Mara Kapitel
# Kapitel 1
Das Gewicht kam zurück, und Mara drückte es wieder weg. Ihre Füße standen schulterbreit auf der Platte, die Knie gebeugt, der Rücken fest in der Polsterung, und oben, ganz oben, hielt sie einen Moment inne – atmete aus und hielt gegen den Druck.
Unten, ohne abzusetzen, presste sie erneut nach oben. Zwölf Wiederholungen waren angesagt, sie war bei der zehnten, und ihre Oberschenkel begannen zu brennen, dieses warme, ehrliche Brennen, das sie kannte und jeden Morgen aufs Neue suchte.
Das Fitnessstudio war für diese frühe Stunde schon erstaunlich gut gefüllt. Irgendwo hinten klirrte eine Langhantel in ihren Halterungen, ein Mann in grauem Shirt stellte sich mit zwei Kurzhanteln vor den Spiegel, und aus den Lautsprechern drückte sich ein basslastiger Song gegen die hohe Decke, unter der die Lüftungsrohre offen hingen. Der dunkle Gummiboden gab jedem Schritt einen weichen, sauberen Klang. Mara mochte diese Stunde, bevor die Stadt richtig wach wurde – das Klirren, das gedämpfte Atmen, Menschen, die alle dasselbe leise Versprechen hielten.
Sie drückte weiter. Elf. Ihre Atmung ging schneller, der Bauch spannte sich bei jedem Ausatmen an, und unter dem kurzen Sporttop zeigte sich am Brustbein der erste Schweiß. Die schwarze Leggings saß eng an den Beinen, die im Vergleich zu ihrem schmalen Oberkörper immer etwas kräftiger wirkten, als sie es gerne hätte – sie wusste das, sie dachte es jedes Mal bei dieser Übung, und jedes Mal störte es sie ein Stück weniger. Die letzte Wiederholung zitterte ein wenig auf dem Weg; oben angekommen schob sie die Sicherung ein und ließ das Gestell einrasten.
Einen Moment blieb sie sitzen. Ihre Beine waren warm und schwer, die Muskeln brannten noch nach, und sie atmete tief durch, bis sich ihr Atem wieder beruhigte. Dann griff sie nach der Wasserflasche neben dem Handtuch, trank zwei lange Schlücke und tupfte sich den Schweiß von Hals und Gesicht. Eine dunkle Strähne war aus dem festen Zopf gerutscht, den sie fürs Training gemacht hatte; sie steckte sie hinters Ohr. Ihre graugrünen Augen blieben auf nichts Bestimmtes gerichtet, während ihr Herzschlag langsamer wurde – und in dieser kleinen Pause, bevor der Tag begann, war sie ganz bei sich.
Das Handy neben dem Handtuch leuchtete auf. Sie nahm es in die Hand, und im selben Moment schob sich der Anruf über das Display. Charlie.
„Na, da ist sie ja“, sagte Charlie, ganz so, als müsse sie sich nie erst ankündigen. Im Hintergrund klapperte etwas, eine Tür, Schritte. „Liege ich richtig, dass du gerade wieder an so einem Gerät hängst?“
„Beinpresse“, sagte Mara und stand langsam auf. Ihre Beine meldeten sich protestierend und angenehm zugleich. „Und guten Morgen.“
„Es ist sieben Uhr fünfzehn.“
„Dann bist du ja auch schon wach.“
„Ich bin schon wach, weil ich nach meinem Wecker auf dem Weg ins Bad über meinen Schuh gestolpert bin, nicht weil ich freiwillig Sport mache. Andere Menschen machen um diese Zeit einfach die Augen auf. Du denkst: Heute drücke ich mit den Beinen eine Tonne Gewicht von mir weg.“ Charlie machte eine kurze Pause, und Mara hörte das Lächeln darin. „Also. Heute Abend. Essen. Du, ich. Irgendwas Leckeres.“
Mara griff nach ihrem Handtuch und ging langsam weiter, an den Ablagen mit den Kurzhanteln vorbei. „Weißt du, dass du anfängst, deine Abendplanung um sieben Uhr morgens zu klären?“
„Effizient“, sagte Charlie. „Also?“
„Ich weiß noch nicht, wie der Tag läuft. Ich muss vorher ins Büro.“
„Du musst immer vorher ins Büro. Das hat dich noch nie davon abgehalten, abends mit mir essen zu gehen.“ Etwas ratterte im Hintergrund, vermutlich die Kaffeemaschine. „Komm schon. Du bist seit Tagen fertig mit dieser Geschichte über den Rohstoffkonzern. Drei Wochen Genf und jetzt sitzt du wieder in London und hast Zeit wie ein Rentner. Ich brauche Abendessen. Mit dir. Mit Wein.“
Mara musste lachen. „Ich schreibe dir, sobald ich weiß, wann ich wegkomme. Einverstanden?“
„Einverstanden. Und bevor ich es vergesse: Hast du eigentlich schon gehört, wie es bei dir weitergeht?“
„Noch nicht.“ Mara nahm die Wasserflasche wieder in die Hand. „Ich soll heute ins Büro kommen. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Na wunderbar. Dann darfst du dich überraschen lassen.“
„Sieht so aus.“
„Dann erzählst du mir heute Abend, was daraus geworden ist.“
„Wenn es etwas zu erzählen gibt.“
„Mara, wir trinken Wein. Spätestens nach dem zweiten Glas gibt es immer etwas zu erzählen.“ Im Hintergrund klapperte eine Tasse. „Bis später.“
„Bis später.“
„Und Mara?“
„Hm?“
„Nächstes Mal nimmst du mich ins Studio mit.“
Mara blieb stehen. „Du hast gesagt, Sport sei für Leute, die keine Kreativität haben.“
„Ich habe viele Meinungen. Ich muss mich nicht an jede erinnern. Bis heute Abend.“
Mara legte auf, stellte das Handy zurück und schob das letzte Gerät ihres Programms in Position. Sie zog noch einmal vier Sätze durch, konzentriert und ohne lange Pausen, bis ihre Muskeln schwer wurden und der Schweiß ihr zwischen den Schulterblättern hinunterlief. Dann war sie fertig – angenehm erschöpft, genau so, wie sie es nach dem Training mochte.
Mara zog die verschwitzten Trainingssachen aus und trat unter die Dusche. Das heiße Wasser traf ihre noch erhitzte Haut, und sie schloss für einen Moment die Augen. Genau deshalb mochte sie das Training am Morgen: erst die Anstrengung, dann diese wenigen Minuten, in denen ihr Körper langsam wieder zur Ruhe kam.
Sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und ließ das Wasser über Schultern, Brust und Bauch laufen. Ihr schlanker, trainierter Körper war vollständig glatt rasiert – so, wie sie es seit Jahren mochte, ohne noch darüber nachzudenken. Sie kannte jede kleine Eigenheit an sich, auch die kräftigeren Oberschenkel, über die sie sich früher häufiger geärgert hatte. Jetzt spürte sie dort vor allem die angenehme Schwere des Trainings.
Mara griff nach dem Duschgel, verteilte es über die warme Haut und blieb danach noch einen Moment unter dem Wasser stehen. Eine Hand an der gekachelten Wand, das Gesicht im Strahl. Keine Termine, keine Fragen, niemand, der etwas von ihr wollte. Nur diese paar Minuten gehörten ihr.
Dann stellte sie das Wasser ab, trocknete sich ab und griff nach ihren Sachen. Der Tag konnte anfangen.
Die cremefarbene Bluse knöpfte sie weit hinauf, der Ausschnitt blieb dezent. Der dunkle Rock saß eng an der Taille und fiel gerade bis zu den Knien. Vor dem Spiegel löste sie den Zopf, kämmte die langen, dunkelbraunen Haare durch und ließ sie offen über die Schultern fallen. Vom Zopf hatten sie eine leichte Welle behalten. Sie betrachtete sich einen Moment im Spiegel, strich einmal mit den Fingern durchs Haar und war zufrieden. Die High Heels lagen in der Tasche; für den Weg zog sie ihre faltbaren Ballerinas an, klein und leicht, wie sie es mochte.
Draußen war London inzwischen richtig wach. Mara trat aus dem Studio und ging die Straße entlang, vorbei an Menschen mit Kaffeebechern und Kopfhörern, an einem Lieferwagen, der die halbe Fahrbahn blockierte, an zwei Radfahrern, die sich dicht an ihr vorbeischlängelten, und an einem Café, aus dessen offener Tür der Geruch von Espresso und frischem Gebäck auf die Straße zog. Mara kannte den Weg so gut, dass sie kaum noch darauf achten musste, wohin sie ging.
