Mara Kapitel
Mara Erster Tag auf Jersey
Anderthalb Stunden, nachdem die Boeing die Isle of Man verlassen hatte, stand Mara gegen drei Uhr mit ihrem Gepäck am Mietwagenschalter des Flughafens von Jersey.
Die Formalitäten waren schnell erledigt. Mara unterschrieb, nahm den Schlüssel entgegen und verstaute die Unterlagen in ihrer Tasche. Dann zog sie den großen Koffer hinter sich her, dessen Gewicht ihr schon in Gatwick eine saftige Übergepäckgebühr eingebracht hatte, und lud ihn zusammen mit ihrer Tasche und dem Laptop auf einen Gepäckwagen.
Sie schob den Wagen durch die Ausgangstüren ins Freie.
Schon nach den ersten Schritten merkte sie den Unterschied.
Die Luft war milder. Nicht warm, nicht wirklich – aber angenehmer als auf der Isle of Man. Zwischen den Wolken kam die Sonne hervor, und selbst das Licht wirkte freundlicher. Ein Windzug strich ihr über das Gesicht, fuhr ihr durch die Haare und über die Haut, doch ihm fehlte diese unangenehme Kühle, die sie auf der Isle of Man immer wieder gespürt hatte.
Mara wandte das Gesicht der Sonne zu und ließ die milde Luft über ihre Haut streichen.
Das fühlte sich gut an.
Sie schob den Wagen weiter und sah sich nach den Hinweisschildern zu den Mietwagen um. Jersey, dachte sie, empfing sie zumindest wettertechnisch schon einmal deutlich freundlicher.
Der gute Eindruck hielt keine zwei Minuten.
Mitten auf dem Parkplatz geriet eines der kleinen Vorderräder des Gepäckwagens in eine Unebenheit und stellte sich quer. Der Wagen stoppte so abrupt, dass Mara beinahe gegen den Griff lief. Gleichzeitig rutschte der schwere Koffer nach vorn.
„Verdammt.“
Sie griff danach und bekam ihn gerade noch zu fassen, bevor er vom Wagen kippte. Ihre Tasche verrutschte dabei zur Seite. Für einen Moment stand sie in ihren High Heels zwischen Gepäckwagen und Koffer, eine Hand am Griff, die andere am Gepäck, und ärgerte sich über dieses störrische kleine Rad.
Sie zog den Wagen ein Stück zurück, bewegte ihn hin und her, bis sich das Rad wieder gerade stellte, und schob weiter.
Am Mietwagen angekommen, wurde es nicht besser. Mara öffnete den Kofferraum, stellte ihre Tasche ab und packte den großen Koffer mit beiden Händen. Schon beim ersten Anheben spannte sich das Gewicht in ihren Armen und Schultern. Sie bekam ihn über die Ladekante, aber nicht weit genug. Der Koffer blieb halb darauf liegen.
„Na komm.“
Sie fasste noch einmal nach, stemmte ihn höher und schob mit einem kräftigen Ruck nach. Das Gewicht zog ihr bis in den Rücken, bevor der Koffer endlich in den Kofferraum rutschte.
Mara richtete sich auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Auf der Isle of Man und spätestens an der Boeing war es selbstverständlich gewesen, dass sich jemand um ihr Gepäck kümmerte. Sie hatte kaum noch darüber nachgedacht. Irgendjemand nahm ihr den Koffer ab, hielt eine Tür auf oder sorgte dafür, dass ihre Sachen dort ankamen, wo sie hingehörten.
Und jetzt stand sie wieder selbst auf einem Flughafenparkplatz und wuchtete ihr Übergepäck in einen Mietwagen.
Es ärgerte sie tatsächlich.
Mara schob den Koffer noch ein Stück tiefer in den Kofferraum – und hielt inne.
Ernsthaft?
Sie ärgerte sich gerade darüber, dass niemand da war, der ihren Koffer für sie trug.
Ein Grinsen zog über ihr Gesicht. Das war ja schnell gegangen. Ein paar Stunden Luxusleben, und schon kam es ihr beinahe selbstverständlich vor, dass irgendwo jemand auftauchte und ihr die lästigen Dinge des Lebens abnahm.
Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und griff nach ihrer Tasche. Noch immer über sich selbst grinsend verstaute sie die restlichen Sachen.
Dann setzte sie sich hinters Steuer, zog die Tür zu und atmete aus. Allein das Sitzen tat gut. Sie legte die Tasche auf den Beifahrersitz, schaltete das Navi ein und gab das Airbnb ein, das sie für die gesamten acht Wochen gebucht hatte, mit der Option, bei Bedarf zu verlängern.
Auf der Fahrt bekam Mara ihren ersten richtigen Eindruck von Jersey. Durch das Seitenfenster sah sie viel Grün, Felder, einzelne Häuser, Hecken und alte Mauern. Das freundlichere Maiwetter ließ die Insel noch einladender auf sie wirken.
Dann fielen ihr die Straßen auf.
Sie waren teilweise verdammt schmal und kurvig, und hohe grüne Hecken und alte Mauern reichten stellenweise unmittelbar bis an den Fahrbahnrand. Beim ersten wirklich engen Gegenverkehr nahm Mara automatisch den Fuß vom Gas. Ihre Hände schlossen sich fester um das Lenkrad, und als sie kurz in den Außenspiegel sah, schien die Hecke beinahe am Wagen entlangzustreifen.
Verdammt, ist das eng, dachte sie.
Auf einer dieser schmalen Straßen tauchte vor ihr ein schwarzer Mercedes-Van auf, eine V-Klasse, die ruhig und auffallend rücksichtsvoll fuhr. Mara folgte ihm eine Weile.
Dann wurde der Wagen vor einem Haus langsamer und hielt. Mara bremste ebenfalls. Aus der Gegenrichtung kamen unentwegt Autos, eines nach dem anderen, sodass sie keine Möglichkeit hatte, an der V-Klasse vorbeizufahren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als dahinter zu warten.
Na toll.
Gerade hatte sie sich einigermaßen an die engen Straßen gewöhnt, und jetzt stand auch noch jemand vor ihr.
Der Fahrer stieg aus. Er trug eine dunkle, sehr gepflegte Fahreruniform, und der Schnitt kam Mara bekannt vor. Etwas Ähnliches hatte sie in den vergangenen Tagen schon gesehen, aber im ersten Moment wusste sie nicht mehr, wo.
Vor dem Haus erschien eine ältere Frau. Der Fahrer öffnete den Wagen, nahm eine offene Kartonkiste heraus und trug sie zu ihr. Mara erkannte Lebensmittel darin, Möhren, Lauch, daneben eine Papiertüte.
Dann sah sie, wie die Frau dem Fahrer Geld gab.
Mara registrierte die Übergabe, ohne weiter darüber nachzudenken. Eine dieser kleinen Alltagsszenen, die man irgendwo im Vorbeifahren mitbekam und gleich wieder vergaß.
Der Fahrer bemerkte schließlich den Wagen hinter sich. Er hob entschuldigend eine Hand in Maras Richtung und lächelte.
Mara lächelte automatisch zurück. Ihr Ärger war verflogen.
Kurz darauf setzte sich die schwarze V-Klasse wieder in Bewegung. Mara wartete einen Moment, dann fuhr auch sie weiter.
Das Navi führte sie zu einem Haus in St. Helier. Es stand in einer normalen Wohnstraße, ein schmales, dreigeschossiges Haus mit heller Fassade, dunklem Satteldach und zwei kleinen Gauben. Die weißen Fensterrahmen und die schlichte Front ließen es gepflegt wirken, ohne besonders aufzufallen. Mara parkte, stieg aus – und der Vermieter wartete bereits auf sie. Ein Mann Ende fünfzig oder Anfang sechzig kam ihr entgegen und begrüßte sie mit einer Handbewegung, noch bevor sie die Wagentür richtig geschlossen hatte.
„Ms Winter? Willkommen auf Jersey. Acht Wochen, richtig?“
„Richtig.“
„Dann schauen wir mal, dass Sie reinkommen.“
Er öffnete den Kofferraum, sah den großen Koffer an – und hob ihn einfach heraus. Nach dem Parkplatz am Flughafen nahm Mara diese Hilfe mit einer Dankbarkeit an, die sie sich selbst nicht ganz einräumen wollte.
Die Wohnung lag im Erdgeschoss.
Gott sei Dank, dachte Mara sofort. Keine Treppen.
Sie war klein, sauber, ordentlich, zweckmäßig. Rechts eine Garderobe, links eine offene Küche: eine hellbraune Arbeitsplatte aus Holz, weiße Fronten, eine dunkle Rückwand mit offenem Regal und Küchenutensilien, die griffbereit an einer Metallschiene hingen. Geradeaus lag der kleine Wohnbereich: ein Sofa, gegenüber ein schlichtes Sideboard mit Fernseher, und statt eines Esstisches ein runder Mosaiktisch mit zwei schwarzen Metallstühlen – verspielte Metalllehnen, Mosaikflächen in warmen Beige- und Brauntönen, eine Garnitur, die genauso gut auf einer Terrasse hätte stehen können.
Eine Terrasse gab es nicht. Die Fenster gingen zur Straße.
Mara sah sich noch einmal um.
Und kein Schreibtisch.
Na wunderbar.
Sie war nicht ernsthaft verärgert. Laptop, Notizbuch, Unterlagen – das würde schon gehen. Mit dem Mosaiktisch würde sie sich arrangieren.
Der Vermieter zeigte ihr das kleine Schlafzimmer. Ein breites Holzbett mit weißen schmiedeeisernen Einsätzen stand vor einer Wand aus grobem Naturstein, darüber verliefen offene Holzbalken unter der Decke. Zwei hohe Fenster ließen viel Licht herein; an der gegenüberliegenden Wand stand ein schlichter Kleiderschrank. Das Bad daneben war überraschend modern: großformatige graue Fliesen, ein weißes Waschbecken und eine offene, bodengleiche Dusche hinter einer schmalen Glaswand, dazu schwarze Armaturen. Dann drückte er ihr die Schlüssel in die Hand und erwähnte beiläufig, dass er ihr für die Ankunft eine Flasche Wasser und etwas Milch in den Kühlschrank gestellt hatte. Wenn etwas fehle oder nicht stimme, solle sie ihm einfach schreiben.
Mara bedankte sich. Die kleine Geste gefiel ihr.
Dann verabschiedete er sich, die Tür fiel ins Schloss, und Mara war zum ersten Mal allein auf Jersey.
Sie blieb einen Moment stehen und ließ den Blick noch einmal durch die Wohnung gehen. Acht Wochen würde das hier ihre Basis sein. Klein, sauber, ruhig. Damit konnte sie leben.
Am Abend setzte sie sich mit ihrem Laptop an den Mosaiktisch, und Bellaventra zog wieder in ihren Kopf.
Sie öffnete die Luftaufnahmen. Das schmiedeeiserne Eingangstor mit dem großen B kannte sie bereits – das Tor selbst interessierte sie jetzt nicht mehr. Sie wollte wissen, was dahinter lag.
Sie folgte der Zufahrt auf den Bildern. Viel Grün. Große Rasenflächen, alter Baumbestand, Hecken. Kieswege zogen sich durch die parkartige Anlage. Dazwischen Wasser, kleinere Kaskaden, Blumen und Statuen.
Nein, dachte sie. So nicht. Lieber von dort. Wenn die Drohne hier dreht – das wäre gut.
Sie probierte Bilder im Kopf aus und verwarf sie. Nicht mit einer Postkartenaufnahme beginnen, die nur sagte: Seht her, wie groß und teuer das alles ist. Die Kamera müsste tiefer bleiben, der Zufahrt folgen, die Landschaft zunächst nur seitlich aufgehen lassen.
Dann blieb sie am Bulle-und-Bär-Brunnen hängen. Im runden Becken standen sich die beiden bronzenen Figuren gegenüber: der Bulle mit gesenktem Kopf und vorgestreckten Hörnern, der Bär auf den Hinterbeinen aufgerichtet, die Pranken erhoben. Zwischen ihnen schoss eine Fontäne empor.
Also hier, dachte sie. Hier teilt sich die Zufahrt.
Vom Kreisel führte rechts eine Abzweigung zu einem separaten Gebäude. Aus ihren Unterlagen wusste sie, dass dort die Verwaltung des Anwesens und ein Teil des Sicherheitsdienstes untergebracht waren, außerdem die Personalbereiche mit Kantine und Umkleiden sowie einige Mitarbeiterwohnungen.
Vor dem Gebäude lag ein weiterer großer Brunnen. Mehrere weibliche Figuren standen im Becken, aus deren Hüftbereich sich Wasserbögen ins Wasser spannten. Daneben senkte sich eine breite, halbkreisförmig geschwungene Zufahrt zwischen weißen Mauern zur Tiefgarage hinab.
Mara musste lächeln. Security. Personalwohnungen. Und davor so etwas. Selbst ein Funktionsgebäude wurde hier so gestaltet, dass ihm niemand seine Funktion ansah.
Zu offensichtlich, dachte sie filmisch. Den Brunnen zunächst gar nicht vollständig zeigen. Erst die Wasserbögen zwischen Grün und Gebäude erkennen lassen.
Sie ging zurück zum Bullen-und-Bären-Brunnen und folgte von dort der weiterführenden Strecke zum Haupthaus. Noch immer Kies, Bäume, Grün. Das Haupthaus lag nicht sofort vollständig vor ihr – und genau das könnte gut sein. Die Drohne müsste tief zwischen den Sichtachsen bleiben, die Bäume würden Teile des Gebäudes zunächst verdecken. Bellaventra erst nach und nach freigeben.
Ja, dachte sie. Das könnte stark sein.
Oder vielleicht genau andersherum.
