Hugo Kapitel 

**Kapitel 4 – Der erste Boden**

Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreiunddreißig. Hugo lag mit offenen Augen im Dunkeln und hatte ihn schon drei Minuten vorher gehört, obwohl er noch nicht geklingelt hatte. Das elektrische Summen des Zeigers war das erste Geräusch des Tages, und Hugo registrierte es nicht mit den Ohren, sondern mit dem Magen. Ein leichtes Ziehen, halb Hunger, halb etwas anderes, das er inzwischen kannte: die Spannung vor einem Tag, an dem etwas auf dem Spiel stand.

Er stand auf.

Die Wohnung roch nach der billigen Seife, die er noch in Hamburg in der Drogerie gekauft hatte. Das Wasser im Bad war sofort warm. Er stand unter dem Strahl und zählte die Sekunden. Nicht weil er es nötig hatte, sondern weil das Zählen ihm etwas gab, woran er sich festhalten konnte, während das Ziehen in seinem Bauch stärker wurde. Bei sechzig stellte er das Wasser ab.

Das Hemd hatte Elisabeth gebügelt, bevor sie abgefahren war. Es lag im Schrank, eingewickelt in Seidenpapier. Er zog es an. Die Krawatte war neu, dunkelblau, ein Geschenk von Svenja. „Für den ersten Tag“, hatte sie gesagt. „Und für alle Tage, an denen du dich wie ein Erwachsener fühlen willst.“ Hugo versuchte sie vor dem Spiegel zu binden, scheiterte zweimal, und beim dritten Versuch sah es zumindest nicht aus, als hätte er sich verheddert.

Der Anzug war der einzige, den er besaß. Dunkelgrau, von einem Schneider in Hamburg. Hugo hatte ihn zweimal getragen: zur Konfirmation und zu einem Begräbnis. Jetzt stand er vor dem Spiegel und sah einen Jungen in einem Anzug, der versuchte, älter auszusehen, als er war. Die Schultern waren noch zu schmal, die Hände zu groß für die Ärmel. Er drehte sich einmal zur Seite. Dann steckte er die Aktienhefte in die braune Lederaktentasche, die Werner ihm vor Jahren geschenkt hatte.

Um sieben Uhr verließ er die Wohnung. Draußen war es noch dunkel, die Straßenlaternen brannten, und der Asphalt war feucht. Er ging zu Fuß. Die Bank lag zwanzig Minuten entfernt, und er hatte die Strecke gestern dreimal abgeschritten. Einmal in jede Richtung und einmal quer durch die Altstadt, nur um sicherzugehen, dass er nicht zu früh und nicht zu spät kam. Das Ziehen in seinem Bauch wurde mit jedem Schritt deutlicher. Nicht schmerzhaft. Ein Ziehen, das ihm sagte: Heute ist nicht wie die anderen Tage.

Hugo bog in die letzte Straße ein. Die Deutsche Handels- und Kreditbank lag vor ihm, grau und breit. Er blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte das Pochen in den Schläfen, das er sonst nur vor wichtigen Kaufentscheidungen kannte. Aber diesmal war es stärker. Es saß tiefer. Ein flaues Gefühl in der Magengrube, als hätte er etwas Schweres verschluckt, das nicht hinunterwollte. Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging weiter.

An der Eingangstür stand ein Portier.

„Herr Voss?“

Hugo nickte.

„Fünfte Etage. Herr Brenner hat gesagt, Sie sollen um halb neun bei ihm vorbeischauen.“

Hugo ging hinein. Die Eingangshalle war fast leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden. Er drückte den Aufzugknopf und fuhr in die fünfte Etage. Im Aufzug sah er sich im Spiegel an. Der Anzug saß nicht richtig. Das Ziehen in seinem Bauch zog sich zusammen zu einem Knoten. Er legte die Hand auf seinen Magen, eine Geste, die er sich nicht erklären konnte, und die ihm auch nicht half.

Brenner saß bereits an seinem Schreibtisch.

„Zu früh?“, fragte er und schob hinterher: „Der Portier sagte, ich soll um halb neun kommen.“

„Der Portier hat Humor.“ Brenner legte das Blatt beiseite.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Gebäude.“

Brenner führte Hugo zunächst durch die verschiedenen Abteilungen der Bank. Er zeigte ihm die Personalabteilung, die Besprechungsräume und die Büros der Kundenberater. Sie kamen an der Kantine und dem Mitarbeiterrestaurant vorbei, anschließend an den verschlossenen Bereichen, in denen Wertpapiere, Akten und Kundendokumente verwahrt wurden. Die eigentlichen Tresorräume lagen mehrere Stockwerke tiefer und waren für sie nicht zugänglich.

Mit dem Aufzug fuhren sie hinauf zur Vorstandsetage. Hier waren die Flure breiter, die Türen schwerer und die Schritte der wenigen Mitarbeiter gedämpfter. Danach führte Brenner ihn wieder hinunter.

Je näher sie dem Handelssaal kamen, desto deutlicher wurde der Lärm. Telefone klingelten. Stimmen überschlugen sich. Irgendwo rief jemand einen Kurs durch den Raum.

Brenner blieb vor der Glastür stehen.

