Mara Kapitel
Mara Ilse Of Man
Der Abschied lag noch ein paar Tage vor ihnen. Genug Zeit, dachte Mara, und wusste gleichzeitig, wie schnell solche Tage vergingen.
Am nächsten Morgen begannen sie.
Richard Hale rief sie am dritten Tag noch einmal zu sich. Kein Team, keine Konferenz — nur er und sie in einem der kleinen Besprechungsräume, der Laptop halb zugeklappt vor ihm, zwei Kaffeebecher auf dem Tisch, von denen er seinen nicht angerührt hatte.
„Ich habe noch einmal mit dem Streamingdienst gesprochen“, sagte er. „Die haben inzwischen ziemlich klare Vorstellungen.“
„Welche?“
„Die wollen nicht erst bei dem Milliardär anfangen.“ Richard tippte mit einem Finger auf den Tisch. „Nicht London, nicht Monaco, nicht Bellaventra und davor fünf Minuten Vergangenheit. Sie wollen seine Entwicklung. Von Anfang an.“
Mara lehnte sich zurück. „Wie weit zurück?“
„Ganz zurück. Kindheit, Jugend, Familie. Wo er herkommt. Was ihn geprägt hat. Die ersten Entscheidungen, die ersten Erfolge, die ersten Fehler. Sie wollen verstehen, wie aus Hugo Voss Hugo Voss geworden ist.“
„Und was heißt das konkret für mich?“
Richard sah sie einen Moment an.
„Dass dein Auftrag gerade größer geworden ist.“
Mara hob eine Braue.
„Die sechs Folgen bleiben“, sagte er. „Aber die fünfundvierzig Minuten nicht.“
„Wie viel?“
„Eine Stunde.“
Mara sah ihn an. „Pro Folge?“
„Pro Folge.“
„Die haben uns gerade anderthalb Stunden zusätzlich bestellt.“
„Sieht so aus.“
„Einfach so?“
Richard lehnte sich zurück. „Offenbar haben sie begriffen, dass man ein ganzes Leben nicht zwischen Vorspann und Abspann zusammenquetschen sollte.“
Mara musste lächeln. „Großzügig.“
„Freu dich nicht zu früh. Die zusätzliche Zeit müssen wir auch füllen.“
„Mit ihm.“
„Mit seiner Entwicklung“, sagte Richard. „Nicht sechs Stunden Vermögen, Yachten, Unternehmen und Bellaventra. Sie wollen den Weg dahin. Den Jungen, den jungen Mann, die Entscheidungen, die ihn weitergebracht haben, die Menschen um ihn herum. Und irgendwann den Hugo Voss, den heute jeder zu kennen glaubt.“
Mara schwieg einen Moment.
„Das ist eine andere Geschichte.“
„Ja“, sagte Richard. „Deshalb haben sie uns mehr Zeit gegeben.“
„Und wie weit soll ich gehen?“
„So weit, wie er dich lässt.“ Richard sah sie an. „Du machst nicht vor seinem Privatleben halt. Nicht vor den Frauen, nicht vor den Beziehungen, soweit er darüber redet. Nicht vor dem, was die Leute denken, wenn sie den Namen hören. Wenn wir am Ende nur wissen, wie er Milliarden verdient hat, haben wir die falsche Dokumentation gemacht. Ich will wissen, warum dieser Mann so geworden ist.“
Mara dachte an die Akte auf ihrem Schreibtisch, an die beiden Frauen, von denen Richard gesprochen hatte, an die Fotos, die sie noch nicht gesehen hatte.
„Fang früh an“, sagte Richard. „Bevor das Geld da war. Bevor irgendjemand den Namen Hugo Voss kannte.“
Sie nickte. Sechs Folgen. Sechs Stunden. Sein ganzes Leben. Und irgendwo darin, auf Jersey, saß der Mann selbst und wartete auf Fragen, die andere ihm nicht stellten.
Sie spürte dieses leichte Ziehen im Magen, das sie kannte — nicht von der Aufgabe, sondern von der Aussicht darauf.
Die Tage danach füllten sich mit Arbeit, aber längst nicht mehr nur mit der Art von Arbeit, die am Schreibtisch blieb. Mara las abends am Küchentisch, den Laptop vor sich, und morgens fuhr sie ins Büro, telefonierte, ordnete, suchte Namen und Verbindungen, und abends saß sie wieder am selben Tisch und sah Bilder an.
Bilder von Hugo Voss, aus Jahrzehnten, die sie nie nebeneinander betrachtet hatte.
Ein junger Hugo in London, beinahe schmächtig, mit einem Gesicht, das noch nicht wusste, was es werden wollte. Ein späterer Hugo in Monaco, gebräunt, teuer gekleidet, eine Sonnenbrille, die er nicht brauchte. Hugo zwischen Männern in Anzügen, immer nahe dem Zentrum, nie ganz in der Mitte — sie bemerkte das erst jetzt, beim dritten, vierten Blick: Er stand nie dort, wo die Kamera ihn erwartete.
Hugo auf einem Boot irgendwo vor einer Küste, eine Frau lachend neben ihm, seine Hand auf ihrer Taille — beiläufig, vertraut, ohne dass eines von beiden für das Foto posierte.
Und auf einem anderen Bild eine Blonde, die nicht in die Kamera lächelte, sondern zu ihm hoch. Er sah ebenfalls nicht in die Kamera, sondern zu ihr herunter. Was zwischen beiden auf dem Papier lag, war nichts, was man hätte beweisen können — und genau deshalb blieb Maras Blick daran hängen.
Sie zoomte hinein.
Nicht auf die Frau.
Auf seine Hand. Auf die Art, wie sie an ihr lag. Auf den Abstand zwischen ihren Körpern, der keiner war.
Das sieht nicht aus wie eine Frau, die dort nur für ein Foto steht.
Mara zoomte wieder heraus und betrachtete das ganze Bild.
Es war das erste Foto, auf dem sie nicht Hugo Voss sah.
Sondern einen Mann mit einer Frau, die ihm offenbar etwas bedeutet hatte.
Sie kannte die Regeln ihres Berufs: Ein einzelnes Foto bewies fast nichts. Und trotzdem erzählten viele Fotos zusammen manchmal etwas. Sie schloss das Bild und öffnete die nächste Akte. Aber die Frage blieb, und sie stellte sie sich in den Tagen immer häufiger. Nicht wie viele Frauen. Sondern warum diese Frauen bei ihm waren, wie sie sich neben ihm verhielten — und warum fast keine von ihnen je ein Wort an die Presse verkauft hatte.
Sehr reicher Mann, sehr viele Frauen, Geld, Macht, Sex. Damit ließ sich schnell eine Geschichte bauen. Mara merkte zunehmend: Für eine gute Dokumentation reichte diese Erklärung nicht.
Einmal, am späten Nachmittag, klingelte ihr Handy auf dem Schreibtisch, mitten in einem Artikel aus dem Jahr 2009. Olivers Nummer.
„Was ist?“
„Nichts“, sagte Oliver. „Komm heute nicht wieder um neun.“
„Ich versuche es.“
„Das heißt nein.“
Sie lächelte auf den Bildschirm, auf dem gerade noch Hugo Voss bei einer Preisverleihung zu sehen gewesen war. „Ich ruf an, wenn ich losfahre.“
„Mach das.“
Nach dem Auflegen blieb sie einen Moment sitzen, die Hand auf dem warmen Display. Der Mann, den sie liebte, hatte gerade angerufen, weil er sie zu Hause haben wollte. Vor ihr auf dem Bildschirm lag das Leben eines anderen Mannes, in das sie in den kommenden Wochen immer tiefer eindringen sollte.
Für einen Herzschlag wurde ihr bewusst, wie unterschiedlich diese beiden Welten waren. Oliver war ihr Leben. Hugo Voss war ihre Arbeit.
Noch war die Grenze zwischen beidem vollkommen klar.
Am dritten Abend rief sie Hanna Dvořáková an.
Die Nummer hatte sie mühsam zusammengetragen — alte Artikel, ein halb vergessenes Interview, eine Anmerkung in Hugos Akte. Nach dem dritten Klingeln meldete sich eine ruhige, ältere Stimme.
„Dvořáková.“
Mara stellte sich vor. Mara Winter, Northbridge Films, die Dokumentation, der Zugang — sie sprach fast zwei Minuten, ohne unterbrochen zu werden. Sie erklärte, dass es nicht nur um das Unternehmen gehe, nicht um die alten Skandale, sondern um Verständnis. Hanna hörte einfach zu, und das Schweigen am anderen Ende war so vollständig, dass Mara einmal aufs Display schaute, um sicherzugehen, dass die Verbindung noch stand.
Dann sagte Hanna: „Was wollen Sie von mir wissen?“
Die Frage kam ruhig. Keine Überraschung, keine Nervosität. Nur die Stimme einer Frau, die fünfundachtzig Jahre alt war und offenbar keinen Grund sah, sich von einer Journalistin zu irgendetwas drängen zu lassen.
„Ich möchte verstehen, wie Hugo Voss damals war“, sagte Mara. „Nicht das, was später über ihn geschrieben wurde. Sie kannten ihn zu einer Zeit, über die heute fast nur noch andere sprechen.“
„Das ist lange her.“
„Gerade deshalb rufe ich Sie an.“
Einen Moment blieb es still.
„Und was machen Sie mit dem, was ich Ihnen erzähle?“
„Ich möchte erst einmal mit Ihnen sprechen“, sagte Mara. „Was davon später in der Dokumentation landet, entscheiden wir, wenn wir wissen, was Sie zu erzählen haben.“
„Und wenn ich Ihnen nichts erzählen möchte?“
„Dann würde ich Sie vermutlich fragen, warum.“
Ein kleines Geräusch am anderen Ende, das beinahe ein Lachen gewesen sein konnte.
„Sie sind hartnäckig.“
„Das gehört leider dazu.“
„Leider?“
Mara lächelte. „Für die Menschen, die ich anrufe.“
Diesmal war das leise Lachen eindeutig.
„Frau Dvořáková, ich weiß, dass Sie Hugo Voss viele Jahre kannten. Die Frauen, die er—“
„Nein.“
Keine Schärfe. Nur eine feste, ruhige Grenze.
Mara hielt inne. „Haben Sie Angst vor ihm?“
„Vor Hugo?“ Hanna schwieg einen Augenblick. „Nein.“
„Warum dann?“
„Weil manches einem nicht gehört, nur weil man davon weiß.“
Mara sagte nichts.
„Wenn Hugo möchte, dass ich mit Ihnen darüber spreche, soll er mir das sagen“, fuhr Hanna fort. „Wenn Sie seine Zustimmung haben, können Sie mich noch einmal anrufen.“
Danach saß Mara noch eine Weile am Küchentisch, das Telefon neben dem Laptop. Draußen wurde es dunkel. Hanna hatte ihr fast nichts erzählt. Und trotzdem hatte Mara jetzt mehr Fragen als vorher.
Sie notierte einen einzigen Satz:
Spricht nur mit seiner Zustimmung?
Würde Hugo zustimmen? Würde er einer Frau, die ihn seit Jahrzehnten kannte, tatsächlich erlauben, mit Mara über Dinge zu sprechen, die offenbar nie für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen waren?
Und wenn ja: Warum?
Warum jetzt?
Die Frage, die ihr seit Richards Anruf nachging, bekam mit jedem Tag mehr Gewicht. Sie ließ sie liegen, wo sie lag, und spürte trotzdem, wie sie wuchs.
Die Suche nach weiteren Frauen nahm einen guten Teil der verbleibenden Zeit ein. Alte Fotos, Bildunterschriften, Veranstaltungsberichte. Dieselbe Frau auf drei Bildern aus drei Jahren. Ein Vorname in einem Artikel, ein Nachname in einem anderen, ein Ort, der beides verband. So entstand eine Identität, langsam, wie eine Silhouette im Nebel — und Mara bemerkte, dass sie bei der Arbeit aufging, dieses Zusammensetzen, dieses Herantasten. Gute Arbeit fühlte sich so an.
Und dann passierte das Gegenteil von Hanna.
Mara hatte inzwischen beinahe automatisch Zurückhaltung erwartet, wenn sie am Telefon den Namen Hugo Voss aussprach. Diesmal hörte sie das Lächeln, bevor sie die Worte verstand. Eine Stimme, in der der Name nichts Unangenehmes auslöste — keine Bitterkeit, keine Schärfe. Vielleicht sogar ein hörbares Vergnügen.
„Sie wollen wissen, ob ich es bereue“, sagte die Frau.
Mara hielt den Stift über ihrem Notizbuch. „Bereuen Sie es?“
„Nein.“ Eine Pause, in der das Lächeln breiter wurde. „Überhaupt nicht.“
„Was war an ihm?“
„Er hörte zu.“ Die Frau überlegte nicht lange; sie schien die Antwort zu kennen wie einen Weg. „Er war aufmerksam. Man wusste immer, woran man war. Und er hat keine falschen Versprechungen gemacht. Das klingt banal. Es ist es nicht.“
Mara notierte. „Sie wissen, wie die Geschichte über ihn üblicherweise erzählt wird.“
„Natürlich.“ Ein leises Lachen. „Sehr reicher Mann, sehr viele Frauen, Geld, Macht, Sex. Sie glauben wahrscheinlich, wir mussten alle überredet werden.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Nein“, sagte die Frau. „Aber Sie haben es gedacht.“
Mara ließ es durchgehen, weil es stimmte. Sie vereinbarten ein richtiges Gespräch für später, und als Mara auflegte, lehnte sie sich zurück und sah auf ihre Notizen.
Hanna wusste viel und schwieg. Diese Frau wusste auch etwas — und klang beinahe, als freue sie sich darauf, darüber zu reden. Zwei Frauen, zwei völlig unterschiedliche Reaktionen. Aber keine von beiden klang wie jemand, der Hugo Voss hasste. Zwei Frauen bewiesen nichts, das wusste sie. Trotzdem ertappte sie sich dabei, dass sie nicht mehr nur wissen wollte, was für ein Mann Hugo Voss war, sondern wie es gewesen war, mit ihm zu leben.
Was genau hatte sie nicht bereut?
Mara fing sich selbst dabei. Das war nicht die Frage gewesen, die sie stellen wollte. Noch nicht. Aber natürlich war es eine Frage.
Es gab noch zwei andere Namen in ihren Unterlagen. Zwei Frauen, die öffentlich ganz anders über Hugo gesprochen hatten.
Die eine lebte in Omsk. Mara brauchte mehrere Anläufe, bis sie überhaupt eine aktuelle Nummer fand. Als sie schließlich durchkam und erklärte, wer sie war und weshalb sie anrief, entstand am anderen Ende eine lange Pause.
„Nein“, sagte die Frau schließlich.
„Sie möchten nicht mit mir sprechen?“
„Nicht über ihn.“
„Sie haben früher öffentlich über ihn gesprochen.“
„Das ist lange her.“
„Genau deshalb würde ich gern—“
„Nein.“
Diesmal war das Wort endgültig.
Mara versuchte es nicht noch einmal. Sie bedankte sich und legte auf.
Die Frau aus Sankt Petersburg reagierte anders.
Sie wusste sofort, von wem Mara sprach.
„Hugo Voss?“
„Ja.“
Ein kurzes, trockenes Lachen.
„Was wollen Sie hören?“
„Wie die Zeit mit ihm für Sie war.“
„Fürchterlich.“
Mara nahm den Stift. „Warum?“
„Weil der Mann manipulativ und selbstsüchtig ist.“
„Sie haben eine Zeit lang bei ihm gelebt.“
„Ja.“
„Und für ihn gearbeitet?“
„Ja.“
Mara ließ einen Moment verstreichen. „Was genau meinen Sie mit manipulativ?“
„Bei Hugo ging es immer um Hugo. Was er wollte. Wann er es wollte. Wie er es wollte. Und wenn man lange genug in seiner Nähe war, fing man irgendwann an, sich danach zu richten.“
„Hat er Sie zu etwas gezwungen?“
„Nein.“ Die Antwort kam sofort. „So einfach war es nicht.“
„Was war es dann?“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Er hat mich kaputtgemacht.“
Mara schrieb den Satz auf. „Was meinen Sie damit?“
„Genau das, was ich gesagt habe.“
„Können Sie mir erklären, wie?“
„Nein.“
Mara wartete, aber die Frau sagte nichts mehr dazu.
„Würden Sie das auch vor der Kamera sagen?“
„Vielleicht.“
„Wovon hängt das ab?“
„Davon, ob Sie wirklich wissen wollen, wie er ist. Oder ob Sie nur einen Film darüber machen wollen, wie reich und faszinierend Hugo Voss ist.“
„Das weiß ich erst, wenn ich mit allen gesprochen habe. Auch mit ihm.“
Wieder dieses trockene Lachen.
