der Mann über seine Zukunft sprach.
„Und was mache ich Ihrer Meinung nach?“
„Irgendwann lösen Sie sich von der Bank.“
„Einfach so?“
„Nein. Mit Kapital. Mit Erfahrung. Und wenn Sie klug sind, erst dann, wenn Sie niemanden mehr brauchen, der Ihnen erlaubt, eine Entscheidung zu treffen.“
Er lehnte sich zurück.
„Dann setzen Sie Ihr eigenes Geld auf Ihre eigenen Gedanken.“
Hugo sah ihn an.
Der Kunde hob sein Glas.
„Glauben Sie mir, Voss. Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.“
Edward schüttelte den Kopf.
„Jetzt hast du ihn endgültig verdorben.“
Der Kunde grinste.
„Nein. Der war schon vorher so. Er wusste es nur noch nicht.“
Hugo sagte nichts mehr.
Später im Taxi dachte er noch immer an diesen einen Satz.
Auf dieser Seite des Tisches.
Noch hatte er nicht vor zu kündigen. Es gab keinen Plan für eine eigene Firma, und vor allem fehlte ihm das Kapital.
Aber der Gedanke war da.
Warum sollte er sein Leben lang für eine Bank arbeiten, wenn er irgendwann sein eigenes Geld auf seine eigenen Entscheidungen setzen konnte?