Sie verzog den Mund. Nein. Morgen. Das konnte sie morgen besser beurteilen. Allein dieser Gedanke machte ihr Lust auf den nächsten Tag.
Unmittelbar am Haupthaus veränderte sich die Zufahrt: Der Kies ging in helles Granitpflaster über. Sie merkte sich den Übergang. Schon der Klang eines fahrenden Autos würde sich ändern.
Sie zog das Haupthaus auf dem Bildschirm näher heran. Und jetzt fiel ihr etwas auf, das auf den Luftbildern viel deutlicher wurde als von außen.
Die Dächer.
Die Firstlinien liefen in verschiedene Richtungen. Es gab unterschiedliche Dachhöhen und Dachneigungen, Gebäudeteile standen quer zueinander, Giebel sprangen vor, niedrigere, langgezogene Baukörper schlossen an höhere an. Viele Schornsteine, verteilt über das gesamte Ensemble. Auch die Fenster folgten keinem durchgehenden Raster. Dazwischen immer wieder die alten Fassaden aus grauem Naturstein, mit tief in das massive Mauerwerk gesetzten Fenstern.
Mara zoomte hinein. Hinaus.
Moment, dachte sie.
Das war einmal ein alter Bauernhof.
Nicht ein einzelnes Bauernhaus – die Struktur des alten Hofes steckte noch immer in der gesamten Anlage. Im Westen das alte Wohnhaus, im Norden die frühere Scheune, im Osten die niedrigeren Stallungen. Drei Seiten eines gewachsenen Hofes, nach Süden offen zur Einfahrt. Winkel und Versprünge verrieten, dass hier nichts am Reißbrett als Ganzes entstanden war.
Aus dem ehemaligen Wirtschaftshof war der repräsentative Ankunfts- und Wendebereich des Anwesens geworden: helles Granitpflaster, unterbrochen von Blumenbeeten mit Palmen. Doch die alte Grundform war noch immer deutlich zu erkennen.
Und selbst bei den späteren Erweiterungen hatte Voss die gewachsene Struktur offenbar nicht geglättet. Links des alten Hofes war ein zweigeschossiger Gebäudeteil hinzugekommen, rechts eine Erweiterung, die von außen eingeschossig wirkte. Tatsächlich verbarg sich darunter eine zweite Ebene, die sich zu einem abgesenkten Innenhof mit Pool öffnete.
Und plötzlich kippte ihre Betrachtung wieder in die Arbeit. Die Drohne müsste die Brüche zeigen. Die unterschiedlichen Dachhöhen und die Stellen, an denen Alt und Neu ineinandergriffen.
Sie betrachtete das Luftbild noch einmal. Von oben würde man zuerst die ganze Anlage begreifen. Und erst in der Totale wurde ihr die Dimension wirklich bewusst. Das hier war nicht einfach ein großes Anwesen. Es musste zu den größten Privathäusern Europas gehören.
Erst die Totale, dann hinein in das Durcheinander.
Sie lehnte sich zurück und lachte leise über sich selbst. Sie kannte dieses Haus von keinem einzigen Foto im Inneren. Noch keine Presse war so weit gekommen wie sie morgen kommen würde. Und statt schlafen zu gehen, plante sie Kamerafahrten über Dächer, von denen sie nicht einmal wusste, ob sie die Entfernungen richtig einschätzte.
Morgen würde aus all diesen Bildern Wirklichkeit werden. Und genau darauf freute sie sich.
Mara wachte am nächsten Morgen in ihrem Airbnb auf und brauchte einige Sekunden, um zu verstehen, wo sie war. Fremde Decke, fremdes Licht. Isle of Man — nein. Jersey. Gestern war sie angekommen. Heute begann Bellaventra.
Ihr Termin stand seit Tagen fest — bestätigt über das Büro auf der Isle of Man. Um vierzehn Uhr würde Hugo Voss sie empfangen.
Sie hatte den ganzen Vormittag für sich, und sie nahm ihn sich. Ihre Sachen hatte sie gestern eingeräumt — die Kleidung hing im Schrank, die persönlichen Dinge hatten ihren Platz gefunden. Sie frühstückte in aller Ruhe, Kaffee und ein belegtes Brötchen an der kleinen Küchenzeile, den Blick durchs Fenster auf eine ganz normale Straße, und genoss das ungewohnte Gefühl, einmal nicht unter Zeitdruck zu stehen.
Dabei ging sie den Nachmittag durch. Nicht ihr Interviewskript — daran glaubte sie nicht. Eher: Wie wollte sie auftreten? Wie eröffnete man ein erstes Gespräch mit einem Mann, über den man seit Wochen recherchierte? Was fragte man sofort, was ließ man liegen? Worauf achtete man?
Und da war er. Der Gedanke an Hugo Voss. Bislang ein Name, ein Gesicht auf Bildern, eine Akte, Aussagen anderer Menschen, der Mittelpunkt einer Geschichte. Heute Nachmittag würde dieser Mann tatsächlich vor ihr stehen. Sie war neugierig auf ihn. Mehr war es noch nicht. Sie kannte ihn nicht. Wusste nicht einmal, ob sie ihn sympathisch, unsympathisch, interessant oder anstrengend finden würde.
Genau das würde sie herausfinden.
Sie duschte länger als nötig. Es war ihr Morgen, ihr Körper, dieses einfache Wohlgefühl unter dem warmen Wasser. Das Wasser traf ihren Nacken, lief über Schultern und Rücken, ihre noch etwas schläfrigen Muskeln gaben langsam nach. Ihre langen dunkelbraunen Haare wurden nass und schwer, und sie strich sie aus dem Gesicht. Sie ließ sich Zeit, genoss die Wärme auf der Haut und die Ruhe. Beim Abtrocknen fiel ihr Blick kurz auf die kleine, helle Narbe an ihrem linken Oberschenkel, die sich von ihrer blassen Haut kaum abhob.
Ein bisschen Sonne würde ihr guttun, dachte sie und musste lächeln. Irgendwo, wo der englische Himmel einmal nicht mitkam. Vielleicht sollte sie sich nach diesem Projekt tatsächlich ein paar Tage Urlaub gönnen.
Vor dem Spiegel begann sie mit dem Make-up. Vertraute Handgriffe: Grundierung, dezenter Lidschatten, ein feiner Strich, Mascara, etwas Farbe auf die Wangen. Sie wusste genau, wie stark oder zurückhaltend es sein sollte. Heute zurückhaltend, aber präzise.
Dann die Haare. Sie föhnte die langen Strähnen, drehte sie mit der Bürste und gab ihnen eine leichte Bewegung. Zwischendurch schenkte sie sich Kaffee nach, ging durchs Zimmer, kam wieder vor den Spiegel. Alles alltäglich. Und trotzdem mochte sie es, gepflegt auszusehen. Sie mochte es, sich im Spiegel zu gefallen. Ohne falsche Bescheidenheit.
Beim Anziehen wurde es komplizierter.
Sie stand vor dem Schrank und wusste zunächst nicht, was sie anziehen sollte. Die Frage war, was für diesen ersten Tag in Bellaventra richtig war.
Sie nahm etwas heraus, hielt es vor sich, legte es zurück, probierte eine Kombination, betrachtete sich, entschied sich dagegen. Stoff auf der Haut. Die nackten Beine vor dem Spiegel. Wie ein Rock an ihrer Taille saß, wie sich ihre Haltung veränderte, sobald sie die High Heels anhatte, wie eine Bluse fiel. Sie drehte sich zur Seite, strich den Rock über ihrem Po glatt und betrachtete die Wirkung im Spiegel.
Und irgendwann dachte sie: Was mache ich hier eigentlich?
Sie fuhr nicht zu einem Schönheitswettbewerb. Sie war wegen ihrer Arbeit auf Jersey. Niemand hatte sie hierhergeholt, weil sie in einem Rock gut aussah. Es ging um ihre Fragen, ihren Kopf, ihre Arbeit.
Und kurz darauf stand sie trotzdem wieder vor dem Spiegel und entschied, dass die andere Kombination eindeutig besser war.
Genau darin lag die kleine Widersprüchlichkeit, die sie durchaus selbst bemerkte. Sie betrat Bellaventra zum ersten Mal richtig. Sie würde Menschen kennenlernen, mit denen sie möglicherweise die kommenden Wochen arbeitete. Und sie würde Hugo Voss zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen. Das bedeutete nicht, dass sie sich für Hugo sexy anzog — sie wusste ja nicht einmal, welche Wirkung dieser Mann auf sie haben würde. Aber selbstverständlich wollte sie einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Über ihren eigenen Widerspruch musste sie kurz lächeln.
Am Ende trug sie eine hellblaue Bluse, einen dunklen Rock, der eng an der Taille saß und gerade fiel, und ihre High Heels. Professionell, feminin, selbstbewusst. Als sie vollständig angezogen vor dem Spiegel stand, betrachtete sie das Gesamtbild einen Moment — Haare, Make-up, Figur.
Ja, dachte sie nüchtern. Sie sah gut aus.
Sie wusste es. Und sie wusste genauso sicher, dass sie Bellaventra heute nicht mit ihrem Aussehen überzeugen musste, sondern mit ihrer Arbeit. Beides durfte gleichzeitig wahr sein.
Sie schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit. Tasche, Handy, ihre Arbeitsunterlagen. Ein letzter kurzer Blick in den Spiegel — zufrieden. Bald würde sie dem Mann gegenüberstehen, um den sich seit Tagen ihre Arbeit drehte.
Dann ging sie.
Wenig später lag die Einfahrt vor ihr.
Ein hoher, gepflegter schmiedeeiserner Zaun zog sich entlang der Grundstücksgrenze, unterbrochen von massiven Pfeilern aus grauem Naturstein. Die schwarz glänzenden Eisenstäbe waren oben mit kleinen Kugeln versehen. An der Einfahrt sprang der Zaun etwa zehn Meter zurück. Dort ragten die beiden Torpfeiler deutlich höher auf als die übrigen. Zwischen ihnen stand das prächtig gestaltete schmiedeeiserne Tor. In jeden der beiden Torflügel war dezent in Gold das Bellaventra-Logo eingelassen, jenes geschwungene Zeichen, das Mara bereits von den Flugzeugen kannte.
Auf der kurzen Zufahrt vor dem Tor lagen links und rechts je drei Parkplätze. Während sie einbog, fielen ihr auf der gegenüberliegenden Seite der öffentlichen Straße zwei schwarze Mercedes G-Klassen auf. Ein Blick auf die Männer bei den Fahrzeugen genügte.
Sicherheitsdienst. Sie standen unaufdringlich bei den Wagen, aber ihre Aufmerksamkeit galt der Zufahrt.
Soll das abschrecken?, dachte Mara. Wenn ja, funktionierte es bei ihr nicht besonders gut. Im Gegenteil. Es machte sie nur noch neugieriger auf das, was hinter diesem Tor lag.
Gleichzeitig wurde ihr noch einmal bewusst, dass sie nicht zu irgendeinem großen Privathaus fuhr. Gleich würde sie eine Grenze überschreiten, hinter der eine Welt begann, mit der sie sich bisher nur von außen beschäftigt hatte. Sie saß etwas aufrechter. Ihr Herz schlug etwas schneller.
Sie rollte bis vor das Tor.
Sie hatte dieses Tor gestern Nacht auf ihrem Bildschirm betrachtet. Jetzt stand ihr Mietwagen tatsächlich davor. Sie stieg aus. Ihre High Heels klackten auf dem Pflaster. Fast automatisch strich sie Rock und Bluse glatt und ging zur Gegensprechanlage.
Sie betätigte sie.
Eine Stimme meldete sich. Professionell, freundlich.
„Mara Winter“, sagte sie. „Ich werde um vierzehn Uhr erwartet.“
„Wir erwarten Sie, Ms Winter. Fahren Sie am Kreisel geradeaus weiter.“
„Danke.“
Mara wandte sich vom Tor ab. Ihr Blick fiel auf die Männer bei den schwarzen G-Klassen gegenüber. Einer von ihnen sah zu ihr herüber. Sie erwiderte seinen Blick und lächelte ihm kurz und selbstbewusst zu, bevor sie zum Wagen zurückging.
Sie stieg ein und wartete.
Dann öffnete sich das Tor.
Stundenlang Recherche. Fotos. Berichte. Luftaufnahmen. Die Isle of Man. Die Boeing. Die vergangene Nacht mit den Bildern dieses Anwesens. Und jetzt lag Bellaventra tatsächlich vor ihr.
Mara fuhr hinein.
Kaum hatte sie die Einfahrt passiert, begann der Kies. Das Knirschen unter den Reifen war im Wagen deutlich zu hören. Das Gelände war nicht flach, sondern sanft hügelig und parkartig. Weite, sorgfältig gepflegte Rasenflächen stiegen und fielen mit dem Gelände. Alter Baumbestand stand teils einzeln, teils in Gruppen; hohe Kronen warfen Schatten über Teile der Zufahrt. Dazwischen Hecken, Blumenflächen und sorgfältig angelegte Pflanzungen. Kein streng symmetrischer Schlosspark, sondern eine über lange Zeit gewachsene, tadellos gepflegte Parklandschaft.
Und sie sah die Menschen, die dafür sorgten. Mehrere Gärtner. Einer arbeitete an einer Rasenkante, ein anderer lockerte in einem Blumenbeet den Boden, weiter entfernt kümmerte sich jemand um eine Pflanzung.
Während sie langsam weiterfuhr, wechselten die Bilder. An einer Stelle lief Wasser über mehrere Natursteinstufen, eine kleine Kaskade, die zwischen Pflanzen und Steinen verschwand. An einer anderen ragte eine makellos gepflegte klassische Statue zwischen hohen dunklen Gehölzen hervor. Dazwischen immer wieder Blumenbeete, Rasenflächen und dichtes Grün.
