Mara Kapitel
Kapitel 5
Mara verließ das private Esszimmer und blieb einen Moment im Korridor stehen. Geradeaus führte der Weg über die Rotunde in den Blauen Salon. Erst vor ein paar Stunden war sie dort entlanggegangen und hatte beim Klang ihrer Absätze auf dem Stein dieses leise, unerwartete Vergnügen an ihrer eigenen Weiblichkeit gespürt.
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung zu ihrer Linken.
Am anderen Ende des Korridors kam eine Frau aus einer Tür.
Mara blieb stehen. Aus der Entfernung waren Einzelheiten schwer zu erkennen, doch die Frau wirkte schlank und feminin, mit schmaler Taille und langen dunkelbraunen Haaren. Sie trug ein fliederfarbenes Sporttop und passende Leggings mit hohem Bund, dazwischen ein Streifen flachen Bauchs. Mit einem Handtuch rubbelte sie sich kurz durch die offenbar feuchten Haare und legte es sich über den Nacken. Nach wenigen Schritten bog sie seitlich ab und war verschwunden.
Mara war neugierig geworden und ging auf die Tür zu.
Unterwegs kam sie an einem weiteren Fahrstuhl und einem offenen Treppenhaus vorbei. Ihr Blick fiel auf die Stufen. Die Treppe führte auch nach unten.
Oben lagen die Gästeschlafzimmer. Wenn sie hier überhaupt eine Treppe erwartet hätte, dann eine, die nach oben führte. Ach, dachte sie, noch ein Keller. Offenbar auch noch getrennt. Wie umständlich. Sie ging weiter. Ihre Neugier galt der Tür, aus der die Frau gekommen war.
Der Korridor dahinter war heller, als sie erwartet hatte. Nach rechts öffnete sich ein großer Raum mit Spiegeln an einer Wand, einer breiten Fensterfront und viel Tageslicht.
Die Fenster waren deutlich größer als in den älteren Gebäudeteilen. Offenbar war sie jetzt in dem angebauten Neubau. Mara blieb in der Türöffnung stehen und schaute in den Raum hinein, ohne einzutreten.
Ein Yogaraum. Matten, Blöcke, Decken, alles.
Sie musste kurz lächeln. Sie befand sich auf einem riesigen Anwesen und schaffte es trotzdem noch, sich über jeden neuen Raum zu wundern, als müsse sich der Luxus vor ihr persönlich entschuldigen.
Als sie sich vom Yogaraum abwandte, fiel ihr Blick auf die gegenüberliegende Saftbar: links eine lange Theke, rechts eine Reihe Tische mit hellblauen Stühlen, darüber ein moderner Kronleuchter in passenden Blautönen. Durch die offene Terrassentür fiel viel Licht herein. Bei dem schönen Wetter draußen erschien Mara die Möglichkeit, dort zu sitzen, auf einmal sehr angenehm.
Hinter der Theke stand jemand vom Personal und polierte gerade Gläser. Auf der Theke lagen Orangen, Blutorangen, Äpfel und Granatäpfel bereit, daneben Schalen mit verschiedenen Beeren sowie Sellerie und frischem Blattgemüse. Eigentlich fehlte nur noch die Speisekarte an der Wand, und das kleine Café wäre komplett. Gerade erst hatte sie das große Frühstücksbuffet verlassen, und hier wartete bereits die nächste Bar mit Personal. Stand hier eigentlich immer jemand bereit?
An einem der Tische, vielleicht acht Meter entfernt, saßen zwei Frauen beieinander und kicherten über etwas. Eine von ihnen griff nach ihrem Glas und wandte sich dabei der anderen zu. Sie war sehr schlank, mit schmalen Schultern, langem Hals und einer Taille, die aussah, als hätte sie jemand mit der Hand umspannt. Langes, dunkelblondes Haar fiel über ihre Schultern. Dazu ein schmales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und markant geformten Lippen. Sie trug ein hellgraues Sporttop mit schmalen Trägern und kurze, dunkelgraue Shorts mit seitlichen Bindebändern.
Die andere lehnte sich lachend zurück, und zwischen Sporttop und Leggings wurde ein Stück ihres Bauchs sichtbar. Auch sie war schlank und sportlich. Langes blondes Haar, fast glatt, mit einer leichten Welle in den Spitzen. Ein weicheres, etwas rundlicheres Gesicht, volle Lippen. Sie trug ein rotes, vorne gerafftes Sporttop und passende Leggings mit hohem Bund.
Die beiden wirkten entspannt und vertraut miteinander.
Am Ende des Korridors öffnete sich ein breiter, langgestreckter Gerätebereich mit Fenstern an drei Seiten. Die Gestaltung kannte sie schon von der Saftbar: warme, helle Holztöne und viel Tageslicht. Über ihr hing ein Kronleuchter mit blauen, aquafarbenen Glaselementen — dieselbe Art Leuchte wie in der Saftbar.
Ergometer, Laufbänder, Crosstrainer, Kabelzüge, Kurzhanteln, ordentlich angeordnete verstellbare Trainingsbänke und verschiedene Kraftmaschinen.
Mara trat an eines der Ergometer. Technogym. Bei Fenstern an drei Seiten musste die Sonne im Laufe des Tages durch den ganzen Raum wandern. Hier konnte man wahrscheinlich den halben Tag trainieren, ohne das Gefühl zu haben, überhaupt drinnen zu sein.
Kurz kam ihr Studio in London in den Sinn: dunkler Gummiboden, offene Lüftungsrohre unter der hohen Decke, basslastige Musik, bereits früh am Morgen viele Trainierende. Sie mochte ihr Studio. Aber dieser Raum hier war schöner.
Hier würde ich auch gern trainieren.
Und das alles für Nutten?
Der Gedanke kam hart und ungebeten. Mara ließ ihn stehen und sah sich weiter im Raum um. Ob Hugo hier eigentlich auch trainierte? Sie stellte ihn sich in Sportkleidung vor, weniger makellos als beim Frühstück, außer Atem vielleicht, und musste bei der Vorstellung lächeln.
Auf einer der Trainingsmatten entdeckte sie Katya. Sie stützte sich auf Unterarme und Zehenspitzen, den Körper in einer geraden Linie. Um ihre Fußgelenke lagen Gewichtsmanschetten. Abwechselnd hob sie einen Fuß ein Stück vom Boden, hielt ihn kurz und setzte ihn wieder ab. Mara kannte die Übung.
Sie wartete, bis Katya die Knie absenkte und sich aufrichtete, dann ging sie zu ihr hinüber.
Katya griff nach ihrem Handtuch, tupfte sich den Nacken trocken und sah zu ihr auf. „Na? Schaust du dich um?“
„Ja.“ Mara blieb neben der Matte stehen. „Trainierst du jeden Tag?“
„Meistens. Morgens, manchmal auch abends. Kommt darauf an, wann ich Lust habe.“
Mara sah noch einmal durch den Raum. „Trainiert Hugo hier auch?“
„Ja. Aber frag mich nicht, wann du ihn hier erwischst.“ Katya lächelte. „Er steht auf, wann er aufsteht, und geht ins Bett, wenn er müde ist. Das gönnt er sich eben.“
„Und hier kann man jederzeit rein?“
„Klar.“
Mara deutete mit dem Kopf zur Saftbar. „Und da steht auch immer jemand?“
„Immer.“
„Auch nachts?“
Katya nahm einen Schluck aus ihrer Flasche. „Das ganze Haus läuft rund um die Uhr. In drei Schichten.“
Mara dachte an das Frühstück, die Saftbar, das Personal hinter der Theke. „Und wenn ich nachts um drei Hunger bekomme?“
„Dann lässt du dir was bringen. Oder du gehst in den Nachtsalon.“
„Nachtsalon?“
„Ab halb zwölf stehen da ein paar Kleinigkeiten zum Essen bereit. Wenn du nicht schlafen kannst, gehst du hin, isst noch was oder quatschst ein bisschen. Und das Schöne ist: Da ist auch niemand vom Personal.“
„Mit wem quatschst du dann?“
Katya lächelte. „Wer eben da ist. Manchmal die anderen, manchmal Hugo.“
„Und wo ist der?“
„Ich hab dich doch gestern mit Hugo draußen an unserem Wohnzimmer vorbeigehen sehen.“
„Eurem Wohnzimmer? Welches meinst du? Hier gibt es doch so viele.“
„Das nur für uns Frauen.“
„Nur für euch?“
„Ja. Hugo kommt da eigentlich nicht rein. Das ist unser Rückzugsort.“
Interessant.
„Der Nachtsalon liegt gleich gegenüber von der Zigarrenlounge“, fuhr Katya fort.
„Ach, am Anfang des Schlaftrakts?“
„Genau.“
Sie dachte noch einmal daran, was Katya über Hugo gesagt hatte. Er stand auf, wann er aufstand. Heute Morgen hatte er beim Frühstück gesessen, weil sie verabredet gewesen waren.
Er war ihretwegen dort gewesen.
Der Gedanke gefiel ihr mehr, als sie erwartet hatte.
Mara warf einen Blick zurück zur Saftbar. „Sind eigentlich alle acht gerade hier?“
„Ja.“
„Dann ist es wahrscheinlich selten so ruhig.“
Katya lächelte. „Warte ab.“
„Wie lange machst du noch?“
„Fünfundvierzig Minuten noch.“
Katya wandte sich wieder ihrer Matte zu. Mara verabschiedete sich und ging ein paar Schritte, blieb dann aber mitten im Raum noch einmal stehen. Das Tageslicht, die Geräte, der offene Raum — am liebsten hätte sie Bluse und Rock gegen ihre Sportsachen getauscht und einfach angefangen.
Eigentlich hatte sie nur herausfinden wollen, woher die verschwitzte Frau gekommen war, und jetzt überlegte sie schon, wann sie selbst hier trainieren könnte.
Als sie den Fitnessbereich verließ, kam ihr in der Tür einer der Bodyguards entgegen. Er trat sofort zur Seite und hielt ihr die Tür auf.