„Dann fragen Sie ihn.“
Nach dem Gespräch legte Mara ihre Notizen nebeneinander.
Hanna schwieg. Eine andere Frau hatte beinahe gelacht, als Mara sie fragte, ob sie ihre Zeit mit Hugo bereue. Die Frau aus Omsk wollte nicht mehr über ihn sprechen. Und die aus Sankt Petersburg nannte ihn manipulativ und selbstsüchtig und sagte, er habe sie kaputtgemacht.
Vier Frauen. Vier Reaktionen.
Und noch immer wusste Mara nicht, welche davon Hugo Voss am nächsten kam.
Vielleicht alle.
Vielleicht keine.
Sie zog einen Strich unter ihre Notizen.
Sie würde ihn selbst fragen müssen.
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An einem der letzten Abende vor ihrer Abreise kochten sie zusammen.
Oliver liebte Kochen, und Oliver liebte es, mit ihr zu kochen — was für Mara beinahe eine Form der Zuneigung gewesen wäre, hätte sie ihn nicht geliebt. Sie hasste es: das Schneiden, das Vorbereiten, das Warten, mehrere Töpfe gleichzeitig, das Aufräumen danach — diesen ganzen Apparat, um etwas zu erreichen, das jedes Restaurant effizienter erledigte. Aber Oliver stellte ihr ein Brett hin, legte drei Paprika daneben und ein Messer, und sie schnitt, weil sie wusste, dass ihm genau das etwas bedeutete: dass sie es gemeinsam taten.
Die Küche wurde warm, der Herd dampfte, etwas zischte in der Pfanne. Oliver bewegte sich in diesem Raum wie jemand, der ihn besaß — griff ohne nachzudenken, würzte nach Gefühl, stellte ihr ein Weinglas hin, ohne sie zu fragen.
„Du schneidest die Paprika, als hätte sie dir was getan“, sagte er.
„Hat sie. Sie zwingt mich zum Kochen.“
Oliver lachte, kam hinter ihr zum Herd, und seine Hand blieb eine Sekunde an ihrer Taille, während er mit der anderen nach dem Salz griff. Sein Körper streifte ihren Rücken, warm und vertraut, und sie lehnte sich, kaum merklich, einen Zentimeter gegen ihn, bevor er sich wieder von ihr löste. Ein Kuss im Vorbeigehen, auf den Nacken. Nichts davon war eine Show. Es war ihr Leben, und ihr Körper kannte es besser als ihr Kopf.
Später hielt er ihr den Löffel hin. „Probier.“
Sie probierte. „Schmeckt nach Essen.“
„Du bist beim Kochen wirklich eine Bereicherung.“
„Ich weiß.“
Er sah sie an, dieses warme, leicht verschmitzte Lächeln, und sie dachte daran, dass sie bald weg sein würde. Sie würden telefonieren, sie würde schreiben, und es würde trotzdem fehlen — nicht das Kochen. Er. Seine Hand an ihrer Taille. Seine Stimme direkt hinter ihrem Rücken. Sie würde sogar diesen Unsinn vermissen, das gemeinsame Gemüseschneiden, an dem genau einer von beiden Freude hatte.
Es gab Dinge, die man für jemanden tat, obwohl man sie selbst nicht mochte. Nicht aus Pflicht. Sondern weil sein Vergnügen daran plötzlich wichtiger war als der eigene Widerwille. Sie sah ihn einen Moment an, wie er konzentriert etwas umrührte, kannte diesen Ausdruck, kannte diesen Mann — und ließ den Gedanken zu, ohne ihn auszusprechen.
Später, im Bett, fragte Oliver, den Arm hinter dem Kopf: „Und? Hast du deinen Milliardär inzwischen verstanden?“
„Überhaupt nicht“, sagte Mara. „Je mehr ich lese, desto weniger.“
Oliver grinste. „Freut mich für dich. Wäre ja auch langweilig.“
Sie rutschte zu ihm, er legte den Arm um sie, und sie schlief ein mit seinem Atem an ihrem Haar. Genau das, dachte sie im Halbschlaf, würde ihr fehlen: nicht die Stadt, nicht das Bett — die Selbstverständlichkeit, mit der er mitten in der Nacht nach ihr griff.
Packen war für Mara Routine. Sie hatte es für Dienstreisen dutzende Male gemacht, wusste, was wohin gehörte, was ins Handgepäck musste und was sie ohnehin nie brauchen würde. Normalerweise brauchte sie dafür kaum länger als eine halbe Stunde.
Diesmal lag trotzdem eine Unruhe darin, die sie nicht recht einordnen konnte.
Die Isle of Man war die erste Station, weitere würden folgen, und der Koffer wurde zu schwer, bevor er halb voll war. Blusen, Businesskleidung, Schuhe, Kosmetik, Laptop, Ladegeräte — sie legte Dinge aufs Bett, nahm etwas weg, legte es wieder dazu. Dinge, über die sie sonst nicht einmal nachdachte, nahm sie zweimal in die Hand.
Irgendwann betrachtete sie den Koffer und wusste: Das ist zu viel.
Sie packte trotzdem weiter.
Oliver hob den Koffer probeweise an und ließ ihn wieder sinken.
„Der ist zu schwer.“
„Ich weiß.“
„Dann nimm was raus.“
„Nein.“
„Mara. Auf der Isle of Man haben sie auch Waschmaschinen.“
„Das weiß ich.“ Sie drückte eine zusammengerollte Bluse in eine Ecke. „Hilft mir nichts.“
Oliver sah sie an, dann den Koffer und entschied offenbar, dass jede weitere Diskussion zwecklos war. Mara schmunzelte.
Kurz vor dem Zumachen öffnete sie seine Wäschekiste und legte eines seiner getragenen T-Shirts — das graue vom Wochenende — oben auf die Kleidung. Es roch noch nach ihm. Nicht nach Parfüm. Einfach nach Oliver. Sie würde es brauchen, und sie würde es ihm nicht erzählen.
Später saß sie noch einmal vor einem Video. Hugo sprach darin auf einer Bühne, eine Aufnahme aus früheren Jahren, vor einem Publikum, das außerhalb des Bildes lag. Sie hörte ihm zwei Minuten zu, dann stoppte sie die Aufnahme.
Das Bild fror ein.
Hugo sah an der Kamera vorbei, konzentriert, als wäre der Mensch, mit dem er gerade sprach, wichtiger als alles andere im Raum.
Bald sitzt er mir gegenüber.
Der Gedanke blieb hängen. Bislang war sie Beobachterin gewesen. Bald saß sie selbst im Raum mit ihm. Er würde ihre Stimme hören, nicht aus einer Aufnahme. Er würde sie ansehen, und sie würde genau beobachten, ob er auswich, ob er sie provozieren wollte, ob ihn etwas ärgerte.
Und dann, ohne dass sie ihn dazu eingeladen hätte, kam der umgekehrte Gedanke:
Wie wird er dich lesen?
Ob er sie unterschätzen würde. Ob er versuchen würde, das Gespräch zu führen. Ob es ihn überhaupt interessierte, was sie von ihm dachte. Für eine gute Interviewerin war das Beziehungsgeflecht zwischen ihr und dem Gegenüber Teil der Arbeit.
Sie ließ die Frage trotzdem einen Moment länger stehen, als es beruflich nötig gewesen wäre.
Der Abschied war kurz. Ein Kuss auf dem Bürgersteig, Oliver zog sie einen Moment länger an sich, als nötig gewesen wäre — sie roch ihn, spürte seine Hand an ihrem Rücken, und dann ließ sie los, bevor sie es bereuen konnte.
Ein kleiner Teil von ihr wollte gerade nicht loslassen. Der andere wollte endlich los.
Im Taxi nach Gatwick schrieb er ihr: Vergiss nicht, dass Menschen auf Inseln Waschmaschinen besitzen.
Sie musste lächeln und schrieb zurück: Wir werden nie wieder darüber sprechen.
Gatwick empfing sie mit allem, was sie von Gatwick kannte: Schlangen, Stimmen, rollende Koffer und Menschen, die grundsätzlich dort stehen blieben, wo alle anderen vorbei wollten. Mara zog ihren Koffer zum Schalter, stellte ihn auf die Waage und sah die Zahl aufleuchten.
Zu schwer. Natürlich.
Sie bezahlte das Übergepäck.
Dann nimm was raus, hörte sie Oliver in ihrem Kopf.
Mara verdrehte die Augen und musste gleichzeitig lächeln. Selbst wenn er Hunderte Kilometer entfernt war, schaffte er es noch, recht zu behalten.
Im Flugzeug saß sie Economy, neben einem Mann, der den gesamten Flug über ein Sudoku löste und sie kein einziges Mal ansah. Genau so sollte es sein. Der Sitz war eng, die Kabine warm, ihre Beine wurden müde, der Rücken verspannte — und unter allem lag eine Vorfreude, die sie selbst beinahe überraschte.
Gestern noch Olivers Hände, heute Kunststoff und fremde Ellenbogen.
Jetzt beginnt es, dachte sie, als die Maschine abhob.
Auf der Isle of Man war es erst einmal nur ein Flughafen. Gepäckband, Warten, Koffer, Tasche, Laptop. Aber als Mara durch die großen Scheiben Richtung Ausgang ging, blieb sie stehen.
Auf dem Vorfeld rollte eine Geschäftsmaschine, weiter hinten stand eine zweite. Weiß, Dunkelblau und Gold. Auf beiden Leitwerken prangte das Bellaventra-Logo: ein fast geschlossener Kreis aus Gold und Schwarz, darin mit wenigen goldenen Linien die stilisierte Kontur eines weiblichen Bauches. Elegant, reduziert und so unverwechselbar, dass Mara es inzwischen erkannte, bevor sie überhaupt bewusst hinsah.
Sie ging zu einem Mitarbeiter am Rand der Halle. „Fliegen die oft von hier?“
Der Mann folgte ihrem Blick. „Bellaventra? Ziemlich oft. Jersey, London, Kontinent. Die Dinger sind dauernd unterwegs.“ Er verzog leicht den Mund. „Wenn die Herrschaften irgendwohin müssen, wird eben ein Flugzeug angeworfen.“
„Fürs Klima ist das natürlich großartig“, fügte er hinzu.
Mara beschloss, ihn nicht nach Kreuzfahrtschiffen zu fragen.
Draußen empfing sie kühlere Luft, feucht und salzig genug, dass sie das Meer darin zu riechen glaubte. Der Taxifahrer war nicht unfreundlich. Nur gleichgültig. Bei dem schweren Koffer half er so lustlos, dass Mara selbst mit anfasste. Sie registrierte es. Kein Drama. Nur ein weiterer kleiner körperlicher Aufwand.
Das Hotel in Douglas lag in einem älteren, traditionellen Gebäude und war genau das, was Northbridge gebucht hatte: sauber, ordentlich, funktional, etwas altmodisch. Das Zimmer war nicht groß — ein Doppelbett mit weißer Bettwäsche und einem karierten Läufer, zwei kleine Nachttische mit einfachen Lampen, ein längerer Schreibtisch aus hellem Holz, ein kleiner Fernseher, Teppichboden, schwere dunkle Vorhänge.
Das Bad: Waschbecken, Spiegel, Toilette, Dusche. Alles gepflegt, nichts beeindruckend. Aus dem Fenster ein gewöhnlicher Blick auf eine Straße in Douglas.
Ein Zimmer zum Schlafen, Duschen, Umziehen, Arbeiten. Vollkommen in Ordnung.
Sie war nicht enttäuscht, und sie war nicht begeistert.
Sie stellte Koffer und Tasche ab, zog die Schuhe aus und ließ sich für einen Moment rückwärts aufs Bett fallen. Anderthalb Stunden Flug, und trotzdem fühlte sie sich, als hätte sie den halben Kontinent überquert.
Heute Nacht, dachte sie, würde niemand im Schlaf einen Arm um sie legen.
Dann stand sie wieder auf.
Gegen Abend ging sie essen. Douglas fühlte sich nicht wie eine Postkarte an, und gerade das gefiel ihr. Menschen kamen von der Arbeit, Autos standen an den Straßen, Geschäfte schlossen. An einem Schaufenster blieb sie stehen.
BELLAVENTRA GROUP — WE'RE HIRING
Nichts Pompöses. Tagelang hatte sie Bellaventra als Machtapparat recherchiert — Hugo, Michael, Milliarden, Frauen, Geheimnisse — und hier hing der Name zwischen gewöhnlichen Geschäften in einem Schaufenster und suchte Mitarbeiter.
Im Lokal erwähnte sie Bellaventra später beiläufig.
„Meine Nichte arbeitet dort“, sagte der Kellner, ohne aufzusehen.
Mara hob den Blick. „Bei Bellaventra?“
„Ja.“
„Gefällt es ihr?“
Er stellte ihr Glas ab. „Sie beschwert sich jedenfalls nicht. Gute Bezahlung, sagt sie.“
„Schon lange dort?“
„Ein paar Jahre.“
Dann war er wieder weg.
Mehr war es nicht.
Aber Mara nahm es mit. In London war Bellaventra ein Konzern gewesen, den sie in Akten, Zahlen und Geschichten zerlegt hatte. Hier war Bellaventra plötzlich der Ort, an dem jemandes Nichte morgens zur Arbeit ging.
Zurück im Hotel fiel die Tür hinter ihr ins Schloss, und mit einem Mal war es still. Kein Stimmengewirr mehr, kein Gepäckband, kein Taxi, kein Restaurant, niemand, der etwas von ihr wollte. Mara stellte die Tasche neben den Schreibtisch und blieb einen Moment stehen. Erst jetzt, als sie nichts mehr tragen, beantworten oder beobachten musste, merkte sie, wie müde sie war. Ihre Schultern fühlten sich hart an, der Nacken verspannt, und selbst die Füße schienen ihr den langen Tag übelzunehmen.
Im Bad betrachtete sie sich im Spiegel. Die Augen müde, das Make-up nicht mehr ganz so makellos wie am Morgen, die Haare mit deutlichen Spuren eines Reisetages und auf einer Schulter die rötliche Druckstelle des Taschengurts. Sie sah aus wie eine Frau, die endlich froh war, für niemanden mehr gut aussehen zu müssen.
Sie band die Haare zurück und schminkte sich langsam ab. Wattepad über die Augen, Wasser ins Gesicht, Creme auf die noch feuchte Haut. Mit jeder Bewegung verschwand ein kleines Stück des Tages. Es tat gut, nichts mehr darstellen zu müssen, nicht aufmerksam auszusehen, nicht professionell, nicht interessiert. Heute würde niemand mehr eine Frage von ihr bekommen und niemand ihre Reaktion beobachten.
Für den Rest des Abends war sie einfach Mara.
Unter der Dusche drehte sie das Wasser wärmer, als sie es normalerweise tat, und blieb lange darunter stehen. Die Wärme traf ihren Nacken, lief über die Schultern und den Rücken hinunter, und sie spürte, wie die Muskeln langsam nachgaben. Sie legte den Kopf zurück, schloss die Augen und ließ das Wasser über ihr Gesicht laufen. Für ein paar Minuten dachte sie an gar nichts. Nicht an Bellaventra, nicht an Hugo, nicht an die Gespräche der letzten Tage. Nur an die Wärme auf ihrer Haut und daran, wie gut es tat, den Körper endlich nicht mehr irgendwohin bewegen zu müssen.
Als sie später, noch warm von der Dusche, den Koffer öffnete, lag Olivers graues T-Shirt oben auf ihrer Kleidung.
Sie musste lächeln.
Es war eigentlich albern. Sie reiste beruflich durch die Welt, war es gewohnt, allein in fremden Städten aufzuwachen, und hatte trotzdem heimlich eines von Olivers getragenen T-Shirts eingepackt. Mara hielt sich nicht für besonders sentimental. Gerade deshalb musste sie über sich selbst lächeln. Wenn Oliver wüsste, was außer all den angeblich unverzichtbaren Sachen noch in ihrem viel zu schweren Koffer gelandet war, hätte er vermutlich einen weiteren Grund, sie damit aufzuziehen.
Sie nahm es trotzdem heraus.
Schon als sie den Stoff entfaltete, kam ihr sein Geruch entgegen. Nicht stark, nicht wie ein Parfüm, sondern warm und vertraut, so sehr Oliver, dass ihr Körper ihn erkannte, bevor sie bewusst darüber nachdachte. Der Duft seines Aftershaves war nur noch eine Spur, darunter lag der Geruch seiner Haut. Sein Hals, wenn sie das Gesicht daran legte. Seine Brust unter ihrer Wange. Seine Arme um sie. Die Wärme seines Körpers hinter ihrem im Bett. Für einen Moment war die Entfernung zwischen ihnen nicht mehr ganz so groß.
