Hugo Kapitel
Kapitel 6 – Der erste große Treffer
Hugo hatte die Akte seit Wochen auf seinem Schreibtisch liegen. Ein börsennotierter US-Techkonzern nahe Seattle, der seit Jahren als solide galt. Der Kurs bewegte sich seit Monaten in einer so engen Bandbreite, dass die Händler ihn als „tot“ bezeichneten. Die Analysten der Konkurrenz hatten das Unternehmen als „fair bewertet“ abgehakt.
Hugo hatte den letzten Geschäftsbericht vor vier Wochen gelesen und etwas gespürt, das er noch nicht benennen konnte. Eine Art Unbehagen, das sich nicht in den Zahlen zeigte, sondern zwischen ihnen. Die Zahlen waren zu sauber. Zu rund. Zu sehr wie gezeichnet, nicht wie gewachsen.
Er begann, sie auseinanderzunehmen. Tag für Tag, Woche für Woche. Er las den Geschäftsbericht des laufenden Jahres, verglich ihn mit dem Vorjahr und dem Jahr davor. Er las die Quartalsberichte und erkannte, dass das Kerngeschäft trotz des anhaltenden IT-Booms schrumpfte. Doch das Unternehmen versteckte es gut. Die Bilanz war aufgebläht. Der Markt bewertete den Konzern nach einer Gewinnspanne, die in Wahrheit nicht mehr lange bestehen konnte.
Er schrieb seine Analyse. Nicht einmal, sondern mehrmals. Er ließ sie liegen, las sie nach drei Tagen erneut, fand Schwachstellen und besserte nach. Nach vier Wochen war er sicher. Nicht sicher im Sinne eines Gefühls. Sicher im Sinne einer Kette von Schlüssen, bei der kein Glied mehr wackelte.
Er bat Brenner um ein Gespräch. Brenner las die Analyse, während Hugo wartete. Die Sekunden dehnten sich. Hugo hörte das Blättern, das Husten des Mannes am Nebentisch und das rhythmische Tippen einer Schreibmaschine irgendwo im Hintergrund.
„Das ist groß“, sagte Brenner schließlich. Seine Stimme war flach, aber etwas darunter bebte. „Wenn Sie recht haben.“
„Ich habe recht“, sagte Hugo. Seine Stimme klang fester, als er sich fühlte. Seine Hände lagen auf den Knien, und in den Fingern spürte er ein leichtes Zittern.
„Das haben wir letztes Jahr schon einmal gehört. Von einem anderen Jungen. Der ist jetzt in der Postabteilung.“
Hugo sagte nichts. Er saß reglos da, während in seinem Kopf längst eine andere Rechnung lief. Wie wahrscheinlich war es, dass er etwas übersehen hatte? Wie groß war das Risiko, mit achtzehn Jahren zu glauben, man hätte etwas verstanden, das erfahrenere Analysten nicht gesehen hatten?
„Aber es ist sauber geschrieben“, sagte Brenner. „Wir prüfen es.“
Die Prüfung dauerte drei Tage. Drei Tage, in denen Hugo kaum schlief. Er lag um drei Uhr morgens wach, starrte an die Decke und ging seine Analyse im Kopf immer wieder durch. Hatte er irgendwo eine Null übersehen? Hatte er einen Vertrag falsch interpretiert? Schließlich stand er auf, machte Licht und blätterte erneut durch die Unterlagen. Er fand keinen Fehler. Trotzdem zog sich der Knoten in seinem Bauch immer enger.
Also ging er jeden Abend hinüber ins Hotel und bestellte an der Bar einen doppelten Fernet-Branca. Jedes Mal verzog er nach dem ersten Schluck das Gesicht und schüttelte sich. Nach der zweiten Nacht bemerkten es die anderen Gäste. Nach der dritten musste selbst der Barkeeper grinsen.
Als Hugo sich eines Abends wieder schüttelte, nickte der Barkeeper einer jungen Frau zu, die einige Plätze weiter am Tresen saß. Sie schien ebenfalls häufiger hier zu sein. Mit dem Weinglas in der Hand sah sie zu Hugo herüber und schmunzelte, bevor sie einen Schluck nahm.
Diesmal bekam Hugo es mit. Er sah erst sie, dann den Barkeeper an und musste schließlich selbst über sich grinsen.
Hugo saß in drei Besprechungen, in denen ältere Analysten seine Zahlen durchgingen. Einer von ihnen, ein Mann mit grauem Seitenscheitel, trug am kleinen Finger der rechten Hand einen Siegelring. Wann immer er einen Satz besonders betonen wollte, schlug er damit zweimal auf den Tisch. Doch auch er fand keinen Fehler in Hugos Analyse oder den Nebenrechnungen. Die Zahlen lagen auf dem Tisch.
Hugo sah ihn an und spürte gleichzeitig die feuchte Kälte des Schweißes unter seinem Hemd und die Hitze, die ihm ins Gesicht stieg. In seiner Brust brannte es, als würde von innen etwas dagegen schlagen.
Am vierten Tag stand Brenner an Hugos Schreibtisch. Er sagte zunächst nichts, sondern betrachtete Hugo nur, als würde er ihn abwägen.
„Die Wertpapierabteilung geht mit“, sagte er schließlich. „Wir bauen die Position auf. Aktien im Wert von achtzig Millionen Mark. Langsam. Short.“
Hugo nickte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Unter dem Tisch presste er die Fingernägel so fest in seine Oberschenkel, dass es wehtat. Achtzig Millionen Mark – eine Summe, neben der selbst die größten Beträge, über die er bisher verfügt hatte, bedeutungslos wirkten. Und nun sollte eine einzige Entscheidung von ihm darüber bestimmen, was mit diesem Geld geschah.
Zu viel. Viel zu viel. Ich bin achtzehn. Was weiß ich schon?