Am Rand einer Seitenstraße stand ihr Käfer. Der alte VW in seinem warmen Braunkupfer, mit runden Scheinwerfern, gewölbter Haube und Chromleisten, wirkte wie aus einem anderen Jahrhundert. Das Cabrio-Verdeck war geschlossen. Mara legte die Tasche auf den Rücksitz und stieg ein. Sie drehte den Schlüssel – und statt des klappernden Ratterns, mit dem so ein Wagen ein Leben lang gestartet war, geschah fast nichts: ein leiser Ton, ein sanftes Leuchten auf dem kleinen, unauffällig eingebauten Display. Dann fuhr sie los, beinahe lautlos. Unter dem alten Blech arbeitete ein Elektromotor. Sie liebte diesen Wagen für genau diesen Widerspruch.
Durch den morgendlichen Verkehr fuhr sie Richtung Fitzrovia, hielt an Ampeln, ließ Busse einfädeln und schob sich zwischen schwarzen Taxis durch die dichter werdenden Straßen. Vor den Bürogebäuden standen die ersten Raucher, an einer Kreuzung wartete ein Mann mit einer großen Zimmerpflanze im Arm, vor einer Bäckerei drängten sich Menschen bis auf den Gehweg. Mara fuhr mit einer Hand am Lenkrad durch das vertraute Durcheinander. Im Innenraum des Käfers roch es nach altem Leder und einem Hauch ihres Parfums.
Das Parkhaus lag fünf Gehminuten vom Büro entfernt. Mara stellte den Käfer ab, nahm ihre Tasche und die High Heels und ging den letzten Abschnitt in den Ballerinas. Inzwischen waren die Gehwege voll, vor den Ampeln sammelten sich Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Das Firmengebäude kannte sie auswendig: die rotbraune Fassade, die Erker, die großen Fenster, diese ältere Eleganz, die von außen nichts davon verriet, wie modern es im Inneren war.
Im hellen Eingangsbereich setzte sie sich auf die kleine Bank, zog die Ballerinas aus, faltete sie zusammen und schlüpfte in ihre High Heels. Die Bewegung gehörte längst zu ihrem Morgen. Vor einer Stunde hatte sie noch verschwitzt in Leggings an der Beinpresse gesessen; jetzt strich sie den Rock glatt, richtete sich auf und ging zum Empfang.
„Morgen, Lucy.“
„Morgen, Mara.“
Mara hielt ihre Karte an den Leser, die elektronische Tür glitt auf, und sie fuhr mit dem Aufzug nach oben. Auf ihrer Etage öffneten sich die Türen zu einem kleinen Vorflur. Dahinter lag die Glastür mit dem Logo. Sie hielt die Karte erneut an den Leser und trat in den hellen, offenen Arbeitsbereich: helle Holzböden, Glaswände zu den Einzelbüros, Schreibtische und Bildschirme. Telefone klingelten, Tastaturen klackerten, irgendwo lief eine Kaffeemaschine.
Zwischen den Schreibtischen kam ihr einer der kleinen humanoiden Büro-Roboter entgegen. Er reichte Mara ungefähr bis zur Hüfte, lief auf zwei Beinen und trug mit beiden Händen eine kleine Ablage mit Unterlagen. Als er sie erkannte, blieb er stehen und hob eine Hand.
„Guten Morgen, Mara.“
„Morgen.“
„Du bist heute drei Minuten zu früh.“
Mara sah ihn an. „Gewöhn dich nicht dran.“
„Ich werde meine Erwartungen entsprechend anpassen.“
Er senkte die Hand und ging mit seinen etwas steifen Schritten weiter.
Emily kam ihr entgegen, blond, den Pferdeschwanz hoch gebunden, das Tablet unter dem Arm, in einem grünen Pullover, der zu ihrem aufgeweckten Gesicht passte. Sie war klein neben Mara und redete schneller, als sie ging.
„Guten Morgen. Sag mir, dass du heute keine schlechte Laune hast, denn ich habe einen Termin mit einer Frau, die ‚nur noch kurz Feedback geben‘ möchte, was immer das heißen soll.“
„Dann wünsche ich dir viel Feedback“, sagte Mara. „Guten Morgen.“
„Sei nicht so.“ Emily deutete mit dem Tablet auf sie. „Du bekommst heute schon mal einen Preis fürs pünktliche Erscheinen.“
„Es ist neun.“
„Pünktlich ist relativ.“ Emily hakte sich bei ihr ein. „Komm. Kaffee, bevor hier jemand etwas von uns will.“
In der kleinen Küche standen schon zwei Kollegen. Einer hatte den Laptop auf der Arbeitsplatte aufgeklappt und fluchte über die Spülmaschine, deren Tür offen stand. Mara grüßte, wechselte ein paar Sätze über das Wetter und die Maschine, die immer noch nicht funktionierte, und lachte über einen Witz, der nicht besonders gut war. Nebenbei bekam sie mit, wer hereinkam, wer nur kurz grüßte und wer stehen blieb, um noch etwas zu erzählen. Sie nahm ihren Kaffee und ging damit an ihren Platz.
Vor zwei Tagen war das letzte Projekt inhaltlich fertig geworden. Was blieb, war Kleinkram, aber Mara mochte es, Dinge ordentlich abzuschließen. Sie ging die letzten Anmerkungen durch, korrigierte eine Dateibezeichnung und kontrollierte, ob alles vollständig im internen System abgelegt war. Dann überarbeitete sie noch eine Fußnote und beantwortete zwei Rückfragen von Kollegen.
Auf dem Schreibtisch lagen noch der Rechercheordner, Ausdrucke mit Bleistiftmarkierungen, ihr Notizbuch und ein paar gedruckte Unterlagen, die niemand mehr brauchte und die sie trotzdem nicht einfach wegwerfen wollte.
Sie holte den kleinen Archivkarton hervor und sortierte alles hinein, Blatt für Blatt, den Rechercheordner zuerst, die Ausdrucke dahinter, das Notizbuch zuletzt. Dann nahm sie eines der weißen Etiketten aus der Schublade und schrieb: GLENMORE RESOURCES – GENF – MAI 2030
Sie klebte es auf den Deckel und stellte den Karton zur Seite. Nach und nach wurde ihr Schreibtisch leerer. Mara mochte diesen Teil. Ein Projekt war für sie erst wirklich abgeschlossen, wenn nichts mehr lose herumlag. Als sie fertig war, standen nur noch ihr Kaffee und der versiegelte Karton auf dem Schreibtisch, bereit fürs Archiv.
Sie lehnte sich zurück und schrieb ihrer Mutter eine kurze Mail. Ob der kommende Sonntag für einen Besuch passe oder der darauf besser sei. Sie fragte, wie weit ihr Vater inzwischen mit dem Garten gekommen war, und versicherte ihr vorsorglich, dass es ihr gut ging und sie genug aß. Ihre Mutter fragte danach zuverlässig, ganz gleich, wie oft Mara ihr dieselbe Antwort gab.
Sie hatte gerade den letzten Satz geschrieben, als sie eine Bewegung neben sich bemerkte.
„Mara. Hast du einen Moment?“
Richard Hale stand neben ihrem Platz. Executive Producer, ruhige Stimme, ordentliches Hemd, die unaufgeregte Art eines Mannes, der selten mehr Worte machte als nötig.
Mara speicherte die Mail als Entwurf, sperrte den Rechner und stand auf.
„Natürlich.“ Sie nahm ihren Kaffee mit.
Richard ging voraus. Mara folgte ihm durch die Etage, vorbei an den Schreibtischen und den gläsernen Einzelbüros. Er sagte nichts darüber, worum es ging, und sie fragte nicht. Erst als er vor einem der größeren Konferenzräume stehen blieb und ihr die Tür aufhielt, wurde sie neugierig.
Der Raum war hell, in der Mitte ein langer Tisch mit gepolsterten Stühlen in Blau, Grau und Orange. Längliche Leuchten hingen darüber, an der Stirnseite nahm ein großer Bildschirm fast die halbe Wand ein. Durch die Glasfront fiel der Blick zurück auf den Flur.
