Hugo Kapitel 

Kapitel 7 – Die sexuelle Entwicklung

Die Wochen vergingen, ohne dass Hugo sich veränderte. Er ging zur Arbeit, las Geschäftsberichte, rechnete Bewertungen nach, und ab und zu aß er mit den anderen Männern. Er nahm an den Abenden teil, zu denen er eingeladen wurde, und lehnte ab, wenn er keine Lust hatte. Niemand zwang ihn. Aber er merkte, dass die Einladungen häufiger wurden, je mehr Deals er lieferte.

Auch die Hotelbar suchte er inzwischen häufiger auf. Wenn die Anspannung in seinem Bauch wieder zu stark wurde, setzte er sich an die Bar und bestellte einen doppelten Fernet-Branca. Er mochte den Geschmack noch immer nicht und schüttelte sich fast jedes Mal nach dem ersten Schluck. Aber er hatte gemerkt, dass der Fernet seinen Magen tatsächlich beruhigte. Zu Hause zu trinken wäre zwar deutlich günstiger gewesen, doch Hugo mochte inzwischen die Atmosphäre der Bar, das gedämpfte Licht, die leisen Gespräche und das Gefühl, nicht allein in seiner Wohnung zu sitzen. Und so kam er immer wieder.

Trotzdem gab es etwas, das nicht passte. Der Abend im Bordell hatte ihn nicht verändert, aber etwas in ihm zurückgelassen. Nicht der Akt selbst – der war funktional gewesen, schnell, ohne Bedeutung, ein mechanischer Vorgang, an den er kaum noch dachte. Aber der Raum, der Geruch, die Vorstellung, dass vor ihm andere Männer an derselben Stelle gelegen hatten – das hatte ihn angeekelt. Nicht moralisch. Körperlich. Es war, als hätte er in einem fremden Bett geschlafen, das noch warm von einem anderen Körper gewesen war.

Er begann, anders zu denken. Besonders widerte ihn die Vorstellung an, was die Männer vor ihm auf der Haut der Frauen hinterlassen hatten. Schweiß, Körperflüssigkeiten – Dinge, die vielleicht noch an ihnen hafteten, wenn der nächste Mann sie berührte. Schon der Gedanke daran ließ ihn sich vor Ekel schütteln.

Und dann war da noch das Zimmer selbst. Das Bett, die Laken, die Möbel – überall hatten sich vor ihm andere Männer aufgehalten. Der rote Teppich und der Geruch nach Desinfektionsmittel machten es nicht besser. Im Gegenteil.

Als Samenschleuder ihn einige Tage später nach seinem ersten Bordellbesuch fragte, erzählte Hugo ihm nichts von seiner Unsicherheit und auch nichts davon, wie schnell alles vorbei gewesen war. Er erwähnte nur den Raum, den Geruch nach Desinfektionsmittel und seinen Ekel bei der Vorstellung, was von den vorherigen Männern noch auf der Haut der Frau gehaftet haben könnte.

Samenschleuder hörte sich das an und grinste.

„Wenn du dich davor so ekelst, dann schick sie unter die Dusche“, sagte er. „Und kauf vernünftiges Duschgel. Nichts riecht so gut wie eine frisch gebumste Frau, die teures Duschgel ausschwitzt.“

Hugo lachte über die derbe Formulierung nicht. Der Gedanke erschien ihm jedoch sofort einleuchtend. Wenn er schon nicht wissen konnte, bei wem eine Frau vor ihm gewesen war, konnte er wenigstens dafür sorgen, dass nichts von diesem Mann an ihr zurückblieb.

Die Frau selbst war nicht das Problem. Was ihn abstieß, waren die Spuren anderer Menschen. Wenn sie frisch geduscht war und er wusste, dass Bett, Handtücher und Badezimmer sauber waren, konnte sein Kopf diese Grenze ziehen. Ein menschlicher Körper blieb ein menschlicher Körper. Damit konnte er umgehen. Für ihn war sie dann sauber. Deshalb beschloss er, keine Bordelle mehr aufzusuchen. Stattdessen durchsuchte er die Kontaktanzeigen der Tageszeitungen nach Begleitservices und Escorts. Er wollte die Frauen zunächst an einem neutralen Ort treffen und nach Möglichkeit mit in seine eigene Wohnung nehmen. Dort wusste er, wer das Bett zuletzt benutzt hatte, wie frisch die Handtücher waren und womit das Badezimmer gereinigt worden war.

Die Beschreibungen waren meist blumig und ließen vieles offen. Eine jedoch sprach ihn an: groß, blond, schlank und nahezu jedem Wunsch gegenüber aufgeschlossen. Er rief an und verabredete sich mit ihr in einem Hotel.

Als sie die Lobby betrat, erkannte Hugo sie sofort. Sie sah ihn ebenfalls und steuerte bereits auf ihn zu. Doch sie entsprach weder seinem Typ noch auch nur annähernd der Frau, die er sich aufgrund der Anzeige vorgestellt hatte. Hugo wandte sich ab, schlüpfte durch einen Seitenausgang und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Er ließ sie einfach in der Lobby stehen.

Später erzählte Hugo dem Barkeeper in dem Hotel, in dem er schon mit seiner Mutter gewesen war, von der missglückten Verabredung.

„In der Anzeige stand Mitte zwanzig und schlank. Nichts davon stimmte. Die Frau war mindestens doppelt so alt. Zwanzig war die Handtasche, die sie trug.“

Der Barkeeper zuckte mit den Schultern. „Auf alten Fregatten lernt man das Segeln.“

Dann deutete er mit einem kaum merklichen Nicken auf die junge Frau am Tresen. Hugo hatte sie schon an einigen der vergangenen Abende dort sitzen sehen.

„Dann geh doch zu ihr.“

Hugo folgte seinem Blick. „Zu ihr?“

„Ja. Sie sitzt schon den halben Abend allein da.“

Hugo sah ihn an, als hätte er etwas vollkommen Abwegiges vorgeschlagen. „Ich kann doch nicht einfach eine fremde Frau ansprechen.“

Hugo blieb auf seinem Hocker sitzen. Allein bei dem Gedanken, zu ihr hinüberzugehen, zog sich sein Magen zusammen. Eine fremde Frau anzusprechen erschien ihm beinahe unanständiger, als eine zu bezahlen. Dort wusste jeder, weshalb er gekommen war. Hier konnte sie ihn ansehen, ihn abweisen oder – schlimmer noch – über ihn lachen.

„Was soll ich denn sagen?“, fragte er leise.

„Geh hin, stell dich vor und frag sie, wie es ihr geht.“

„Einfach so?“

„Einfach so. Frag, ob du ihr etwas ausgeben darfst. Und sag ihr, dass du sie schon ein paarmal hier gesehen hast.“

Hugo blickte wieder zu ihr. Sie saß seitlich zum Tresen, ein Bein über das andere geschlagen, und strich sich langsam eine blonde Strähne hinter das Ohr. Die Bewegung führte ihre Fingerspitzen an ihrem Hals entlang bis zum Ausschnitt ihrer Bluse. Dort verweilten sie einen Moment, bevor sie nach ihrem Weinglas griff.

„Nun geh schon“, sagte der Barkeeper.

Hugo nahm sein Glas und stand auf. Mit jedem Schritt fühlte er sich kleiner. Als er bei ihr ankam, hob sie den Kopf und sah ihn erwartungsvoll an.

„Entschuldigung“, begann er. Seine Stimme klang dünner, als ihm lieb war. „Darf ich Ihnen etwas ausgeben?“

Sie betrachtete ihn einen Moment. Dann lächelte sie. „Gerne.“

Hugo setzte sich auf den freien Hocker neben ihr und deutete auf ihr fast leeres Glas. „Noch einen Weißwein?“

„Sehr aufmerksam.“

Er gab dem Barkeeper ein Zeichen. Seine Hände waren feucht, deshalb legte er sie unter dem Tresen auf seine Oberschenkel.

„Ich bin übrigens Hugo.“

„Lena“, sagte sie.

„Ich habe dich schon ein paarmal hier gesehen.“

„Ich dich auch.“

„Wirklich?“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Du bist derjenige, der sich nach jedem ersten Schluck schüttelt.“

Hugo sah zu seinem Fernet-Branca und musste trotz seiner Verlegenheit grinsen. „So auffällig?“

„Ja“, lachte sie.

Hugo lächelte zurück.

„Warum trinkst du ihn dann?“, fragte sie.

„Eigentlich nur, um meinen Magen zu beruhigen.“

„Anstrengender Beruf?“

„Ja. Mir schlägt alles sofort auf den Magen. Manchmal ist es entsetzlich.“

„Das tut mir leid.“

Ihre Stimme klang plötzlich weicher. Hugo spürte, wie die Anspannung langsam nachließ. In ihrer Nähe fühlte er sich überraschend wohl. Sie gefiel ihm aus der Nähe noch besser. Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht, während sie wieder mit einer Haarsträhne spielte. Sie drehte sie um den Finger, ließ sie los und strich mit den Fingerspitzen über ihr Ohr und langsam an ihrem Hals hinab. Kurz vor dem Ausschnitt ihres Kleides hielt sie inne. Hugos Blick war ihren Fingern die ganze Zeit gefolgt, obwohl er wusste, dass sie es bemerkte. Sie legte ihre Hand auf seine. Bei der Berührung lief ihm eine Gänsehaut über den Unterarm.

„Du kannst mich ruhig fragen“, sagte sie.

Hugo sah sie verständnislos an. „Was soll ich fragen?“

„Ob ich mit dir aufs Zimmer gehe.“

„Das wollte ich gar nicht.“

Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn von der Seite an. In ihrem Blick lag etwas Belustigtes, als hätte sie ihn längst durchschaut.

Hugo räusperte sich. „Also ... eigentlich schon.“

„Dachte ich mir.“

„Und du würdest ...?“

„Dreihundert Mark für eine Stunde.“

Hugo sah sie mit einem kleinen, erschrockenen Blick an. Obwohl er mit einer solchen Antwort hätte rechnen müssen, traf ihn ihre Offenheit unvorbereitet. Er schaute zur Tür, dann wieder zu ihr und zögerte.

„Wäre es auch möglich, dass wir zu mir gehen?“, fragte er schließlich. „Ich wohne gleich um die Ecke. Wenn ich jetzt noch ein Hotelzimmer nehme, wird es ziemlich teuer.“

Sie musterte ihn kurz. „Wenn ich mit zu dir komme, bleibe ich zwei Stunden. Das kostet fünfhundert Mark.“

Hugo rechnete unwillkürlich nach. Zweihundertfünfzig Mark pro Stunde statt dreihundert. Zwei Stunden waren ohnehin besser als eine. Trotzdem kam ihm der Gedanke lächerlich vor: Vor ihm saß eine Frau, die bereit war, mit ihm nach Hause zu gehen, und er berechnete den günstigeren Stundensatz.

„In Ordnung“, sagte er.

Sie trank den letzten Schluck Wein aus, nahm ihre Handtasche und stand auf. Hugo legte das Geld für die Getränke auf den Tresen und folgte ihr zur Tür. Sein Herz schlug schneller, und erneut lief ihm eine Gänsehaut über die Arme.

Bevor sie die Bar verließ, wandte sie sich noch einmal um und nickte dem Barkeeper kurz zu.

Der erwiderte den Gruß mit einem kaum merklichen Lächeln.

Wenige Minuten später betraten sie Hugos Wohnung. Sie blieb im Flur der kleinen Wohnung stehen und ließ den Blick durch den Raum wandern. Dann öffnete sie langsam ihren Mantel, legte ihn über die Garderobe, öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und ließ es langsam an ihrem Körper hinuntergleiten. Erst dann drehte sie sich zu ihm um.

Hugo hatte sich diesen Augenblick auf dem kurzen Weg von der Bar immer wieder vorgestellt. Nun, da Lena tatsächlich vor ihm stand und sich wie selbstverständlich in seiner Wohnung auszog, erschien ihm die Situation beinahe unwirklich. Er wusste nicht, ob er sie weiter ansehen durfte, konnte den Blick aber ebenso wenig von ihr lösen. Hugo rührte sich nicht. Sie blieb so dicht vor ihm stehen, dass er ihren Atem an seinem Mund spürte. Einen Augenblick lang sah sie ihm nur in die Augen. Erst dann schloss sie die letzte kleine Entfernung und küsste ihn. Zunächst vorsichtig, beinahe zurückhaltend. Hugo erwiderteden Kuss, noch etwas unsicher, doch sein Körper wurde augenblicklich warm. Dass sie ihn von sich aus küsste, überraschte ihn. Für einen Moment vergaß er, dass er sie dafür bezahlte. Da war nur ihre Nähe, der Geschmack ihres Mundes und die Erleichterung darüber, dass er offenbar nichts falsch gemacht hatte.