„Das ist der Handelssaal“, sagte er, und seine Stimme klang anders als im Vorstellungsgespräch, nicht weniger autoritär, aber entspannter. „Hier werden Sie nicht arbeiten. Aber ich dachte, das dürfte Sie trotzdem interessieren. Hier spielt die Musik.“

Er öffnete die Glastür, und die Welt dahinter traf Hugo wie ein körperlicher Schlag.

Es war nicht der Lärm allein. Es war die Dichte. Die Tatsache, dass sich in jedem Kubikzentimeter Luft mindestens drei Geräusche übereinanderlagerten und keines dem anderen den Vortritt ließ. Telefone klingelten in einem Rhythmus, der wie ein Herzschlag wirkte, nur schneller und unregelmäßiger. Männer schrien Kurse, Stückzahlen, Namen von Unternehmen. Stühle rollten über Linoleum, das in den Ecken schwarz wirkte, nicht aus Schmutz, sondern aus der Reibung tausend eiliger Bewegungen. Bildschirme flackerten, grün und rot, Zahlen, die sich änderten, während Hugo hinsah, so schnell, dass das Auge nicht folgen konnte.

Und dazwischen, wie ein weiteres Geräusch, das aber aus Wörtern bestand: Beschimpfungen.

„Scheiße!“, rief ein Mann an einem der mittleren Pulte, das Telefon noch in der Hand. „Nein, du kaufst nicht! Wenn du kaufst, bist du ein toter Wichser, verstanden? Zehntausend, Limit 320, und wenn das nicht klappt, kannst du dich selbst ficken!“

Er knallte den Hörer auf die Gabel. Der Mann drehte sich zu seinem Nachbarn um.

„Klaus, du Arschloch“, sagte er, und seine Stimme war jetzt ruhig, fast freundlich.

Brenner lachte, trocken und schnell. „Hört auf, den Jungen anzugucken“, sagte er und deutete mit dem Kinn auf Hugo. „Der Junge hat heute seinen ersten Tag und denkt schon, er ist in der Hölle.“

„Ich bin nicht in der Hölle“, sagte Hugo, und er wusste nicht, warum er es sagte, nur dass das Schweigen peinlicher war als die Antwort.

Der Mann mit dem Telefon zog eine Augenbraue hoch. „Nein? Dann willkommen im Paradies, Kleiner. Hier werden Träume wahr.“

Er wandte sich ab, griff nach einem anderen Telefon, und seine Stimme veränderte sich, wurde schneidend, präzise: „Daimler, 712 Mark, fünftausend Stück. Bestätigt? Bestätigt. Danke.“

Dazwischen, von einem Pult weiter links, rief ein jüngerer Mann mit einem Headset: „BASF rennt wie ein besoffener Schwanz! Wer hat gesagt, die fallen? Steh auf, du Wichser, ich will dein Gesicht sehen!“

Hugo versuchte, alles gleichzeitig aufzunehmen. Die Stimmen links, die Zahlen rechts, die Bewegung vor ihm, den Geruch von Kaffee und Schweiß und elektronischer Wärme. Er versuchte, die Gespräche zu verstehen, die Kurse zu lesen, die Gesichter zu ordnen. Es funktionierte nicht. Das Chaos blieb Chaos, und er stand in der Mitte, die Aktentasche in der Hand, und fühlte sich kleiner, als er war, jünger, als er war, und vor allem: langsamer.

Das Ziehen in seinem Bauch war verschwunden. An seine Stelle war ein hohles Gefühl getreten, ein Vakuum, als hätte jemand seine Eingeweide herausgezogen und ihn leer zurückgelassen. Er atmete flach. Die Luft schien nicht mehr bis in den Bauch zu kommen, sondern blieb in der Brust stecken.

Er konzentrierte sich auf einen einzigen Bildschirm. Den, der direkt vor dem Mann mit dem Telefon stand. BASF. Die Zahlen änderten sich. Rot. Grün. Rot. Er folgte ihnen mit den Augen. Er hörte die Stimmen nicht mehr. Er hörte das Klingeln nicht mehr. Er sah nur die Zahlen, die Farben, die Bewegung auf dem Röhrenmonitor, und langsam, sehr langsam, begann sich das Chaos um ihn herum zu ordnen. Nicht weil es weniger chaotisch geworden wäre, sondern weil er einen festen Punkt gefunden hatte, einen Anker, an dem er sich festhielt.

Brenner stand neben ihm, hatte nichts gesagt. Jetzt tippte er ihm auf die Schulter.

„Kommen Sie“, sagte er. „Das ist nicht Ihr Platz. Ihr Platz ist draußen. Dort, wo man nachdenkt, bevor man spricht. Hier drin spricht man, bevor man denkt. Das ist der Unterschied.“

Hugo nickte. Er ließ den Blick von dem Bildschirm los, und das Chaos kehrte zurück, aber diesmal nicht als Bedrohung, sondern als Hintergrund. Er folgte Brenner durch die Glastür. Im Flur war es wieder kalt, und Hugo atmete einmal tief durch, als wäre er unter Wasser gewesen. Die Luft fuhr kalt in seinen Bauch, und das Ziehen kehrte zurück, aber jetzt war es anders. Nicht Angst. Erwartung.

„Die Sprache“, sagte Hugo. Es war keine Frage.