Die Bank würde Aktien leihen, sie sofort verkaufen und später, wenn seine Analyse stimmte, billiger zurückkaufen. Was zwischen dem hohen Verkaufspreis und dem niedrigen Rückkaufpreis lag, war ihr Gewinn. Für die Aktien selbst musste sie keinen Kaufpreis bezahlen. Sie musste lediglich vorhandene Wertpapiere als Sicherheit blockieren und eine Leihgebühr entrichten. Aus jeder Mark, die diese Leihe kostete, konnten so mehrere Mark Gewinn werden – mehrere hundert Prozent. Stieg der Aktienkurs dagegen, musste die Bank die geliehenen Aktien teurer zurückkaufen, als sie sie verkauft hatte. Je höher der Kurs stieg, desto größer wurde der Verlust. Und da ein Aktienkurs theoretisch unbegrenzt steigen konnte, war auch der mögliche Verlust unbegrenzt.
Und Hugos Name wäre verbrannt gewesen. Vielleicht für immer.
Er spürte, wie ihm heiß wurde und gleich darauf wieder kalt, ein Wechsel, der so schnell kam, dass ihm schwindlig wurde. Brenner drehte sich um und ging.
Hugo blieb noch eine Minute reglos sitzen und starrte quer durch den Saal zur Wand, dorthin, wo Julia ihren Schreibtisch hatte. Dann stand er auf und ging auf die Toilette. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und sah sich im Spiegel an.
Ein Junge. Ein verdammt junger Junge mit zu großen Augen und einem Hemd, das unter den Achseln feucht war.
Die Händler begannen am nächsten Morgen. Hugo saß nicht bei ihnen. Er saß an seinem Schreibtisch und sah zu. Die Position wurde über mehrere Tage aufgebaut. Geliehene Aktien im Wert von achtzig Millionen Mark, verteilt auf zahlreiche Leerverkäufe. Die Zahlen auf seinem Bildschirm bewegten sich langsam, fast unmerklich, und Hugo spürte, wie sich sein Atem ihnen anpasste. Er hielt die Luft an, wenn die Position ins Plus drehte, und stieß sie erst wieder aus, wenn sie ins Minus rutschte.
Die ersten zwei Wochen passierte fast nichts. Der Kurs bewegte sich seitwärts und schwankte zeitweise leicht nach oben. Ein kleiner rothaariger Händler mit Sommersprossen und aufgekrempelten Hemdsärmeln, den alle nur Samenschleuder nannten, ging an Hugos Schreibtisch vorbei.
„Dein Scheißkonzern bewegt sich nicht, du Wunderknabe.“
Hugo sah auf den Bildschirm. Der Kurs hatte an zwei Tagen leicht zugelegt. Die Position zeigte bereits einen buchmäßigen Verlust. Er spürte etwas in der Gegend seiner Lunge, das er noch nicht kannte. Nicht Angst. Eher die Erkenntnis, dass eine Analyse richtig sein konnte und der Markt trotzdem zunächst das Gegenteil tat. Dass die Welt nicht logisch war, sondern nur in der Rückschau so wirkte.
„Der Markt braucht Zeit“, sagte Hugo. Seine Stimme klang rau, als hätte er lange nicht gesprochen.
„Der Markt ist ein Arschloch“, sagte Samenschleuder. „Und du bist derjenige, der gerade mit geliehenen Aktien im Wert von achtzig Millionen Mark auf ihm reitet.“
Hugo lächelte nicht. Er starrte auf die Zahlen und spürte, wie seine Finger auf der Tischkante zitterten, so leicht, dass nur er selbst es bemerkte.
In der dritten Woche begann sich etwas zu bewegen. Nicht der Kurs – der blieb stur wie ein Maultier, das sich weigerte, auch nur einen Schritt zu machen –, sondern die Stimmung. Ein Analyst einer Konkurrenzbank senkte seine Einstufung von „Kaufen“ auf „Halten“. Die Begründung war vage. Es reichte nicht. Der Kurs reagierte kaum.
Hugo begann, die Tagescharts mit einer Intensität zu verfolgen, die ihn selbst überraschte. Er schlief schlecht und trank jeden Abend übermäßig viel. Nicht wegen der Sorge um das Geld – es war nicht seines. Sondern wegen der Sorge, falsch zu liegen. Wenn er sich geirrt hatte, war es nicht einfach nur ein Fehler. Es war ein öffentlicher Fehler, an dem geliehene Aktien im Wert von achtzig Millionen Mark hingen – eine Summe, die schwerer auf ihm lastete als jede Verantwortung, die er bis dahin getragen hatte.
Er wachte nachts auf, starrte an die Decke und sah Zahlen vor sich, die er längst nicht mehr richtig zuordnen konnte. Sie bewegten sich in seinem Kopf wie Fische in trübem Wasser. Er stand auf, ging seine Unterlagen noch einmal durch und saß am Tisch, bis die Fenster langsam grau wurden.
In der vierten Woche fiel der erste Stein. Das Unternehmen veröffentlichte eine Ad-hoc-Mitteilung. Die Geschäftsführung kündigte an, die Bilanzierung „im Rahmen der anstehenden Quartalszahlen zu überprüfen“. Der Markt reagierte zunächst kaum.
Hugo las die Formulierung dreimal.
„Überprüfen.“
In der Sprache der Bilanzierung bedeutete das für ihn nur eines: Sie hatten etwas gefunden. Sie wussten davon. Und jetzt versuchten sie, es kleinzureden, bevor es sie verschlang.
Am nächsten Tag fiel der Kurs um zwei Prozent, am übernächsten um weitere drei.
Am dritten Tag gab das Unternehmen bekannt, dass die Verkaufszahlen seines Bestsellers um sechsundzwanzig Prozent zurückgegangen waren. Zugleich musste es einräumen, dass das neue Spiel, auf das man große Hoffnungen gesetzt hatte, noch nicht marktreif war und mindestens weitere sechs Monate Entwicklungszeit benötigte.
Die Analysten der Konkurrenz schrieben nun „Verkaufen“. Innerhalb einer Woche brach der Kurs um mehr als zweiundzwanzig Prozent ein.
Die Bank schloss die Position über drei Tage. Nach Abzug der Leih- und Handelskosten blieben ihr rund siebzehneinhalb Millionen Mark Gewinn.