Das Gelände öffnete sich und schloss sich. Durch die Hügel und den Baumbestand sah sie das Hauptgebäude nicht ständig. Bellaventra zeigte sich ihr Stück für Stück — und automatisch begann ihr Kopf zu arbeiten. Die Kamera müsste bereits durch das geöffnete Tor kommen, tief bleiben, der Zufahrt folgen. Ja, dachte sie beim Vorbeifahren an einer Sichtachse. So wäre es besser. Oder von dort.
Sie hatte gestern Nacht Spaß daran gehabt, Bellaventra auf den Bildern auseinanderzunehmen. Jetzt konnte sie überprüfen, ob ihre Ideen stimmten. Das gefiel ihr.
Dann erreichte sie den ersten größeren Kreisel — und erkannte ihn sofort.
Bulle und Bär.
Genau diesen Punkt hatte sie gestern auf den Bildern untersucht. In Wirklichkeit wirkte er anders. Größer, räumlicher, und durch das Wasser viel lebendiger, als es die Aufnahmen vermittelt hatten.
Sofort arbeitete ihr Kopf weiter. Die Kamera müsste der Zufahrt folgen und den Brunnen erst im letzten Moment freigeben. Nicht von oben. Auf ihn zufahren.
Ja. So.
Sie fuhr geradeaus durch den Kreisel, wie angewiesen, und passierte dabei rechts die Abzweigung zum Mitarbeiterbereich. Das ist also hier, dachte sie. Dann führte die Zufahrt weiter durch die Anlage.
Dreiundzwanzig Hektar. Die Zahl kannte sie aus ihrer Recherche. Aber Zahlen waren etwas anderes, als tatsächlich mittendrin zu sein. Erst jetzt begriff sie die Dimension dieses Anwesens.
Verdammt, war das groß.
Verdammt, war das groß.
Von außen war Bellaventra bekannt — Fotos, Luftaufnahmen, sie selbst hatte einen beträchtlichen Teil davon studiert. Aber was hinter den Mauern lag, kannte die Öffentlichkeit nicht. Kein Pressevertreter hatte bisher den Zugang bekommen, den sie bekommen sollte. Dort lebte Hugo Voss. Dort lebten die Frauen. Dort spielte sich ein Leben ab, über das draußen viel geschrieben und geredet wurde und das trotzdem niemand wirklich gesehen hatte.
Allein der Gedanke ließ dieses vertraute journalistische Kribbeln in ihr aufsteigen. Was würde sie dort tatsächlich vorfinden? Wie lebte dieser Mann, wenn keine Kamera auf ihn gerichtet war?
Dann gab der Baumbestand den Blick auf das Haupthaus frei.
Ein kurzer Moment beinahe Irritation — wie wenig dieses riesige Privathaus dem entsprach, was man bei einem Mann mit Hugos Vermögen erwarten könnte. Nicht hässlich, nicht ungepflegt. Im Gegenteil: alles tadellos restauriert. Aber die Geschichte des Gebäudes war nicht glattgebügelt.
Dann, unmittelbar am Gebäude, verließ das Fahrzeug den Kies. Ihre Reifen rollten auf das helle Granitpflaster des Hofbereichs.
Und aus dieser Nähe sah sie Dinge, die auf Luftaufnahmen schwer zu erkennen gewesen waren. Vor allem an den Fassaden. Einige der großen Fenster passten nicht vollständig zum alten Mauerwerk. Die Arbeiten waren hervorragend ausgeführt, doch um einzelne Öffnungen unterschied sich der Stein sichtbar. Hier waren später große Fenster in ehemalige Nutzgebäude eingesetzt worden. Sie erkannte die Spuren. Und plötzlich sah sie wieder den alten Hof darin. Trotz aller Umbauten und Erweiterungen war seine ursprüngliche Struktur noch immer da.
Mara musste unwillkürlich an Christinas Anwesen auf der Isle of Man denken. Dort hatte das Haupthaus herrschaftlich gewirkt, symmetrisch, repräsentativ, ein klassischer englischer Landsitz. Hier war es vollkommen anders. Bellaventra mochte ungleich größer und ungleich teurer sein — und trotzdem sah man ihm seine fast zweihundertjährige Geschichte an.
Warum hatte Voss ausgerechnet diesen alten Hof behalten? Er hätte sich genauso gut einen Landsitz wie Christina kaufen können. Oder etwas vollkommen Neues — modern, Glas, klare Linien, alles aus einem Guss. Stattdessen hatte er ein Vermögen in einen fast zweihundert Jahre alten Hof gesteckt und ihn immer weiter ausgebaut.
Und überhaupt: Welcher Mensch brauchte so viel Platz? Und wenn man ihn schon hatte — warum ausgerechnet in dieser Form? Wenn man im rechten Teil des Hauses etwas vergessen hatte und bereits ganz links angekommen war, musste man einen gigantischen Umweg durch das Anwesen laufen, nur um es wiederzuholen. Mara musste schmunzeln. Da lernte man vermutlich sehr schnell, nichts zu vergessen.
Während sie langsam weiterfuhr, nahm sie auch die Sicherheitsleute am Gebäude wahr. Sie wurde erwartet, trotzdem entging ihr nicht, wie professionell die Abläufe wirkten. Dann fiel ihr die Frau auf, die ihr entgegenkam.
Eine Frau in einem schwarzen, maßgeschneiderten Hosenanzug, weißer Bluse, einem winzigen goldenen B am linken Revers und schlichten schwarzen Stiefeletten mit niedrigem Absatz. Eleganz und kontrollierte Professionalität zugleich — eher eine sehr gut gekleidete Geschäftsfrau als Wachmannschaft. Aber an ihrer Haltung, ihrer Aufmerksamkeit, der Art, wie sie sich bewegte und dabei Maras Wagen und die Umgebung gleichzeitig wahrnahm, erkannte Mara sofort, was sie war.
Personenschutz. Eine Leibwächterin.
Mara hielt an, stellte den Motor ab und stieg aus.
Die Frau kam direkt auf sie zu. Offenbar wusste sie genau, wer Mara war.
„Ms Winter?“
„Ja.“
„Lucy Campbell.“
Keine förmliche Selbstdarstellung, keine Erklärung ihrer Funktion — Mara begriff aus ihrem Auftreten selbst, mit wem sie es zu tun hatte. Vor allem Lucys Blick fiel ihr auf. Ruhig, aufmerksam, abschätzend. Keine Feindseligkeit, nichts Unangenehmes. Aber Mara spürte, dass sie gerade von jemandem empfangen wurde, dessen Beruf es war, Menschen und Situationen sehr schnell einzuschätzen.
Mara folgte Lucy zum Eingang. Das gleichmäßige Klacken ihrer Absätze begleitete sie über das helle Pflaster. Lucy ging einige Schritte vor ihr, ohne sich umzudrehen, mit jener Selbstverständlichkeit, die Menschen an Orten entwickelten, an denen sie jeden Winkel kannten. Mara dagegen wusste kaum, wohin sie zuerst sehen sollte. Noch immer zerlegte sie das, was sie sah, beinahe automatisch in Bilder. Der alte Hof. Die Erweiterungen. Die Sichtachsen. Die Mischung aus beinahe ländlicher Vergangenheit und einem Aufwand, der sich kaum beziffern ließ. Seit sie durch das Tor gefahren war, hatte Bellaventra diesen Teil ihres Kopfes nicht mehr losgelassen. Dann blieb ihr Blick an der Eingangstür hängen. Und plötzlich dachte sie an die Frauen. Nicht an Namen, Verträge oder Zahlen. Sondern daran, dass jede von ihnen irgendwann zum ersten Mal vor dieser Tür gestanden hatte.
Mara ging weiter, doch der Gedanke blieb. Wie war das gewesen? Vielleicht hatte eine von ihnen schon während der Fahrt hierher aus dem Fenster gesehen und versucht, möglichst wenig darüber nachzudenken, was gleich passieren würde. Vielleicht hatte sie die Landschaft betrachtet, die Zufahrt, das Tor. Dinge gezählt, die vollkommen unwichtig waren, nur damit ihr Kopf beschäftigt blieb.
Sie hatte gewusst, weshalb sie nach Bellaventra kam. Aber nicht, wie es sein würde, wenn sie diese Tür zum ersten Mal durchquerte. Nicht, was geschehen würde. Aber was geschehen konnte. Sie würde gleich einen Mann kennenlernen, mit dem sie vielleicht später schlafen würde. Mara spürte, wie etwas an diesem Gedanken hängen blieb.
In ihren Unterlagen hatte das alles so viel einfacher ausgesehen. Frauen wurden ausgewählt. Sie kamen nach Bellaventra. Es gab Gespräche, Bedingungen, Vereinbarungen. Manche blieben. Manche nicht. Sätze. Saubere Sätze.
Aber kein Satz erzählte, wie es sich anfühlte, auf den letzten Metern zu diesem Haus zu wissen, dass hinter einer dieser Türen ein Mann wartete, den man noch nie berührt hatte und dessen Berührung trotzdem bereits als Möglichkeit im Raum stand. Vielleicht hatte die Frau sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Vielleicht war sie sogar ruhig gewesen. Bis zu diesem Moment. Mara stellte sie sich nicht mit einem bestimmten Gesicht vor. Sie wollte keine der Frauen nehmen, deren Fotos sie gesehen hatte. Keine Geschichte erfinden, die sie nicht kannte. Nur eine Frau, die irgendwann zum ersten Mal hier angekommen war.
Sie hatte sich morgens fertig gemacht.
Und spätestens dort musste es angefangen haben. Vor dem Spiegel. Was zieht man an, wenn man einen Mann zum ersten Mal trifft, mit dem man vielleicht später schlafen wird? Mara musste unwillkürlich lächeln. Wahrscheinlich hatte sie zuerst etwas angezogen und wieder ausgezogen. Vielleicht einen Rock. Zu kurz. Oder gerade richtig. Dann ein anderes Oberteil. Zu gewollt. Wieder zurück. Vielleicht hatte sie sich irgendwann selbst im Spiegel angesehen und gedacht: Was mache ich hier eigentlich?
Es war schließlich nur ein Gespräch. Noch.
Vielleicht war genau dieses kleine Wort das Problem gewesen. Noch. Noch kannte sie seine Stimme nur aus Aufnahmen. Noch wusste sie nicht, wie er roch. Noch hatte sie keine Ahnung, wie es sich anfühlte, wenn er sie ansah. Noch war er ein fremder Mann.
Mara merkte, dass sie langsamer geworden war, und schloss wieder zu Lucy auf. Wie sonderbar musste es sein, einen Menschen zum ersten Mal zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass zwischen ihnen später vielleicht etwas Körperliches geschehen würde.
Bei einer normalen Begegnung konnte alles offenbleiben. Man traf einen Mann. Man fand ihn interessant oder langweilig, attraktiv oder nicht. Vielleicht entstand irgendwann etwas. Vielleicht nie. Diese Frauen dagegen mussten gewusst haben, dass die Frage von Anfang an mitging.
Will ich, dass dieser Mann mich berührt?
Nicht irgendein Mann, irgendwann. Dieser Mann.
Mara sah die unbekannte Frau plötzlich deutlicher vor sich. Sie stieg aus einem Wagen. Strich ihren Rock glatt. Vielleicht nur aus Nervosität. Vielleicht kontrollierte sie noch einmal ihr Haar. Fuhr mit den Fingern darüber, obwohl es überhaupt nichts zu korrigieren gab. Dann ging sie los. Und mit jedem Schritt wurde das, was vorher nur eine Vorstellung gewesen war, wirklicher.
Gleich sehe ich ihn.
Vielleicht war ihr Mund trocken geworden. Vielleicht schlug ihr Herz etwas schneller. Nicht unbedingt vor Lust. Das wäre zu einfach. Nervosität. Neugier. Unsicherheit. Und darunter diese sexuelle Erwartung, die sich nicht wegdiskutieren ließ.
Mara spürte plötzlich den Stoff ihres Rocks an ihren eigenen Beinen. Nur eine Bewegung beim Gehen. Mehr nicht. Sie konzentrierte sich wieder auf die Frau.
Vielleicht hatte die in diesem Moment ebenfalls ihren Körper deutlicher wahrgenommen. Ihre Beine unter dem Rock. Den Stoff auf der Haut. Das Oberteil, für das sie sich am Ende entschieden hatte. Vielleicht hatte sie sich gefragt, was er denken würde, wenn er sie sah. Nicht, weil sie ihm gefallen musste. Aber natürlich wollte sie wissen, ob sie ihm gefiel. Wer wollte das in einer solchen Situation nicht?
Und wahrscheinlich hatte sie sich gleichzeitig gefragt, ob er ihr gefallen würde.
Mara fand diese zweite Frage plötzlich viel interessanter.
Über Hugo war so viel geschrieben worden, als läge die Entscheidung immer bei ihm. Er wählte aus. Er lud ein. Er entschied. Aber irgendwann hatte eine Frau vor ihm gestanden und ebenfalls entschieden. Vielleicht nicht über alles. Aber über etwas sehr Einfaches und sehr Persönliches.
Will ich diesem Mann nahe sein?
Mara sah kurz zu den Fenstern des Hauses. Hinter welchem davon war er? Der Gedanke kam, bevor sie ihn verhindern konnte. Sie richtete den Blick wieder auf Lucy.
Die unbekannte Frau in ihrem Kopf ging weiter. Vielleicht hatte sie Fotos von Hugo gesehen. Natürlich hatte sie Fotos gesehen. Aber Fotos halfen nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein Mann konnte auf einem Bild attraktiv sein und in Wirklichkeit vollkommen wirkungslos. Oder umgekehrt. Man konnte ein Gesicht kennen und trotzdem nichts über den Menschen wissen, der einen gleich aus zwei Metern Entfernung ansah.