Brenner sah ihn an. „Ja. Die Sprache.“

„Ich hatte erwartet…“ Hugo zögerte. „Ich hatte erwartet, dass es anders ist. Formeller. Professioneller.“

„Es ist professionell“, sagte Brenner. „Die Sprache nicht. Aber die Zahlen schon. Die Geschäfte schon. Die Männer, die Sie gerade gesehen haben, bewegen heute Vormittag Millionen. Und sie reden dabei wie Halbstarke an einer Bushaltestelle. Das irritiert Sie?“

„Ja.“

„Gut. Das soll es. Wenn es Sie nicht irritieren würde, wären Sie entweder dumm oder angepasst. Beides ist hier gefährlich.“

Sie gingen weiter. Hugo dachte an den Mann, der eben noch eine Millionenorder getätigt und gleich darauf seinen Kollegen als Arschloch bezeichnet hatte. Er kannte diese Sprache nicht, jedenfalls nicht fließend. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie unerfahren und naiv er noch war. Eine Gänsehaut überkam ihn. Würde er hier überhaupt bestehen können?


Die Analystenetage war etwas anderes. Hier gab es keine Bildschirmwände, kein Klingeln, kein Geschrei. Die Schreibtische standen in Reihen, darauf Ordner und Computer, deren Bildschirme grün leuchteten. Es roch nach Papier, zu viel Kaffee und den unterschiedlichen Parfüms der weiblichen Angestellten.

 

„Das ist Ihr Platz“, sagte Brenner und deutete auf einen Schreibtisch in der Ecke, neben einem Fenster, das auf einen Hinterhof hinausging. „Als Analyst arbeiten Sie mit Geschäftsberichten, Bilanzen, Kennzahlen. Sie schreiben Analysen. Sie bewerten Unternehmen. Sie sagen uns, was wir kaufen oder verkaufen sollten, und warum. Sie sagen es schriftlich. Sie sagen es präzise. Und Sie sagen es so, dass ein Händler es in drei Sätzen versteht.“

Hugo setzte sich. Der Stuhl war höher als der im Handelssaal, die Lehne starr.

„Heute beginnen Sie mit der AKS Immobiliengesellschaft“, sagte Brenner. „Ich habe Ihnen alles, was wir haben, auf den Schreibtisch gelegt. Ich will Ihre Analyse. Kurz, präzise, kein Roman.“

Er tippte dreimal mit dem Zeigefinger auf den Schreibtisch und ging. Nach einigen Stunden kam er zurück, schaute auf Hugos Bildschirm und sagte:

„Schreiben Sie es noch einmal, nicht länger als eine Seite. Fakten. Zahlen. Keine Spekulation. Keine Schönrederei. Wenn die Firma Schulden hat, sagen Sie es. Wenn sie schlecht geführt wird, sagen Sie es. Wenn Sie glauben, der Markt irrt sich, sagen Sie es. Aber beweisen Sie es. Mit Zahlen, nicht mit Gefühl.“

Um ein Uhr mittags brachte eine Sekretärin ein Tablett mit belegten Brötchen und Kaffee. Hugo blieb an seinem Platz. Er hatte nicht gefragt, ob er etwas essen durfte, und niemand hatte es ihm angeboten. Er schaute sich um, kam sich fremd und fehl am Platz vor und hatte das Gefühl, die Menschen in diesem Raum musterten ihn ununterbrochen.

Schließlich schrieb er: „Die Aktie ist unterbewertet. Begründung: Der Substanzwert übersteigt den Börsenwert um 23 Prozent. Die Schuldenquote liegt unter dem Branchendurchschnitt. Die Gewinnmargen steigen seit zwei Quartalen.“ Dann druckte er es aus.

Um vier Uhr kam Brenner zurück. Er nahm das Blatt und las es im Stehen. Er sagte nichts. Er las es zweimal. Dann legte er es auf den Schreibtisch.

„Gut. Bis kommende Woche will ich zu jedem Mikrostandort eine Markteinschätzung, und versuchen Sie, Vergleichspreise als Referenz heranzuziehen.“

„Wie soll ich das machen?“

„Rufen Sie Makler an. Die werden gerne mit Ihnen reden. Sie sind ja jetzt von der DHK Bank.“

Einen Tag vor Hugos 18. Geburtstag hatte er noch einige Besorgungen zu machen, und auf seiner Agenda stand zudem ein Besuch im Fitnessclub für ein Probetraining, bei dem die Bank ein Kontingent hatte. Als er schließlich gegen neunzehn Uhr dreißig zurück in die Wohnung kam, roch es nach Kassler, schlesischen Würstchen, Kartoffeln und Sauerkraut. Die Wohnung fühlte sich behaglich an, so als hätte jemand den Raum vorher beheizt.

Elisabeth saß auf der Fensterbank, die blaue Tasse in der Hand. Sie trug denselben Schal wie beim Abschied in Hamburg, nur dass sie ihn jetzt anders geknotet hatte, lockerer.

„Du hast den Schlüssel benutzt“, sagte Hugo.

„Du hast ihn mir gegeben.“ Sie drehte sich nicht um. „Das impliziert eine Erlaubnis, die ich mir gerne herausnehme.“

„Das impliziert ein Vertrauen, das ich nicht bereue.“

Elisabeth lächelte. „Dein Vater und Svenja kommen morgen nach. Ich wollte aber unbedingt meinen Jungen noch einmal in die Arme nehmen, bevor er erwachsen wird.“

„Aber Mama“, entgegnete Hugo.

Ihre Augen leuchteten, und er verstand, wie wichtig das für sie war, und fühlte die Verbundenheit mit ihr.