Sie trafen sich in der kleinen Küche für die Angestellten des Handelssaals, die nach altem Rauch und abgestandenem Kaffee roch. Brenner war nicht dabei. Anwesend waren die Händler, die die Position aufgebaut hatten, zwei Analysten und Hugo. Sie standen um einen Tisch, auf dem ein Taschenrechner lag.
„Fast zweiundzwanzig Prozent“, sagte Samenschleuder in einem Tonfall, der so klang, als würde er alles gleichzeitig als Witz und Beleidigung meinen. „In einem Monat.“
Hugo nickte. „Ja.“ Sein Mund war trocken. Er schluckte, aber es half nicht.
„Geliehene Aktien im Wert von achtzig Millionen Mark. Siebzehneinhalb Millionen Gewinn.“
Samenschleuder nahm den Taschenrechner vom Tisch.
„Wenn du das jeden Monat schaffen würdest …“
„So kann man das nicht rechnen“, sagte Hugo. Seine Stimme klang seltsam fern in seinen eigenen Ohren.
„Ich weiß. Deshalb rechnen wir es ja aus.“
Samenschleuder tippte. Die Tasten klapperten.
Hugo schüttelte den Kopf. „Das ist eine vollkommen unsinnige Hochrechnung. Niemand macht dauerhaft jeden Monat fast zweiundzwanzig Prozent.“
„Natürlich nicht.“
„Warum rechnen Sie es dann aus?“
Samenschleuder lehnte sich zurück und betrachtete Hugo einen Moment. Sein Blick war nicht feindselig. Er war prüfend, wie der Blick eines Vaters, der wissen wollte, ob das Kind schon groß genug war für etwas, das es noch nicht verstand.
„Weil du achtzehn bist und uns gerade in einem Monat siebzehneinhalb Millionen Mark verdient hast.“
Er schaute noch einmal auf die Zahlen und grinste.
„Voss, wenn du eine Frau wärst, ich würde dich ficken.“
Hugo sah ihn irritiert an. In seinem Kopf war noch die Rechnung, die er gerade widerlegt hatte. Die Zahlen. Die Logik. Und jetzt dieser Satz, der aus dem Nichts kam und keine Verbindung zu dem hatte, was er kannte.
„Was hat das mit der Rendite zu tun?“
Für einen Moment war es still. Dann lachten die anderen. Nicht höhnisch. Nicht gegen ihn. Sondern ein tiefes, raues Lachen, das den kleinen Raum füllte und gegen die Wände schlug.
Samenschleuder wischte sich über die Augen. „Jesus, Voss. Du bist wirklich achtzehn, oder?“
„Ja“, sagte Hugo.
„Das merkt man.“ Samenschleuder stand auf und klopfte Hugo auf die Schulter. „Willkommen auf der Handelsetage, Junge. Ab jetzt hört dir hier jemand zu.“
Hugo blieb sitzen, während die anderen gingen. Er sah auf den Taschenrechner, der noch auf dem Tisch lag. Siebzehneinhalb Millionen. In einem Monat. Aus einer Analyse, die er über Wochen geschrieben hatte, in Nächten, in denen er allein gewesen war, in denen er gezweifelt und sich gefragt hatte, ob er verrückt war.
Er spürte ein Kribbeln in den Fingern, ein Zittern, das von innen kam. Er stand auf, ging zur Tür, dann weiter den Gang entlang bis zur Toilette, wo er sich über das Waschbecken beugte und kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen ließ. Er zitterte. Nicht vor Kälte. Er zitterte vor Erleichterung, die so stark war, dass sie sich wie Panik anfühlte.
Er sah sich im Spiegel. Ein Junge. Ein verdammt junger Junge, der seiner Bank gerade siebzehneinhalb Millionen Mark verdient hatte und nicht wusste, ob er stolz sein oder sich einfach übergeben sollte.
Er atmete dreimal tief durch. Dann ging er zurück.
Die Männer an ihren Schreibtischen sahen auf, als er vorbeikam. Nicht alle. Aber einige. Samenschleuder hob kurz die Hand. Nicht als Gruß, sondern als Zeichen, das Hugo erst später verstehen würde: Er war jetzt einer von ihnen. Nicht gleichgestellt. Aber auch nicht mehr der Junge, der erst vor wenigen Monaten hereingekommen war.
Hugo setzte sich an seinen Platz. Er öffnete eine neue Akte und begann zu lesen. Doch etwas hatte sich verändert. Die Worte auf dem Papier waren dieselben. Die Zahlen waren dieselben. Aber er spürte, dass der Raum ihn anders wahrnahm.
Der Männerabend
Am nächsten Tag, als der Handelssaal sich dem Abend näherte, trat Samenschleuder an Hugos Schreibtisch. Er hatte die Hemdsärmel wie immer aufgekrempelt und roch nach demselben Aftershave wie am Vortag, nur stärker, als hätte er sich für den Abend frisch eingecremt.
„Voss. Du kommst mit.“
Es war keine Frage. Hugo legte den Stift hin.
„Wohin?“
„Essen. Trinken. Feiern. Du hast uns gestern siebzehneinhalb Millionen Mark verdient. Da gibt’s kein Nein.“
Hugo nickte. Er stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und griff nach seiner Aktentasche.
„Lass die Scheiße hier“, sagte Samenschleuder. „Heute Abend bist du nicht der Analyst. Heute Abend bist du einer von uns.“
Das Restaurant lag nur zwei Straßen von der Bank entfernt, ein schweres Gebäude aus rotem Sandstein mit getönten Fenstern. Im Innern roch es nach altem Holz, gebratenem Fleisch und Zigarettenrauch, der unter der Decke hing wie ein Vorhang. Ein Kellner führte sie in einen separaten Raum im hinteren Bereich, wo ein langer Tisch mit schweren Stühlen stand.
Die Männer setzten sich nicht nach Hierarchie, sondern nach Gewohnheit. Der ältere Analyst mit dem grauen Seitenscheitel und dem Siegelring setzte sich ans Ende des Tisches und winkte Hugo zu sich.