Sie löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück. „Bevor wir anfangen, sollten wir erst das Finanzielle regeln.“

„Natürlich.“

Hugo ging zu einer Schublade, nahm sein Portemonnaie heraus und öffnete es. Darin steckte nur ein Tausendmarkschein.

„Kannst du mir darauf herausgeben?“, fragte er. „Ich habe es leider nicht kleiner.“

Sie betrachtete den Schein und dann ihn. „Für tausend Mark bleibe ich die ganze Nacht.“

Der Gedanke ließ erneut eine angenehme Wärme durch seinen Körper ziehen. „Die ganze Nacht?“

Eine ganze Nacht mit ihr überstieg alles, worauf er zu hoffen gewagt hatte. Gleichzeitig fragte er sich, was er so viele Stunden mit ihr anfangen sollte. Schon jetzt wusste er kaum, wohin mit seinen Händen oder was er sagen sollte.

„Bis morgen früh.“

„Bis zum Frühstück?“

Sie lächelte. „Wenn du möchtest, bis zum Frühstück.“

Hugo hielt ihr den Schein hin. „In Ordnung.“

Sie nahm das Geld, steckte es in ihre Handtasche und begann, sich in der Wohnung umzusehen. Ihre Fingerspitzen glitten über die Rückenlehne des Sofas und über den Rand eines Regals. Hugo blieb stehen und sah ihr nach. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen. Noch immer konnte er kaum glauben, dass eine Frau wie sie sich unbekleidet und vollkommen unbefangen durch seine Wohnung bewegte. Ihre Ruhe machte ihm seine eigene Unsicherheit umso deutlicher.

Als Lena sich wieder zu ihm umdrehte, stand sie nur noch in BH und Slip vor ihm. Sie bemerkte seinen Blick und ließ ihm Zeit, sie zu betrachten, als wüsste sie genau, welche Wirkung ihr beinahe unbekleideter Körper auf ihn hatte.

Doch Hugo sah nicht zuerst auf ihre Brüste. Sein Blick blieb an ihrem Bauch hängen. Er war lang, flach und vollkommen ebenmäßig geformt. Zwei feine Linien zeichneten sich seitlich unterhalb des Brustkorbs ab und liefen sanft zu ihrer schmalen Taille hinab. Bei jedem Atemzug hob und senkte sich die glatte Fläche kaum merklich. Hugo betrachtete ihn wie gebannt und konnte den Blick nicht davon lösen. Etwas an dieser Form traf ihn mit einer Stärke, die er weder erwartet hatte noch erklären konnte.

Der Anblick erregte ihn stärker, als es ihre Brüste oder ihre langen Beine vermochten. Gleichzeitig war ihm seine Reaktion beinahe unangenehm, weil sie so unmittelbar und heftig kam. Er hatte noch nie bewusst darüber nachgedacht, welche Körperform ihn besonders anzog. Nun hatte er das Gefühl, etwas zu entdecken, das längst in ihm vorhanden gewesen war.

Sie senkte den Kopf und folgte seinen Augen. Als sie begriff, wohin er sah, strich sie langsam mit einer Hand über ihren Bauch.

„Gefalle ich dir?“

„Ja“, antwortete Hugo leise.

Ihre Fingerspitzen glitten bis zu ihrem Nabel. „Und mein Bauch?“

„Sehr.“

Mehr brachte er nicht hervor. Er fürchtete, jedes weitere Wort könnte verraten, wie sehr ihn dieser Anblick überwältigte. Sie schob ihren Slip hinunter und sah ihn erneut an. „Gefällt dir das auch?“

Hugo nickte. „Ja.“

Zuletzt öffnete sie ihren BH und ließ ihn zu Boden gleiten. „Und meine Brüste?“

„Perfekt.“

Doch sein Blick kehrte zu ihrem Bauch zurück. Langsam ging Hugo auf sie zu. Kurz bevor er sie berührte, hielt er jedoch inne.

Er wollte seine Hände auf die glatte Fläche legen und spüren, wie sie sich unter seinen Fingern hob und senkte. Doch im selben Augenblick kehrte die Erinnerung an das Bordell zurück und verdrängte seine Erregung nicht vollständig, legte sich aber wie etwas Unreines darüber.

„Darf ich dich noch um etwas bitten?“

„Was möchtest du?“

Der Gedanke an die Männer, bei denen sie an diesem Abend möglicherweise bereits gewesen war, drängte sich unvermittelt in seinen Kopf. Sofort war das alte Unbehagen wieder da: fremde Haut, fremder Schweiß, etwas Unsichtbares, das an ihr haften könnte.

„Könntest du vorher duschen?“

Während er die Frage stellte, hatte er Angst, sie könnte sich beleidigt fühlen oder einfach gehen. Gleichzeitig wusste er, dass er sie andernfalls nicht unbefangen würde berühren können.

Sie musterte ihn einen Moment, zeigte jedoch weder Verwunderung noch Ärger. „Natürlich.“

Ihre selbstverständliche Antwort erleichterte ihn. Sie stellte keine Fragen und machte sich nicht über ihn lustig. Allein das ließ ihn sich in ihrer Gegenwart etwas sicherer fühlen.

„Das Badezimmer ist gleich hier.“ Er deutete auf den kleinen Vorflur, von dem das Badezimmer genau gegenüber dem Einbauschrank abging.

Sie hob ihre Kleidung vom Boden auf. Hugo sah ihr nach, und sein Blick blieb auf ihrem festen Po und ihren langen Beinen hängen, bis sie hinter der Badezimmertür verschwand. Doch bevor Lena die in den Flur geöffnete Tür hinter sich zuzog, beugte sie sich noch einmal hinter ihr hervor. Von seinem Platz im Zimmer aus konnte Hugo ihren beinahe vollständig unbekleideten Körper sehen. Sie war etwa einen Meter achtundsechzig groß und hatte eine sehr helle, beinahe milchig blasse Haut. Im hellen Licht des Badezimmers konnte er auch ihr Gesicht besser erkennen. Sie war etwas älter, als er in der gedämpften Bar zunächst gedacht hatte, vielleicht fünfundzwanzig, höchstens achtundzwanzig. Sie lächelte ihn noch einmal an und zog die Tür hinter sich zu.

Hugo lächelte unwillkürlich zurück. Ihr Blick hatte nichts Spöttisches. Sie schien seine Unsicherheit zu bemerken, ohne ihn deswegen geringer zu achten. Genau das beruhigte ihn und machte ihn zugleich noch begieriger auf ihre Rückkehr.

Kurz darauf hörte er das Wasser rauschen. Hugo zog sich ebenfalls aus und legte sich auf das Bett. Ohne Kleidung fühlte er sich plötzlich schutzlos. Unsicher lag er da und wusste weder, wohin mit den Händen, noch, was er sagen sollte, wenn sie zurückkam.

Er versuchte, sich vorzustellen, was als Nächstes geschehen würde. Dabei dachte er unwillkürlich an seinen ersten Bordellbesuch und daran, wie schnell alles vorbei gewesen war. Diesmal wollte er sich nicht wieder vollkommen unbeholfen anstellen. Je mehr er sich jedoch vornahm, ruhig zu bleiben, desto deutlicher spürte er seine Erregung.

Als das Wasser verstummte, wurde seine Anspannung noch stärker. Wenig später öffnete sich die Tür. Lena kam unbekleidet ins Zimmer und ging mit einer Selbstverständlichkeit auf ihn zu, die ihn zugleich beruhigte und nervös machte.

Sein Blick fiel sofort wieder auf ihren Bauch. Das Wasser glänzte noch an ihrer hellen Haut. Für einen Moment empfand Hugo nichts als reine Erwartung. Dass sie nun frisch geduscht zu ihm kam, nahm ihm das letzte Unbehagen, das sich mit seiner Erregung vermischt hatte.

Sie setzte sich neben ihn, nahm ein Kondom aus ihrer Handtasche und streifte es ihm mit geübten Bewegungen über. Anschließend begann sie, ihn mit der Hand zu stimulieren. Hugo spürte sofort, dass er sich kaum würde beherrschen können. Er spannte den ganzen Körper an, hielt den Atem an und versuchte, an etwas anderes zu denken.

Er wollte ihr zeigen, dass er nicht vollkommen unerfahren war. Vor allem wollte er verhindern, dass es erneut endete, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Doch gerade die Angst davor machte jede ihrer Berührungen noch intensiver.

Lena bemerkte es. „Ganz ruhig.“

Ihre Worte beruhigten ihn nicht. Sie machten ihm nur bewusst, dass sie längst erkannt hatte, wie sehr er mit sich kämpfte. Er schämte sich dafür und hoffte zugleich, dass sie ihn nicht dafür verachtete.

Aber ruhig war er nicht. Jede ihrer Berührungen trieb ihn näher an den Punkt, den er verzweifelt hinauszögern wollte. Schließlich legte sie sich zurück, zog ihn zu sich und spreizte die Beine.

Hugo drang in sie ein.

Die Wärme ihres Körpers überwältigte ihn. Für einen Augenblick wollte er vollkommen stillhalten, sich sammeln und diesen Moment bewusst erleben. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Alles ging viel zu schnell. Sein Körper übernahm, bevor sein Kopf überhaupt begriffen hatte, was geschah. Nach wenigen Sekunden kam er. Für einen kurzen Augenblick löste sich die gesamte Anspannung der vergangenen Tage aus ihm. Er sank neben ihr auf das Bett und schaute sie erschöpft und zugleich überwältigt an.

Die Erleichterung hielt nur wenige Augenblicke an. Dann begriff Hugo, wie schnell es wieder vorbei gewesen war. Er ärgerte sich über sich selbst und wagte kaum, Lena anzusehen.

Bestimmt hatte sie Männer erlebt, die genau wussten, was sie taten. Neben ihnen musste er ihr wie ein vollkommen unerfahrener Junge erscheinen. Am liebsten hätte er sich entschuldigt, doch selbst das kam ihm unbeholfen vor.

Nach einigen Augenblicken richtete Hugo sich wieder auf. Er entfernte das Kondom, ging damit ins Badezimmer und spülte es in der Toilette hinunter. Bevor er zurückkehrte, vergewisserte er sich mit einem Blick, dass es tatsächlich verschwunden war.

Auf dem Weg zurück zum Bett fragte er sich, ob Lena bereits genug von ihm hatte. Sie war für die ganze Nacht bezahlt, aber der Gedanke, sie könnte nur deshalb bleiben, ließ seine eben empfundene Nähe plötzlich unsicher erscheinen.

Lena lag noch auf dem Bett und beobachtete ihn. Hugo legte sich wieder neben sie. Er wollte etwas sagen, wusste jedoch nicht, was. Die Wärme ihres Körpers und das gleichmäßige Geräusch ihres Atems beruhigten ihn.

Er hätte sie gern berührt, traute sich jedoch nicht. Deshalb blieb er dicht neben ihr liegen und wartete, ob sie von sich aus Abstand nehmen würde. Als sie liegen blieb, löste sich etwas von seiner Anspannung. Ihre Nähe fühlte sich nicht so an, als dulde sie ihn lediglich. Ob das wirklich etwas bedeutete, wusste er nicht, aber für diesen Augenblick wollte er daran glauben.

Wenig später schliefen beide ein.

Am nächsten Morgen weckte Lena ihn mit einer Berührung. Noch bevor Hugo richtig wach war, nahm sie ein neues Kondom und verwöhnte ihn mit dem Mund. Als er begriff, was sie tat, durchfuhr ihn eine Mischung aus Überraschung und heftiger Erregung. Niemand hatte ihn je auf diese Weise geweckt. Er wollte den Augenblick festhalten und sich diesmal länger beherrschen, doch schon der Gedanke daran, dass Lena dies von sich aus begonnen hatte, nahm ihm beinahe jede Kontrolle. Auch diesmal dauerte es nicht lange.

Danach blieb er einen Moment reglos liegen, während sie bereits ins Badezimmer ging und sich anzog.

Wieder war da neben der Befriedigung die Enttäuschung über sich selbst. Er hatte die ganze Nacht mit ihr gehabt und dennoch kaum etwas daraus gemacht. Während er das Wasser im Badezimmer hörte, fragte er sich, ob sie froh war, endlich gehen zu können.

Als sie zurückkam, saß Hugo nervös auf der Bettkante und wusste nicht recht, was er tun sollte. Er wollte nicht, dass ihr gemeinsamer Morgen mit einem wortlosen Abschied endete. Gleichzeitig fiel ihm nichts ein, womit er sie noch ein wenig länger bei sich halten konnte.