Sie saßen zusammen. Hugo bedankte sich für das Essen und wollte ihr beim Abwasch helfen, doch sie wollte ihn bemuttern.

Bevor sie die Küche verließen, öffnete Elisabeth ihre Handtasche, nahm einen Tausendmarkschein heraus und hielt ihn Hugo hin.

„Mama, ich habe selbst Geld.“

Sie drückte ihm den Schein trotzdem in die Hand. „Den legst du in die Wohnung. Für einen Notfall.“

„Was soll denn passieren?“

„Wenn man das vorher wüsste, wäre es kein Notfall.“

Hugo kannte diesen Ton. Jede weitere Diskussion wäre zwecklos gewesen. Er legte den Schein in die Schublade im Wohnzimmer.

Am Abend setzten sie sich noch in die Bar ihres Hotels, tranken etwas, und sie lauschte gespannt dem, was ihr nun beinahe volljähriger Sohn berichtete.

Svenja und ihr Vater kamen verspätet aus Hamburg an. Während der Vater sich von der Reise frisch machen wollte, ging Svenja nach dem Einchecken im Hotel direkt zu Hugo in die Wohnung.

„Du siehst aus“, sagte sie, „wie jemand, der gerade festgestellt hat, dass Erwachsenwerden hauptsächlich aus Müdigkeit besteht.“

„Ich bin müde“, sagte Hugo. „Aber ich bin achtzehn. Das ist heute offiziell.“

„Offiziell“, wiederholte Svenja. „Als hättest du vorher inoffiziell existiert“, lachte sie.

„Existiert habe ich immer. Jetzt darf ich es auch rechtlich.“

Elisabeth öffnete die Wohnungseingangstür, neben ihr stand ihr Mann. Er trug denselben Anzug wie bei Hugos Abschied, nur dass er jetzt mehr Falten hatte.

„Die Wohnung ist klein.“

„Sie ist funktional“, erwiderte Hugo.

„Funktional ist ein Wort, das Architekten benutzen, wenn sie keine Fenster einbauen wollen.“

Hugo musste schmunzeln. Sein Vater hatte hier wenigstens etwas Humor gezeigt.

Sie gingen essen. Ein kleines italienisches Restaurant in der Nähe. Hugo hatte es ausgesucht.

Als der Kellner die Rechnung brachte, griff der Vater danach.

Hugo legte die Hand darauf.

„Nein.“

Der Vater sah ihn an. „Was nein?“

„Ich bezahle.“

„Du hast Geburtstag.“

„Eben.“

„Normalerweise bezahlt man nicht sein eigenes Geburtstagsessen.“

„Heute schon.“

Elisabeth sah zwischen beiden hin und her. „Hugo wollte uns einladen.“

Der Vater ließ die Rechnung noch nicht los.

„Mit deinem Geld?“

„Ja. Mit dem Geld, das ich hier verdient habe.“ Er verdrehte die Augen nach oben. „Okay, mit dem, was ich hier verdienen werde.“

Für einen Moment sagte der Vater nichts. Dann nahm er die Hand von der Rechnung.

„Na gut.“

Hugo zog sie zu sich. Es war nur eine Rechnung. Ein Betrag auf einem Stück Papier. Und trotzdem fühlte es sich für ihn anders an als jeder Kauf, den er vorher gemacht hatte. Dieses Geld kam nicht von seinen Eltern. Er hatte dafür gearbeitet. In seinem Bauch breitete sich ein warmes Gefühl aus, nicht heiß, nur warm, wie eine Tasse Tee, die man mit beiden Händen hält.

Svenja bemerkte sein Gesicht.

„Fühlt sich gut an?“

Hugo sah kurz zu ihr.

„Ja.“

„Dann genieß es.“

Er bezahlte.

Draußen blieb die Familie auf dem Bürgersteig stehen. Die Luft war kalt.

„So“, sagte der Vater. „Und jetzt zurück?“

Hugo schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

Elisabeth sah ihn misstrauisch an. „Was kommt jetzt noch?“

„Ich lade euch noch auf einen Drink ein.“

„Noch eine Einladung?“

„Ja.“

„Hugo wird achtzehn und entdeckt plötzlich die Gastronomie.“

Svenja lachte. „Wohin?“

Hugo steckte die Hände in die Manteltaschen.

„Jimmy's Bar.“

Der Vater hob eine Augenbraue. „Jimmy's Bar?“

„Ja.“

Svenja sah Hugo an. „Und woher kennst du die jetzt wieder?“

„Frankfurt ist nicht so groß, wie ihr glaubt.“

„Das war keine Antwort.“

„Kommt einfach mit.“

Jimmy's Bar lag im Hessischen Hof. Als Hugo die Tür öffnete, blieb Svenja einen Moment stehen.

Dunkles Holz zog sich über die Wände, schwere Ledersessel standen um kleine Tische. Rauch hing in der Luft. Am hinteren Ende des Raumes spielte eine Live-Band. Die Musik war präsent, ohne die Gespräche zu überdecken.

„Das kennst du?“, fragte Svenja.