„Dankeschön.“
Kaum war sie auf der anderen Seite, sah sie Stefany die Treppe heraufkommen. Oben lagen die Gästezimmer, doch von unten drangen gedämpfte Stimmen herauf, und so folgte sie ihrer Neugier die Treppe hinunter.
Unten angekommen, wusste Mara sofort, woher die Stimmen kamen. Vor ihr lag hinter einer breiten Glasfront ein Serverraum mit Reihen schwarzer Schränke und kleinen blinkenden Leuchten. Zwei Männer arbeiteten darin; einer kniete vor einem geöffneten Schrank, während der andere ein Bündel Kabel durch die Anlage führte.
Mara sah ihnen einen Moment zu und wollte schon wieder nach oben, als ihr Blick auf die Leitungen fiel. Einige verschwanden über ihr in der Decke, andere lagen noch auf dem Boden und führten an der Treppe vorbei. Als sie ihnen mit den Augen folgte, bemerkte sie, dass dort ein weiterer Gang abzweigte. Sie erkannte die Videokabel, hob den Blick und entdeckte die Kameras an der Decke.
Bei der Menge sehen die hier wahrscheinlich jeden Winkel.
Sie folgte dem Gang und entdeckte schon nach wenigen Metern eine Nische mit Popcornmaschine, Kaffeeautomat, Süßigkeiten und Eis.
Was zum Teufel, dachte sie. Offenbar gab es hier unten noch deutlich mehr, als sie bisher gesehen hatte.
An den Wänden hingen gerahmte Filmplakate, dazwischen immer wieder Türen. Casablanca, Wall Street, High Noon. Bei Magnum blieb ihr Blick kurz hängen. Schon wieder etwas, über das Hugo gesprochen hatte und das ihr nun hier begegnete.
Der Korridor mündete in einen runden Raum, kleiner als die Rotunde oben. Statt einer flachen Decke hatte er eine Kuppel. Erst hier fiel Mara auf, wie hoch das gesamte Kellergeschoss eigentlich war. Sie hatte unwillkürlich niedrigere Decken erwartet, doch die Räume hier unten waren mindestens so hoch wie die im Erdgeschoss, vielleicht sogar etwas höher. In dem runden Raum verstärkte die Kuppel diesen Eindruck noch. Das Klacken ihrer Absätze kam als Echo zurück, und auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich eine lange Galerie.
Mara trat hinein und blieb unwillkürlich stehen. Die Galerie zog sich weit vor ihr hin, zu beiden Seiten eine scheinbar endlose Folge aus dunklen, beleuchteten Einbauten, Weinfässern und großformatigen Bildern. Dazwischen lagen immer wieder Türen, hinter denen offenbar weitere Räume abgingen. Für einen Moment wusste sie gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte. Sie hatte mit einem Keller gerechnet, vielleicht mit Lagerräumen. Nicht damit.
Langsam ging sie weiter. In den ersten Regalen lagen Weinflaschen offen, weiter hinten verschwanden ganze Reihen hinter Glas in temperierten Schränken. Mara blieb vor einem der Fässer stehen und legte die Hand auf das Holz. Es fühlte sich kühl und rau unter ihren Fingern an. Über ihr hing eine großformatige Aufnahme von Weinbergen, die sich über sanfte Hänge zogen, dahinter ein Château. Sie betrachtete das Bild einen Moment. Es hatte etwas Merkwürdiges, hier unten zu stehen und plötzlich das Gefühl zu bekommen, nicht nur durch Hugos Haus, sondern durch seine Interessen zu laufen.
Ein paar Schritte weiter wechselte die Landschaft. Schottland. Grüne Hügel unter schwerem Himmel, ein altes Anwesen aus grauem Stein. In den beleuchteten Fächern darunter standen die dunkelgrünen Flaschen der Scotch Malt Whisky Society. Mara nahm eine heraus, spürte das Gewicht in ihrer Hand und strich mit dem Daumen über die aufgedruckte Fassnummer, bevor sie die Flasche vorsichtig zurückstellte.
Im nächsten Bereich lagerten die Champagnerflaschen hinter Glas in gekühlten Schränken. Krug, Dom Pérignon, Bollinger, Louis Roederer. Namen, die sie nicht nur kannte, sondern gerne trank. Mara blieb davor stehen und betrachtete durch die beleuchteten Glasflächen die langen Reihen übereinanderliegender Flaschen. Sie wusste nicht einmal, wie viele es waren, und für einen Moment vergaß sie einfach weiterzugehen. Je länger sie durch diese Galerie lief, desto mehr hatte sie das Gefühl, in eine Welt geraten zu sein, deren Ausmaß sie bisher nicht einmal hatte erahnen können.
Als sie sich schließlich wieder in Bewegung setzte, wanderte ihr Blick von einem Regal zum nächsten. Da war längst nicht mehr nur die Journalistin in ihr, die sich Einzelheiten für eine Reportage merkte. Sie war fasziniert. Von diesem Haus, von dem, was sie hier entdeckte, und immer mehr auch von dem Mann, der all das um sich herum geschaffen hatte.
Beim Frühstück hatte Hugo ihr gegenübergesessen, ruhig, höflich, beinahe zurückhaltend. Und hier unten breitete sich auf einmal eine ganze Welt von Dingen aus, für die er sich offenbar begeisterte. Wie viel davon hatte er selbst ausgesucht? Fuhr er zu den Weingütern, kannte die Menschen hinter den Flaschen, wusste bei jedem Whisky, warum gerade der hier stand?
Sie blieb vor einem der Regale stehen und strich mit dem Blick über die Flaschen. Wie war er eigentlich, wenn ihn etwas wirklich begeisterte? Die Frage hatte mit ihrer Reportage vermutlich längst nicht mehr viel zu tun.
Sie musste an Claire denken. Hugos Sammelleidenschaft. Mara hatte dabei vor allem an Kunst gedacht. Jetzt ärgerte sie sich beinahe ein wenig darüber, wie schnell sie ihn selbst in diese Schublade gesteckt hatte: Milliardär, Investor, Kunstsammler. Mit jedem Raum, den sie in diesem Haus entdeckte, passte weniger von dem Mann, den sie kennenlernte, in dieses einfache Bild.
Und sie merkte, dass ihr genau das gefiel.
Sie schritt die Regale langsam ab, blieb immer wieder stehen und erreichte schließlich einen weiteren runden Raum. Dahinter veränderte sich die Atmosphäre wieder.
Durch große Glasfronten, fast wie Schaufenster, entdeckte sie einen hauseigenen Friseur- und Visagistenbereich, daneben Räume für Maniküre und Pediküre. Alles leer, alles bereit.
Das durfte doch wohl nicht wahr sein.
Ein kleiner Stich Neid meldete sich. Nicht auf die Frauen, sagte sie sich. Auf den Komfort. Schließlich wurden die hier fürs Vögeln bezahlt und bekamen offenbar auch noch das komplette Schönheitsprogramm frei Haus.
Sie betrachtete die leeren Sessel hinter dem Glas.
War ich gerade ernsthaft neidisch auf Nutten?
Offenbar ein bisschen.
Mara schüttelte den Kopf über sich selbst und ging einen Schritt schneller. Bloß weg hier. Dann sah sie die Stufen und den Fahrstuhl wieder, die sie gestern schon vom Spa aus gesehen hatte. Sie war zurück am Spa-Bereich.
Sie blieb stehen.
Natürlich.
Der Keller war nicht einfach nur ein Keller. Er war eine Verbindung zwischen den beiden Flügeln des Hauses. Man musste überhaupt nicht jedes Mal um den Innenhof laufen. Wie hatte sie nur annehmen können, dass Hugo etwas so Naheliegendes nicht ebenfalls gesehen hatte?
Gestern hatte sie sich noch ein wenig daran festgehalten, dass hier vielleicht doch nicht alles bis ins Letzte durchdacht war. Dass dieses gewaltige Haus eben auch seine Unzulänglichkeiten hatte. Und jetzt stand sie hier und kam sich ein wenig töricht vor.
Noch unangenehmer war ihr etwas anderes. Sie war immer stolz darauf gewesen, Menschen nicht vorschnell zu beurteilen, und genau das tat sie seit ihrer Ankunft ständig. Eben hatte sie noch die Bilder vor Augen gehabt, wie die Frauen sich hier frisieren, schminken und die Nägel machen ließen, und schon war daraus in ihrem Kopf ein Leben geworden, in dem sie den ganzen Tag nichts anderes taten.
Hör auf, sie schon wieder in eine Schublade zu stecken. Du weißt doch noch gar nicht, wie sie hier leben. Du bist gerade einmal den zweiten Tag da.
Mara atmete tief durch.
Sei professionell. Reiß dich zusammen.
Sie setzte sich auf eine der Treppenstufen und schloss für einen Moment die Augen.
Was war eigentlich mit ihr los?
Sie war nicht der Typ, der auf materielle Dinge neidisch wurde. Jedenfalls hatte sie das bisher von sich geglaubt. Und sie brauchte ganz bestimmt nicht auf diese Frauen neidisch zu sein. Sie hatte ihr eigenes Leben, ein selbstbestimmtes Leben, einen Mann, der sie begehrte und der sie liebte.
Langsam wurde sie ruhiger.
Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick nach oben. In einer Ecke unter der Decke hing eine Kamera.
Natürlich.
Für einen Moment fragte sie sich, ob irgendjemand gerade zugesehen hatte, wie sie hier auf der Treppe saß und versuchte, sich selbst wieder in den Griff zu bekommen.
Großartig.
In diesem Moment öffnete sich die Glastür zum Spa-Bereich.
„Wenn es noch einmal Schwierigkeiten gibt, rufen Sie mich einfach an.“
Mara blickte hinüber. Zwei Frauen standen an der Tür. Die eine blieb im Spa-Bereich, die andere trat in den Korridor. Ende fünfzig, vielleicht etwas älter als Hugo. Gepflegt, teuer gekleidet, mit einer Ausstrahlung, die Mara sofort denken ließ: Seht her, hier bin ich.