Richard legte Laptop und ein paar Unterlagen ans Kopfende. Mara setzte sich an die Längsseite, nahe bei ihm, und stellte den Kaffee ab. Durch die Glasscheibe sah sie Emily kommen, ein paar Schritte hinter ihr Daniel Mercer und Sophie Grant. Emily mit ihrem Tablet, Sophie mit einem Notizbuch unter dem Arm. Fast gleichzeitig kamen sie herein und begrüßten die anderen.
„Schau an“, sagte Emily und ließ sich neben Mara nieder. „Konferenz. Hat jemand Kekse mitgebracht?“
„Du hast gefrühstückt wie ein Scheunendrescher“, sagte Daniel, zog einen Stuhl heran und setzte sich ihnen gegenüber.
Sophie legte ihr Tablet auf den Tisch, nahm einen Stuhl weiter Platz und nickte Mara kurz zu.
Mara ließ den Blick über die Runde gehen. Emily. Daniel. Sophie. Richard am Kopfende. Jetzt verstand sie auch, warum Richard sie ohne weitere Erklärung hierhergebracht hatte. Das war keine kurze Besprechung. Hier wurde ein Team zusammengesetzt.
Nur wofür, wusste sie noch nicht.
Dann wurde es still, und alle sahen zu Richard.
Richard sah einen Moment über den Tisch, eine dieser kurzen Pausen, die er gern machte, bevor er etwas Wichtiges sagte. Dann begann er: „Gut. Ich mach’s kurz, bevor wir in die Einzelheiten gehen. Wir haben ein neues Dokumentationsprojekt. Und es ist keins, das man in vier Wochen nebenbei dreht. Das hier wird uns deutlich länger beschäftigen.“
Er machte eine kleine Pause.
„Das Thema ist Hugo Voss.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Mara kannte ihn. Natürlich kannte sie ihn. Jeder im Raum kannte den Namen Hugo Voss.
Richard sah in die Runde. „Ich nehme an, ich muss keinem von euch erklären, wer er ist.“
Emily stieß ein kurzes Lachen aus. „Nein. Aber der Ordnung halber: der Mann mit den dreihundertsechsundsiebzig Milliarden.“
„Laut Forbes“, sagte Richard. „Fünfundfünfzig Jahre alt, lebt auf Jersey und verlässt die Insel seit Jahren nicht mehr. Öffentlich sieht man ihn kaum noch. Geschäftlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Investor, Unternehmer und einer der bekanntesten Shortseller der Welt. Hinzu kommen Beteiligungen an Pharma- und Biotechnologieunternehmen, daneben Telekommunikation, Internet und Technologie. Große Engagements in den USA und Asien, dazu Südamerika, Panama und die Karibik.“ Er warf einen kurzen Blick auf seine Unterlagen. „Und ein Modehaus nebenbei.“
„Ein Modehaus nebenbei“, wiederholte Emily. „War das nicht die Kette mit dieser Body-Positivity-Geschichte?“
Mara sah sie an. „Was für eine Geschichte?“
„Dass Voss da irgendwie seine Finger im Spiel gehabt haben soll. Die Marke bekam immer mehr Probleme, wurde immer weniger wert — und irgendwann hat er sie billig gekauft.“
„Du meinst, er hat das absichtlich gemacht?“
Emily hob die Schultern. „Das war jedenfalls das Gerücht.“
Richard sah sie an. „Das ist nie bewiesen worden.“
Emily hob eine Braue. „Natürlich nicht.“
„Eine Kreuzfahrtgesellschaft hat er auch“, sagte Daniel. „Die verdient auffällig gutes Geld. Unter anderem, weil sie ihre Passagiere auf eine eigene Insel bringt. Landgang, Essen, Bars, Shops, Ausflüge – ein großer Teil dessen, was die Leute dort ausgeben, bleibt im Unternehmen.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Das fand ich damals, als ich darüber gelesen habe, fast beeindruckender als das Vermögen.“ Die Logistik dahinter.“
„Der Neffe ist allerdings deutlich schnuckeliger als der Onkel“, sagte Sophie und tippte kurz auf ihr Tablet. „Philipp. Fünfunddreißig und selbst schon Milliardär.“
„Der führt inzwischen einen Teil der Geschäfte“, sagte Richard.
Emily sah zu Sophie. „Und er ist verheiratet.“
Sophie hob den Blick vom Tablet. „Ich habe gesagt, dass er schnuckelig ist. Nicht, dass ich ihn heiraten will.“
„Der Onkel ist fünfundfünfzig“, sagte Emily. „Für einen Mann ist das kein Alter. Für Milliarden auch nicht.“
„Und dann ist da noch der Mythos, der ihn an den Finanzmärkten seit Jahrzehnten begleitet“, sagte Richard.
Sophie sah auf. „Woher weiß er immer, was als Nächstes passiert?“
Mara nahm einen Schluck Kaffee. „Vielleicht weiß er es gar nicht. Vielleicht liegt er einfach verdammt oft richtig.“
Richard sah zu ihr. „Bestes Beispiel: September 2001. Voss hatte große Shortpositionen auf Fluggesellschaften aufgebaut. Kurz vor dem Elften.“
Daniel lehnte sich zurück. „Und dann fliegen zwei Maschinen ins World Trade Center und die Kurse brechen ein.“
„Später gab es dieselben Fragen wieder“, sagte Sophie. „Zum Beispiel beim amerikanischen Immobilienmarkt.“
„Genau“, sagte Richard. „Irgendwann fiel eben auf, dass Voss erstaunlich oft richtig positioniert war.“
Daniel hob eine Hand. „Aber bei den Airlines reden wir nicht über irgendeinen normalen Börsentreffer. Tage bevor Flugzeuge in die Türme fliegen. Wer macht so etwas?“
„Genau deshalb hat sich das FBI für ihn interessiert“, sagte Mara. „Damals wurde auch seine Verbindung nach Hamburg geprüft, im Zusammenhang mit Atta. Gefunden haben sie offenbar nichts.“
„Aber hängen geblieben ist der Verdacht“, sagte Richard.
Emily sah zwischen ihnen hin und her. „Und seitdem fragt sich jeder, ob der Mann einfach verdammt gut ist oder Dinge weiß, die andere nicht wissen.“
Mara nickte leicht. „Und genau das sollten wir ihn fragen, statt es für ihn zu beantworten.“
Richard nickte langsam. Dann wechselte er die Richtung.
„So weit das öffentliche Bild. Es gibt noch einen zweiten Teil.“ Er sah in die Runde. „Bellaventra.“
Emily pfiff leise durch die Zähne. Sophie legte das Tablet vor sich auf den Tisch.
„Bellaventra ist sein Anwesen auf Jersey“, sagte Richard. „Vor mehr als zwanzig Jahren wurde bekannt, dass es weit mehr ist als eine Villa. Das Haus ist mit fest installierten Kameras ausgestattet. Gefilmt wird praktisch rund um die Uhr, und aus dem Material wird eine kommerzielle Produktion gemacht. Es wird gesichtet, geschnitten, vermarktet und verkauft.“
Daniel nickte. „Ach ja. Diese Adult-Produktion. Das angebliche Big-Brother-Haus.“
„Genau das. Die Frauen, die dort leben, sind vertraglich engagierte Darstellerinnen“, fuhr Richard fort. „Und diese Verträge regeln ziemlich genau, worauf sie sich einlassen.“
Mara nahm den Kaffeebecher in beide Hände.
Richard sah kurz zu ihr, dann wieder in die Runde. „Und dann kommt der Punkt, der die Sache damals so groß gemacht hat: Voss ist nicht nur Eigentümer des Hauses und Produzent. Er steht selbst vor den Kameras. Er ist der männliche Protagonist.“
Daniel zog die Brauen hoch. „Voss selbst?“
„Voss selbst.“
Sophie lehnte sich etwas vor. „Und genau das macht die Konstruktion so ungewöhnlich. Auf dem Papier bezahlt da nicht einfach ein Milliardär Frauen dafür, mit ihm zu schlafen. Die Produktion engagiert Darstellerinnen, und Voss ist selbst Teil dieser Produktion.“
Emily runzelte die Stirn. „Das war doch um 2010 herum, oder? Dieser ganze Skandal mit den Frauen und den Visa. Ich erinnere mich noch, dass das damals überall in den Medien war.“
„2007“, korrigierte Richard sie. „Und mit den Visa fing es erst richtig an. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Kameras, Sex und einen Milliardär auf Jersey, sondern darum, wie die Frauen überhaupt auf die Insel kamen und unter welchen Bedingungen sie dort arbeiteten.“
Daniel nickte. „Und ob diese Produktionsfirma tatsächlich eine Produktionsfirma war oder nur eine ziemlich aufwendige Konstruktion für Voss’ Privatleben.“
„Genau das war der Vorwurf“, sagte Richard.