„Her mit dir, Kleiner. Du sitzt neben mir.“
Hugo setzte sich. Die Stühle waren aus massivem Eichenholz. Er legte die Hände auf die Tischkante und bemerkte, wie die anderen ihre Krawatten lockerten, die obersten Hemdknöpfe öffneten und sich zurücklehnten, als würden sie erst jetzt aus einer Hülle schlüpfen, die sie den ganzen Tag getragen hatten. Hugo ließ seine Krawatte sitzen, öffnete aber ebenfalls den obersten Hemdknopf, eine kleine Geste, die ihm selbst auffiel.
Der Kellner brachte die Karten. Hugo bestellte ein Steak und ein Wasser. Der ältere Analyst bestellte einen doppelten Whisky, bevor der Kellner fragen konnte. Samenschleuder bestellte, ohne in die Karte zu sehen.
„Kein Wasser“, sagte er und grinste. „Nicht heute Abend. Heute feiern wir deinen ersten richtigen Treffer. Und dafür trinkt man was Ordentliches.“
Hugo änderte seine Bestellung und nahm ein Bier.
Die ersten zwanzig Minuten drehten sich die Gespräche um den Markt, die Position und den US-Techkonzern, dessen Kurs eingebrochen war. Samenschleuder rechnete laut vor, wie viel die Bank noch hätte verdienen können, wenn sie die Position einen Tag länger gehalten hätte. Der ältere Analyst widersprach ihm und meinte, er habe keine Ahnung.
Hugo hörte zu und sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer nicht direkt nach seiner Meinung fragten, sondern zunächst über ihn sprachen, als wäre er ein neues Möbelstück. Doch allmählich bezogen sie ihn ein. Samenschleuder fragte: „Voss, was hältst du davon?“ Der ältere Analyst sagte: „Der Junge hat recht gehabt.“ Das war neu. Um Hugo entstand langsam ein Gerüst, Ziegel für Ziegel.
Mit dem zweiten Bier veränderte sich der Ton. Nicht abrupt, sondern langsam, wie eine Schraube, die sich aus einem Holzbrett löst. Samenschleuder erzählte von einem Kunden, der bei einem Telefonat so laut geschrien hatte, dass der gesamte Saal es gehört hatte. Der ältere Analyst sagte trocken, dass er den Mann kenne und dass der es verdient habe. Die anderen lachten. Es war nicht das höhnische Lachen vom Handelssaal, sondern das Lachen von Männern, die wussten, dass sie unter sich waren und die Regeln draußen nicht mehr galten.
Hugo lachte mit. Nicht, weil er die Geschichte besonders lustig fand, sondern weil er begriff, dass das Mitlachen an diesem Tisch wichtiger war als die Analyse eines Geschäftsberichts. Er beobachtete ihre Gesichter. Samenschleuder hatte eine Röte im Gesicht, die nicht nur vom Alkohol kam. Der ältere Analyst trank seinen Whisky in kleinen Schlucken, als würde er Medizin einnehmen, bestellte aber bereits den nächsten.
„Und du, Voss?“, fragte Samenschleuder plötzlich. „Hast du schon mal eine Frau gehabt?“
Das Gespräch verstummte. Nicht vollständig, aber die Nebengeräusche schienen lauter zu werden, als hätte jemand an der Lautstärke gedreht.
Hugo sah ihn an. Er wusste, dass die Frage eine Falle sein konnte. Eine Tür, die entweder nach oben oder nach unten führte.
„Ich bin achtzehn“, sagte er. „Was glaubst du?“
Samenschleuder grinste. „Ich glaube, du hast noch nie eine Muschi gesehen, die nicht in einem Magazin war.
Die Männer lachten. Lauter diesmal. Hugo spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Trotzdem lächelte er. Nicht breit und nicht unterwürfig, sondern mit dem Wissen, dass er der Bank gerade Millionen verdient hatte und diese Tatsache an diesem Tisch mehr wog als jede sexuelle Erfahrung, die ihm fehlte. Das Lächeln war sein Schild.
Der ältere Analyst lachte kurz auf. „So eine echte Möse kostet dich lediglich eine Tankfüllung.“
Die Männer lachten erneut. Hugo zuckte mit den Schultern.
Samenschleuder klopfte ihm auf die Schulter. „Du wirst schon lernen, Junge. Heute Abend lernst du.“
Das Essen dauerte zwei Stunden. Die Flaschen wurden geleert und neue bestellt. Die Gespräche entfernten sich immer weiter von Kursen und Bilanzen. Sie sprachen über Frauen, Reisen und einen Kollegen, der sich in Bangkok eine Krankheit eingefangen hatte. Schließlich erzählte der ältere Analyst von seiner geschiedenen Frau, die ihm die Hälfte seiner ersten Million abgenommen hatte.
„Eine halbe Million“, sagte Samenschleuder und pfiff durch die Zähne. „Für eine Fotze. Das ist Wucher.“
„Die zweite Million habe ich behalten“, sagte der ältere Analyst trocken. „Weil ich gelernt habe.“
Wieder lachten die Männer. Hugo lachte mit, aber ein Teil von ihm stand neben der Szene und beobachtete sie wie ein Experiment. Tagsüber bewegten diese Männer in ihren Anzügen Millionen, abends sprachen sie wie Halbstarke über Frauen. Ihre Sprache wurde gröber, je mehr Alkohol floss, und keiner von ihnen schämte sich dafür. Es faszinierte Hugo mehr, als es ihn abstieß. In ihrer Welt schien alles käuflich zu sein, alles besaß ein Preisschild. Und ein kleiner, noch kaum sichtbarer Teil von ihm spürte, dass darin eine Versuchung lag: der Eintritt in eine Form von Männlichkeit, die er noch nicht kannte, deren Sog er aber bereits fühlte.
Als sie das Restaurant verließen, war es dunkel. Die Männer standen auf dem Bürgersteig, zündeten sich Zigaretten an und redeten durcheinander. Hugo hielt sich etwas abseits und atmete die kühle Luft ein. Er fühlte sich nicht betrunken. Er hatte drei Bier getrunken, aber das Essen hatte den Alkohol aufgefangen. Er fühlte sich leicht, leichter als tagsüber im Saal. Unter dieser Leichtigkeit lag jedoch etwas Kaltes, das er nicht benennen konnte. Es war keine Angst, eher das Gefühl, in ein Fahrzeug gestiegen zu sein, dessen Ziel bereits feststand, bevor er danach gefragt hatte.