„Ich habe gar nichts zum Frühstücken hier“, sagte er entschuldigend.

Lena nahm ihre Handtasche. „Das macht nichts. Ich bin sowieso nicht passend für ein Frühstück angezogen. Außerdem frühstücke ich nie.“

Hugo sah überrascht zu ihr auf. „Ich auch nicht. Auf Frühstück kann ich problemlos verzichten.“

Ihre Antwort erleichterte ihn. Für einen kurzen Augenblick hatte er nicht mehr das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Es war nur eine unbedeutende Gemeinsamkeit, und dennoch gefiel ihm der Gedanke, überhaupt etwas mit ihr gemeinsam zu haben.

Sie blieb an der Tür stehen und lächelte ihn an. „Siehst du? Dann haben wir beide ja schon etwas gemeinsam.“

Der Satz traf ihn stärker, als Lena vermutlich ahnte. Hugo wollte ihr sagen, dass er sie gern wiedersehen würde. Doch bevor er die richtigen Worte fand, war der Augenblick bereits vorbei.

Bevor Hugo etwas erwidern konnte, war sie hinausgegangen. Die Wohnungstür fiel leise ins Schloss.

Hugo blieb auf der Bettkante sitzen und lauschte noch einen Moment in den stillen Flur. Erst jetzt bemerkte er, wie leer ihm die Wohnung ohne sie vorkam. Er wusste nicht, ob Lena den Satz nur aus Höflichkeit gesagt hatte. Trotzdem dachte er noch lange daran – und daran, wie ihr Bauch ausgesehen hatte, als sie unbekleidet vor ihm gestanden hatte. Hugo blieb noch einen Augenblick auf dem Bett sitzen. Dann stand er auf, duschte, zog seinen Anzug an und machte sich auf den Weg zur Bank.

In  den Tagen nach der Nacht mit Lena suchte Hugo mehrere Hotelbars rund um seine Wohnung auf. Diesmal setzte er sich nicht nur an den Tresen, um Fernet-Branca zu trinken. Er beobachtete die Frauen im Raum und versuchte zu erkennen, welche von ihnen allein trinken wollten und welche darauf warteten, angesprochen zu werden.

Noch immer kostete es ihn Überwindung, von seinem Hocker aufzustehen. Mehrmals glaubte er, den Blick einer Frau richtig verstanden zu haben, und blieb trotzdem sitzen. Die Erinnerung an Lena half ihm. Sie hatte ihn nicht ausgelacht und nicht zurückgewiesen. Sie war mit ihm gegangen und hatte sich am nächsten Morgen sogar freundlich von ihm verabschiedet.

In einer der Bars gelang es ihm schließlich, eine Frau anzusprechen. Seine Stimme war zunächst unsicher, und er wusste kaum, wie er das Gespräch auf das bringen sollte, was er eigentlich wollte. Doch sie verstand schnell, weshalb er zu ihr gekommen war. Als sie darauf bestand, ein Hotelzimmer zu nehmen, lehnte Hugo ab. Seine eigene Wohnung lag nur wenige Minuten entfernt. Außerdem wollte er nicht wieder in einem fremden Bett liegen, in dem vor ihm bereits andere Männer gelegen hatten.

Manchmal nahm eine Frau sein Angebot an und begleitete ihn. Mit jeder Begegnung fiel ihm das Ansprechen etwas leichter. Bald erkannte er an einem länger gehaltenen Blick, einem Lächeln oder einem freien Platz neben einer Frau, ob sich ein Gespräch lohnen konnte.

Nach der Erfahrung mit dem Tausendmarkschein ließ Hugo sich an der Kasse seiner Bank zweitausend Mark in Hundertmarkscheinen auszahlen. Das Geld legte er in die Schublade im Wohnzimmer. Hatte er eine Frau bezahlt, ergänzte er den fehlenden Betrag am nächsten Banktag. Er wollte nicht noch einmal mit offenem Portemonnaie vor einer Frau stehen und sie fragen müssen, ob sie ihm Geld herausgeben konnte.

Auch sein Badezimmer veränderte sich. Neben seinem eigenen Duschgel standen bald mehrere Flaschen Shampoo, Duschgel und Körperlotion. Wenn eine Frau zum ersten Mal mit ihm kam, bat er sie zu duschen. Bei den Frauen, die wiederkehrten, war das bald nicht mehr nötig. Sie kannten seinen Wunsch und gingen nach dem Bezahlen von selbst ins Badezimmer.

Was ihm beim ersten Mal noch verboten erschienen, wurde allmählich zu einem festen Teil seines Lebens. Einmal in der Woche suchte er nach der Arbeit eine der Hotelbars auf. Einige Frauen sah er nur ein einziges Mal. Andere gefielen ihm, und er fragte sie bei späteren Begegnungen erneut, ob sie ihn begleiten wollten. Auch Lena kam immer wieder mit zu ihm.

Meistens buchte er die Frauen für die ganze Nacht. Er redete sich ein, dass sich der höhere Preis dadurch eher lohnte. Doch der Sex allein erklärte nicht, weshalb er wollte, dass sie bis zum Morgen blieben. Er mochte die Wärme eines Körpers neben sich, das leise Rascheln der Bettdecke und das gleichmäßige Atmen in der Dunkelheit. Solange eine Frau neben ihm lag, wirkte seine Wohnung weniger leer.

Er hätte dieses Gefühl niemals Einsamkeit genannt. Für ihn war es eine Belohnung nach einer Woche voller Zahlen, Anspannung und Arbeit. Dennoch lag er manchmal lange wach und lauschte dem Atem der schlafenden Frau. In solchen Augenblicken wusste er, dass er sich für eine Nacht nicht nur Sex gekauft hatte, sondern auch die vorübergehende Illusion, sein Leben mit jemandem zu teilen.

An den Wochenenden kam häufig Elisabeth nach Frankfurt. Sie kochte, putzte und füllte seinen Kühlschrank, als wäre er noch immer der Junge aus Hamburg, der ohne sie nicht zurechtkam. Hugo achtete deshalb darauf, dass bis dahin jede Spur seiner Besucherinnen verschwunden war. Keine fremden Haare im Badezimmer und keine aufgerissenen Kondomverpackungen neben dem Bett.

Svenja kam inzwischen nicht mehr nach Frankfurt. Einige Wochen später rief Werner Hugo in der Bank an.

„Deine Schwester hat entbunden.“

Hugo richtete sich auf. „Ist alles in Ordnung?“

„Alles bestens. Ein Mädchen. Christina.“

„Und Svenja?“

„Erschöpft, aber gesund.“

Noch am selben Wochenende fuhr Hugo nach Hamburg. Auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus stieg er gerade aus seinem BMW, als Werner mit seiner Frau auf ihn zukam. Marleen kannte Hugo bereits seit Jahren. Sie begrüßte ihn vertraut mit einer kurzen Umarmung. 

Werner deutete zum Gebäude. „Willst du mal E.T. sehen?“

Hugo blieb stehen. „Was?“

Marleen schlug Werner leicht gegen den Oberarm. „Du kannst so etwas doch nicht sagen.“

„Dann soll er selbst entscheiden.“ Werner sah Hugo an. „Komm mit.“

Gemeinsam gingen sie in das Krankenhaus. Svenja lag in einem Zimmer am Ende des Flurs. Sie wirkte blass, lächelte aber, als Hugo eintrat. Neben ihrem Bett stand ein kleines durchsichtiges Bettchen.

„Da ist sie“, sagte Svenja leise.

Hugo trat näher und betrachtete Christina. Das Kind hatte einen verhältnismäßig großen Kopf, ein gerötetes, zerknittertes Gesicht und hielt die dünnen Arme dicht am Körper.

Verdammt, dachte Hugo. Sie hat tatsächlich etwas von E.T.

Er musste sich ein Grinsen verkneifen und blickte zu Werner. Der hob nur vielsagend die Augenbrauen. Marleen bemerkte den stummen Austausch sofort.

„Ihr seid beide unmöglich“, sagte sie.

Svenja sah zwischen ihnen hin und her. „Was ist?“

„Nichts“, sagte Hugo schnell. Er beugte sich über das Bettchen. „Sie ist wirklich süß.“

Diesmal grinste Werner, und Marleen stieß ihm erneut den Ellbogen in die Seite.

Als Hugo vorsichtig einen Finger in Christinas winzige Hand legte, schlossen sich ihre Finger darum. Der Druck war kaum spürbar, und doch blieb er länger stehen, als er beabsichtigt hatte.

Sein Blick wanderte zu Svenja. Sie hatte dieses kleine Wesen in ihrem Körper getragen. Christina hatte vorher nicht existiert, und jetzt lag sie hier.

Der Gedanke beschäftigte ihn auf eine merkwürdig sachliche Weise. Svenja konnte etwas, das weder er noch Werner noch irgendein anderer Mann konnte. Sie konnte neues Leben hervorbringen.

Hugo wusste nicht, warum ihn das plötzlich so beeindruckte. Er dachte auch nicht weiter darüber nach. Aber der Gedanke blieb.

Nach dem Wochenende in Hamburg kehrte Hugo in sein gewohntes Leben zurück. An seinem wöchentlichen Abend änderte sich nichts. Lena kam weiterhin zu ihm, doch sie war eine von mehreren Frauen. Er mochte ihre ruhige Art und fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Trotzdem wartete er nicht auf sie und vermisste sie auch nicht, wenn in der folgenden Woche eine andere Frau neben ihm lag.

Als Lena wieder einmal bei ihm war, verlief der Abend wie die meisten zuvor. Sie duschte, kam unbekleidet zurück und legte sich zu ihm. Schon nach wenigen Berührungen merkte Hugo, dass er sich kaum würde beherrschen können. Er spannte den Körper an, hielt den Atem an und versuchte, seine Erregung zurückzudrängen. Es half nicht. Nachdem er in sie eingedrungen war, dauerte es kaum zwei Minuten.

Hugo löste sich von ihr und stand beinahe sofort auf. Er entfernte das Kondom und ging ins Badezimmer, um es im Klo zu entsorgen. Während anschließend das warme Duschwasser über ihn lief, verschwanden der Schweiß und das klebrige Gefühl auf seiner Haut. Erst danach ließ der Widerwille nach. Beim Verlassen des Badezimmers kontrollierte er noch einmal mit einem kurzen Blick die Toilettenschüssel.

Als er ins Zimmer zurückkehrte, lag Lena noch auf dem Bett. Sie hatte sich auf die Seite gedreht und beobachtete ihn. Hugo legte sich neben sie, nun sauber und ruhiger.

Lena mochte ihn. Er behandelte sie höflich, zahlte ohne Diskussion und buchte sie immer wieder. Am nächsten Morgen lag sie eine Weile schweigend neben ihm und fuhr langsam mit den Fingerspitzen über seinen Unterarm. Mehrmals sah sie ihn an, als suche sie nach Worten, die ihn nicht verletzten.

„Du behandelst mich gut“, sagte sie. „Das ist nicht selbstverständlich. Viele Männer, die regelmäßig buchen, werden mit der Zeit komisch. Besitzergreifend. Oder sie fangen an, mich runterzumachen, weil sie glauben, sie hätten das Recht dazu.“

„Ich zahle auch“, sagte Hugo.

„Ja. Aber du behandelst mich nicht wie eine Nutte. Du behandelst mich wie eine Frau.“

Hugo wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte nie darüber nachgedacht, wie er sie behandelte. Er hatte nur darüber nachgedacht, was er von ihr wollte.

Vielleicht machte er diesen Unterschied tatsächlich nicht. Natürlich wusste er, wofür er Lena bezahlte. Aber das änderte für ihn nichts daran, was sie war. Ihr Beruf machte sie für ihn nicht weniger zu einer Frau und schon gar nicht zu einem Menschen, den man schlechter behandeln durfte.

Der Gedanke kam ihm selbstverständlich vor. So selbstverständlich, dass er ihn bis zu diesem Moment nie formuliert hatte.

Sie machte eine Pause, setzte sich auf, griff zu ihrer Handtasche, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke.

„Deshalb will ich dir etwas sagen“, fuhr sie fort. „Etwas, das ich normalerweise nicht sage. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil die meisten Männer es nicht hören wollen.“

Hugo setzte sich auf. Er lehnte sich gegen das Kopfteil und sah sie an.

„Hör zu“, sagte sie. „Du kommst zu schnell, und wenn du kommst, ist das für dich das Ende. Du liegst da, atmest durch und denkst, der Job ist erledigt. Aber das ist dumm. Nicht nur für mich. Sondern auch für dich. Besonders für dich.“

Hugo runzelte die Stirn. „Warum?“

Sie lehnte sich auf einen Ellbogen. Ihre Stimme wurde leiser, konzentrierter, wie die Stimme einer Lehrerin, die einen besonders langsamen Schüler unterrichtet.