Für einen Moment hielt sie das Shirt einfach in den Händen.
Sie vermisste ihn.
Sie war erst seit ein paar Stunden hier, und trotzdem vermisste sie ihn schon. Nicht auf diese große, schmerzhafte Art. Es fehlten ihr die kleinen Dinge, über die sie zu Hause nie nachdachte: einfach nach ihm greifen zu können, seine Haut unter den Fingern zu spüren, sich an ihn zu lehnen, wenn ihr danach war. Seine Nähe war so selbstverständlich gewesen, dass sie erst jetzt, in diesem fremden Hotelzimmer, merkte, wie sehr sie zu ihrem Alltag gehörte.
Mara zog das T-Shirt über den Kopf. Es war ihr deutlich zu groß, fiel locker über ihren Körper und reichte weit über die Hüften. Sie strich mit beiden Händen über den Stoff und musste wieder lächeln. Schön war das Ding wirklich nicht. An Oliver mochte sie es. An sich mochte sie nur, dass es seines war.
Das Handy klingelte, bevor sie weiter darüber nachdenken konnte.
Oliver.
„Bist du angekommen?“
„Vor Stunden. Ich habe gegessen, ich lebe, der Koffer war zu schwer.“
„Übergepäck?“
„Ja.“
Einen Moment sagte Oliver nichts, aber Mara kannte ihn gut genug, um sein Grinsen trotzdem vor sich zu sehen.
„Sag es nicht.“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Du musst auch nichts sagen.“
„Ich wollte nur daran erinnern, dass ich möglicherweise—“
„Oliver.“
Er lachte. „Schon gut.“
„Du grinst.“
„Du kannst mich gar nicht sehen.“
„Ich kenne dich.“
Jetzt lachte er richtig, und allein dieses vertraute Geräusch machte die Entfernung für einen Moment kleiner.
Er erzählte ihr von seinem Abend, sie von Douglas, von der Bellaventra-Anzeige und schließlich von dem Kellner und seiner Nichte.
„Du warst essen“, sagte Oliver, „und hast trotzdem gearbeitet.“
„Ich habe nicht gearbeitet. Ich habe ein Gespräch geführt.“
„Mit einem Kellner.“
„Ja.“
„Über seine Nichte.“
Mara lachte und zog währenddessen unbewusst die Beine aufs Bett. Für einige Sekunden sagte keiner von ihnen etwas. Es war kein unangenehmes Schweigen. Sie kannten sich gut genug, dass nicht jede Sekunde gefüllt werden musste, und vielleicht war es gerade diese Selbstverständlichkeit, die sie plötzlich stärker traf als alles andere.
„Alles gut?“, fragte er schließlich, und seine Stimme war leiser geworden.
Mara sah auf ihre nackten Beine unter seinem viel zu großen T-Shirt und strich mit den Fingern über den Saum.
„Alles gut. Ich bin nur müde.“
„Dann geh schlafen, Schatz.“
„Mach ich.“
„Schlaf gut.“
„Du auch. Liebe dich.“
„Liebe dich auch.“
Als das Gespräch beendet war, blieb das Handy noch einen Moment in ihrer Hand. Sie hatte ihm nicht erzählt, dass sie sein T-Shirt trug. Fast hätte sie es getan, aber irgendetwas daran gefiel ihr zu sehr, um es auszusprechen. Es war eine kleine, heimliche Nähe, die nur ihr gehörte.
Sie legte sich ins Bett und rutschte automatisch auf ihre gewohnte Seite. Ohne darüber nachzudenken, bewegte sie sich noch ein Stück weiter, bis neben ihr genügend Platz war.
Erst dann bemerkte sie, was sie getan hatte.
Mara drehte den Kopf und sah auf die leere Hälfte des Bettes.
Zu Hause würde Oliver dort liegen. Vielleicht schon schlafen, vielleicht noch auf sein Handy schauen. Irgendwann in der Nacht würde er sich zu ihr drehen, einen Arm um ihre Taille legen und sie im Halbschlaf näher an sich ziehen. Meistens bemerkte sie es kaum. Manchmal wurde sie davon für einen Augenblick wach und schlief sofort wieder ein, weil sein Körper hinter ihrem genau dort war, wo er hingehörte.
Hier war nur ein glattes, kühles Laken.
Sie zog die Decke höher und drehte sich auf die Seite. Der Kragen seines T-Shirts lag dicht an ihrem Gesicht, und als sie einatmete, war sein Geruch noch immer da. Schwächer als zu Hause, aber nah genug, dass sie für einen Moment die Augen schloss und sich vorstellte, seinen Hals statt eines Stücks Stoff vor der Nase zu haben.
Es machte die Entfernung gleichzeitig leichter und schlimmer. Mara zog ein Bein an. Der Saum des viel zu großen T-Shirts rutschte über ihren Oberschenkel, und ihre Hand strich beinahe gedankenlos über die nackte Haut.
Sie vermisste Oliver. Aber in diesem Moment war es nicht nur seine Stimme, sein Lachen oder die vertraute Selbstverständlichkeit, mit der er nachts neben ihr lag.
Sie vermisste seine Hände.
Den Gedanken daran spürte sie sofort. Als Wärme, die nichts mehr mit der Dusche zu tun hatte. Sie hätte jetzt gern seine Hand auf ihrem Oberschenkel gespürt, seinen Körper dicht neben ihrem, seinen Mund an ihrem Hals. Einfach diese vertraute Nähe, bei der sie nicht erklären musste, was sie wollte, weil Oliver sie kannte.
Mara schloss noch einmal die Augen und atmete seinen Geruch aus dem Stoff ein. Verdammt. Das Shirt war eine schöne Idee gewesen. Und eine ziemlich beschissene.
Denn ihr Körper ließ sich von ein bisschen Stoff nicht täuschen.
Ihre Finger lagen noch immer auf ihrem Oberschenkel. Sie spürte die eigene warme Haut darunter, den Stoff an ihrer Hüfte, das kühle Laken an ihren Beinen – und daneben nichts. Gerade dieses Nichts machte ihr plötzlich sehr deutlich, wie gern sie Oliver jetzt bei sich gehabt hätte. Nicht zum Reden. Nicht, damit er einfach nur neben ihr einschlief.
Sie wollte ihn.
Die Erkenntnis war so schlicht, dass Mara beinahe darüber lachen musste. Sie war kaum einen Tag von zu Hause weg und lag bereits in einem Hotelbett, trug sein altes T-Shirt und bekam von seinem Geruch Lust auf ihren eigenen Freund.
„Großartig“, murmelte sie leise.
Sie zog den Saum wieder ein Stück über ihren Oberschenkel und atmete langsam aus. Das half nicht besonders.
Oliver fehlte ihr. Und ihr Körper hatte offenbar beschlossen, ihr sehr genau mitzuteilen, auf welche Weise.
Und vielleicht war es gerade diese Mischung aus Nähe und Abwesenheit, die ihre Gedanken wieder wandern ließ.
Zu Hugo.
Nicht plötzlich. Eher schob er sich langsam zwischen die anderen Gedanken, weil sie seit Tagen so viel von ihm gelesen, gesehen und gehört hatte, dass ihr Kopf offenbar noch nicht mit der Arbeit fertig war, nur weil sie im Bett lag.
Hanna fiel ihr ein, die so viel zu wissen schien und trotzdem schwieg. Nicht aus Angst vor Hugo — das hatte sie deutlich gemacht —, sondern weil es für sie Dinge gab, über die man nicht sprach, nur weil man sie wusste. Und dann dachte Mara an die andere Frau, an das Lächeln, das sie durch das Telefon beinahe hatte hören können, als hätte allein die Erinnerung an Hugo etwas in ihr geweckt, das nach all den Jahren noch immer da war.
Überhaupt nicht.
Ganz anders die Frau aus Omsk, die schon beim Namen Hugo Voss jedes weitere Gespräch abgeblockt hatte, und schließlich die Stimme aus Sankt Petersburg, deren Härte Mara noch immer im Ohr hatte. Sie hatte denselben Mann gekannt und sprach über ihn, als hätte seine Nähe etwas in ihrem Leben hinterlassen, das bis heute nicht verschwunden war.
Manipulativ. Selbstsüchtig.
Und dann dieser eine Satz, der Mara seit dem Gespräch nicht mehr losließ:
Er hat mich kaputtgemacht.
Wie konnten Frauen denselben Mann erlebt haben und Jahre später mit derart unterschiedlichen Erinnerungen an ihn zurückbleiben? Die eine schützte sein Privatleben noch immer, eine andere erinnerte sich beinahe mit Vergnügen, die dritte wollte nicht einmal mehr über ihn sprechen, und die vierte behauptete, er habe sie kaputtgemacht. Je mehr Mara über Hugo erfuhr, desto weniger gelang es ihr, aus all diesen widersprüchlichen Bildern einen einzigen Mann zusammenzusetzen.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie ihn endlich selbst erleben wollte. Inzwischen reizte sie dieser Widerspruch mehr als jede Zahl in seinen Akten.
Mara lag noch eine Weile wach. Morgen würde die Recherche hier auf der Insel wirklich beginnen, und irgendwo zwischen all den Geschichten, die andere über Hugo erzählten, musste es eine Wahrheit geben, die komplizierter war als jede einzelne von ihnen.
Sie wollte sie finden.
Irgendwann wurden ihre Gedanken langsamer, verloren ihre Konturen und verschwammen mit der Müdigkeit. Dann schlief sie ein.
Am Morgen brauchte Mara einige Sekunden, um zu verstehen, wo sie war. Die Decke fühlte sich anders an, durch die Vorhänge fiel ein fremdes Licht, und von draußen kamen Geräusche, die nicht zu ihrem Schlafzimmer gehörten. Sie blinzelte an die Zimmerdecke, noch halb im Schlaf, bis die Erinnerung zurückkam.
Isle of Man.
Sie lag noch immer in Olivers T-Shirt. Im Schlaf war der Stoff an ihren Beinen hochgerutscht, und als sie sich aufsetzte, zog sie den Kragen für einen Moment an ihr Gesicht. Sein Geruch war noch da, schwächer als am Abend zuvor, aber vertraut genug, um sofort wieder dieses kleine Ziehen in ihr auszulösen. Sie hatte sich gerade erst von ihm verabschiedet, und trotzdem kam ihr das gemeinsame Bett zu Hause plötzlich ziemlich weit weg vor.
Vor dem Spiegel musste sie über sich selbst lachen. Zerzauste Haare, ungeschminkt — sie sah eher aus wie eine Frau, die dringend Kaffee brauchte, als wie die Journalistin, die hierhergekommen war, um einen Mann zu interviewen, wie er ihr in ihrer bisherigen Laufbahn noch nicht begegnet war.
Sie zog das T-Shirt über den Kopf, faltete es zusammen und legte es sorgfältiger auf den Koffer, als bei einem alten grauen Shirt eigentlich nötig gewesen wäre. Waschen würde sie es noch nicht. Solange es noch nach Oliver roch, war es mehr als nur ein T-Shirt.
Unter der Dusche war das warme Wasser diesmal kein Mittel, um den vergangenen Tag loszuwerden. Es sollte sie wach machen. Sie hielt das Gesicht in den Strahl, ließ das Wasser durch ihre Haare und über Nacken und Schultern laufen, bis die letzte Schwere der Nacht langsam aus ihrem Körper wich und ihre Gedanken klarer wurden.
Danach begann die vertraute Routine. Unterwäsche, Bluse, Rock, Make-up, ein Hauch Parfüm. Sie trocknete ihre langen dunkelbraunen Haare, fuhr mit den Fingern durch die noch warmen Strähnen und schüttelte sie einmal zurück über die Schultern. Vor dem Spiegel legte sie sie mit beiden Händen so, wie sie sie haben wollte, strich einzelne Strähnen zurecht und fixierte das Ganze mit einem feinen Sprühstoß Haarspray. Bewegungen, die sie schon unzählige Male vor Interviews, Drehs und Terminen in fremden Städten gemacht hatte und über die sie kaum noch nachdenken musste.
Als sie fertig war, blieb sie trotzdem einen Moment vor dem Spiegel stehen. Die Bluse saß, das Make-up war dezent, die langen Haare fielen ordentlich über ihre Schultern. Nichts daran wirkte übertrieben oder besonders zurechtgemacht. Sie sah einfach so aus, wie sie aussehen wollte, wenn sie arbeitete.
Der Unterschied zu der verschlafenen Frau in Olivers T-Shirt war deutlich, und trotzdem war die eine nicht weniger Mara als die andere. Beides war sie.
Aber diese Mara hier wusste genau, weshalb sie auf der Isle of Man war.
Unten trank sie Kaffee, aß ein Croissant und ging ihre Notizen noch einmal durch, während um sie herum gefrühstückt wurde. Namen, Fragen, Adresse, Uhrzeit. Sie überprüfte das Aufnahmegerät, obwohl sie gestern Abend bereits geprüft hatte, ob es funktionierte, steckte Handy und Notizbuch in die Tasche und sah ein letztes Mal auf die Uhr.
Dann ging sie hinaus.
Im Taxi ließ sie Douglas hinter sich, und mit jedem Kilometer merkte Mara, wie ihre Aufmerksamkeit schärfer wurde. Nervös war sie nicht. Dafür hatte sie solche Termine zu oft gemacht. Aber da war diese gespannte Wachheit, die sie immer bekam, wenn aus Akten, Gesprächen, Bildern und Notizen plötzlich etwas Reales wurde.
Jetzt fuhr sie zu dem Ort, an dem all das tatsächlich existierte.
Die Zentrale tauchte vor ihr auf, als das Taxi auf das Gelände bog. Mara sah rote Ziegeldächer, Backsteinfassaden, breite Fensterbänder und zwei- bis dreigeschossige Gebäudeflügel, die sich um begrünte Innenhöfe zogen. Erst auf den zweiten Blick wurde deutlich, wie groß der Komplex tatsächlich war. Mehrere Gebäudeteile gingen ineinander über, zwei vollständig verglaste Skybridges verbanden sie miteinander.
Mara musste unwillkürlich lächeln.
Das hätte genauso gut irgendwo in Norddeutschland stehen können.
Ein Verwaltungsgebäude aus den späten Achtzigern oder frühen Neunzigern. Mara kannte diese Art von Architektur von früheren Recherchen in Niedersachsen – Backstein, rote Ziegeldächer, breite Fensterbänder, zweckmäßig und solide. Kein gläserner Konzernpalast, keine Architektur, die schon von der Zufahrt aus Milliardenvermögen verkünden wollte. Wenn man wusste, wo Hugo Voss herkam, konnte man sich beinahe einbilden, darin noch etwas von seiner Herkunft zu erkennen.
Sie bezahlte, stieg aus und blieb einen Moment stehen. Nach all den Zahlen, Firmenstrukturen und Bildern der vergangenen Tage stand Bellaventra zum ersten Mal tatsächlich vor ihr – und sah erstaunlich wenig nach dem aus, was sie erwartet hatte.
Dann ging sie hinein.
Auch innen setzte sich der Eindruck fort. Backstein, helle Wände, Glas, Holz, robuste Böden, breite Flure. Alles war gepflegt und offensichtlich immer wieder modernisiert worden, aber niemand hatte versucht, aus einem Verwaltungsgebäude nachträglich einen Luxustempel zu machen. Der Empfang war großzügig, ohne repräsentativ wirken zu wollen; dahinter führten Zugangsschleusen in die Bürobereiche.
Mara hatte etwas anderes erwartet. Mehr Inszenierung vielleicht, mehr von dem Reichtum, über den sie in den vergangenen Tagen so viel gelesen hatte. Doch hier gab es keinen Marmor, keine überdimensionierten Kunstwerke, nichts, das einem Besucher schon beim Eintreten erklären wollte, wie viel Geld dieses Unternehmen besaß.
Es war beinahe irritierend normal.
Gerade deshalb gefiel es ihr.
Am Empfang nannte sie ihren Namen. Man erwartete sie bereits. Sie bekam einen Besucherausweis und nutzte die wenigen Minuten Wartezeit, um die Halle weiter zu beobachten: Menschen kamen durch die Zugangsschleusen, andere verschwanden mit Kaffeebechern in den Aufzügen, irgendwo öffnete und schloss sich eine Glastür. Keine ehrfürchtige Stille, kein Konzernmuseum. Ein ganz normaler Arbeitsmorgen in einem Unternehmen, das alles andere als gewöhnlich war.
Dann löste sich eine junge blonde Frau aus dem Strom der Mitarbeiter und kam mit schnellen Schritten auf sie zu.