„Wie weit gehen die Kameras?“, fragte Mara.
Sophie zog eine Augenbraue hoch. „Es hieß damals: fast überall. Ich erinnere mich an diese Geschichte – waren die nicht sogar auf den Toiletten?“
„Das war ein Gerücht“, sagte Daniel. „Auf den Toiletten selbst wohl nicht. Aber fast überall sonst.“
Mara stellte sich vor, in einem Haus zu leben, in dem jederzeit irgendwo ein Objektiv auf sie gerichtet sein konnte. Beim Frühstück, auf dem Sofa, auf dem Weg ins Bad. Nie ganz vergessen zu können, dass man gesehen wurde.
„Fürchterlich“, sagte sie. „Ich würde da keine zwei Tage aushalten.“
Richard verschränkte die Hände auf dem Tisch. „Die Vorwürfe gingen damals weit. Ausbeutung, später fiel im Umfeld der Berichterstattung auch der Begriff Menschenhandel. Ermittlungen gab es. Nachweisen ließ sich das nicht. Die Frauen waren volljährig, hatten Verträge unterschrieben und wurden bezahlt. Sein Umfeld hat immer gesagt: freiwillige polyamore Lebensgemeinschaft, professionelle Produktion, keine Opfer.“
„Und die Frauen selbst?“, fragte Mara.
„Die meisten haben öffentlich gar nichts gesagt. Aber 2017 und 2018 meldeten sich zwei ehemalige Bewohnerinnen zu Wort. Eine aus Omsk, eine aus St. Petersburg. Beide haben ihre Zeit dort ausgesprochen negativ beschrieben. Die Abgeschlossenheit, die Regeln, die Kameras.“
„Und das fiel genau in die Epstein-Zeit“, sagte Daniel.
Richard nickte. „Deshalb wurden die Geschichten in der Öffentlichkeit teilweise miteinander vermischt.“
„Gab es irgendeine Verbindung zwischen Voss und Epstein?“
„Keine, die je belegt wurde“, sagte Richard. „Keine gemeinsamen Geschäfte, keine nachgewiesenen Treffen, keine Verbindung zu seinem Kreis. Die Namen landeten nebeneinander, weil die Debatten ähnliche Themen berührten: sehr reiche Männer, junge Frauen, Macht und die Frage nach Freiwilligkeit.“
Sophie sah zu Richard. „Aber die Amerikaner waren doch auch jahrelang hinter ihm her.“
„Ja“, sagte Richard. „Sie wollten seine Auslieferung. Es wurde ermittelt, es gab jede Menge Vorwürfe, seine Anwälte haben dagegengehalten. Am Ende hatten die Amerikaner nicht genug in der Hand. Voss wurde nicht ausgeliefert.“
„Und er darf Jersey verlassen?“, fragte Mara.
„Jederzeit. Er steht nicht unter Hausarrest, es gibt kein Reiseverbot. Er tut es nur seit Jahren nicht mehr.“
Emily schüttelte leicht den Kopf. „Dafür sieht man ihn erstaunlich selten. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich zuletzt ein aktuelles Foto von ihm gesehen habe.“
Richard nickte. „Und dann gibt es noch etwas.“ Er sah kurz auf seine Unterlagen. „Etwas, das damals nicht öffentlich geworden ist.“
Die anderen sahen ihn an.
„Während der Ermittlungen haben amerikanische Stellen offenbar versucht, eine Frau gezielt in Voss’ Umfeld zu bringen. Die Idee war simpel: über sie näher an ihn heranzukommen. An seinen inneren Kreis. Vielleicht auch an die Frage, woher seine Informationen kamen.“
Daniel sah ihn an. „Eine Informantin?“
„Eher ein trojanisches Pferd.“
Mara stellte den Kaffee ab. „Und? Hat es funktioniert?“
„Es ist schiefgegangen. Sein Sicherheitsapparat hat die Frau entdeckt, bevor sie wirklich an ihn herankam. Wie genau, weiß ich nicht.“
„Woher weißt du das?“, fragte Mara.
Richard sah sie an. „Du, ich mach den Job schon ein bisschen länger.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Ich kenne Leute.“
Mara sah ihn noch einen Moment an, ließ es dann aber dabei.
Daniel schüttelte langsam den Kopf. „Die Amerikaner müssen ziemlich besessen von ihm gewesen sein.“
„Sagen wir, einige Behörden haben sich sehr lange und sehr intensiv für ihn interessiert“, sagte Richard.
Emily lehnte sich zurück. „Also haben wir einen Milliardär, bei dem sich seit Jahrzehnten das FBI, Wertpapierhändler und die Presse fragen, woher er seine Informationen bekommt, dazu Bellaventra und einen Mann, der Jersey seit Jahren nicht mehr verlässt und den trotzdem kaum noch jemand zu Gesicht bekommt.“ Sie sah Richard an. „Und was genau sollen wir daraus machen?“
„Eine Dokumentation.“ Richard deutete auf die Unterlagen vor sich. „Die Firma fragt seit Jahren bei Bellaventra an. Zugang zum Anwesen, Interviews mit Voss, den Frauen, seinem Umfeld. Die Antwort war jedes Mal nein.“
Er machte eine kurze Pause.
„Diesmal haben sie zugesagt.“
Sophie sah ihn an. „Warum?“
„Ich weiß es nicht.“
Emily lehnte sich etwas zurück. „Nach der Geschichte mit dem Modehaus frage ich mich allerdings, was er diesmal davon hat.“
„Und das macht dir keine Sorgen?“, fragte Mara.
Richard zuckte die Schultern. „Ich stelle keine Fragen, die ich nicht stellen muss. Wir fragen seit Jahren. Wir bekommen immer ein Nein. Jetzt bekommen wir ein Ja. Ich werde diese Tür nicht mit Fragen wieder zumachen.“
„Was genau heißt denn ‚Ja‘?“
„Ein persönliches Interview mit Voss ist garantiert. Mehrere Stunden. Dazu bekommt ihr Zugang zu Bellaventra. Das Anwesen selbst ist zugesagt.“
Mara richtete sich etwas auf. Jetzt wurde es interessant. Seit Jahren versuchten Journalisten, an diesen Mann und in dieses Haus heranzukommen – und plötzlich stand die Tür offen.
„Wie weit reicht der Zugang?“
„Das klärst du mit Bondi.“
„Bondi?“
„Valentina Bondi. Seine Pressesprecherin. Sie sitzt auf der Isle of Man, nicht auf Jersey. Sie ist deine organisatorische Ansprechpartnerin. Ich lege dir die Kontaktdaten und alles, was wir über sie haben, in die Akte.“
„Und die Frauen in Bellaventra? Können wir mit ihnen sprechen?“
„Noch nicht geklärt. Ob und wer vor die Kamera will, wird sich zeigen.“
Mara nickte. „Und außerhalb von Bellaventra? Mitarbeiter, Führungskräfte, ehemalige Bewohnerinnen, Leute aus seinem früheren Umfeld?“
„Darfst du alle anfragen.“
„Ohne vorher über Bondi zu gehen?“
„Ja.“
Mara sah ihn einen Moment an. „Das ist mehr Freiheit, als ich erwartet habe.“
„Desto besser für uns.“
Daniel sah zwischen den beiden hin und her. „Darf ich raten, wer nach Jersey fährt?“
Richard sah Mara direkt an. „Du übernimmst die Recherche. Du fährst.“
Mara brauchte einen Moment, bis der Satz wirklich angekommen war.
Hugo Voss. Bellaventra. Zugang zu einem Mann, an den seit Jahren kaum jemand herankam.
Sie konnte das Lächeln nicht verhindern.
„Okay“, sagte sie.
Richard grinste leicht. „Du darfst dich ruhig freuen.“
„Tue ich.“
Und das tat sie. Nicht nur ein bisschen. So einen Auftrag bekam man nicht jeden Tag.
Richard sah wieder auf seine Unterlagen. „Zeitrahmen. Zwei Wochen Jersey, danach drei Wochen für die anderen Stationen. Anschließend noch einmal drei Wochen Recherche.“
„Acht Wochen?“
„Offiziell.“ Richard sah sie an. „Ich weiß ja, dass es bei dir grundsätzlich länger dauert.“
„Ich bin schnell.“
„Das sagst du jedes Mal.“
Emily grinste in ihren Kaffee. Sophie notierte etwas.