Wie lange hielt er den Blick? Lächelte er sofort? War seine Stimme tiefer, als man erwartet hatte? Stand er nah bei einem oder hielt er Abstand?
Und dann waren da diese vollkommen nebensächlichen Dinge, die plötzlich überhaupt nicht nebensächlich waren. Seine Hände.
Mara sah sie vor ihrem inneren Auge, ohne überhaupt zu wissen, ob ihre Vorstellung stimmte. Sie musste über sich selbst schmunzeln. Jetzt dachte sie schon über seine Hände nach.
Der Abschnitt ist stark, und hier würde ich kaum kürzen, weil er genau die Verschiebung schafft, die wir brauchen: Mara denkt vermeintlich über die unbekannte Frau nach, beschreibt dabei aber zunehmend etwas, das sie selbst gerade erlebt.
Eine Stelle würde ich ändern: „Nicht einmal unbedingt Hugo.“ nimmt Hugo für meinen Geschmack zu stark heraus. Gerade jetzt soll sich langsam einschleichen, dass ihre Gedanken eben doch nicht mehr völlig unabhängig von ihm sind. Besser:
Sie wusste nicht einmal, wie seine Hände aussahen. Genau darum ging es. Die Frau damals hatte es auch nicht gewusst. Sie hatte nicht wissen können, ob sie seine Hände mögen würde. Seine Nähe. Seinen Geruch. Vielleicht nicht einmal sein Lachen. Und trotzdem musste ihr bewusst gewesen sein, dass sie all diese Dinge irgendwann sehr genau kennen könnte.
Vielleicht hatte sie versucht, nicht weiterzudenken. Nicht daran, wie es wäre, wenn die förmliche Distanz verschwand. Wenn aus dem ersten Händedruck irgendwann eine Berührung wurde, die nichts Förmliches mehr hatte. Wenn Kleidung, die man an diesem Morgen so sorgfältig ausgewählt hatte, irgendwann keine Rolle mehr spielte.
Mara atmete etwas tiefer ein.
Da war sie. Diese seltsame Spannung musste es gewesen sein. Nicht der Sex selbst. Das Davor. Das Nichtwissen. Die Vorstellung eines Körpers, den man noch nicht kannte. Die Möglichkeit, dass ein fremder Mann irgendwann nicht mehr fremd sein würde.
Vielleicht war genau das viel erotischer gewesen als alles, was danach kam.
Mara merkte, dass ihr die Vorstellung gefiel. Nicht das Arrangement. Sondern dieser Moment. Dieses Schweben vor einer ersten Begegnung, in der noch alles möglich war und nichts entschieden.
Sie dachte daran, wie eine Frau sich vielleicht kurz vor der Tür noch einmal selbst beruhigt hatte. Erst ansehen. Erst mit ihm reden. Erst herausfinden, ob ich ihn überhaupt mag. Vernünftig. Und gleichzeitig musste der Körper nicht vernünftig sein.
Vielleicht genügte ein Blick. Vielleicht seine Stimme. Vielleicht eine Bewegung. Etwas vollkommen Banales. Die Art, wie er aufstand, als sie hereinkam. Wie er ihr die Hand gab. Wie er sie ansah. Und plötzlich wusste sie mehr als nach hundert Fotos.
Mara bemerkte erst jetzt, dass sie sich fragte, wie Hugo sich bewegte.
Sie runzelte leicht die Stirn. Wann genau war das passiert? Eben hatte sie noch über eine unbekannte Frau nachgedacht. Jetzt wollte sie wissen, wie Hugo Voss sich bewegte.
Mara schob eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Na schön. Das war berufliche Neugier. Zumindest teilweise. Sie beschäftigte sich seit Wochen mit diesem Mann. Natürlich wollte sie wissen, wie er in Wirklichkeit war.
Nur hatte berufliche Neugier normalerweise wenig damit zu tun, dass sie wissen wollte, ob seine Stimme aus unmittelbarer Nähe angenehm klang. Oder wie lange er ihr in die Augen sehen würde. Oder ob sie seinen Geruch wahrnehmen würde, wenn er neben ihr stand.
Mara presste für einen Moment die Lippen zusammen. Das wurde ja immer besser.
Sie zwang ihre Gedanken zurück zu der unbekannten Frau.
Doch diesmal funktionierte es nicht richtig. Denn plötzlich begriff sie, was sie mit ihnen tatsächlich gemeinsam hatte. Nicht ihre Gründe. Nicht ihre Absichten. Nicht ihre Rolle in diesem Haus. Nur diesen einen Augenblick.
Auch Mara hatte Hugo Voss noch nie gesehen. Nicht wirklich. Sie kannte sein Gesicht. Sie kannte Aufnahmen seiner Stimme. Sie kannte Geschichten über ihn, Aussagen über ihn, Zahlen, Unternehmen, Entscheidungen, Gerüchte, Widersprüche. Sie wusste inzwischen Dinge über sein Leben, die die meisten Menschen niemals erfahren würden. Und trotzdem wusste sie nicht, wie es sich anfühlte, wenn er vor ihr stand.
Das war beinahe absurd. Sie wusste so viel über ihn und kannte nicht einmal seine tatsächliche Präsenz.
In wenigen Minuten würde sich das ändern.
Mara spürte wieder dieses leichte Ziehen im Bauch. Diesmal ignorierte sie es nicht. Sie war gespannt. Sehr sogar.
Vielleicht war er enttäuschend. Der Gedanke nahm der Sache ein wenig von ihrer Spannung. Vielleicht sah sie ihn und dachte: Das also ist Hugo Voss? Vielleicht verschwand der ganze Mythos innerhalb von Sekunden. Ein Mann von sechzig Jahren in einem großen Haus. Nichts weiter.
Das wäre ausgesprochen praktisch. Warum eigentlich?
Mara stockte innerlich. Warum sollte es praktisch sein, wenn sie ihn nicht attraktiv fand? Für ihre Arbeit spielte das keine Rolle. Überhaupt keine. Sie musste ihn weder attraktiv noch unattraktiv finden. Sie sollte ihn verstehen. Beobachten. Fragen stellen. Material bekommen. Einen guten Film machen. Das war alles.
Vor ihr öffnete Lucy eine weitere Tür. Mara folgte ihr. Ihr Absatz setzte hart auf dem Boden auf, und für einen Moment spürte sie die Spannung in ihrer Wade, die veränderte Haltung, die die Schuhe ihr gaben.
Sie dachte an den Morgen. An ihr Hotelzimmer. An den Spiegel. An die Kleidung, die auf dem Bett gelegen hatte. An den kurzen Moment, in dem sie nackt vor dem Spiegel gestanden und überlegt hatte, was sie anziehen sollte.
Sie hatte sich heute Morgen ausdrücklich gesagt, dass sie sich nicht für Hugo Voss zurechtmachte. Und das hatte gestimmt. Es stimmte immer noch. Sie mochte es, gut auszusehen. Für sich. Sie mochte die schmale Linie der Bluse, den Rock, ihre nackten Beine, die High Heels dazu. Sie hatte sich im Spiegel gefallen.
Dafür brauchte sie Hugo nicht.
Mara spürte, wie sich bei dem letzten Gedanken etwas in ihr regte. Aufmerksamkeit. Eine sehr körperliche Aufmerksamkeit. Sie nahm ihre Beine beim Gehen wahr. Die leichte Bewegung des Rocks. Ihre Brust unter der Bluse, wenn sie atmete. Das Gewicht ihrer Haare. Ihre Absätze. Plötzlich war ihr eigener Körper ebenso Teil dieser bevorstehenden Begegnung wie ihr Notizbuch und die Fragen, die sie im Kopf hatte.
Das irritierte sie. Und gefiel ihr gleichzeitig ein bisschen. Da war etwas Aufregendes daran, dass sie noch nicht wusste, was gleich passieren würde. Sie würde endlich erfahren, ob dieser Mann in Wirklichkeit irgendeine Wirkung auf sie hatte.
Vielleicht gar keine. Vielleicht würde sie nach fünf Minuten nicht mehr verstehen, warum sie gerade solche Gedanken gehabt hatte. Vielleicht würde sie ihn sogar unsympathisch finden. Auch das war möglich.
Und dann war da die andere Möglichkeit.
Mara ließ den Gedanken nicht zu Ende entstehen. Das musste sie auch nicht. Ein warmes, kaum merkliches Ziehen tief in ihrem Bauch hatte ihn längst für sie zu Ende gedacht.
Verdammt.
Für einen Moment kam ihr wieder die unbekannte Frau in den Sinn. Vielleicht war genau das ihr passiert. Sie hatte versucht, vernünftig zu bleiben. Hatte sich gesagt, dass noch überhaupt nichts geschah. Und irgendwo zwischen dem Wagen und der Tür hatte ihr Körper angefangen, eine Frage zu stellen, auf die ihr Kopf noch keine Antwort hatte.
Wie wird es sein, wenn ich ihn sehe?
Mara konnte plötzlich verstehen, warum dieser erste Gang durch Bellaventra etwas war, das keine ihrer Unterlagen beschreiben konnte. Man konnte später über Sex sprechen. Über Regeln. Über Geld. Über Monate in diesem Haus. Aber dieser Augenblick davor war einmalig. Noch konnte Hugo alles sein. Erst nach der Begegnung würde sie anfangen, es herauszufinden. Bis dahin gehörte alles der Fantasie.
Mara hob den Blick. Irgendwo hier war Hugo. Diesmal korrigierte sie den Gedanken nicht mit Überlegungen zum ersten Gespräch oder zum Drehtag. Nur: Wie bist du wirklich? Und unmittelbar dahinter, leiser: Wie wirkst du auf mich?
Das war neu. Mara spürte es sofort. Bis heute hatte sie wissen wollen, wie Hugo Voss wirklich war. Jetzt wollte sie zum ersten Mal wissen, wie sie auf ihn reagieren würde. Sie konnte sich nicht mehr einreden, es sei ausschließlich beruflich. Sie fand ihn interessant. Sehr interessant sogar. Und dass sie froh war, heute Morgen nicht die andere Kombination genommen zu haben, musste sie schließlich niemandem erzählen.
Mara lächelte.
Die unbekannte Frau aus ihrer Vorstellung war verschwunden. Erst jetzt bemerkte Mara es. Sie dachte nicht mehr darüber nach, wie eine der Frauen diesen Weg erlebt haben könnte. Sie dachte an ihren eigenen. An Hugo. An seinen ersten Blick und ihre eigene Reaktion. Daran, ob da etwas war, das sich auf keinem Foto festhalten ließ.
Lucy ging weiter. Mara folgte ihr. Ihr Herz schlug etwas schneller als noch vor ein paar Minuten. Sie ließ es.
Noch war nichts geschehen. Vielleicht war gerade das der Grund, warum es sich so gut anfühlte.
An der Haustür stand ein Mann in schwarzer Bellaventra-Dienstkleidung mit goldenen Details und dem kleinen B auf der Brust. Als Lucy und Mara die letzten Schritte auf ihn zukamen, öffnete er ihnen die Tür und trat zur Seite.
Mara war wieder im Hier und Jetzt.
Noch bevor Mara den Raum richtig erfasst hatte, nahm sie den Duft wahr. Klar und ungewöhnlich luxuriös — weißer Tee, eine Spur Iris und ein feiner Hauch Jasmin. Nichts davon drängte sich auf, und trotzdem lag der Duft überall in der Luft.
Dahinter lag ein großzügiger rechteckiger Vorraum, kein nüchterner Windfang. Heller Naturstein, ein aufwendig gestalteter Steinboden und warmes Licht, das sich auf den polierten Flächen spiegelte, bestimmten den Raum. Links an der Wand zog eine opulente Blumeninstallation Maras Blick auf sich: hohe Glasgefäße, üppige Blüten in kräftigen Farben, dazwischen viel Grün, kunstvoll in unterschiedlichen Höhen arrangiert.
Ihr Blick ging automatisch weiter. Geradeaus öffnete sich der Raum zur Rotunde. Unwillkürlich wollte sie weiter in diese Richtung.
Aber Lucy bog nach rechts ab.
Mara folgte ihr bereits einen Schritt und warf noch einmal einen Blick zurück zur Rotunde. Warum gehen wir denn hier lang? Sie hatte selbstverständlich angenommen, Lucy würde sie geradewegs in diesen repräsentativen Teil führen.
Lucy öffnete die Tür auf der rechten Seite. Mara folgte ihr.
Und erst jetzt verstand sie.
Security.
Der Raum dahinter war eindeutig ein Sicherheitsbereich. Eben noch Marmor, Blumen, Rotunde, Eleganz. Jetzt Kontrolle. Alles hochwertig, sauber, technisch modern und doch passte dieser Raum überhaupt nicht zu dem, was sie unmittelbar davor gesehen hatte. Eine Röntgenanlage für Taschen und mitgeführte Gegenstände. Ein Personenscanner.
Sie hatte mit Security gerechnet. Natürlich. Sie hatte die G-Klassen gesehen, den Objektschutz, weitere Sicherheitsleute, Lucy aus dem Personenschutz. Aber das hier befand sich in einem Privathaus. Nicht in einem Flughafen, nicht in einem Ministerium. Im Haus eines einzelnen Mannes, dessen Besucher kontrolliert wurden, bevor sie überhaupt weiter ins Haus durften. Das befremdete sie für einen Moment wirklich.
Sie schaute kurz zu Lucy. Lucy reagierte überhaupt nicht darauf. Für sie war das alltäglicher Ablauf.
Ein Mitarbeiter erklärte Mara ruhig und professionell, was sie tun sollte. Keine unfreundlichen Befehle, keine Machtdemonstration. Ein erwarteter Gast, eine vorgeschriebene Kontrolle.