„Ms Winter? Ich bin Valentina Bondis Assistentin.“ Sie lächelte und reichte Mara die Hand. „Valentina hängt noch in einem Gespräch fest. Sie hat mich gebeten, Ihnen derweil ein bisschen was zu zeigen.“
Der Rundgang dauerte fast zwei Stunden, und selbst in dieser Zeit konnte Mara nur einen Teil der Zentrale sehen. Die beiden Gebäudekomplexe umfassten zusammen rund zweiunddreißigtausend Quadratmeter, und knapp neunhundert Menschen arbeiteten hier. Die Assistentin führte sie deshalb nicht durch jeden Flur, sondern zeigte ihr ausgewählte Bereiche, während sie ihr erklärte, wie die beiden Gebäudeteile miteinander verbunden waren.
Hinter der großen Lobby begann ein erstaunlich normaler Büroalltag. Lange Gänge, Büros entlang der Fassaden, viel Tageslicht. Menschen saßen vor Bildschirmen, kamen mit Unterlagen aus Besprechungsräumen oder standen für ein kurzes Gespräch in offenen Türen. Es wurde telefoniert, diskutiert, gearbeitet. Mara sah das große Mitarbeiterrestaurant und hörte beiläufig vom Betriebskindergarten. Bellaventra wirkte hier weniger wie der Machtapparat aus ihren Akten als wie das, was es ebenfalls war: ein Unternehmen, in dem jeden Morgen Hunderte Menschen zur Arbeit kamen.
„Der erste Gebäudeteil wurde 2005 fertiggestellt“, erklärte die Assistentin, als sie weitergingen. „Ungefähr sechzehntausend Quadratmeter.“
„Und dann wurde es zu klein?“
„Ziemlich schnell sogar. Wir sind stärker gewachsen, als ursprünglich erwartet worden war. Deshalb kam zwischen 2008 und 2010 der zweite Bauabschnitt dazu.“
Mara blickte durch die Fensterfront auf den gegenüberliegenden Gebäudeteil. Von draußen hatten die beiden Skybridges wie ein architektonisches Detail gewirkt. Jetzt sah sie Mitarbeiter mit Laptops, Unterlagen und Kaffeebechern hindurchgehen.
„Die Brücken waren also von Anfang an als Verbindung gedacht?“
„Natürlich. Sonst müssten Sie jedes Mal nach unten, raus und im anderen Gebäude wieder hoch.“ Die Assistentin lächelte. „Bei neunhundert Mitarbeitern wäre das irgendwann ziemlich lästig.“
Über eine der Skybridges wechselten sie selbst in den zweiten Gebäudeteil. Erst als Mara hindurchging und unter sich das Gelände sah, bekam sie ein Gefühl dafür, wie weit sich die Zentrale tatsächlich erstreckte.
Auf der obersten Etage veränderte sich die Atmosphäre. Die Assistentin öffnete eine Tür und ließ Mara einen kurzen Blick in die Vorstandslounge werfen. Großzügige Sitzgruppen, ein eigener Essbereich, eine Bar, hochwertigere Materialien — nicht protzig, aber deutlich luxuriöser als die Etagen darunter.
Mara brauchte nur ein paar Sekunden. Unten Zurückhaltung und Funktion, hier oben erlaubte man sich sichtbar mehr. Sie merkte es sich.
Auf dem Weg in den nächsten Gebäudeteil kamen sie an zwei Bereichen vorbei, deren Namen man sofort erkannte: The Meridian Foundation for Education und The Meridian Foundation for Academic Excellence.
Mara blieb mit dem Blick an den Schriftzügen hängen. „Ich dachte, die Meridian Foundation for Education wäre auf Jersey.“
„War sie auch“, sagte die Assistentin. „Seit einigen Jahren sind beide Stiftungen hier auf der Isle of Man angesiedelt.“
Mara sah durch die Glaswände. Einige Büros, ein Besprechungsraum, überraschend wenige Arbeitsplätze. „Ich hätte mir die beiden größer vorgestellt.“
„Die Projekte und Einrichtungen werden von außen geführt. Hier wird hauptsächlich koordiniert und entschieden.“
Gemessen an der Größe der Stiftungen war es erstaunlich wenig Platz.
Wenig später blieben sie vor einem Bereich stehen, an dem der Rundgang offensichtlich nicht einfach weiterging. Eine zusätzliche Zugangskontrolle, geschlossene Türen, keine offenen Büroflure.
„Da sitzt ein Teil unseres Sicherheits- und Informationsbereichs“, sagte die Assistentin. „Aufgebaut von Laurent Demas. Das Hauptteam sitzt hier, eine weitere wichtige Einheit auf Jersey – dort, wo Herr Voss lebt.“
Mara sah durch die Glasflächen in den abgeschirmten Bereich. „Sie haben also einen eigenen Geheimdienst.“
„Nachrichtendienst“, korrigierte die Assistentin.
Mara sah sie an. „Wo ist der Unterschied?“
„Wir sammeln Informationen, bewerten Risiken, überprüfen Hintergründe und versuchen herauszufinden, wo Gefahren entstehen könnten. Aber wir führen keine verdeckten Operationen durch. Wir beobachten und schützen.“
„Das klingt trotzdem nach ziemlich viel für ein Privatunternehmen.“
„Ist es auch.“
Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Mara kurz zu ihr hinübersah.
„Wie ist das organisiert?“
„In drei Ebenen. Ganz vorne haben Sie den unmittelbaren Schutz – Personenschutz, Zugangskontrollen, Begleitschutz. Dahinter Sicherheitsüberprüfungen, Informationsgewinnung und Spionageabwehr. Und dann gibt es interne Kontrollen.“
„Sie kontrollieren Ihre eigenen Sicherheitsleute?“
„Natürlich. Gerade die.“
Mara hob eine Braue.
„Herr Demas sagt immer: Vertrauen ist bei Bellaventra kein Ersatz für Kontrolle.“
Mara zog ihr Notizbuch hervor und schrieb den Satz auf. Wort für Wort.
Weiter kamen sie nicht. Die Assistentin deutete auf den Flur zurück. „In diesen Bereich dürfen Besucher nicht.“
Sie gingen weiter.
Mara kam auf die Travel Agents zu sprechen. Darüber hatte sie schon gelesen, aber verstanden hatte sie das System nie wirklich.
„Sie schicken tatsächlich Mitarbeiter persönlich zu Banken, Anwälten und Geschäftspartnern, nur um Dokumente und Anweisungen zu überbringen?“
„Auch Analysen. Und bei besonders sensiblen Geschäften Kauf- und Verkaufsanweisungen.“
Mara schüttelte den Kopf. „Das ist doch eine unglaubliche Verschwendung. Flüge, Hotels, Arbeitszeit – und dann dauert alles auch noch länger.“
„Langsam und teuer“, sagte die Assistentin. „Teilweise ist genau das der Sinn.“
„Welcher Sinn?“
„Es ist auch ein Sicherheitssystem für Herrn Voss. Bei besonders sensiblen Informationen lässt sich genau dokumentieren, wann sie abgeschickt wurden und wann sie ihn tatsächlich erreicht haben.“ Sie zögerte. „Bei den amerikanischen Ermittlungen war das ziemlich wichtig. Die Behörden vermuteten, dass Herr Voss vor bestimmten Geschäften Hinweise bekommen hatte. Bei einigen Informationen ließ sich aber nachweisen, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs waren und ihn gar nicht erreicht haben konnten.“
Mara sah sie an. „Sie schicken also Menschen um die halbe Welt, damit Herr Voss im Zweifel beweisen kann, wann er etwas noch nicht wusste?“
„Unter anderem.“
„Und dafür beschäftigen Sie eigene Leute, die nichts anderes tun, als solche Informationen persönlich zu transportieren?“
„Offenbar hält Herr Voss die Kosten für vertretbar.“
„Und trotzdem fragt sich jeder, wie er es macht.“
„Das fragen wir uns auch.“ Sie lächelte. „Vielleicht finden Sie es ja heraus.“
Mara fragte noch, wie ein Konzern dieser Größe seine Beteiligungen kontrollierte – es gab Bereiche für Beteiligungsmanagement und Konzerncontrolling, und irgendwo in Miami, sagte die Assistentin, gebe es eine Gesellschaft, die bestimmte Vorgänge zusätzlich prüfe. Mehr wusste auch sie nicht. Mara merkte es sich.
Auf halbem Weg durch einen Flur kam ihnen ein Mann entgegen.
Er war nicht groß, nicht breit, trug ein ordentliches Jackett und hatte graue Schläfen. Die ruhigste Art, einen Raum zu betreten, die Mara je gesehen hatte. Seine Augen blieben einen Moment an ihr hängen, ordneten, legten ab.
„Laurent Demas“, sagte die Assistentin. „Er leitet unseren Sicherheitsbereich.“
„Laurent Demas“, sagte die Assistentin. „Er leitet unseren Sicherheitsbereich.“
Mara reichte ihm die Hand. „Mara Winter.“
„Ich weiß“, sagte Demas.
„Das ging schnell.“
„Das ist mein Beruf.“
Vollkommen plausibel – natürlich wusste der Sicherheitschef, welche Journalistin heute durchs Haus geführt wurde. Und trotzdem blieb etwas an der Art hängen, wie er es sagte. Keine Überraschung, keine Höflichkeit. Nur eine Feststellung. Als hätte er ihren Namen nicht erfahren, sondern überprüft.
„Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“, fragte sie und versuchte es bewusst leicht.
Er betrachtete sie einen Moment. Einen Tick zu lange für Maras Geschmack. „Sind Sie ein Sicherheitsrisiko?“
„Ich hoffe nicht.“
„Dann nicht.“
Keine Drohung. Kein Lächeln. Und trotzdem lief ihr ein unangenehmes Gefühl über den Rücken.
Er nickte der Assistentin zu und ging.
Mara sah ihm nach. Diese Ruhe, dieser prüfende Blick, die Selbstverständlichkeit, mit der er längst gewusst hatte, wer sie war. Für einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, nicht mit ihm gesprochen zu haben, sondern von ihm begutachtet worden zu sein.
Sie war froh, als er hinter der nächsten Tür verschwand.
Gegen Ende des Rundgangs sagte die Assistentin: „Die Dokumentation ist übrigens seit Tagen das Gesprächsthema hier. Alle sind ziemlich gespannt.“
„Sie wissen davon?“
„Natürlich wissen wir das. Herr Voss hat über Jahre kaum einen solchen Zugang zugelassen. Jetzt bekommt eine Journalistin mehrere Wochen Zugang zu seinem Umfeld. Das beschäftigt die Leute.“
Mara sah sie an. „Und wie kommt das hier an?“
Die Assistentin zögerte. „Unterschiedlich. Manche sind neugierig. Andere eher nervös.“ Sie warf einen kurzen Blick den Flur hinunter. „Seit bekannt ist, dass Sie kommen, werden jedenfalls mehr Türen geschlossen.“
Mara spürte ein leichtes Ziehen im Bauch. „Wegen mir?“
„Vielleicht.“ Die Assistentin zuckte die Schultern. „Oder ich bilde mir das nur ein.“
Mara sagte nichts mehr dazu. Aber sie schrieb es sich auf.
Der Wartebereich vor Bondis Büro war hell und minimalistisch: drei cremeweiße Sessel um einen niedrigen Glastisch, Glaswände, ein einzelnes Blumenarrangement. Mara wartete wenige Minuten und beobachtete die Abteilung – Telefone, gedämpfte Gespräche, kontrollierte Ruhe. Dann öffnete sich eine Tür, und Valentina Bondi kam ihr entgegen.
Persönlich war sie genau das, was die Videos versprochen hatten: dunkles Haar, ruhige Bewegungen, ein Gesicht, das nichts hergab. Sie begrüßte Mara knapp und führte sie in ein Büro aus Glas und hellen Flächen.
Mara setzte sich, legte das Aufnahmegerät zwischen sie.
„In den Unterlagen steht, ich bekomme freien Zugang.“
„Ja.“
„Was bedeutet frei?“
„Dass wir Ihnen nicht vorschreiben, wen Sie fragen dürfen.“
„Ich kann mit jedem sprechen? Auch Mitarbeiter? Familie?“
„Sie können jeden fragen.“ Valentina verschränkte die Hände. „Aber niemand muss mit Ihnen reden. Das gilt auch für einzelne Fragen. Frei heißt frei – in beide Richtungen.“
Mara nickte. „Und ich gebe keine Fragen vorher zur Freigabe oder Vorbereitung raus.“
„Das müssen Sie nicht.“
„Gut. Und eine Sache möchte ich von Anfang an klarstellen. Ich mache keinen Werbefilm.“
„Das erwarten wir auch nicht.“
„Northbridge will mit dieser Dokumentation Geld verdienen, der Streamingdienst will Zuschauer. Und Hugo Voss ist auch deshalb interessant, weil an ihm nicht alles unumstritten ist. Wenn ich etwas finde, das Ihnen oder Bellaventra nicht gefällt, werde ich es ansprechen.“
„Das sollten Sie sogar.“
Mara sah auf. „Sie erwarten also keine positive Berichterstattung?“
„Wir erwarten, dass Sie sich selbst ein Bild machen.“
Mara ließ den Satz einen Moment stehen. Dann schlug sie eine neue Seite ihres Notizbuchs auf. „Gut. Dann fangen wir mit etwas Einfachem an. Am Flughafen standen zwei Maschinen mit Ihrem Logo. Wie viele haben Sie davon?“
„Drei.“
„Drei Privatjets?“
„Geschäftsflugzeuge. Zwei Falcon 10X und eine Boeing 737 als Business Jet.“ So sachlich wie eine Fußnote. „Sie sind für den gesamten Konzern unterwegs. Jersey ist nur eines der Ziele.“
„Wir erwarten eine objektive. Positiv oder negativ ist Ihre Sache. Objektiv sollte sie sein.“
„Wenn das operative Zentrum hier ist“, sagte Mara, „was macht Hugo Voss dann eigentlich noch selbst?“
„Bei der Bellaventra Group? Wenig Operatives. Die wird von hier aus von Herrn Schubert, Philipp Voss und dem Management geführt.“
„Und die Investments?“
„Die Investmententscheidungen der Group werden ebenfalls hier vorbereitet und getroffen. Herr Voss bekommt Berichte und Ergebnisse. Besonders sensible Dinge werden ihm persönlich nach Jersey gebracht.“
„Also führt Hugo Voss die Group gar nicht selbst?“
„Nein. Operativ hat er das nie getan. Die ursprüngliche Idee war seine, und er ist Mehrheitsinhaber. Geführt wurde die Group von Anfang an von Herrn Schubert, später gemeinsam mit Philipp Voss.“
„Aber sein eigenes Investmentgeschäft betreibt er weiter.“
„Ja. Sein privates Vermögen verwaltet und investiert er weiterhin selbst.“
„Von Jersey aus.“
„Ja.“
Mara begann die Trennung zu verstehen. Bellaventra investierte das Kapital der Group, hielt Beteiligungen und war vor allem für die außergewöhnlich hohen Renditen bekannt, die sie über Jahrzehnte erwirtschaftet hatte. Dieses Geschäft wurde hier geführt. Hugo dagegen war Eigentümer und Ideengeber, nicht operativer Manager. Nur bei seinem eigenen Vermögen traf er seine Investmententscheidungen weiterhin selbst – von Jersey aus.
„Und Bellaventra Estates?“
„Ist davon getrennt. Bellaventra Estates betreibt das Anwesen auf Jersey und alles, was unmittelbar dazugehört – die Gebäude, das Personal, die Versorgung und die gesamte Infrastruktur dort. Mit dem Investmentgeschäft der Bellaventra Group hat das nichts zu tun.“
Mara notierte es. „Wem gehört die Group eigentlich genau?“
„Herr Voss hält mit sechzig Prozent die Mehrheit“, sagte Valentina. „Sein Neffe Philipp Voss besitzt zweiundzwanzig Komma fünf Prozent, dessen Schwester Claudia zweieinhalb. Weitere siebeneinhalb Prozent gehören seiner Nichte Christina Albrecht und die übrigen siebeneinhalb seiner Schwester Svenja Albrecht.“
„Unternehmenswert?“
„Ungefähr zweihundertdreißig Milliarden Euro.“
Mara hielt mitten im Schreiben inne. Unternehmen dieser Größenordnung waren ihr nicht fremd. Allein ihr letzter Auftrag über den Rohstoffkonzern Glenmore Resources aus Genf hatte sich um ein Unternehmen gedreht, das kaum weniger wert war als die Bellaventra Group. Aber hier war es etwas anderes: Fast der gesamte Wert lag in den Händen einer einzigen Familie.
Sie überschlug die Zahlen im Kopf. Hugo: hundertachtunddreißig Milliarden. Philipp: knapp zweiundfünfzig. Christina und Svenja: jeweils gut siebzehn. Claudia: knapp sechs.