„Natürlich, Frau Bokova.“
Die Frau wandte sich um und ging in Richtung Sammelgalerie. Mara hatte beinahe automatisch wenigstens einen kurzen Blick oder ein Nicken erwartet, doch Frau Bokova beachtete sie nicht.
Mara sah ihr nach und blickte dann wieder zum Spa. Hinter der gläsernen Tür kam ein Hausmädchen auf sie zu und trat in den Treppenhausflur.
„Entschuldigung. Wer war das?“
Das Hausmädchen folgte Maras Blick.
„Das ist Frau Bokova.“
„Und was macht sie hier?“
Die junge Frau zögerte kurz. „Ich möchte keinen Ärger bekommen, Miss.“
Bevor Mara noch etwas fragen konnte, ging das Hausmädchen schnellen Schrittes an ihr vorbei und die Treppe hinauf.
Mara erhob sich ebenfalls. Für heute hatte sie genug vom Keller gesehen. Sie strich ihren Rock glatt, nahm die Treppe nach oben und machte sich auf den Weg zum Frauenwohnzimmer.
Sie wusste, dass sie hier eigentlich nichts zu suchen hatte. Claire war gestern unmissverständlich gewesen: Der private Schlaftrakt war tabu. Trotzdem ging Mara weiter. Sie würde schließlich keines der Zimmer betreten. Nur den Korridor entlanggehen. Mehr nicht.
Eine ziemlich großzügige Auslegung der Anweisung, und das wusste sie selbst. Gerade deshalb spürte sie dieses leichte Kribbeln, als sie weiterging. Es war lächerlich – sie tat nichts weiter, als einen Flur entlangzulaufen –, und trotzdem fühlte es sich an, als hätte sie eine Grenze überschritten.
An der langen Wand hingen die Gemälde, die sie kannte. Während sie den Gang entlangging, fuhren die Schutzabdeckungen nacheinander hoch und gaben die Originale frei. Sie ging weiter, ohne stehen zu bleiben, bis mitten in der Reihe die breite doppelflügelige Tür auftauchte.
Hugos Schlafzimmer.
Ihre Schritte wurden langsamer, noch bevor sie es richtig merkte. Sie wusste, was dahinterlag, aber nicht, wie es dort aussah. Wie sein Bett aussah. Wie er dort schlief. Wie er war, wenn diese Tür hinter ihm zufiel.
Ein warmes Ziehen breitete sich in ihrem Bauch aus. Sie blieb vor der Tür stehen und musste sich eingestehen, dass ihre Neugier gerade nicht mehr besonders viel mit ihrer Reportage zu tun hatte.
Ein Mitarbeiter kam ihr entgegen, grüßte im Vorbeigehen und verschwand hinter der nächsten Ecke. Mara erwiderte den Gruß und folgte dem Korridor.
Wenig später stand eine der Türen offen. Mara warf im Vorbeigehen einen Blick hinein und verlangsamte unwillkürlich den Schritt. Der Salon dahinter wirkte deutlich üppiger als alles, was sie bisher im Haus gesehen hatte: schwere Möbel, dunkle Farben, Gold, eine Pracht, die beinahe etwas Russisches hatte. Sie sah noch einmal hinein, ging aber weiter.
Direkt gegenüber öffnete sich der Blick in einen kleineren, wesentlich gemütlicheren, fast intimen Raum. Durch die Fenster konnte sie den gepflasterten Hof sehen, auf dem ihr Mietwagen stand. Das musste der Nachtsalon sein, von dem Katya gesprochen hatte. Gleich daneben entdeckte sie einen Billardtisch, und wenige Schritte später erkannte sie die Raucherlounge wieder, in der sie schon mit Hugo gesessen hatte.
Dann erreichte sie das Frauenwohnzimmer und blieb in der Tür stehen. Schon auf den ersten Blick fühlte sich der Raum anders an als die Salons davor. Heller, weicher, persönlicher. Große Fenster öffneten ihn zum Garten, auf den Sofas lagen Kissen, Blumen und Pflanzen standen zwischen den Sitzgruppen, und vor der Sofalandschaft nahm eine breite gepolsterte Ottomane den Platz eines Couchtisches ein. Mara konnte sich sofort vorstellen, wie die Frauen hier saßen, die Schuhe irgendwo daneben, die Beine hochgelegt, ein Getränk in der Hand. Das hier war kein Raum, der Eindruck machen sollte. Hier machten sie es sich bequem.
Mara war allein. Sie erinnerte sich an das Bild vom Vortag, als sie die Frauen durchs Fenster gesehen hatte, entspannt zurückgelehnt, die Beine oben, als gehöre ihnen der Raum. Ohne lange darüber nachzudenken, nahm sie das als Einladung. Sie setzte sich auf eines der Sofas, streifte ihre High Heels ab, schob sich eines der Kissen in den Rücken und legte die Füße auf die Ottomane. Wenn die anderen das so machten, konnte sie das schließlich auch.
Sie holte ihr Notizbuch hervor, schlug eine freie Seite auf und machte es sich noch ein wenig bequemer, bevor sie zu schreiben begann.
Kurz darauf kam eine Mitarbeiterin herein und fragte, ob sie etwas trinken möchte. Mara bestellte Kaffee und Wasser, und wenig später stand beides auf einem Tablett vor ihr. Danach hatte sie den Raum wieder für sich.
Sie begann, die vergangenen Tage zu ordnen, und die Namen und Bilder kamen von selbst: die Isle of Man, Michael Schubert, Philipp, Christina, die Boeing, ABBA, Magnum, Hugos Mutter und ihre Angst vor dem Start. Sie schrieb, trank Kaffee, blätterte zurück, strich etwas durch und ergänzte an anderer Stelle. Doch immer wieder schob sich Hugo zwischen ihre Gedanken. Seine Stimme, seine Ruhe, die kleinen Gesten, auf die sie achtete, ohne es sich vorgenommen zu haben. Vorhin im Korridor hatte sie deutlicher gespürt, dass es ihr zunehmend schwerfiel, den Mann von der Geschichte zu trennen, die sie über ihn erzählen wollte.
Irgendwann war der Kaffee längst ausgetrunken, und erst als Mara wieder aufblickte, merkte sie, wie viel Zeit vergangen war.
Gegen vier Uhr erschien ein Butler im Frauenwohnzimmer und teilte ihr mit, Mr Voss hätte jetzt wieder Zeit für sie, wenn sie zum Tee kommen möchte. Es klang nicht wie eine Vorladung, sondern wie etwas vollkommen Selbstverständliches – vier Uhr, Tee, Hugo –, und gerade das gefiel ihr. Fast, als wäre dieser Termin längst ein fester Bestandteil ihres Tages.
Mara nahm die Füße von der Ottomane, zog das Kissen hinter ihrem Rücken hervor, schlüpfte wieder in ihre High Heels und klappte das Notizbuch zu. Während sie aufstand und ihren Rock glattstrich, merkte sie, dass sie sich auf das Wiedersehen freute. Ein bisschen mehr, als ihr lieb war.
Sie folgte dem Butler.
Der erste Teil des Weges war für sie von innen noch neu, doch durch die Fenster erkannte sie die Strecke wieder, die sie gestern mit Hugo draußen gegangen war. Sie durchquerten die lange, helle Diele mit dem offenen Dachstuhl und den dunklen Balken, in die sie am Vortag noch von außen geblickt hatte. Durch die Fenster sah sie die alte Eiche. Für einen Verbindungsraum war die Diele erstaunlich großzügig, fast verschwenderisch weit, bevor sie wieder in die schmaleren Flure überging, die Mara bereits kannte.
Als sie den Blauen Salon erreichten, wusste sie sofort, wo sie war. Von hier an hätte sie den Butler nicht mehr gebraucht. Gestern war ihr Bellaventra noch wie ein Labyrinth vorgekommen; heute ging sie durch den Blauen Salon zum Tee, als hätte sie diesen Weg schon öfter genommen.
Der Teesalon lag nur wenige Schritte vom Frühstückssalon entfernt. Mara dachte an den Morgen, an Stefany und Katya. Ob die beiden gleich auch hier sein würden?
Als sie eintrat, stellte sie fest, dass der Raum keineswegs leer war. Die hohe Fensterfront öffnete ihn zum Garten; davor erstreckte sich die breite überdachte Terrasse mit mehreren Sofagruppen. Im Salon verteilten sich kleine dunkle Tische mit gepolsterten Sesseln, dazwischen Teppiche, Blumen und Pflanzen. Rechts zog sich eine lange dunkle Anrichte entlang, auf der der Afternoon Tea bereits aufgebaut war.
An einem der Tische saßen die beiden Frauen, die Mara sofort wiedererkannte. Sie hatte sie am Morgen in der Saftbar gesehen, lachend und in Sportkleidung. Jetzt trug die eine ein kurzes grünes Kleid, ärmellos und leicht ausgestellt, mit einer Reihe auffälliger Knöpfe auf der Vorderseite, die andere ein schmales gelbes, das ihre Schultern freiließ und bis knapp über die Knie reichte. Vor ihnen standen Tee und kleine Teller.
Mit ihnen am Tisch saß Frau Bokova. Also gehörte sie tatsächlich hierher, in welcher Funktion auch immer. Die Reaktion des Hausmädchens im Keller hatte Mara nicht vergessen. Diese Frage würde sie im Auge behalten. Neben den drei Frauen wirkte das Personal auffallend zurückgenommen. Schwarz, hochgeschlossen, klare Schnitte, nur hier und da ein dezentes goldenes Detail. Kein tiefer Ausschnitt, kein kurzer Rock, nichts Körperbetontes.
Hugo saß ein Stück weiter mit einem Mann zusammen. Mara schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Groß, schlank, dunkles, an den Schläfen bereits leicht ergrautes Haar, markante Gesichtszüge. Der dunkelblaue Anzug saß tadellos, dazu ein weißes Hemd und eine goldbraune Krawatte. Er wirkte wie jemand, der sich in dieser Umgebung nicht nur selbstverständlich bewegte, sondern zu ihr gehörte.