Mara stellte ihre Tasche auf die dafür vorgesehene Fläche, leerte ihre Taschen und legte ab, was durch den Scanner musste. Dann sollte sie ihr Handy abgeben.
Das gefiel ihr deutlich weniger. Mara hielt es noch einen Moment in der Hand. Ihr Telefon gehörte normalerweise selbstverständlich zu ihr, beruflich erst recht. Dass sie es nun zurücklassen musste, bis sie den geschützten Bereich wieder verließ, verstärkte das merkwürdige Gefühl, tatsächlich eine abgeschlossene Welt zu betreten. Als gäbe sie an dieser Stelle ein kleines Stück Kontrolle mit ab.
Schließlich reichte sie es dem Mitarbeiter.
Ihre Tasche lief durch die Röntgenanlage. Mara beobachtete das. Die meinen das wirklich ernst.
Dann war sie selbst dran.
Sie wurde gebeten, in den Körperscanner zu treten. Mara stellte die Füße auf die markierten Positionen, die Beine leicht auseinander, und hob auf Anweisung die Arme vom Körper weg in die vorgesehene Scanposition.
Und genau in diesem Augenblick musste Mara wieder an die Frau denken, die sie sich draußen vorgestellt hatte.
Und jetzt stand sie selbst hier. Im Rock. Beine auseinander. Arme in der vorgeschriebenen Position. In seinem Haus. Breitbeinig in einem Körperscanner.
Das war fast zu schön.
Na wunderbar, dachte sie trocken. Ausgerechnet jetzt. Sie musste ein winziges Lächeln unterdrücken. Ihr eigener Kopf verband die Situation tatsächlich mit dem, worüber sie unmittelbar zuvor nachgedacht hatte. Plötzlich war ihr wieder sehr bewusst, wie sie draußen ihre Beine unter dem Rock wahrgenommen hatte.
Der Scan lief. Ein kurzes, leises technisches Surren. Sie blieb für die wenigen Sekunden stehen.
Dann war es vorbei. Fast enttäuschend banal. Sie nahm die Arme herunter, stellte die Beine zusammen, trat heraus und bekam ihre freigegebenen Sachen zurück.
Für Lucy war nichts Besonderes passiert. Mara dagegen musste diesen Ort erst noch zusammenbekommen. Draußen der fast zweihundert Jahre alte Hof. Dann Marmor, Blumen und die Rotunde. Und jetzt eine Sicherheitsschleuse mitten in einem Privathaus.
Nach Abschluss der Kontrolle führte Lucy Mara zurück in den Eingangsbereich — und jetzt gingen sie endlich dorthin, wohin Maras Blick vom ersten Moment an gegangen war.
In die Rotunde.
Schon beim Eintreten veränderte sich der Eindruck des Hauses. Der Raum öffnete sich kreisförmig und deutlich großzügiger als der vorgeschaltete Eingang. Heller Marmor fasste die großen Rundbögen ein, in beleuchteten Nischen standen Skulpturen und große Vasen. Der Steinboden bildete ein kreisförmiges Muster aus hellem und dunklem Stein. Über allem hing ein großer runder Leuchter, der die Form des Raumes noch einmal aufnahm.
Mara wurde unwillkürlich langsamer. Ihre Absätze klangen anders auf dem harten Boden, der Raum hatte eine andere Akustik als der Securitybereich. Nach Scanner, Kontrolle und Technik war sie schlagartig wieder von Eleganz umgeben — und sie merkte, wie die leichte Anspannung in ihren Schultern nachließ.
Sie schaute nach beiden Seiten.
Auf der einen Seite zog sich eine lange Verbindung durch das Haus, etwas ruhiger, weniger hell, gedämpft, keinesfalls düster. Auf der anderen fiel deutlich mehr Tageslicht ein.
Dann wandte sich ihr Blick geradeaus. Vor ihr lag das große repräsentative Treppenhaus: ein breiter Mittelbereich, von dem links und rechts die Treppenläufe nach oben führten. Selbst die Treppe besaß Dimensionen, die mit einem gewöhnlichen Privathaus nichts mehr zu tun hatten.
Und langsam begann die Zahl, die sie aus ihrer Recherche kannte — 11.740 Quadratmeter — etwas anderes zu bedeuten. Draußen war sie eine Zahl gewesen. Hier drinnen wurde sie zu Wegen.
Lucy wandte sich nach rechts und führte Mara in den Korridor, aus dem ihr schon von der Rotunde aus das viele Tageslicht aufgefallen war.
Mara folgte ihr ein paar Schritte und drehte sich noch einmal um. Durch die Rotunde sah sie in die entgegengesetzte Richtung, wo sich die lange Verbindung deutlich gedämpfter fortsetzte. Erst aus dieser Perspektive wurde ihr bewusst, wie unterschiedlich selbst die beiden Seiten dieses Hauses wirkten.
Sie wandte sich wieder nach vorn.
Ein Butler kam ihnen entgegen, ein Silbertablett in beiden Händen. Er ging mit ruhiger Selbstverständlichkeit an ihnen vorbei. Niemand blieb stehen, weil Mara kam. Niemand beobachtete sie. Für die Menschen, die hier arbeiteten, war dieser gewaltige Ort Alltag.
Gerade das fiel ihr auf. Was für sie außergewöhnlich war, war für diese Menschen nichts weiter als ein gewöhnlicher Arbeitstag.
Ein Stück weiter stand eine Tür offen. Mara warf im Vorbeigehen einen Blick hinein. Ein Arbeitszimmer. Dunkles Holz, helle Wände, eine Sitzgruppe, ein großer Schreibtisch. Dahinter saß eine ältere Frau.
Lucy bemerkte ihren Blick.
„Das Arbeitszimmer von Frau Milena Bokova.“
Mara sah noch einmal hinein. Lucy sagte den Namen mit einer Selbstverständlichkeit, als müsste Mara wissen, wer Milena Bokova war. Sie wusste es nicht. Der Name sagte ihr überhaupt nichts.
Durch die hohen Fenster des Arbeitszimmers erkannte Mara den Courtyard. Dort stand ihr Mietwagen. Für einen Moment hatte sie einen festen Punkt in diesem Haus gefunden.
Sie gingen weiter. Der große helle Raum, den sie schon von der Rotunde aus gesehen hatte, öffnete sich seitlich zum Korridor und flutete ihn mit Tageslicht.
Wenig später ein kurzer Blick in den Gartensalon: helle Sitzgruppen, hohe Fenster — und dahinter die Gartenanlage mit der großen Fontäne.
Von außen hatte Mara Gebäudeteile, Dächer und Erweiterungen gesehen, Luftbilder studiert, die Quadratmeterzahl gekannt. Aber nichts davon hatte sie darauf vorbereitet, wie sehr sich die Dimensionen erst im Inneren offenbarten.
Wie sollte sie das später filmen? Eine Fassadenaufnahme erklärte dieses Haus nicht. Selbst ein Luftbild zeigte nur Fläche.
Ein paar Schritte weiter blieb Lucy vor einer Tür stehen und öffnete sie.
„Der Blaue Salon.“ Mara brauchte ungefähr eine Sekunde. Ein tief dunkelblaues Sofa, Sessel in Blau und Blaugrau, dazu dunkles Holz, helle Wandflächen, hohe Fenster und links ein Kamin. Luxuriös, ohne monumental zu wirken — kleiner, ruhiger, beinahe wohnlich nach all den Räumen, an denen sie gerade vorbeigekommen war.
Lucy war mit ihr eingetreten und blieb nahe der offenen Tür stehen, während Mara sich umsah.
Der Blaue Salon, dachte Mara. Darauf wäre sie jetzt auch noch gekommen. Der Name war zumindest nicht besonders rätselhaft.
Wenig später erschien eine Frau in der offenen Tür.
Claire Hartmann.
Mara erkannte sie sofort. Claire Hartmann war seit 1995 Hugos Assistentin, damals noch bei der DHK Bank in London. Als er die Bank 1999 verließ und sich selbständig machte, war sie mit ihm gegangen. Sie hatte ihre sichere Stellung bei der Bank für ihn aufgegeben und gehörte seitdem zu seinem engsten beruflichen Umfeld.
Mara hatte Fotos von ihr gesehen. In Wirklichkeit wirkte sie noch souveräner. Claire war fast dreiundsechzig, acht Jahre älter als Hugo, und man sah ihr das Alter durchaus an. Das kinnlange Haar war inzwischen silbrig durchzogen, um Augen und Mund lagen feine Linien. Sie trug ein klassisches cremeweißes Chanel-Kostüm mit knielangem Rock, dazu flache Schuhe von Jimmy Choo und dezenten Schmuck — eine schmale Uhr, kleine Ohrringe und eine Perlenkette. Nichts daran wirkte bemüht oder auffällig. Teuer, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht danach aussah, als müsste sie jemandem etwas beweisen.
Claire betrat den Raum mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie hier eine besondere Stellung hatte. Die Gatekeeperin, dachte Mara. So war Claire Hartmann in ihren Unterlagen mehr als einmal bezeichnet worden. Sie führte Hugos Kalender, entschied über seine Termine. Wer zu ihm wollte, kam an ihr nicht vorbei.
Lucy stand noch immer nahe der offenen Tür.
Claire kam auf Mara zu und reichte ihr die Hand.
„Claire Hartmann. Ich bin Herrn Voss’ persönliche Assistentin.“
Mara registrierte die Förmlichkeit sofort. Herr Voss. Nach mehr als dreißig Jahren an seiner Seite klang das beinahe auffällig.
Ob sie ihn nur vor Außenstehenden so nannte?
„Mara Winter.“
„Herr Voss lässt sich entschuldigen. Er kommt etwas später“, sagte Claire freundlich.
Mara nickte. „Kein Problem.“
„Möchten Sie etwas trinken?“
„Wasser wäre gut.“
Claire nickte. „Ich lasse Ihnen etwas bringen.“
Sie erklärte Mara noch kurz, wie es weitergehen würde, präzise und ohne unnötige Förmlichkeit. Dann verabschiedete sie sich.
Lucy trat mit ihr hinaus. Die Tür schloss sich.
Mara war allein.
Wenig später klopfte es. Ein Butler brachte ihr das Wasser auf einem Silbertablett. Eine schlanke Glaskaraffe, darin einige hauchdünne Gurkenscheiben, daneben ein beinahe ebenso dünnwandiges Wasserglas. Er stellte beides vor ihr ab und verschwand ebenso ruhig wieder, wie er gekommen war.
Und jetzt war sie wirklich allein. Keine Sicherheitsleute, keine Lucy neben ihr, kein Scanner, niemand, der sie irgendwohin führte. Sie saß im Blauen Salon und wartete auf Hugo Voss.
Die ersten Minuten blieb sie professionell. Sie trank etwas Wasser, schaute sich im Raum um, ging ihre Fragen im Kopf durch. Dann sah sie auf die Uhr.
Nichts.
Irgendwann stand sie auf, ging einige Schritte durch den Salon, trat an eines der Fenster, setzte sich wieder. Die Minuten verstrichen. Mit ihnen veränderte sich ihre Erwartung. Sie hatte schwierigere Gesprächspartner getroffen. Das hier sollte nichts Besonderes sein.
Die überraschende Zusage. Isle of Man. Jersey. Bellaventra. Security. Dieses gigantische Haus.
Lässt er mich warten?
Der Gedanke hatte etwas leicht Verärgertes. Das gefiel ihr besser als das, was unmittelbar danach kam.
Ihre Hände waren kalt geworden, obwohl ihr selbst eher warm war. Sie rieb Daumen und Zeigefinger kurz aneinander und sah auf ihre Hände hinunter.
Das ist jetzt nicht dein Ernst.
Sie griff nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck. Ihr Herz schlug schneller. Nicht viel. Aber deutlich genug, dass sie es bemerkte. Auch dieses leichte Ziehen im Bauch war wieder da.
Dann strich sie über ihren Rock.
Mara hielt mitten in der Bewegung inne.
Ausgerechnet den Rock.
Sie musste an die Frau denken, die sie sich draußen vorgestellt hatte. Wie sie vor der ersten Begegnung noch einmal ihren Rock glattstrich, obwohl es überhaupt nichts glattzustreichen gab.
Na wunderbar.
Sie lehnte sich zurück und zwang sich, die Hände ruhig auf die Oberschenkel zu legen. Vor einer halben Stunde hatte sie noch darüber nachgedacht, wie es einer Frau wohl ging, kurz bevor sie Hugo Voss zum ersten Mal begegnete. Jetzt wusste sie es zumindest ein bisschen.
Sie wusste nicht, weshalb er sich verspätete. Vielleicht war tatsächlich etwas dazwischengekommen. Vielleicht war das bei Hugo Voss normal. Vielleicht hatte es überhaupt nichts mit ihr zu tun. Aber nach zwanzig Minuten registrierte sie die Verspätung definitiv.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Nur kurz nachsehen. Gleichzeitig kam sie sich ein wenig albern dabei vor.
Mara blickte geradeaus den langen Korridor zurück, den sie mit Lucy gekommen war. Dann ließ sie den Blick nach links wandern. In diese Richtung hatte sie vorhin kaum gesehen. Der Korridor zog sich noch ein gutes Stück weiter, vorbei an weiteren Türen und Räumen. Einige Schritte entfernt stand ein weiterer Mann vom Personenschutz, dunkler Anzug, aufmerksame Haltung. Auch dort brachten großzügig verglaste Bereiche immer wieder Tageslicht tief ins Haus.
Ihr Blick wanderte den Korridor entlang.
Kein Hugo.
Sie ging zurück in den Salon. Und plötzlich kam ihr die Situation wieder eigenartig vor: Sie saß in einem eleganten blauen Salon eines Privathauses, trank Wasser und wartete auf dessen Hausherrn — während draußen ein Leibwächter stand.