Mara hielt den Stift in der Luft. Bei Philipp stimmte etwas nicht. Sein Anteil an der Bellaventra Group allein war mehr wert, als ihm in den öffentlichen Schätzungen insgesamt zugeschrieben wurde.
Und wenn das bei Philipp schon so war …
Ihr Blick blieb an Hugos Zahl hängen. Hundertachtunddreißig Milliarden allein in Bellaventra. Dazu sein privates Vermögen, das er seit Jahrzehnten selbst investierte. Für einen Moment wurde ihr tatsächlich ein wenig schwindelig.
„Wenn Philipps Anteil allein schon knapp zweiundfünfzig Milliarden wert ist“, sagte sie langsam, „dann ist die öffentliche Schätzung seines Vermögens zu niedrig.“
„Ja.“
„Deutlich zu niedrig?“
„Deutlich.“
Mara sah wieder auf die hundertachtunddreißig Milliarden in ihren Notizen. „Und bei Hugo?“
Valentina schwieg einen Moment.
„Wie viel besitzt er tatsächlich?“
„Das müssen Sie ihn fragen.“
„Aber die öffentlichen Schätzungen stimmen auch bei ihm nicht.“
„Öffentliche Listen können nur bewerten, was öffentlich bekannt und bewertbar ist“, sagte Valentina. „Forbes kann nur bewerten, was Forbes kennt.“
„Und Sie kennen die tatsächliche Zahl.“
„Ich werde Ihnen keine Vermögensaufstellung von Herrn Voss geben.“
Mara musste unwillkürlich lächeln. „Einen Versuch war es wert.“
Sie ließ das Thema vorerst liegen. „Ich habe vorhin Laurent Demas kennengelernt.“
„Und?“
„Ich glaube nicht, dass wir Freunde werden.“
Bei Valentina zuckte ein kaum sichtbares Lächeln. „Das gehört nicht zu seinen Aufgaben.“
„Beim Rundgang habe ich gesehen, was für einen Sicherheitsapparat Sie hier aufgebaut haben. Personenschutz, Nachrichtendienst, interne Kontrollen. Für eine Investmentgesellschaft ist das ziemlich viel.“
„Wir sind auch keine besonders kleine Investmentgesellschaft.“
„Das beantwortet die Frage nicht.“
„Nein.“
Valentina lehnte sich leicht zurück. „Menschen mit dieser Bekanntheit und diesem Vermögen ziehen reale Gefahren an. Drohungen, Stalker, Erpressungsversuche, Menschen, die versuchen, sich unter falschen Voraussetzungen Zugang zu verschaffen. Dafür braucht man Personenschutz. Aber Laurent sieht Sicherheit etwas anders. Wenn einer seiner Männer mit einer Waffe vor einer Tür stehen muss, ist für ihn vorher schon etwas schiefgegangen. Sein System soll Gefahren erkennen, bevor sie überhaupt so weit kommen.“
„Und wer zu Hugo Voss will, wird vorher überprüft?“
„Ja.“
„Jeder?“
„Jeder.“ Ein Moment verstrich. „Das werden Sie auf Jersey selbst noch erleben.“
Mara hob eine Braue. „Was heißt das?“
„Dass auch Sie überprüft werden, bevor Sie Zugang zu bestimmten Bereichen oder Personen bekommen.“
„Obwohl ich eingeladen bin?“
„Gerade deshalb.“
Mara ließ das einen Moment sacken. „Und Ihre eigenen Mitarbeiter?“
„Auch die werden kontrolliert – dort, wo es notwendig ist. Menschen mit Zugang zu sensiblen Informationen, erheblichen Vermögenswerten oder Herrn Voss’ unmittelbarem Umfeld werden nicht allein deshalb von Kontrollen ausgenommen, weil sie für Bellaventra arbeiten.“ Valentina stellte das Glas ab. „Selbstverständlich kommen auch die Travel Agents infrage. Menschen, die sensible Dokumente physisch transportieren, haben eine besondere Vertrauensstellung. Und eine besondere Sicherheitsrelevanz.“
„Demas kontrolliert also nicht nur die Türen“, sagte Mara. „Er kontrolliert Mitarbeiter, Informationswege, Personen in Hugos Umfeld.“
„In Sicherheitsfragen, ja.“
„Das ist ziemlich viel Macht für einen Sicherheitschef.“
Valentina stritt es nicht ab. „Sicherheitsabteilungen haben eine gewisse Neigung, ihre Aufgaben mit der Zeit etwas großzügiger auszulegen.“
Mara sah sie genauer an. „Sie klingen nicht so, als wären Sie darüber besonders glücklich.“
„Ich bin Pressesprecherin. Demas ist Sicherheitschef. Wenn wir bei jeder Frage dieselbe Sicht hätten, würde vermutlich einer von uns beiden seinen Beruf nicht richtig machen.“
„Das klingt nach einem Unternehmen, in dem niemand irgendjemandem traut.“
„Nein. Ohne Vertrauen könnten Sie ein Unternehmen dieser Größe überhaupt nicht führen.“ Valentina sah sie ruhig an. „Wir vertrauen Menschen. Wir bauen nur keine Sicherheitssysteme darauf auf, dass Menschen niemals Fehler machen.“
Mara notierte den Satz. Dann kam ihr etwas in den Sinn, das die Assistentin beim Rundgang über die Travel Agents erzählt hatte.
„Die Travel Agents sollen Herrn Voss bei den amerikanischen Ermittlungen einmal ziemlich geholfen haben.“
„Das stimmt.“
„Dann bleiben wir bei Amerika.“ Mara blätterte eine Seite in ihrem Notizbuch zurück. „Wie sind Sie 2008 überhaupt auf den amerikanischen Immobilienmarkt aufmerksam geworden?“
„Er flog in die USA?“
„Ja. Für ungefähr zwei Wochen. Er reiste durch mehrere Regionen, um sich selbst ein Bild von der Lage auf dem Immobilienmarkt zu machen. Anschließend kehrte er zurück und berichtete Herrn Voss. Begleitet wurde er von zwei Mitarbeitern unseres Sicherheitsdienstes.“
Mara sah auf. „Vom Nachrichtendienst?“
„Nein. Es waren seine Bodyguards.“
„Aber die Amerikaner glaubten später, die beiden hätten auf der Reise Informationen beschafft?“
„Informationen, die nicht öffentlich zugänglich waren, ja. Die Amerikaner gingen davon aus, dass Herr Schubert mit Mitarbeitern unseres Nachrichtendienstes durch die Vereinigten Staaten gereist war. Dort sollen sie solche Informationen beschafft und anschließend an Herrn Voss weitergegeben haben. Der habe daraufhin investiert – und Milliarden verdient.“
„Aber die beiden gehörten gar nicht zum Nachrichtendienst?“
„Nein. Sie waren ausschließlich für Herrn Schuberts Personenschutz zuständig.“
Mara lehnte sich etwas zurück. „Von außen muss die Kombination trotzdem verdächtig ausgesehen haben.“
„Das hat sie.“
Mara grinste. „Hat der Mitarbeiter aus Boston wenigstens eine Prämie bekommen?“
Bei Valentina zeigte sich ein kurzes Lächeln. „Oh ja. Eine erhebliche.“
„Das will ich hoffen.“
Mara warf einen Blick auf ihre Notizen. Namen standen inzwischen genug darin. Jetzt wollte sie die Menschen dazu kennenlernen.
„Ich würde gern mit Herrn Schubert sprechen. Und mit Philipp Voss, Svenja Albrecht, Christina Albrecht und Claudia Voss.“
„Bei Herrn Schubert, Philipp, Svenja und Christina kann ich versuchen, Ihnen einen Termin zu organisieren. Bei Claudia kann ich Ihnen nicht helfen.“
Mara sah auf. „Warum nicht?“
„Sie arbeitet nicht hier. Ich kann Ihnen keinen Termin mit ihr vermitteln.“
„Aber ich darf sie selbst kontaktieren?“
„Natürlich.“
Valentina griff zum Telefon und führte mehrere kurze Gespräche. Als sie wieder auflegte, sah sie zu Mara. „Herr Schubert hätte gleich Zeit für Sie. Christina können Sie morgen treffen. Allerdings nicht hier – Sie müssen zu ihr nach Hause fahren.“
„Kein Problem.“
„Die Adresse bekommen Sie gleich von meiner Sekretärin draußen. Wegen Philipp und Svenja melde ich mich, sobald ich etwas weiß.“
Mara nickte, ließ das Aufnahmegerät aber liegen. „Eine letzte Frage habe ich noch.“
Valentina wartete.
„Warum jetzt?“
Die Frage lag zwischen ihnen, klar für beide. Nach all den Jahren der Absagen – warum diese Dokumentation, warum dieser Zugang, warum sie.
Valentinas Blick senkte sich für einen Moment auf das Glas vor ihr. Ihre Finger strichen einmal langsam über den Rand. Dann sah sie Mara wieder an.
„Das sollten Sie Hugo fragen.“
Mara betrachtete sie einen Moment. Dieses kurze Zögern war ihr nicht entgangen.
„Sie wollen es mir nicht sagen. Oder wissen Sie es nicht?“
Valentina antwortete nicht.
„Das kann ich mir allerdings nicht vorstellen.“
Wieder nichts. Ihr Gesicht gab nichts preis.
Mara war sich trotzdem ziemlich sicher: Valentina kannte den Grund. Was immer dahintersteckte, sie würde ihn von ihr nicht erfahren.
„Interessant“, sagte Mara.
Ein kurzer Moment Stille.
„Ist die Inquisition damit beendet?“, fragte Valentina trocken.
Mara grinste. „Für heute.“
Wenig später saß Mara Michael Schubert gegenüber.
Wenig später saß Mara Michael Schubert gegenüber.
Sein Büro unterschied sich deutlich von dem Rest der Bellaventra Group, den sie bisher gesehen hatte. Dunkles Holz und dunkler Stein, warme indirekte Beleuchtung, hochwertige Teppiche und Leder. Hinter dem großen Schreibtisch lag eine Sitzgruppe, die beinahe wie ein kleines Wohnzimmer wirkte. Die großen Fenster ließen genug Licht herein, damit die dunklen Materialien nicht schwer wirkten.
Mara ließ den Blick kurz durch den Raum wandern. Unten hatte alles nüchtern, modern und funktional gewirkt. Hier war nichts nüchtern. Es war geschmackvoll, teuer, repräsentativ und ein wenig dekadent. Offenbar hatte Michael Schubert kein Problem damit, zu zeigen, dass er sich Luxus leisten konnte.
Er hatte gute Manieren und wenig Zeit und verpackte beides so charmant, dass es keine Beleidigung war.
„Sie kennen Hugo Voss seit über vierzig Jahren.“
„Ja.“
„Und führen heute praktisch das Unternehmen, das mit seiner Idee angefangen hat.“
Michael lächelte leicht. „Praktisch?“
Mara erwiderte das Lächeln. „Das Wort können wir später noch verhandeln.“
Sein Lächeln wurde eine Spur breiter.
„Wie trennt man nach so langer Zeit Freundschaft und Geschäft?“
„Gar nicht mehr vollständig.“ Er lehnte sich zurück. „Wir kannten uns, bevor irgendjemand von uns wusste, was ein Hedgefonds ist.“
Mara beobachtete ihn. Er kannte die Menschen, die Wege, die Strukturen – seit Jahrzehnten. Er strahlte die Selbstverständlichkeit eines Mannes aus, der gewohnt war, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen. Und trotzdem führte alles, was sie bisher über seinen Weg erfahren hatte, immer wieder an denselben Ausgangspunkt zurück: Hugo hatte ihm vertraut. Sehr früh, sehr weit – und offenbar nie damit aufgehört.
„Was halten Sie von der Art, wie er lebt?“
Michael zuckte die Schultern. „Es ist sein Leben.“
„Das klingt, als hätten Sie keine Meinung.“
„Ich habe eine Meinung. Sie ist nur kurz.“ Er lehnte sich zurück. „Ich muss nicht so leben wie Hugo. Aber ich wüsste nicht, warum er so leben sollte wie ich.“
Mara wechselte das Thema. „Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“
„Sie werden es vermutlich ohnehin tun.“
„Hat es Sie keine Überwindung gekostet, Philipp irgendwann als gleichwertigen Partner neben sich zu akzeptieren? Sie führen dieses Unternehmen seit Jahrzehnten. Er ist wesentlich jünger als Sie, und heute steht er praktisch auf derselben Ebene.“
Diesmal verschwand die Leichtigkeit für einen Moment aus Michaels Gesicht.
„Natürlich musste ich mich daran gewöhnen.“
Die Offenheit überraschte Mara.
„Und warum haben Sie es akzeptiert?“
Michael schwieg einen Moment. „Hugo hat mir Verantwortung gegeben, lange bevor irgendjemand einen Grund hatte, mir so viel Verantwortung zu geben. Ich hatte zwar eine Ausbildung, aber für das, was ich hier später gemacht habe, hat sie mir nicht viel genutzt. Ich bin mit meinen Aufgaben gewachsen.“
„So wie Philipp.“
„Ja. Hugo wollte, dass ich ihn auf seine Aufgabe vorbereite. Das habe ich getan.“
Mara sah ihn an. „Das erklärt, warum Sie ihn ausgebildet haben. Nicht, warum Sie ihn heute als gleichwertigen Partner akzeptieren.“
Michael hielt ihren Blick einen Moment länger als zuvor.
„Weil er sich diesen Platz verdient hat.“
„Das reicht Ihnen?“
Etwas veränderte sich in Michaels Gesicht, so kurz, dass Mara nicht sagen konnte, was es gewesen war.
„Und weil Hugo mir einmal eine Chance gegeben hat, die ich damals vielleicht genauso wenig verdient hatte.“
Mara wartete, aber Michael sagte nichts mehr.
Trotzdem blieb etwas hängen. Nicht das, was er über Philipp gesagt hatte, sondern die Art, wie er über Hugo gesprochen hatte. Da war etwas, das über Freundschaft und geschäftliche Loyalität hinausging. Für einen kurzen Moment hatte sie geglaubt, es zu sehen, doch bevor sie es greifen konnte, war es wieder verschwunden.
Als das Gespräch beendet war, begleitete Michael sie hinaus.
Im Vorzimmer stand seine Assistentin auf, um ihm etwas zu sagen. Michael ging an ihr vorbei, sprach dabei über einen Termin und gab ihr wie nebenbei einen kurzen Klaps auf den Po.
Mara brauchte einen Moment.
Michael nicht.
Er ging einfach weiter, ohne Grinsen, ohne Spruch, nicht einmal seine Stimme veränderte sich.
Maras Blick wanderte zu der Assistentin. Die Frau zuckte kurz zusammen und sah Michael hinterher. Für einen Augenblick glaubte Mara, ein Lächeln zu erkennen. Oder sie bildete es sich ein. Sekunden später saß die Frau wieder vor ihrem Bildschirm, als wäre überhaupt nichts geschehen.
Mara merkte sich die Szene.
Auf dem Rückweg begegnete sie Valentina Bondi, die gerade aus einem Büro kam.
„Läuft zwischen Michael und seiner Assistentin etwas?“
Bondi sah sie an. „Warum fragen Sie?“
„Er hat ihr gerade auf den Hintern geklopft.“
Eine winzige Pause.
„Michael ist Michael.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Sollte es auch nicht.“
Mara sah sie einen Moment an. „Gut. Dann anders. Wenn sie das nicht will – wäre das hier erlaubt?“
„Wenn ein Abteilungsleiter so etwas bei seiner Assistentin macht und sie sich beschwert, landet die Sache bei der Personalabteilung.“
„Und wenn Michael es macht?“
Wieder diese kleine Pause.
„Dann gelten dieselben Regeln.“
Mara hielt ihren Blick. „Auf dem Papier.“
„Auf dem Papier sind Regeln meistens am einfachsten.“
Mara hob leicht die Brauen. Das war keine offizielle Antwort. Aber es war vermutlich die ehrlichste, die sie bekommen würde.
„Und sie?“, fragte sie. „Akzeptiert sie das?“
„Das müssen Sie sie fragen.“
Die sauberste aller Antworten.
Bis zu ihrem nächsten Gespräch blieb Mara noch etwas Zeit. Sie ging ins Mitarbeiterrestaurant und holte sich etwas zu essen. Auch dort überraschte sie die Normalität. Keine extravagante Küche, kein demonstrativer Luxus – einfach ein ordentliches Mitarbeiterrestaurant mit ein paar warmen Gerichten, Salaten und belegten Broten.
Sie setzte sich an einen freien Tisch, aß und schlug ihr Notizbuch wieder auf.
Michael Schubert.
Vierzig Jahre Freundschaft mit Hugo. Jahrzehnte an der Spitze der Bellaventra Group. Philipp inzwischen als gleichwertiger Partner an seiner Seite. Und dieser kurze Moment in Michaels Gesicht, als sie nach dem Warum gefragt hatte. Da war etwas gewesen, etwas, das sie noch nicht einordnen konnte.