Ihr Begleiter führte Mara zunächst zur Anrichte. Zwischen kleinen Törtchen, Kuchen und Sandwiches thronte eine Schwarzwälder Kirschtorte. Daneben standen kleine dunkle Schokoladentörtchen, jeweils mit einer feinen Chilischote dekoriert. Mara betrachtete sie kurz, entschied sich dann aber für ein Himbeertörtchen mit heller Creme und fein gehackten Pistazien.
„Das nehme ich.“
„Sehr gern. Und welchen Tee möchten Sie?“
Mara trat einen Schritt näher und ließ den Blick über die Auswahl wandern. Darjeeling, Earl Grey, Jasmin. Zum Himbeertörtchen vielleicht Jasmin? Nein, heute nicht.
„Den Darjeeling, bitte.“
Als sie zu Hugo kam, erhoben sich beide Männer. Mara registrierte es sofort. Schon wieder. Beim Frühstück war Hugo für sie aufgestanden, und offenbar war das keine beiläufige Höflichkeit gewesen. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich auf eine fast altmodische Weise willkommen – und musste sich eingestehen, dass ihr das gefiel.
„Dann sprechen wir später weiter“, sagte der Mann.
„Machen wir so.“
Sie verabschiedeten sich mit einem kurzen Händedruck, dann wandte Hugo sich Mara zu.
„Mara, das ist Edward Ashcombe, unser General Manager und Residenzdirektor. Edward, Mara Winter.“
Ashcombe reichte ihr die Hand. „Freut mich, Ms Winter.“
„Mich auch.“
„Wenn Ihnen hier etwas fehlt oder Sie einen Wunsch haben, wenden Sie sich jederzeit an mich.“
Mara sah ihn an. „Ich dachte, für Wünsche wäre der Concierge zuständig.“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf Ashcombes Gesicht. „Für Wünsche außerhalb Bellaventras ist der Concierge zuständig. Für die kleinen Wunder innerhalb des Hauses bin ich verantwortlich.“
„Das ist eine ziemlich hohe Messlatte.“
„Dafür bin ich hier.“
Er verabschiedete sich von Mara und wandte sich noch einmal Hugo zu. „Herr Voss.“ Dann ging er.
Mara sah ihm einen Moment nach, bevor sie sich setzte. „Kleine Wunder?“
„Edward nimmt seine Arbeit ernst.“
„Das habe ich bemerkt.“
Kurz darauf standen das Himbeertörtchen und eine kleine Kanne Darjeeling vor ihr. Mara ließ den Tee durch das Sieb in die dünnwandige Tasse laufen. Als sie aufsah, fiel ihr Blick noch einmal zu den beiden Frauen von der Saftbar und anschließend zu Frau Bokova. Der Teesalon war offensichtlich kein Ort, an dem Hugo sich eigens für sie zurückgezogen hatte. Es war einfach vier Uhr in Bellaventra, und wer Lust auf Tee hatte, kam hierher.
Trotzdem saß sie jetzt ihm gegenüber.
Hugo betrachtete ihr Törtchen. „Eine erstaunlich harmlose Wahl.“
Mara hob eine Braue. „Was hattest du denn erwartet?“
Sein Blick wanderte zu den kleinen Schokoladentörtchen auf der Anrichte. „Nach heute Morgen? Vielleicht etwas mit Chili.“
Sie lachte. „Du hältst mich für frech?“
„Ein bisschen.“
„Und das stört dich?“
Hugo sah sie einen Moment länger an. „Habe ich das gesagt?“
Mara lächelte und wartete, bis der Butler ihr den Darjeeling eingeschenkt hatte. Als er sich zurückzog, nahm sie die Tasse und sah Hugo an.
„War dein Vormittag noch anstrengend?“
Hugo schüttelte leicht den Kopf. „Nicht anstrengend. Voll.“
„Ist das ein Unterschied?“
„Ein ziemlich großer.“ Er nahm seine Tasse. „Viel zu tun zu haben stört mich nicht. Das gehört zu meinem Leben.“
„Und das gefällt dir?“
Hugo dachte kurz darüber nach. „Ich glaube, mir würde eher etwas fehlen, wenn plötzlich niemand mehr etwas von mir wollte.“
Mara lächelte. „Die Gefahr scheint überschaubar.“
„Das hoffe ich.“
Sie nahm einen Schluck Tee. „Heute Morgen hat man das ja gesehen.“
Hugo lächelte. „Aber ich hatte dir ja gesagt, dass wir später weitermachen.“
„Stimmt.“ Mara stellte die Tasse ab. „Du warst in Frankfurt.“
„Genau.“ Er lehnte sich etwas zurück. „Und inzwischen war ich achtzehn. Meine Eltern kamen zu meinem Geburtstag nach Frankfurt. Mein Vater schenkte mir einen gebrauchten BMW, einen dunkelblauen Dreihundertzwanzig i. Für mich war das damals ein großartiges Auto.“ Hugo lächelte. „Meine Mutter hielt allerdings etwas ganz anderes für dringend notwendig.“
Mara nahm einen Schluck Tee. „Was denn?“
„Sie machte sich ständig Sorgen, dass ich nicht genug aß oder irgendwann ohne Geld dastand, weil ich allein in Frankfurt lebte. Dass ich inzwischen bei der Bank arbeitete und mein eigenes Geld verdiente, änderte daran wenig. Bevor meine Eltern wieder nach Hause fuhren, drückte sie mir einen Tausendmarkschein in die Hand. Für einen Notfall.“
„Was für einen Notfall?“
„Genau das habe ich sie auch gefragt.“ Sein Lächeln wurde weicher. „Sie sagte: Wenn man das vorher wüsste, wäre es kein Notfall.“
Mara lachte.
„Damit war die Diskussion beendet. Ich nahm den Schein und legte ihn zu Hause in eine Schublade im Wohnzimmer.“ Er nahm einen Schluck Tee. „Bei der Bank hatte sich inzwischen auch etwas getan. Meine erste wirklich erfolgreiche Analyse hatte der Bank rund drei Komma zwei vier Millionen eingebracht. Ich kam mir vor, als hätte ich gerade die Finanzwelt neu erfunden.“ Hugo lächelte bei der Erinnerung. „Für die Bank waren das Peanuts, und weder meine Kollegen noch die Händler würdigten mich deshalb plötzlich eines zweiten Blickes. Das rückte die Dinge ziemlich schnell wieder zurecht.“
Er nahm einen Schluck Tee. „Und so saß ich abends zu Hause und spielte Computerspiele. Irgendwie musste ich schließlich darüber hinwegkommen, dass die gesamte Frankfurter Finanzwelt beschlossen hatte, mein außergewöhnliches Talent geschlossen zu ignorieren.“
Mara lachte. „Na, wie konnten die nur.“
„Das frage ich mich bis heute.“ Hugo hielt die ernste Miene noch einen Moment durch, bevor sie einem Lächeln wich.
„So, so. Du hast also viel Computerspiele gespielt. Und ich dachte, du wärst damals ständig auf der Piste gewesen.“
„Ach was.“ Hugo schüttelte amüsiert den Kopf. „Ich war achtzehn, unerfahren und bei Frauen ungefähr halb so souverän, wie ich gern gewesen wäre.“
Mara betrachtete ihn über den Rand ihrer Teetasse. „Das fällt mir jetzt ein bisschen schwer zu glauben.“
„Dann erzähle ich offenbar noch nicht gut genug.“
„Irgendwann fand ich die Idee hinter den Computerspielen interessanter als die Spiele selbst. Du entwickelst ein Programm einmal, und danach kannst du es praktisch unbegrenzt vervielfältigen und verkaufen, ohne dass jede weitere Kopie nennenswert Geld kostet. Das hat mich fasziniert. Und dann habe ich angefangen, mir Softwareunternehmen anzusehen.“
„Und dann?“
„Dann bin ich zu meinem Vorgesetzten gegangen und habe gefragt, ob ich mich auf amerikanische Tech- und Softwarewerte spezialisieren darf. Ein paar Tage später hatte ich das Okay.“
Mara legte die Gabel neben ihren Teller. „Du bist einfach hingegangen und hast gefragt.“
Hugo hob leicht die Schultern. „Warum nicht? Software war damals noch längst nicht so groß wie heute. Und mein Chef mochte mich. Ich glaube, er sah etwas in mir und gab mir die Chance.“
„Also. Softwarewerte.“
„Kurz nachdem ich den Bereich übernommen hatte, stand eine Frau an meinem Schreibtisch. Julia, sechsundzwanzig, Analyseabteilung für Derivate. Sie hatte selbst mehrfach darum gebeten, diesen Markt analysieren zu dürfen. Das wusste ich allerdings noch nicht.“ Hugo nahm einen Schluck Tee. „Sie sah mich an und sagte: Ich habe mehrfach darum gebeten, diesen Markt analysieren zu dürfen. Aber vermutlich fehlte mir dafür die entscheidende Qualifikation.“
Mara hob eine Braue. „Welche?“
Hugo lächelte. „Ich war achtzehn und ziemlich naiv. Ich habe sie tatsächlich gefragt.“
„Und?“
„Sie sah an mir herunter und sagte: Die haben Sie offenbar mitgebracht.“
Mara lachte. „Die gefällt mir.“
„Mir gefiel Julia auch.“ Er lächelte. „Sie stellte sich vor und setzte sich auf die Kante meines Schreibtisches. Das machte sonst niemand. Schon gar nicht bei mir. Und sagen wir so: Von dem Moment an fiel es mir etwas schwerer, mich ausschließlich für Softwarewerte zu interessieren.“