Mara dachte an die beiden ehemaligen Frauen – Omsk, St. Petersburg –, an die Namen, die Richard genannt hatte, und daran, wie viele weitere auftauchen würden, sobald sie anfing, die Geschichte auseinanderzunehmen.
„Die Produktion selbst“, sagte Richard, „ist ein Sechsteiler. Sechs Folgen à fünfundvierzig Minuten. Für einen Streamingdienst. Die Struktur steht noch nicht endgültig, aber am Ende brauchen wir um die hundert Stunden Material.“
„Und davon bekommen wir ein paar Stunden mit Voss.“
„Garantiert“, sagte Richard. „Was du darüber hinaus aus ihm herausbekommst, liegt bei dir.“
Mara verzog leicht den Mund. „Kein Druck.“
Richard grinste. „Dafür schicke ich dich.“
Ein paar Minuten später war die Besprechung zu Ende.
Am Nachmittag saß Mara wieder an ihrem Platz. Sie hatte die Akte inzwischen durchgesehen und blätterte noch einmal zum Register mit den Kontakten. Dort fand sie die Nummer der Bellaventra Group auf der Isle of Man. Keine Handynummer, keine Durchwahl. Abgeschirmt, auch das. Sie wählte.
Zweimal Klingeln.
„Bellaventra Group, guten Tag.“
„Guten Tag. Mara Winter von Northbridge Films. Ich würde gern mit Valentina Bondi sprechen.“
„Einen Augenblick bitte.“
Eine kurze Stille, ein leises Signal, nichts, das sich wie eine Warteschleife anfühlte. Mara sah auf den gehefteten Steckbrief in der Akte – ein Foto, ein paar Zeilen, nicht mehr – und wartete.
Dann:
„Bondi.“
Knapp, ruhig, eine Stimme, die keine Zeit mit Höflichkeiten verbrachte und trotzdem nicht unfreundlich klang.
„Guten Tag. Mara Winter von Northbridge Films. Wir haben noch nicht miteinander gesprochen, aber Sie wissen vermutlich, warum ich anrufe.“
„Ms Winter.“ Ein minimaler Wechsel in ihrer Stimme, keine Überraschung. „Ich habe mit Ihrem Anruf gerechnet.“
„Dann sparen wir uns die Vorstellung“, sagte Mara. „Ich habe die Unterlagen durchgesehen. Wir planen einen Sechsteiler, sechs mal fünfundvierzig Minuten. Dafür brauche ich mehr als ein paar Stunden mit Herrn Voss.“
„Das werden Sie bekommen, soweit es sich einrichten lässt.“
„Und Zugang zu seinem Umfeld. Mitarbeiter, Führungskräfte, andere Personen, die mit ihm arbeiten.“
„Sie können anfragen, wen Sie möchten. Ob die Leute mit Ihnen sprechen, entscheiden sie selbst.“
Mara hielt kurz inne. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Das ist mehr Offenheit, als ich erwartet hatte.“
„Ich versuche, vernünftig zu sein, Ms Winter.“ Diesmal glaubte Mara, ein leichtes Lächeln in ihrer Stimme zu hören. „Ich schlage vor, Sie kommen zunächst auf die Isle of Man. Hier sitzt ein großer Teil der Organisation. Ich zeige Ihnen, wie Herrn Voss’ Welt funktioniert. Danach geht es weiter nach Jersey.“
„Nicht direkt nach Jersey?“
„Nein. Erst zu mir.“
„Gut.“ Mara griff nach einem Stift. „Dann buche ich Flug und Hotel und melde mich, sobald ich weiß, wann ich ankomme.“
„Wann können Sie?“
Mara hielt mit dem Stift über dem Papier inne. „In ein paar Tagen.“
„Dann kommen Sie in ein paar Tagen.“
„So einfach?“
„So einfach.“
Mara wartete einen Moment. Auf einen Terminplan, Bedingungen, irgendeinen Satz mit aber. Nichts kam.
„Eine Sache verstehe ich noch nicht“, sagte sie.
„Welche?“
„Mein Chef sagt, er fragt seit Jahren an. Immer Absagen. Warum jetzt?“
Einen Moment blieb es still.
„Das sollten Sie Herrn Voss fragen.“
„Das werde ich.“
„Gut.“
„Sie wissen es auch.“
Bondi schwieg einen Moment. „Kommen Sie erst einmal auf die Isle of Man, Ms Winter.“
Mara wartete auf einen Zusatz, auf eine Einladung, nachzufragen. Sie kam nicht. Also ließ sie es gut sein – ein Thema, das man am Telefon nicht erwürgen konnte, einfach aufgeschoben, nicht aufgegeben.
„Bis dann“, sagte sie.
„Wir erwarten Sie.“
Nach dem Auflegen saß sie noch einen Moment da, das Telefon in der Hand, die Akte vor sich. Ihr Blick fiel auf das eingeprägte Logo von Northbridge Films auf dem Deckel. Dann tippte sie die Adresse in den Browser: bellaventragroup.com. Sie gab Valentina Bondis Namen ein, und wenige Sekunden später erschienen ihr Foto und ihre Biografie auf dem Bildschirm.
Eine Frau mit dunklem Haar, den Blick direkt in die Kamera gerichtet und ein Lächeln, als sähe sie jemanden an, den sie mochte.
Valentina Bondi, Italienerin aus Mailand, Direktorin der Konzernkommunikation und persönliche Pressesprecherin von Hugo Voss. Sie vertrat ihn in der Öffentlichkeit, während Hugo selbst keine Fernsehinterviews gab. Nachrichtensendungen, Talkshows, Diskussionsrunden – wenn seine Person, seine Unternehmen oder seine Stiftungen öffentlich zum Thema wurden, saß häufig Bondi vor den Kameras. Italienisch war ihre Muttersprache; Englisch, Französisch und Deutsch sprach sie fließend.
Mara öffnete einen zweiten Tab und gab ihren Namen in die Suchmaschine ein. Die Treffer kamen sofort. Ausschnitte aus Nachrichtensendungen, Interviews, Talkshows. Sie klickte auf eines der Videos.
Bondi saß einem Moderator gegenüber, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände ruhig im Schoß. Die Fragen kamen schnell, eine davon deutlich schärfer als die vorherige. Bondi ließ ihn ausreden, lächelte kurz und antwortete ohne Zögern. Als er nachsetzte, wich sie der Frage nicht aus. Sie beantwortete genau den Teil, den sie beantworten wollte, und ließ den Rest liegen.
Mara rückte unwillkürlich näher an den Bildschirm. Am Telefon hatte sie die ruhige Stimme bemerkt. Jetzt sah sie, was dahintersteckte. Kein Zögern, kein Suchen nach Worten. Selbst als der Moderator sie unterbrach, veränderte sich Bondis Gesicht kaum.
Mara öffnete ein zweites Video. Anderer Sender, anderes Thema, diesmal auf Französisch. Bondi wirkte genauso ruhig wie im ersten. Ein dritter Ausschnitt war auf Deutsch. Wieder dieselbe Sicherheit.
Mara spürte ein leichtes Ziehen im Magen. In ein paar Tagen würde sie dieser Frau gegenübersitzen, und plötzlich erschien ihr das erste Gespräch auf der Isle of Man weniger wie ein freundliches Kennenlernen als noch vor zehn Minuten. Gleichzeitig reizte sie genau das. Sie merkte, dass sie lächelte.
Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Bondi wusste nicht nur, wie man Fragen beantwortete. Sie wusste auch, wie man entschied, welche Antwort der andere bekam.
Mara sah noch einmal auf das angehaltene Bild.
Das konnte interessant werden.
Vor einer Stunde war ihr Tag noch ein normaler gewesen – Kaffee, Karton, eine halbe Mail an ihre Mutter. Jetzt stand der Karton fertig beschriftet neben ihrem Monitor, und in wenigen Tagen würde sie auf die Isle of Man fliegen, Valentina Bondi gegenübersitzen und von dort irgendwann weiter nach Jersey, zu Hugo Voss.