Dann seine Assistentin.
Mara dachte an das kurze Zusammenzucken, den Blick hinter Michael her, dieses vielleicht vorhandene Lächeln. Vielleicht lief etwas zwischen ihnen. Vielleicht war diese Vertrautheit längst normal. Vielleicht hatte die Frau es auch einfach hingenommen.
Sie wusste es nicht.
Was ihr im Gedächtnis blieb, war Michaels Selbstverständlichkeit. Kein Zögern, kein prüfender Blick, ob jemand zusah. Für ihn hatte sich die Geste offenbar nicht ungewöhnlich angefühlt.
Mara schrieb noch ein paar Worte dazu, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken holte.
„Bereit?“
Sie sah auf. Valentina stand vor ihrem Tisch.
Mara warf einen Blick auf die Uhr. Der Nachmittag war inzwischen weit fortgeschritten.
„Philipp hat jetzt Zeit für Sie“, sagte Valentina.
Mara klappte das Notizbuch zu, steckte den Stift ein und stand auf.
Wenig später führte Valentina sie einige Türen weiter zu Philipps Büro.
Mara erkannte ihn sofort – aus Dutzenden Bildern während ihrer Recherche und aus Sophies trockenem Kommentar an dem Abend, an dem sie ihr vom Auftrag erzählt hatte: Der Neffe sieht verdammt gut aus, versuch, den zu treffen.
Ein Foto war etwas anderes als ein Mann, der plötzlich vor einem stand.
Mara hatte gewusst, dass Philipp gut aussah. Trotzdem erwischte sie die Wirkung, die er auf sie hatte, unvorbereitet. Ihr Blick blieb einen Moment länger an ihm hängen, als sie beabsichtigt hatte, und dieses kleine warme Ziehen tief in ihrem Bauch war schneller da als jeder vernünftige Gedanke.
Okay.
Sophie hatte wirklich nicht übertrieben.
Der Anzug saß perfekt, keine Falte am falschen Ort, und selbst die makellosen Schuhe wirkten, als gehörten sie selbstverständlich dazu. Krawatte und Einstecktuch waren aufeinander abgestimmt, am Handgelenk trug er eine hochwertige Uhr. Nichts davon stellte sein Vermögen demonstrativ zur Schau, und trotzdem musste Mara nicht zweimal hinsehen, um zu erkennen, was dieser Mann ausstrahlte: Geld, Stil und die Selbstverständlichkeit, beides nicht erklären zu müssen.
Neben ihm standen zwei Mitarbeiter mit Unterlagen in den Händen. Einer sagte etwas, Philipp antwortete knapp, der andere machte sich sofort eine Notiz. Niemand musste Mara erklären, wer hier entschied.
Seine Sekretärin – auffallend schön, perfekt gekleidet, professionell – passte beinahe zu gut zu dem Bild, das die Presse von ihm zeichnete. Mara registrierte es. Keine Beweise. Nur ein Eindruck.
Als Philipp ihr die Hand reichte, rutschte die Manschette ein kleines Stück zurück.
Heller Haaransatz am Handgelenk, dort, wo Ärmel und Hand ineinander übergingen.
Ihr Blick blieb hängen. Einen halben Herzschlag zu lang. Es war nur ein Handgelenk, nur ein wenig Haar – und trotzdem traf sie dieser völlig belanglose Anblick überraschend körperlich. Sie fand es sexy. Sofort. Noch bevor ihr überhaupt bewusst wurde, dass sie hinsah.
Verdammt, dachte sie. Sophie hatte recht.
„Ms Winter.“
Seine Stimme war angenehm, ruhig, leise betont. Als er näher trat, erreichte sie sein Geruch: dezent, gepflegt, teuer, zurückhaltend männlich. Nichts Aufdringliches. Trotzdem nahm sie ihn stärker wahr, als ihr lieb war.
Sie sprachen. Er war souverän, medienerfahren, kontrolliert. Mara stellte ihre Fragen, hörte seinen Antworten zu – und ertappte sich trotzdem dabei, wie ihr Blick wieder zu seinen Händen wanderte. Zu den Fingern, die sich ruhig bewegten, wenn er etwas erklärte. Zu dem schmalen Stück Handgelenk, das gelegentlich unter der Manschette sichtbar wurde.
Reiß dich zusammen.
Sie hob den Blick und traf auf seinen.
Diesmal sah sie nicht sofort weg.
Philipp auch nicht.
Es waren wahrscheinlich nur zwei oder drei Sekunden. Lang genug allerdings, dass Mara den Unterschied bemerkte. Das hier war nicht mehr nur der aufmerksame Blick eines Interviewpartners. Zumindest fühlte es sich für sie nicht so an. Da saß ein Mann vor ihr, den sie verdammt attraktiv fand, und für diesen kurzen Moment war ihr das sehr viel bewusster als die nächste Frage in ihrem Notizbuch.
Sie hielt seinen Blick trotzdem.
Vielleicht gerade deshalb.
Erst als Philipp sich wieder etwas zurücklehnte, löste sich der Moment. Seine Hand lag auf der Armlehne, vollkommen ruhig, und Maras Blick folgte der Bewegung beinahe gegen ihren Willen. Wieder diese Finger. Wieder das schmale Stück Haut unter der Manschette.
Ausgerechnet ein Handgelenk.
Sie hätte beinahe über sich selbst gelacht.
Stattdessen spürte sie ein warmes Ziehen zwischen ihren Beinen.
Scheiße.
Das war jetzt wirklich nicht mehr nur die sachliche Feststellung, dass Sophie mit ihrer Einschätzung recht gehabt hatte. Mara kannte attraktive Männer. Sie interviewte attraktive Männer. Normalerweise konnte sie problemlos feststellen, dass einer gut aussah, und anschließend ihren Job machen.
Bei Philipp musste sie sich gerade daran erinnern, dass genau das der Plan war.
Sie schlug eine Seite ihres Notizbuchs um, obwohl sie noch genügend Platz gehabt hätte, und zwang ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihre Fragen.
„Also“, sagte sie und war zufrieden, dass ihre Stimme vollkommen normal klang.
Philipp sah sie noch einen Augenblick an, bevor er antwortete.
Mara wusste nicht, ob er überhaupt etwas bemerkt hatte.
Sie hoffte es nicht.
Ein kleiner, ziemlich unvernünftiger Teil von ihr war sich da allerdings nicht ganz sicher.
Philipp führte sie in sein Büro. Dunkles, hochwertiges Holz, ein großer Schreibtisch und ein Besprechungsbereich mit langem Tisch und Ledersesseln. Alles wirkte teuer, aber funktional. Kein Spielzimmer eines Milliardärserben – der Arbeitsplatz eines Mannes, der darauf vorbereitet wurde, eines Tages die Bellaventra Group zu übernehmen.
Mara setzte sich ihm gegenüber und schlug ihr Notizbuch auf. Philipp nahm im Sessel Platz, lehnte sich zurück und schlug langsam die Beine übereinander.
„Und was halten Sie von der Art, wie Ihr Onkel lebt?“, fragte Mara. Dieselbe Frage, die sie Michael gestellt hatte.
„Es ist sein Leben.“
Mara musste beinahe lächeln. „Das hat Herr Schubert auch gesagt.“
„Dann sind wir uns ausnahmsweise einig.“
„Ausnahmsweise?“
Ein kurzes Lächeln.
„Sie wollten wissen, was ich davon halte.“
„Genau.“
„Es wäre nicht mein Leben.“
„Warum nicht?“
„Weil ich andere Vorstellungen habe. Ich halte ziemlich viel von einer klassischen Beziehung. Von Ehe, Familie, solchen Dingen.“
Mara hob leicht die Brauen. „Und die Frauen Ihres Onkels?“
„Was soll mit ihnen sein?“
„Sie gehören offenbar zu seinem Leben.“
„Ja.“ Philipp verzog leicht den Mund. „Und zu den Lieblingsthemen der Presse. Ich finde dieses öffentliche Gerede darüber eher unangenehm.“
„Ihr eigenes Privatleben führen Sie also anders?“
„Ja.“
Mara dachte an die Fotos von der Côte d’Azur. An die Boulevardgeschichten, die sich über Jahre gezogen hatten.
Moral, dachte Mara. Oder zumindest die besonders bequeme Form davon: Moral für die anderen. Er störte sich also an Hugos Lebensstil. An seinem eigenen offenbar weniger. Heuchler. Und ärgerlicherweise änderte auch diese Erkenntnis nichts daran, wie gut dieser Mann aussah. Ihr Blick fiel für einen Moment wieder auf seine Hand, auf den hellen Haaransatz am Handgelenk unter der Manschette. Verdammt.
„Die britische Presse zeichnet von Ihnen gelegentlich ein etwas anderes Bild.“
Philipps Lächeln verschwand nicht, aber etwas daran veränderte sich.
„Die britische Presse zeichnet von vielen Menschen ein interessantes Bild.“
„Warum hat Ihr Onkel nach all den Jahren dieser Dokumentation zugestimmt?“, fragte sie.
Philipp schwieg einen Moment. Zum ersten Mal wirkte eine Antwort nicht sofort fertig.
„Das sollten Sie ihn selbst fragen.“
Mara musterte ihn. „Sie wissen es.“
Sein Blick blieb ruhig. „Das habe ich nicht gesagt.“
„Nein.“ Sie lehnte sich ein wenig zurück. „Aber Sie haben auch nicht gesagt, dass Sie es nicht wissen.“
Etwas spannte sich in seinem Gesicht an, kaum sichtbar.
„Es war seine Entscheidung.“
„Eine, die Ihnen nicht gefällt?“
Philipp hielt ihren Blick einen Moment.
„Es war seine Entscheidung“, wiederholte er.
Mara ließ die Stille einen Augenblick stehen, dann klappte sie ihr Notizbuch zu.
Philipp stand auf und reichte ihr die Hand. Mara legte ihre hinein. Seine Finger schlossen sich fest um ihre, warm und sicher. Für diesen kurzen Moment war ihr wieder viel zu bewusst, wie attraktiv sie diesen Mann fand.
Die Manschette rutschte ein Stück zurück, und ihr Blick fiel erneut auf den hellen Haaransatz an seinem Handgelenk.
Ausgerechnet das.
„Danke für Ihre Zeit“, sagte sie.
„Gern.“
Er ließ ihre Hand los und begleitete sie hinaus.
Vor seinem Büro kam ihnen einer seiner Mitarbeiter entgegen, eine Mappe unter dem Arm. Philipp blieb bei ihm stehen, während Mara weiter den Flur hinunterging.
Sie war bereits einige Schritte entfernt, als die Stimme des Mitarbeiters gerade noch ihr Ohr erreichte. Seine Worte verstand sie nicht.
Dann hörte sie Philipp.
Leiser als zuvor, aber gerade noch deutlich genug.
„Eine ausgesprochen unangenehme Frau.“
Mara ging weiter.
Ein Lächeln zog langsam über ihren Mund.
Eine ausgesprochen unangenehme Frau.
Aus seinem Mund gefiel ihr das beinahe unanständig gut.
Am nächsten Morgen holte Mara einen Mietwagen ab. Das Navigationssystem führte sie aus Douglas hinaus, durch die grüne, sanft hügelige Landschaft und schließlich über immer schmalere Straßen direkt zu Christinas Anwesen.
Die Zufahrt war lang. Links und rechts erstreckten sich Pferdekoppeln, auf denen einzelne Tiere weideten, und je länger Mara fuhr, desto deutlicher wurde ihr, dass dies kein großes Haus mit etwas Land war. Der Besitz schien mit jeder Kurve weiterzugehen.
Dann tauchte das Haupthaus auf: ein monumentales Herrenhaus aus hellem Naturstein, symmetrisch, mit hohen Dächern, Giebeln und zahlreichen Fenstern – ein klassischer englischer Landsitz. Fast dahinter, in völligem Kontrast dazu, lagen die modernsten Stallanlagen, die Mara je gesehen hatte: Glas, Holz, Metall, großzügige Flächen, viel Licht.
Sie parkte und blieb einen Moment sitzen.
„Das ist ein wahnsinniges Anwesen.“
Kaum war sie ausgestiegen, kam ihr ein Mann vom Haus entgegen.
„Ms Winter? Ms Albrecht erwartet Sie bereits. Sie ist bei den Pferden.“
Er führte Mara über das Gelände, und erst auf dem Weg dorthin wurde ihr die Dimension des Gestüts richtig bewusst. Mehrere Stallbereiche, Wirtschaftsgebäude, großzügige Sattelkammern, ein direkt an die große Reithalle anschließender Außenreitplatz und eine Wasseranlage, die aussah wie ein Schwimmbad für Pferde. Mitarbeiter führten Tiere über die Wege, irgendwo wurde eine Box ausgemistet, Ausrüstung getragen.
Luxuriös, ohne wie Dekoration zu wirken. Hier wurde gearbeitet.
In einem der Stallgänge blieb Mara stehen. Die Boxen lagen nicht, wie sie es kannte, links und rechts eines Mittelgangs. Sie befanden sich nur an der Außenseite; gegenüber öffnete sich der Blick direkt in die Reithalle. Die Pferde konnten aus ihren Boxen beobachten, was dort geschah.
„Das ist eine ungewöhnliche Aufteilung“, sagte sie.
„Ich wollte es genau so.“
Mara drehte sich um.
Christina kam ihnen entgegen. Jeans, Gürtel, ein kariertes Hemd, das über der Taille geknotet war und einen schmalen Streifen ihres unteren Bauchs frei ließ. Sie war nicht auffällig schön, eher durchschnittlich, aber schlank und sehr trainiert. Vor allem ihr Bauch fiel Mara auf: flach, straff, deutlich trainiert.
„Ms Winter.“ Christina streckte ihr die Hand entgegen. „Entschuldigen Sie den Empfang im Stall. Hier wird gerade gearbeitet.“
„Kein Problem.“
Der Mann, der Mara hergebracht hatte, verabschiedete sich. Christina setzte sich mit ihr in Bewegung.
Schon nach wenigen Metern wurde deutlich, dass sie hier nicht nur die Eigentümerin war. Ein Mitarbeiter kam mit einem Pferd aus einem Seitengang und hielt kurz an.
„Der Tierarzt war da“, sagte er.
„Und?“
„Nichts Dramatisches. Zwei Tage Ruhe.“
„Dann gib ihr drei.“
Der Mann grinste. „Du wirst weich.“
„Erzähl das niemandem.“
Er wollte weitergehen, doch Christina legte ihm im Vorbeigehen kurz die Hand an die Brust und hielt ihn damit noch einen Moment auf.
„Und du schuldest mir noch was.“
Sein Blick veränderte sich. „Ich weiß.“
Christinas Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. „Gut.“
Sie nahm die Hand von seiner Brust und ging weiter. Der Mann blieb einen Augenblick stehen, bevor er das Pferd mitnahm.
Mara folgte Christina.
Christina kannte die Pferde, die Mitarbeiter und die Abläufe. Sie blieb hier und dort stehen, beantwortete eine Frage, gab eine kurze Anweisung. Mit einem jungen Mann an einer offenen Box stritt sie lachend darüber, wer am Morgen eine Wette verloren hatte.
Ein anderer legte ihr beim Vorbeigehen für einen Augenblick die Hand an die Hüfte, um hinter ihr durchzukommen. Christina wich nicht aus. Sie drehte lediglich den Kopf.
„Vorsicht.“
„Womit?“
Ihr Mund verzog sich. „Mit deiner Hand.“
Der Mann grinste. „Hat dich gestern auch nicht gestört.“
Christina sah ihn einen Moment an. „Gestern war gestern.“
Dann ging sie einfach weiter.
Mara folgte ihr.
Interessant.
Was gestern gewesen war, wusste Mara nicht. Aber für eine Frau, der ein Betrieb dieser Größe gehörte, hielt Christina erstaunlich wenig körperliche Distanz zu ihren Mitarbeitern.
Die Männer offenbar ebenfalls.
„Sie kennen Ihre Leute ziemlich gut“, sagte Mara.
„Einige sehr gut.“
Christina warf ihr einen Seitenblick zu.
Mara hob eine Braue.
Christina grinste. „Sie sind Journalistin. Machen Sie daraus, was Sie wollen.“
Mara ließ den Blick noch einmal über die Anlage schweifen. „Haben Sie das alles selbst aufgebaut?“
„Das Gestüt ja.“
„Und das Anwesen?“
„Das hat mir mein Onkel geschenkt.“
Mara blieb tatsächlich einen halben Schritt zurück. „Das hier?“
Christina sah sich kurz um, als müsse sie erst feststellen, was Mara mit das hier meinte. „Ja.“
Gerade diese Selbstverständlichkeit traf Mara mehr als die Größe des Besitzes.