Insgesamt wartete sie exakt fünfundzwanzig Minuten.
Dann öffnete sich die Tür.
Der Personenschützer öffnete die Tür und trat mit einer knappen Bewegung zur Seite. Ein Mann kam herein. Ohne Begleitung, ohne Ankündigung.
Hugo Voss.
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Mara kannte zahlreiche Fotos von Hugo Voss. Junge Aufnahmen aus Hamburg, später Frankfurt, London, Monaco, Bilder aus verschiedenen Phasen seines Lebens und einige wenige neuere von Jersey. Doch gerade aus den letzten Jahren gab es kaum gute Nahaufnahmen; meist war er aus einiger Entfernung fotografiert worden.
Sie erkannte ihn sofort. Und brauchte trotzdem einen kurzen Moment, um das Gesicht, das sie seit der Besprechung im Büro unzählige Male auf Fotografien betrachtet hatte, mit diesem Mann zusammenzubringen.
Er sah besser aus als auf den Fotos.
Nach einem zweiten kurzen Blick: deutlich besser.
Groß. Mara schätzte ihn auf eins sechsundachtzig, vielleicht eins achtundachtzig. Schmal, leicht schlaksig — lange Arme, lange Beine, eine schmale Silhouette. Nichts Gebrechliches, nichts Krankes. Seine Haltung veränderte alles: aufrecht, ruhig, sicher. Das leicht Schlaksige wirkte an ihm nicht unbeholfen. Es wirkte elegant. Er trug eine perfekt sitzende dunkle Hose und ein außergewöhnlich hochwertiges helles Hemd, den Kragen offen, den obersten Knopf nicht geschlossen. Kein Sakko, keine Krawatte. An den Füßen dunkelbraune englische Budapester, handgefertigt. Schlichte Knöpfe aus Gelbgold mit seinen Initialen, H.V., schlossen die Manschetten; die Hermès-Schließe seines Ledergürtels nahm denselben Ton auf, am Handgelenk eine IWC mit dunkelblauem Zifferblatt, Mondphase und ewigem Kalender, das Armband aus blauem Leder.
Der Haaransatz war zurückgegangen, das Haar etwas lichter, teilweise ergraut. Um Augen und Stirn altersentsprechende Linien — und gerade diese Reife machte sein langes, schmales Gesicht markanter. Er war 55 und sah 55 aus. Und es gehörte zu seiner Wirkung.
Seine gesamte Erscheinung war gepflegt, ohne künstlich inszeniert zu wirken. Frisch rasiert.
Er betrat den Raum, als gehöre er ihm — was er tat. Es war sein Haus. Sein Salon. Seine Welt. Er brauchte niemandem zu beweisen, dass er Hugo Voss war.
Seine Augen — hell, blaugrau, hinter einer dezenten Brille — ruhten auf ihr. Wirklich auf ihr. Ruhig und direkt, ohne etwas erzwingen zu wollen. Als er sich ihr zuwandte, besaß sie für diesen Augenblick seine vollständige Aufmerksamkeit.
Das traf sie stärker, als sie erwartet hatte. Fotografien hatten sie niemals darauf vorbereitet, wie es sich anfühlte, wenn die Augen dieses Mannes plötzlich sie ansahen.
„Ms Winter.“ Seine Stimme war ruhig, etwas tiefer, als sie erwartet hatte. Er sprach nicht so, als müsse jeder Satz Gewicht besitzen, nur weil er ihn aussprach.
„Entschuldigen Sie die Verspätung.“
Er kam auf sie zu und reichte ihr die Hand.
Beim Händedruck waren sie sich zum ersten Mal wirklich nah. Seine Hand war schmal, die Finger lang, die Nägel kurz und makellos gepflegt. Sein Händedruck fest, ohne demonstrative Kraft. Aus der Nähe nahm sie einen dezenten Duft wahr — sauber, frisch, leicht herb. Nichts, das sich aufdrängte. Nur etwas, das kein Foto und keine Recherche vermittelt hatte.
„Kein Problem“, sagte sie.
Mit einer kleinen Bewegung deutete er auf die Sitzgruppe.
„Bitte, setzen Sie sich.“
Dann wartete er.
Mara brauchte einen Augenblick, um zu bemerken, dass er tatsächlich stehen blieb. Er setzte sich nicht vor ihr. Eine kleine, beinahe altmodische Höflichkeit, mit der sie nicht gerechnet hatte. Erst als sie Platz genommen hatte, setzte auch Hugo sich.
„Wie war die Isle of Man?“, fragte Hugo.
„Gut.“ Mara dachte einen Moment nach. „Christina ist eine interessante Frau.“
Bei ihrem Namen lächelte er. Nur kurz, aber es veränderte sein Gesicht überraschend. Die Ernsthaftigkeit, die Mara von den meisten Fotos kannte, wich etwas Weicherem, Wärmerem.
„Das ist sie“, sagte Hugo.
„Sie ist erstaunlich offen.“
„Ja.“ Ein Rest des Lächelns blieb. „Das mochte ich immer an ihr.“
„Und sie ist verdammt professionell.“
„Das weiß ich.“
Mara betrachtete ihn. Etwas Vertrautes lag in der Art, wie er über Christina sprach, eine Wärme, die sie bei ihm nicht erwartet hatte.
Hugo ließ einen kurzen Moment verstreichen.
„Sie hält übrigens auch einiges von Ihnen.“
Mara war ein wenig überrascht. „Sie haben mit ihr gesprochen?“
„Gestern Abend.“
Natürlich. Christina hatte es ihr sogar angekündigt: Ich werde ihm von Ihnen erzählen. Trotzdem überraschte Mara, wie selbstverständlich die beiden offenbar miteinander sprachen.
„Und was hat sie erzählt?“
„Dass Sie gut sind.“
Mara lächelte. „Das ist beruhigend.“
„Das wusste ich allerdings schon.“
Etwas an diesem Satz gefiel ihr mehr, als es sollte. Mara sah ihn genauer an. „Woher?“
„Ich habe einige Ihrer Arbeiten gesehen.“
„Einige?“
„Mehrere.“
Sie spürte ein kleines, unerwartetes Vergnügen darüber. Hugo Voss hatte sich mit ihrer Arbeit beschäftigt. Nicht nur ihren Namen gekannt, nicht nur eine Akte überflogen. Mehrere ihrer Filme gesehen.
Sie lächelte. „Sie haben sich vorbereitet.“
Hugo sah sie ruhig an. „Sie doch auch.“
Sie ließ den Satz einen kurzen Moment stehen.
Dann fragte sie schlicht: „Und?“
„Und was?“
„Sie wissen genau, was ich meine.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Vielleicht.“
„Wenn Sie mehrere meiner Arbeiten gesehen haben, müssen Sie sich doch eine Meinung gebildet haben.“
„Habe ich.“
„Und?“
„Sie lassen Menschen erstaunlich lange schweigen.“
Der Satz traf sie — nicht unangenehm, sondern weil er präzise war. Er hatte etwas an ihrer Arbeit erkannt, das kaum jemand benannte. Viele Interviewer füllten jede entstehende Stille reflexartig mit der nächsten Frage. Mara tat das häufig gerade nicht. Nach der Pause kam manchmal das Interessante.
Er hatte ihre Arbeiten also nicht nur gesehen. Er hatte hingesehen.
„Die meisten Menschen mögen keine Stille“, sagte sie.
„Sie offenbar schon.“
Mara sah ihn an. Kein nervöses Lächeln, kein Herumspielen mit den Händen, kein Griff zum Telefon. Er saß einfach da und sah sie an.
„Sie scheint Sie jedenfalls nicht besonders nervös zu machen“, sagte sie.
„Nein.“
Einige Sekunden sagte keiner von ihnen etwas.
Mara musste lächeln.
„Das war jetzt fast zu passend.“
Auch um seinen Mund zeigte sich ein kurzes Lächeln. „Ein wenig.“
Einige Sekunden sagte keiner von ihnen etwas.
Und plötzlich wurde Mara stärker bewusst, dass sie diesem Mann tatsächlich gegenübersaß. Nicht dem Namen. Nicht einem Foto. Nicht dem Milliardär aus ihren Unterlagen. Dem Mann.
Sein Blick blieb ruhig bei ihr. Aufmerksam, ohne sie zu mustern. Und zu ihrer eigenen Überraschung empfand sie diese ungeteilte Aufmerksamkeit als angenehm.
Sie sah nicht weg.
Auf Fotos hatte sie seinen Blick sehen können. Jetzt galt er ihr. Das war etwas anderes.
Sie war es gewohnt, andere Menschen zu beobachten. Bei Hugo hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass er dasselbe mit ihr tat.
Der Gedanke amüsierte sie und forderte sie zugleich heraus. Na schön, dachte sie. Dann spielen wir eben zu zweit.
„Sie machen es einem nicht besonders leicht“, sagte sie.
Hugo sah sie ruhig an. „Was genau?“
„Sie zu lesen.“
Damit hatte sie ihm mehr verraten, als sie eigentlich wollte. Sie beobachtete ihn. Und seinem Blick nach zu urteilen, war ihm das keineswegs entgangen.
„Muss ich das?“
Mara lächelte leicht. „Für meinen Beruf wäre es hilfreich.“
„Für meinen vermutlich weniger.“
„Sie haben mich acht Wochen lang in Ihr Leben eingeladen. Irgendwann werde ich Sie lesen können.“
Einen Moment sah er sie nur an. Ein Anflug von Belustigung lag in seinem Blick. „Da sind Sie sich ziemlich sicher.“
„Ja.“
Er musterte sie einen Moment. „Was glauben Sie denn, hier zu finden, Ms Winter?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Sie haben acht Wochen. Irgendeine Vorstellung werden Sie haben.“
Mara lächelte leicht. „Natürlich. Ich will wissen, wer Hugo Voss ist. Woher er kommt. Wer er war, bevor irgendjemand seinen Namen kannte. Die ersten zwei Wochen werde ich mir Ihr Leben hier ansehen. Danach werde ich dorthin gehen, wo es angefangen hat, mit Menschen sprechen, die Sie kannten, bevor Sie all das hier hatten. Und anschließend komme ich zurück.“
„Dann wissen Sie mehr über mich als heute.“
„Sehr viel mehr, hoffe ich.“
„Und Sie gehen davon aus, dass Sie etwas herausfinden werden.“
Mara hielt seinen Blick. „Davon gehe ich aus.“
Ein leichtes Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Da bin ich gespannt.“
„Ich auch.“
Hugo schlug das Bein über das andere und beugte sich ein wenig vor. Nur eine kleine Veränderung seiner Haltung, aber Mara registrierte sie sofort.
Jetzt habe ich ihn, dachte sie. Und es gefiel ihr, dass sie seine Neugier geweckt hatte.
„Und wenn Ihnen nicht gefällt, was Sie finden?“, fragte Hugo.
Die Frage gefiel ihr.
„Dann gehört das genauso dazu.“
Hugo sah sie einen Moment an.
„Gut.“
Mehr nicht. Keine Einschränkung, kein Hinweis auf Absprachen oder Grenzen. Nur dieses ruhige Gut.
Mara musterte ihn kurz.
„Dann darf ich Ihnen dieselbe Frage stellen.“
„Welche?“
„Was wollen Sie, dass ich finde?“
Hugo antwortete nicht sofort. In seinem Gesicht lag nichts, das sie hätte deuten können.
„Wenn ich Ihnen das sage, beeinflusse ich, wonach Sie suchen.“
Mara lächelte. Elegant. Und keine Antwort.
„Das war keine Antwort.“
Ein kleines Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Doch. Nur nicht die, die Sie wollten.“
Das machte ihr Spaß. Sie musste bei ihm aufpassen.
Na schön.
Dann eben die Frage, die sie seit London mit sich herumtrug.
„Warum jetzt?“
Hugos Lächeln verschwand.
„Warum was?“
„Jahrelang haben Sie jede Anfrage abgelehnt. Und jetzt geben Sie uns acht Wochen. Zugang zu Ihrem Haus, Ihrer Familie, Ihrem Leben.“ Sie hielt seinen Blick. „Warum?“
Hugo reagierte nicht überrascht. Mit der Frage hatte er gerechnet.
„Weil ich irgendwann entscheiden musste, ob andere weiterhin erzählen sollen, wer ich bin — oder ob ich jemanden nah genug heranlasse, sich selbst ein Bild zu machen.“
Diesmal lächelte er nicht.
Mara ließ die Antwort einen Moment wirken. Sie war plausibel. Seit Jahrzehnten wurde über ihn geschrieben, während er selbst kaum Einblick gegeben hatte. Nur beantwortete das nicht ihre eigentliche Frage.
„Das erklärt das Warum“, sagte sie. „Nicht das Jetzt.“
Für einen Moment war da etwas in seinem Gesicht, das sie nicht greifen konnte. Dann war es wieder verschwunden.
„Vielleicht kommt irgendwann der Punkt“, sagte er, „an dem man bestimmte Dinge nicht mehr auf später verschieben möchte.“
Mara schwieg einen Moment.
„Und dieser Punkt ist jetzt?“
„Ja.“
Die Antwort kam ohne Zögern.
Mara betrachtete ihn. Da war etwas, das er ihr nicht sagte. Noch nicht.
Sie hätte nachhaken können. Stattdessen ließ sie es stehen. Acht Wochen waren lang.
Mara betrachtete ihn. Vor ihr saß ein 55-jähriger Mann, gepflegt, aufmerksam, souverän, vollkommen präsent. Vielleicht war es tatsächlich so einfach: Irgendwann stellte man fest, dass man bestimmte Entscheidungen nicht ewig vertagen wollte. Vielleicht hatte er genug davon, dass andere seine Geschichte erzählten. Vielleicht gab es einen persönlichen Grund, den sie noch nicht kannte.