Ihr Puls war noch immer schneller, als er sein musste; sie spürte ihn im Hals, ein leichtes Kribbeln in den Handflächen. Erst jetzt begriff sie das Ausmaß dessen, was vor ihr lag: sechs Folgen, ein Mann, den die Welt seit dreißig Jahren kannte und nicht kannte, und sie sollte ihm ein Bild abnehmen, das niemand bisher bekommen hatte. Ihre Reise, ihre Recherche – und die Verantwortung dafür lag bei niemandem außer ihr.
Sie schloss die Videos und öffnete die Buchungsseite. London nach Isle of Man. Ein Hotel in Douglas, zentral, drei Nächte, verlängerbar. Flug und Hotel waren schnell gefunden.
Dann suchte sie nach der Weiterreise nach Jersey.
Mara runzelte die Stirn. Direkt ging es an ihrem Tag nicht. Zurück nach London, dort umsteigen und wieder hinaus nach Jersey. Zwei Inseln, die auf der Karte nicht besonders weit voneinander entfernt lagen, und trotzdem würde sie für die Strecke einen halben Reisetag brauchen.
Sie probierte eine andere Verbindung, dann noch eine. Es wurde nicht besser.
Schließlich buchte sie beide Flüge und das Hotel. Für Jersey suchte sie sich anschließend ein Airbnb. Acht Wochen waren zu lang, um sie in einem Hotelzimmer zu verbringen, und da Jersey ohnehin der Mittelpunkt ihrer Recherche sein würde, wollte sie dort eine eigene Basis haben. Sie sah sich einige Angebote an, entschied sich für eine Wohnung und buchte sie für die gesamten acht Wochen, mit der Option, den Aufenthalt bei Bedarf zu verlängern. Wenig später landeten die Bestätigungen in ihrem Postfach.
Mara lehnte sich zurück und sah auf die Mails, dann auf den Karton neben ihrem Monitor.
Vor wenigen Stunden hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass sie wieder verreisen würde.
Bei dem Gedanken zog sich ihr Magen zusammen. Die letzte Reise lag gerade erst hinter ihr. Sie presste für einen Moment die Lippen aufeinander und strich mit dem Daumen über die Kante ihres Telefons.
Wie bringe ich das Oliver bei?
Plötzlich war die Freude über den Auftrag nicht mehr ganz so leicht. Sie wollte diese Reise. Natürlich wollte sie sie. Aber sie wollte nicht schon wieder fort.
Mara atmete langsam aus, nahm das Telefon in die Hand und legte es gleich wieder hin.
Noch nicht.
Der Käfer stand vor dem Büro in der Abendsonne, und Mara war froh über das Verdeck. Sie knöpfte es auf, schob es zurück und ließ es im Heck versenken. Der Maiabend war mild, die Luft noch warm vom Tag, an den Häusern blühten die ersten Blumenkästen. Sie fuhr los, und der Elektromotor trug sie fast lautlos durch die Straßen, während der Wind ihr durch die offenen Haare fuhr.
Charlie wartete schon vor dem Restaurant. Mara sah sie, noch bevor sie den Wagen zum Stehen gebracht hatte – man übersah Charlie selten. Sie stand mit der Tasche auf der Schulter und dem Telefon in der Hand da, das lange, hellbraune Haar im Abendlicht, das schmale Gesicht nach der Straße gerichtet. Sie trug einen auffälligen Rock und eine kurze Jacke darüber. Als sie den Käfer kommen sah, steckte sie das Telefon weg und winkte mit beiden Armen.
„Erstens: Du siehst aus wie jemand, der einen guten Tag hatte“, sagte Charlie als Gruß, noch bevor Mara richtig ausgestiegen war. Ihre braunen Augen musterten Maras Gesicht mit der Geschwindigkeit einer, die alles in zwei Sekunden erfasste. „Zweitens: Ich habe einen Tisch. Drittens: Ich verhungere. Also komm.“
Sie setzten sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Charlie warf einen kurzen Blick in die Karte, bestellte für beide ein Glas Wein und legte sie beiseite. Kaum war die Bedienung gegangen, sah sie Mara an.
„Also, raus damit“, sagte Charlie. „Was ist es geworden?“
Mara hob eine Braue. „Woher weißt du, dass es etwas geworden ist?“
„Weil du sonst nicht so aussehen würdest. Und jetzt erzähl.“
Mara nahm ihr Glas und trank einen Schluck. „Sie haben mir einen Auftrag gegeben.“
„Und?“
„Eine Dokumentation. Ein Sechsteiler. Für einen Streamer.“
Charlie stellte ihr Glas ab. „Ein Sechsteiler? Mara, das ist ja großartig. Genau so etwas wolltest du doch immer.“
Mara konnte das Lächeln nicht zurückhalten.
„Nein, wirklich.“ Charlie beugte sich über den Tisch. „Du hast schon große Sachen gemacht, aber sechs Folgen allein in deiner Verantwortung? Das ist noch mal eine andere Nummer.“ Sie strahlte sie an. „Über wen?“
„Hugo Voss.“
Charlie blinzelte. Dann lachte sie kurz, als suche sie den Witz und fände ihn nicht. „Hugo Voss? Ist das nicht der Typ mit seinem Harem auf Jersey?“
„Wenn du seine Leute fragst, ist es kein Harem.“
„Natürlich nicht.“ Charlie griff wieder nach ihrem Glas. „Und du darfst da wirklich rein?“
„Offenbar.“
„Nach Jersey?“
„Erst auf die Isle of Man. Danach Jersey.“
„Wie lange?“
Mara zögerte einen Moment. „Zwei Wochen auf Jersey. Danach ungefähr drei Wochen Recherche an den Orten, an denen er gelebt hat. Die Locations ansehen, mit Leuten sprechen, die ihn von damals kennen. Und anschließend noch einmal drei Wochen zurück nach Jersey.“
Charlies Glas blieb auf halbem Weg zu ihrem Mund stehen. „Moment. Acht Wochen?“
„Ungefähr.“
„Du bist gerade erst wieder nach Hause gekommen.“
Mara senkte den Blick auf ihr Glas und fuhr mit dem Finger langsam über den Rand. Als sie die Wärme in ihren Wangen spürte, zog sie die Schultern ein wenig zusammen. „Ich weiß.“
„Und jetzt bist du gleich wieder zwei Monate weg?“
„Sieht so aus.“
Charlie sah sie einen Moment länger an. „Und was sagt Oliver dazu?“
Mara nahm einen Schluck Wein. „Noch gar nichts.“
„Du hast es ihm noch nicht erzählt?“
„Ich hab den Auftrag heute Morgen bekommen. Ich erzähl's ihm heute Abend.“
Charlie verzog leicht den Mund. „Das wird ihm nicht gefallen.“
„Mir gefällt es auch nicht.“
„Der Auftrag schon.“
„Der Auftrag schon.“ Mara drehte das Weinglas langsam zwischen den Fingern. „Acht Wochen weg nicht.“
Charlie nickte. „Er wird stolz auf dich sein.“
Mara sah sie an.
„Und er wird dich vermissen wie verrückt“, fuhr Charlie fort. „Du ihn genauso. Aber ihr liebt euch, und ihr kriegt das hin.“
Mara lächelte, doch für einen Moment wurde ihr eng in der Brust. Sie wusste, dass Charlie recht hatte. Trotzdem tat allein die Vorstellung weh, Oliver schon wieder für Wochen zurückzulassen.
Charlie musterte sie kurz. Dann grinste sie. „Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß. Und versuch, den Neffen zu treffen. Der sieht verdammt gut aus.“
Mara sah sie an. „Charlie.“
„Was denn? Ich hab doch nur was gesagt.“ Charlie lachte.
Mara wollte die Augen verdrehen, musste aber mitlachen. Die Anspannung löste sich aus ihren Schultern, und plötzlich fühlte sich der Abend wieder leicht an.
Danach ließen sie das Thema liegen. Sie bestellten noch etwas zu trinken, redeten über andere Dinge, und irgendwann war aus dem milden Maiabend ein später Abend geworden.
Auf dem Weg zum Auto schickte Mara Oliver eine kurze Sprachnachricht. „Bin auf dem Weg nach Hause. Bis gleich.“
Sie fuhr durch den milden Abend, das Verdeck geschlossen, während die Lichter der Stadt an ihr vorbeizogen. Im Radio lief ein alter Song, bei dem sie halblaut mitsang, obwohl sie nicht einmal wusste, woher sie ihn kannte. Es war ein guter Abend gewesen. Ein sehr guter.