Mara betrachtete ihn über den Rand ihrer Tasse. „Ach. So unerfahren warst du dann offenbar doch nicht.“
„Nicht, wo du gerade denkst. Mein Blick blieb an ihrer Mitte hängen. Flacher, trainierter Bauch. Ich habe länger hingesehen, als höflich gewesen wäre. Natürlich hat sie es bemerkt.“
Mara verzog leicht den Mund. „So.“
„Sie erklärte mir, dass der nicht von allein so aussah. Dreimal die Woche Krafttraining, beim Essen aufpassen, unter der Woche kein Alkohol. Ich habe sie gefragt, ob sie den ganzen Aufwand tatsächlich nur für einen flachen Bauch betreibt.“
„Lass mich raten. Nein.“
„Natürlich nicht. Sie war sechsundzwanzig und hatte nicht vor, mit vierzig noch im Büro zu sitzen und Geschäftsberichte zu lesen. Ihr Plan war, sich einen reichen Banker zu angeln.“
Mara lachte. „Das hat sie dir so gesagt?“
„Genau so. Und sie hatte sogar eine Begründung. Die Männer in der Bank hätten genügend Auswahl. Wenn sie einem davon auffallen wolle, müsse sie etwas bieten, was die anderen Frauen nicht hätten.“
„Sie hat ihren Körper wie eine Investition behandelt.“
„Exakt.“ Hugo nickte. „Aufwand, Disziplin, erwartete Rendite. Das konnte ich verstehen.“
„Natürlich konntest du das.“
„Und dann machte sie es mir ziemlich leicht. Sie sagte: Wir sollten unser Gespräch vertiefen. Laden Sie mich doch einmal zum Essen ein.“ Hugo lächelte. „Das war selbst für mich eindeutig genug, um sie einzuladen.“
„Kluge Frau.“
„Sehr. Wir haben uns für den nächsten Abend verabredet. Sie bestellte Salat und Wasser, ich Pasta. Irgendwann fragte sie nach meinem Auto, und ich erzählte ihr vom BMW und gleich dazu, dass weder mein Vater noch ich reich seien.“
„Warum hast du ihr das erzählt?“
„Verlegenheit? Unsicherheit? Keine Ahnung. Ich war achtzehn. Nach dem Essen fuhr ich Julia noch nach Hause.“
Mara lächelte. „Oh. Schon damals ganz Gentleman.“
„Gelegentlich hatte ich lichte Momente. Leider waren die genauso schnell wieder vorbei. Vor ihrem Haus fragte Julia mich, ob ich noch auf einen Kaffee mit hochkommen wollte, und ich Depp erwiderte, dass ich gar keinen Kaffee trinke.“
Mara stellte ihre Tasse ab. „Das hast du nicht.“
„Doch. Vollkommen ernst gemeint.“
Sie lachte. „Hugo.“
„Julia brauchte einen Moment, dann hat sie gelacht und gesagt, es gehe gar nicht um den Kaffee.“
„Und dann?“
„Dann bin ich mit raufgegangen.“
Hugo nahm einen Schluck Tee. „Und oben war von meiner gerade wiedergewonnenen Auffassungsgabe nicht mehr viel übrig. Ich stand mitten in ihrem Wohnzimmer und wusste plötzlich nicht, wohin mit mir. In der Bank konnte ich vor Leuten über Millionen reden, aber bei Julia wusste ich nicht einmal, wohin mit meinen Händen.“
Mara lächelte. „Das Bild gefällt mir.“
„Ah, eine kleine Sadistin, was?“
„Ein bisschen gefällt dir das doch, dass ich mir das gerade bildlich vorstelle.“
Hugo ließ das unkommentiert. „Julia hat irgendwann aufgehört, mich zu siezen.“. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Ich bin ihr gefolgt und habe mich neben sie gesetzt. Dann legte sie ihre Hand auf mein Knie, sah mich an und sagte: Ich hätte gern einen Kuss.“
Hugo breitete die Hände aus, die Handflächen nach oben. „Nun saß da also diese attraktive Frau, sechsundzwanzig, ihre Hand auf meinem Knie, und sagte mir sogar noch, was sie wollte. Eigentlich eine Situation, in der selbst ein Achtzehnjähriger kaum noch etwas falsch machen konnte.“ Er ließ eine kurze Pause. „Und ich Depp sagte: Nein.“
Mara starrte ihn an. Dann lachte sie und legte kurz die Hand vor den Mund.
„Es tut mir leid. Aber sie sagt: Ich hätte gern einen Kuss. Und du sagst: Nein?“
„Es klang härter, als ich es meinte. Ich wollte irgendetwas Souveränes sagen, aber mein Kopf war plötzlich vollkommen leer. Und dann war dieses Nein schon draußen.“ Hugo verzog leicht den Mund. „Julia war beleidigt. Zu Recht. Ich habe mich entschuldigt und bin gefahren.“
„Wie war die Heimfahrt?“
„Ich habe mir auf der Fahrt alles an den Kopf geworfen, was mir eingefallen ist. Depp. Idiot. Trottel. Feigling. Amateur.“ Er lächelte schief. „Irgendwann habe ich vor Frust gegen das Lenkrad geschlagen.“
Mara lächelte. „Amateur gefällt mir besonders.“
„Vollständig. Zwischendurch musste ich an Nina denken. Und wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre – den würde ich nicht anfassen. In dem Augenblick habe ich gedacht: Dafür sorge ich schon selbst.“
Mara lehnte sich ein wenig zurück und musterte ihn. „Armer Hugo.“
„Es war eine schwere Zeit. Und zu allem Überfluss bekam ich Magenschmerzen.“
„Wie schrecklich. Und das alles wegen einer Frau“, sagte Mara.
„Zu Hause wurden die Schmerzen immer heftiger. Und was macht man mit achtzehn, wenn man dringend einen Rat braucht? Man ruft seinen Kumpel an.“
„Michael?“
„Jup.“
Mara lächelte. „Und im Gegensatz zu früher hatte er diesmal sogar einen brauchbaren Rat.“
„Lass hören.“
„Alkohol.“ Hugo machte eine kurze Pause. „Genauer gesagt: Fernet-Branca. Auf meinen Einwand, dass ich so etwas nicht zu Hause hatte und auch nicht wusste, wo man es herbekam, hatte Michael, ganz der Problemlöser, natürlich sofort eine Lösung: Ich sollte in eine der besseren Hotelbars gehen und einen doppelten Fernet-Branca bestellen. Wenn es ganz schlimm sei, auch einen dreifachen.“
„Fernet-Branca“, wiederholte Mara. „Gegen Magenschmerzen.“
„Das Zeug brennt dir den Magen aus, sagte er.“
Mara lachte. „Und das hast du befolgt.“
„Ich also ins nächste bessere Hotel, damals gleich bei mir um die Ecke, und habe mir einen Doppelten bestellt.“ Hugo verzog bei der Erinnerung das Gesicht. „Es war entsetzlich. Ich habe mich so geschüttelt, dass der Barkeeper mich schon ziemlich mitleidig angesehen hat.“
„Der große Hugo Voss.“
„Damals eher der achtzehnjährige Hugo Voss, der sich von einem Fernet-Branca besiegen ließ.“ Er lächelte. „Aber Michael hatte recht. Die Magenschmerzen waren danach tatsächlich weg. Also bin ich am nächsten Abend wieder hingegangen. Und am übernächsten auch. Irgendwann gehörte es einfach dazu.“
Mara lächelte. „Fernet-Branca und schütteln.“
„Fernet-Branca und schütteln.“
Mara schüttelte lachend den Kopf. „Irgendwie bilde ich mir ein, diesen Jungen vor mir zu sehen.“
„Dabei sitze ich doch hier.“
„Gerade deshalb.“
Hugo betrachtete sie amüsiert. „Willst du hören, wie es weitergeht, oder soll ich dich noch ein bisschen weiter amüsieren?“
„Beides.“
„Das dachte ich mir.“
Mara nahm sich zusammen. „Ich höre.“
„Gut. Ab jetzt kommen Geld und Sex.“
„In dieser Reihenfolge?“
„Zunächst.“
Er lehnte sich etwas zurück. „Da war diese amerikanische Softwarefirma. Die Händler hielten sie für tot. Solide, langweilig, nichts, womit man noch groß Geld verdienen konnte. Ich habe mir trotzdem die Berichte vorgenommen und irgendwann festgestellt, dass etwas nicht zusammenpasste. Das Geschäft wurde schlechter, aber die Zahlen sahen immer besser aus.“
Mara runzelte die Stirn. „Und das geht nicht?“
„Nicht besonders lange.“ Er lächelte. „Ich habe alles mehrfach durchgerechnet und bin schließlich zu meinem Vorgesetzten gegangen. Die Bank ist eingestiegen. Auf fallende Kurse. Achtzig Millionen Mark.“
Mara hielt die Tasse auf halbem Weg inne. „Entschuldige. Hast du gerade achtzig Millionen gesagt?“
„Geld der Bank. Aber meine Analyse.“
„Mit achtzehn.“
„Mit achtzehn. Entsprechend wenig habe ich in den nächsten Wochen geschlafen.“ Hugo lächelte. „Dann fiel der Kurs um mehr als zweiundzwanzig Prozent. Am Ende blieben der Bank rund siebzehneinhalb Millionen Mark Gewinn.“
Mara sah ihn an. „Und diesmal haben sie dich bemerkt.“
„Oh ja.“
Mara wartete einen Moment, aber Hugo sagte nichts weiter. Er saß ihr gegenüber und schien die Szene vor seinem inneren Auge ablaufen zu sehen.
„Was haben sie gemacht?“, fragte sie schließlich.