„Komm, Kleiner“, sagte Samenschleuder und winkte ein Taxi heran. „Der Abend ist noch jung.“
Hugo stieg ein. Er wusste noch nicht, wohin sie fuhren. Er wusste nur, dass er nun dazugehörte. Nicht, weil er es wollte, sondern weil er es sich verdient hatte.
Im Taxi saß Hugo hinten zwischen Samenschleuder und dem älteren Analysten. Hugo wusste nicht recht, wohin mit den Händen. Er war zum ersten Mal dabei, und das Taxi roch nach dem Aftershave der Männer und nach etwas Süßlichem, das vom Fahrer kam.
„Guck ihn dir an“, sagte Samenschleuder. „Der sitzt da, als würden wir ihn gleich fressen.“
Hugo zwang sich zu einem Grinsen.
„Lass den Jungen“, sagte der ältere Analyst. „Der lernt heute etwas fürs Leben.“
„Von dir? Dann lieber nicht“, erwiderte Samenschleuder.
Das Taxi füllte sich mit Gelächter.
Samenschleuder wandte sich Hugo zu. „Hey, Kleiner. Ich geb dir einen Tipp: Das Kondom bringst du immer selbst weg.“
Hugo sah ihn an. „Selbst? Warum?“
Der ältere Analyst begann bereits zu grinsen. „Jetzt erzählt er wieder seine Heldengeschichte.“
Samenschleuder zeigte mit dem Daumen auf sich. „Ich hab mit meiner Frau gefickt. Danach sagt sie, sie wirft das Kondom weg, nimmt das Ding und verschwindet. Nach einer Weile denke ich noch: Wo bleibt die Alte eigentlich? Dabei lag sie im Nebenzimmer mit hochgelegten Beinen und hat sich meinen Saft selbst eingeflößt.“
Hugo starrte ihn an. „Warum macht sie so etwas?“
„Weil sie wusste, dass unsere Ehe am Arsch war“, sagte Samenschleuder. „Sie wollte noch schnell ein Kind von mir, damit sie mich länger an den Eiern hat und ich noch jahrelang für sie zahlen muss.“
Der ältere Analyst grinste. „Hat funktioniert.“
„Die Ehe ging in die Brüche“, sagte Samenschleuder. „Und nun zahle ich.“
„Und deshalb heißt er Samenschleuder“, sagte der ältere Analyst.
„Das ist Verleumdung“, sagte Samenschleuder.
Wieder lachten sie.
Der ältere Analyst sagte: „Eigentlich musst du es machen wie ein vernünftiger Mensch. Geh zum Arzt, lass dir die Leitung kappen und gut ist.“
„Genau“, sagte Samenschleuder. „Ficken kannst du danach genauso. Du schießt halt nur noch Platzpatronen.“
„Und du hättest heute wahrscheinlich eine dickere Brieftasche“, sagte der ältere Analyst und nickte Samenschleuder zu.
Samenschleuder sah ihn an. „Ihr seid solche Arschlöcher.“
Hugo lachte diesmal nicht mit, hörte aber genau zu.
Samenschleuder wandte sich wieder an ihn. „Deswegen, Kleiner: Merk dir eine Sache. Du kannst machen, was du willst. Aber du spülst das Kondom selbst im Klo runter und kontrollierst, dass es weg ist.“
Hugo sagte nichts. Samenschleuder tippte ihm mit dem Finger gegen den Brustkorb.
„Hast du das verstanden?“ Es klang zwar wie eine Frage, war aber wie ein Befehl gemeint.
Hugo nickte. Er spürte den Druck des Fingers noch, als die Hand längst wieder verschwunden war.
Der ältere Analyst lachte. „Der Kleine schreibt sich das gleich auf.“
Hugo sah ihn an. „Warum sollte ich es aufschreiben? Ich kann es mir merken.“
Für einen Moment war es still. Dann lachten beide.
Samenschleuder schüttelte grinsend den Kopf. „Du bist echt in Ordnung, Kleiner.“
Das Taxi fuhr weiter. Für die anderen war die Geschichte bereits vorbei. Hugo dagegen dachte noch darüber nach.
Ein benutztes Kondom. Eine Entscheidung von wenigen Sekunden. Eine Handlung, eine Konsequenz, die Jahrzehnte andauern kann.
Je näher sie dem Ziel kamen, das noch niemand ausgesprochen hatte, desto mehr wünschte er sich, er wäre an diesem Abend nicht mitgegangen. Doch er wusste, dass er sich das nicht anmerken lassen durfte.
Kurz darauf hielt das Taxi. Die Männer stiegen aus. Erst jetzt sah Hugo, dass sie vor einem Bordell standen. Das Schild war rot, die Tür klein und unauffällig, fast bescheiden.
Hugo blieb einen Moment sitzen. In seinem Magen zog sich etwas zusammen, eine Kälte, die von innen kam. Eigentlich tat man so etwas nicht, jedenfalls hatte er es immer so empfunden. Der Gedanke, hineinzugehen, war ihm unangenehm, beinahe peinlich. Gleichzeitig lagen Scham, Neugier und Angst so dicht beieinander, dass er selbst nicht wusste, was davon gerade stärker war. Was, wenn er dort völlig versagte? Wenn er nervös wurde, keinen hochbekam oder viel zu schnell kam? Die Vorstellung, sich zu blamieren oder einfach nicht zu funktionieren, setzte sich in seinem Kopf fest wie ein Nagel.
Er atmete tief durch. Sein Herz schlug schneller, als er die Hand an den Türgriff legte. Für einen Augenblick zögerte er noch. Dann fasste er sich ein Herz, stieg aus und folgte den anderen hinein.
Am folgenden Arbeitstag begegnete ihm der ältere Analyst im Handelssaal und grinste.
„Na, Kleiner. Wie war’s?“
Hugo sah ihn an. „Gut.“
Mehr sagte er nicht.