„Weil ein Mann, der versteht, wie er eine Frau sexuell befriedigt, sie nicht nur glücklich macht. Er bindet sie an sich. Emotional. Und das ist nicht nur etwas, das er für sie tut. Das ist etwas, das er für sich tut. Aus der reinsten, egoistischsten männlichen Perspektive, die es gibt.“

Hugo sah sie an. Er dachte an das, was er bei den Bankern gehört hatte – über Frauen als Angebot und Nachfrage.

„Du meinst“, sagte er langsam, „dass ich mich um deinen Orgasmus kümmern sollte, weil du dann zufriedener bist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nur. Du solltest dich auch um den Orgasmus deiner zukünftigen Partnerin kümmern, weil sie dann stärker an dir hängt. Weil sie loyaler ist. Weil sie weniger leicht geht. Nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Bindung. Aus einer Art Abhängigkeit, die tiefer reicht als Geld, Verpflichtungen oder alles, was du mit Worten und Geschenken erreichen kannst.“

Sie machte eine Pause. Ihre Augen suchten seine.

„Die meisten Männer begreifen das nicht“, fuhr sie fort. „Sie denken, sie müssen reich sein, gut aussehen, charmant, erfolgreich. Sie denken, sie müssen einer Frau etwas bieten, damit sie bleibt. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Wenn du weißt, wie du eine Frau sexuell an dich bindest, wenn du verstehst, was sie braucht und wie du es ihr gibst, dann hast du einen Einfluss auf sie, den kein Geld der Welt kaufen kann.“

Hugo folgte der Bewegung ihrer Hand über ihren Bauch. Er verstand, was sie behauptete, konnte sich jedoch nicht vorstellen, wie eine solche Bindung stärker als Geld oder gesellschaftliche Stellung sein sollte.

„Gib mir ein Beispiel“, sagte er.

Lena nickte, als hätte sie genau diese Frage erwartet.

„Zuhälter“, sagte sie. „Früher, als es noch richtige Zuhälter gab, verstanden die das. Die wussten, dass sie eine Frau nicht nur mit Geld, Druck oder Drogen an sich binden konnten. Das funktioniert eine Weile, aber es bricht irgendwann. Die Frau läuft weg oder wird gefährlich. Aber wenn sie verstanden, wie sie eine Frau sexuell an sich banden – wenn sie wussten, wie sie sie befriedigten, wie sie sie dazu brachten, sich nach ihnen zu sehnen –, dann hatten sie etwas, das viel stabiler war.“

Sie legte die freie Hand auf seine Brust.

„Ein Zuhälter konnte hässlich sein“, sagte sie. „Arm. Glatzköpfig. Er konnte nichts bieten außer dem, was er im Bett tat. Aber wenn er das richtig tat, wenn er verstand, wie er sie sexuell an sich band, dann hing sie an ihm. Nicht aus Dankbarkeit. Sondern aus einer Art Sucht. Obwohl jeder vernünftige Gedanke ihr sagte, sie solle gehen.“

Hugo starrte auf ihre Hand. Er versuchte, das Bild zu verarbeiten – den hässlichen, glatzköpfigen Zuhälter, der eine Frau durch sexuelle Befriedigung an sich band. Es war keine Vorstellung, die er aus Büchern kannte. Es war keine ökonomische Theorie. Es war etwas anderes. Etwas Dunkles, das in den Kategorien nicht existierte, die er kannte.

„Du sagst also“, sagte er langsam, „dass ein Mann, der einer Frau sexuelle Befriedigung gibt, sie nicht nur zufriedenstellt, sondern sie auch kontrolliert?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Kontrolliert ist das falsche Wort. Er bindet sie. Er macht sie abhängig. Nicht in dem Sinne, dass sie nicht mehr ohne ihn leben kann. Sondern in dem Sinne, dass sie ihn nicht mehr so leicht vergisst. Dass sie ihn sucht, wenn er nicht da ist. Dass sie ihn anderen vorzieht, auch wenn der andere reicher ist.“

Sie lächelte. Es war ein Lächeln, das fast traurig wirkte.

„Das ist keine Moralpredigt“, sagte sie. „Ich sage dir nicht, dass du eine gute Tat vollbringst, wenn du auf meinen Orgasmus achtest. Ich sage dir, dass du dumm bist, wenn du es nicht tust. Du verpasst die Chance, eine Frau an dich zu binden, die du sonst vielleicht nie an dich binden könntest. Aus reiner Dummheit und Kurzsichtigkeit wirfst du etwas weg, das dir selbst nützen könnte.“

Sie stand auf und zog sich methodisch und ohne Eile an. Hugo beobachtete sie dabei. Als sie ihr Oberteil über den Kopf zog, fiel sein Blick wieder auf ihren Bauch. Sobald der Stoff ihn bedeckte, bemerkte er, dass ihm seine Form fehlte.

„Also“, sagte sie, während sie ihre Schuhe suchte. „Willst du nur kommen, oder willst du auch lernen?“

Hugo antwortete nicht sofort. Er starrte auf die Stelle, an der sie gelegen hatte. Die Kissen waren noch warm.

„Ich will verstehen“, sagte er schließlich.

Lena lächelte. Diesmal war es ihr professionelles Lächeln, doch darunter lag noch etwas anderes. Etwas, das Hugo für echt hielt.

„Dann buch mich wieder“, sagte sie. „Und beim nächsten Mal wartest du. Nicht, weil ich es will. Sondern weil du es willst.“

Sie ging.

In den folgenden Wochen veränderte sich etwas. Nicht schnell und nicht dramatisch. Doch Hugo bemerkte, dass er Frauen anders betrachtete. Wenn sie ihm auf der Straße begegneten, fiel sein Blick nicht mehr nur auf ihre Gesichter oder ihre Brüste, sondern auf ihre Körpermitte, auf die Stelle zwischen Brustkorb und Becken. Die flache Ebene. Die schmale Taille. Die Geometrie.

Er buchte auch andere Frauen. Einmal eine mit einem weicheren Bauch. Der Sex war gewöhnlich, Hugos Orgasmus blieb schwach und verpuffte ohne Druck, ohne Nachhall. Ein anderes Mal buchte er eine Frau, die in einem Fitnessstudio arbeitete und einen harten, deutlich definierten Sixpack hatte. Er hatte erwartet, dass ihn dieser Anblick erregen würde. Stattdessen hatte er das Gefühl, gegen eine Wand zu stoßen. Ihr Bauch war zu hart, zu männlich, zu sehr wie seine eigene Anspannung. Sein Orgasmus war mit dem, was er bei Lena erlebt hatte, nicht zu vergleichen. Er war beinahe lächerlich.

Es war Mitte Januar, und allmählich gelang es Hugo, mehr Kontrolle über sich zu gewinnen. Nur Stück für Stück, aber es ging voran. Nach jedem gelungenen Abend zählte er die Erfolge still mit, und manchmal, wenn er nachts wach lag, fragte er sich, ob das wirklich er selbst war – oder nur eine Phase, die jeden Moment wieder kippen konnte. Er buchte andere Frauen, die in den angrenzenden Hotels arbeiteten. Mit jeder Buchung fiel es ihm leichter, und gelegentlich gaben ihm sogar Hotelangestellte einen Tipp, wenn eine neue Frau, die seinem Beuteschema entsprach, in einem der Hotels auf Kundenfang war.

Auch in der Bank lief es hervorragend. Im Durchschnitt setzte die Bank jede zweite seiner Analysen um. Durch die Wiederanlage seines eigenen Kapitals, den von der Bank gewährten Kredit sowie einen Bonus von 62.000 Euro nach Steuern und Abgaben stieg sein Vermögen auf rund 239.000 Euro.

Es hätten rund 15.000 Euro mehr sein können. Doch obwohl Hugo sich selbst gegenüber sonst ausgesprochen sparsam war, konnte und wollte er den Trieb eines jungen Mannes nicht ständig unterdrücken. So wurden die wöchentlichen Ausgaben für eine gemietete Frau – manchmal, wenn der Druck zu groß wurde, auch für zwei Treffen – für ihn zu einem festen und akzeptablen Posten.

Damit schaffe er sich Erinnerungen, hatte Samenschleuder ihm erklärt, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten würden – vorausgesetzt, er genoss diese Zeit und unterwarf sie nicht denselben Zahlen und Berechnungen wie alles andere. Wichtig sei nur, dass er sich genau das gönne, wonach sein Körper verlangte: seinen bevorzugten Frauentyp.

Sonja entsprach auf den ersten Blick genau seinem Frauentyp. Sie war jünger als Lena, und das faszinierte ihn. Jünger sogar als er selbst – gerade erst achtzehn. Ihr Körper war weicher, rundlicher, und Hugo bemerkte, dass sein Blick nicht an ihrer Mitte hängen blieb. Das irritierte ihn mehr, als er zugeben wollte. Sie war bildhübsch und so jung, aber sie hatte nicht das, was er suchte. Nicht die Form. Nicht die Geometrie. Er fragte sich, warum ausgerechnet das bei ihm so fest saß, und fand keine Antwort.

Wie inzwischen bei allen Frauen, die zu ihm kamen, bat Hugo auch Sonja zuerst zu duschen. Danach kam sie zurück ins Zimmer, setzte sich neben ihn aufs Sofa, und sie begannen. Hugo versuchte umzusetzen, was Lena ihn gelehrt hatte. Er konzentrierte sich auf ihre Anweisungen, so gut er sie im Kopf hatte, und hoffte insgeheim, dass seine Hände sich daran erinnerten, auch wenn sein Kopf zögerte. Er kniete sich vor sie und liebkoste ihre Waden, strich langsam über die weiche Haut hinunter bis zu den Knöcheln und weiter zu ihren Füßen. Schließlich massierte er ihre Füße mit geübtem Druck: an den Ballen etwas kräftiger, von den Zehen zurück zu den Ballen etwas leichter. Seine Finger bewegten sich in langsamen, kreisenden Bewegungen. War das richtig? Fühlte sie überhaupt etwas, oder wartete sie nur ab, bis er fertig war? Er konnte es nicht unterscheiden, und das machte ihn nervös.

Sein Blick fiel dabei immer wieder auf den Teil ihres Körpers, der ihn magisch anzog. Doch trotz ihrer Jugend fehlte Sonja das, was ihn bei Lena so stark angezogen hatte. Er löste sich von ihren Füßen, führte sie zum Bett und verlangsamte seine Bewegungen. Er berührte sie am Hals und liebkoste sie. Er ließ seine Zunge über ihre Brüste gleiten und schmeckte ihre Haut. Er achtete auf ihre Atmung und auf die Spannung ihrer Muskeln. Jede kleine Regung prüfte er wie ein Zeichen, das er zu deuten versuchte – und bei dem er nie sicher war, ob er es richtig las. Er achtete darauf, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben – nicht aus Güte, sondern aus dem Wissen, dass das Geben eine Form der Macht war, die er noch nicht beherrschte.

Es dauerte länger als bei Lena. Hugo fand keinen verlässlichen Zugang zu ihren Reaktionen und wurde zunehmend unsicher. Ein ungutes Ziehen breitete sich in ihm aus, dieses vertraute Gefühl, kurz davor zu sein, etwas falsch zu machen. Doch irgendwann spürte er, wie sich ihre Atmung und seine eigene veränderten. Seine eigene Atmung wurde schneller. Er selbst stand kurz vor dem Höhepunkt und glaubte, auch sie sei bereit, gemeinsam mit ihm diese Schwelle zu überschreiten.

Doch als sein Orgasmus abgeklungen war, sagte sie schließlich:

„Ich bin nicht gekommen.“

Ihre Stimme war flach, fast gelangweilt. Sie sagte es nicht vorwurfsvoll. Sie stellte es lediglich als Tatsache fest, wie man sagt: Es regnet. Hugo spürte einen kurzen Stich. Nicht Wut, sondern diese dumpfe Ernüchterung, die sich einstellte, als ihm klar wurde, dass er ihre Reaktionen falsch gedeutet hatte. Er hatte geglaubt, kurz vor dem Erfolg zu stehen, und sich erneut getäuscht.

Er dachte an das, was Lena ihm gesagt hatte. An die Zuhälter. An die Bindung, die tiefer reichte als Geld. An die Loyalität, die aus sexueller Befriedigung erwuchs.