„Ich war schon einmal hier.“

Der Vater sah sich um. „Das hätte ich dir jetzt nicht zugetraut.“

„Was? Eine Bar?“

„Diese Bar.“

Hugo zog einen der Ledersessel zurück. „Was stimmt mit der Bar nicht?“

„Nichts.“ Sein Vater setzte sich. „Genau das meine ich.“

Elisabeth ließ sich neben Hugo nieder und strich mit den Fingerspitzen über die Armlehne. „Hier kann man sitzen.“

Svenja sah sie an. „Das ist normalerweise der Sinn eines Sessels.“

„Nein.“ Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich meine richtig sitzen. Stundenlang. Ohne dass der Raum versucht, einen wieder hinauszuwerfen.“



Hugo sah sich noch einmal um. Genau das war es. Der Raum war geschlossen, ohne eng zu sein. Dunkel, ohne bedrückend zu wirken. Die hohen Rücken der Sessel, das Holz, das gedämpfte Licht und selbst der Rauch schufen kleine Bereiche innerhalb des Raumes, in denen Gespräche bei denen blieben, die sie führten.

Vor allem aber zu der Art, wie der Raum funktionierte. Vier Menschen konnten an einem Tisch sitzen und miteinander reden, während wenige Meter weiter ein anderes Gespräch stattfand, ohne dass sich beides vermischte. Man konnte gemeinsam in einem großen Raum sein und trotzdem das Gefühl haben, für sich zu bleiben.

Hugo wusste nicht, wofür er diese Beobachtung einmal brauchen würde. Aber er merkte sie sich. Sein Bauch merkte sie sich. Ein leichtes Ziehen, halb Erkenntnis, halb Vorfreude auf etwas, das noch nicht existierte.

Als sie gingen, war es halb zwölf. Die Straßen waren noch nasser. Elisabeth ging neben Hugo, ihre Hand in seiner, nicht fest, aber da. Svenja ging vor ihnen, die Hände in den Taschen. Der Vater ging hinter ihnen, zwei Schritte zurück.

Vor der Hotellobby blieb der Vater stehen. Er sah Hugo an, und in seinem Blick lag etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte. Es war nicht Stolz. Es war nicht Zuneigung. Es war eher dieses Gefühl, wenn man eine Rechnung begleicht und feststellt, dass die Zahlen auf einmal stimmen.

„Danke“, sagte der Vater.

„Für das Bier?“

„Für die Einladung.“

Der Vater zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche. „Der BMW steht unten am Hotel. Dunkelblau. 320i. E36. Gebraucht, aber zuverlässig. Jetzt hast du wenigstens ein eigenes Auto.“

Hugo nahm den Schlüssel. Das Leder war warm von der Tasche des Vaters, und das Metall kalt gegen seine Handfläche. „Danke“, sagte er.

Der Vater zuckte mit den Schultern. „Du bist achtzehn. Du brauchst ein Auto, das zu dir passt.“

Hugo nickte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. In seinem Bauch breitete sich das warme Gefühl erneut aus, aber diesmal war es schwerer, voller.

„Wir fahren morgen früh zurück“, sagte Elisabeth. „Der Zug um sieben. Du musst nicht mitkommen.“

„Ich weiß“, sagte Hugo.

„Aber du solltest schlafen. Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nicht geschlafen.“

Elisabeth küsste ihn auf die Stirn. Svenja umarmte ihn, länger als nötig. Der Vater gab ihm die Hand, aber die Hand war fest, und sie hielt einen Moment länger als nötig.

Dann gingen sie ins Hotel. Hugo blieb in der Tür stehen und sah ihnen nach.

Draußen wurde es stiller. Er war achtzehn Jahre alt. Er hatte seinen Vater eingeladen. Und er wusste, dass er am nächsten Arbeitstag wieder zur Bank gehen würde.

Der Tag danach begann mit dem gleichen Wecker, dem gleichen Bohnerwachsgeruch und dem gleichen Hemd. Hugo stand um sechs Uhr dreißig auf, duschte in sechzig Sekunden, zog den Anzug an und ging zu Fuß zur Bank. Die Straßen waren noch dunkel, und Frankfurt roch nach Kaffee und Abgasen.

Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, und Hugo fuhr in die vierte Etage. Der Saal war noch leer, die Bildschirme dunkel. Hugo setzte sich an seinen Platz, öffnete seine Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend zu Hause noch korrigiert hatte.

Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Männer in Anzügen, die Kaffeetassen in der Hand trugen, die Gesichter noch vom Schlaf geschwollen. Niemand grüßte Hugo.

Hugo wartete.

Um neun Uhr stand ein Mann neben seinem Schreibtisch. Mittelgroß, graues Haar an den Schläfen, ein Gesicht, das wie aus Leder geschnitten schien. Er trug keinen Anzug, sondern ein braunes Tweedjackett, das an den Ellbogen mit Leder geflickt war.

„Voss“, sagte er. Keine Frage.

Hugo sah auf. „Ja?“

„Brandt. Analyseabteilung. Seit fünfzehn Jahren.“ Er deutete auf die Blätter auf Hugos Schreibtisch. „Brenner sagt, Sie hätten da etwas.“

„Ja.“

„Darf ich?“

Hugo reichte ihm die Blätter. Brandt nahm sie, setzte sich auf einen kleinen Sessel am Rand des Raumes und begann zu lesen. Seine Augen bewegten sich schnell, nicht zeilenweise, sondern in Sprüngen. Der Mann las nicht den Text, er las die Zahlen.

Nach zwei Minuten legte Brandt die Blätter auf den Schreibtisch zurück.

„Nett“, sagte er.

„Nett?“, wiederholte Hugo.