„Mich plötzlich ernst genommen. Einer blieb an meinem Schreibtisch stehen und fragte nach meiner Meinung, ein anderer sah auf, wenn ich vorbeiging.“
‚Das hat dir gefallen.‘
‚Natürlich. Ich hatte lange genug dagesessen und mich gefragt, ob sie überhaupt wussten, wie ich heiße.‘
„Da war dieser eine Händler. Klein, rote Haare, Sommersprossen, die Ärmel immer hochgekrempelt. Die anderen nannten ihn Samenschleuder.“
Mara hob eine Braue. „Samenschleuder?“
„Dazu kommen wir noch.“
„Ein paar Tage später standen wir mit einigen Händlern in der kleinen Küche neben dem Handelssaal. Samenschleuder hatte einen Taschenrechner in der Hand und rechnete unseren Gewinn hoch. Irgendwann sah er davon auf, grinste mich an und sagte: Voss, wenn du eine Frau wärst, ich würde dich ficken.“
Mara lachte auf. „Das hat er gesagt?“
„Wortwörtlich.“ Hugo lächelte. „Und ich habe ihn gefragt, was das mit der Rendite zu tun hat.“
Hugo ließ eine kleine Pause. „Dann haben sie alle gelacht. Samenschleuder klopfte mir auf die Schulter und sagte: Jesus, Voss. Du bist wirklich achtzehn.“
Im Teesalon lachte Mara noch immer. „Du hast ihn wirklich gefragt, was das mit der Rendite zu tun hat.“
„Natürlich. Ich wollte es ja wissen.“
Je länger er erzählte, desto leichter fiel es ihr, den Achtzehnjährigen in dem Mann vor sich zu erkennen.
„Danach haben sie zum ersten Mal mit mir gelacht“, sagte Hugo.
Ihr Lächeln wurde schwächer.
„Und am nächsten Abend haben sie mich mitgenommen.“
„Wohin?“
„Jetzt kommen wir zum Sex.“
„Sie haben mich in ein Restaurant zwei Straßen von der Bank mitgenommen. Separater Raum, langer Tisch, nur die Männer vom Handelssaal. Ich habe mich einfach an ihnen orientiert. Sie lockerten ihre Krawatten, ich meinen Hemdknopf. Ich bestellte ein Steak und ein Wasser.“
„Wasser.“
„Samenschleuder sah zum Kellner. Nicht heute Abend. Heute feiern wir deinen ersten richtigen Treffer. Dafür trinkt man was Ordentliches. Bring ihm ein Bier.“
„Und du hast widersprochen?“
„Natürlich nicht.“ Hugo grinste. „Die ersten zwanzig Minuten ging es noch um den Markt. Mit dem zweiten Bier wurde es privater. Kunden, Frauen, irgendwelche Geschichten aus dem Handelssaal. Ich saß da, hörte zu und war einfach froh, zum ersten Mal dazuzugehören.“ Hugo lächelte. „Bis Samenschleuder mich irgendwann ansah und fragte: Und du, Voss? Hast du schon mal eine Frau nackt gesehen? Also nicht nur im Playboy?“
Mara musste lachen. „Sehr feinfühlig.“
„Das war nicht unbedingt seine Stärke. Plötzlich sahen mich alle an. Ich wusste, dass ich jetzt besser nicht Nein sagen sollte.“
Mara lehnte sich ein Stück vor. „Was hast du gesagt?“
„Ich bin achtzehn. Was glaubst du?“
„Sehr souverän.“
„Fand Samenschleuder nicht. Er grinste nur und sagte: Ich glaube, du hast noch nie eine echte Frau nackt gesehen, geschweige denn eine gehabt.“
Mara ließ sich lachend wieder zurücksinken. „Autsch.“
„Ungefähr so hat es sich angefühlt. Die anderen fanden es jedenfalls großartig. Samenschleuder klopfte mir auf die Schulter und sagte: Nun, dann ändern wir das heute, Junge.“
„Hattest du bis dahin wirklich noch nie mit einer Frau geschlafen?“
„Nein.“
„Dabei warst du bei Julia ziemlich nah dran.“
„Ich erinnere mich.“
„Hat dich das nicht geärgert? Diese Fragen am Tisch?“
„Ein bisschen. Aber ich wollte dabei sein.“ Hugo lächelte. „Das war für mich damals das Entscheidende. Mit jedem Bier wurden die Geschichten lauter, die Witze schlechter und ich gehörte plötzlich dazu. Ich fand das großartig.“
Mara sah ihm an, dass er es tatsächlich großartig gefunden hatte. Selbst jetzt erzählte er davon anders als von den Millionen; lebendiger, und sein Lächeln verriet ihr, wie viel Spaß ihm die Erinnerung noch immer machte.
„Irgendwann erzählte einer der älteren Analysten von seiner geschiedenen Frau, die bei der Scheidung die Hälfte seiner ersten Million bekommen hatte. Samenschleuder pfiff durch die Zähne und sagte, eine halbe Million für eine Fotze sei Wucher. Der Analyst erwiderte, die zweite Million habe er behalten, weil er gelernt habe.“ Hugo grinste. „Das Gelächter kannst du dir vorstellen.“
Mara verzog den Mund. „Ein ausgesprochen charmanter Abend.“
„Für mich damals? Großartig. Und ich saß zum ersten Mal mittendrin.“
Mara betrachtete ihn. Typisch Männer. Geld, Bier und schlechte Witze. Offenbar hatte es erstaunlich wenig gebraucht, um den jungen Hugo Voss glücklich zu machen.
„Als wir das Restaurant verließen, war es dunkel. Die anderen standen auf dem Bürgersteig, rauchten, und Samenschleuder winkte ein Taxi heran. Und ehe ich mich versah, hatten sie mich da hineinverfrachtet.“
„Einfach so?“
„Einfach so. Wenn du der Neue bist, hältst du die Klappe und gehst mit.“
„Im Taxi saß ich hinten zwischen Samenschleuder und einem der älteren Analysten. Samenschleuder sah mich irgendwann an und sagte: Guck ihn dir an. Der sitzt da, als würden wir ihn gleich fressen.“
Mara lächelte.
„Samenschleuder zog mich natürlich weiter auf. Der ältere Analyst neben mir meinte irgendwann: Lass den Jungen. Der lernt heute etwas fürs Leben. Samenschleuder sah ihn an und sagte trocken: Von dir? Dann lieber nicht.“ Hugo grinste. „Ein bisschen später beugte er sich zu mir und sagte: Kleiner, ich geb dir den Rat deines Lebens: Das Kondom bringst du immer selbst weg.“
Mara hob die Brauen. „Bitte was?“
„Ungefähr meine Reaktion. Er erzählte mir dann, seine Frau habe nach dem Sex angeboten, das Kondom wegzuwerfen. Als sie nicht zurückkam, sei er ihr nachgegangen und habe sie im Nebenzimmer mit hochgelegten Beinen gefunden. Sie hatte versucht, das Sperma aus dem Kondom zu benutzen, um schwanger zu werden.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“
„Doch. Die Ehe war praktisch vorbei. Samenschleuder war überzeugt, sie wollte vorher noch ein Kind von ihm, damit er ihr nicht so leicht davonkam.“ Hugo hielt kurz inne. „Und bevor ich überhaupt wusste, was ich darauf sagen sollte, meinte der andere nur: Hat funktioniert.“
Mara verzog das Gesicht.
„Samenschleuder sagte, die Ehe sei kurz darauf endgültig in die Brüche gegangen und nun zahle er. Darauf der andere: Und deshalb heißt er Samenschleuder.“
Mara lachte. „Jetzt verstehe ich den Namen.“
„Samenschleuder nannte es Verleumdung. Aber mir ging etwas anderes nicht mehr aus dem Kopf: dass ich mit einer Frau schlafen konnte und danach etwas passieren konnte, über das ich keine Kontrolle mehr hatte.“
Mara betrachtete ihn. Da war er wieder, der Hugo, den sie inzwischen kannte. Nicht der Sex hatte sich in seinem Kopf festgesetzt, sondern der Kontrollverlust.
„Hat dir das Angst gemacht?“
„Es hat mich beschäftigt. Die anderen waren mit der Geschichte längst fertig. Ich noch nicht.“
„Und natürlich hatten sie auch dafür eine Lösung.“
„Natürlich. Der ältere Analyst meinte, ein vernünftiger Mann gehe zum Arzt und lasse sich die Leitung kappen. Samenschleuder hielt dagegen: Das könne man machen, aber vor allem bringe man sein Kondom selbst weg und spüle es im Klo runter.“
Mara hob eine Braue. „Das waren ja wirklich fürsorgliche Kollegen.“
„Dann hielt das Taxi an. Erst als die anderen ausstiegen, begriff ich, dass wir vor einem Bordell standen.“
„Und?“
„Ich blieb erst einmal sitzen.“ Hugo lächelte diesmal nicht. „Nun, sagen wir mal, ich hatte so etwas wie eine leichte Angstattacke.“
„Vor deinen Kollegen?“
„Auch. Einen Spitznamen wie Samenschleuder oder Mister Minute wollte ich mir nicht gleich am ersten Abend einfangen.“
Typisch. Gerade erst aufgenommen, und schon war die Angst, sich vor den anderen zu blamieren, größer als die Angst vor dem Bordell selbst.
„Und trotzdem bist du ausgestiegen.“
„Natürlich. Wenn du der Neue bist, kannst du schlecht im Taxi sitzen bleiben, während alle anderen ins Bordell gehen.“
„Und die Angst?“
„Die ist mit ausgestiegen. Am nächsten Morgen wurde praktisch nicht mehr darüber gesprochen. Einer fragte nur, wie es mir gefallen hätte.“
„Und? War es gut?“
Hugo dachte einen Moment nach. „Den Sex fand ich geil. Was mich gestört hat, war der Ort. Ich musste ständig daran denken, wer vor mir dort gewesen war. In dem Zimmer, in dem Bett, bei dieser Frau.“
Mara verzog leicht das Gesicht.