Er dachte daran und wusste, dass es nicht Sonjas Schuld war. Es war sein Problem, weil er es nicht geschafft hatte. Weil er noch nicht gut genug war. Weil er ein Anfänger in einer Welt war, deren Regeln in keinem Buch standen. Der Gedanke frustrierte ihn, aber er weigerte sich, daran zu zerbrechen. Lena hatte ihm gezeigt, dass es möglich war. Dann musste auch er lernen können, die Reaktionen einer Frau richtig zu verstehen.

Er rollte sich von ihr herunter, blieb neben ihr auf dem Rücken liegen und sah sie an.

„Das ist doch nicht dein Problem“, sagte er. „Das ist mein Problem, wenn du nicht kommst.“

Sonja drehte den Kopf und sah ihn an. In ihren Augen lag etwas, das er nicht erwartet hatte – keine Dankbarkeit, keine Bewunderung, sondern eine Art Erstaunen.

Weitere Wochen vergingen. Hugo buchte inzwischen regelmäßig dieselben vier Frauen. Sie ähnelten sich vom Typ her: jung, schlank und zierlich, mit kleinen Brüsten. Zwei von ihnen waren außerdem slawischen Typs. Die Routine beruhigte ihn. Er wusste inzwischen, worauf er sich einließ, und die Angst, vorzeitig zu versagen, trat zwar nicht ganz zurück, verlor aber deutlich an Schärfe. Manchmal, wenn eine der Frauen unter ihm stöhnte, fragte er sich noch immer, wie viel davon gespielt war – aber er lernte, mit dieser Ungewissheit zu arbeiten statt daran zu verzweifeln.

Der Frühling kam unaufhaltsam. Die Frauen um ihn herum trugen kürzere Röcke, was vor allem seine Kollegen mit ausgiebigen Blicken honorierten. Hugo wurde mittlerweile für die Gegenkontrolle der Analysen anderer Mitarbeiter herangezogen. Nun saß er manchmal auf der anderen Seite des Schreibtisches, während einer seiner Kollegen ihm seine Analyse vortrug. Für einen erfahrenen Analysten wäre das nichts Besonderes gewesen. Für Hugo, der deutlich jünger war als die meisten seiner Kollegen, bedeutete es viel. Er empfand eine stille Genugtuung.

Als Brenner ihn eines Tages erneut an den Konferenztisch setzte, betrachtete der ältere Analyst mit dem Siegelring Hugo über den Rand seiner Unterlagen hinweg.

„Das darf er jetzt auch schon?“, fragte er.

Brenner deutete mit dem Kinn auf Hugo.

„Der Knabe hat uns mittlerweile zweiundneunzig Millionen eingebracht. Dagegenzuhalten dürfte erheblich schwieriger sein, als sein Alter zu beanstanden.“

Hugo lächelte höflich und sagte nichts. Der Begriff „Knabe“ stachelte ihn ein wenig, aber die Zahl, die Brenner genannt hatte, trug das locker weg. Zweiundneunzig Millionen. Er spürte, wie sich etwas in seiner Brust aufrichtete – eine verhaltene, aber echte Zufriedenheit.

Jedes Mal, wenn Lena zu ihm kam, beobachtete er ihren Bauch, während sie sich auszog. Jedes Mal spürte er, wie die Erregung in seinem Glied wuchs. Später kam derselbe intensive Orgasmus, der sich wie ein Knoten in ihm zusammenzog und sich schließlich mit einer gewaltigen Menge Ejakulat löste, die ihn selbst erschreckte. Ohne es ausdrücklich vereinbart zu haben, buchte er sie stets in der letzten Woche des Monats für einen Abend. Manchmal blieb sie auch etwas länger. Es war zur Gewohnheit geworden, und Hugo stellte überrascht fest, dass er diese Termine im Kalender anders markierte als die anderen. Er hatte es nicht bewusst getan. Es fiel ihm erst auf, als er einmal nach einem dieser Termine suchte.

„Am Monatsende wird bei vielen das Geld knapp“, scherzte sie einmal. „Dann kann ich mir bei dir wenigstens ein bisschen mehr Zeit lassen.“

Er mochte diese Bemerkung. Sie klang nicht wie eine Rechnung, sondern wie etwas, das man sagt, wenn man sich wohlfühlt.

Sie holte sogar etwas zu essen, während Hugo am Schreibtisch saß und so tat, als würde er vertieft arbeiten. Doch sie bemerkte, wie sein Blick immer wieder verstohlen über ihren Körper wanderte. Zwischen ihnen hatte sich längst eine gewisse Vertrautheit entwickelt. Sie nahm das Geld, das Hugo auf die Küchenarbeitsplatte gelegt hatte, verschwand und kehrte mit chinesischem Essen für sie beide zurück.

Sie verstand auch, ohne dass er es ihr erklären musste, dass er vor dem Schlafengehen das Bett lieber noch einmal frisch bezog. Sein Ekel vor seinem eigenen Ejakulat war merklich gewachsen. Nach dem Sex duschte er sofort. Etwa vierzig Minuten später ging er häufig noch einmal unter die Dusche, weil ihn der Gedanke beschäftigte, es könne weiterhin Sperma aus ihm austreten. Dazwischen bezog er das Bett neu, weil er sich davor ekelte, mit möglichen Spuren seines eigenen Spermas in Berührung zu kommen. Diese Zwänge ärgerten ihn selbst. In der einen Hinsicht gewann er Kontrolle, und in der anderen verlor er sie spürbar – nur dass niemand außer ihm das je zu Gesicht bekam.

Lena erkannte seine innere Abneigung, ohne ihn darauf anzusprechen. Hugo war ihr dankbar dafür, dass sie sein Verhalten weder kommentierte noch infrage stellte.

Teil 3 – Die Sexlektion

Es war Ende Juni, und die Wohnung roch nach nichts, was Hugo nicht kannte. Er hatte gelüftet, sich ein zweites Mal geduscht und mit einem frischen Handtuch abgetrocknet. Er wusste nicht, für wen er all diese Vorbereitungen traf. Für sie – oder für das Bild, das er von sich entwerfen wollte. Sein Puls war schneller, als er es gern gehabt hätte. Er lief noch einmal durch die Zimmer, prüfte Dinge, die er bereits geprüft hatte, und merkte, dass er sich mit Beschäftigung vor der Aufregung drückte.

Lena klingelte um elf, wie vereinbart. Sie trug einen schweren schwarzen Wollmantel, viel zu dick für die Jahreszeit. Hugo nahm ihn ihr ab. Darunter trug sie schwarze Reizwäsche: einen Hüftgürtel mit Strapsen, einen schmalen Slip und dazu schwarze High Heels.

Für einen Moment starrte Hugo sie einfach nur an. Verdammt, dachte er. Genau so. Genau so wollte er sie sehen.

„Du hast aufgeräumt“, sagte sie. Es war keine Frage.

„Ich wollte, dass du dich wohlfühlst.“

In ihren Augen lag dieselbe Prüfung wie immer, dieselbe Routine, doch diesmal schien sie länger zu brauchen, um zu einem Urteil zu kommen. Hugo hielt ihrem Blick stand, obwohl sein beschleunigter Herzschlag seine Anspannung verriet.

„Das ist neu.“

„Ich bin neu“, sagte er. Hatte das albern geklungen? Er wusste es nicht, aber es war gesagt.

Sie lächelte. Es war nicht ihr professionelles Lächeln, sondern etwas anderes, das er an ihr noch nicht gesehen hatte. Ihr Lächeln nahm ihm einen Teil seiner Anspannung, und er wünschte sich, es noch einmal zu sehen.

„Dann zeig mir, was du gelernt hast.“

Sie ging duschen. Er hörte das Wasser, dieses gleichmäßige Rauschen, das ihm inzwischen vertraut war. Er stand in der Mitte des Wohnzimmers und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Dann atmete er tief durch. Was, wenn das alles nicht reichte? Was, wenn sie nach zwei Minuten merkte, dass er immer noch der alte Hugo war? Er schob den Gedanken weg. Er war nicht mehr der alte Hugo. Das hatte er ihr ja gerade selbst gesagt.

Als sie zurückkam, trug sie nur ein Handtuch. Es war groß, beige und aus einem Stoff, der für eine Frau wie sie zu rau wirkte. Sie hatte es sich um die Brust geschlungen; es reichte nur bis zur Mitte ihrer Oberschenkel. Ihre Beine waren lang und schlank. Ihre Haut war so hell, dass sie beinahe leuchtete.

Sie setzte sich nicht sofort. Sie blieb vor ihm stehen und ließ ihn schauen, wie sie es immer tat. Doch diesmal betrachtete Hugo sie nicht nur. Er studierte sie wie eine Karte, die er auswendig lernen wollte. Er sah die feinen Linien ihrer Hüften, die teilweise unter dem Handtuch verschwanden. Er beobachtete, wie sich ihre Bauchdecke beim Atmen hob und senkte – kontrolliert, aber nicht so streng wie bei Julia. Bei Lena wirkte es weicher und natürlicher. Echte Spannung, keine antrainierte Haltung. Er wollte diese Stellen wiederfinden, später, mit seinen Händen. Er wollte wissen, wo sie reagierte und wo sie ihn nicht spürte.

„Setz dich“, sagte er.

Seine Stimme zitterte nicht. Auch das war neu.

Sie setzte sich. Das Handtuch rutschte ein Stück zur Seite und gab mehr von ihrem Körper frei: die sanfte Rundung ihrer Hüfte, die zum Becken hin verschwand. Er roch das Duschgel, etwas mit Mandeln, und darunter ihre eigene Wärme, die selbst diesen künstlichen Duft überlagerte.

„Letztes Mal“, sagte sie, „hast du mich angesehen. Aber du hast mich nicht gesehen.“

„Diesmal sehe ich dich.“

„Beweis es.“

Der Satz forderte ihn heraus. Hugo schluckte. Ob er es ihr beweisen konnte, wusste er nicht. Doch diesmal überwog nicht die Angst. Er hatte geübt. Er hatte zugehört.

Er beugte sich vor. Nicht, um sie zu küssen, und nicht, um nach ihr zu greifen. Er legte lediglich eine Hand auf ihre Wange. Ihre Haut war warm und noch feucht vom Dampf. An ihrem Kiefer spürte er die Pulsader, ein schnelles, leises Trommeln. Sein eigener Puls antwortete darauf, und für einen Moment war er sich nicht sicher, ob er ihr Dröhnen oder seines spürte. Er ließ seine Finger dort ruhen, ertastete die Kontur ihres Gesichts und glitt dann langsam mit dem Daumen über ihre Unterlippe, als berühre er eine Taste, deren Funktion er noch nicht kannte.

Sie öffnete den Mund. Nicht weit. Nur so weit, dass er ihren warmen Atem an seinem Finger spürte.

Er zog die Hand zurück. Er wollte nichts überstürzen. Er wollte verstehen, wo er anfangen musste. Und wenn er bei ihrem Puls anfing – gut. Das war ein Anfang, den er lesen konnte.

Er begann bei ihren Händen. Er nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden, drehte sie um und betrachtete ihre Finger, die kurzen, sauberen Nägel und die feinen Linien auf der Haut. Er beugte sich hinab und küsste ihren Handrücken, dann ihr Handgelenk, dort, wo ihr Puls deutlicher zu spüren war. Er hörte, wie sich ihre Atmung veränderte.

„Das ist ungewöhnlich“, sagte sie.

„Ist es gut?“

„Es ist anders.“

Anders. Nicht gut, nicht schlecht. Hugo zog daraus keinen Schluss und beschloss, dass er ihn auch nicht brauchte. Er würde einfach weitermachen und schauen, was geschah.

Er ließ ihre Hand los und fuhr mit den Fingern an der Innenseite ihres Unterarms hinauf. Als er ihre Armbeuge berührte, zuckte sie leicht. Er merkte es sofort. Ein kleines Zeichen, aber eindeutig. Seine Finger strichen weiter über den Oberarm bis zu ihrer Schulter. Statt nach ihrer Brust zu greifen, wie sein Körper es verlangte, legte er seine Hand in ihren Nacken. Seine Erregung drängte, aber er ignorierte sie. Noch nicht. Erst wollte er hören, was ihr Körper sagte.

Ihr Haar war noch feucht und kühlte seine Finger. Er massierte ihren Nacken langsam, mit einem Druck, der nicht forderte, sondern anbot. Sie senkte leicht den Kopf. Unter seinen Fingern spürte er, wie sich ihre Muskulatur löste und sie sich ihm Zentimeter für Zentimeter hingab. Dieses leichte Nachgeben erschien ihm unwillkürlich und nahm ihm einen Teil seiner Zweifel. Zum ersten Mal hatte Hugo das Gefühl, ihre Reaktion richtig verstanden zu haben.

Erst dann küsste er sie.