„Nett. Sauber gerechnet.“

Die Wochen vergingen.

Hugo fiel keine Aktie auf, die groß genug war, damit sie für die Bank interessant gewesen wäre. Er fand drei, die interessant gewesen wären, wenn er allein gehandelt hätte. Für die DHK Bank waren sie jedoch nichts.

Die Skepsis um ihn herum wuchs. Hugo bemerkte es. Er bemerkte, dass Brenner nicht mehr täglich vorbeischaute. Er bemerkte, dass Brandt ihm nicht mehr auf die Blätter schaute, sondern nur noch nickte.

Der junge Analyst war da. Aber er brachte der Bank noch nicht den großen Treffer.

Hugo ließ sich nicht treiben. Er sah eine Aktie, die mittelmäßig unterbewertet war, die aber liquide genug gewesen wäre. Er schrieb die Analyse, las sie durch, strich sie durch. Nicht gut genug.

Er warf das Blatt in den Papierkorb und fing von vorn an.

Abends, in seiner Wohnung, arbeitete Hugo an einer anderen Ebene.

Die kleineren Unternehmen, die er tagsüber für die Bank verworfen hatte, waren für sein Privatdepot weiterhin interessant. Er saß an dem kleinen Tisch unter dem Fenster, den Taschenrechner neben sich, und rechnete.

An einem Dienstagabend kaufte er eine Aktie, die er am Morgen für die Bank verworfen hatte. Ein mittelständisches Unternehmen aus Bayern, Spezialmaschinenbauer, Börsenwert: knapp dreißig Millionen Mark, täglicher Umsatz achtzig Stück. Für die DHK Bank uninteressant. Für Hugo Voss, Privatanleger, sehr interessant.

Er hatte die Zahlen dreimal durchgerechnet. Nichts hatte dagegensprochen. Aber das allein war nicht der Grund. Der Grund war das Ziehen in seinem Bauch, das stärker geworden war, je länger er über die Firma nachdachte. Ein Ziehen, das nicht von Angst kam, sondern von Überzeugung. Sein Magen fühlte sich fest an, gespannt, bereit.

Er rief am kommenden Morgen bei der Bank an und gab die Order auf. Der Mann am Telefon kannte seinen Namen.

„Voss“, sagte der Mann. „Natürlich. Wie viel?“

Hugo nannte die Zahl. „Und das Limit?“

„Kein Limit. Marktorder.“

Der Mann zögerte eine Sekunde. „Sind Sie sicher?“

„Ja.“

Hugo legte auf und sah auf die Uhr. Halb zehn. Er hatte noch nichts gegessen. Er stand auf, ging in die Küche und holte eine Tütensuppe aus dem Schrank.

Die Tütensuppe roch nach nichts und schmeckte nach Salz. Hugo aß sie stehend an der Küchentheke. Er hatte gerade eine Order aufgegeben, die sein Gehalt von drei Monaten verschlang. Und er aß eine Tütensuppe, die neunzig Pfennig kostete.

Das Telefon klingelte. Svenja.

„Hallo“, sagte Hugo.

„Du klingst, als hättest du gerade etwas Unanständiges getan.“

„Ich habe eine Aktie gekauft.“

„Und?“

„Und ich esse Tütensuppe.“

Svenja lachte. „Hugo. Du verdienst jetzt richtiges Geld. Du hast ein Privatdepot, das offenbar so groß ist, dass die Bank dich beim Namen kennt. Und du isst Tütensuppe?“

„Sie schmeckt.“

„Sie schmeckt nach Salz und Chemie.“

„Für mich schmeckt sie.“

Hugo nahm einen Löffel. Die Suppe war inzwischen lauwarm.

„Svenja“, sagte er. „Wenn ich jetzt jeden Abend ins Restaurant gehe, was passiert dann?“

„Dann isst du besser.“

„Nein.“ Hugo sah auf die lauwarme Suppe und musste selbst kurz über die Absurdität grinsen. Dann wurde er wieder ernst. „Dann gebe ich Geld aus. Geld, das heute nicht ausgegeben wird, arbeitet morgen weiter. Zinseszins. Du kennst die Rechnung.“

„Die Rechnung kenne ich. Der Mensch hinter der Rechnung macht mir Sorgen.“

„Warum?“

„Weil du inzwischen bei einer der größten Banken Deutschlands arbeitest, ein Vermögen aufbaust, das ich mir nicht vorstellen kann – und trotzdem lebst du wie ein Student, der sein Bafög nicht zum Ende des Monats bringt.“

Hugo sah auf die Tütensuppe. Dann auf die Küchentheke. Dann aus dem Fenster.

„Ich lebe nicht wie ein Student“, sagte er.

Svenja schwieg einen Moment.

„Das ist genau das, was mir Sorgen macht“, sagte sie leise.

Hugo lächelte. Er konnte nicht anders.

„Ich rufe dich am Wochenende an“, sagte er.

„Du rufst mich morgen an“, sagte Svenja. „Und du isst etwas Richtiges.“

„Ja, Mama.“

„Ich bin nicht Mama.“

„Nein“, sagte Hugo. „Du bist schlimmer.“

Er legte auf, aß die Suppe aus und stellte den Becher in die Spüle. Dann ging er zurück zum Tisch, öffnete einen neuen Ordner und begann zu rechnen.

Draußen war es diesig. Hugo hörte nur die Zahlen, die in seinem Kopf liefen, und das leise Summen des Taschenrechners.