Hayek, Kommunismus und die zynische Männerlogik
Der Termin war für Freitagmorgen um acht Uhr dreißig vereinbart, in einer Praxis in Sachsenhausen, die Hugo aus dem Telefonbuch herausgesucht hatte. Er notierte sich die Adresse auf einem gelben Post-it, klebte ihn an seinen Bildschirm und versuchte, sich wieder auf die Akte zu konzentrieren. Erneut ein US-Tech-Konzern. Langweilig. Solide. Doch der Zettel blieb in seinem Blickfeld, ein kleiner gelber Fleck, der für eine Entscheidung stand, die er noch immer nicht vollständig begriffen hatte.
Die Tage nach dem Männerabend verliefen seltsam unspektakulär. Tagsüber saß Hugo an seinem Platz, las Geschäftsberichte und rechnete Bewertungen nach. Niemand erwähnte das Bordell. Niemand fragte, was dort geschehen war. Samenschleuder begrüßte ihn mit einem knappen Nicken, der ältere Analyst mit dem grauen Seitenscheitel und dem Siegelring behandelte ihn wie zuvor. Hugo wusste nicht, ob er darüber erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Es war, als hätte er eine Prüfung bestanden, von der anschließend niemand mehr sprach.
Am darauffolgenden Donnerstag, als der Handelssaal sich dem späten Nachmittag näherte, trat Samenschleuder an seinen Schreibtisch. Er roch nicht mehr nach Aftershave, sondern nach Kaffee und nach etwas, das Hugo an zu wenig Schlaf erinnerte.
„Voss. Du kommst mit.“
Hugo legte den Stift hin. „Wohin?“
„Essen. Nicht feiern, nur essen und reden. Brenner und die anderen sind schon da.“
Es war keine Frage. Hugo stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und folgte ihm. Diesmal ließ er seine Aktentasche zurück.
Das Restaurant lag am Rand von Frankfurt mit Blick über den Main. Ein flaches, langes Gebäude mit großen Fenstern. Im Innern roch es nach gebratenem Fleisch und Bier. Ein Kellner führte sie in einen separaten Raum, in dem Brenner, der ältere Analyst mit dem grauen Seitenscheitel und ein weiterer Händler bereits an einem langen Tisch saßen. Ihre Stühle waren zurückgelehnt, die Krawatten gelockert.
„Da ist ja unser Wunderknabe“, sagte der ältere Analyst und deutete auf den freien Platz neben sich. „Setz dich.“
Hugo setzte sich. Brenner begrüßte ihn mit einem kurzen Nicken.
Der Kellner brachte die Karten. Brenner bestellte für die ganze Runde Bier.
Die ersten vierzig Minuten drehten sich die Gespräche erneut nur um den Markt. Der ältere Analyst sprach über einen französischen Pharmakonzern, Samenschleuder hielt dagegen, und Brenner beendete ihren Streit mit zwei Sätzen. Hugo hörte zu und sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer ihn inzwischen anders behandelten als noch vor einigen Wochen. Sie sprachen nicht mehr über ihn, sondern mit ihm. Wenn Brenner eine Zahl nannte, sah er zu Hugo, als erwarte er, dass dieser sie überprüfte. Der ältere Analyst fragte nach seiner Meinung, ohne sie anschließend als die Antwort eines Jungen abzutun.
„Dieser Scheißstaat“, sagte Brenner und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Gläser wackelten. „Jeden Tag eine neue Vorschrift, jeden Tag eine neue Steuer. Als hätten die in Bonn und Berlin nichts Besseres zu tun, als Leuten wie uns das Leben schwerzumachen.“
„Die wollen nur, dass du brav weiterzahlst“, sagte Samenschleuder. „Solange sie dir noch etwas abnehmen können, lassen sie dich am Leben.“
„Ich zahle genug“, sagte Brenner. „Ich zahle für drei Leute, und trotzdem glaubt der Staat, er müsste mir noch tiefer in die Tasche greifen.“
Samenschleuder nahm einen Schluck Bier. „Solange du unsere Biere noch bezahlen kannst, hält sich mein Mitleid in Grenzen.“
Der ältere Analyst lachte. Brenner zeigte Samenschleuder den Mittelfinger.
Hugo nippte an seinem Wasser. Für ihn war Politik bisher vor allem ein Faktor in Bewertungen gewesen, ein Risiko in Analysen. Nichts, worüber man mit der Faust auf den Tisch schlug. Trotzdem wollte er nicht nur dasitzen wie ein kleiner Schuljunge und den anderen beim Reden zuhören. Er suchte nach etwas, das zumindest halbwegs zum Gespräch passte, überlegte einen Moment und dachte schließlich an Hayek. Nicht ganz passend, aber auch nicht völlig daneben. Zumindest würden sie ihn dann nicht für einen politischen Analphabeten halten.
„Was haltet ihr von Hayek?“, fragte er etwas verlegen.
Die Männer sahen ihn an. Für einen Moment war es still. Dann lachte der ältere Analyst. Nicht höhnisch, sondern überrascht.
„Hayek? Der Kleine liest Hayek?“
„Die Straße zur Knechtschaft“, sagte Hugo. „Und einige seiner Aufsätze zur Wirtschaftspolitik. Er hat recht mit seiner Kritik an staatlicher Planung. Wenn der Staat versucht, Preise und Mengen zu steuern, entstehen Fehlallokationen. Das sieht man an jeder Planwirtschaft.“
Der ältere Analyst lehnte sich zurück und betrachtete Hugo mit einem Blick, der nicht mehr prüfend, sondern neugierig war.
„Der Junge liest also nicht nur Bilanzen“, sagte er. „Der beschäftigt sich auch noch mit Wirtschaftstheorie.“
„Nicht beschäftigt“, sagte Hugo. „Nur gelesen.“
„Und was hast du daraus gelernt?“, fragte Samenschleuder und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte.
„Dass freie Märkte effizienter sind als Planwirtschaft. Wissen ist auf Millionen Menschen verteilt und kann nicht in einer Behörde zentralisiert werden. Wenn der Staat glaubt, er könne besser als sämtliche Marktteilnehmer bestimmen, was produziert wird, in welcher Menge und zu welchem Preis, produziert er am Ende vor allem Mangel und Unsinn.“
Brenner nickte langsam. „Sauber zusammengefasst.“
„Aber unvollständig“, sagte der ältere Analyst.