„Schweiß, Körperflüssigkeiten, die Laken, dieser Geruch nach Desinfektionsmittel.“ Hugo schüttelte den Kopf. „Je mehr ich darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde mir die Vorstellung.“
„Du konntest das nicht ausblenden.“
„Nein. Aber auf Sex verzichten wollte ich deswegen auch nicht. Ich wollte nur nicht wieder dorthin.“
„Und was hast du gemacht?“
„Samenschleuder gefragt.“ Hugo grinste. „Seine Lösung war erwartbar pragmatisch: Wenn ich mich davor ekelte, sollte ich die Frau eben zu mir holen und vorher unter die Dusche schicken.“
„Und das hast du dir natürlich gemerkt.“
„Es erschien mir sinnvoll. Bei mir wusste ich wenigstens, wer zuletzt im Bett gelegen hatte.“
„Du.“
Hugo nickte. „Und das hat einen großen Unterschied gemacht. Also habe ich die Kontaktanzeigen durchgesehen. Begleitservice, Escorts, solche Sachen. Eine Anzeige klang vielversprechend: groß, blond, schlank und nahezu jedem Wunsch gegenüber aufgeschlossen. Ich rief an und verabredete mich mit ihr in einem Hotel. Neutraler Boden – falls sie mir nicht gefiel. Wenn doch, wollte ich sie mit zu mir nehmen.“
„Und sie entsprach der Anzeige nicht.“
Hugo grinste. „In der Anzeige stand Mitte zwanzig und schlank. Nichts davon stimmte. Die Frau war mindestens doppelt so alt. Zwanzig war höchstens die Handtasche, die sie trug.“
Mara lachte. „Und was hast du gemacht?“
„Sie kam auf mich zu, und ich wusste, ich hätte ihr einfach sagen müssen, dass ich es mir anders überlegt hatte.“
„Aber?“
„Ich habe mich nicht getraut und bin durch die Seitentür abgehauen.“
Mara starrte ihn an. „Du hast sie einfach stehen lassen?“
„Ohne ein Wort.“
Sie schüttelte den Kopf und musste trotzdem lachen. „In der Bank erklärst du erwachsenen Männern, warum sie falschliegen, aber einer Frau kannst du nicht sagen, dass du nicht mit ihr schlafen möchtest.“
„Bei Zahlen war ich sicherer.“ Hugo lächelte. „Und die Seitentür war überzeugender.“
Mara lachte.
„Danach war ich allerdings so angespannt, dass sich mein Magen wieder meldete. Also bin ich erst einmal ins Hotel und habe ihn mit einem Fernet-Branca beruhigt.“
„Natürlich.“
„Bewährte Medizin.“
„Dem Barkeeper habe ich irgendwann erzählt, was mir passiert war. Er hörte sich die Geschichte an, zuckte mit den Schultern und sagte nur: Auf alten Fregatten lernt man das Segeln.“
Mara lachte. „Charmant.“
„Dann deutete er mit dem Kopf auf eine junge Frau am Tresen und sagte: Wenn dir das eher gefällt, dann geh doch zu ihr.“
„Einfach so?“
„Das habe ich ihn auch gefragt. Also erklärte er mir tatsächlich Schritt für Schritt, wie man eine Frau anspricht. Hingehen, vorstellen, fragen, ob ich ihr etwas ausgeben darf. Und dann hat er mich losgeschickt.“
„Und du bist gegangen?“
„Mit feuchten Händen und dem dringenden Wunsch, wieder durch irgendeine Seitentür zu verschwinden. Aber ja.“
Mara lächelte.
„Ich ging zu ihr und fragte, ob ich ihr einen Weißwein ausgeben dürfte. Sie sagte ja, und ich setzte mich auf den freien Hocker neben ihr. Dann stellte ich mich vor. Ich bin Hugo. Und sie sagte: Lena.“
„Lena“, wiederholte Mara.
„Ich sagte ihr, dass ich sie schon ein paarmal dort gesehen hätte. Darauf meinte sie, sie hätte mich auch schon gesehen.“
„Das dürfte dir gefallen haben.“
„Bis sie erklärte, warum.“ Hugo grinste. „Du bist derjenige, der sich nach jedem ersten Schluck schüttelt.“
Mara lachte. „Sie kannte dich also schon vom Sehen.“
„Offensichtlich.“
„Dann war sie wohl öfter in dieser Bar.“
„Das war sie.“
„Und wie ging es weiter?“
„Ich sagte ihr irgendwann, dass ich den Fernet eigentlich überhaupt nicht mochte. Sie fragte mich, warum ich ihn dann trank, und ich erklärte ihr, dass er meinen Magen beruhigte. Darauf wollte sie wissen, ob ich einen so anstrengenden Beruf hätte.“
„Und du hast ihr von der Bank erzählt?“
„Ein bisschen.“ Hugo lächelte. „Dann fragte sie mich, ob ich nicht etwas Entspannung gebrauchen könnte.“
Mara hob eine Braue. „Da wusstest du, worauf sie hinauswollte.“
„Nicht sofort. Ich war erst einmal ziemlich verdutzt. Aber ich war ja selbst mit einem gewissen Hintergedanken zu ihr gegangen.“
„Also?“
„Also sagte ich ja.“ Hugo machte eine kurze Pause. „Und Lena sagte, sie nehme dreihundert Mark die Stunde.“
Mara sah ihn an. „Du wusstest vorher nicht, dass sie dafür Geld wollte?“
„Nein. Aber immerhin wusste ich jetzt, was sie mir anbot.“ Hugo lächelte. „Ich fragte sie, ob sie mit zu mir kommen würde. Darauf sagte sie, dann bliebe sie zwei Stunden und nehme fünfhundert Mark.“
„Und?“
„Das war natürlich das deutlich bessere Preis-Leistungs-Verhältnis.“
Mara starrte ihn an. „Hugo! Du hast das ausgerechnet.“
„Na klar.“
Mara schmunzelte und schüttelte den Kopf.
„Also trank sie ihren Wein aus, ich bezahlte, und wir gingen zu mir. Auf dem Weg wurde ich mit jedem Schritt nervöser.“
„Wieder Angst?“
„Diesmal eher eine Mischung aus Nervosität und Vorfreude.“ Hugo lächelte. „In meiner Wohnung zog Lena ihren Mantel aus und kam auf mich zu. Sie blieb direkt vor mir stehen, sah mich einen Moment an und küsste mich.“
„Und?“
„Ich habe zurückgeküsst und für einen Moment tatsächlich vergessen, warum sie überhaupt mitgekommen war.“ Er hielt kurz inne. „Bis sie sich von mir löste und sagte, wir sollten vorher noch das Finanzielle regeln.“
„Romantisch.“
„Außerordentlich.“ Hugo grinste. „Ich ging ins Wohnzimmer, öffnete die Schublade und holte den Tausendmarkschein heraus.“
„Der von deiner Mutter.“
„Genau der. Ich fragte Lena, ob sie mir darauf herausgeben könnte. Sie sah erst den Schein an, dann mich und sagte, für tausend Mark würde sie die ganze Nacht bleiben.“
„Die ganze Nacht?“
„Bis zum nächsten Morgen. Wenn ich wollte, sogar bis zum Frühstück.“
Mara schüttelte amüsiert den Kopf. „Und deine Wirtschaftlichkeitsprüfung?“
Hugo grinste. „Hervorragend.“
„Danach zog sie sich aus und ließ mich schauen.“ Hugo hielt kurz inne. „Und da ist mir ihr Bauch aufgefallen. Flach, mit diesen beiden feinen Linien seitlich unterhalb des Brustkorbs, die zur Taille hinunterliefen. Ich konnte kaum wegsehen.“
Mara musste unwillkürlich an Katya am Frühstückstisch denken, an das kurze Sporttop und den freien Bauch. Interessant.
„Lena hat es natürlich bemerkt. Sie fragte mich, ob sie mir gefiele. Ich sagte ja. Dann strich sie mit den Fingern leicht über ihren Bauch und fragte: Und der?“
„Was hast du gesagt?“
„Sehr.“ Hugo lächelte. „Mehr habe ich nicht herausgebracht.“
Mara musste lächeln.
„Ich wollte sie berühren, und genau in dem Moment kam mir wieder das Bordell in den Kopf. Also fragte ich sie, ob sie vorher duschen würde.“
„Wie romantisch.“
„Ich hatte tatsächlich Angst, dass sie beleidigt sein könnte. Aber sie sagte einfach: Natürlich.“
„Sonst nichts?“
„Nichts. Keine Frage, kein Lachen. Sie ging einfach duschen.“ Hugo schwieg einen Moment. „Das hat mich beruhigt.“
„Und danach?“
„Danach war ich so nervös, dass mein Körper offenbar beschlossen hatte, die Sache ohne weitere Rücksprache möglichst schnell zu erledigen.“ Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Sagen wir so: Es war eigentlich schon vorbei, bevor es richtig angefangen hatte.“
Mara brauchte einen Moment. „Ach, ein Speedy Gonzales.“
Hugo sah sie trocken an. „Danke. Am nächsten Morgen war es übrigens nicht wesentlich besser.“
Mara grinste. „Immer noch Speedy Gonzales?“
Hugo verzog den Mund. „Wunder gibt es immer wieder. Mir ist in dieser Nacht allerdings keines widerfahren.“
Mara lachte. „Du scheinst es überlebt zu haben.“
„Am nächsten Morgen fiel mir wieder ein, dass sie gesagt hatte, sie könne sogar bis zum Frühstück bleiben. Nur hatte ich nichts da. Tütensuppe, ein paar Konserven, das war ungefähr mein gesamter Vorrat. Also fragte ich sie, ob wir irgendwo frühstücken gehen wollten.“
„Und?“
„Sie sagte zu.“
„Ihr seid frühstücken gegangen.“
„Ja. Und am Montag habe ich mir bei der Bank erst einmal zweitausend Mark in Hundertmarkscheinen auszahlen lassen. Meine neue Notfallreserve.“ Hugo lächelte. „Jedenfalls war die Sache danach für mich plötzlich nicht mehr ganz so kompliziert. Ich wusste jetzt zumindest, dass ich eine Frau ansprechen konnte, ohne anschließend durch eine Seitentür flüchten zu müssen.“
„Ein Fortschritt.“
„Ein erheblicher. Also bin ich in den kommenden Wochen durch verschiedene Hotelbars gezogen und habe versucht herauszufinden, welche Frauen dort aus demselben Grund waren wie Lena.“
„Erfolgreich?“
„Nicht immer. Manchmal habe ich mich nicht getraut, manchmal bestand sie auf ein Hotelzimmer, und das war mir zu teuer.“
„Return on Investment.“
„Das lag mir schon immer.“ Hugo grinste. „Mit der Zeit habe ich auch zu Hause ein bisschen aufgerüstet. Besseres Duschgel, Shampoo, Körperlotion. Alles mögliche Zeug für die Frauen. Wenn meine Mutter zu Besuch kam, habe ich das vorher immer weggeräumt.“
„Warum?“
„Weil es mir peinlich war, wenn sie das gesehen hätte. Als würde sie dann plötzlich wissen, dass ihr Sohn ein Sexualleben hatte.“
„Und hat sie es irgendwann gefunden?“
„Natürlich.“ Hugo grinste. „Und es war ihr überhaupt nicht unangenehm. Im Gegenteil. Für sie war offenbar völlig selbstverständlich, dass ich erwachsen wurde und irgendwann auch ein Sexualleben hatte.“
Mara musste lächeln. Wahrscheinlich waren Mutter-Sohn-Beziehungen in solchen Dingen überall gleich. Als Mutter hielt man für den eigenen Sohn vermutlich ohnehin keine Frau für wirklich gut genug.