Er war achtzehn Jahre alt. Er arbeitete für die DHK Bank. Er besaß ein wachsendes Privatvermögen. Und er wusste, dass er morgen früh wieder eine Tütensuppe essen würde, wenn er dazu kam.

Das war kein Opfer. Das war keine Selbstkasteiung.

Es war einfach nur Hugo.

Einige Tage später saß Hugo einem Kundenberater der Bank gegenüber.

„Was kann ich für Sie tun, Herr Voss?“

„Ich möchte die Kreditlinie nutzen, die ich mit Dr. Brenner vereinbart habe.“

Der Mann schlug die Unterlagen auf. „Zweiundvierzigeinhalb Prozent Ihres Depotwertes.“

„Genau. Und die Linie soll künftig regelmäßig an den Wert des Depots angepasst werden.“

Der Kundenberater machte sich eine Notiz. „Ich veranlasse alles Weitere.“

Hugo spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Es hatte funktioniert. Er richtete sich unwillkürlich etwas auf. Zum ersten Mal verfügte er über einen Hebel, mit dem sein Vermögen deutlich schneller wachsen konnte. Von nun an arbeitete nicht mehr nur sein eigenes Geld für ihn, sondern auch das der Bank.

Elisabeth stand in Hugos Küche, den Rücken zur Fensterfront, und rührte in einer Tasse, die sie selbst mitgebracht hatte. Es war Samstagmorgen, kurz nach neun. Sie trug eines ihrer alten Escada-Kleider.

„Du hast wieder vergessen, den Müll rauszubringen“, sagte sie, ohne aufzusehen.

Hugo saß am Tisch und beobachtete, wie sie den Löffel gegen den Rand der Tasse schlug – dreimal, immer gegen den Uhrzeigersinn.

„Der Müll riecht nicht“, sagte er.

„Er riecht.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, zog die Beine an. „Gestern, als du angerufen hast, hast du gesagt, das Meeting sei schiefgegangen. Du hast es nicht erwähnt, als ich ankam. Willst du nicht darüber reden?“

Hugo schüttelte den Kopf.

Elisabeth lächelte und streichelte seine Hand.

Sie blieb meistens über das Wochenende, putzte und erledigte die Einkäufe, die Hugo eigentlich selbst hätte erledigen können, doch sie bestand darauf. In der Woche kam Svenja gelegentlich vorbei, oftmals unangekündigt. Hugo überließ seiner schwangeren Schwester selbstverständlich das Bett und schlief auf dem Klappsofa.

„Ich war in der Gegend“, sagte sie.

„Lügner“, erwiderte Hugo und trat zur Seite.

 
Sie kam herein, atmete tief durch. „Es riecht nach Mama“, stellte sie fest. „Nach ihrem Lavendel-Zeug.“

Sie ging in die Küche, setzte sich, ohne gefragt zu werden, und legte die Hand auf den Bauch, eine Geste, die Hugo erst jetzt bewusst registrierte, weil sie den Pullover dabei leicht spannte und eine Rundung sichtbar wurde.

„Du…“, begann er.

„Ja. Siebter Monat. Oder fast. Die Ärzte sind zufrieden. Alles in Ordnung.“

Hugo stellte Wasser auf. „Und du fährst im siebten Monat allein nach Frankfurt?“

„Ich bin nicht allein.“ Sie lächelte und strich sich über den Bauch. „Und ich wollte dich sehen. Nicht telefonieren. Sehen.“

Sie redeten eine Weile oberflächlich. Aber dann stand Svenja auf, wollte ihre Jacke ablegen, und ihr Blick fiel durch die offene Tür in den Kleiderschrank.

„Hugo“, sagte sie, und ihre Stimme hatte dieses Gemisch aus Mitleid und praktischer Entschlossenheit. „Das ist kein Kleiderschrank. Das ist ein Archiv des Scheiterns.“

Hugo kam zu ihr. Sie hatte recht. Die Bügel waren durcheinander, Hemden hingen neben Hosen, die Farben waren willkürlich verteilt.