„Sie sind Ihrem Onkel ziemlich nah, oder?“
„Ja.“
„Schon immer?“
Christina blieb an einer Box stehen und strich einem Pferd über die Nase, das den Kopf zu ihr herausstreckte. „Eigentlich schon. Als Kind und Jugendliche war ich ständig auf Bellaventra. Für mich war das fast ein zweites Zuhause.“
„Dann kennen Sie Ihren Onkel wahrscheinlich besser als die meisten.“
Christina lachte leise. „Gut genug, um ziemlich früh zu lernen, wann ich ihn um etwas bitten konnte und wann besser nicht.“
„Woran merken Sie das?“
„Man muss Menschen nur lange genug beobachten. Dann weiß man irgendwann, wie sie ticken.“
„Und das nutzen Sie aus?“
Christina sah sie an. In ihrem Gesicht lag nicht die geringste Verlegenheit.
„Natürlich.“
Mara musste lachen. „Immerhin ehrlich.“
„Warum sollte ich darüber lügen? Jeder Mensch hat Dinge, auf die er reagiert. Man muss nur herausfinden, welche.“
Dabei bemerkte Mara wieder den schmalen Streifen nackter Haut zwischen Hemd und Gürtel. Vielleicht, weil ihr Blick dorthin fiel, bemerkte Christina es. Sie sah an sich hinunter. Dann wieder zu Mara.
„Ich weiß, dass ich keine außergewöhnlich schöne Frau bin.“
Mara wollte etwas sagen, aber Christina hob eine Hand.
„Das ist keine Beschwerde. Ich habe Spiegel.“ Sie lächelte, ließ den Blick kurz an sich hinunterwandern und deutete auf den schmalen Streifen nackter Haut über ihrem Gürtel. „Aber ich weiß auch, was an mir funktioniert.“
Mara sah sie an. „Bei Ihrem Onkel?“
„Bei meinem Onkel.“
Christina sagte es so selbstverständlich, dass Mara einen Augenblick brauchte, um die Aussage richtig einzuordnen.
„Also wusste ich irgendwann auch, wann ich ein Crop-Top und Low-Rise-Jeans anziehe, bevor ich ihn um etwas bitte.“
Mara starrte sie einen Moment an und musste dann lachen. „Das ist manipulativ.“
„Selbstverständlich.“
Kein Zögern. Nicht einmal der Versuch, es freundlicher zu formulieren.
„Und es funktioniert?“
Christina grinste. „Öfter, als es sollte.“
„Und Ihr Onkel merkt das nicht?“
„Doch.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Das ist ja das Schöne daran.“
Mara betrachtete sie jetzt anders. Christina versuchte nicht einmal, aus ihren kleinen Manipulationen etwas Harmloseres zu machen. Sie wusste genau, was sie tat – und hatte offensichtlich überhaupt kein Problem damit.
„Sie sind ziemlich offen damit.“
„Ich bin mit ziemlich vielem offen.“
Das glaubte Mara ihr inzwischen. Christina blieb bei einem Pferd stehen und streichelte es langsam.
„Kommt das von Ihrem Onkel?“
Christina überlegte kurz. „Vielleicht von der Familie. Vielleicht von Bellaventra. Bei uns wurde aus vielen Dingen nie dieses große Theater gemacht, das andere Leute daraus machen.“
„Zum Beispiel?“
„Sex.“
Das Wort kam vollkommen beiläufig. Christina setzte sich wieder in Bewegung.
„Wenn man als Jugendliche an einem Tisch sitzt und Erwachsene über Beziehungen, Affären oder Sex reden, ohne jedes Mal so zu tun, als müsste jemand unter achtzehn sofort den Raum verlassen, entwickelt man vermutlich ein etwas anderes Verhältnis dazu.“
Mara ging neben ihr her. „Und die Frauen Ihres Onkels?“
„Was ist mit ihnen?“
„Die waren auch dabei?“
„Natürlich.“
„Beim Abendessen?“
Christina sah sie an. „Ja. Auf Bellaventra wurde abends zusammen gegessen. Mein Onkel, manchmal Mitarbeiter von ihm, meine Mutter und ich – und seine Frauen.“
„Wie viele waren es?“
„Meistens sechs, manchmal auch acht.“
Mara sah sie an. „Gleichzeitig?“
Christina lachte. „Ja. Sie lebten alle zusammen auf Bellaventra. Mein Onkel nennt es eine polyamore Lebensform.“
„Und Ihre Mutter hatte damit kein Problem?“
„Meine Mutter kennt ihren Bruder.“
Damit war für Christina offenbar alles gesagt.
Mara dachte an die Männer im Stall. An die Hand auf Christinas Hüfte, an Gestern hat dich das auch nicht gestört, an ihre eigene Hand auf der Brust des anderen Mannes. Vielleicht hatte sie diesen kleinen Szenen mehr Bedeutung gegeben als Christina selbst.
„Ihr Onkel zieht sich in den letzten Jahren immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück.“
Christina sah sie an. „Er war noch nie besonders versessen darauf.“
„Aber früher war er mehr unterwegs. Heute findet man kaum noch etwas.“
Christina zuckte leicht mit den Schultern.
„Warum sollte man ständig in die Welt hinausgehen, wenn die Welt zu einem kommt?“
„Warum jetzt?“, fragte Mara schließlich. „Ihr Onkel hat über Jahre jede Dokumentation abgelehnt.“
Etwas veränderte sich in Christinas Gesicht. Nicht viel.
Christina strich dem Pferd bedächtig über die Nase.
„Das müssen Sie meinen Onkel fragen.“
„Sie wissen es.“
Christina sagte nichts.
Kein schlagfertiger Satz. Kein Lächeln. Kein Dementi.
Mara wartete.
Gerade weil Christina bis eben auf beinahe jede Frage eine Antwort gehabt hatte, bekam dieses Schweigen Gewicht.
„Ich werde ihm von Ihnen erzählen“, sagte Christina schließlich.
„Sie sprechen regelmäßig mit ihm?“
„Natürlich.“
„Werden Sie ihm alles erzählen?“
Christina lächelte wieder. „Sicher nicht.“
„Wie beruhigend.“
„Für Sie oder für ihn?“
Mara musste lachen. „Das entscheide ich, wenn ich ihn kennengelernt habe.“
Christina grinste.
Als Mara wenig später zu ihrem Wagen zurückging, blieb ihr vor allem der eine Moment im Kopf.
Warum jetzt?
Über alles andere hatte Christina mit einer Offenheit gesprochen, die Mara mehr als einmal überrascht hatte.
Nur darüber nicht.
Mara öffnete den Wagen, warf ihr Notizbuch auf den Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer.
Irgendetwas fehlte ihr.
Am nächsten Morgen war ihr Gepäck gepackt und Mara gedanklich schon bei Jersey, als ihr Handy klingelte.
„Frau Winter“, sagte Michael Schubert, ohne sich zu melden, „ich möchte, dass Sie noch einmal zu mir kommen. Ich muss mit Ihnen reden.“
Mara schaute auf die Uhr. „Das ist schlecht. Ich muss meinen Flieger bekommen.“
„Machen Sie sich darum keinen Kopf. Das kläre ich.“
Sie setzte bereits zu einer Antwort an – der Flug wartete nicht, ihr Gepäck stand bereit.
„Ich schicke Ihnen einen Wagen.“
Dann legte er auf.
Mara blieb mit dem Handy in der Hand stehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mann gerade über ihre Zeit verfügt hatte, gefiel ihr nicht besonders. Gleichzeitig musste sie fast schmunzeln. Offenbar gehörte Michael Schubert zu den Männern, die einen Satz wie Das kläre ich sagten und anschließend tatsächlich davon ausgingen, dass die Welt sich entsprechend sortierte.
Was hatte er so dringend? Hatte sie mit jemandem gesprochen, mit dem sie aus seiner Sicht nicht hätte sprechen sollen?
Die Neugier siegte. Wegen des Fluges machte sie sich keine Gedanken. Wenn sie ihn verpasste, nahm sie eben den nächsten.
Vor dem Hotel wartete eine schwarze S-Klasse. Dunkle Scheiben, makelloser Lack, zurückhaltend genug, um nicht aufzufallen.
„Fahren Sie immer für Herrn Schubert?“, fragte Mara.
„Nein.“ Ein kurzer Blick zu ihr. „Ich bin aus der Fahrzeugbereitschaft.“
„Ich sollte übrigens gerade auf dem Weg zum Flughafen sein“, sagte sie. „Herr Schubert meinte, er kümmert sich darum.“
Der Fahrer blieb völlig gelassen. „Wenn Herr Schubert sagt, dass er das regelt, dann regelt er das.“
Er sagte es ohne jede Ironie.
Michael ließ sie nicht lange warten. Sie sprachen zunächst über ihre Eindrücke von der Isle of Man, über die Gespräche der vergangenen Tage und darüber, was sie bisher gesehen hatte. Dann sagte er plötzlich:
„Ich möchte übrigens, dass ich in Ihrem Film gut wegkomme.“
Mara sah ihn an.
„Das sagen Sie erstaunlich offen.“
Michael zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich es nicht sagen?“
Mara musste beinahe lächeln. Wenigstens wusste sie jetzt, warum er sie herbestellt hatte.
„Das liegt ein Stück weit an Ihnen.“
„Dann sind wir uns ja einig.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
Michael lächelte. „Nein. Aber ich bin optimistisch.“
Sie musste beinahe lächeln. Also deshalb hatte er sie herbestellt. Wenigstens machte Michael kein Geheimnis daraus, was er wollte.
„Mein Flug dürfte inzwischen erledigt sein“, sagte sie schließlich.
Michael sah sie beinahe verwundert an. „Ich habe doch gesagt, dass ich das kläre.“
„Und?“
„Eine Bellaventra-Maschine fliegt nach Jersey. Sie können mitfliegen.“
So einfach war das also.
Mara sah ihn einen Moment an. „Gut.“
Warum auch nicht?
Wenig später saß sie wieder im Wagen zum Flughafen.
Nach einigen Minuten beugte Mara sich etwas nach vorn. „Könnten Sie bitte kurz an einem Kiosk halten? Ich möchte noch etwas besorgen.“
„Natürlich.“
Der Fahrer hielt am Straßenrand vor einem kleinen Laden.
„Möchten Sie, dass ich hineingehe und Ihnen etwas hole?“, fragte der Fahrer.
„Nein, nein, das mache ich selbst.“
Er wollte gerade aussteigen, vermutlich um ihr die Tür zu öffnen.
„Lassen Sie nur.“
Mara öffnete die Tür selbst, stieg aus und ging in den Laden. Sie nahm zwei Salamisticks und eine herzhafte gefüllte Teigtasche aus der Kühlung. Keine große Sache, nur etwas für unterwegs.
Wenig später saß sie wieder im Wagen, ihre kleine Beute in der Tasche, und die Fahrt zum Flughafen ging weiter.
Der Wagen hielt direkt vor dem Bereich für die Privatflüge.
Der Wagen hielt direkt vor dem Bereich für die Privatflüge. Der Fahrer stellte den Motor ab, stieg aus und ging um den Wagen herum. Während sich die Heckklappe bereits automatisch öffnete, öffnete er Mara die Tür.
Sie stieg aus. Noch während sie sich umsah, ging der Fahrer nach hinten und nahm ihr Gepäck aus dem Kofferraum.
Im selben Augenblick kam ein Mitarbeiter aus dem Gebäude auf sie zu.
Mara brauchte einen Moment, dann erkannte sie ihn.
Ausgerechnet der.
Es war derselbe Mann, den sie bei ihrer Ankunft nach den Bellaventra-Maschinen gefragt hatte. Und sofort war auch seine Stimme wieder da.
Wenn die Herrschaften irgendwohin müssen, wird eben ein Flugzeug angeworfen.
Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen. Vor ein paar Tagen hatte sie noch neben ihm gestanden und sich erklären lassen, wie diese Leute reisten. Jetzt stand ein Bellaventra-Wagen hinter ihr, ihr Fahrer hielt ihr die Tür auf, und genau dieser Mann kam auf sie zu, um ihr das Gepäck abzunehmen.
Das Ganze war so absurd, dass sie beinahe lachen musste.
Er nahm dem Fahrer die Koffer ab, stellte sie auf einen bereitstehenden Wagen und sah Mara an.
„Fliegen Sie mit Bellaventra?“
„Ja.“
Das eine Wort fühlte sich merkwürdig an.
„Dann folgen Sie mir bitte. Ich bringe Sie zur Abfertigung.“
Mara folgte ihm ins Gebäude. Dabei musste sie wieder an seine Herrschaften denken.
Vor ein paar Tagen hatte sie sich über die Formulierung amüsiert.
Jetzt war sie eine davon.
Und sie musste zugeben: Es fühlte sich verdammt angenehm an.
Im Gebäude führte er sie durch einen kleinen Empfangsbereich. An einem Schalter wartete bereits eine Frau. Der Mann übergab ihr Maras Reisedokumente, verabschiedete sich mit einem knappen Nicken und ging mit ihrem Gepäck weiter.
Die Frau trat auf Mara zu.
„Ms Winter?“
„Ja.“
Möchten Sie etwas trinken? Wasser, Kaffee, vielleicht ein Glas Champagner?“
Mara sah sie kurz an. Champagner. Natürlich.
„Ja. Warum eigentlich nicht.“
„Sehr gern. Krug oder Ruinart?“
Mara musste lächeln. Die Frage allein gefiel ihr.
„Krug.“
„Sehr gern. Dann begleite ich Sie zunächst durch die Sicherheitskontrolle.“
Mara folgte ihr. Keine Schlange, kein Warten. Die Sicherheitskontrolle lag nur wenige Schritte entfernt, und sie wurde direkt hindurchgeführt. Tasche und Jacke auf das Band, durch den Scanner, auf der anderen Seite wieder aufnehmen. Keine zwei Minuten.
Als Mara ihre Tasche wieder über die Schulter hängte, stand die Frau bereits dort und hielt ihr ein langes, schmales Champagnerglas entgegen. Das Glas war so dünn, dass es beinahe zerbrechlich wirkte, darin der blassgoldene Krug, durchzogen von feinen, aufsteigenden Perlen.
„Bitte schön.“
Mara nahm das Glas. „Danke.“
Sie musste lächeln. Selbst dafür hatte sie offenbar nicht warten müssen.
„Ihr Gepäck wird bereits zur Maschine gebracht“, sagte die Frau. „Wir warten im Moment noch auf den Abflugslot. Wenn Sie möchten, können Sie hier Platz nehmen. Ich komme zu Ihnen, sobald wir die Freigabe haben.“
Mara sah sie an. „Wie lange dauert das ungefähr?“
„Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Im Moment rechnen wir mit zwanzig bis dreißig Minuten.“
Mara nickte und sah sich nach einem freien Sessel um.
„Dann trinke ich erst einmal meinen Champagner.“
Wenig später kam die Frau wieder zu ihr.
„Wir haben die Freigabe. Wenn Sie mir bitte folgen.“
Mara stellte das inzwischen leere Glas ab, nahm ihre Tasche und folgte ihr hinaus auf das Flugfeld.
Der Wind griff sofort nach ihren Haaren. Sie strich sie aus dem Gesicht und ging neben der Frau her, den Blick bereits über die abgestellten Maschinen gleiten lassend. Sie hatte mit einer der beiden Falcon 10X gerechnet.
Dann blieb ihr Blick an einer deutlich größeren Maschine hängen.
Mara verlangsamte ihren Schritt.
„Das ist jetzt aber nicht unsere?“
Die Frau sah zu ihr und lächelte. „Doch.“
Mara schaute wieder hin. „Die 737?“
„Ja. Herr Schubert hat kurzfristig die Maschine tauschen lassen.“
Mara wusste für einen Moment nicht, ob sie das vollkommen absurd oder großartig finden sollte.
Offenbar beides.
Vor ihnen stand die Boeing 737 BBJ, und je näher sie kamen, desto weniger hatte sie mit dem eleganten Privatjet zu tun, den Mara erwartet hatte. Der Rumpf war lang und breit, die Tragflächen spannten sich weit über das Vorfeld, und die beiden Triebwerke unter ihnen wirkten aus dieser Nähe gewaltig. Selbst die ausgefahrene Einstiegstreppe erschien eher wie der Zugang zu einem kleinen fliegenden Gebäude als zu einem Privatflugzeug.
Mara sah an der Maschine hinauf.
Eine Boeing, für einen Flug nach Jersey.
Ein ungläubiges Lächeln zog über ihr Gesicht.
„Natürlich“, murmelte sie. „Warum auch nicht.“
Am Fuß der Treppe blieb die Frau stehen.
„Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Flug, Ms Winter.“
„Danke.“
Mara stieg die Treppe hinauf. Oben an der geöffneten Tür wartete bereits eine Flugbegleiterin.
Sie trug eine dunkelblaue Uniform, makellos geschnitten, mit knielangem Rock und einer schmal taillierten Jacke. Auf der Brust saß dezent das Bellaventra-Logo. Um den Hals hatte sie ein Seidentuch gebunden, dessen Muster Mara sofort erkannte: Hermès. Dazu eine kleine dunkelblaue Uniformmütze, das Haar ordentlich darunter zurückgenommen. Alles an ihr wirkte elegant, aber nicht steif – eher wie die luxuriösere, bis ins Detail durchdachte Version dessen, was Mara von Fluggesellschaften kannte.
„Willkommen an Bord, Ms Winter.“
„Danke.“
Die Flugbegleiterin trat einen Schritt zurück. „Möchten Sie, dass ich Ihnen die Maschine zeige?“
Mara wollte sofort antworten, doch plötzlich saß da dieser verdammte Kloß in ihrem Hals. Sie schluckte, brachte beim ersten Versuch keinen Ton heraus und nickte deshalb erst einmal.
„Ja“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang leiser, als sie wollte. „Sehr gern.“
Die Flugbegleiterin lächelte. „Dann folgen Sie mir bitte.“
Mara folgte ihr – und nahm dabei den Duft wahr. Warmes Holz, ein Hauch Leder, etwas Dunkles, Würziges darunter. Kein Parfum, das sich aufdrängte. Es roch einfach teuer. Unverschämt teuer.
Sie gingen an der Galley vorbei – rechts die Toilette, notierte Mara automatisch; ein vollkommen banaler Gedanke in einer Umgebung, in der gerade wenig banal wirkte – und erreichten einen Bereich mit sechs großzügigen Sitzen. Breite Sessel, Tische, wieder das polierte Holz, dieselbe hochwertige Gestaltung wie am Eingang. Nichts davon wirkte zweitrangig.
Für Mara war sofort klar: Hier saß sie.
Ihr Blick fiel auf die Tische. Perfekt. Da konnte sie gleich in Ruhe die Salamisticks und die gefüllte Teigtasche essen, die sie am Kiosk gekauft hatte.
Sie wurde langsamer, doch die Flugbegleiterin ging einfach weiter.
Mara blickte ihr nach. Ach, dachte sie. Es geht noch weiter.
Hinter dem ersten Sitzbereich öffnete sich die Kabine weiter, und Mara blieb beinahe stehen.
Das hier sah endgültig nicht mehr nach einem Flugzeug aus.
Die Kabine öffnete sich zu einem langgezogenen Salon. Zu beiden Seiten standen große, cremefarbene Ledersessel, so weit voneinander entfernt, dass jeder seinen eigenen kleinen Bereich zu haben schien. Dazwischen niedrige Tische aus dunkel glänzendem Holz. An einer Seite zog sich ein Sofa unter den Fenstern entlang, davor zwei weitere Tische.
Eine zweite Flugbegleiterin kam ihr entgegen, ein Tablett in der Hand.
„Wasser, Orangensaft, Champagner oder Mimosa, Ms Winter?“
Mara betrachtete die vier Gläser. Ihr Blick blieb am Champagner hängen.
„Champagner“, sagte sie.
Die Flugbegleiterin reichte ihr das Glas.
„Danke.“
Mara nahm einen kleinen Schluck und folgte der anderen Flugbegleiterin weiter durch die Kabine.
Das dunkle, hochglanzpolierte Holz lief an den Wänden entlang und teilte die Kabine immer wieder in einzelne Bereiche, ohne sie wirklich abzuschließen. Darüber warmes, indirektes Licht. Selbst der Teppich wirkte eher wie der Boden eines teuren Hotels als wie etwas, das in ein Flugzeug gehörte.
Mara ließ den Blick durch die langgezogene Kabine schweifen. Sessel, Sofa, Tische, Holz, Licht – und dazwischen so viel Platz, dass ihr Verstand die ganze Zeit versuchte, die Fenster mit dem Rest in Einklang zu bringen.
Das ist eine Boeing, erinnerte sie sich.
Es half nicht besonders.
Mara ließ den Blick durch den Raum wandern.
„Das ist …“
Die Flugbegleiterin sah sie erwartungsvoll an.
Mara lachte leise. „Entschuldigung. Ich versuche gerade noch, mich daran zu gewöhnen, dass das hier ein Flugzeug ist.“
Die Frau lächelte. „Das geht vielen beim ersten Mal so.“
„Das beruhigt mich.“
Doch die Flugbegleiterin ging weiter.
Mara sah ihr hinterher.
Nicht schon wieder.
„Da kommt noch was?“
„Ja.“
Diesmal lachte Mara tatsächlich.
Sie folgte ihr weiter durch die Kabine. Dahinter schloss sich ein kleinerer, deutlich privaterer Bereich mit einem Tisch und vier Sesseln an. Kein Konferenztisch im klassischen Sinn, eher ein Essplatz, an dem man ebenso gut arbeiten konnte. Auf der polierten Oberfläche stand nichts. Keine Dekoration, keine unnötigen Gegenstände. Nur Holz, Leder und diese beinahe unwirkliche Ruhe.
Und wieder ging die Flugbegleiterin weiter.
Mara blieb stehen.
„Sie wollen mich verarschen.“
Die Frau drehte sich zu ihr um. Für einen winzigen Moment schien sie mit sich zu kämpfen, dann musste sie lächeln.
„Nein, Ms Winter.“
Mara folgte ihr weiter durch die Kabine.
Eine Tür öffnete sich.
Dahinter lag ein Schlafzimmer.
Ein richtiges Schlafzimmer.
Mara starrte hinein. Ein breites Bett nahm einen großen Teil des Raumes ein, bezogen mit heller Bettwäsche, daneben eingelassene Ablagen, warmes Licht und wieder dieses dunkle Holz. Nichts daran sah improvisiert aus. Kein Sitz, den irgendjemand nachts irgendwie zu einer Liege zusammenklappte.
Gleich dahinter lag das Badezimmer. Und eine richtige Dusche hinter Glas. Ein vollkommen privater Bereich in einem Flugzeug.
Mara trat einen Schritt hinein und sah sich um.
„Benutzt Herr Voss die Maschine eigentlich auch?“, fragte Mara, als sie zurückgingen.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich durfte Herrn Voss bisher noch nie persönlich an Bord betreuen.“
„Noch nie?“
„Nein. Bei meinen Einsätzen wird die Maschine meistens von Herrn Schubert oder Philipp Voss genutzt.“
Bei der Erwähnung Philipps flackerte kurz etwas in ihr auf — der Anzug, die ruhigen Hände, das helle Haar unter der Manschette. Dann war sie wieder im Gespräch.
„Herr Schubert hat übrigens erst kurzfristig auf diese Maschine wechseln lassen“, sagte die Flugbegleiterin.
„Herr Schubert hat übrigens erst kurzfristig auf diese Maschine wechseln lassen“, sagte die Flugbegleiterin.
Mara sah sie einen Moment an.
Was für ein Angeber, dachte sie.
Natürlich. Michael wollte, dass er in ihrer Berichterstattung gut wegkam. Und offenbar gehörte es zu seiner Strategie, ihr zu zeigen, was Bellaventra zu bieten hatte. Wenn er glaubte, sie mit einer Boeing 737 beeindrucken zu können, musste Mara ihm zumindest eines lassen:
Es funktionierte.
Als die Flugbegleiterin fragte, ob sie etwas essen möchte, musste Mara lachen.
„Ich muss Ihnen etwas gestehen.“ Sie griff in ihre Tasche und holte die beiden Salamisticks und die gefüllte Teigtasche heraus. „Ich habe vorgesorgt.“
Die Flugbegleiterin sah erst auf Maras Proviant, dann zu ihr.
Mara spürte, wie ihr die Wärme ins Gesicht stieg, und lachte noch einmal, diesmal ein wenig zu schnell. „Ich dachte, ich fliege mit einer der kleineren Maschinen. Und ich hatte keine Ahnung, ob es auf so einem kurzen Flug überhaupt etwas zu essen gibt.“
Jetzt musste auch die Flugbegleiterin lachen.
Das half. Mara sah auf das, was sie da in den Händen hielt, und musste gleich noch einmal lachen. Eigentlich war es wirklich ziemlich bescheuert.
„Inzwischen habe ich allerdings den Verdacht, dass das hier nicht unbedingt nötig gewesen wäre.“
„Nein“, sagte die Flugbegleiterin noch immer lächelnd. „Für Essen ist selbstverständlich gesorgt. Was darf ich Ihnen bringen?“
Mara steckte ihren Proviant wieder ein. Vorhin hatte sie noch geglaubt, mit einem Privatjet zu fliegen, der ohnehin nach Jersey unterwegs war und in dem sie lediglich mitfliegen würde. Jetzt stand sie in einer Boeing mit Schlafzimmer, Badezimmer, Dusche und einer Galley, in der zwei Flugbegleiterinnen sie fragten, was sie essen und trinken wollte.
Sie musste schon wieder schmunzeln. Jungs und ihre Spielzeuge.
Michael, der ihr unbedingt die große Boeing vorführen musste. Philipp mit seiner makellosen Erscheinung. Und irgendwo über allem Hugo Voss, dessen Welt sie seit Tagen Stück für Stück kennenlernte, ohne dem Mann selbst auch nur einmal begegnet zu sein.
Irgendwie waren sie doch alle kleine Blender.
„Sie können sich noch frei in der Kabine bewegen“, sagte die Flugbegleiterin. „Wenn ein ABBA-Song einsetzt, suchen Sie sich bitte einen Sitzplatz und schnallen sich an. Ab dann haben Sie noch ungefähr drei Minuten.“
Mara sah sie an. „Sie benutzen Musik dafür?“
„Ja. Das ist auf den Bellaventra-Maschinen so üblich.“
Einige Minuten später setzte ABBA ein. Chiquitita erklang dezent über die Lautsprecher.
Die Flugbegleiterin sah zu Mara und lächelte. „Ab jetzt wissen Sie, wie es funktioniert.“
Mara musste grinsen, suchte sich einen der breiten Sessel aus und schnallte sich an.
Während Chiquitita weiterlief, rollte die Boeing über das Flughafengelände in Richtung Startbahn.
Dann bog die Maschine auf die Startbahn und blieb stehen.
Mitten im Lied brach die Musik ab.
Plötzlich war nur noch die Maschine zu hören.
Mara spürte, wie die Triebwerke hochliefen. Das tiefe Dröhnen wurde kräftiger, die Vibrationen deutlicher, während die Boeing noch immer reglos auf der Startbahn stand.
Dann kam die Ansage aus dem Cockpit.
„Ready for takeoff.“
Die Boeing setzte sich in Bewegung.
Im selben Augenblick setzte der Magnum-Titelsong ein – deutlich lauter, kraftvoll, und füllte die gesamte Kabine.
Der Schub presste Mara in den Sitz. Die Maschine beschleunigte, immer schneller, während die Musik durch die Kabine dröhnte.
Sie lachte.
Völlig bescheuert.
Und verdammt noch mal ziemlich geil.
Während des Fluges wanderte ihr Blick irgendwann zur Tür nach hinten.
Und sofort wusste sie, was dahinter lag.
Diesmal blieb der Gedanke.
Sie stellte sich vor, aufzustehen, nach hinten zu gehen, die Tür hinter sich zu schließen. Der Salon würde verschwinden — die Flugbegleiterinnen, die Sitze, Bellaventra, Michael, alles. Nur dieser eine private Bereich bliebe. Und draußen hinter der Wand nichts als Himmel.
Dann die Dusche. Warmes Wasser. Das Glas, das langsam beschlug. Das gleichmäßige Dröhnen der Maschine irgendwo im Hintergrund.
Und sogar in dieser Vorstellung war der Duft da — warm, holzig, dunkel —, vermischt mit feuchter Wärme und plötzlich etwas anderes als beim Einsteigen. Etwas Sinnliches. Etwas Privates.
Sie stellte sich das warme Wasser auf ihrer Haut vor. Wie anders sich ihr eigener Körper in dieser vollkommen abgeschlossenen Umgebung anfühlen würde. Nicht beobachtet. Nicht gehetzt. Nicht auf dem Weg zu irgendeinem Termin. Nackt hinter Glas, während das Flugzeug hoch über dem Meer flog.
Und nur wenige Schritte entfernt das Bett. Nicht sichtbar von der Dusche aus. Aber genau das gefiel ihr plötzlich — zu wissen, dass es da war.
Erst jetzt kam ein Mann in die Vorstellung.
Noch ohne Gesicht. Ohne Namen.
Sie stellte sich vor, nicht allein dort hinten zu sein. Jemand wartete außerhalb der Dusche — oder kam zu ihr. Sie sah seine Bewegung zuerst nur durch das beschlagene Glas: einen Schatten, seine Nähe, das Wissen, dass er sie ansah. Allein diese Vorstellung erzeugte ein feines Kribbeln in ihr, das sich langsam ausbreitete. Die Tür öffnete sich. Seine Hände. Sein Kuss unter dem warmen Wasser. Wie selbstverständlich sie sich an ihn lehnen würde, seine Berührungen auf ihrer nassen Haut — und wie vollkommen absurd und aufregend es wäre zu wissen, dass unter ihnen das Meer lag und um sie herum nur Himmel.
Sie verließ die Dusche — das Glas hinter ihr noch feucht, ihre Haut warm vom Wasser. Nur wenige Schritte trennten sie vom Schlafzimmer. Vom Bett.
Wie er sie ansah, bevor er sie berührte — dieser kleine Moment gefiel ihr beinahe noch mehr als alles, was danach kommen konnte. Das Wissen, dass beide genau wussten, was gleich passieren würde. Kein Zeitdruck. Keine Unsicherheit. Nur Begehren. Seine Hände an ihrer Taille. Sein Körper an ihrem. Das Bett unmittelbar hinter ihr. Und dieses tiefe, gleichmäßige Geräusch, das sie daran erinnerte, dass sie nicht irgendwo in einem Schlafzimmer stand.
Dass sie flog.
Seine Wärme. Seine Arme. Das Gewicht eines männlichen Körpers an ihrem. Geküsst und gehalten zu werden, für einen Moment nichts wahrzunehmen als Haut, Wärme, Atem, Nähe — während sich die Maschine unbeirrt durch den Himmel bewegte.
Mara merkte, dass ihr die Vorstellung besser gefiel, als sie erwartet hätte. Ihr Körper reagierte darauf, als hätte er längst entschieden, bevor sie selbst es sich eingestand: ein Ziehen tief in ihrem Bauch, warm und vertraut. Sie atmete tiefer, ohne es zu wollen. Sie spürte den Stoff an ihren Schenkeln, das leise Pochen zwischen ihren Beinen — und ließ es geschehen. Sie blieb im Salon sitzen. Aber innerlich war sie noch immer hinten.
Dann fiel ihr der Ausdruck ein.
Mile High Club.
Bisher hatte sie dabei immer nur die winzige Flugzeugtoilette gesehen — Waschbecken, verriegelte Tür, zwei Menschen, die nicht wussten, wohin mit Armen und Beinen. Sie hatte nie verstanden, was daran erotisch sein sollte.
Jetzt verstand sie.
Nicht die Toilette. Die Dusche. Das Bett. Die geschlossene Tür. Der Himmel draußen.
So.
So konnte sie es sich vorstellen.
Ihr Herz schlug noch immer schneller als gewöhnlich. Langsam löste sie sich aus ihrer Vorstellung. Die hellen Sitze. Das polierte Holz. Das Fenster und der Himmel dahinter.
Sie atmete ein. Da war er wieder — der Duft dieser Maschine, jetzt für einen Augenblick verbunden mit Wärme, beschlagenem Glas und dem Bett dahinter.
Mara schaute noch einmal zur Tür nach hinten. Ein kleines Lächeln blieb auf ihrem Gesicht. Vor nicht einmal einer Stunde war sie mit zwei Salamisticks und einer gefüllten Teigtasche in diese Maschine gestiegen, weil sie keine Ahnung gehabt hatte, ob es überhaupt etwas zu essen gab. Jetzt saß sie in Bellaventras fliegendem Wohnzimmer und stellte sich vor, wie es wäre, hinten unter der warmen Dusche zu stehen und anschließend mit einem Mann in diesem Bett zu verschwinden.
Der Gedanke war ein wenig verrückt. Aber er fühlte sich gut an.
Sie lehnte sich zurück und blieb einen Moment einfach sitzen — der Duft warm um sie herum, unter ihr das Meer und vor ihr, irgendwo jenseits des Horizonts, Jersey.