Die naheliegende Frage wäre gewesen: Was wollen Sie nicht mehr auf später verschieben?
Sie stellte sie nicht.
Hugo hatte ihr geantwortet. Nur hatte er selbst entschieden, wie weit diese Antwort reichte.
Und sie hatte acht Wochen.
Sie musste heute nicht alles aus ihm herausbekommen. Sie würde sich den Satz merken.
Und noch etwas registrierte sie: Sie genoss dieses Gespräch. Hugo machte es ihr nicht leicht, aber er behandelte sie auch nicht von oben herab. Er wich aus, ohne sie mit einer billigen Ausrede abzuspeisen.
Das gefiel ihr.
Nach einem ruhigen Moment fragte Hugo:
„Und was haben Sie erwartet?“
Mara brauchte einen Augenblick. „Von Ihnen?“
„Von mir.“
Die Frage überraschte sie. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie konkret das Bild war, mit dem sie nach Jersey gekommen war. Artikel, Fotos, Berichte über sein Unternehmen, sein Vermögen, Bellaventra, sein Privatleben, die Frauen. Aus all dem hatte sich ein Hugo Voss in ihrem Kopf zusammengesetzt.
Nur saß der wirkliche jetzt vor ihr. Und passte nicht ganz hinein.
„Das wollen Sie wirklich wissen?“
„Sonst hätte ich nicht gefragt.“
Sie musste lächeln. Dieser trockene, beiläufige Humor gefiel ihr.
„Ich hatte erwartet, dass Sie schwerer zugänglich sind.“
„Sie kennen mich seit kaum einer halben Stunde.“
„Eben.“
Diesmal lächelte er.
Und Mara stellte fest, dass es ihr gefiel, ihm diese kleinen Reaktionen zu entlocken.
„Und sonst?“
Die ehrlichste Antwort kam ihr sofort — und die würde sie ihm ganz sicher nicht geben.
Dass Sie besser aussehen als auf Ihren Fotos.
Nein, dachte sie. Das traf es inzwischen nicht einmal mehr ganz. Er wirkte besser. Seine Stimme, seine Ruhe, die Art, wie er ihr zuhörte, dieses kurze Lächeln — all das hatte auf keinem Foto existiert.
Und zum ersten Mal gestand sie sich den Gedanken ohne Einschränkung zu: Sie fand ihn attraktiv.
„Anders“, sagte sie.
Hugo hob leicht eine Braue. „Das ist ausgesprochen diplomatisch.“
Mara lächelte. Natürlich hatte er gemerkt, dass sie ausgewichen war.
„Ich kenne Sie erst seit ein paar Minuten.“
Jetzt lächelte er deutlicher. Sie hatte ihm seinen eigenen Satz zurückgegeben.
Für einen Moment wussten beide genau, was sie gerade getan hatte.
Dieser Moment machte ihr überraschend viel Spaß. Sie hatte mit mehr Distanz gerechnet, mit kontrollierten Antworten und einer gewissen Kühle. Stattdessen redete sie gern mit ihm. Es war leicht — und gleichzeitig musste sie aufmerksam bleiben.
Hugo machte es ihr leicht, mit ihm zu sprechen, und schwer, ihn zu durchschauen.
Und irgendwann bemerkte sie, dass ihr Blick bei Dingen hängen blieb, die mit ihrer Arbeit wenig zu tun hatten. Bei seinen Händen. Den langen Fingern. Der Art, wie er dasaß. Bei seiner Stimme, die aus dieser Nähe noch etwas tiefer klang.
„Wie haben Sie sich die nächsten acht — verzeihen Sie, fünf Wochen — eigentlich vorgestellt?“, fragte Hugo.
Mara musste schmunzeln. Er hatte genau zugehört.
„Sie haben mir doch Zugang zugesagt.“
„Das war nicht meine Frage.“
Natürlich nicht.
Sie dachte einen Moment nach. „Zunächst möchte ich, dass Sie mir Ihre Geschichte erzählen. Und ich möchte mit den Menschen sprechen, die heute zu Ihrem Leben gehören. Danach werde ich für drei Wochen dorthin fahren, wo Ihre Geschichte begonnen hat, und mit denen sprechen, die Sie von früher kennen.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Und wenn ich zurückkomme, möchte ich Bellaventra erleben. Ihren Alltag, die Menschen, die hier arbeiten, die Abläufe. Dann möchte ich sehen, wie dieses Leben tatsächlich funktioniert — nicht nur, wie es von außen aussieht.“
Hugo hörte ihr aufmerksam zu.
„Sie wollen also genau hinsehen.“
Mara lächelte leicht. „Das hatte ich vor.“
„Bei allem?“
„Bei allem.“
Für einen Moment blieb sein Blick auf ihr. Mara wusste nicht, ob er die Antwort genauso doppeldeutig gehört hatte, wie sie für einen Sekundenbruchteil in ihrem eigenen Kopf geklungen hatte.
Sie ließ sich nichts anmerken.
„Wenn Sie mir in diesen fünf Wochen nur zeigen, was ich sehen soll, können wir uns die fünf Wochen sparen.“
„Das wäre bedauerlich.“
Mara hob leicht eine Braue.
„Sie sind schließlich gerade erst angekommen“, fügte er hinzu.
Da war er wieder, dieser trockene Unterton.
„Dann sind wir uns ja einig.“
„Das wird sich zeigen.“
„Dann sollten Sie nicht auf Einladungen warten“, sagte er.
Mara sah ihn an. „Wie meinen Sie das?“
„Wenn Sie verstehen wollen, wie ich lebe, sollten Sie es auch erleben können. Sie müssen nicht jedes Mal darauf warten, dass Claire einen Termin mit mir vereinbart. In den Bereichen, die für Sie freigegeben sind, können Sie sich frei bewegen. Und wenn Sie mir begegnen, sprechen Sie mich an.“
Damit hatte Mara nicht gerechnet. Termine, Interviews, außergewöhnlicher Zugang — ja. Aber nicht damit, sich auf Bellaventra bewegen zu können, ohne dass jede Begegnung vorher arrangiert wurde.
Für ihre Arbeit war das beinahe ideal.
„Und wo endet diese Freiheit?“
Hugo lächelte leicht. „Das wird Claire Ihnen erklären. Sie ist hier die Chefin.“
Der Ton war so beiläufig scherzhaft, dass Mara lächeln musste.
„Dann frage ich die Chefin.“
„Sehr vernünftig.“
Mara dachte darüber nach, was diese Freiheit bedeutete. Sie würde Hugo nicht nur in Gesprächen erleben, sondern zwischendurch. Bei der Arbeit, beim Essen, auf den Wegen durchs Haus. In Momenten, die nicht für sie vorbereitet waren. Genau dort würde sie vermutlich mehr über ihn erfahren als in jedem Interview.
Und dann bemerkte sie noch etwas anderes.
Sie würde diesen Mann in den kommenden Wochen immer wieder sehen. Einfach so.
Der Gedanke gefiel ihr. Mehr, als er aus rein beruflichen Gründen sollte.
Dann öffnete sich die Tür, und Claire kam herein.
Sie blieb an der Tür stehen. „Hugo, dein Termin ist da.“
„Danke“, sagte Hugo. „Ich komme gleich.“
Claire nickte und war schon wieder verschwunden.
Hugo sah ihr kurz nach, dann zurück zu Mara. Ein leichtes Lächeln lag um seinen Mund. „Und da meldet sich auch schon die Hausherrin.“
Mara musste lächeln. „Ich dachte, sie wäre die Chefin.“
„Das meinte ich.“
Mara begann, ihre Sachen zusammenzunehmen. Sie ging davon aus, dass ihr Gespräch damit beendet war.
Hugo stand ebenfalls auf, machte jedoch keine Anstalten, sich zu verabschieden.
„Kommen Sie“, sagte er. „Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.“
Mara warf einen Blick zur Tür. „Ihr Termin wartet.“
Hugo schien das nicht weiter zu beunruhigen. „Er wird mir die paar Minuten verzeihen.“
Mara sah ihn einen Moment an. Offenbar war nicht nur sie noch nicht bereit gewesen, dieses Gespräch zu beenden.
Der Gedanke gefiel ihr. Eine unerwartete Wärme breitete sich für einen Moment in ihr aus, tiefer und körperlicher, als der Anlass eigentlich rechtfertigte.
Sie stand auf. „Na schön. Was wollen Sie mir zeigen?“
Hugo ging mit ihr zur Fensterfront und öffnete eine der Türen zum Garten. Er trat zur Seite und ließ Mara zuerst hinaus. Als sie an ihm vorbeiging, legte er ihr für einen kurzen Moment die offene Hand an den Rücken und wies ihr damit die Richtung.
Eine beiläufige, höfliche Berührung. Kaum länger als einen Augenblick. Trotzdem nahm Mara die Wärme seiner Hand durch den Stoff ihrer Bluse und den leichten Druck erstaunlich deutlich wahr.
Draußen empfingen sie Tageslicht und ein leichter Wind.
Hugo ging mit ihr am Haus entlang. Der Garten war hier sorgfältig angelegt — gepflegte Rasenflächen, alte Bäume, geschnittene Hecken, Blumen und einzelne Palmen, dazwischen Wege und Brunnen. Aufwendig, aber nicht steril.
Dann blieb Hugo stehen.
„Sehen Sie die Eiche dort?“
Mara folgte seinem Blick. Erst jetzt betrachtete sie den Baum wirklich. Der Stamm war gewaltig, die Krone breit und schwer, die Äste so mächtig, dass einige beinahe waagerecht über den Rasen griffen.
„Ja.“
„Die stand schon hier, lange bevor es dieses Haus gab. Lange bevor hier überhaupt ein Bauernhof stand“, sagte Hugo. „Sie hat Kriege erlebt, die deutsche Besatzung, Stürme, Generationen von Menschen. Häuser wurden gebaut, verändert und abgerissen. Menschen kamen und verschwanden.“
Er sah hinauf in die Krone.
„Sie ist immer noch da.“
Für einen Moment sagte Mara nichts.
Dann sah Hugo zu ihr.
„Also recherchieren Sie ruhig.“
Mara sah ihn an.
Ein kaum merkliches Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Ich habe vor, es wie die Eiche zu halten.“
Dann spürte sie seine Hand erneut knapp oberhalb der Taille — nur einen leichten Druck, der sie wortlos zum Weitergehen aufforderte. Diesmal traf die Berührung sie unvorbereitet. Ein warmer Schauer lief ihr über den Körper.
Noch einmal sah sie zur Eiche, bevor ihr Blick durch die große Fensterfront in die lange, helle Diele mit ihrem offenen Dachstuhl und den dunklen Balken fiel. Er ging durch den gesamten Raum bis zu den gegenüberliegenden Fenstern und weiter hinaus auf den ehemaligen Hof und die lange Auffahrt, über die sie gekommen war.
Ihr Blick wanderte zurück über die Fassade. Jetzt erkannte sie ihren eigentlichen Reiz: die unterschiedlichen Gebäudeteile, Dachhöhen und Vorsprünge — unregelmäßig, aber perfekt restauriert, ohne die Geschichte des Hauses glattzubügeln.
Ein Stück weiter wurde die Linie der Fassade erneut unterbrochen; sie sprang etwas hervor. Durch die breite Fensterfront fiel ihr Blick in einen langen Salon — und blieb hängen.
Dort saßen mehrere Frauen. Zwei hatten es sich auf einem der Sofas bequem gemacht und unterhielten sich, eine mit einem Bein angewinkelt und an die Brust gezogen. Sie waren leger gekleidet, Jeans, leichte Oberteile, nichts Auffälliges oder Inszeniertes. Weiter hinten hatte sich eine andere in einen Sessel gelümmelt und sah zum Fernseher. Zwei weitere saßen zusammen am Fenster.
Mara sah länger hinein, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Nichts an der Szene wirkte inszeniert. Eher wie ein ganz gewöhnlicher Nachmittag in einem Wohnzimmer — nur dass dieses Wohnzimmer zu Bellaventra gehörte und die Frauen darin zu Hugo.
Da sind sie.
Bislang waren sie für Mara kaum mehr gewesen als Teil all der Geschichten, die sie über Hugo und Bellaventra gelesen hatte. Christina hatte es polyamor genannt. In den alten Berichten war von Escorts die Rede gewesen, von Frauen, die hier lebten und arbeiteten. Jetzt saßen einige von ihnen wenige Meter von ihr entfernt.
Mara konnte nicht anders, als hinzusehen. Wie lebten diese Frauen mit Hugo? Was verband sie mit ihm? Und wie viel von dem, was über dieses Haus und die Menschen darin geschrieben worden war, hatte überhaupt etwas mit der Wirklichkeit zu tun?
Für einen Moment traf sich ihr Blick mit dem einer der Frauen.
Hugo sagte nichts. Er nannte keine Namen und kommentierte auch nicht, dass Mara hinsah. Er ließ sie einfach schauen.
Mara fragte ebenfalls nicht. Sie würde acht Wochen hier sein. Es gab keinen Grund, jede Frage in dem Moment zu stellen, in dem sie entstand.
Sie ging mit Hugo weiter. Aber gedanklich nahm sie die Frauen mit.
Dann betraten sie die Zigarrenlounge. Kaum waren sie eingetreten, schloss ein Butler hinter ihnen die Tür und zog sich wieder diskret in den Hintergrund zurück. Offenbar hatte man ihre Ankunft längst erwartet — kein Wunder nach dem Weg vom anderen Ende des Hauses.