Seine Lippen trafen auf ihre, trocken und warm, und er verharrte so, ohne sich zu bewegen. Er wollte zunächst nur spüren, wie sie atmete. Als sie den Mund öffnete, ließ er seine Zunge vorsichtig hineingleiten. Nicht fordernd, nur anwesend. Sie schmeckte nach Minze und nach etwas, das nur ihr gehörte. Ein Geschmack, den er nicht benennen konnte und dennoch wiedererkannte. Er genoss dieses Gefühl. Es fühlte sich an, als gehöre dieser Geschmack inzwischen zu etwas Vertrautem, das ihm gefiel.

Sie erwiderte den Kuss. Ihre Hand lag auf seinem Knie, und er spürte, wie sich ihre Finger in den Stoff seiner Hose krallten. Für Hugo war es ein Zeichen ihrer Erwartung.

Er löste sich von ihr. Er wollte sich nicht im Kuss verlieren. Er wollte weiter – auch wenn ein Teil von ihm lieber geblieben wäre und der andere Teil schon längst etwas ganz anderes wollte.

Langsam schob er das Handtuch zur Seite. Er riss es ihr nicht vom Körper, sondern bewegte es nur so weit, dass zunächst ihre Hüfte und dann ihr Bauch frei wurden.

Er sah ihn wieder.

Die flache Ebene, der kleine, leicht längliche Nabel. Die glatte, beinahe porzellanfarbene Haut. Hugo spürte, wie sich sein Atem beschleunigte. Hier war es wieder – dieses Ziehen, das ihn anzog und ihn gleichzeitig aufforderte, ruhig zu bleiben. Er war aufgeregt und angespannt wie bei ihrem ersten Treffen, nur dass er die Aufregung diesmal nicht fürchtete.

Hugo legte beide Hände mit leicht gespreizten Fingern auf ihren Bauch. Er spürte die Wärme ihres Körpers unter seinen Handflächen. Er ließ seine Hände ruhen und beobachtete, wie sich ihre Bauchdecke unter ihnen mit jedem Atemzug hob und senkte.

 „Atme“, sagte er.

Lena lachte kurz auf.

„Das habe ich dir beim letzten Mal gesagt.“

„Diesmal sage ich es dir.“

Das Lächeln dazu brachte er zustande. Immerhin. Ein kleiner Triumph, den nur er verstand.

Er begann, sie zu streicheln. Langsam. Von der Mitte aus bewegten sich seine Hände nach oben, über den Rippenansatz und dann seitlich an den sanften Konturen entlang. Er spürte, wie sich die Muskulatur unter ihrer Haut anspannte und wieder entspannte. Ihr Körper antwortete ihm, nicht mit Worten, sondern durch jede einzelne Reaktion ihrer Haut. Hugo registrierte jede dieser Reaktionen. Seine anfänglichen Zweifel ließen nach, je deutlicher ihr Körper auf seine Berührungen antwortete.

Er beugte sich vor und küsste ihre Schulter, dann ihren Hals und schließlich ihr Schlüsselbein. Seine Lippen hinterließen eine feuchte Spur, die sich über den Ansatz ihrer Brust zog. Ihre Brüste waren klein und fest. Als er eine ihrer Brustwarzen mit der Zunge umspielte, hörte er, wie sie den Atem anhielt. Er wechselte zur anderen Seite, nahm sich Zeit, ließ seine Zunge kreisen und saugte leicht daran. Unter seinen Lippen spürte er, wie sich die Brustwarze verhärtete. Diese unmittelbare Reaktion ließ keinen Zweifel zu. Erleichterung durchströmte Hugo, weil er offenbar die richtige Berührung gefunden hatte.

Doch er blieb nicht dort. Er wollte weiter, zu jenem Teil ihres Körpers, der ihn am stärksten anzog.

Er küsste sich an ihrem Körper hinab. Seine Hände umfassten ihren Brustkorb, die Daumen lagen auf ihren Rippen, während seine Lippen über ihre glatte Haut Richtung Nabel wanderten. Dort ließ er seine Zunge hineingleiten und spürte, wie sie sich leicht wand. Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle und bestärkte ihn darin, weiterzumachen.

Er ging tiefer. Seine Hände glitten unter sie und hoben sie leicht an, während sein Mund ihren Venushügel erreichte. Nun nahm er nicht mehr den Geruch des Duschgels wahr, sondern Lenas eigenen Duft, scharf und süß zugleich. Sein Körper reagierte sofort, die Anspannung in ihm wuchs, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Erst sie, dachte er. Diesmal zuerst sie.

Er küsste die warme Haut und ließ seine Zunge darübergleiten. Lenas Atmung wurde schneller.

„Langsam“, flüsterte sie.

gehorchte. Er wurde noch langsamer, umspielte sie mit der Zunge, ohne sofort ihre empfindlichste Stelle zu berühren. Er umkreiste sie, näherte sich ihr und wich wieder zurück. Ihre Hände krallten sich in das Kissen unter ihr. Er las daraus, dass er auf dem richtigen Weg war – aber das genügte ihm noch nicht. Er wollte keinen Zweifel daran haben, dass er ihre Reaktionen richtig verstand.

Erst als ihre Hüften sich leicht gegen ihn drückten, gab er ihr, wonach ihr Körper verlangte. Seine Zunge fand die kleine Erhebung und umspielte sie. Lena wurde lauter. Nicht gespielt, sondern echt. Ein tiefes, kehliges Geräusch, das aus ihrer Mitte zu kommen schien. Genugtuung erfüllte ihn, doch er zwang sich, konzentriert zu bleiben. Noch war ihr Höhepunkt nicht erreicht.

Er nahm zunächst vorsichtig einen Finger hinzu. Er spürte ihre Feuchtigkeit, ihre Enge und ihre Wärme. Langsam bewegte er ihn im Takt seiner Zunge, während er ihren Bauch beobachtete. Er sah, wie sich die feinen Linien veränderten und sich ihre Bauchdecke anspannte, wie sie sich nach innen zog. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.

„Dort“, sagte sie atemlos. „Genau dort.“

Er blieb bei derselben Bewegung. Er veränderte nichts, sondern wiederholte sie immer und immer wieder. Nicht ablenken, dachte er. Nichts ändern, wenn es funktioniert. Er spürte, wie sie sich um seinen Finger schloss und ihre Muskulatur zu pulsieren begann.

Dann kam sie.

Es war kein lauter Schrei, sondern ein tiefes, konzentriertes Zittern, das ihren gesamten Körper erfasste. Ihre Hände griffen nach seinen Haaren und hielten ihn fest. Sie presste sich gegen seinen Mund, während die Wellen durch sie gingen. Hugo spürte, wie sich ihr Zittern auf seinen eigenen Körper übertrug, und begriff, dass er ihr diesen Höhepunkt verschafft hatte. Zum ersten Mal hatte er nicht nur genommen, sondern auch ihr etwas gegeben. Diese Erkenntnis erfüllte ihn mit ungewohntem Stolz.

Er hörte nicht auf. Sein Finger bewegte sich weiter, nun sanfter, bis ihr Zittern allmählich nachließ und sich ihr Körper entspannte.

Erst als sie reglos dalag und ihre Atmung ruhiger wurde, zog er sich zurück. Er sah auf sie hinab. Ihr Bauch war leicht feucht von seinem Speichel und ihrem Schweiß. Die flachen Linien traten deutlicher hervor, während sich ihre Haut in einem langsameren Rhythmus hob und senkte.

Lena öffnete die Augen und sah ihn an. In ihrem Blick lag etwas, das er nicht kannte. Keine Dankbarkeit und keine Bewunderung, sondern Überraschung, vermischt mit einem kaum sichtbaren Anflug von Zärtlichkeit. Hugo starrte in diesen Blick und hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas zwischen ihnen sich verändert hatte – nicht dramatisch, nur um einen kleinen Schritt. Weg von der Transaktion, hin zu etwas, das noch keinen Namen hatte.

„Wo hast du das gelernt?“, fragte sie.

„Ich habe zugehört“, sagte er.

Sie lächelte. Diesmal war es echt.

„Dann hast du besser zugehört als die meisten.“

Hugo stand auf. Während sie ihn beobachtete, zog er sich hektisch aus.

Als er nackt vor ihr stand, bemerkte er, wie hart er war. Härter als je zuvor. Trotzdem empfand er kein unbeherrschbares Drängen. Seine Erregung war deutlich spürbar, doch sie beherrschte ihn nicht mehr. Das war ein eigenartiges Gefühl: Erregung ohne Panik. Er kannte es nicht und fand, dass es ihm gefiel.

Sie öffnete die Beine für ihn. Er kniete sich zwischen sie und griff nach dem Kondom, das er vor ihrer Ankunft auf den Nachttisch gelegt hatte. Er öffnete die Verpackung und rollte es über.

Dann drang er langsam in sie ein.

Sie war noch feucht, ihr Körper hallte noch von ihrem Höhepunkt nach. Sie nahm ihn mit einer Weichheit auf, die ihn überraschte. Hugo bewegte sich langsam. Sehr langsam. Er beobachtete ihr Gesicht und suchte nach jedem Anzeichen, das ihm verriet, was sie empfand. Als sich ihre Lippen öffneten und sie die Augen halb schloss, wusste er, dass er den richtigen Rhythmus gefunden hatte. Aber er misstraute dem Gefühl der Sicherheit noch. Es war zu früh, sich darauf auszuruhen.

Er beugte sich über sie und küsste ihren Hals und ihre Schulter. Seine linke Hand lag auf ihrem Bauch, dort, wo die feinen Linien verliefen. Unter seinen Fingern spürte er die Anspannung ihrer Muskulatur und wie sich ihr Körper gegen ihn presste.

Plötzlich spürte er, wie sein Höhepunkt näher kam.

Halt es zurück.

Noch war es nicht zu spät.

Abrupt stoppte Hugo seine Bewegung und hielt inne. Einen Moment lang, vielleicht auch zwei. Er blieb tief in ihr und begann, ihren Mund und ihren Nacken zu küssen. Körperliche Anspannung und beißender Frust durchströmten ihn. Der Frust war schlimmer als die Anspannung. Sein Körper schrie danach, weiterzumachen, und den Satz Nein, noch nicht, noch nicht musste er sich beinahe laut sagen. Ein Zittern ging durch seine Oberschenkel. Er zwang es weg.

Halt es zurück.

Er hörte die Worte mit Lenas Stimme in seinem Kopf.

Reiß dich zusammen. Kontrolle.

Der Drang, sich endlich Erleichterung zu verschaffen, war nahezu unerträglich. Doch genau diese Kontrolle wollte er. Er war bereits so weit gekommen und würde diesem Impuls nicht nachgeben, so stark er auch sein mochte. Nicht heute. Er musste sich selbst beweisen, dass er es schaffen konnte. Und unter dem Frust, tief darunter, begann etwas anderes zu wachsen – das vage, stolze Bewusstsein, dass er es aushielt, dass er diesen Impuls besaß und nicht der Impuls ihn.

Lena bemerkte sofort, wie sehr er mit sich kämpfte. Sie sah ihn an.

„Halt.“

Hugo erstarrte.

„Nicht kommen.“

Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt.

„Halt es zurück.“

Hugo gehorchte.

„Du wartest.“

Sie hielt seinen Blick fest.

„Du bist noch nicht dran.“

Etwas an diesem Satz blieb bei ihm hängen. Nicht die Aufforderung, sich zu beherrschen. Das hatte er selbst schon versucht. Es war die Reihenfolge.

Er war noch nicht dran.

Lena strich ihm über die Wange.

„Erst ich. Dann du.“

Hugo nickte.

Zum ersten Mal empfand er das Warten nicht nur als Kampf gegen den eigenen Körper. Er wartete auf sie.

Hugo hatte erfolgreich dagegen angekämpft. Er hatte seinen inneren Trieb bezwungen. Stolz durchströmte ihn. Ein Gefühl vollkommener Männlichkeit breitete sich in ihm aus. Niemand außer ihm wusste, wie viel Kraft ihn dieser kurze Moment gekostet hatte. Umso stärker empfand er den Stolz darüber, sich nicht selbst verloren zu haben.

Als Lena ihm zunickte, begann er erneut. Langsam und ganz vorsichtig.

Und dann geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte: Er wollte, dass sie Freude empfand. Nicht er, sondern sie sollte es genießen.

Dieser Wunsch überraschte ihn.

Bisher war er immer auf sich selbst fokussiert gewesen – auf seine Angst, seine Kontrolle, sein Versagen. Dass er jetzt ihren Ausdruck suchte, ihre Anspannung, ihre Freude, war ihm selbst neu. Es fühlte sich nicht wie ein Verzicht an. Ihre Lust steigerte seine eigene Erregung und gab ihm zugleich das Gefühl, die Kontrolle zu besitzen.