Zu Hause stellte sie den Käfer ab und ging die Treppen hoch. In der Wohnung war es still und warm; die Balkontür stand angelehnt, und mit der Abendluft kamen die gedämpften Geräusche der Stadt herein.
Oliver saß noch am Schreibtisch. Auf dem großen Monitor vor ihm war der Grundriss eines Hauses geöffnet, daneben Reihen von Maßen, Berechnungen und kleinen Anmerkungen. Das bläuliche Licht des Bildschirms fiel von der Seite auf ihn und zeichnete die schmalen, markanten Züge seines Gesichts nach, den gepflegten kurzen Bart und die blaugrauen Augen. Sein dunkelblondes Haar trug er kurz, seine breiten Schultern zeichneten sich unter dem Hemd ab. Groß, schlank, sportlich – und noch immer musste Mara ihn manchmal nur ansehen, um dieses vertraute Ziehen tief in ihrem Körper zu spüren. Daran hatte sich seit dem Tag, an dem sie ihn kennengelernt hatte, nichts geändert.
Als er sie hörte, drehte er sich zu ihr um. Sein Blick blieb an ihr hängen, und langsam breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
Mara spürte sofort diese vertraute Wärme in der Brust.
Genau deshalb würde das Gespräch gleich nicht leicht werden.
„Hey“, sagte er. „Wie war’s?“
„Gut. Sehr gut.“ Sie hängte die Jacke auf, stellte die Tasche ab und zog die High Heels aus – und stellte sie ordentlich neben die Tasche, wie sie es immer tat. Dann hob sie die Sporttasche auf und trug sie Richtung Bad.
Sie war sich seiner Blicke bewusst, als sie durch die Wohnung ging. Oliver betrachtete sie, still und offen, so wie er es seit zwei Jahren immer wieder tat – und sie wusste genau, was ihm dabei durch den Kopf ging, und es gefiel ihr.
„Was?“, fragte sie, ohne stehen zu bleiben.
„Nichts.“
„Du guckst.“
„Darf ich nicht?“
Sie lächelte. „Hab ich nicht gesagt.“
Im Bad warf sie die Sportkleidung in den Wäschekorb und wusch sich die Hände. Im Spiegel sah sie sich kurz an – die Haare etwas wild, die Augen hell –, ließ den Rock fallen, zog die Strumpfhose aus, die sie den ganzen Tag getragen hatte, und ließ auch sie im Bad zurück.
Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, trug sie nur noch die cremefarbene Bluse, oben einen Knopf geöffnet, die Ärmel hochgeschoben, dazu ihre Unterwäsche. Barfuß, mit nackten Beinen. Keine Show, keine Verführung. Ihre Wohnung, Oliver am Schreibtisch, ihr Leben.
Oliver sah vom Monitor zu ihr auf.
„Willst du noch ein Glas?“, fragte er.
„Gern. Ein halbes.“
Er stand auf und ging in die offene Küche. Mara setzte sich währenddessen aufs Sofa und zog die Beine an. Oliver holte zwei Weingläser aus dem Schrank, nahm die Flasche und kam zurück. Er stellte beides auf den Couchtisch und schenkte ihr ein halbes Glas ein, sich selbst etwas mehr.
Dann setzte er sich neben sie.
Mara nahm ihr Glas, streckte die Beine aus und legte sie über seinen Schoß. Oliver legte eine Hand auf ihren nackten Unterschenkel. Seine Finger bewegten sich langsam über ihre Haut, beinahe beiläufig, und gerade deshalb mochte sie es.
„Ich hab heute meinen neuen Auftrag bekommen“, sagte sie.
„Und?“
Sie erzählte es ihm. Nicht alles – nicht die Konferenz, nicht die Akte, nicht die Skandale, die er ohnehin aus den Medien kannte. Nur das, was für sie beide etwas verändern würde: der Sechsteiler, der Streamer, die Recherche. Erst zwei Wochen Isle of Man, dann drei Wochen Jersey, später noch andere Stationen und schließlich noch einmal drei Wochen Jersey.
Während sie sprach, strich sein Daumen immer wieder über dieselbe Stelle an ihrem Bein. Mara spürte jede dieser kleinen Bewegungen. Sie kannte seine Hände inzwischen so gut, dass sie manchmal glaubte, schon vorher zu wissen, wie er sie berühren würde. Und trotzdem genoss sie es jedes Mal.
„Acht Wochen?“, fragte er.
„Nicht acht Wochen am Stück. Zwei, dann drei, dann drei.“
Sie beobachtete ihn von der Seite. Einen Moment lang hatte sie das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, obwohl es nichts zu rechtfertigen gab.
Oliver schwieg kurz. Seine Hand blieb auf ihrem Bein.
„Das ist groß“, sagte er schließlich. „Das ist wirklich groß, Mara.“
„Ich weiß.“
Mara lächelte. Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es neben ihres auf den Couchtisch.
Dann rückte sie näher.
Oliver musste nichts fragen. Seine Hand glitt von ihrem Unterschenkel über ihr Knie, blieb an ihrer Taille liegen, und Mara beugte sich zu ihm und küsste ihn.
Der erste Kuss war weich. Vertraut. Sie spürte den Wein auf seinen Lippen und seine Hand an ihrer Taille, die sie näher zu ihm zog. Mara legte ihre Finger in seinen Nacken und küsste ihn noch einmal, länger diesmal.
Etwas Warmes zog durch ihren Körper.
Sie mochte diese Selbstverständlichkeit zwischen ihnen. Dass sie nicht darüber nachdenken musste, ob sie ihn berühren durfte, wie nah sie ihm kommen konnte oder was ein Kuss bedeutete. Sie konnte einfach zu ihm rutschen, seine Wärme spüren und sich von ihm halten lassen.
Und sie mochte noch immer, was seine Nähe mit ihr machte.
Mara ließ ihre Beine von seinem Schoß gleiten, drehte sich zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß, die Beine zu beiden Seiten seiner Hüften. Oliver legte die Hände an ihre Taille.
Für einen Moment küsste sie ihn nicht. Sie blieb dicht vor ihm sitzen und sah ihm in die Augen. Dieses vertraute Kribbeln zog wieder durch sie, stärker jetzt, und sie spürte, wie seine Hände sie ein wenig näher an sich zogen.
Dann küsste sie ihn wieder.
Diesmal wollte sie den Kuss nicht gleich beenden.
Ihre Hand lag an seinem Hals, und sie fühlte seinen Puls unter ihrer Handfläche und die Wärme dort. Ihre Finger strichen über das weiche Haar hinter seinem Ohr, das sich leicht wellte. Ein feiner Schauer lief ihr über den Rücken. Sie kannte diese Stelle an ihm, kannte das Gefühl seiner Haut unter ihren Fingern, und trotzdem war da jedes Mal wieder dieses kleine Kribbeln, sobald sie ihm so nah war.
Sie öffnete die obersten Knöpfe seines Hemdes. Erst einen, dann den nächsten. Oliver ließ sie machen, sah sie dabei an, und allein dieser Blick ließ Wärme in ihr aufsteigen. Als sie den Stoff weiter auseinanderschob, half er ihr und streifte das Hemd über die Schultern.
Mara legte beide Hände auf seine Brust.
Seine Haut war warm unter ihren Handflächen. Sie kannte seinen Körper, hatte ihn unzählige Male berührt, wusste, wie er sich anfühlte, und trotzdem wollte sie ihn jedes Mal aufs Neue mit den Händen entdecken. Er war schlank und fest, die Schultern breiter als ihre, und sie fühlte, wie sich sein Brustkorb unter ihren Händen hob und senkte. Sie ließ die Fingerspitzen langsam über seine Haut gleiten und spürte seinen Atem darunter.
Seine Finger fanden die Knöpfe ihrer Bluse.
Er öffnete den ersten.
Mara sah auf seine Hände.
Dann den zweiten.
Langsam, einen nach dem anderen.
Sie hätte ihm helfen können. Tat es aber nicht. Sie blieb sitzen und beobachtete seine Finger.
Der nächste Knopf öffnete sich.
Der feine Stoff glitt ein Stück weiter auseinander, und kühle Luft strich über die frei werdende Haut. Gleich darauf spürte sie seine warmen Fingerspitzen. Der Gegensatz jagte ihr einen Schauer über den Körper.
Noch ein Knopf.
Das leise Ziehen in ihrem Bauch, das sie kannte und das trotzdem jedes Mal neu kam, wurde stärker.
Mara atmete tiefer ein.