Der Gegensatz zum Blauen Salon hätte kaum größer sein können. Dunkle Holzvertäfelungen, eine Kassettendecke mit warm beleuchteten Feldern, dunkelbraune Ledersessel und ein großes Ledersofa. Links brannte Feuer in einem hellen steinernen Kamin, daneben waren beleuchtete Humidore in die Wand eingelassen. Auf den Tischen standen Karaffen und Gläser.
In der Luft lag der warme, würzige Geruch von gutem Zigarrentabak. Mara mochte ihn. Der ganze Raum fühlte sich wärmer, dunkler und schwerer an als der Blaue Salon. Viel eher das, dachte sie, was sie sich vor ihrer Reise unter seinem privaten Rückzugsraum vorgestellt hätte. Und gleichzeitig wusste sie inzwischen, dass solche Vorstellungen bei diesem Mann gefährlich waren.
Mara blickte zurück durch die breite Terrassentüröffnung, durch die sie gerade die Zigarrenlounge betreten hatten. Draußen stand das helle Grün des Parks im Kontrast zur warmen Dunkelheit des Raumes. Weit hinten entdeckte sie zwei Männer des Objektschutzes, die gemeinsam ihre Runde liefen. Sie waren zu weit entfernt, um Gesichter zu erkennen, doch Mara wusste sofort, was sie sah.
Während ihres Gesprächs und des Weges durch den Garten hatte sie beinahe vergessen, wie stark Bellaventra gesichert war. Jetzt erinnerte der Anblick sie wieder daran.
Bellaventra wirkte zunehmend wie ein Zuhause, dachte sie. Aber es war ein Zuhause mit einem professionellen Sicherheitsapparat.
Sie wandte den Blick wieder in den Raum.
Und sah den Mann an, der dort auf Hugo wartete.
Jonathan Whitfield.
Sie erkannte ihn sofort. Das Haar fast vollständig ergraut, das Gesicht deutlich gealtert, aber unverkennbar der Mann von den Fotos aus ihrer Recherche. Whitfield war Hugos Anwalt auf Jersey und der Isle of Man. Sein langjähriger Anwalt, der inzwischen verstorbene Dr. Alexander Steinhöfel, hatte ihn Hugo einst empfohlen. 2007 hatten beide ihn im Visa-Fall auf Jersey öffentlich verteidigt.
Jetzt stand er tatsächlich vor ihr. Als sie eintraten, erhob er sich und legte seine Zigarre in einen ungewöhnlichen goldfarbenen Halter mit einer geschwungenen Ablage.
Mara hatte so etwas noch nie gesehen. Ihr Blick blieb einen Moment daran hängen. Für Whitfield schien das Ding so selbstverständlich zu sein wie für andere ein Untersetzer.
Hugo begann mit der Vorstellung. „Ms Winter, das ist Jonathan Whitfield.“
„Ich weiß“, sagte Mara.
Whitfield sah sie einen Moment interessiert an. „Wir kennen uns?“
Mara lächelte leicht. „Ich weis wer sie sind.“
Hugo sagte trocken: „Dann wäre das geklärt.“
Maras Blick fiel noch einmal auf das goldene Ding. „Was ist das eigentlich?“
Whitfield folgte ihrem Blick. „Schnickschnack. Völlig unpraktischer Kram. Aber Hugos Architekt meinte, so etwas müsse hier stehen. Zumindest erzählt er mir die Geschichte immer so.“
Mara sah zu Hugo.
Der ließ es unkommentiert.
Das fiel ihr auf. Whitfield machte sich ganz selbstverständlich ein wenig über ihn lustig, und Hugo schien nicht das geringste Bedürfnis zu haben, sich dagegen zu wehren. Mara musste lächeln. Sie mochte das. Auch diese Seite an ihm hatte sie nicht erwartet.
Dann wandte sie sich wieder Whitfield zu. „Mit Ihnen würde ich mich gerne einmal unterhalten.“
„Das lässt sich einrichten“, sagte Whitfield.
Hugo sah zu Mara. „Und was uns beide betrifft — wie wollen Sie morgen anfangen?“
„Mit Ihnen.“
Ein kurzes Lächeln erschien in seinem Gesicht. „Dann frühstücken Sie mit mir.“
„Wann?“
„Acht.“
Hugo nickte und wandte sich an einen der Butler. „Würden Sie Ms Winter bitte hinausbegleiten?“
Dann sah er wieder zu ihr. „Bis morgen, Ms Winter.“
„Bis morgen.“
Mara wandte sich Whitfield zu. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“
„Ganz meinerseits.“
„Darauf komme ich zurück.“
Dann folgte sie dem Butler hinaus. Diesmal führte der Weg durch einen anderen Teil des Hauses. Durch die Fenster sah Mara auf den Hof, ihren Wagen und die gegenüberliegende Fassade mit der Eingangstür. Genau die Strecke dazwischen, auf der ihre Fantasie vorhin mit ihr durchgegangen war.
Nach ein paar Metern erinnerte sie sich an ihren Gedanken über diesen Baukörper. Wenn man hier am falschen Ende etwas vergessen hatte, war man eine Weile unterwegs.
Flure. Noch mehr Flure. Und immer um diesen dämlichen Hof herum.
Genau, wie ich gedacht habe.
Wie ätzend.
Nach wenigen Metern kam Claire ihnen entgegen.
„Ich übernehme, danke“, sagte sie zu dem Butler. Dann wandte sie sich an Mara. „Bevor Sie fahren, sollten wir noch klären, wo Sie sich hier frei bewegen können — und wo nicht.“
Sie gingen gemeinsam ein Stück weiter.
„Ab hier beginnt der private Schlaftrakt“, sagte Claire. „Die Räume von Mr Voss und den Frauen sind für Sie tabu.“
Das Wort privat blieb für einen Moment bei Mara hängen. Noch am Morgen wäre dieser Teil des Hauses für sie kaum mehr als eine Fläche auf einem Grundriss gewesen. Jetzt wusste sie, dass Hugo irgendwo dort schlief — der Mann, dessen Nähe sie vorhin deutlicher gespürt hatte, als ihr lieb war.
„Darf ich mit den Frauen sprechen?“, fragte Mara.
„Das entscheidet jede Frau selbst“, sagte Claire. „Die Frauen sind Angestellte Bellaventras, und ihre Identität wird geschützt. Hugo kann Ihnen weitreichenden Zugang zu seinem eigenen Leben geben — aber er entscheidet nicht darüber, ob eine andere Person Teil Ihrer Dokumentation werden möchte.“
„Sie sind nicht Teil der Absprache?“
„Nein. Einige werden vermutlich bereit sein, mit Ihnen zu sprechen. Filmen lassen werden sie sich wahrscheinlich nicht.“
Mist. Gerade diese Frauen interessierten sie.
Dann begriff Mara, warum Claire so vorsichtig formulierte.
„Sie schützen ihre Identität.“
„Ja. Das ist Teil der Vereinbarung.“
Claire ging noch einige Meter weiter, Mara folgte ihr. An der nächsten Abzweigung blieb sie stehen und deutete den neuen Gang entlang.
„Wie gesagt, hier beginnt der private Schlaftrakt. Die Schlafzimmer von Mr Voss und den Frauen liegen um den neuen Innenhof herum. Dieser Bereich ist für Sie tabu.“
Mara riskierte einen Blick den Gang entlang. Durch die Fenster erkannte sie eine Etage tiefer den Pool, den sie schon am Vortag auf den Aufnahmen gesehen hatte.
„Was liegt da unten?“
„Der Spa-Bereich“, erwiderte Claire.
Dann wandte sie sich wieder um und deutete zurück über den Hof, in dem Maras Wagen stand, auf das Obergeschoss über dem Haupteingang.
„Das Gleiche gilt für die Büros. Die liegen dort oben.“
Mara sah hinüber. „So viele? Ich dachte, Bellaventra wird von der Isle of Man aus geführt und Mr Voss kümmert sich von hier hauptsächlich um seine eigenen Aktiengeschäfte.“
„Der größte Teil der Etage sind keine Büros“, erwiderte Claire. „Dort befinden sich die Gästesuiten.“
„Ah.“
Mara ärgerte sich ein wenig über ihre vorschnelle Überheblichkeit. Vielleicht war die Aufteilung doch durchdachter, als sie angenommen hatte.
Die endlosen Wege um diesen verdammten Autohof gibt es trotzdem, beruhigte sie sich.
Während Mara Claire weiter folgte, fielen ihr an der Wand gegenüber der Fensterfront zum Autohof zwei Gemälde auf.
Dann bewegte sich etwas.
Die beiden vermeintlichen Bilder begannen nach oben zu fahren. Für einen Augenblick glaubte Mara tatsächlich, die Gemälde selbst würden sich bewegen. Erst als darunter dieselben Motive erneut sichtbar wurden, begriff sie, dass sich etwas vor den eigentlichen Bildern befunden hatte.
Claire hatte nichts gedrückt. Die Anlage hatte ihre Annäherung erkannt.
„Sind das Reproduktionen?“, fragte Mara.
„Die vorderen, ja. Die Originale liegen dahinter.“
„Warum?“
„Tageslicht.“ Claire deutete auf die Fensterfront. „Solange sich niemand hier aufhält, bleiben die Abdeckungen unten. Sobald jemand kommt, fahren sie hoch.“
Mara sah noch einmal auf die beiden Bilder. „Und warum sind auf den Abdeckungen wieder dieselben Bilder?“
„Damit man nicht auf geschlossene Flächen schaut.“
Mara blickte an Claire vorbei. Weiter den Gang hinunter setzte sich die Bilderreihe an derselben Wand fort.
„Wie viele sind es?“
„Zehn.“
„Und das funktioniert bei allen so?“
„Ja.“
Sie gingen weiter. Nacheinander begannen auch die übrigen Abdeckungen hochzufahren. Darunter kamen die Originale zum Vorschein.
Mara ließ den Blick über die Reihe wandern. Gauguin. Monet. Picasso. Cézanne. Manet. Van Gogh.
Das war selbst für Bellaventra eine Ansage.
„Wann hat er die alle erworben?“
„Zwischen 2008 und 2019.“
„Sammelt er noch?“
Claire lächelte. „Nicht mehr in dieser Form.“
Der Korridor mit den Gemälden endete in einem Aufenthaltsraum für Hugos Bodyguards. Anders als der Sicherheitsraum bei ihrer Ankunft wirkte er fast unspektakulär: eine kleine Einbauküche, Linoleumboden, mehrere Sitzbänke und Tische, dazwischen einige Sessel.
Mara ordnete die Lage ein. Hugos Schlafzimmer konnte nur wenige Meter entfernt sein, getrennt lediglich durch den Flur und ein Treppenhaus, das, soweit sie erkennen konnte, hinunter zum Spa führte. Seine Bodyguards waren also selbst hier, in seinem privatesten Bereich, nie weit weg.
Lucy war ebenfalls dort und gab Mara ihr Handy mit einem Lächeln zurück.
Claire erinnerte sie noch einmal an das Frühstück am nächsten Morgen, acht Uhr, dann verabschiedeten sie sich.
Schließlich erreichte Mara ihren Mietwagen, öffnete die Fahrertür und setzte sich hinein. Bevor sie die Tür zuzog, schaute sie noch einmal durch die Fenster auf den Korridor mit den Gemälden. Die Schutzabdeckungen waren inzwischen wieder heruntergefahren.
Irgendwie passte das zu Bellaventra. Und inzwischen auch ein wenig zu Hugo.
Sie zog die Tür zu, lehnte den Kopf zurück und ließ den Nachmittag noch einmal Revue passieren.
Zunächst gingen ihr die Frauen durch den Kopf, die sie im Frauensalon gesehen hatte. Sie wusste jetzt, wo sie wohnten. Irgendwo hinter diesen Fenstern begann ein Teil dieses Lebens, über den sie bisher fast nichts wusste.
Diese Frauen kannten Hugo. Nicht den Mann aus Zeitungsartikeln und Geschäftsberichten. Sie lebten mit ihm unter einem Dach, begegneten ihm jeden Tag, kannten wahrscheinlich Seiten von ihm, von denen Mara noch nicht einmal wusste, dass es sie gab.
Mist, dass sie sich wohl nicht filmen lassen würden.
Sie wollte mit ihnen sprechen. Unbedingt. Sie wollte wissen, wie Hugo war, wenn keine Kamera auf ihn gerichtet war und kein Interview geführt wurde. Wie dieser Mann auf die Menschen wirkte, die tatsächlich mit ihm lebten.
Dann merkte Mara, dass ihre Gedanken schon wieder bei Hugo angekommen waren.
Von allem, was sie an diesem Nachmittag gesehen hatte — das riesige Haus, die Sicherheitsmaßnahmen, die Frauen, den Spa unter dem Innenhof, die Kunstwerke, Whitfield — war ausgerechnet Hugo selbst am stärksten bei ihr hängen geblieben.
Seine Ruhe. Seine Aufmerksamkeit. Sein trockener Humor. Die Art, wie er sie angesehen hatte, wenn sie etwas sagte, das ihn wirklich interessierte. Und diese unangenehm angenehme Erkenntnis, dass er ihr besser gefallen hatte, als sie erwartet hatte.
Nicht nur interessant. Attraktiv.
Die Frage Warum jetzt? war noch immer nicht wirklich beantwortet. Sein Satz — vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem man bestimmte Dinge nicht mehr auf später verschieben möchte — blieb ihr im Kopf.
Vielleicht das Alter. Vielleicht hatte sich etwas in seinem Leben verändert. Vielleicht wollte er seine Geschichte selbst erzählen, statt sie anderen zu überlassen.
Mehr wusste sie nicht.
Aber sie hatte acht Wochen.
Bei diesem Gedanken merkte sie, dass sie lächelte.
Vielleicht ein kleines bisschen mehr, als für ihre Arbeit unbedingt notwendig gewesen wäre.