Wobei – in diesem Fall waren es ja eh nur Prostituierte gewesen. Frauen, mit denen er schlief, aber sicher keine, die seine Mutter ernsthaft an seiner Seite gesehen hätte.
Mara sah unwillkürlich zu Stefany und Katya hinüber, und der Gedanke fühlte sich plötzlich unangenehmer an, als er eben noch geklungen hatte. So einfach war es offenbar nicht mehr, seit diese Frauen Gesichter und Namen hatten.
„Danach habe ich immer mal wieder verschiedene Frauen mit nach Hause genommen“, sagte Hugo. „Irgendwann wurde das ziemlich normal.“
Mara spürte einen kleinen Stich, der sie selbst überraschte. Lächerlich. Das war Jahrzehnte her, und trotzdem gefiel ihr die Vorstellung weniger, als sie sollte.
„Und Lena?“
„Die kam auch wieder.“
Mara sah ihn einen Moment an.
„Meistens habe ich sie für die ganze Nacht gebucht.“
„Wegen des besseren Preis-Leistungs-Verhältnisses?“
„Unter anderem. Ich mochte es, wenn morgens noch jemand da war. Von einer Frau geweckt zu werden, hatte durchaus seine Vorzüge.“ Er zwinkerte.
„Das glaube ich dir sofort.“
„Lena hat irgendwann etwas zu mir gesagt, über das ich damals überhaupt nicht nachgedacht hatte.“
„Was?“
„Dass ich sie gut behandeln würde. Das sei nicht selbstverständlich. Viele Männer, die regelmäßig buchen, würden mit der Zeit komisch. Besitzergreifend. Oder sie würden anfangen, die Frauen runterzumachen, weil sie glaubten, sie hätten das Recht dazu.“
„Und was hast du gesagt?“
„Dass ich schließlich auch dafür bezahle.“
„Sehr charmant.“
„Daraufhin sagte sie: Du behandelst mich nicht wie eine Nutte. Du behandelst mich wie eine Frau.“
„War dir klar, dass das für sie einen Unterschied machte?“
„Nein. Ich hatte nie darüber nachgedacht, ob ich sie deshalb anders behandeln sollte.“
Mara dachte an das Gespräch beim Frühstück, an seinen Satz, seine Mutter sei immer gut zu ihm gewesen. Ob das zusammenhing, wusste sie nicht. Aber es fiel ihr auf, dass er auch sie, Mara, seit Stunden auf dieselbe Weise behandelte. Mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts von ihr verlangte und ihr trotzdem das Gefühl gab, als Frau wahrgenommen zu werden. Eine leise Wärme breitete sich in ihr aus, und sie ärgerte sich ein wenig darüber, wie gut ihr das gefiel.
Hugo nahm einen Schluck Tee. „Und dann sagte sie noch etwas. Etwas, das sie normalerweise Männern nicht sagen würde, weil die meisten es ohnehin nicht hören wollten.“
Mara wartete.
„Sie sagte, ich sollte mich nicht nur um meinen eigenen Orgasmus kümmern, sondern auch um den der Frau. Und zwar nicht nur ihretwegen, sondern aus einer ziemlich egoistischen männlichen Perspektive.“
„So hat sie das gesagt?“
„Ziemlich genau.“
„Und wie hat sie das begründet?“
„Sie meinte, Männer würden versuchen, reich, gutaussehend, charmant oder erfolgreich zu sein und eine Frau finanziell zu verwöhnen. Aber nichts davon allein schaffe eine echte emotionale Bindung.“
Mara nahm ihre Tasse, trank aber nicht. „Und was dann?“
„Das habe ich sie auch gefragt.“ Hugo hielt kurz inne. „Und aus ihrer Welt kam sie auf Zuhälter.“
Mara begann langsam in ihrer Tasse zu rühren.
„Sie sagte, Geld, Druck oder Drogen könnten eine Frau zwar eine Zeit lang bei einem Mann halten. Aber guter Sex könne eine ganz andere Bindung schaffen. Wenn eine Frau sich bei einem Mann begehrt fühle und er sie sexuell wirklich befriedige, entstehe etwas, das sich nicht kaufen lasse.“
Hugo stellte seine Tasse ab. „Und dann kam sie auf mich zurück. Sie sagte, ich käme viel zu schnell. Für mich sei die Sache danach erledigt, während eine Frau oft noch gar nicht auf ihre Kosten gekommen sei. Darüber sollte ich einmal nachdenken. Was ich daraus machte, wäre aber meine Sache.“
„Und? Hast du darüber nachgedacht?“
„Natürlich. Es war eine Erklärung, die ich vorher noch nie gehört hatte.“
Mara stellte ihre Tasse ab. „Was hat dich daran interessiert? Ihre Lust oder der Einfluss?“
„Wohl beides.“
Hugo lehnte sich etwas zurück. „Lena war schon angezogen und stand mit ihrer Handtasche am Bett. Dann sah sie mich an und fragte: Hast du verstanden, was ich dir damit sagen wollte?“
„Und was hast du gesagt?“
„Ich glaube schon.“
Hugo lächelte. „Darauf sagte sie nur: Dann buch mich wieder.“
Er nahm einen Schluck Tee. „Damals dachte ich tatsächlich, ich hätte verstanden, was sie meinte. Als junger Mann glaubst du ziemlich schnell, du wüsstest jetzt, wie etwas funktioniert. Dabei gibt es bei einer Frau so viele Dinge, auf die du achten musst.“
„Und wann hast du gemerkt, dass du es doch nicht verstanden hattest?“
„Bei Sonja. Ich war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Hinterher fragte ich sie, ob sie gekommen sei.“
„Und?“
„Sie sagte Nein. Aber das sei nicht mein Problem.“
Mara verzog leicht das Gesicht. „Autsch.“
„Ich hatte mich wirklich bemüht und war überzeugt gewesen, diesmal alles richtig gemacht zu haben.“
„Was hast du ihr gesagt?“
Hugo sah kurz in seine Tasse. „Und ob das mein Problem ist, wenn du nicht kommst.“
Mara schwieg einen Moment. Eine unerwartete Wärme breitete sich in ihr aus. Ausgerechnet dieser Satz hatte etwas in ihr berührt, das mit ihrer Arbeit herzlich wenig zu tun hatte.
„Und?“
„Ich habe es weiter versucht. Was sonst. Aber sobald ich kurz davor war, dachte ich jedes Mal: Scheiß drauf. In dem Moment war mir mein eigener Orgasmus dann doch wichtiger.“
Mara verzog das Gesicht. „Typisch Mann.“
„Vermutlich. Als Lena das nächste Mal bei mir war, wollte ich es trotzdem wieder versuchen. Und eine ganze Weile dachte ich sogar, diesmal würde es funktionieren.“
„Bis?“
„Bis ich wieder kurz davor war. In dem Moment wollte ich nur noch kommen. Diese verdammte Erlösung endlich haben.“
„Und Lena?“
„Die hatte es längst gemerkt. Sie sah mich lächelnd an und sagte nur: Halt.“
„Halt?“
„Ja. Sie sagte: Halt, halt es zurück.“
„Einfach so?“
„Für mich war es die Hölle. Alles in mir wollte weitermachen. Ich musste stillhalten, die Augen schließen und versuchen, ruhig zu atmen. Und jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt geht es wieder, war dieser Druck sofort wieder da.“
Mara beobachtete ihn. „Und sie hat einfach zugesehen, wie du dich quälst?“
Hugo lachte leise. „Nicht ganz. Sie strich mir über die Wange und sagte immer wieder: Warte. Gut so. Noch ein bisschen.“
„Und du hast tatsächlich auf sie gehört?“
„Widerwillig. Aber ja.“ Er hielt kurz inne. „Irgendwann sah sie mich an und sagte: Merk dir: Erst ich. Dann du.“
Mara wurde still.
„Und dann habe ich zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, wie eine Frau kommt“, fuhr Hugo fort. „Wie sich ihr Körper anspannt, dieses Zittern, ihr Gesicht, ihr Atem. Ich hatte vorher nie wirklich darauf geachtet. Aber diesmal habe ich alles mitbekommen. Und je näher sie ihrem Höhepunkt kam, desto stärker wurde meine eigene Lust. Als sie schließlich kam, war es für mich intensiver als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.“
Mara sagte nichts. Wie viele Männer kamen wohl jemals auf den Gedanken, dass die Lust einer Frau ihre eigene noch verstärken konnte? Und wie viele mussten erst von einer Frau darauf gebracht werden?
Ihr Blick blieb an Hugo hängen. Einen Moment zu lange vielleicht. Erst als sie es selbst bemerkte, sah sie weg.
Der Teesalon lag inzwischen im weichen Licht des späten Nachmittags. Die anderen Gäste waren gegangen; irgendwo weiter hinten im Haus waren gedämpfte Stimmen zu hören. Hugo griff nach der Teekanne.
Er schenkte Mara zuerst ein. Dann setzte er die Kanne an, um seine eigene Tasse zu füllen.
Mara sah ihn an.
„Erst ich“, sagte sie. „Dann du.“