Sein Blick lag auf ihr, während er den nächsten Knopf öffnete. Sie bemerkte genau, wie er sie ansah, und statt verlegen zu werden, hob sie das Kinn ein wenig und ließ ihn ihr zusehen.
Es gefiel ihr.
Es gefiel ihr sogar sehr.
Sie kannte sein Begehren, kannte die Art, wie sich sein Blick veränderte, wenn er sie wollte. Und trotzdem löste dieses Wissen jedes Mal wieder Wärme in ihr aus. Sie fühlte sich schön, wenn er sie so ansah. Begehrt. Weiblich.
Als der letzte Knopf offen war, blieb seine Hand einen Moment an ihrer Taille liegen.
Mara spürte die Wärme seiner Finger auf ihrer Haut.
Etwas zog tief durch ihren Bauch.
Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn.
Seine Hände glitten an ihre Taille, ihre fanden wieder seinen Nacken. Der Kuss war zunächst weich, vertraut, doch Mara wollte schnell mehr davon. Sie rückte näher an ihn heran und spürte seine nackte Brust an sich, seine Wärme, seinen Atem. Ihre Finger schoben sich in sein Haar.
Das Kribbeln wurde stärker.
Sie küsste ihn noch einmal, länger diesmal, und merkte, wie die Ungeduld in ihr wuchs.
Oliver fasste sie an der Taille, zog sie fest an sich und stand mit ihr auf. Mara schlang die Arme um seinen Nacken und die Beine um seine Hüfte, während er sie an sich hielt.
Mara lachte überrascht gegen seinen Mund.
„Oliver.“
Er grinste und trug sie aus dem Wohnzimmer.
Mara ließ ihn.
Mehr noch – sie mochte es. Moch die Selbstverständlichkeit, mit der er sie hielt, seine Arme um sie, seine Kraft, die Wärme seines Körpers so dicht an ihrem. Sie zog ihn wieder zu sich und küsste ihn, während er sie in den halbdunklen Flur trug.
Im Flur war es nur halb hell.
Oliver blieb mit ihr an der Wand stehen. Maras Rücken berührte die Wand, während er sie noch immer hielt und ihre Hände sich in seinem Nacken vergruben.
Sie küsste ihn wieder.
Diesmal verschwand das Lachen schnell.
Ein heißer Schauer lief ihr über den Rücken, als seine Hände sie fester hielten. Sie spürte ihr Herz schneller schlagen und musste trotzdem noch einmal kurz gegen seinen Mund lachen.
Weil sie hier schon hundertmal gestanden hatten.
An dieser Wand. In diesem Flur. Auf dem Weg ins Schlafzimmer.
Und es nutzte sich einfach nicht ab.
Der Gedanke durchfuhr sie fast ebenso stark wie seine Berührung.
Zwei Jahre.
Und noch immer wollte sie ihn so.
Noch immer konnte eine Hand an ihrer Taille, ein Kuss an dieser verdammten Wand reichen, damit ihr Körper sofort wusste, was er wollte.
Oliver löste sich von der Wand und trug sie weiter durch den dunklen Flur.
Mara küsste seinen Hals. Sie spürte seinen Puls unter ihren Lippen und bemerkte sofort, wie sich sein Atem veränderte.
Das gefiel ihr.
Sie tat es noch einmal.
Ihre geöffnete Bluse glitt dabei von einer Schulter. Mara zog den Arm heraus, dann den anderen, und ließ sie einfach fallen.
Irgendwo im Flur blieb sie liegen.
Es war ihr vollkommen egal.
Im Schlafzimmer setzte Oliver sie auf dem Bett ab.
Mara ließ sich zurücksinken und zog ihn sofort zu sich über sich. Seine Hände stützten sich links und rechts neben ihren Schultern ab, sein Gewicht lag halb auf ihr, warm und vertraut.
Sie strich über seine Schultern, über seinen Rücken, über die Stellen, die sie blind fand. Unter ihren Händen fühlte sie die Muskeln sich bewegen, wenn er sich bewegte, und wieder lief dieses warme Kribbeln durch sie.
Sein Atem ging an ihrem Hals entlang, dann sein Mund.
Mara schloss die Augen.
Ein Schauer jagte über ihre Haut, und sie bog sich ihm entgegen, nicht geduldig, sondern fordernd. Sie wollte ihn näher. Wollte seine Hände, seine Wärme, wollte mehr von diesem Gefühl, das längst durch ihren ganzen Körper zog.
Sie spürte, wie er darauf antwortete – langsamer zuerst.
Fast absichtlich.
Das machte sie nur ungeduldiger.
Ihre Finger schlossen sich in seinem Haar.
„Oliver…“
Sie musste nicht mehr sagen.
Er kannte diesen Ton.
Und sie kannte jede seiner Reaktionen. Sie benutzte dieses Wissen: wo ihre Hand ihn am Rücken berühren musste, damit er den Atem anhielt; wie sie ihren Körper unter ihm drehen musste, damit seine Hand genau dorthin glitt, wo sie sie haben wollte; wann ihre Finger sich in seinem Nacken schließen mussten, um ihn näher zu ziehen.
Er kannte sie genauso.
Genau das liebte sie daran.
Sie musste nichts erklären. Wenn ihr Atem stockte, bemerkte er es. Wenn sie sich ihm entgegenbog, verstand er. Wenn ihre Finger ihn fester hielten, wusste er, dass sie mehr wollte.
Kein Abarbeiten – jede Berührung kam aus der vorherigen, und die nächste wuchs aus dieser.
Ihre Finger in seinem Haar am Nacken, ziehend, als sie ihn enger wollte. Seine Hand an ihrer Hüfte, haltend, als es schneller wurde.
Mara spürte seine Lust an seiner Haut, an seinem Atem, an der Spannung seines Körpers, an der Art, wie er ihren Namen sagte.
Und jedes Mal durchfuhr es sie.
Ihre eigene Erregung stieg mit jeder seiner Bewegungen. Wärme zog durch ihren Körper, sammelte sich, wurde stärker, bis die Gedanken an alles andere langsam verschwanden.
An den Auftrag.
An die Isle of Man.
An Jersey.
An die Wochen, die vor ihr lagen.
Nichts davon war jetzt wichtig.
Es gab nur seine Haut an ihrer, seinen Atem, seine Hände und dieses vertraute, überwältigende Gefühl, ihm so nah zu sein.
Sie zog ihn enger an sich und ließ sich darin fallen, Haut gegen Haut, Atem gegen Atem, bis nichts mehr übrig war als dies.
Und lange danach blieben sie noch eng beieinander liegen.
Maras Herz schlug noch schnell. Ihr Atem wurde nur langsam ruhiger, und die Wärme wich allmählich aus ihrem Körper. Sie ließ ihre Fingerspitzen über seinen Rücken gleiten, diesmal ohne Ungeduld, langsam und beinahe gedankenverloren.
Und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie genau das bald für Wochen nicht haben würde.
Der Gedanke zog kurz und unangenehm durch ihre Brust.
Sie würde ihn vermissen.
Nicht nur beim Frühstück oder abends, wenn sie irgendwo allein in einem Hotelzimmer lag. Das hier würde ihr fehlen. Seine Wärme. Seine Berührungen. Das Gefühl, einfach nach ihm greifen zu können.
Sie schob den Gedanken fort.
Noch war sie hier.
Später lagen sie nebeneinander im Bett, das Fenster einen Spalt offen, die milde Nacht draußen. Mara lag mit dem Kopf an seiner Schulter, sein Arm um sie. Ihre Hand ruhte auf seiner Brust und spürte den ruhigen Rhythmus seines Atems.
Oliver strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Mara sah kurz zu ihm hoch.
„Wann fliegst du eigentlich?“, fragte er.
„In ein paar Tagen.“
Er nickte.
Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Sein Atem wurde langsamer, sein Arm lag warm um sie, und sie rückte ein wenig näher an ihn.
Die nächsten Wochen würden anders sein als ihr gewohnter Alltag – das wussten beide, und keiner sprach es aus.
Mara freute sich auf den Auftrag. Daran hatte sich nichts geändert. Sie wollte diese Geschichte, wollte reisen, recherchieren, herausfinden, was hinter all dem steckte.
Aber jetzt wusste sie auch, was ihr fehlen würde.
Er.
Heute Abend lagen sie noch nebeneinander in ihrer gemeinsamen Wohnung, und zwischen ihnen war alles in Ordnung.
Mara schloss die Augen und schlief ein.