Hugo sah ihn an. „Was fehlt?“
Der ältere Analyst grinste. Es war das Grinsen eines Mannes, der eine Pointe kannte, die der andere noch nicht ahnte.
„Du vergisst, dass es eine Menge Leute gab, die den Kommunismus großartig fanden. Und die waren nicht alle dumm. Einige wussten sehr genau, was sie wollten.“
„Wen meinst du?“, fragte Hugo.
„Frauen.“
Samenschleuder lachte. Auch der andere Händler grinste. Brenner schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.
„Jetzt kommt wieder seine Theorie“, sagte Samenschleuder.
„Halt die Fresse“, erwiderte der ältere Analyst. „Der Junge soll etwas lernen.“
Er wandte sich Hugo zu und senkte die Stimme, als würde er ihm eine Geheimlehre anvertrauen.
„Hör zu, Kleiner. Es gab Frauen, die den Kommunismus nicht aus Solidarität mit anderen Frauen wollten. Ganz im Gegenteil. Das waren missgünstige, hinterhältige Fotzen, die ihre eigenen Genossinnen abgrundtief hassten. Vor allem die hübschen und begehrten.“
Hugo sah ihn an. Er wusste nicht, ob der Mann einen Witz machte. Dessen Gesicht ließ jedoch keinen erkennen.
„Warum sollten sie gerade die hübschen Frauen hassen?“
„Weil sie selbst nicht den Mann bekamen, den sie wollten“, sagte der ältere Analyst. „Sie mussten sich mit irgendeinem hässlichen Versager zufriedengeben und gönnten deshalb allen anderen Frauen dasselbe. Sie konnten es nicht ertragen, dass eine hübsche Frau sich einen erfolgreichen, reichen und begehrten Mann aussuchen konnte. Also wollten sie ein System, das alle Männer wirtschaftlich möglichst gleichmacht.“
„Gleichheit aus Solidarität“, sagte Hugo.
„Nein. Gleichmacherei aus Neid“, widersprach der ältere Analyst. „Wenn kein Mann wirtschaftlich herausragen darf, kann sich auch keiner durch Geld, Erfolg oder Status von den anderen abheben. Dann bekommt selbst die größte Niete irgendwann eine Frau ab, und die Frauen haben weniger Möglichkeiten, sich einen besonders erfolgreichen Mann auszusuchen.“
Hugo versuchte, die Behauptung in sein analytisches Raster zu pressen. Es war keine wirtschaftliche Analyse, wie er sie kannte. Es war eine Mischung aus Zynismus, verletzter Eitelkeit und Beobachtung, deren Bestandteile sich nur schwer voneinander trennen ließen.
„Sie befürworteten den Kommunismus also nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus Neid?“, fragte er.
„Genau“, sagte der ältere Analyst. „Sie ertrugen nicht, dass andere Frauen etwas haben konnten, das sie selbst nicht bekamen.“
„Das ist eine ziemlich beschissene Theorie“, sagte Brenner.
Der ältere Analyst hob sein Glas. „Aber du hast sie dir bis zum Ende angehört.“
„Bis zum Ende sind wir offenbar noch nicht gekommen“, sagte Samenschleuder. „Jetzt kommt erst der richtig dreckige Teil.“
Der ältere Analyst nickte. „Diese Frauen wussten nämlich auch, dass das System nicht ewig halten konnte. Jeder, der ein wenig Verstand besaß, sah doch, dass eine Wirtschaft, die nichts produziert und alles verteilt, irgendwann zusammenbrechen musste.“
Hugo runzelte die Stirn. „Warum sollten sie den Kommunismus dann trotzdem unterstützen?“
„Weil ihnen selbst der Zusammenbruch recht war“, sagte der ältere Analyst. „Bis dahin hielt das System die begehrten Frauen unten. Und wenn es schließlich zerbrach, wurden gerade die hübschen Frauen am härtesten getroffen.“
„Warum gerade die?“, fragte Hugo.
Der ältere Analyst beugte sich etwas zu ihm vor. „Weil Schönheit nach dem Zusammenbruch das Einzige war, was sie im Westen noch verkaufen konnten.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
„Du meinst, sie mussten sich prostituieren?“, fragte Hugo.
„Genau das meine ich. Nach dem Zusammenbruch machten die Betriebe dicht, das Geld war nichts mehr wert, und die Menschen mussten sehen, wo sie blieben. Die hübschen Frauen merkten sehr schnell, dass ihr Aussehen im Westen mehr wert war als jedes Diplom, das ihnen der kommunistische Staat ausgestellt hatte.“
„Und die anderen Frauen wussten, dass es so kommen würde?“
„Die Klugen unter ihnen schon“, sagte der ältere Analyst. „Und sie nahmen es nicht nur in Kauf. Einige freuten sich darauf. Erst sorgten sie mit der Gleichmacherei dafür, dass die Hübschen keinen Vorteil aus ihrem Aussehen ziehen konnten. Und nach dem Zusammenbruch mussten genau diese Frauen in den Westen fahren und sich von fremden Männern ficken lassen, um zu überleben.“
Hugo sah ihn ungläubig an. „Das wäre mehr als Missgunst.“
„Natürlich“, sagte der ältere Analyst. „Das ist der Unterschied zwischen einfachem Neid und wirklicher Niedertracht. Einer neidischen Frau reicht es nicht, selbst nichts zu haben. Sie will, dass die andere erniedrigt wird. Und was könnte erniedrigender sein, als wenn eine begehrte Frau, die früher jeden Mann haben konnte, plötzlich ihren Körper für ein paar Scheine verkaufen muss?“
Brenner stellte sein Bier ab. „Du unterstellst denen also, sie hätten den Zusammenbruch vorhergesehen und sich schon darauf gefreut, dass die hübscheren Frauen später auf dem Strich landen.“
„Nicht allen“, sagte der ältere Analyst. „Aber einigen. Hinterhältig genug waren sie.“
Samenschleuder grinste. „Die dachten sich: Wenn ich keinen reichen Kerl bekomme, soll die schöne Schlampe ihren eben im Puff bedienen.“
Der andere Händler lachte kurz auf.