Svenja machte sich ohne weitere Fragen ans Werk. Sie zog die Kleidungsstücke aus dem Schrank und legte sie auf das Bett. „Das Problem ist nicht, dass du zu wenig Sachen hast“, sagte sie. „Du weißt nur nicht, was davon zusammenpasst.“ Hugo sah auf die Hemden und Hosen. „Manches passt zusammen.“ „Ja. Manches. Und bei anderem glaubst du nur, dass es zusammenpasst.“ „Dann sag mir, was.“ Svenja schüttelte den Kopf. „Wenn ich dir heute sage, welches Hemd zu welcher Hose passt, weißt du es nächste Woche wieder nicht.“ Hugo widersprach nicht. Sie kannte ihn gut genug. Svenja nahm einen der Kleiderbügel und einen Stift. „Also machen wir es so, dass du nicht darüber nachdenken musst.“ Sie schrieb mehrere Zahlen auf den Bügel. Hugo sah ihr zu. „Was soll das sein?“ „Kombinationen.“ Sie nahm einen zweiten Bügel und schrieb auch darauf mehrere Zahlen. „Wenn auf einem Bügel zum Beispiel eins, fünf und vier steht und auf einem anderen eins, fünf und sieben, kannst du die beiden Sachen miteinander anziehen.“ Hugo sah von einem Bügel zum anderen. „Weil beide die Eins und die Fünf haben.“ „Genau.“ „Und die Sieben?“ „Die sagt dir nur, dass dieses Kleidungsstück noch zu anderen Sachen passt, auf denen ebenfalls eine Sieben steht. Wenn zwei Bügel mindestens eine gleiche Nummer haben, kannst du die Sachen kombinieren. Haben sie keine gemeinsame Nummer, lässt du es.“ Hugo nahm ihr die beiden Bügel aus der Hand und betrachtete die Zahlen. „Dann muss ich gar nicht wissen, warum es zusammenpasst.“ „Nein.“ „Ich muss nur dieselbe Nummer finden.“ „Endlich hast du es verstanden.“ Jetzt gefiel ihm das System. Svenja ging Stück für Stück durch seine Kleidung. Sie legte Hemden zu Hosen, prüfte Jacken und Pullover und schrieb auf jeden Bügel die Nummern der Kombinationen, zu denen das jeweilige Kleidungsstück gehörte. Hugo stand daneben und beobachtete, wie aus einem für ihn vollkommen willkürlichen Schrank langsam etwas entstand, das einer Logik folgte. Er nahm ein Hemd heraus und las die Zahlen. „Eins, drei, fünf.“ Dann zog er eine Hose hervor. „Zwei, fünf, sieben.“ Er sah Svenja an. „Die gehen.“ „Warum?“ „Fünf.“ „Richtig.“ Hugo nahm eine andere Hose. „Vier, sechs, acht.“ Er verglich beide Bügel. „Die nicht.“ „Siehst du.“ Hugo hängte die Hose zurück. „Das ist eigentlich ziemlich einfach.“ Svenja sah ihn an. „Für dich offenbar erst, seit Zahlen daran stehen.“ Als sie fertig waren, hing Hugos Kleidung noch immer im selben Schrank. Für ihn war es trotzdem ein anderer geworden. Er musste keine Farben gegeneinanderhalten und nicht überlegen, ob ein Hemd zu einer Hose oder ein Pullover zu beidem passte. Er musste lediglich die Nummern vergleichen. Svenja machte einen Schritt zurück. „Jetzt kannst du dich wenigstens alleine anziehen.“ Hugo sah sie an. „Das konnte ich vorher auch.“ „Anziehen ja“, sagte Svenja. „Nur nicht unbedingt passend.“ Hugo nahm noch einmal zwei Bügel heraus, verglich die Nummern und hängte sie zufrieden zurück. „Wenn Mama das nächste Mal kommt“, sagte Svenja, „wird sie glauben, du hättest plötzlich Geschmack entwickelt.“ „Habe ich nicht.“ „Nein“, sagte sie. „Du hast jetzt Zahlen.“


Michael kam zwei Wochen später, an einem Mittwochabend. Hugo war gerade dabei, die Abendleere zu antizipieren. Er klingelte dreimal, zwei kurze, eine lange, ein Rhythmus, den Hugo von früher kannte.


Als er die Tür öffnete, stand Michael da mit einer Flasche Rotwein in der Hand.

„Ich war in der Gegend“, sagte er.

„Lügner“, erwiderte Hugo und trat zur Seite.

„Stimmt. Vier Stunden Zug. Weil du dich seit Wochen kaum noch meldest.“

Er ging durch die Wohnung wie ein Inspektor auf Rundgang. Öffnete den Kühlschrank – fast leer. Betrachtete die Bücher im Regal. Und blieb schließlich vor dem Kleiderschrank im Flur stehen.

„Was ist das?“, fragte er und deutete mit dem Kinn auf das System. „Ein Schrank oder ein Rechenzentrum?“

„Ein Freund hat mir ein System gebaut“, sagte Hugo.

„Ein Freund. Oder eine Freundin?“ Michael drehte sich um. „Deine Mutter?“

„Svenja.“

„Ach. Die Schwangere. Die mit dem…“ Er machte eine vage, wellenförmige Geste.

Sie setzten sich auf den Balkon. Michael trug dieselbe alte Lederjacke und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug. „Nina fragt manchmal nach dir. Nicht, wie es dir geht. Sondern, was du gerade tust.“

„Ich existiere.“

„Das sehe ich. Aber existierst du hier, oder existierst du nur?“

„Ich existiere hier“, sagte er. „Ich habe einen Schrank mit einem System, das inzwischen sogar funktioniert. Ich habe einen Rhythmus. Und ich habe Besuch. Das ist mehr, als ich vor einem Jahr hatte.“

Michael nickte langsam. „Frankfurt ist eine neue Stadt, keine neue Existenz. Elisabeth. Svenja war hier. Ich bin hier. Das ist kein Zufall. Das ist ein Netz. Fang an, es zu spüren. Es zieht schon, du merkst es nur noch nicht.“

Hugo blieb auf dem Balkon. Er spürte das Netz nicht, nicht wirklich. Aber er spürte die Stühle, die noch warm waren, und den Geruch von Tabak. Und er spürte, dass etwas zusammenhing, auch wenn er noch nicht wusste, wie.

Hugo bereitete die Klappcouch vor. Michael schob eine Disc in den Computer, schloss zwei Joysticks an, und sie spielten wie früher. Im Flur leuchteten die Papierstreifen an den Bügeln, kleine Wegweiser in einer Wohnung, die langsam begann, ein Zuhause zu werden.