Seine Stöße wurden allmählich kräftiger, und er drang tiefer in sie ein. Wieder und wieder. Er beobachtete, wie sich ihr Körper erneut anspannte, wie sich ihre Hände in die Matratze krallten und sie den Kopf in den Nacken legte. Schließlich gab sie sich dem Gefühl hin, das sich Welle für Welle in ihrem Körper aufbaute.

Hugo spürte seinen eigenen Höhepunkt noch immer näher kommen, doch er hielt ihn weiterhin zurück. Noch nicht. Er kannte den Trick jetzt. Er wusste, dass er aushielt, und dieses Wissen machte das Aushalten leichter.

Als Lena zum zweiten Mal kam, wurde sie lauter. Ihre Hände gruben sich in seinen Rücken. Ihre Muskeln zogen sich rhythmisch um ihn zusammen, immer und immer wieder. Die rhythmischen Bewegungen ihrer Muskeln brachten ihn selbst gefährlich nahe an den Höhepunkt. Dennoch hielt er sich zurück.

Erst als ihr Körper sich entspannte, hob Hugo seinen Oberkörper von ihr und betrachtete ihren Bauch, für den er – das musste er sich inzwischen eingestehen – eine Art Besessenheit entwickelt hatte. Warum ihn ausgerechnet dieser Teil des weiblichen Körpers derart faszinierte, konnte er nicht erklären. Im Augenblick wollte er auch keine Erklärung dafür finden. Seine Faszination war vorhanden, und er gab sich ihr hin.

Noch während er darüber nachdachte, spürte er, dass der Moment, in dem er sich noch hätte zurückhalten können, vorüber war.

Er drang schneller in sie ein. Der Anblick ihres feuchten, verschwitzten Körpers, ihrer kleinen Brüste, der vollkommenen Brustwarzen und dieses Bauches war zu viel für ihn. Zu viel, und es war gut so.

Augenblicklich bemerkte er, dass sich sein Orgasmus anders anfühlte. Er dauerte länger und war kräftiger, als er erwartet hatte. Sein Körper bäumte sich mehrmals auf, während sich das Kondom mit seinem Samen füllte.

Es war ein Höhepunkt, an den er sich erinnern würde.

Die Verbindung aus dem, was für ihn zu einem Fetisch werden sollte – oder vielleicht schon immer einer gewesen war, ohne dass er es gewusst hatte –, seiner neu entdeckten Selbstkontrolle und der Erregung, die dadurch entstanden war, dass er sich selbst die Erlösung verweigert hatte, war überwältigend.

Er blieb noch einen Moment in ihr und genoss ihre Wärme. Dann zog er sich zurück, rollte sich neben sie und ließ sich auf den Rücken sinken. Sie lagen schweißnass und atemlos nebeneinander. Hugo hörte, wie sich ihr Atem allmählich dem seinen anglich. Er lauschte darauf, wie man etwas lauscht, das man nicht gesteuert hat und das trotzdem gut läuft.

Nach einer Weile – er wusste nicht, wie lange sie bereits so dagelegen hatten – drehte Lena sich zu ihm. Sie legte ihre Hand auf seine Brust, direkt über sein Herz, und lächelte.

„Das“, sagte sie, „war keine Transaktion mehr.“

Hugo starrte an die Decke. Er spürte das Gewicht ihres Kopfes auf seinem Arm und die Wärme ihres Körpers an seiner Seite. Er wusste, dass sie recht hatte. Er dachte nach, ob ihn das beunruhigen sollte, und stellte fest, dass es ihn nicht beunruhigte.

Er hatte nicht bezahlt, um zu nehmen. Er hatte bezahlt, um zu lernen. Und er hatte gelernt, dass im Geben eine Macht lag, die tiefer reichte als jede Analyse.

„Buch mich wieder“, sagte sie leise. „Nicht, weil du es musst, sondern weil du es willst.“

Auch beruflich entwickelte Hugo zunehmend Sicherheit. Fehler unterliefen ihm weiterhin, doch ihre Zahl nahm deutlich ab. Gleichzeitig erkannte er, wie wichtig das Mehr-Augen-Prinzip war. Selbst eine noch so sorgfältige Analyse konnte eine Schwäche enthalten, die einem anderen auffiel. Hugo begann zu verstehen, dass ein gutes Team bessere Ergebnisse erzielte als selbst der fähigste Einzelne.

Bei seinen privaten Anlagen dagegen verließ er sich weiterhin ausschließlich auf sein eigenes Urteil. Auch dort erlitt er zwischendurch Verluste, doch er lernte immer besser, damit umzugehen. Sie lösten nicht mehr die Magenschmerzen aus, unter denen er früher gelitten hatte. Dasselbe galt für Analysen, die er der Bank vorgelegt hatte. Verluste und Fehlentscheidungen gehörten für ihn zunehmend zum Geschäft. Entscheidend war nicht mehr, jeden einzelnen Fehler zu vermeiden, sondern am Ende häufiger richtig als falsch zu liegen.

Auch sein eigenes Vermögen wuchs weiter. Zum Jahreswechsel 1994/95 belief es sich umgerechnet auf rund 528.000 Euro. Die Summe gab ihm Sicherheit und Selbstvertrauen. Seine Schüchternheit gegenüber Vorgesetzten war noch nicht vollständig verschwunden, doch sie wurde zu einem immer kleineren Punkt am Horizont.

Lediglich mit Statussymbolen tat er sich noch schwer. Obwohl er inzwischen eine Rolex Daytona aus Stahl am Handgelenk trug, fühlte sie sich für ihn manchmal wie etwas an, das eigentlich nicht zu ihm passte. Trotzdem ließ auch er, wie die anderen Banker, die Ärmel seiner Oberhemden ein wenig kürzen, damit die Uhr demonstrativ unter dem Sakko hervorblitzte. Seine Hugo-Boss-Anzüge wirkten neben den Maßanzügen der anderen Banker allerdings auffallend gewöhnlich, fast ein wenig verloren. Und trotzdem hatte er gelernt, wie man in dieser Welt aussehen und sich präsentieren musste. Ob er wirklich zu ihr gehörte, war eine andere Frage.

Trotz seiner beruflichen Erfolge fühlte er sich in Frankfurt nicht wirklich angekommen. Die Stadt war für ihn zu einer Station geworden, aber nicht zu einem Zuhause.

Umso interessanter war es für Hugo, als Edward Middleton, der erst wenige Monate zuvor von einem Konkurrenten abgeworben worden war, ihm ein Angebot unterbreitete. Die DHK Bank hatte ihn nach London geholt, um das Wertpapiergeschäft einer Tochtergesellschaft der Bank neu auszurichten und an die internationale Spitze zu führen. Middleton war dabei nicht allein gekommen. Neben ihm hatte die Bank mehrere weitere Banker von konkurrierenden Häusern abgeworben, während Middleton begann, sein eigenes Team aufzubauen.

London war für Hugo kein neuer Gedanke. Schon früher hatte er darüber gesprochen, eines Tages dort arbeiten zu wollen. Die Stadt stand für eine größere Welt, für bedeutendere Geschäfte und für eine Finanzbranche, in der Entscheidungen getroffen wurden, die weit über Deutschland hinausreichten.

Middleton sprach ihn während einer Konferenz in Frankfurt an. Hugo kannte ihn bisher nur aus internen Berichten und einigen Zeitungsartikeln. Er war breitschultrig, trug einen dunklen Anzug und hatte eine Stimme, die selbst in dem überfüllten Saal mühelos zu verstehen war.

 „Voss“, sagte er. „Hugo Voss.“

Hugo nickte. „Ja.“

„Der junge Mann aus Hamburg, der der Bank inzwischen mehrere Hundert Millionen eingebracht hat.“

Hugo wusste nicht, ob er darauf mit Stolz oder Zurückhaltung reagieren sollte. „Nicht jede Entscheidung beruhte allein auf meiner Arbeit.“

Middleton betrachtete ihn einen Augenblick. „Gespielte Bescheidenheit zieht bei mir nicht.“

Middleton zog eine silberne Zigarettendose aus der Innentasche seines Sakkos. Er nahm eine Zigarette heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden.

„Ich brauche jemanden wie Sie in London“, sagte er. „Jemanden, der Zahlen nicht nur liest, sondern erkennt, was ein Unternehmen hinter ihnen zu verbergen versucht.“

Obwohl Hugo mit dieser Möglichkeit gerechnet hatte, trafen ihn die Worte unvorbereitet. Für einen Moment nahm er die Gespräche um sich herum nur noch als undeutliches Stimmengewirr wahr.

London.

Plötzlich war es keine Vorstellung mehr, über die er irgendwann einmal gesprochen hatte. Es war ein tatsächliches Angebot.

„Warum ich?“, fragte er.

„Weil Sie noch hungrig und gierig sind.“

Hugo sah ihn an und hob eine Augenbraue. Es war eine Geste, die Zustimmung bedeutete.

„Ein Fischer erkennt einen anderen Fischer schon von Weitem“, sagte Middleton.

Hugo lächelte.

„Ich will Sie in meinem Team.“

„Was genau bieten Sie mir an?“

„Oh, verhandeln wir schon?“, entgegnete Middleton.

„Ununterbrochen“, erwiderte Hugo. Seine Stimme klang souverän.

„Eine Stelle als Analyst bei mir in London. Die Einzelheiten besprechen wir, wenn Sie grundsätzlich interessiert sind.“

„Wie lange habe ich Zeit?“

„Sechs Tage.“

„Warum sechs?“

„Weil eine Woche zu bequem wäre.“

Middleton steckte die unangezündete Zigarette zurück in die Dose.

„Denken Sie darüber nach, Voss. Aber nicht zu lange. Wer nach London will, sollte keine Angst vor schnellen Entscheidungen haben.“

Er ging, bevor Hugo etwas erwidern konnte.

Hugo war beeindruckt. Middleton wirkte noch eindrucksvoller, als Hugo es erwartet hatte. Dieser Mann schien nicht für die Bank zu arbeiten. Er benutzte sie. Sie war für ihn ein Instrument, eine Plattform, auf der er Geschäfte machte, Menschen bewegte und Entscheidungen traf. Und wenn ihm diese Bank eines Tages nicht mehr genügte, dachte Hugo, würde vermutlich irgendwo eine andere auf ihn warten.

Noch am selben Abend bat Hugo Brenner um ein paar Tage frei. Weshalb er sie brauchte, sagte er nicht, und Brenner fragte auch nicht weiter nach. Am nächsten Morgen fuhr Hugo nach Hamburg.

Elisabeth wusste nichts von seinem Besuch. Als sie die Tür öffnete und ihn vor sich stehen sah, trat für einen Augenblick Freude in ihr Gesicht, unmittelbar gefolgt von Besorgnis.

„Ist etwas passiert?“

„Nein.“

„Dann hättest du anrufen können.“

„Dann hättest du angefangen, Essen vorzubereiten.“

„Natürlich hätte ich das.“

Sie ließ ihn eintreten. Wenig später saßen sie in der Küche. Vor Hugo standen eine Tasse Tee und mehrere dick belegte Brotscheiben. Gefragt hatte sie ihn nicht. Sie hatte ihm einfach hingestellt, was sie offenbar für richtig hielt, als wäre er noch immer der Junge, der hungrig nach Hause kam.

„Ich habe ein Angebot aus London“, sagte er.

Elisabeth legte den Löffel neben ihre Tasse. „London.“

Sie sprach das Wort nicht fragend aus. Es klang, als müsse sie sich zunächst daran gewöhnen.

„Die Tochtergesellschaft der Bank will mich als Analysten.“

„Willst du denn nach London?“

„Ich habe früher immer gedacht, dass ich dorthinwill.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

Hugo sah in seine Tasse. „Ich weiß es nicht. Als es nur eine Vorstellung war, war es einfacher.“

Elisabeth schwieg einen Moment.

„Du hast in Frankfurt viel erreicht“, sagte sie schließlich. „Aber glücklich bist du dort nicht.“

„Darum geht es nicht.“

„Bei dir geht es angeblich nie darum.“

Hugo hob den Blick. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf. Gerade deshalb traf ihn der Satz.

„London wäre größer“, sagte er. „Die Geschäfte wären größer. Und der Mann dort ist ein echter Killer.“

„Und davor hast du Angst?“

„Ich weiß nicht, ob Angst das richtige Wort ist.“

„Dann nenn es anders. Es bleibt dasselbe Gefühl.“

Hugo musste lächeln.

„Was würdest du tun?“, fragte er.

Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich werde diese Entscheidung nicht für dich treffen. Du bist erwachsen und hast dir längst bewiesen, dass du deinen eigenen Weg gehen kannst. Wenn du gehst, werde ich dich vermissen. Wenn du aus Rücksicht auf mich bleibst, werde ich mich darüber ärgern.“

Sie griff über den Tisch und legte ihre Hand auf seine.

„Du hast hier immer ein Zuhause. Auch wenn du irgendwann am anderen Ende der Welt arbeitest.“

Hugo legte seine zweite Hand auf ihre. Die Vorstellung, Hamburg noch seltener zu sehen, schmerzte ihn mehr, als er erwartet hatte. Gleichzeitig wusste er, dass seine Mutter recht hatte. Wenn er das Angebot ablehnte, würde Frankfurt dadurch nicht zu seiner Heimat werden.

Am nächsten Tag besuchte er Svenja. Christina schlief, als er ankam. Svenja führte ihn in den kleinen Wintergarten, der unmittelbar an die Küche angrenzte.

„London“, sagte sie, nachdem er ihr von dem Angebot erzählt hatte. „Das ist weit.“

„Frankfurt ist auch weit.“

„Aber Frankfurt ist Deutschland.“

„Gerade deshalb interessiert mich London.“

Svenja betrachtete ihn. „Du hast dich doch längst entschieden.“

„Nein.“

„Doch. Du bist nur hier, weil du möchtest, dass dir jemand sagt, dass du trotzdem ein guter Bruder und Sohn bist.“

Hugo wollte widersprechen, brachte aber keinen überzeugenden Satz zustande.

„Dann sag du es mir“, verlangte er.

„Du bist manchmal ein ziemlich schwieriger Bruder“, sagte Svenja. „Aber nicht, weil du nach London willst.“

Hugo lachte leise.

Svenja wurde wieder ernst. „Geh hin. Aber versprich mir, dass du anrufst. Nicht nur, wenn du Geld verdienst und alles funktioniert. Auch wenn du einen Fehler machst.“

„Ich mache ständig Fehler.“

„Du erzählst bloß nie davon.“

Bevor Hugo nach Frankfurt zurückkehrte, suchte er seinen Bruder Werner auf. Dessen Arbeitszimmer war bis ins Kleinste geordnet. Auf dem Schreibtisch lag kein Blatt, das nicht seinen festen Platz zu haben schien.

„Die DHK Bank will mich nach London holen“, sagte Hugo.

Werner lehnte sich zurück. „Hugo, ich bin kein internationaler Wirtschaftsjurist. Bei dir geht es nicht nur um ein Gehalt. Du hast ein beträchtliches Vermögen in Wertpapieren und willst sicherlich weiterhandeln. London ist für private Wertpapiergewinne keine Steueroase wie Deutschland. Sobald du in London lebst und arbeitest, wird die steuerliche Lage kompliziert.“

Hugo hob die rechte Augenbraue. Es war eine Geste, die Zustimmung bedeutete.

Werner nahm die Brille ab. „Bei deinen Summen werde ich dir nichts erklären, bei dem ich mir nur zu neunzig Prozent sicher bin.“

Er zog ein Adressbuch aus einer Schublade und blätterte darin.

„Ich kenne einen Rechtsanwalt in Hamburg. Steinhöfel. Der beschäftigt sich mit solchen Gestaltungen.“

„Okay, gut.“

„Ich werde ihn morgen anrufen und um einen Termin für dich bitten. Du bleibst ja noch ein paar Tage hier, oder?“, sagte Werner trocken. „Ich habe einen guten Draht zu ihm. Das klappt schon.“

Am folgenden Nachmittag saß Hugo Steinhöfel gegenüber. Der Rechtsanwalt ließ ihn zunächst erzählen, ohne ihn zu unterbrechen. Erst nachdem Hugo das Angebot, sein Vermögen, das Depot, die Kredite und seinen Eigenhandel erklärt hatte, stellte Steinhöfel einzelne Fragen.

„Sie wollen nach London?“, fragte er schließlich.

„Ich denke darüber nach.“

„Nein“, sagte Steinhöfel ruhig. „Sie denken darüber nach, wie Sie nach London gehen können. Ob Sie gehen, haben Sie bereits entschieden.“

Hugo schwieg.

„Das ist keine Kritik“, fuhr Steinhöfel fort. „Aber wir sollten von der richtigen Ausgangslage ausgehen.“

Er zog Hugos Aufstellung näher zu sich.

„Ihr britisches Gehalt wird in Großbritannien versteuert. Schwieriger ist Ihr vorhandenes Vermögen. Sie dürfen Ihre Londoner Einkünfte, Ihr bisheriges Kapital und die neuen Gewinne aus Ihrem deutschen Depot nicht wahllos miteinander vermischen.“

Hugo verstand zunächst nicht, worauf Steinhöfel hinauswollte. Nur von seinem Gehalt? Für einen Moment fragte er sich, ob das in London überhaupt reichen würde und ob sich sein Leben dort so finanzieren ließ, wie er es gewohnt war.

„Dann bezahle ich mein Leben in London nur von meinem Gehalt?“

„Das wäre der sauberste Ausgangspunkt. Für die ersten Ausgaben können bereits vorhandene Mittel gesondert bereitgestellt werden. Danach müssen die Konten und Geldbewegungen klar voneinander getrennt bleiben.“

„Und die Gewinne aus meinem Depot?“

„Die bleiben zunächst außerhalb Großbritanniens und werden nicht für Ihre laufenden Ausgaben in London verwendet. Entscheidend ist, dass jede Bewegung später nachvollzogen werden kann.“

Hugo nickte langsam. Diese Form der Ordnung gefiel ihm. Verschiedene Konten, eindeutige Wege, keine Vermischung. Trotzdem blieb ein Unbehagen. Sein Depot war für ihn nie nur Geld gewesen. Es bedeutete Unabhängigkeit, Sicherheit und die Gewissheit, im Zweifel auf niemanden angewiesen zu sein. Der Gedanke, in London plötzlich darauf achten zu müssen, welches Geld er benutzen durfte und welches nicht, fühlte sich enger an, als er erwartet hatte.

Zum ersten Mal fragte er sich, ob der Wechsel nach London ihm vielleicht mehr abverlangen würde als nur einen neuen Arbeitsplatz. Was geschah, wenn er dort länger blieb als geplant? Wenn aus drei Jahren vier wurden? Oder fünf?

Steinhöfel legte den Stift aus der Hand.

„Ich würde Ihnen zu einer von Anfang an auf drei Jahre begrenzten Entsendung raten.“

Hugo sah ihn an. „Warum genau drei Jahre?“

 „Weil ich nicht möchte, dass aus einem vorübergehenden Aufenthalt schleichend eine endgültige Übersiedlung wird. Ihre persönliche und steuerliche Situation kann in drei Jahren völlig anders aussehen. Ebenso können sich die Gesetze ändern.“

„Und wenn ich dann in London bleiben will?“

„Dann entscheiden Sie das in drei Jahren und nicht heute.“

Steinhöfel lehnte sich zurück.

„Der Vertrag endet nach drei Jahren. Keine automatische Verlängerung und kein bereits vereinbartes viertes Jahr. Kurz vor Ablauf kommen Sie wieder zu mir. Dann prüfen wir Ihre Vermögensverhältnisse, die geltenden Regeln und die Frage, wo Sie künftig leben wollen. Wenn Sie einfach bleiben, kann sich Ihre steuerliche Situation zu Ihrem Nachteil verändern.“

Hugo betrachtete die Zahlen vor Steinhöfel. Noch vor wenigen Jahren hätte er nicht verstanden, weshalb jemand wegen eines Vertrags auf eine solche Gelegenheit verzichten sollte. Jetzt wusste er, dass Freiheit nicht nur aus Geld bestand. Sie bestand auch darin, Bedingungen stellen zu können.

 „Drei Jahre“, sagte er.

„Höchstens drei Jahre“, erwiderte Steinhöfel. „Danach sehen wir weiter.“

Am Abend traf Hugo Michael in einer Kneipe auf St. Pauli. Michael hörte sich die Geschichte an, nahm einen Schluck Bier und stellte das Glas wieder ab.

„London“, sagte er. „Das ist wirklich krass.“

„Es ist nur die Tochtergesellschaft der Bank, bei der ich jetzt arbeite.“

„In London.“

„Ja.“

„Also ist es groß.“

Hugo sah auf sein Getränk. „Ich weiß nicht, ob ich das da packe.“

„Woher willst du das auch wissen?“

„Sehr hilfreich.“

Michael grinste. „Was willst du denn hören? Dass du da hingehst und nach drei Tagen der König von London bist?“

Hugo verzog den Mund. „Und wenn ich es nicht schaffe?“

„Dann kommst du eben wieder zurück.“

„So einfach ist das nicht.“

„Doch. Eigentlich schon.“ Michael nahm einen Schluck. „Und ganz nebenbei bist du dann immer noch der reichste Typ, den ich kenne.“

Hugo schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht.“

„Ich weiß.“ Michael sah ihn einen Moment an. „Du redest doch schon ewig von London. Früher war das irgendein Ding, das du irgendwann mal machen wolltest. Jetzt sagt dir tatsächlich jemand: Komm her. Und plötzlich kriegst du kalte Füße.“

„Ich kriege keine kalten Füße.“

Michael grinste wieder. „Natürlich nicht.“

Hugo schwieg.

„Geh“, sagte Michael. „Sonst fragst du dich dein ganzes Leben, was dort auf dich gewartet hätte.“

Zurück in Frankfurt verlangte Hugo den Vertragsentwurf. Die Bank ließ ihn zwei Tage warten. Dann lag das Dokument vor ihm.

Das Gehalt fiel geringer aus, als Hugo gehofft hatte. Dafür war der mögliche Bonus deutlich höher angesetzt, als er erwartet hatte. Hinzu kamen eine möblierte Wohnung und die Übernahme der Umzugskosten.

Die Monate bis zu seinem Wechsel vergingen schneller, als er erwartet hatte. Er arbeitete weiter, ordnete sein Depot und richtete mit Steinhöfels Hilfe die notwendigen Konten ein. Seine Wohnung wurde nach und nach leerer. Viel gab es nicht einzupacken. Einige Kleidungsstücke, Bücher, Unterlagen und der Discman passten in wenige Kartons. Auch seinen BMW verkaufte er. In London würde er ihn nicht brauchen, und für ein Auto, das monatelang in Frankfurt stand, sah er keinen Grund.

Elisabeth kam ein letztes Mal nach Frankfurt. Sie putzte nicht und bügelte auch keine Hemden. Stattdessen saß sie mit Hugo zwischen den Kartons auf dem Sofa.

„Drei Jahre“, sagte sie.

„Höchstens.“

„Das ist lang.“

„Es geht vorbei.“

Sie nickte, sah aber nicht überzeugt aus. Dann legte sie ihm die Hand an die Wange, so wie sie es früher getan hatte, wenn sie sich Sorgen um ihn machte. Hugo ließ es geschehen. Für einen Moment war er nicht der junge Mann, der nach London ging, sondern einfach ihr Sohn.

„Du meldest dich regelmäßig“, sagte sie.

„Ja.“

„Nicht nur, wenn etwas ist.“

Hugo lächelte leicht. „Ich melde mich.“

Auch Lena kam noch einmal. Hugo hatte sie gebucht, obwohl ihm das Wort diesmal unpassend erschien. Sie verbrachten den Abend miteinander, ohne über London zu sprechen, bis sie sich anzog und ihren Mantel vom Haken nahm.

„Du wirst dort andere Frauen kennenlernen“, sagte sie.

„Vermutlich.“

Sie trat näher und strich ihm mit den Fingern über die Wange.

„Dann hör ihnen genauso gut zu.“

Hugo wollte ihr sagen, dass er nicht wusste, ob eine andere Frau ihm das hätte beibringen können. Die Worte erschienen ihm zu groß für das, was zwischen ihnen gewesen war. Deshalb nickte er nur.

Lena lächelte und ging.

Als die Wohnung schließlich leer war, blieb Hugo noch einen Moment im Wohnzimmer stehen. Hier hatte er sich zum ersten Mal vollkommen allein gefühlt. Hier hatte er gelernt, mit Geld eine Nähe zu kaufen, die sich irgendwann nicht mehr vollständig gekauft angefühlt hatte. Hier hatte er Fehler gemacht, Erfolge gefeiert.

Er zog die Wohnungstür hinter sich zu und gab den Schlüssel beim Makler der Bank ab.

Wenig später saß er im Taxi zum Frankfurter Hauptbahnhof. Von dort würde er über Paris mit dem Eurostar nach London fahren.