Hugo schüttelte langsam den Kopf. „Aber nach dem Zusammenbruch konnten die hübschen Frauen im Westen doch wieder Vorteile durch ihr Aussehen haben.“
„Natürlich“, sagte der ältere Analyst. „Aber unter völlig anderen Bedingungen. Vorher suchten sie sich die Männer aus. Danach suchten die Männer sie aus. Vorher bestimmte die Frau, wen sie an sich heranließ. Danach bestimmte der Mann, ob und wie viel er für sie bezahlte. Genau diese Umkehr wollten die missgünstigen Fotzen sehen.“
Hugo schwieg. Innerhalb der verdrehten Voraussetzungen des Mannes besaß die Theorie eine innere Folgerichtigkeit. Gerade das machte sie so unangenehm.
„Und wenn Tausende dieser Frauen gleichzeitig in den Westen kommen“, sagte Samenschleuder, „steigt das Angebot.“
„Massiv“, ergänzte der ältere Analyst. „Für einen gut verdienenden Frankfurter Banker wurde der Unterschied gewaltig. Der verdient hier in einer Stunde mehr als ein Mann dort in einem Monat. Vielleicht sogar in einem Jahr. Für uns war es Kleingeld, für die Frauen ein Vermögen.“
„Angebot und Nachfrage“, sagte Hugo.
„Genau“, sagte der ältere Analyst. „Der Kommunismus hielt die Menschen jahrzehntelang arm, brach zusammen und überschwemmte anschließend den Westen mit Frauen, die dringend Geld brauchten.“
Samenschleuder beugte sich über den Tisch. „Und dann muss ein erfolgreicher Banker gerade einmal zehn Minuten arbeiten, um eine von ihnen in irgendein Loch zu ficken.“
Der andere Händler lachte. Brenner verzog den Mund, doch auch in seinem Gesicht erschien ein kurzes Grinsen.
Der ältere Analyst breitete die Arme aus. „Und du willst mir erzählen, der Kommunismus wäre für einen Banker nicht geil?“
Die Männer lachten. Hayek und Fotze in einem Gespräch, Angebot und Nachfrage, berechnet in Arbeitsminuten und verfügbaren Löchern. Wirtschaftstheorie und Vulgarität standen für sie nicht im Widerspruch. Sie ergänzten sich.
Hugo lachte nicht. Er lächelte, aber das Lächeln kam nicht von innen. Er dachte an Julia, an ihre Worte über Investition und Disziplin. Und er dachte an die Prostituierte, zu der er wenige Tage zuvor gegangen war. Diese Männer übersetzten alles in Angebot und Nachfrage, sogar Frauen, Verlangen, Missgunst und den Zusammenbruch ganzer Staaten.
Er sah sie an. Er verstand ihren Humor und die Logik dahinter. Sie lebten in einer Welt, in der alles käuflich war und alles ein Preisschild besaß. Selbst eine politische Katastrophe war für sie nur eine Marktveränderung, die das Angebot erhöhte und den Preis senkte.
Doch Hugo verstand auch, dass er noch nicht vollständig zu ihnen gehörte. Er saß an diesem Tisch, weil er der Bank Millionen eingebracht hatte. Brenner hatte ihn akzeptiert, Samenschleuder hatte ihn mitgenommen und der ältere Analyst sprach inzwischen mit ihm wie mit einem Kollegen. Trotzdem war Hugo noch immer der Junge, dem die anderen erklärten, wie die Welt angeblich funktionierte.
Er nahm einen Schluck Wasser. Es schmeckte nach nichts.
Der ältere Analyst klopfte ihm auf die Schulter. „Du lernst das schon noch, Kleiner. Hayek ist gut. Aber manchmal muss man auch verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert.“
„Vielleicht versteht Hayek die Welt besser als du“, sagte Brenner.
Samenschleuder grinste. „Aber Hayek hätte ihm nicht erklärt, wie billig man eine Nutte bekommt.“
Hugo wusste nicht, ob die Worte des älteren Analysten eine Belehrung oder eine Einladung gewesen waren. Er wusste nur, dass er sie nicht vergessen würde. Nicht weil er sie für richtig hielt, sondern weil sie ihm zeigten, wie diese Männer dachten. Wie sie Frauen betrachteten. Wie sie Politik, Geld und Begehren zu einer einzigen Rechnung verbanden.
Und er spürte, dass ein kleiner, noch kaum sichtbarer Teil von ihm begann, diese Rechnung zu verstehen.
Er stand auf. „Ich muss los.“
„Schon?“, fragte Samenschleuder. „Der Abend ist noch jung.“
„Ich habe morgen früh einen Termin“, sagte Hugo.
Er erwähnte nicht, dass der Termin in der Praxis in Sachsenhausen stattfand.
Brenner sah kurz auf die Uhr. „Dann gehen Sie. Bis morgen, Voss.“
Der ältere Analyst betrachtete Hugo mit einem Blick, in dem etwas zwischen Wissen und Vermutung lag. Samenschleuder hob sein Bier.
„Lass dir nicht die Eier abschneiden, Kleiner.“
Die Männer lachten. Hugo zwang sich zu einem schmalen Lächeln, verabschiedete sich und ging.
Hugo trat vor das Restaurant und atmete tief ein. Er dachte an Hayek, an freie Märkte und an die Kritik staatlicher Planung. Er dachte an den Kommunismus und an die Frauen, die ihn nach der Theorie des älteren Analysten aus Missgunst befürwortet hatten. Frauen, die sogar den Zusammenbruch des Systems in Kauf genommen hatten, weil sie wussten, dass anschließend gerade ihre hübscheren Rivalinnen im Westen ihre Körper verkaufen mussten. Er dachte an zehn Minuten Arbeit und irgendein Loch.
Er wusste, dass er diese Welt verstehen musste, wenn er in ihr bestehen wollte.
Hugo bestellte ein Taxi und fuhr nach Hause. In seine kleine Wohnung. In sein kleines, von Moral und Spießigkeit geprägtes Dasein.